Der H-Wurf in Produktion

 

Freitag, 30. Dezember 2016

Der eigentliche Anlass unserer Reise, den H-Wurf auf den Weg zu bringen, ist mit dem heutigen Tag hinfällig: Fiannas Läufigkeit ließ keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten zu (außer, dass sie sich, der Jahreszeit angepasst, reichlich viel Zeit gelassen hatte), Ery hatte schon bewiesen, dass seine Manneskraft Früchte tragen kann, und zuletzt waren auch die beiden Deckakte nahezu mustergültig. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass sich etwas anderes als ein Bauch voller Puppies ergeben könnte, obwohl sich die Natur natürlich das letzte Wort vorbehält. Wir könnten also nach Hause fahren und der Dinge harren, die da heranreifen. Aber nun sind wir in der Südsteiermark, in Gabersdorf, auf dem Stellplatz der Teichstub'n – und das markiert nicht den direkten Weg von Tschechien nach Bayern. Ein paar Tage Urlaub wollen wir noch anschließen, hoffentlich ein paar Tage Sonne tanken, weil die vergangenen Wochen im schönen Mangfalltal doch sehr unter Hochnebel zu leiden hatten. Die Stadt Krk auf der Insel Krk in Kroatien haben wir uns ausgeguckt, wo es derzeit immer um die 12° C haben soll. Das ist in diesen Tagen mehr als ein Versprechen, das wäre ein Jahreswechsel de Luxe.

 

Samstag, 31. Dezember 2016 (3. Tag nach Ery)

Draußen vor der Franzentür ist die Luft morgens um 7 Uhr eisig klar bei -11° C, die Heizung bollert, der Franz ist noch immer kontinent und die Wasserhähne geben frisches Wasser aus Franzens Unterflurkavernen frei. Wozu braucht man einen Heizlüfter, wenn man einen famosen Franz hat?

Nach einem kurzen Frühstück auf die Faust legen wir um 8 Uhr bei immer noch -11° ab und überqueren schon nach einer Viertelstunde die Grenze zu Slowenien; der 7-Tage-Aufenthalt kostet hier 15 €.

Um 9 Uhr müssen wir an der kroatischen Grenze erstmals seit Menschengedenken wieder unsere Pässe zeigen, allerdings werden wir durchgewunken, während sich die Österreicher einer pingeligen und peinlichen Inspektion stellen müssen. Vielleicht stehen sie ja unter Generalverdacht, auf solch subversiver Touristenbasis unliebsame Zuzügler wieder loswerden zu wollen, etwa ein als Abschiebetour getarnter sogenannter Kurz-Urlaub, Herr Kurz? In Kroatien dürfen wir fortan unsere Kurtaxe an Mautstellen begleichen.

Die Fahrt führt uns stetig durch den gleißenden Morgendunst gegen das Sonnenlicht, was einem Gleiten durch eine magische Landschaft sehr nahekommt, aber äußerst anstrengend ist, weil es kaum möglich ist Instrumente und Der erste Blick aufs MeerDer erste Blick aufs MeerVerkehrsschilder abzulesen, was einem Blindflug gleicht. Und wie ortskundig unser Lotse ist, wissen wir seit gestern nur zu gut. In den höheren Lagen, und davon gibt es hier einige, wird es nochmal richtig frostig und gelegentlich ist sogar die Fahrbahn noch mit Schneeresten bedeckt. Als wir um kurz nach 11 Uhr die E 65 auf die B 501 in Richtung Krk verlassen, zahlen wir für die 111 gefahrenen kroatischen Kilometer 14,78 €. Und wenig später können wir bei nun 5° C einen ersten Blick hinunter aufs Meer werfen – und schon gleiten sie wieder an uns vorüber, die Segeltörns der frühen Jahre, die coolen Manöver zwischen den Inseln, die Überfahrt nach Venedig und den Logenplatz in der Zwergenmarina von San Giorgio, die eisigen Tauchgänge in Poreč (um eine festgefahrene Mooringleine wieder freizubekommen), die nach dem Bürgerkrieg von Touristen verlassenen Gassen und Plätze, die Sturmmanöver in der Bucht von Portorož... Heutzutage manövriert man auf Kirchplätzen mit deutlich mehr Adrenalin im Blut. 'S isch halt nimme des.

Blick auf Hafen und Altstadt von KrkBlick auf Hafen und Altstadt von KrkMit jedem Meter, den wir uns dem Meeresspiegel nähern, steigt das Thermometer und auf der Brücke hinüber auf die Insel Krk zeigt es uns um 11:25 Uhr schon 11° C, das sind 22 Grad Unterschied seit unserer Abreise in Gabersdorf. Für die Brückenüberquerung müssen wir nochmal 6,13 € berappen, dann tanken wir den Franz gleich noch voll und – wenn der Geldbeutel schon mal draußen ist – wechseln 50 € in kroatische Kuna (kn). Um kurz nach 12 Uhr liegen wir im Autocamp Bor, nur einen dreiviertel Kilometer Luftlinie oberhalb des Zentrums und dem Hafen von Krk mit einem unvergleichlichen Blick aufs Meer (N 45° 01' 13,1'' E 014° 33' 38''), um uns und über uns nichts als Olivenbäume und lauwarme 13° C.

343 Kilometer waren das von Gabersdorf hierher, und es war kein Kilometer zu viel: alles richtig gemacht!

Insel der RuheInsel der Ruhe im quirligen TreibenWir machen uns gleich ins quirlige Zentrum der Stadt Krk auf, wo die Menschen am Hafen promenieren, und sich gleich mehrere Bands einen Kampf um die höheren Dezibels liefern. Die Chefin organisiert eine ziemlich fette, dennoch sehr schmackhafte, vor allem aber wegen der überschrittenen Normbratzeit kostenlose Bratwurst (Schwäbin eben), dazu genehmigen wir uns einen Piccolo und ein kroatisches Pivo. Und überall um uns herum wird getanzt, gelacht, gepichelt und geböllert. Morgens war unser Reisebegleiter noch Käpt'n Iglu, jetzt feiern wir mit Käpt'n Blaubär. So schnelllebig und so unvergleichlich schön kann das Leben sein.

SilvestermenüSilvestermenüAbends zischen zarte Stücke vom Rinderfilet auf dem Heißen Stein und darunter schmurgelt Raclette in den Pfännchen, ein feiner Blanc de Noir aus der Pfalz veredelt das Menü mit Samt und Satin. Weniger beeindruckend ist dann das krkisische Feuerwerk, das uns von unserer Aussichtsplattform herab doch etwas schmalbrüstig scheint, einerseits, weil ein recht munteres Lüftchen durch die Bucht streift und den Raketen den Luftraum streitig macht, andererseits, weil den Nachmittagsfeuerwerkern möglicherweise schon die Munition ausgegangen ist. Komisch: Man schießt nie selber und rümpft die Nase über den milliardenschweren Schwarzpulvermissbrauch, aber wenn dann mal weniger Spektakel geboten ist, rümpft man doch die Nase und nennt das schmalbrüstig. Die Welt ist eben ein unfertiger Ort. Komplett fertig sind wir aber, als wir – weinselig oder armselig? – den Fernseher anwerfen und mitten in der deutschen Silvesterunterhaltung landen; so schnell waren wir schon lange nicht mehr nüchtern und in den Kojen. Da liegt man dann und sinniert düster, ob es womöglich irgendwo auf dieser Erde einen Platz geben könnte, zu dem uns der Franz tragen könnte, ohne dass man an solchen Tagen in eine tiefe Kulturdep(p)ression verfallen müsste. In Bhutan vielleicht, aber da würde uns derzeit eine Frostdepression niederdrücken. No mercy, Baby, die Welt ist eine Baustelle. 

 

Sonntag, 1. Januar 2017 (4. Tag n.E.)

Sonnenfrühstück am 1. JanuarSonnenfrühstück am 1. JanuarDie Fiannas rollende GartenlaubeFiannas rollende Gartenlaubenächsten beiden Tage sind schnell erzählt: Stille Tage in Krk. Wir frühstücken draußen in der lauen Vormittagssonne, erkunden mit Fianna die Umgebung, recken unsere Glieder der Sonn' entgegen, gehen wieder spazieren, und vor allem am 1. Januar ist hier auch kaum etwas anderes möglich: allerheiligster Feiertag! Außer einiger geöffneter Bars und Restaurants ist hier absoluter Stillstand.

Wir streifen durch eine reglose Natur, die fast nur aus Olivenbäumen, Wachholder, Ginster, Krüppeleichen und ein paar Mispeln besteht. Aber eigentlich gibt es hier nur Oliven. Außer den Gartenhecken, die bei uns in der Regel aus Liguster, Thuja oder Hainbuchen gewachsen sind, bestehen sie hier fast nur aus Lorbeer, kein Kirschlorbeer, den wir auch gerne als Hecke einsetzen, nein, echter Lorbeer. Das, was bei uns Giersch heißt, nennt sich hier Rosmarin und in geschützten Ecken bauen sich halb mannshoch, satt uns bräsig, aber jeder Zeit abwehrbereit, Kolonien von Feigenkakteen auf, vor allem jene mit den vielen feinen und fiesen Stacheln der Gattung Opuntia microdasys, deren nähere Bekanntschaft man nicht einmal einem muffeligen und Blick auf die AltstadtBlick auf die AltstadtlDie JanuarroseEin rosiger Wintergruß ärmenden Womo-Nachbarn wünscht. Weniger unnahbar, dafür völlig aus der Zeit gefallen sind blühende Rosen – am 1. Januar. Wenn man hier flaniert und die Augen schließt, bekommt man eine Ahnung von der Duftexplosion, die den Reisenden im Frühling betören dürfte.

Außer Olivenbäumen, Lorbeer und Rosmarin sind die Hauptzutaten in der Umgebung der Stadt Krk Steine, Steine und nochmal Steine. Wir bewegen uns hier in einer Art gigantischem Steinbruch und halten es Steine und OlivenSteine und Olivendeshalb für angebracht, die griechische Mythologie ein wenig umzuschreiben: Sisyphos wurde mitnichten verurteilt, auf ewig einen Stein einen Berg hinauf rollen zu müssen, der ihm dann kurz vor dem Gipfel wieder ins Tal kugelt, nein, der alte Frevler wurde verdammt, alle Steine der Welt hierher zu schleppen, Milliarden von Steinen, und wir sind überzeugt, der karrt sie immer noch hierher. Bestimmt! 

Abends versorgen wir uns aus der Bordküche oder gehen ins Restaurant 'Maritim' auf eine köstliche Fischplatte (Reiseleiterin) und ein mindestens ebenso gelungenes und zarte Seeteufelfilet in Weinsoße (Chauffeur). Anscheinend ist die Welt doch nicht ganz so unfertig, wie sie uns manchmal erscheint.

