Fianna vom Bairischen BluesEtwa im Oktober erwarten wir Fiannas Läufigkeit, die sie schon seit September mit nachdrücklicher Markierungstätigkeit bei hohem Bein ankündigt. Dabei liegen uns zwei Termine im Weg, und zwar die 18-monatige Wartezeit nach dem Deckakt im Juli 2015, wenn dabei mehr als acht Welpen aufgezogen wurden, die erst im Januar 2017 verstreicht und zweitens unsere geplante und gebuchte Blues-Freizeit in Sewekow in der Woche nach Ostern, genau genommen vom 17. bis 23. April 2017. Die Schonzeit für Fianna wurde uns von der Zuchtleitung um einen Monat verkürzt, weil Fianna nun wirklich nicht den Eindruck macht, einen längeren Aufenthalt im Muttergenesungswerk zu benötigen. Somit wäre ab Mitte Dezember ein Deckakt möglich. Und wenn man sich diese Terminplanung genau betrachtet, kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass eigentlich nur ein Fenster von etwa einer Woche bleibt, um beiden Terminen gerecht zu werden.

Da sich unsere Hündinnen nur selten an die von uns zur Wahl gestellten Termine gehalten haben, bezweifeln wir aus Erfahrung Fiannas Kooperationsbereitschaft; entweder sie entschließt sich für einen zu frühen Termin oder sie wird uns hinhalten und zwingen, die Ostereier im eigenen Mangfalltaler Garten zusammen mit ihren Kindern zu suchen.

Als der Oktober ereignisleer verstreicht und auch weitere Hündinnen bereits wochenlang überfällig sind, stellen wir uns langsam auf die bei Hündinnen nicht seltene hormonelle Winterdepression ein, mit der sie einen Wurf so lange hinauszuzögern suchen, bis zumindest ein Teil der Welpenzeit ins Frühjahr fällt, was von der Natur zwar wohlbedacht, aber in unserem Falle schlecht gemacht ist.

Mit Ablauf des Novembers haben wir keinen Zweifel mehr an der Richtigkeit dieser Theorie. Eine verfrühte Deckbereitschaft ist überstanden, jetzt gilt es für Fianna, das Deckfenster Mitte Dezember möglichst genau zu treffen, damit die Osterfreizeit nicht in Gefahr gerät. Nur hat uns noch niemand gesagt, wie man es anstellt, eine Hündin zu motivieren, auf den Punkt genau die Rute zur Seite zu legen. Sogar die Zuchtleitung und die kluge Heerschar der Zuchtwartinnen zucken bedauernd die Achseln. Auch die Chefin, selbst Mitglied in der Erweiterten Zuchtleitung des RZV, lässt sich zu keiner Aussage bewegen.

Währenddessen wachsen die Welpenbestellungen kontinuierlich an, ebenso die Nachfragen, was denn nun los sei und wann endlich mit der frohen Botschaft zu rechnen sei. Unser Tipp: 24. Dezember, da wird schon seit 2000 Jahren die Frohe Botschaft verkündet. Indes schauen wir Fianna tief in die Augen, aber sie lässt den Blick über die Brachen des Mangfalltals wandern wie einst Moses den seinen über das Volk der Israeliten. Die Deckpartner im tschechischen Přerov werden schon mal vorsorglich nach deren Feiertagsplanungen abgefragt und geben grünes Licht: keine Planungen, die eine Hochzeit verhindern würde.

Neben der schwindenden Hoffnung auf einen Osterurlaub im nördlichsten Brandenburg treibt uns die Sorge um, dass uns Fianna wieder zu logistischen Verrenkungen der ganz speziellen Art nötigen könnte, nämlich ausgerechnet zwischen den Feiertagen ein Labor für die Decktagsbestimmung zu benötigen; da machen die nämlich alle das, was man gewöhnlich an diesen Tagen macht: Urlaub. Mit dieser Spezialaufgabe betraute sie uns bekanntlich schon Ende 2014, und das Ergebnis der Tour de Force durch das nördliche NRW ist bekannt: nada, rien, nichts, außer einem aufgeblähten Tacho – und einem spürbar ausgedünnten Kontostand.

Fianna hebt bei unseren Spaziergängen weiterhin unverdrossen alle paar Meter ein Bein bis übers Becken, um sich ein paar Tröpfchen aus dem Leib zu pressen, die Rüden des Mangfalltals gehen darauf höchsten pflichtschuldigst ein, Begeisterung versagen sie sich. Nahezu jedes Gespräch oder Telefonat beginnt oder endet mit der Stereotype: immer noch nichts?

Nein, verehrtes Publikum: immer noch nichts!

Am Morgen des 10. Dezembers, eines prächtig strahlenden Samstags, wird der Aushilfschef des Blues bei der Zubereitung eines Obstsalates zärtlich von hinten in die Arme genommen und mit der Frage konfrontiert: "Wolltest du nicht immer schon die Weihnachtstage in Tschechien verbringen?"

"?"

"Rotbraune Schmierblutung!"

Statt Freude wird der Kalender entfaltet und der kennt keine Gnade: Wenn alles von jetzt ab nach dem offiziellen Fahrplan verläuft, geben wir die Welpen ab, wenn die Osterfreizeit in Sewekow gerade zu Ende ist. Gut getimet, rabenschwarzer Verdrusszwerg!

 

Sonntag, 11. Dezember, 3. Advent

Die morgendliche Nachkontrolle versiegt in dem Satzfetzen: "Fehlanzeige! Nix mehr!" Eine Falschmeldung also, die im Englischen hoax heißt, ein Wort, in dem immerhin der Ursprung Jux steckt, also auch als Schabernack durchgehen kann. Der scheint ihr gelungen zu sein, der Fianna vom Bairischen Blues. Vielleicht kann man aber aus diesem Jux das Beste machen und in naher Zukunft einen schnuckeligen Rüden Hoax taufen. Interessenten für diesen Namen können sich schon mal melden. Wir warten vorerst ab, ob sich Fianna einen hoax geleistet hat oder doch demnächst einen Hoax liefert.