 

Dienstag, 3. Januar 2017 (6. Tag n.E.)

Es hat die ganze Nacht geregnet und gestürmt. Das Paradies hat vorübergehend geschlossen. Die Wettervorhersage lässt diese Nacht zwar als Ausrutscher durchgehen, dem schnell wieder eine Erholung folgen soll, aber es wird auch deutlich kälter werden. Eigentlich hatten wir vor, noch einen Tag zu bleiben, aber was das Tief Axel ganz Deutschland und Österreich ab morgen bescheren soll, lässt uns sofort packen: Viel Schnee und Sturm sind angesagt. Das müssen wir nicht auf der Straße erleben.

Wir machen den Franz II reisefertig, schmieren uns ein paar Brote für die Fahrt und verlassen Camping Bor um 9:15 Uhr, nachdem wir für drei Übernachtungen für zwei Personen, einen Hund, ein Womo mit Strom und Steuer rund 466 kn (61 €) berappt haben. Das ist nicht geschenkt, aber für diesen Platz mit seinen neuen und sehr gepflegten Sanitäranlagen und vor allem überaus freundlichen Betreibern wirklich nicht zu viel. Wir hoffen, wieder einmal vorbeischauen zu können.

Schon die Fahrt über die Krk-Brücke, die übrigens für die Rückfahrt keine Maut mehr kostet, bringt den Franz schon in erhebliche Schwingungen: Es pfeift hier oben über dem Sund sehr prächtig, und wenn die Vorhersagen stimmen, wird für uns morgen kein Entkommen mehr möglich sein, dann ist für Lkw und Wohnmobile die Brücke gesperrt. Und das ist gut so, der Franz torkelt schon jetzt, als ob er zu tief ins Glas geschaut hätte. Dann geht es aber ohne Zögern gen Heimat, über Rijeka, Ljubljana, vorbei an Klagenfurt, über die Tauernautobahn und über Salzburg. Dort weichen wir einem Grenzstau aus, der sich angeblich wegen intensiver Einreisekontrollen dort gebildet haben soll und machen einen Abstecher über Walserberg, um im bayerischen Piding die Autobahn wieder zu betreten. Das ist nicht ganz ohne Ironie, weil es hier an der Grenze in Großgmain überhaupt keine Grenzanlagen und demnach auch keinerlei Grenzer mehr gibt, eine Armlänge vom vermeintlichen Schleuserzentrum Walserberg entfernt. Der bayerisch-österreichische Kontrollfuror hat hier ein Loch, von dem die Schlepper bestimmt keine Ahnung haben. Ach, Leute... Und der zweite Witz ist, dass wir plötzlich Lkw überholen, die wir schon vor der Grenze überholt haben, was nur bedeuten kann, dass es überhaupt keinen Grenzstau gibt, den uns das österreichisch Verkehrsradio so wortreich einzureden suchte. In Zeiten der Echtzeit-Kommunikation staunt man doch immer wieder über eine Nachrichten-Aktualität aus Zeiten des Dampfradios. Die Welt ist eben doch ein sehr unfertiger Ort. Da wir aber nicht auf der Flucht, sondern nur auf der Heimreise sind, ist uns das letztlich auch egal.

Um 16:40 Uhr legen wir im Heimathafen an, 586 Kilometer, -3° C und einen leichten Wind nehmen wir zu Protokoll. Der Franz wird noch schnell unter die Dusche gestellt, damit er nicht mit einem Salzmantel in den Winterschlaf gehen muss, er wird ausgeräumt und sofort ins Winterlager gebracht. Wir machen noch einen Stopp beim Thai und beschließen damit eine sehr gelungene Hochzeitsreise.

Mittwoch, 4. Januar 2017, (7. Tag n.E.)

Es kommt, wie vorhergesagt: Schnee und Sturm vom nordischen Axel. Das Mangfalltal ist tief verschneit. Mit unserer verfrühten Rückreise haben wir wieder einmal alles richtig gemacht; die Bilder von gekippten Wohnmobilen lassen keine andere Interpretation zu.

Nun ist es bereits eine Woche her, dass Fianna das erste Mal von Ery gedeckt wurde, und naturgemäß lässt sie sich bisher keine Aussage über eine Schwangerschaft entlocken und ebenso wenig etwas anmerken. Allerdings haart sie sehr stark. Überall fliegen schwarze Wollmäuse durchs Haus, und das verunsichert uns ein wenig; Hündinnen haaren nach der Geburt, nicht nach der Hochzeit. Oder sollen wir daraus schließen, dass sie das Hochzeitskleid in die Ecke wirft, um nicht länger an den Bräutigam erinnert zu werden?

 

Freitag, 6. Januar 2017, Dreikönigstag (9. Tag n.E.)

Fianna im WinterrauschFianna im WinterrauschSeit gestern sind die finsteren Schneewolken abgezogen und enthüllen einen stahlblauen Himmel. Und Väterchen Frost zieht knarzend durchs Tal: -19° C sind eine Ansage, die wir schon seit einigen Jahren nicht mehr gehört haben. Kater Bandit Rossi streicht nur schnell zum Erledigen der Geschäfte in die Nachbarschaft und fordert schon Minuten später den sofortigen Wiedereintritt in die warme Stube. Jamie Lee hat ihren warmen Badezimmerboden zugunsten eines Korbsessels im Dach geopfert, der durch die hochziehende Wärme noch kuscheliger zu sein scheint. Was draußen vor der Tür los ist, will sie längst nicht mehr wissen; mit fast 20 Jahren pariert man die Hochgefühle des Alltags genauso gelassen wie dessen Niedertracht. Für Bandits Fianna im WinterrauschFianna im WinterrauschFrostbeine scheint die Bodenheizung im Bad gerade die richtige Medizin zu sein. Fianna genießt dagegen die westsibirische Frischluftkur bei einem ausgedehnten Spaziergang und will gar nicht mehr nach Hause.

 

 

Sonntag, 8. Januar 2017, (11. Tag n.E.)

Der große Frost ist weg. Gestern durften wir noch einmal eine winterliche Zauberlandschaft genießen, aber abends setzte wieder leichter Schneefall ein. Heute Morgen fühlt man sich beim Morgenspaziergang um 9 Uhr bei -3° C fast wie im Frühling, dafür schneit es sehr fein und ergiebig; den ganzen Tag bleibt der Schnee, treibt er vor sich hin und sein Unwesen. Und Fianna verteilt weiterhin Wollmäuse, vielleicht um die Hütte winterfester zu machen.

 

Dienstag, 10. Januar 2017, (13. Tag n.E.)

Der Winter hat sich bei knappen Minusgraden eingerichtet, mal mit Nebel, mal mit Hochnebel und dazwischen mit Sonnenschein.

Nachmittags haben wir einen Termin beim Tierarzt wegen Bandits linkem Auge, das uns seit Wochen Sorgen bereitet: Es hat sich orange verfärbt, leidet unter einem viel zu hohen Druck, wird immer größer und erblindet zusehends. Er bekommt Medikamente, aber die Situation entspannt sich nicht, sondern wird schlimmer. Die genaue Ursache der Degeneration ist nicht erkennbar; Blutwerte und eine eingehende Ultraschall-Untersuchung haben keine Hinweise auf Entzündungsherde oder Tumoren geliefert. Außer dem Auge scheint der Herr mit seinen auch schon fast 15 Lenzen noch reichlich frisch zu sein. Und diesen Eindruck vermittelt er im Alltag auch. Nur das Auge bereitet ihm Probleme und Schmerzen, und eine Besserung ist nicht zu erwarten. Deswegen beschließen wir mit den Ärzten, das Auge zu opfern. Der greifbaren Unsicherheit bezüglich der Entscheidung begegnet der einzige Geistesschaffende des Blues mit dem Rat des Herrn: Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus und wirf es von dir. Es ist dir besser, dass du einäugig zum Leben eingehest, denn dass du zwei Augen habest und wirst in das höllische Feuer geworfen (Matthäus 18,9). Das höllische Feuer erlebt er vielleicht bereits durch Schmerzen, da kann man ja den Evangelisten als hilfreichen Ratgeber schon mal heranziehen. By the way: Es ist immer wieder ein geistiges Hochamt, wie unterschiedlich biblische Texte übersetzt und interpretiert werden. In neueren Ausgaben kann man lesen: Und so dich dein Auge zum Bösen verführt ... Was damit wohl gemeint ist? Jungen Mädels unter den Rocksaum spitzen? Egal, diese Übersetzung scheint doch sehr beliebig und stromlinienförmig. Da lobt man sich den pragmatischen Ansatz der Engländer, die nicht herumschwurbeln und von stören und von Bösem schwadronieren, sondern das Problem einfach beim Namen nennen: And if thine eye causeth thee to stumble, pluck it out... Das ist die wahrscheinlichste Folge einer Blindheit: stolpern. Und das sollten wir dem alten Herrn ersparen, zumindest solange er noch ein zweites Auge hat (mit dem er ja auch noch den Mädels unter den Rock schielen könnte).

Während wir da so unsere Fürs und Widers einer OP erörtern, schmiert Fianna, die als Begleitschutz immer dabei sein und nebenbei eine Kontrolle ihres etwas verpilzten rechten Ohrs über sich ergehen lassen muss, einen Streifen Blut auf den Praxisboden. Wir treiben Blicke ineinander, fragende, rätselnde, verunsicherte. Dann scheint der Chefin etwas in den Sinn zu kommen, sie zückt ihre mobile Datenbank und schlägt nach. Und tatsächlich erhellt sich ihre Miene, als sie in unserer eigenen Dokumentation vom G-Wurf am 14. Tag liest: Schmierblutung auf dem Küchenboden. Mit einem Papiertaschentuch gehen wir über Fiannas Vulva und ernten reichlich rostrotes Blut. Was hat das zu bedeuten? Wir graben tief in unseren Aufzeichnungen, und siehe da: Mama Franzi schmierte auch bei Gelegenheit. Und wenn man schon mal dabei ist, lohnt sich ein weiterer Blick ins Gedächtnis des Blues und wird am 12. Tag folgendermaßen fündig: Sie wirft ihr Hochzeitskleid ab, das sie während der großen Hitze so geschlaucht hatte und polstert unser Haus mit schwarzen Büscheln aus. Was man alles vergisst!