 

Montag, 12. Dezember

Die erste Maßnahme, welche die Chefin nachmittags, nach ihrer Heimkehr von der Schule trifft, ist der Fingertest, dem Fianna geradezu euphorisiert entgegenfiebert: Noch keine unserer Hündinnen hat sich so bereitwillig auf den Rücken gelegt und über alle Backen gestrahlt wie dieses kraulsüchtige Früchtchen. Und nun ist sich die Fortpflanzungsbeauftragte des Blues sicher: Kein hoax, aber demnächst einen Hoax! Fianna ist läufig, demnach ist ihr also auch kein Runtime-Error unterlaufen, wie man eine fehlerhafte Läufigkeit ja vielleicht auch nennen könnte.

 

Dienstag, 13. Dezember

Sicher ist sicher: Die erste Morgenhandlung ist die stabile Rückenlage für Fianna, die sie weiterhin unter vorauseilendem Gehorsam einnimmt. Ja! Es stabilisiert sich. No hoax! Go, Hoax, go!

Wenn Fiannas Hitze nach dem gleichen Schema wie 2015 abläuft, wäre am 27. Dezember Hochzeit. Sofern diese erfolgreich über die Bühne geht, würde Fianna um den 28. Februar im Kindbett liegen und um den 25. April würden die Welpen den Blues verlassen.

 

Mittwoch, 14. Dezember

Der erste Besuch bei unserem bewährten Fortpflanzungsorakel Dr. Dusi-Färber in Baldham bei München. Fürs erste geht es nur darum, bei Fianna eine bakterielle Untersuchung vorzunehmen, um einen Killerangriff auf Erys Spermien und die kleinen Früchtchen im Keim zu ersticken. Am Freitag bekommen wir die Laborauswertung und werden dann sehen, ob wir Gegenmaßnahmen ergreifen müssen; nur selten blieb uns das erspart.

 

Freitag, 16. Dezember

Fianna beherbergt zu viele Streptokokken und Staphylokokken, was zwar eher normal ist, aber die Frucht schädigen kann. Wir beginnen deshalb mit einer kurzen Antibiotikum-Kur.

Schön langsam verwandelt Fianna unser Heim in eine Art Schlachthof, aber weil sie eine sehr zivilisierte Dame ist, wischt sie ihre Spuren meist selber wieder weg; das hat sie von ihrem großen Vorbild Anouk gelernt, die in dieser Hinsicht schon fast einen Putzfimmel hatte.

Draußen markiert Fianna wie der Pinkelprinz von Hannover; kein Rüde quetscht mehr aus sich heraus als sie.

 

Sonntag, 18. Dezember

Abends schneit es und das Mangfalltal trägt ein fadenscheiniges, weißes Kleidchen.

 

Mittwoch, 21. Dezember

Vormittags konsultieren wir mit Fianna wieder unser Fortpflanzungsorakel. Diesmal steht das ganze Prognose-Programm an: Ein Blick in Fiannas Heiligtum mittel Vaginoskop, um die Veränderung der Vaginalschleimhaut zu begutachten, die sich im Laufe der Hitze signifikant verändert und Hinweise auf den richtigen Deckzeitpunkt liefert. Zudem wird ein Abstrich genommen, um unter dem Mikroskop die Entwicklung der Zellen zu begutachten, die sich ebenfalls typisch verändern. Und zum Schluss muss Fianna zur Bestimmung ihres Progesteronwerts noch einen bayerischen Fingerhut (also das doppelte Maß extra-bayerischer Fingerhüte) Blut spenden. Für diese Auswertung des Progesteronwerts haben die meisten Tierärzte nicht die Erfahrung und das Personal, und die üblichen Schnelltests zur Bestimmung des Progesteronwerts haben die Aussagekraft einer Kristallkugel, teilweise, wie wir selbst schon erfahren mussten, sind von deren Interpretation sogar die Tierärzte überfordert. Dann gleich richtig, und wenn man eine Tierärztin mit Spezialisierung auf Fortpflanzungsbiologie in der Nähe hat, macht es Sinn, sie zu Rate zu ziehen. Bisher sind wir damit bestens gefahren.

 

Donnerstag, 22. Dezember

Per Telefon erfahren wir das Progesteron-Ergebnis: 0,34. Damit hat Fianna zu diesem Zeitpunkt der Läufigkeit nahezu den gleichen Wert wie beim G-Wurf (0,3). Wenn wir morgen wieder zum Orakel gehen, erwarten wir demnach einen Wert um 1.

Heute war ein verspäteter Nikolaus da, vermutlich ein verfrühter Weihnachtsmann. Jedenfalls hing eine Tasche an der Haustür, als der Chef-Dienstleister des Blues von seinen Besorgungen nach Hause kam. Inhalt: ein Sortiment Gaumenschmeicheleien aus dem Feinschmeckersegment. Da jubelt das Herz des Genießers und ist voller Dank. Auf der beigefügten Karte liest er Weihnachtswünsche und den Dank für "den tollsten Hund aus dem G-Wurf". Das freut den Züchter sehr, lässt ihn aber auch zweifeln, ob sich die anderen zehn Nachwuchseigner dieser Ansicht anschließen können. Falls also jemand der Meinung sein sollte, nur einen zweittollsten Hund abbekommen zu haben, darf er sich gerne laut protestierend melden, das wäre dann so etwas wie der erste Shitstorm, der eigentlich ein Candystorm ist. Da sind wir aber mal gespannt. Wir berichten.

 

Freitag, 23. Dezember

Morgens Regen auf den gefrorenen Boden, da kommt mancher vom rechten Weg ab, wir schaffen es problemlos zu unserem Orakel, wo Fianna die gleiche Prozedur wie mittwochs über sich ergehen lässt, stoisch und ohne Pferdetritt, den sie dem Orakel beim G-Wurf noch verpasst hatte. Die Vaginoskopie lässt vermuten, dass sich Fianna im Gleichschritt mit ihrer letzten Läufigkeit bewegt, was auf einen ersten Decktermin am Mittwoch, den 28. Dezember schließen lässt. Morgen bekommen wir den Progesteronwert per Handy.