Trotz der bevorstehenden Bandit-OP breitet sich eine gewisse Erleichterung aus: Fianna ist nicht destruktiv hormongestört, sondern auf dem rechten Weg zum H-Wurf. Und wie wir an dieser Stelle in der G-Wurf-Doku gleich einen passenden Namen vergeben haben (Grübel vom Bairischen Blues, der nie das Licht der Welt erblickte), zögern wir auch diesmal nicht, der Welt einen Namen vorzuschlagen, nein, gleich zwei: Hosianna v. Bairischen Blues und Hallelujah v. Bairischen Blues. Was die Wörter bedeuten, kann jeder selber nachschlagen. Wir haben dafür jetzt keine Zeit; wir müssen uns Sorgen machen (um Bandit Rossi) und sollten langsam die Vorbereitungen anlaufen lassen, damit Hallelujah und Heilixblechle einen sauberen Start ins Leben hinlegen können.

Ohne mehr als eine Blutspur und eine Anzahl Haarbüscheln zu haben, behaupten wir heute ganz frech: Der H-Wurf ist auf dem Weg. Immerhin wären diese beiden Spuren zusammen mit einer einschlägigen Doku für jeden Kriminalisten mehr als ein vager Anfangsverdacht.

Jetzt, um den 14. Trächtigkeitstag, nisten sich die Zellklumpen in Fiannas Gebärmutterhörnern ein. Dieser Vorgang ist vermutlich der hormonelle Auslöser der verdächtigen Blutspur. Bis jetzt sind die Zellhäufchen, wie unverkabelte Astronauten im All, völlig losgelöst in Fiannas Brutsuppe herumgetrieben. Nun geht es ans Eingemachte, jetzt muss jedes Zellkügelchen einen Platz finden, an dem es sich festbeißen und zum Hovawart heranwachsen kann. Man nennt das Nidation: Nestbau. Da Fianna gottlob nur eine sehr begrenzte Zahl von Andockstellen hat, findet in ihr jetzt gerade ein Massensterben statt: Ein bis zwei Hände voll der fixesten oder glücklichsten Zellhäufen machen fest, die anderen werden in die ewige Ursuppe zurückgeschickt, um vielleicht irgendwann einmal eine neue Chance zu erhalten. Ach, wer weiß das schon? Wir winken ihnen nach, ahnend, dass gerade Traumhunde, Sportweltmeister und Schönheitschampions für immer verloren gehen. Aber was täten wir mit Abertausenden von Kindern in unserer Küche? Wir sind ja froh, wenn wir zehn von ihnen anständig groß kriegen und ihnen einen Traumplatz besorgen können. Und deshalb ist der Blues ab jetzt von Kopf bis Fuß auf H-Wurf eingestellt.

Mittwoch, 11. Januar 2017, (14. Tag n.E.)

Fianna und Heike beim WintersportFianna und Heike beim WintersportMorgens gehen die Chefin und das mutmaßliche Mutterschiff auf die Loipe, was für Fianna den ultimativen Winter-Thrill darstellt, auch wenn man nicht von Kaiserwetter reden kann: grau verhangen, leichtes Schneetreiben und -4° C. Stundenlang könnt der schwarze Troll hinter, neben und vor der Brettlrutscherin dahintreideln, egal wie missgelaunt das Wetter ist. Vielleicht ahnt sie ja, dass die Pracht schon morgen vorbei sein wird; nachmittags setzt nämlich, wie angedroht, Regen ein, getrieben von viel Wind. Da weiß man, was morgen von dem weißen Winterkleid des Mangfalltals übrig sein wird.

Mittags wird der rote Bandit operiert und nachmittags bekommen wir die Info, dass die OP gut verlaufen ist, der rote Korsar aber noch bis morgen bleiben muss; er braucht noch ein paar Infusionen und außerdem besteht bei Augenoperationen immer die Gefahr von Nachblutungen. Damit können wir leben, obwohl sich die Chefin mit der Krankenstationierung ihrer Schützlinge sehr schwer tut. Aber bei unserem Tierarzt und seinem Team weiß sie den Roten in guten Händen.

 

Donnerstag, 12. Januar 2017, (15. Tag n.E.)

Von der Schneepracht ist nur noch ein aperer Rest übrig. Traurig liegen bei knappen Plusgraden die Schneereste zwischen den Maulwurfshaufen. Und mittags setzt dann der Sprühregen ein.

Fianna scheint ruhiger als sonst zu sein, obwohl sie im Haus immer sehr zurückhaltend ist, aber irgendwie scheint sie doch noch mehr in sich zu ruhen. Bei ihren Ausgängen schaltet sie allerdings sofort auf das Aktiv-Programm um und gibt die schwarze Flipperkugel. Das deckt sich mit ihrer letzten Schwangerschaft, wie unsere alten Aufzeichnungen bestätigen. Ja, wir blättern jetzt immer nach, weil uns diese blamable Trächtigkeits-Amnesie nicht noch einmal passieren soll.

Bandit Rossi, der rote BanditNachmittags holen wir Bandit wieder nach Hause. Einen lächerlichen Trichterkragen muss der rote Korsar jetzt (er)tragen, aber er trägt ihn mit der Würde und Gelassenheit des Alters. Dort, wo seinem linken Auge einst kein Vogel entging, präsentiert sich nun eine martialische Naht, dass uns kurz der Gedanke kommt, wir könnten ihm doch eine Augenklappe und ein rotes Kopftuch verpassen. Aber nein, vielleicht doch erst zum Fasching ... Abgesehen von dem gewöhnungsbedürftigen Anblick, scheint es ihm recht gut zu gehen, jedenfalls hat er einen Appetit für zwei. Ein paar Medikamente muss er auch noch erdulden, aber da steht er drüber; er ist nämlich wirklich eine ziemlich coole Socke und nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Blind ist er halt jetzt auf der linken Seite (was er sicher die letzten Wochen auch schon war), aber mit fast 15 Jahren hat er schon so viel von der Welt gesehen, dass er sich das, was ihm jetzt aus der Optik rutscht, dazu interpretieren kann. Der rote Kater linksseitig blind, ja, wo eigentlich sonst? Rechts wäre ja geradezu ein Systembruch gewesen. Der rote Bandit weiß schon, was sich gehört. Was ihm allerdings weniger schmecken dürfte, sind die zehn Tage Hausarrest, die er wegen des Kragens und der Infektionsgefahr durchstehen muss. Die Frage ist eher, wer mehr durchstehen muss: er oder wir? Cool ist er zwar schon, aber auch ziemlich durchsetzungsstark, wenn ihm etwas wichtig ist. Es könnte also durchaus sein, dass es ihm in den nächsten Tage immer besser geht und uns immer schlechter.

Abends kommt dann Gismo (Gosh), Fiannas Sohn aus Hohenlinden, zu Besuch. Eine gute Woche wird er unsere Hütte mit seinem Charme bereichern und seiner Mutter mit seiner Zuneigung gelegentlich auf den Wecker gehen.

Nachts wird es sehr stürmisch. Tief Egon trampelt wie Rübezahl ins Land.

 

Freitag, 13. Januar 2017, (16. Tag n.E.)

Morgens stürmt und regnet es bei 2° C, anderswo versinkt die Welt in Schnee und Eis. Da wollen wir mal sehen, was Egon für uns im Gepäck hat. Was uns jedoch schon jetzt zum Denken bringt, ist, dass wir es am Mittwoch letzter Woche noch mit Tief Axel zu tun hatten und sich nun schon Egon die Ehre gibt: Von A bis E in einer guten Woche (zumal uns B, C und D irgendwie entgangen sind)? Das wäre ja ein Zuzug, der selbst die Migrationszahlen von 2015 in den Schatten stellte. Noch erstaunlicher ist, dass sich niemand dagegen zu wehren scheint. Diese ungewohnte Duldsamkeit gegenüber randalierenden Einwanderern lässt sich vermutlich nur damit erklären, dass die Zuzügler Axel und Egon heißen, hießen sie Achmed und Emre hätte man hierzulande schon längst ihre schärfsten meteorologischen Hunde auf sie gehetzt, um ihnen den Zutritt zum Bayernparadies zu verwehren. Aber Axel und Egon dürfen sich aufführen wie ein lauwarmes Cola und werden dabei mit fatalistischem Schulterzucken begleitet.

Weil Sturm gerade auf der Agenda zu stehen scheint, begibt sich die Chefin des Blues heute auf ein Brainstorming-Wochenende in Sachen Zucht, wo sie sich im kleinen, aber erlauchten Kreis der erweiterten Zuchtleitung des RZV schwere und tiefgründige Gedanken zur gegenwärtigen und zukünftigen Ausrichtung des Zuchtgeschehens machen soll und darf. Während der fleischgewordene Think-Tank des Blues also brainstormt, muss sich der zurückgebliebene Teil des Blues mit den Unarten des garstigen Egons arrangieren, post-operierte sowie darmverstopfte und schwerhörige Katzen pflegen und eine angehende Mutter mit ihrem Sohn versorgen und emotional warmhalten. Dabei ist es ein unbezahlbarer Vorteil, dass Gismo Katzenkenner ist und unseren Greisentigern mit ausgesuchter Freundlichkeit, wenn auch gelegentlich mit ebenso ausgesuchter Aufdringlichkeit begegnet. Letzteres regeln die alten Herrschaften, wenn unumgänglich, in Eigenregie mit einem präzise gesetzten Nasenstüber. Draußen macht sich Egon an allem zu schaffen und drinnen schwingt alles in Harmonie.

 

Sonntag, 15. Januar 2017, (18. Tag n.E.)

Gestern pfiff Egon noch sehr ungestüm um die Ecken und verteilte dabei einige Doppelzentner feinsten Schnee, von dem zwangsläufig nicht viel liegenbleiben konnte. Heute hat er sich erschöpft und seine schwarze Seele ausgehaucht, aber nicht, ohne vorher den Staffelstab noch an Schneegon weitergegeben zu haben. Der brilliert nun mit Sonne, Wolken und kräftigen Schneeschauern bei -4° bis 0°C.

Die Chefin macht sich noch immer um das Zuchtgeschehen des RZV verdient und auch Gismo macht sich verdient: als lebende Fußfessel seines Interimschefs. Der ist zwar bisher nirgendwo, noch nicht mal bei sich selber, als hochpotenter Gefährder aufgefallen, eignet sich aber offensichtlich bestens für einen Feldtest. Anstatt ihn mit einer elektronischen Fußfessel auszustatten, was in einschlägigen Kreisen derzeit als ultimative Wunderwaffe gegen böse Buben und schlimme Mädchen gehandelt wird, hängt sich ihm Gismo als analoge Fußfessel ans Bein und verfolgt ihn bis in die abgeschiedensten Refugien und in den Tiefschlaf. Man sollte diese Lösung durchaus auch für die genannten bösen Buben und Mädchen in Erwägung ziehen, weil so ein Hund nicht nur wegen der tiertherapeutischen Wirkung von besonderem Interesse sein könnte, sondern er, mit der entsprechenden Ausbildung ausgestattet, seinen Aufsichtspflichtigen jederzeit dort abliefern könnte, wo ihn die Staatsmacht gerne hätte. So einer wäre dann buchstäblich auf den Hund gekommen, was ihn auf Augenhöhe mit dem Hilfschef des Blues stellt.