Nach dem Arzttermin hat sich die Chefin ein Freudenfeuerwerk für die kleine Schwarze ausgedacht: Hundeplatz! Ein bisschen Revieren, und das auch noch mit ihrem Sohn Girgl, der auch dringend Beschäftigung braucht, weil er alle Unarten eines unterbeschäftigten Jungbullen zeigt. Das trifft sich gut, der Hundeplatz liegt praktisch auf dem Heimweg, also gibt's ein wenig Vorweihnachtssport bei grauem Hochnebelwetter. Immerhin ist der Regen weg. Dafür sind die Weihnachtsurlauber da, augenscheinlich bewegt sich ganz Deutschland, Holland und Belgien in Richtung Süden, was uns zu abenteuerlichen Schleichfahrten auf Wegen zwingt, die ebenso verstopft sind wie die Rennstrecken, weil die neuen Navis offenbar vor keiner Bauernstraße und keinem Forstweg mehr haltmachen.

 

Samstag, 24. Dezember, Heiligabend

Wir besuchen mit Fiannas Halbschwester und Freundin Effie und deren Personal den Münchner Tierpark Hellabrunn, eine uralte Tradition: Hellabrunn an Heiligabend. Vor allem bei einer aktuellen Läufigkeit bemächtigt sich unser eine diebische Freude wegen der aufgebrachten männlichen Caniden im Zoo, die sich gerne auf die duftströmende Besucherin stürzen würden, von dieser aber nur über die Absperrungen hinweg zum Affen gemacht werden; Wölfe haben wir am Rad drehen sehen, Hyänen, denen das Lachen verging und afrikanische Wildhunde, die völlig hospitalisiert die Reviergrenze niedertrampelten und um Gnade flehten. Doch heute: nichts davon! Kein artfremder Rüde nimmt irgendeine Notiz von unserer Fianna, was darauf schließen lässt, dass ihre Duftemission noch unterhalb der Reizschwelle liegt, die jene Herrschaften am lauschigen Heiligabend aktiv werden lassen.

Besuch im Tierpark HellabrunnDas Wetter hat sich zwar von der dauernebligen Hochlage einer windigen und wolkigen Tieflage zugewandt, aber es ist trocken, und dementsprechend entspannt schlendern wir durch den Tierpark. Bei den Tigern fühlt sich Effie wie einst Popey und meint, mal schnell über den Wassergraben springen zu müssen, um den Bettvorlegern da drüben die Leviten zu lesen. Fianna bleibt dabei gelassen, zeigt aber ausgerechnet bei unseren heimischen Luchsen einen Heidenrespekt, stellt die Nackenbürste und schlägt den größtmöglichen Bogen. Ob Effie nachts auf der Boxerzeitung geschlafen hat oder mit sechseinhalb Jahren bereits prädement ist, lässt sich bei ihr, die bei der Wahl zwischen Tod und Teufel gerne mal beides nimmt, so ohne weiteres nicht beurteilen, aber dass Fianna ein ausgesprochen bodenständiges Instinktverhalten hat, schätzen wir sehr an ihr: Warum sich vor dem Fremden fürchten, wenn das Böse liegt so nah? Womit wir mitten in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit angekommen wären, der wir damit auch gleich wieder den Rücken kehren, und zwar mit der Mitteilung, dass uns die Temperatur von 5° C an diesem Heiligabend nicht einlädt, den Zoobesuch, wie in den vergangenen vier Jahren, mit einem Weihnachtsschluck im Biergarten der Harlachinger Einkehr zu beschließen. Wir ziehen den häuslichen Punsch vor und die Vorhänge zu.

Am späten Nachmittag meldet das Handy der Zuchtmeisterin einen Progesteronwert von 1,3. Das liegt weiterhin im Plan und wir richten uns darauf ein, am Dienstagabend eine letzte Orakelvisite zu machen, um dann vermutlich blitzschnell am Mittwochmorgen nach Tschechien zu dieseln.

Nach einem sehr weihnachtlichen Roastbeef legt das Christkind dem Ersatzchef des Blues eine nigelnagelneue Kamera (für Insider und Kenner: Canon EOS 7D Mark II) auf den Gabentisch und – sorry, liebe Leute, jetzt muss erst mal alles liegen bleiben! So sehr ihr ein Recht habt, über den Fortgang des im Endstadium befindlichen Anlaufs zum H-Wurf informiert zu werden, jetzt gibt's Wichtigeres zu tun ...

 

Montag, 26. Dezember, 2. Weihnachtsfeiertag

Fianna nach ihrer WeihnachtsfährteFianna nach ihrer WeihnachtsfährteDie Weihnachtsfeiertage ziehen gemächlich dahin: Spaziergänge bei lauen, bis zu 12° C warmen Tagen mit Sonne, Wolken und Wind, Kameratestläufe, behäbige Vorbereitungen auf unsere Mähren-Fahrt und eine weihnachtliche Fährte für Fianna, damit die Sportlernase nicht einrostet.

Noch immer erleben wir keinen Rüdenzulauf, was vermutlich daran liegt, dass die Mehrzahl der hiesigen Rüden keine mehr sind. Die anderen verteilen sich großräumig – und Blacky, der vielmals bewährte Testliebhaber auch schon so in die Jahre gekommen ist, dass auf ihn nur noch sehr bedingt Verlass ist. Im übrigen liegt er vermutlich unterm Weihnachtsbaum und pflegt seine alten Knochen.

Heute ist die letzte Antibiotikum-Gabe fällig, sodass nun auch von der pharmakologischen Seite alles bereit ist für den Hochzeitstermin.

 

Dienstag, 27. Dezember

Morgens um 8 Uhr ist die Temperatur wieder auf 0° C unten, bei frischem blauen Himmel, aber Fiannas Hitze steigt und lässt sie nicht ruhen. Der Morgenspaziergang an der Mangfall ist eine Aneinanderreihung angehobener Pinkelbeine, mal links, mal rechts, aber generell macht sie einen sehr rastlosen Eindruck. Vor allem treidelt sie uns weit voraus, ein Verhalten, das wir so von ihr nicht kennen, weil sie eigentlich immer in unserer Nähe ist, damit ihr bloß keine Sporteinlage, kein Ball und kein Happen entgeht. Das Rätsel löst sich angesichts von Ben, einem Hovawartmischling und einer von Fiannas Top-Favoriten, der mit seinem Herrchen einige hundert Meter vor uns dahinschlendert. Die Begrüßung ist gewohnt und hovawartgemäß stürmisch, doch schon Sekunden später schlenzt sie die Rute zur Seite und Ben reitet auf ihrem Sterz. So bodenlos ihre Moral ist, so hodenlos ist der Liebhaber und so folgenlos ist der abgewürgte Akt. Aber wir wissen nun, dass sie ab sofort keinen mehr von der Bettkante schubsen würde, und dennoch folgt sie uns auf unseren Ruf und lässt ihren fragmentierten Lover zurück, der an der langen Leine bitterere Tränen als Petra von Kant weint.

Bald mahnen uns schon die digital erhobenen Zeigefinger (digital digits), um Himmels Willen bloß nicht jetzt noch den richtigen Termin zu verschludern. Gemach, gemach: Erst visitieren wir heute um 19 Uhr nochmal das Orakel, dann werden wir uns zur Ruhe legen und morgen früh im vollgepackten Franz II nach Přerov rollen. Erfahrungsgemäß ist es meist zu früh und selten zu spät.

19 Uhr: Der letzte Orakelbesuch. Wieder das volle Programm, und die Ärztin ist beim Blick in Fiannas Innenleben sehr angetan: Das sieht schön aus, resümiert sie. Zytologie und Progesteronwert bekommen wir morgen Mittag. Da sind wir definitiv schon längst unterwegs.

 

Mittwoch, 28. Dezember

Fianna in der KojeFianna bereitet sich mental vorUm 7 Uhr, bei 3°C, nehmen wir das tschechische Deck-Abenteuer unter die Räder. Bereits im Chiemgau werden wir von Schneeregen heruntergebremst. Den Grenzübergang Walserberg passieren wir bei 2° C und verdichtetem Schneeregen, der sich schon wenige Minuten später entschließt, endlich ein richtiger Schneefall sein zu wollen und ab Thalgau stottern wir uns in einer langen Schlange mit 40 bis 50 km/h hinter zwei Räumfahrzeugen in Richtung Osten. Die durch säumiges Hormonverhalten an dieser Wetterkalamität Schuldige ruht derweil aufgeräumt in der Koje des Chauffeurs. Ab Laakirchen läuft’s dann wieder planmäßig bei Regen und tiefgrau verhangener Kulisse.

Wir holen uns per Handy Fiannas Progesteronwert von gestern Abend beim Orakel ab: 4,8 ng/ml. Ab 5 ng/ml kann man mit dem Eisprung rechnen – das könnte Fianna jetzt schon erreicht haben – und der optimale Zeitraum für eine sichere Befruchtung liegt etwa zwei Tage nach dem Eisprung. Deswegen empfiehlt uns die Dottoressa, einen Deckversuch bei unserer Ankunft zu versuchen, aber erst am Freitag, besser noch am Samstag nachzudecken.

Um 10:55 Uhr biegen wir bei Krems und Regen auf die A 22 und etwa eine Stunde später auf die A 5 in Richtung Brno (Brünn). Der Regen musste sich mittlerweile den vereinten Kräften von Sonne, Wolken und Wind beugen, was der Ödnis dieser Landschaft sehr entgegenkommt. Auf der B 7 schlängeln wir uns danach durch Dörfer und kleine Ortschaften des Weinviertels, die den zerfallenen Charme des früheren deutschen Zonenrandgebiets verströmen nach Norden. Um 12:45 Uhr erstehen wir dann die für das Selbstverständnis jeder Nation offenbar obligatorische Eintrittskarte nach Tschechien in Form einer 7-Tage-Vignette für 17 €. Nun geht es zügig bei einem dem Eintrittspreis angemessenem Prachtwetter weiter, vorbei an Brno, bis wir um 14:20 Uhr bei blankblauem Himmel und 4° C vor Erys Hofeinfahrt in Kozlovice bei Přerov die Triebwerke abstellen. 666 km haben wir heute für Fiannas Liebesleben investiert.

Wir werden von Hanka, Erys Haushofmeisterin, und Elena, Erys Züchterin, herzlich begrüßt. Letztere ist extra aus Wien angereist, um Fiannas Liebesbemühungen zu dolmetschen, weil Hanka weder Deutsch noch Englisch oder Französisch spricht, und Tschechisch so ziemlich die einzige Sprache nördlich und südlich des Äquators ist, die wir nicht fließend in Wort und Schrift beherrschen. Zwar ist die Liebe eine Himmelsmacht und die einzige Sprache, die alle einander Zugeneigten schnell zusammenführt, aber zwischen Brautwerbern und Zuhältern versagt ihr Zauber.