Wenn die Heimkehr der Chefin von ihrem Brainstorming in direktem Bezug zur Bedeutungsschwere ihrer Tagungsergebnisse steht, haben die Zucht-Ratsherrinnen sehr Nachhaltiges und Zukunftsweisendes geleistet: Ihre Heimkehr wird für 2:30 Uhr am Montag protokolliert, allerdings nur, weil der Stammchauffeur des Blues sich vorher eine Stunde zur U-Bahn und zurück durch Schneesturm und verwehte Straßen gekämpft hat, um sie zurück ins Nest zu bringen. Schneegon lässt sich nicht lumpen, aber zum Wohle der Zucht schlägt man ihm gerne Schneisen und Schnippchen.

 

Montag, 16. Januar 2017, (19. Tag n.E.)

Was denkt wohl der normale Mensch, wenn er spät nachts, eher schon morgens, ins Bett wankt und kaum zwei Stunden später von eindeutigen Würggeräuschen geweckt wird? Die meisten wohl so etwas von der Gattung 'Zefix' und nicht wenige würde diese gewöhnungsbedürftige Form der Wiedersehensfreude befremden. Nicht so die Chefin. Sie zieht die Decke über den Kopf und murmelt: "Na, also doch". Und schlummert noch einmal um die Ecke. Fianna erbricht Schleim, wie das Frauen häufig machen, wenn sie in den besonderen Umständen sind. Bei Hunden sind das vor allem die Tage rund um die Nidation. Wir können also wieder einen Hinweis zu unseren Verdachtsmomenten hinzufügen, die eine Schwangerschaft wahrscheinlich machen.

Nachmittags ergibt dann eine Leibesvisitation, dass Fiannas Zitzen schon gewachsen sind. Sie scheint es kaum erwarten zu können.

Erhärtend kommt hinzu, dass das erwachende Mama-Gen noch die verstecktesten Quietschies aufspürt, jene Spielzeuge, die Welpen und werdende Mütter inbrünstig lieben, aber ihre Lieben an den Rand der Verzweiflung treiben. Wo Fianna dieses Quietschkissen aufgestöbert hat, ist uns schleierhaft, aber jetzt begleitet es sie rund um die Uhr und quietscht und quietscht und ... wenn sie es mal weglegt, greift es sich Gismo und quietscht und quietscht und ... Kann man der hormongetriebenen Mutter dieses Seelenvalium wegnehmen? Sollten wir für uns einen Psychiater engagieren, um ihr seelisches Gleichgewicht zu erhalten?

 

Dienstag, 17. Januar 2017, (20. Tag n.E.)

Schneegon ist offenbar noch immer im Lande und wirft weiter feinen Schnee auf die Fluren. Den Wind schickt er uns jetzt aus Nordost, was die Temperaturen schon tagsüber in den Keller treibt. Wir lassen uns davon nicht beeinflussen, schippen Schnee, räumen das Auto frei, waten mit den Hunden spazieren und sind zuversichtlich, dass nichts ewig währt. Auch der Winter nicht und sei er noch so zauberhaft.

Diese Woche ruht in einer Art Winterstarre in sich wie das Wetter und Fianna. Es fühlt sich an, als ob alles und jeder noch schnell ein Nickerchen machen möchte, bevor der Vorhang aufgeht und das Spiel beginnt. Deshalb können wir uns heute ziemlich kurz fassen

Mittwoch, 18. Januar 2017, (21. Tag n.E.)

Spaziergang in HohenpeißenbergGismo und Annemarie - Zwei, die sich mögenWir machen einen Blitzbesuch in Hohenpeißenberg, um unsere Annemarie zu ihrem Geburtstag an unsere Herzen zu drücken. Als Geschenk bringen wir Fianna, Gismo und einen Winterspaziergang mit, der die Doosie-lose mehr beglückt als Geld, Geschmeide und ein 5-Gänge-Menü beim Schubeck. Als Dank bekommen wir dafür ein 5-Gänge-Weißwurst-Frühstück serviert – der Hilfschef drei, die Chefin zwei, macht fünf.

DFianna und Gismo in HohenpeißenbergFianna und Gismo im Winterglücker Spaziergang selbst ist ein Traum in Tiefschnee, bei dem die Beleuchtung ausgefallen ist: Es ist einfach nur greislich grau und hochneblig trüb. Die sieben Minusgrade fummeln sich in die Wäsche wie das eiskalte Händchen. Aber die Fellträger haben einen Heidenspaß, und Annemarie erst.

 

 

Donnerstag, 19. Januar 2017, (22. Tag n.E.)

Das Mangfalltal zeigt sich in einem anderen Licht als gestern der traurig-trübe Pfaffenwinkel. Zwar ist das Flutlicht noch nicht angeknipst, aber nach dem Hochnebel verdecken nur noch ein paar widerborstige Wolken den freien Blick ins Blaue.

Fianna zeigt nun beim Spaziergang erste Behäbigkeiten in ihrer Spielkultur; sie versucht nachdrücklich, den gefangenen Frisbee in Mäuselöchern zu verstecken und unter dem Schnee zu vergraben . Spielabstinenz ist ein Verhalten, das uns auch nicht unbekannt ist. Was ihr aber immer einen Einsatz wert ist, ist die Unterordnung. Anstatt Frisbees zu jagen ermuntert sie die Chefin, mit ihr ein paar Fußübungen zu machen. Das ist rührend und äußerst erfreulich, lässt sich aber im Tiefschnee und auf schneeglatten Wegen nur schwer realisieren, weil man da unter Umständen mehr kaputt macht als einem lieb sein kann. Also gibt es ein paar fliegende Schritte an Frauchens Seite und viel Lob und Leckereien. Dann ist sie wieder zufrieden, die Fianna vom Bairischen Blues. Durchschnittlich drei Minuten ...

Der Himmel legt im Laufe des Tages seinen Winterpelz immer mehr ab und abends ist es dann sternenklar bei zapfigen -17° C.

 

Freitag, 20. Januar 2017, (23. Tag n.E.)

Das ganze Paradoxon der Welt an einem Tag: Hier brilliert das Firmament bei Temperaturen zwischen -7° C und -16° C und jenseits des Atlantiks zieht Unwetter herauf: Uns ist ein Trumpeltier geboren, gegen welches das richtige Trampeltier ein Schmetterling ist. Der Chef der Blues-Nomenklatur erwägt ernsthaft eines seiner erwarteten Schnullerbabys 'Heil' zu taufen, zieht aber schon im Ansatz zurück, weil er dafür kein Plazet bekäme und vor allem, weil er nicht weiß, ob das ein Name für einen strammen Recken oder ein züchtiges Mägdlein wäre. Und man weiß ja nicht, welchen ungebetenen Besuch man sich mit einer solchen Namenswahl ins Haus holen könnte.

 

Samstag, 21. Januar 2017, (24. Tag n.E.)

Die Lichter- und Frostspiele gehen unvermindert weiter, der Winter zeigt, dass er noch nichts von seinem Charme und seiner Würde verloren hat, obwohl man das in den vergangenen Jahren gelegentlich munkeln hörte.

Bandit bekommt die Fäden gezogenDas Leiden ist vorbei, die Freiheit ruftNachmittags kommt die mobile Ambulanz namens Karin und befreit unseren Bandit von seinen Fäden und damit auch von seinem Schalltrichter. In den vergangenen Tagen wurde sein Drang nach Ausgang mächtiger, aber nicht so, dass er uns moralisch in die Enge getrieben hätte; er ist halt schon ein feines Kerlchen. Nun aber will er raus. Sofort. Und er darf auch raus – und ist schon Sekunden später wieder zurück. Scheißwetter! Ob wir ihm das nicht hätten sagen können? Kurze Zeit später versucht er es noch einmal und macht dann seinen Wiederantrittsbesuch bei seinen Zweiteltern, sagt 'Hallo' und rollt sich in deren Sofa im Keller ein. Wir werden augenblicklich telefonisch über seinen Verbleib informiert und wissen, dass wir die Futterrationen jetzt wieder reduzieren müssen. Die Welt ist für alle Beteiligten wieder im Lot, auch mit einem Auge. Der König ist wieder in seinem Revier, verkleidet als Freibeuter.

Die tägliche Leibesvisitation bei Fianna ergibt, dass sie nun schon die Haare um die Zitzen verliert, also den Zitzenhof bildet, der den Welpen den Weg zu den Zitzen freimachen soll, damit sie nicht im Bauchgestrüpp verdursten. Wir legen also nach der veränderten Spielkultur noch ein Bausteinchen ins Trächtigkeits-Puzzle und haben längst keine Zweifel mehr.

Abends verlässt uns Gismo wieder. Der Bursche ist uns sehr ans Herz gewachsen, weil er ein so liebenswerter Striezi ist, an dem nichts Böses ist und der uns den ganzen Tag an den Lippen hing, um irgendeinen Auftrag entgegenzunehmen, den er ausführen darf; so einen liebenswürdigen, lernbereiten und fixen Burschen hat man selten. Der Hilfschef des Blues bekommt durch Gismos Abgang zwar wieder mehr Beinfreiheit, aber auch einen feuchten Blick. Nur Fianna ist bei aller Zuneigung zu ihrem Buben froh, dass sie sich jetzt wieder ohne Begleitschutz bewegen und ihre Stammplätz rekonfiszieren kann. Ciao, Gismo, bis bald mal wieder.

 

Sonntag, 22. Januar 2017, (25. Tag n.E.)

Die Winterfestspiele gehen weiter und das Mangfalltal ist ein Magnet für alle Langläufer aus nah und fern, vor allem für die, die für ihren Sport nicht bezahlen wollen. Es wimmelt bei blitzblauem Himmel vor Bewegungssüchtigen, von Fallobst bis Flitzer ist alles reichlich vertreten – nur der Aushilfschef des Blues weiß gar nicht mehr, wohin er sich mit seinem schwarzen Troll wenden soll, denn dort, wo keine Loipe gespurt ist, stapfen Schneeschuhgänger im Zickzack über die verschneiten Felder. Wo soll man da noch ein Frisbee abfeuern? Er stapft also mit seiner Begleitung auch kreuz und quer durch den Tiefschnee und kommt sogar bei -8° C ordentlich ins Transpirieren. Der Troll beschäftigt sich derweil mit Mäusen und deren Immobilien.

 

Montag, 23. Januar 2017, (26. Tag n.E.)