Der BrauttanzDer Brauttanz - zu schnell für den Bräutigam und für den FotografenDiese halten sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern schicken die Hauptdarsteller unverzüglich in den Ring, also in Erys Hof. Ery lässt sich auch nicht bitten und drängt zur Erledigung der Angelegenheit, nur der Braut steht der Sinn nach Turtelei und Vorspiel. Sowie er sie in seinen Fängen glaubt, entschlüpft sie ihm, umgarnt und betanzt ihn. Ery wiederum ist nur schwer vermittelbar, warum er mit Dübel und Bohrer in der Hand, drauf und dran, ein Loch in die Wand zu treiben, erst mal seinen Namen tanzen und alle Propheten rückwärts hersagen soll. Da ranzt er die Braut knurrig an, ruft sie zur Ordnung und zum Vollzug, aber die entwindet sich ihm wieder und wieder und tanzt wie Suleika. Bevor der mehr raum- als brautgreifende Liebhaber des Narrentreibens überdrüssig wird, greifen wir ein und stellen die Braut in Position, was dieser offensichtlich auch recht ist. Doch nun, das Ziel zum Greifen nahe, ist der Bräutigam so übermotiviert, dass ihm nicht mehr viel gelingen mag. Also packen wir das Brautpaar weg und überbrücken den Nachmittag und das Moratorium mit Tee und Selbstgebackenem und nutzen die Gelegenheit zum deutsch-tschechisch-slowakischen Kulturaustausch.

Der Deckakt am 20. DezemberThe making of...Gegen 16 Uhr starten wir einen neuen Versuch, geben der Braut sofort klare Verhaltensanweisungen, denen sie ohne Widerstand nachkommt, und um 16:05 Uhr ist es vollbracht. Drei Zuchtspezialistinnen sorgen für den unwiderruflichen Vollzug, indem sie Braut und Bräutigam in Position halten, und auch damit ist das Pärchen einverstanden. 24 Minuten bleiben sie nun, erst übereinander, dann nebeneinander vereinigt, bevor die Braut dem zukünftigen Kindsvater wieder den Laufpass gibt. Wir sitzen noch eine Weile bei Hanka zusammen, erledigen den Papierkram und berichten der Welt vom erfolgreichen Vollzug.

Danach passiert nicht mehr viel; wir lassen Fianna noch kurz die Beine vertreten, genehmigen uns ein kleines Häppchen auf die Faust und sind um 20 Uhr schon in der Koje – eine kurze Nacht, ein langer Tag und fast 700 Kilometer fordern ihren Tribut.

Der Himmel ist sternenklar bei 2° C. Die Heizung bullert uns heimelig in den Schlaf.

 

Donnerstag, 29. Dezember

Fianna läuft sich lockerFianna läuft sich lockerNach rund zwölf Stunden Bettruhe fühlen wir uns um 8 Uhr frisch wie der junge Tag, und der ist richtig frisch: 1° C und fast kein Wölkchen am Himmel über Přerov. Heute haben wir frei, weil uns das Baldhamer Fruchtbarkeitsorakel ja empfohlen hatte, frühestens am Freitag einen zweiten Deckversuch zu wagen. Wir schlendern mit Fianna um die Felder und geben ihr die Möglichkeit, ihren Triebstau nach der langen Fahrt und dem Hormonspektakel mit Ery abzubauen. Die kleine Bäckerei in Kozlovice akzeptiert erwartungsgemäß weder Kreditkarten noch Euros, und so hilft uns Elena mit ihren restlichen Kronen aus, damit wir nicht wieder nach Hause fahren müssen, ohne die Bekanntschaft mit den leckeren tschechischen Backwaren gemacht zu haben. So kommen wir also dank Elena zu einem standesgemäßen Frühstück. Um 11 Uhr verabschieden wir uns von ihr, weil ihre Dolmetschermission im wesentlichen erfüllt ist: Was gefragt werden musste, wurde gefragt, was besprochen werden musste, wurde besprochen, was geklärt werden musste, ist geklärt. Am Freitag sollte das gesprochene Wort nicht mehr die Hauptrolle spielen; für den Fall, dass es gebraucht würde, hat Hanka ihren Neffen bestellt, der etwas Englisch spricht, jedenfalls genug, um die Liebesbemühungen nicht an unserer Sprachlosigkeit scheitern zu lassen.

Schweres GeläufSchweres GeläufDen Vormittag vertreiben wir uns mit allerlei kleinen Geschäftigkeiten und um 13:15 Uhr brechen wir zu einem weiteren, diesmal ausgreifenderen Spaziergang auf, jetzt allerdings bei 3° C im Schatten, was im vollen Sonnenschein ein paar entscheidende Celsiusgrade mehr ausmacht, jedenfalls so viel, dass der geschmeidige Morgenspaziergang auf gefrorenem Geläuf nun in eine Schlammschlacht ausartet, so viel Schlamm, dass wir Mühe haben, unsere Beine zu heben. Wer das erlebt hat, begreift, warum die größten Feldherren aller Zeiten, Napoleon und Hitler, ihre heroischen Ziele im russischen Schlamm liegenlassen mussten. Auch Fianna kommt ein paar Kilo schwerer zu ihrem Rollmobil zurück, was die Reiseleitung in erhebliche Schwierigkeiten bringt, denn so kommt kein Hund und auch kein Mensch in den Zweier-Franz. Die folgende halbe Stunde bleibt der Rückabwicklung der Verschlammung vorbehalten. Um halb vier Uhr gibt es dann Kaffee und Stollen aus der Heimat.

Um 18:20 Uhr machen wir uns auf den knapp drei Kilometer langen Weg ins Zentrum von Přerov, weil man natürlich nicht wieder abreisen kann, ohne die bekannt leichte Küche der Böhmen und Mähren getestet zu haben. Im Internet wird ein Restaurant, das 'U Labute', mit vielen Lorbeeren überhäuft, also rufen wir dort wegen einer Reservierung an. Englisch scheint nicht die bevorzugte Geschäftssprache im 'U Labute' zu sein, aber Deutsch ist es auch nicht, noch nicht einmal im Ansatz. Am anderen Ende macht sich offenbar Verzweiflung breit und verliert sich in Gestammel. Dann ist die Leitung stumm. Ein zweiter Versuch, beginnt mit einem Verzweifelten „Oh“ und endet ebenso abrupt wie der erste. Beim dritten Versuch wird gar nicht mehr abgehoben. Es reicht uns: Wer im Internet mit einer englischen Speisekarte für sich wirbt, sollte wenigstens des kleinen englischen Alphabets mächtig sein und sich vor allem nicht so rüpelhaft benehmen. Das gibt, so viel können wir schon mal versprechen, eine fette Null im TripAdvisor. Die allerdings nicht der Küche gilt, die uns vorbehalten bleibt, sondern dem Personal.

Wir marschieren natürlich dennoch los und sehen uns um, welche gastronomischen Verlockungen Přerov so zu bieten hat. Ein einladendes Restaurant ist bis auf den letzten Platz voll, ein weiteres finden wir trotz Hand-Navigator nicht, einem dritten wollen wir uns nicht anvertrauen, und schließlich landen wir im 'U Madony', das zwar vorwiegend als Pizzeria Karriere macht, aber auch eine umfangreiche landestypische Karte hat. Unsere Wahl fällt auf eine Art Zwiebelsuppe mit geschmolzenem Käse, Knoblauch, Speck und Schwarzbrot-Croutons, dann eine gegrillte Hühnerbrust mit Kartoffeln (Reiseleiterin) und einem langsam gegarten Schwein ‚Sous Vide‘ mit Kartoffelbrei und Babykarotten (Chauffeur). Dazu ein Glas Wein und ein tschechisches Bier. Um es kurz zu machen: Die Suppe ist jede Wiederholung wert, einfach sensationell, der Rest ist belanglos und keine weitere Betrachtung wert. Das Personal müssen wir jedoch sehr loben, ausgesprochen freundlich, fix und ansehnlich. Das Beste jedoch kommt zum Schluss: umgerechnet 17 € zahlen wir für alles zusammen (außer dem Personal natürlich).

Von der Kleinstadt Přerov mit ihren knapp fünfzigtausend Einwohnern haben wir uns nicht viel erwartet, ein Kleinstadt in der Provinz eben, wie so viele auf der Welt. Und so stellt sie sich dann auch dar: Ein kleiner, alter Stadtkern mit einem großen Einkaufszentrum, ein paar Restaurants, Kneipen, Bars und Puffs, dem von den Zeugen sozialistischen Wohnungsbaus förmlich die Luft abgedrückt wird. Ohne jeden Übergang drängen sich die Plattensilos wie eine mausgraue Zwangsjacke bis an den alten Stadtkern heran und marginalisieren ihn. Wir haben schon viele solcher Städte gesehen und sie dennoch nie als hässlich und als Zeitverschwendung empfunden. Nicht New York, Rio, Tokio, auch nicht Paris, Berlin oder Rom sind es, die uns die Welt begreifbar machen und erschließen. Um sie zu verstehen, muss man Anderlecht sehen, Neugablonz, Bremerhaven, Ostrołęka oder eben Přerov, die alle keine Schönheitskonkurrenz gewinnen werden, sich aber auch nicht mit Pomp und Flitter bedeutender machen als sie sind. So wie von zehntausend Menschen maximal einer für das Titelblatt eines Glamour-Magazins taugt und die anderen 9999 dennoch keine schlechteren Menschen sind, taugen auch nur zwei Dutzend Städte für die Aufnahme ins Weltkulturerbe; der Mangel ist das, womit wir am reichsten gesegnet sind.

Um 21:15 Uhr sind wir wieder bei Fianna zurück, und sternklare -1° C lassen eine frostige Nacht erwarten. Um Gas zu sparen, entscheidet die schwäbische Hausfrau, ein bisschen von Hankas Strom zu naschen und den Heizlüfter zur Unterstützung der Gasheizung einzusetzen.

Nicht alle Entscheidungen schwäbischer Hausfrauen sind untadelig und folgenlos – und das Schweigen des Chauffeurs ist nicht immer eine Tugend.

 

Freitag, 30. Dezember

Der vorletzte Tag des Jahres 2016 beginnt für uns um 7:15 Uhr mit wolkenlosen -6° C – und einem zwangsenleerten Warmwasserboiler. Wohnmobile haben schlauerweise ein Sicherheitsventil, das bei Unterschreitung einer bestimmten Temperatur öffnet und so den Boiler vor Schaden bewahrt. Als unerfahrene Wintercamper haben die schwäbische Hausfrau und ihr Chauffeur nicht bedacht, dass der Heizlüfter dem Temperaturfühler des Franz II sehr beruhigende Werte liefert, welche den Franz wiederum veranlassten, sein Gas für schlechtere Tage aufzusparen. Der Heizlüfter machte den Innenraum mollig warm, und schickte das ganze Heizsystem schlafen. Und so fröstelte der Boiler und er wurde inkontinent. Der Wasserverlust ist zu verschmerzen, unangenehmer ist, dass man eine ganze Weile heizen muss, bis das System wieder auf eine Temperatur gebracht ist, die dem Sicherheitsventil Entwarnung signalisiert, sodass es sich wieder schließen lässt. Zudem will die Heizung erst einmal gar nicht anspringen, weil auch im Gasfach eine Temperatur herrscht, die das Gas sehr träge machte. Da gilt es gelassen zu bleiben und sich zu loben, dass man einen Heizlüfter dabei hat, der jetzt wirklich zeigen kann, was er drauf hat.

Wir nehmen also den Heizlüfter in Betrieb und schreiten zur zweiten Decktat, die wir mit Hanka für 8 Uhr vereinbart hatten, weil sie heute wieder arbeiten muss, allerdings erst, so versicherte sie uns, wenn die H-Milchbabies in trockenen Tüchern sind.