Fianna im Januar 2017Kaiserwetter, nur Fiannas Spielkultur wird immer fragwürdiger. Sie fordert zwar konsequent und nachdrücklich ihr Spielgerät, wirft es aber sofort hin und trägt es fort, wenn man sich ihm nähert. Fianna sichert ihre Beute, was sie nie tut. Anstatt den Frisbee zu jagen, bevorzugt sie nun, ihn zu tragen, wenn es sein muss meilenweit. Ob sie mit dieser Trägerschaft ihrer inneren Trägerschaft äußeren Ausdruck verleihen möchte? Das wirft allerdings auch die Frage auf, ob man dieses Spielverhalten noch als Kultur bezeichnen kann? Aber wir legen ein weiteres Steinchen ins Schwangerschafts-Puzzle.

 

Dienstag, 24. Januar 2017, (27. Tag n.E.)

Nun hängt wieder zäher Hochnebel in und über dem Mangfalltal, aber wärmer als -6° C wird es dennoch nicht. Morgens erbricht Fianna Teile ihres Frühstücks unter den Frühstückstisch ihres Herrn. Den Rest des Tages verbringt sie weltabgewandt an ihren verschiedenen Rückzugsorten. Bei ihren Revierbesichtigungen hängen die Rüden an ihr wie Junkies; die muss einen Duft verströmen, dass die Herren ganz damisch werden, sogar die kastrierten beginnen sich wieder zu erinnern. Nicht nur läufige Hündinnen betören mit ihren Düften, trächtige nicht minder. Noch ein Steinchen fürs Puzzle.

Jetzt beginnt die Woche der Wahrheit.

Mittwoch, 25. Januar 2017, (28. Tag n.E.)

Der TaillenspoilerFiannas haariger TaillenspoilerDen Argusaugen derer vom Blues entgeht kein noch so zarter Hinweis auf den mutmaßlichen Zustand Fiannas: Wir entdecken heute erstmals die gewölbte Haartolle an Fiannas Taille, die aussieht wie ein haariger Seitenspoiler oder, profaner, wie eine Dachrinne. Dieser Haarwirbel ist ein zweifelsfreier Hinweis darauf, dass in Fianna etwas wächst und sich Platz verschafft. Die Kinder sind es noch nicht, die diese Haartolle entstehen lassen, dazu sind sie noch zu winzig, aber die Hormonumstellung bedingt eine Ansammlung von Gewebewasser an Stellen, wo sie Frauen am wenigsten ausstehen können. Für uns ist das ein eindeutiges Indiz.

SamuSamu und HeikeNachmittags besuchen wir einen elf Monate alten Hovawart-Rüden in Hechendorf am Wörthsee, der vor einer Woche über die Notvermittlung dort bei einer Kollegin der Chefin gelandet ist. Samu ist ein pfiffiger Bursche, der sich für die kurze Zeit in seiner neuen Umgebung schon sehr unbekümmert zeigt. Dass er in seiner Unbekümmertheit gleich Fianna unter die Röcke steigt, bringt ihm eine Abreibung ein, die ihn für den Rest des Winterspaziergangs auf Distanz hält. Der Duft einer werdenden Mutter verführt Testosteron-Novizen gelegentlich dazu, sich um Kopf und Kragen zu schnüffeln.

Nach unserem Spaziergang im hochnebligen Fünfseenland, mit Tee und Kuchen im Anschluss, machen wir noch einen Kurzbesuch bei Freunden im benachbarten Seefeld, ein Abstecher der für Fianna einfach nur bestechend ist: Silvia hält nämlich immer einen ganzen Kramerladen mit Hundeleckerli bereit, die Fianna (wie auch schon ihren beiden Vorgängerinnen) mit offenem Herzen und noch offeneren Händen nonstop kredenzt werden. Ja, man staunt schon, was so ein Hund an Pansenstangen, Rindersticks und Ähnlichem verarbeiten kann, aber Liebe geht bekanntlich durch den Magen und wenn die Liebe nur alle paar Monate zum Einsatz kommt, darf die werdende Mutter reinhauen, bis sie platzt. Der Chauffeur nimmt sich vor, die Kurven nach Hause etwas langsamer anzusteuern.

Fianna übersteht die Heimfahrt ohne peristaltische Konvulsionen und zeigt auch sonst keine Auffälligkeiten, die auf Unpässlichkeit jedweder Herkunft hinweist.

 

Donnerstag, 26. Januar 2017, (29. Tag n.E.)

Fianna beäugt ihr morgendliches Trockenfutter mit größtmöglicher Skepsis und sortiert sich einzelne Bröckchen durch die Zähne in den Schlund. Ob es daran liegt, dass sie Silvias Luxusgaben von gestern noch verdaut oder ob es trägerische Schwangerschaftsboten sind, bleibt offen. Jedenfalls leidet sie und trollt sich in ihr Kudde-Bett.

Der einäugige Bandit bei seiner LieblingsbeschäftigungDer einäugige Bandit bei seiner LieblingsbeschäftigungBandit leidet dagegen keineswegs, höchstens am katzenfeindlichen Wetter: Im 10-Minuten-Takt klagt er seinen Ausgang ein, um zu prüfen, ob jetzt endlich der Frühling Einzug hält. Der Ausgang wird ihm gewährt, doch spätestens nach fünf Minuten bricht er seinen Morgenspaziergang ab, klagt auf Wiedereinlass und besteht frustriert auf Futter. Bei -8° C kann so ein Spiel zur Endlosschleife werden und dazu führen, dass der Rote Korsar vor lauter Futtergaben nicht mehr auf den Schrank kommt, was er immer dann tut, wenn alle seine Sehnsüchte an der feindseligen Umwelt zerschellen.

Ultraschall vom 26. JanuarHansdampf oder Hastalavista?16: 00 Uhr: Ultraschall bei unserem Leibveterinär in Stephanskirchen. Nun kommt die Wahrheit an den Tag und auf den Monitor. Schon die erste Begegnung des Schallkopfs mit Fiannas Bauch lässt zwei Fruchtblasen aufpoppen: Fianna trägt; kein Zweifel mehr, der eigentlich sowieso längst keiner mehr war. Sieben Früchtchen zählen wir, aber mehr wollen wir auch nicht wissen. Das reicht, es wurden bisher immer mehr als das Schallergebnis (obwohl sich die Chefin seit dem B-Wurf einen beschaulichen Sechser-Wurf wünscht). Man muss der Mutter nicht den Bauch kahl rasieren, um genauer zählen zu können, zumal die beiden Gebärmutterhörner nicht im strengen Bauhaus-Stil nebeneinander in Fiannas Bauch liegen, sondern ineinander verschlungen sind, sodass es immer schwer ist, die Früchtchen auseinander zu halten. Wer jetzt noch wissen will, wie viele Buben und Mädchen es sind, muss warten; so weit ist das Nachwuchspersonal noch nicht. Die amerikanischen Mütter haben für dieses Ereignis ein neues Gesellschaftsspiel erfunden: die Ultraschall-Party oder amerikanisch: The Gender Revelation Day, an dem man sich mit großem Gedöns im Haus der werdenden Mutter trifft, ein mobiles Ultraschall ordert, um dann im Kreise aller anwesenden Feierbiester das Geschlecht des erwarteten Nachwuchses zu lüften. Und dann werden die Sau und Geschenke rausgelassen (das Kind muss sich noch ein bisschen gedulden). Damit können wir leider nicht dienen, wir freuen uns mit unserer Praxisfee Karin und der entzückten Ärztin, die sich auch gleich noch ganz uneigennützig bereit erklärt, die Nacht der Niederkunft (die meisten Geburten sind ja nachts) mit dem Handy am Ohr zu schlafen, um uns im Falle einer Komplikation beizustehen. Dafür sagen wir vorab schon Dankeschön.

Bei der routinemäßigen Gewichtskontrolle beim Tierarzt bringt Fianna 31 kg auf die Waage, das ist jetzt schon ein Kilo mehr als ihr Standardgewicht.

 

Freitag, 27. Januar 2017, (30. Tag n.E.)

Fiannas erste Morgenhandlung: Sie erbricht einen Schwall Flüssigkeit in ihr heiliges Kudde-Bett und schämt sich dafür. Sie zieht sich in die Tiefen ihres Anwesens zurück. Selbst wenn man dazu neigt, die simplen Antworten zu favorisieren, können wir Silvias Leckerli-Exzess dafür nicht haftbar machen; es ist schlicht kein fester Bestandteil mehr in dieser Brühe.

Im Laufe des Tages stabilisiert sich Fiannas Befinden, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass sie mit ihren Untermietern Klartext gesprochen und ihnen dringend ans winzige Herz gelegt hat, sich und ihre Unarten zu zügeln, weil sie sich sonst eventuell entschließen müsste, die ganze Bande vor die Tür zu setzen. Wer hat denn schon Lust, sich weitere fünf Wochen mit einem solchen Zustand herumzuschlagen? Und siehe da: Fianna hat sich offenbar durchgesetzt.

Die Chefin verlässt heute mal wieder die häusliche Gemeinschaft, um in Fulda zukünftigen Züchtern übers Wochenende die Geheimnisse der Genetik beizubiegen und sie auch in anderen Dingen aufs Züchterdasein vorzubereiten. Graue Theorie eben ... Der Hiwi des Blues übt sich derweil in der züchterischen Praxis und umsorgt und bewegt die werdende Mutter. Er tut das bei -3° und -13° C, allerdings bei beständigem Brillantwetter.

 

Sonntag, 29. Januar 2017, (32. Tag n.E.)

Fianna mit FrisbeeFianna und ihr gefaltetes UFODem Wochenende in trauter Zweisamkeit sind keine verwertbaren Erkenntnisse zu entlocken, außer, dass sich Fiannas Appetit wieder einstellt – zum Nachteil eines immer zweifelhafteren Spieltriebs, der sich dadurch manifestiert, dass sie ihren Frisbee-Transporter so lange kujoniert, bis er das Fluggerät wirft, worauf sie es sofort in ihren Backentaschen verschwinden lässt oder irgendwo im Mangfalltal entsorgt. Zwar lässt sie sich zuverlässig dazu herab, den verlegten Schatz auf Anweisung herbeizuholen, aber nur, um ihn bei allernächster Gelegenheit wieder zu verschustern. Wenn der Frisbee-Beauftragte das Teil dann entnervt in seiner Tasche verstaut, weil sonst ein Fort- und Heimkommen in weite Ferne rückt, geht das Frisbee-Mobbing wieder los. Dabei hat sie vier Eskalationsstufen etabliert. Stufe 1: Den Träger der Scheibe umtanzen, ihm auf die Füße und zu nahe zu treten, dabei alle bekannten Tanzrituale zur Aufführung bringen. Stufe 2: Tanzfiguren intensivieren und dazu bellen, Tanzsprünge auf Höhe der Nasenspitze ausbauen. Stufe 3: Tanzdarbietung unterbrechen und versuchen, die Fliegende Untertasse überfallartig aus der Rückentasche des Frisbee-Beauftragten zu klauen (was nicht selten gelingt). Stufe 4: Tanzen, bellen und den sturen Frisbee-Butler von hinten mit kühlem Kalkül und Schalk im Blick in die Hüfte oder den Oberarm kneifen. Stufe 4 kommt nur an Tagen exzessiver Trieblagen zum Einsatz, etwa solchen, an denen der Mond Springfluten aufbaut, weil sie erfahrungsgemäß noch nie zur Herausgabe der Scheibe, sondern zur Verabreichung einer Rüge für böse Mädchen führte. Sollten Stufe 1 bis 3 erfolgreich sein, ist ihr Bedürfnis befriedigt und das UFO wieder Fallobst. Schwangere Frauen sind für Männer nicht nachvollziehbar. Vermutlich sind sie sich selber fremd.