2. DeckaktInnig vereint für 23 MinutenNach der Erfahrung mit Erys Pflichteifer und Fiannas reizender Turteligkeit, greifen wir heute gleich zu einem perfiden Trick: Wir lassen die beiden, wie vorgestern, kurz ihren Kopulationstanz aufführen, der Fianna zur Hochform auflaufen und Ery an die Grenzen seines Gleichmuts bringt. Dann hält Hanka Ery fest. So vom Manne und seiner Zudringlichkeit befreit, stürzt sich Fianna auf ihre Chefin und reagiert sich mit wilden Tanzschritten an ihr ab, springt ihr fast bis über den Kopf, tanzt mit ihr herum, wie ein Derwisch am Stecken, und das bringt das Fass bei Ery nun wirklich zum Überlaufen: Anstatt sich mit ihm zu beschäftigen und der Frauenpflicht nachzukommen, geht sie freudentanzend fremd. So viel Treulosigkeit befeuert Erys Besitzansprüche maximal und sein erster Zugriff nach seiner Freilassung ist dementsprechend zielsicher: Er greift sich die Braut im Nacken und tut, was ihm sein Mannesstolz gebietet: Um 8:02 Uhr am 30. Dezember ist das Paar zum zweiten Mal innig vereint und bleibt 23 Minuten in enger Verbundenheit. Die ganze Zeit über pumpt Fianna in sich hinein, was sie ihm entlocken kann. Dazwischen wird ihr die Angelegenheit allerding mal etwas zu langweilig, sodass sie den einen oder anderen schwachen Versuch unternimmt, das Anhängsel wieder los zu werden, schließlich ist es kein Vergnügen, sich bei -6° C Frostbeulen an den Ballen und vielleicht gar eine Lungenentzündung und Rheumatismus zu holen, nur um dem Herrn zu Willen zu sein. Aber Fianna ist bei all ihrem Temperament und ihrer Frohnatur auch eine solide und ernsthafte Partnerin, die sich ihrem Auftrag sehr bewusst ist, nämlich, sich in Mähren zu vermehren. Schließlich hocken zu Hause die Leute an den Smartphones und warten auf die Vollzugsmeldung. Fianna bleibt ihnen nichts schuldig und auch Ery hat seine Schuldigkeit getan. Dann gibt es noch ein Foto und ein Lächeln für die Welt, wir nehmen uns in die Arme, sagen Danke und trennen uns. Für Ery und Hanka ist alles gelaufen, der Englisch sprechende Neffe darf sich am Geschehen freuen, ohne wirklich gebraucht zu werden – und für Fianna und uns fängt es jetzt erst an.

Das Hochzeitsfoto zum H-Wurf

Inzwischen hat der Heizluftikus sein Werk getan, das Sicherheitsventil schließt wieder, wir besorgen von Elenas restlichen Kronen etwas fürs Frühstück, verbinden das mit einem kleinen Spaziergang und frühstücken um 9 Uhr. Neben der Freude um den zweiten gelungenen Deckakt, begleitet dieses Frühstück in Kozlovice die Zufriedenheit um ein sehr harmonisches und unaufgeregtes Deckgeschehen, weil es von Leuten begleitet wurde, die ihre Hunde kennen und ihr Verhalten interpretieren können und deshalb das Richtige zum richtigen Zeitpunkt tun. Es waren zwischen allen Beteiligten nicht viele Worte nötig, um die Dinge laufen zu lassen, wo sie sich entwickeln müssen und sie zu unterstützen, wo es ein bisschen der Nachhilfe bedurfte. Wir wissen das sehr zu schätzen und einzuordnen.

Um 10 Uhr ist Franz II im Reisemodus und wir verlassen Hanka, Ery und Kozlovice Richtung Brno mit dem Ziel Südsteiermark. Das eigentliche Ziel ist ein Campingplatz auf Krk (Kroatien), da wir dort aber bis spätestens 17 Uhr vorstellig werden sollten, entschließen wir uns für einen Zwischenstopp in der Steiermark, wir sind ja schließlich nicht auf der Flucht. Also fahren wir zurück nach Brno, richten die Nase unseres Franz um 11 Uhr südlich, in Richtung Wien und überqueren um 11:30 Uhr die österreichische Grenze. Weiter geht es in Richtung Graz und schnurstracks auf die slowenische Grenze zu. Um 14:45 Uhr verlassen wir bei Leibnitz die Autobahn und steuern um 15:25 Uhr die 'Teichstub’n' in Gabersdorf an. Bevor wir uns dort vor Anker legen können, muss der Chauffeur aber noch ein T-Shirt durchschwitzen und die Reiseleiterin einen Hysterieanfall unterdrücken, weil uns das Navi anstatt zu den Teichstub’n auf einen Kirchplatz lotst, von dem kaum mehr ein Entkommen möglich scheint. Vermutlich fragt sich der geneigte Leser nun, wie blöd man sein muss, um sich auf einen Kirchplatz locken zu lassen. Die Antwort ist erfrischend schlicht: Weil man erstens seinem Navi eine angemessene Ortskenntnis zutraut und weil, zweitens, der erste Eindruck durchaus die Möglichkeit offen lässt, dass es hinter dem Platz weitergeht, zumal dieser erste Eindruck – drittens – nicht der eines Platzes ist, sondern der einer etwas verbauten Durchfahrt. Wenn man dann dort steht und der Navi erleichtert „Sie haben Ihr Ziel erreicht, das Ziel liegt rechts“ raunt, rechts aber nur eine Kirchenfassade aufragt und links ein ausladendes Pfarrhaus den Weg versperrt und das rückwärtige Ende des Platzes von einer Mauer und Grünzeug markiert wird, ist man ein Stück schlauer – und in der Falle. Der Versuch, auf diesem mit Waschbeton-Bottichen, Eisenpollern und Infotafeln verstellten Platz, 730 cm Franz II zur Umkehr zu bewegen, gleicht dem Versuch, mit einem Öltanker im vollbesetzten Lindauer Hafen zu wenden. Je koboldhafter die Reiseleiterin von Bottich zu Poller wieselt, immer die zwei Zentimeter bis zum ultimativen Lackschaden im Blick und gestikulierend die guten Geister und den Chauffeur beschwörend, doch bittschön ein Einsehen zu haben, folgt dieser seiner Bestimmung und verrückt den Franz Zentimeter um Zentimeter, bis er feststeckt wie der Korken in der Flasche und einsehen muss, dass als einziger Ausweg der bleibt, den Franz auf demselben Zentimeterparcours wieder in die Ausgangsposition zu manövrieren, und den Kirchplatz rückwärts zu verlassen. Das wäre von Beginn an die bessere Variante gewesen, aber wann bietet sich einem leidenschaftlichen Chauffeur schon mal die Gelegenheit, sich und seinen Franz auf der Rasierklinge tanzen zu lassen? Das Manöver gelingt, der violette Kopf der Reiseleiterin verblasst in Richtung rosa und das T-Shirt des Chauffeurs ist reif für die Wäsche.

Wenige Meter nach der Kircheinfahrt führt eine schmale Zufahrt hinunter zur Teichstub’n, die man von oben nicht sehen kann, schon gar nicht, wenn man ihre Lage nicht kennt. Seither wissen wir, dass auch moderne Navis auf Sicht navigieren und empfehlen tiefergelegenen Wirten, ihren Namen aufs Hausdach zu pinseln, damit sie von den Navis identifiziert werden können.

Dann liegen wir fest (N 46° 48‘ 07,7‘‘ E 015° 34‘ 27,2‘‘) und der Kilometerzähler bleibt bei 481 km stehen. Der Himmel über Gabersdorf hat sich beim Harakiri-Manöver nicht verfinstert, sondern trägt noch immer keine Wolke, wie schon den ganzen Tag über. 2° C lassen eine weitere frostige Nacht erwarten.

Teichstubn in GabersdorfStellplatz der Teichstubn in GabersdorfDie Teichstubn in GabersdorfDie Teichstubn in GabersdorfDie Teichstub’n gehören zu den vielen Gasthäusern in Österreich, vornehmlich Landgasthäusern, die kostenlose Stellplätze mit Strom und manchmal auch Wasser anbieten. Bedingung ist, dass man sich im Restaurant verköstigt. Das ist eine ausgesprochen sympathische und geschäftstüchtige Lösung, die nur Gewinner hat. Die Teichstub’n offerieren 15 Plätze mit Strom rund um einen kleinen Teich, bewacht von der darüber thronenden Kirche und umspielt von einem geschäftigen Bach. Um unsere Stromversorgung kümmert man sich sofort und überaus freundlich, obwohl das ganze Anwesen im Winterschlaf zu liegen scheint. Nach einem Spaziergang mit Fianna gehen wir ins Wirtshaus zum Essen. Die Teichstub’n sind, wie gesagt, in einer Art Winterruhe, deshalb gibt es nur eine reduzierte Winterkarte: ½ Backhendl, ganzes Backhendl, ganzes Backhendl kreativ, Cordon Bleu und Zander auf Reis. Das Backhendl kreativ ist ein ganzes Backhendl, zum lebenden Hendl zusammengesteckt, und auf Gemüse. Wir entscheiden uns für zwei halbe Backhendl mit gemischtem Salat, natürlich mit steirischem Kürbiskernöl, Pommes für die Reiseleiterin, Kartoffelsalat (natürlich mit steirischem Kürbiskernöl) für den Chauffeur. Dazu zwei Puntigamer und zwei steirische Weißburgunder für die wieder entspannte Reiseleiterin. Die herzliche Kellnerin korrigiert unsere Das Backhendl kreativ der TeichstubnDas kreative Backhendl der TeichstubnBackhendl-Bestellung von zwei halben auf ein ganzes, was den Preis um 1 Euro reduziert. Das um 1 Euro reduzierte Backhendl ist riesig, köstlich knusprig und auch die Salate sind ohne Fehl und Tadel. Noch fehlerfreier (falls das möglich ist), sind die Wirtsleute und das Personal: herzlich, freundlich, zuvorkommend und bester Laune. Sowohl der Wirt wie auch die erfrischende Kellnerin, beide hundenarrisch, bestehen darauf, das wir unsere Fianna in die Stube holen, worauf uns für den Rest des Abends der Gesprächsstoff nicht ausgeht und Fianna Streicheleinheiten bis zum Schnurrpunkt sammelt. Wie in die Internetwerbung der Passus „Keine Tiere“ gelangen konnte, bleibt uns ein Rätsel. Unsere Frage nach der ausgelobten Campertoilette beantwortet der Wirt zurückhaltend und mit einem verhaltenen Kopfschütteln, weil die nicht mehr in bester Verfassung sei, was aber nichts ausmache, weil er für uns einfach das Haus auf- und das Licht anlasse. Fürs neue Jahr seien einige Arbeiten in Planung, wozu auch neue Toiletten gehören sollen. Wer in diese Gegend kommt, sollte die Teichstub’n nicht umfahren, Gastlichkeit und Herzlichkeit wird hier ganz GROSS geschrieben. Wir bedanken uns und hoffen, bald wieder eine Gelegenheit zu haben, hier eine Nacht rasten zu können. Schließlich sind wir jetzt neugierig, welche Geheimnisse die Saisonkarte birgt, draußen unter dem lauen steirischen Himmel am Teich.

Um 22:15 Uhr beenden wir den Tag bei klaren -4°C und einer Erfahrung, die uns völlig fremd geworden ist: Die Klamotten stinken nach Rauch, ach ja, in Österreich darf man im Gasthaus noch rauchen, und hier raucht jeder, was Gemütlichkeit verströmt, aber auch Gestank. Doch dafür hat der liebe Gott die Frischluft erfunden, und die ist hier heute hinlänglich frisch. Und trotz oder gerade wegen der hinlänglich frischen Luft, bleibt der Heizlüfter heute aus; unser Vertrauen in Franzens Heizung ist grenzenlos.

Mit diesem Tag enden Fiannas Aufzeichnungen bezüglich ihrer Bemühungen um unseren H-Wurf. Ein kurzer Urlaub und die Geschehnisse auf Fiannas Weg bis zur Geburt werden in einem neuen Buch protokolliert.