 

Montag, 30. Januar 2017, (33. Tag n.E.)

Die Tage des ungetrübten Januars gehen zu Ende, nicht nur, weil auch der Januar zu Ende geht, sondern weil nach den morgendlichen -10° C mittags 4° C gemessen werden, was bedeutet , dass aus dem strahlenden Mangfalltaler Winterpelz schon morgen ein schmuddeliger Winterschmelz geworden sein wird. Die zwei Unverdrossenen, die unsere Loipe noch ein letztes Mal bemühen, wissen jedenfalls, wie sich Bemühen anfühlt.

Abends setzt leiser Regen ein, ...

 

Dienstag, 31. Januar 2017, (34. Tag n.E.)

... der morgens anhält und Straßen und Wege bei 0° C in eine Eisbahn verwandeln. Der Regen bleibt und strömt unverdrossen.

Messstellen für die rituellen MaßnahmenDie MessstellenEs ist wirklich höchste Zeit, die rituellen Maßnahmen vorzunehmen, bei denen wir in lockerer Abfolge die Mutter vermessen und wiegen, um den Fortgang der Schwangerschaft zu dokumentieren. Bei den früheren Würfen haben wir damit schon früher begonnen, aber letztlich hat es keine Eile. Dass eine solche Dokumentation keine wertlose Spielerei ist, zeigt sich schon bei dieser ersten Maßnahme heute Morgen. Fianna liefert 75 cm vorn, 76 cm in der Körpermitte und 66 cm um die Taille. Der Vergleich mit der Maßnahme vom 32. Tag des G-Wurfs lässt uns staunen; damals lautete das Ergebnis 73 - 72 - 62. Da ist sie diesmal aber deutlich 'kompakter'. Wir machen das üppige Winterfell dafür verantwortlich. Vielleicht beherbergt sie ja diesmal 15 Kinder? Aber pummelig sieht sie nicht aus, kraftvoll schon, stabil auch, aber – nein, moppelig ist sie wirklich nicht. Oder waren es am Ende doch Silvias ...?

Wie begannen wir die Chronik der 4. Woche? Diese Woche ruht in einer Art Winterstarre in sich wie das Wetter und Fianna. Es fühlt sich an, als ob alles und jeder noch schnell ein Nickerchen machen möchte, bevor der Vorhang aufgeht und das Spiel beginnt. Deshalb können wir uns heute ziemlich kurz fassen.

Die 6. Woche liefert noch weniger für den Chronisten, was für die gespannten Leser eine herbe Enttäuschung sein dürfte, aber die Erwartungen auf die nächste Woche steigern wird. Tatsächlich können, nein: müssen wir uns auf ein knappes Bulletin beschränken.

Der junge Februar zeigt sich unentschlossen und bewegt sich zwischen kappen Minusgraden und 8° C nachmittags bei relativ langen Hochnebelphasen, was zur Folge hat, dass das Mangfalltal praktisch schneefrei ist und das bedeutet für Fianna: Der Frisbee muss auf die Ersatzbank und der Ball kommt aus der Schublade. Für uns ist das ein kleiner Schritt, für Fianna ein Sprung ins Glück. Sofort ist sie wieder flotter und deutlich engagierter auf den Beinen, was aber nicht bedeuten soll, dass sie nach einigen Spurts nicht doch den Besuch der Mäuselöcher vorzieht und auch den Ball liegen lässt. Aber eine Besserung ist unübersehbar, es scheint mehr Temperament in der Fianna vom Bairischen BluesDer Inhalt nimmt Gestalt anwerdenden Mutter aktivierbar zu sein; Fianna und der Frisbee werden nie mehr ziemlich beste Freunde. Und noch etwas kommt zurück in den Alltag der Fianna vom Bairischen Blues: Unterordnung! Auf den meist noch gefrorenen oder nur leicht angetauten Wiesen und Felder lässt sich jetzt wieder üben, was die kleine Schwarze nun auch vehement einfordert. Und dann strahlt der ganze Hund von der Nasen- bis zur Schwanzspitze und scheint nur noch halb so schwanger zu sein.

Die Übelkeit hat sich inzwischen auch verabschiedet und macht dem Heißhunger Platz, der Fianna an die Taschen aller Bekannten und Freunde lockt, um auf eine kleine Spende zu insistieren. Dabei erweitert sie ihre Körperformen nun sichtbar, was nicht vom Betteln kommt, sondern das Betteln wird zur lebenserhaltenden Notwendigkeit, um die Verursacher des Körperzugewinns ordentlich zu versorgen. Das Hauspersonal hat dafür bedauerlicherweise kein Gespür.

 

Dienstag, 07. Februar 2017, (41. Tag n.E.)

UnterordnungHeute ist wieder etwas Frühling in die Hochnebelbox eingekehrt. Wir machen einen ausgedehnten Mittagsspaziergang – und weil die Chefin dabei ist, darf der Zwerg wieder Unterordnung machen – o happy day!

Danach schreiten wir zur zweiten Maßnahme und reportieren folgende Werte:

Datum vorne Mitte                  hinten           Gewicht
31.01. 75 76 66  
07.02. 77 79 69 32,5

Der Vergleich mit dem G-Wurf am 40. Tag fällt nun wesentlich günstiger aus als letzte Woche (75-78-67; 33 kg). Damit liegt sie nun nur noch knapp über den damaligen Körpermaßen, wiegt dafür ein bisschen weniger. Und der kleine Messfehlerteufel wird auch immer ein bisschen hineinpfuschen.

Fianna vom Bairischen BluesFianna vom Bairischen BluesNun liegen nur noch drei Wochen vor uns, in denen es wieder mehr zu berichten geben wird. Noch müssen wir die Zielkurve umrunden, bis wir zum Schlussspurt ansetzen können. Bis jetzt ist Fianna in bester Verfassung und das gibt uns die Zuversicht, dass sie auch den Rest so souverän wie beim G-Wurf meistern wird. Die Spannung steigt.

Donnerstag, 09. Februar 2017, (43. Tag n.E.)

Kaum hat sich der Frühling getraut, einen Blick hinter der Nebelwand heraus zu wagen, wird ihm schon wieder die Decke über den Kopf gezogen. Wir schreiben den ganzen Tag knappe Minustemperaturen, was wir ja nun schon gewöhnt sind, aber jetzt kommt noch ein herzhafter Ostwind dazu, der uns unter die Kleider fummelt, andererseits jedoch die Hoffnung schürt, dass er den grauen Belag vertreibt.

Bei Fianna beginnen nun die Wochen der Völlerei. Ab der fünften Trächtigkeitswoche entwickeln sich die Feten rasch. Da sie ihre Energie ausschließlich über Glucose decken, sollten mindesten 20% der Nahrung aus Kohlehydraten bestehen. Enthält die Futtergabe keine, muss die doppelte Menge Eiweiß zugeführt werden, um eine ausreichende Glucosebildung zu gewährleisten. Dementsprechend legen wir jetzt bei Fianna nach: Morgens bekommt sie nun hochwertiges Welpenfutter mit dem darin enthaltenen hohen Eiweißgehalt, weil wir sie ja schlecht in ausreichender Höhe mit Kartoffeln und Nudeln ernähren können (was dem Chronisten spielend und mit maximaler Befriedigung gelänge) , mittags geben wir laktosefreien, körnigen Frischkäse mit Reis und abends Rindfleisch oder Hühnchen mit Flocken, Nudeln oder was gerade auf Verwertung wartet. Und einmal die Woche gibt es nun Leber. Pansen oder Lunge, die zwar grundsätzlich gesund und heiß begehrt sind, gibt es nur noch sparsam als getrocknete Leckerli, weil sie nicht sehr energiereich und zudem schwer verdaulich sind. Zur Unterstützung der Skelettbildung geben wir gelegentlich eine Prise Eierschalenmehl oder etwas Seealgenmehl ins Futter, letzteres wegen des hohen Jodgehalts maximal einmal die Woche.

Fianna auf der FährteFianna auf der FährteSchon ganz unruhig war die Chefin seit einigen Tagen, aber nun, da die Wiesen und Felder nahezu schneefrei sind, hält sie und ihren narrischen Hund nichts mehr: Fährte, endlich wieder Fährte! Gleich hinter dem Haus um die Ecke wird der Fährtenstock gesteckt und dann geht es los. Fianna ist beswingt wie vor einem Blind Date und sucht, als ob es um ihr Leben und das ihrer ungeborenen Kinder ginge. Selbst ein trotzig in den Fährtenverlauf einbezogenes Schneefeld bringt sie nicht aus dem Konzept, Winkel nimmt sie geschmeidig wie der gleichnamige Advokat und die Gegenstände sind ihre sichere Beute. Die hat richtig Sehnsucht nach herausfordernder Nasenarbeit gehabt. Und jetzt entschwebt sie mit ihrer Leinenführerin einem Dämmerungsspaziergang entgegen.

 

Freitag, 10. Februar 2017, (44. Tag n.E.)

Pustekuchen mit Pustefix: Der Ostwind ist ein Totalversager, nicht mal ein bisschen Wasserdampf kriegt er weggeblasen. Dafür bleiben wir unter der Nebelblase und frösteln weiter. Alles wie gehabt.

Fianna hat gegen dieses Wetter nichts einzuwenden, nicht nur, weil Hovawarte geborene Frostbeulen sind, sondern weil vermutlich jede werdende Mutter dieses Wetter einem heißen Sommertag vorzieht. Und so langsam dürfte sich Fianna auch daran erinnern, was das kleine Wörtchen 'tragend' bedeutet, denn ihr Bauch füllt sich nun spürbar. Wenn man unter sie greift, kann man die Auspolsterung fühlen, Hohlräume werden sukzessive gefüllt. Fianna genießt es, wenn wir ihren Bauch streicheln und kann keinen Grund erkennen, warum wir damit jemals wieder aufhören sollten.

Andererseits beginnt der Babybauch allmählich lästig zu werden. Wenn sie sitzt, spreizt sie die Schenkel ab, weil der Babybrüter sie auseinander zwängt. Hundesportlich betrachtet wäre das ein beklagenswertes Sitz und würde mit Abzug bestraft.

Aber auch beim Gassigehen kann sie – und will sie – ihren Zustand nicht mehr verbergen. Man ahnt nun auch, warum dieser Zustand in der Fachsprache als Gravidität bezeichnet wird, nicht weil so eine werdende Mutter so gravitätisch schreitet, sondern weil sie mit der Schwerkraft der Murmel zu kämpfen hat. Sie wird behäbiger, will zwar weiterhin ihren Ball und zwar ohne Unterlass, aber die Sprints verlieren deutlich an Spannkraft. Die Flugkurven, wenn sie sich den Ball aus der Luft greift, erheben sich nur wenig über die Tausend frisch gewachsenen Maulwurfshügel. Besonders auffällig ist aber nun, dass sie nicht mehr den abschließenden Gang zum Auto mit allen Tricks verhindern will, sondern ihren Ball zügigen Schrittes und schnurstracks zum Auto bewegt. Auch das Aussteigen aus dem Auto gestaltet sie jetzt zunehmend mit Bedacht und rumpelt nicht mehr Hirn vor Nase hinaus, was aber auch nicht wirklich gravitätisch aussieht. Sie setzt ihre Aktionen nun mit der Verantwortung einer werdenden Mutter.

Die Umstellung auf eiweißreichere Nahrung bleibt auch nicht ganz ohne Folgen: Sie hat nun etwas dünnen Stuhl. Der wird ihr wegen der zunehmend eingeschränkten Platzverhältnisse in ihrem Darm vermutlich zwar nicht ständig begleiten, aber sich immer mal wieder zurückmelden.

 

Samstag, 11. Februar 2017, (45. Tag n.E.)

Die Sonne ist da, ganz ohne Pustefix hat sie es geschafft. Wir sind auf einem Seminar bei den Hundefreunden Oberland in der Nähe des Tegernsees und genießen den angenehm warmen Vorfrühlingstag. Fianna ist natürlich dabei und darf in den Pausen herumflitzen und sich zeigen. Dass sie etwas zu zeigen hat, belegt die Mutmaßung einer Teilnehmerin, als sie sie sieht: "Sieht glatt aus, als wenn sie tragend wäre". Ja, so sieht's tatsächlich inzwischen aus, Gott sei Dank nicht so, als ob sie nur zu gut im Futter stünde.

 

Sonntag, 12. Februar 2017, (46. Tag n.E.)

Das war es dann wieder mit dem scheuen Reh Vorfrühling; weg ist er und der Nebeldeckel mit seinen ekligen -3°C hat sich seinen Platz zurück erobert.

Beim Stuhlgang merkt man nun tatsächlich, dass der Platz für den Darm eingeschränkt ist; wir müssen Fianna jetzt häufiger hinaus bringen, weil sie nicht mehr genug Stauraum hat. Der Darm kämpft wacker gegen eine Fehlbelegung seines angestammten Lebensraums. Das tut er auch nachts, was bedeutet, dass wir (die Chefin) jetzt auch mal nachts geweckt wird, damit es kein Malheur gibt. Und wie schon erwartet, wird der Stuhl auch anhaltend breiiger.

Abwechslung in den letzthin etwas eintöniger gewordenen Alltag bringt heute der schwarze Cento, der zu Besuch kommt und bis morgen bleibt. Die beiden sind ein Herz und eine Seele und verstehen sich blind. Da können sich die Zweibeiner bedenkenlos zurücklehnen, speisen und plaudern, ohne ständig ein Auge auf des Wachpersonal gerichtet zu haben. Wir genießen das, weil die Tage der Entspannung bald aus dem Angebot genommen werden.

 

Dienstag, 14. Februar 2017, (48. Tag n.E.)

Gestern Abend löste sich der Nebel auf und die Temperatur ging in den Keller: -6° C. Heute Morgen sind es dann -7° C und keine Wolke am Himmel. Und so bleibt es den ganzen Tag, dass nachmittags die Temperatur sogar auf spontane 8° C steigen konnte, was den Spaziergänger mit seiner dicken Winterjacke beinahe in den Hitzestau treibt. Auch Fianna nimmt das etwas die Puste: Spontaner Temperaturanstieg plus Babyballast macht sie bescheiden, und trotzdem bettelt sie um jeden Ball. Für ihre Kinder muss das wie ein Ausflug auf einer Rüttelplatte sein.

Die fällige Maßnahme belegt, dass Fianna unbeirrt und stracks ihrer Bestimmung entgegen eilt:

Datum vorne Mitte                  hinten           Gewicht
31.01. 75 76 66  
07.02. 77 79 69 32,5
14.02. 78 83 80 35,4

Wir haben die Zielkurve hinter uns und sehen das Zielband schon im Frühlingslüftchen flattern.

Mittwoch, 15. Februar 2017, (49. Tag n.E.)

 

Fianna mit den KindernFianna und die MädchenWir fahren nach Hohenpeißenberg, in den schönen Pfaffenwinkel, um einen Geburtstagsgruß zu entbieten und zwei zauberhafte Kinder an Fiannas Innenleben lauschen zu lassen. Fianna lässt sich von den Mädels alles gefallen, legt ihren Kopf in deren Schöße, dreht sich auf den Rücken, damit deren Informationsbedürfnis ausreichend befriedigt werden kann. Sie ist ein Engel an Geduld und Hingabe, ist sich für nichts zu schade und für alles gut genug. Für das Wohl ihrer Kinder und ihr eigenes ist kein Kniff und Knuff und kein Gekuschel zu viel.

Anschließend statten wir dem heiligsten aller heiligen Berge der Bayern, Kloster Andechs, einen Besuch ab und machen mit Freunden an diesem strahlend blauen Nachmittag eine Wanderung. Solche Graviditätsmärsche gehören zur DNA des Blues. Obwohl wir sie nie bewusst planen, ereignen sie sich einfach und schieben sich in die Schwangerschaftsagenda wie ein Naturgesetz. Schon Fiannas Vorgängerinnen sahen sich unversehens längeren Wanderungen über Stock und Stein ausgesetzt, vor allem Anouk hatte in dieser Hinsicht einiges auszuhalten, und eigentlich immer in einem sehr fortgeschrittenen Fianna mit BallNoch immer ganz schön fit und fixSchwangerschaftsstatus. Fianna musste bei ihrem ersten Wurf fast zehn Kilometer in McPomm neben unseren Fahrrädern traben, bis wir endlich einsahen, dass dieselbe Strecke zurück doch ein bisschen zu viel des Guten gewesen wären und die Chefin allein zurück radelte und das Womo in Malchow vorfuhr. Damals war Fianna im 35. Trächtigkeitstag. Heute ist sie am 49. Tag und trödelt munter und geschmeidig 8,5 Kilometer über sonnige Wiesen und durch schattigen Forst neben uns her. Erschöpfung können wir bei ihr nicht feststellen. So eine Bewegungsspritze sorgt unserer Ansicht nach dafür, dass der Hund nicht vor lauter Fürsorge einrostet, sondern geschmeidig bleibt. Eine fitte Hündin kann eine lange Geburt erheblich besser gestalten und überstehen als eine erschlaffte. Im übrigen können auch die Zwerge schon mal Bekanntschaft mit einer Grundregel des Hundedaseins machen: Ein Hund ist ein Lauftier und kein Faultier.

Danach sitzen wir im Andechser Bräustüberl, füllen unsere Energiespeicher wieder auf und lassen auch Fianna daran teilhaben. Dass Silvia, jawohl, dieselbe, die Fianna schon vor zwei Wochen ein Schlemmererlebnis beschert hatte, auch diesmal einen halben Futterladen im Gepäck hat, versteht sich von selbst. Aber heute nehmen wir die Armenspeisung mit nach Hause, um sie nach dem bevorstehenden Großereignis zuzuteilen.

Der einzige Schatten, der auf diesen nahezu perfekten Tag fällt, ist jener spezielle, fast vergessene Duft, der unvermittelt wieder überm Bayernland liegt: Die Bauern sind wieder emsig mit den Güllefässern unterwegs. Kaum ist der Boden einen halben Zentimeter aufgetaut, sitzen sie auf ihren PS-Protzen und singen uns die aktuelle Version des alten Kinderlieds: Im Hornung der Bauer den Odel versprüht. Wenn man dieses Vergnügen des Landmanns erlebt, ahnt man, wie ihn die Tage des Frosts in seinem Selbstverständnis getroffen haben müssen, während sich der Füllstand der Gruben dem Überlauf näherte. Doch nun ist es wieder soweit: Jetzt odel nie!

 

Donnerstag, 16. Februar 2017, (50. Tag n.E.)

Wir stellen fest, dass die Ernährungsumstellung auf eiweißreiche Nahrung nun geglückt ist: Fiannas Output ist wieder fest und kompakt wie eh und je. Und noch etwas zeigt sich nun: Die Riesenportionen, die wir ihr nun über den Tag verfüttern, werden von ihr komplett verbraucht und verwertet. Die deutlich erhöhten Kotmengen der vergangenen Tage haben sich normalisiert. Das bedeutet, dass wir Fianna kein Fett anfüttern, sondern genau so viel anbieten, wie sie dringend braucht. Die Bande hat jetzt offenbar einen enormen Appetit und holt aus ihrer Mutter noch den letzten Krümel.

 

Freitag, 17. Februar 2017, (51. Tag n.E.)

Nachdem wir gestern nochmal einen Tag mit Kaiserwetter hatten, trübt es sich heute langsam ein, bis es abends regnet. Dafür bleiben die Temperaturen ganztägig im Plus.

Bei uns steigt dagegen die Spannung und Anspannung. Fiannas Schwangerschaft ist nun in einer kritischen Phase, in der nichts passieren darf. Weil eine Hündin in der Natur so lange wie möglich den Alltag meistern, also auch jagen können muss, entwickeln sich die Feten zu Beginn der Trächtigkeit sehr langsam, um dann in den letzten Tagen richtig Tempo aufzunehmen. Das bedeutet aber nicht nur, dass die Hündin jetzt optisch zu explodieren scheint, sondern dass erst in diesen Tagen die lebensnotwendigen Organe, wie beispielsweise Leber und Lunge, ausgebildet werden. Kommt jetzt eine Fehlinformation aus dem Hormonsystem der Hündin, die das Band anwirft und mit der Auslieferung beginnt, war alles umsonst. Dann würde sie uns einen Kinderfriedhof bescheren. Und all jenen, die täglich mit heißem Herzen auf Neuigkeiten vom Bairischen Blues warten, blieben nur noch heiße Tränen. Und uns auch. Mindestens bis zum 55. Tag muss Fianna ihren Hormonhaushalt im Griff behalten, danach können wir langsam Entwarnung geben.

FiannaFiannaEs besteht kein Zweifel mehr, dass Fianna nun auf der Zielgeraden angekommen ist und sich zunehmend schwergliedriger auf die Ziellinie zu bewegt. Ihre Spaziergänge sind zwar immer noch nicht ohne Ball denkbar, aber sie trägt ihn eher wie eine Trophäe mit sich, als dass sie ihm hinterher hetzt. Wir helfen ihr jetzt schon mal beim Ausstieg aus dem Auto, weil sie dabei doch sehr bedenklich ächzt, wenn ihr die ganze Kinderschar gegen Zwerchfell und Lunge rumpelt. Und sie nimmt die Hilfe dankend an. Generell wird sie nun auch nörgeliger, ist mit ihrem Zustand im Unreinen und wird manchmal aus Ungeduld lästig, jammert herum, geht auf Wanderschaft und weiß nicht, wie sie sich hinlegen soll, was man ihr nachfühlen kann, wenn man die mächtig gewachsene Kugel, die sie mit sich schleppt, in Betracht zieht. Ja, es gibt keinen Zweifel: Das Vorprogramm geht los. Und wir bezweifeln, dass sie bis zum offiziellen Termin am 1. März durchhält.

 

Samstag, 18. Februar 2017, (52. Tag n.E.)

Es ist, als ob sich Fiannas Zustand stündlich auf einen neue Ebene heben würde. Sie, die nie eine große Leidenschaft für einen gemeinsamen Bettaufenthalt entwickelt hat, verspürt nun das Bedürfnis, sich morgens die Babykugel streicheln zu lassen. Doch schon der kleine Satz ins Familienbett, löst bei ihr ein anhaltendes "pf-pf-pf-pf" aus, als ob sie soeben drei komplette Schutzdienste bei 30° im Schatten absolviert hätte. Aber die Krauleinheiten rechtfertigen jede Anstrengung und sie entspannt sich wie ein geschundener Rücken im Hamam-Bad.

Heute haben wir von 11 Uhr bis 18 Uhr drei Partien von Welpeninteressenten zu Gast, was für die aufmerksame Mutter eine schöne Abwechslung ihres Alltags darstellt. Einerseits gilt es gleich zu Beginn eines Besuchs die Besitzverhältnisse im Anwesen derer vom Blues mit dem Brustton der Überzeugung klarzustellen und sein Potential als Wachhund zur Aufführung zu bringen, andererseits genießt sie nach dieser Pflichtübung die Huldigungen und Schmeicheleien des Besuchs. Die sitzenden Schöße sind in perfekter Kopfhöhe positioniert, eben gerade recht, um mit schmachtend nach oben gerichtetem Blick auf sich und das unerfüllte Zärtlichkeitsbedürfnis aufmerksam zu machen. Für uns ist das ein Hinweis, dass wir unseren Hund vernachlässigen, aber auch, dass sie gegen diese Besucher nichts einzuwenden hat. Sie, wie auch ihre Vorgängerinnen, haben uns in Einzelfällen unmissverständlich bedeutet, dass ihnen jene Besucher suspekt waren. Diesem Fingerzeig sind wir dann auch jeweils gefolgt.

Kann es denn sein, dass Fianna schon wieder einen Tagesring auf ihren Umfang gelegt hat? Jedenfalls ächzt und schnauft sie bei ihren täglichen Verrichtungen, wie uns scheint, noch ein bisschen mehr. Vor allem abends atmet sie hart, vielleicht weil die Haberfeldtreiber in ihrer Brutglocke die Partymeile eröffnen. Dagegen spricht, dass wir von ihnen noch keine Bewegung erspüren konnten. Aber sie leben, soviel ist klar, denn diesen Ranzen bekommt man nicht von toten Früchtchen und auch nicht durch zu üppige Mahlzeiten.

 

Sonntag, 19. Februar 2017, (53. Tag n.E.)

Nachdem wir gestern einen angenehmen Vorfrühlingstag erleben durften, der nachts in dickem Nebel verschwand, steht der Sonntag mit -6° C auf, was die Chefin bei ihrem Morgenspaziergang wieder unter einer dicken Pudelmütze verschwinden lässt. Der Hilfschef kämpft derweil noch mit den Nachwirkungen eines nächtlichen Giftgasangriffs, als Fianna das Schlafzimmer, trotz der gekippten Balkontür, mit einem ätzend beißenden Gasgemisch kontaminierte. Und bei jeder geglückten Attacke sagte sie leise "puh" dazu. Die Luft im Zimmer war so angedickt, dass eine Flucht aussichtslos erschien, weil der Weg zur rettenden Tür für diese atmosphärischen Verhältnisse einfach zu weit wäre. Dieses Gasgemisch könnte als Vorstufe zur Schwarzen Pest als flatulenzia negra in der Fachliteratur Erwähnung finden. Was erzeugt bei einer sonst komplett flatulenzfreien Hündin solche Stinkbomben? Vermutlich waren es die Hühnerschenkel, die wir gestern auf Vorrat gekocht und eingekocht haben, von denen doch einiges als Beifang in Fiannas Schlund gelangt war. Vor allem dürfte es aber die schrankreine Pflege der Töpfe gewesen sein, deren Fettanteil Fiannas Gärkammer in Betrieb setzte. Nun sollten wir aber heute wirklich auf ein Lebenszeichen der Welpen achten, nicht dass sie die ersten Opfer dieser olfaktorischen Pestilenz wurden.

BAu der WurfkisteThe making of the SchnullerboxProbeliegen in der SchnullerboxProbeliegen in der SchnullerboxAm späten Vormittag liegt Fianna bei schmeichelnden 8° C auf der Terrasse und offeriert uns ihre Babyplauze. Und tatsächlich: Es rührt sich etwas, es stupst etwas gegen die Bauchdecke. Leider werden wir nie erfahren, ob es Hierankl war oder Hyderabatz, die ein Lebenszeichen gesandt haben. Der Chefastrologe des Blues schwört, dass eher Hatnix mit Hilftnix eine Polka getanzt hat. Fiannas Zyklon H hat zumindest nicht alles Leben ausgelöscht, was für uns das Signal ist, jetzt sofort die Schnullerbox aufzubauen. Eine knappe Stunde später ist die Küche nach bewährtem Plan umorganisiert und die Kiste aufgebaut; jetzt könnten sie kommen – was wir aber inständigst nicht hoffen wollen. Zwei, drei Tage are still to go für Haltauf und Heigeign, Haderlump und Hatschepsut.

Nun wird auch der Waschlakai des Blues wieder aktiv, indem er ein ganzes Textillager Babylaken auskocht. Diese Auslegeware der Schnullerbox wurde zwar nach der letzten Verwendung abgekocht eingelagert, aber nach eineinhalb Jahren Aufenthalt im Keller bedürfen sie vor einer weiteren Verwendung einer neuerlichen Hitzebehandlung, damit die Zwerge in frisch duftende Laken fallen können. Die auf uns und die Waschinfrastruktur zukommende Dauerbelastung hat uns auch dazu bewogen, dem greis röchelnden Trockner den Abschied zu geben und uns ein neues Modell zuzulegen, damit wir nicht mitten im größten Wäscheberg mit einem streikenden Trockner stehen; das wäre ein echter Stimmungskiller. Am Dienstag wird der neue Trockner in unseren Keller einziehen. An solche Investitionen zum Wohle unserer Kinder und deren Besucher sind wir gewöhnt, haben wir bei dieser Gelegenheit doch schon mal en passant eine neue Waschmaschine und einen neuen Kaffeeautomaten erstanden, damit niemand glauben soll, wir würden uns mit unseren Welpen unangemessen bereichern. Beim Blues wird nahezu alles wieder in den Wirtschaftskreislauf investiert, und zwar schon im Voraus. Uns kann man wirklich nicht nachsagen, dass wir zu einem Investitionsstau beitrügen.

Fiannas optische Ausdehnung verführt uns dazu, eine vorzeitige Zwischenmaßnahme vorzunehmen, weniger weil wir Sorge haben, dass sie platzt als unsere Neugier zu befriedigen:

Datum vorne Mitte                  hinten           Gewicht
31.01. 75 76 66  
07.02. 77 79 69 32,5
14.02. 78 83 80 35,4
19.02. 79 89 80 36,6

Für den Rest der Trächtigkeit werden wir nun auch die morgendliche Trockenfutter-Ration aufteilen und ihr eine Hälfte davon am späten Vormittag geben, damit ihr gepresstes Magenvolumen nicht überstrapaziert wird, was sie sicher dankbar annehmen wird.

 

 Dienstag, 21. Februar 2017, (55. Tag n.E.)

Es regnet und stürmt bei 8° C, das ist das Signal für den Bauhof, die Schneestangen an den Straßenrändern abzuräumen: Es gibt keinen Winter mehr, der Frühling stürmt mächtig herbei. Davon sind zumindest die Frühlingsboten des Bauhofs überzeugt. Uns soll es recht sein.

Wir konzentrieren uns auf die Vorboten von Fiannas Niederkunft. So ganz langsam können wir nämlich ein wenig entspannen, denn der 55. Tag der Trächtigkeit ist angebrochen, und obwohl die Schwangere immer anhaltender hechelt und ächzt und stöhnt, gibt es noch keine Anzeichen einer nahe bevorstehenden Geburt. Wir sollten also der schlimmsten Bedrohung, einer Frühgeburt, entgangen sein. Die näherrückende Niederkunft zeigt sich darin, dass Fianna nun nicht mehr ungestört durch die Nacht kommt: Einmal muss sie immer raus in den Garten, um Darm und Blase zu entleeren. Für das Zuchtpersonal heißt das, bloß keine Lebensäußerung zeigen, wenn Fianna unruhig wird und fiemt, denn wer sich zuerst bewegt, muss barfuß und spärlich gekleidet in die frostige Nacht. Und das kann sich ziehen, bis so eine Hündin 37 Kreisel an 25 verschiedenen Plätzen im Garten gedreht hat, bevor sie den einzig angemessenen Platz für ihren Darminhalt gefunden hat. Danach gilt es, einen weiteren Platz für den Blaseninhalt auszubaldowern. Wenn man das ohne abgefrostelte Beine überstanden hat, marodieren einem die Katzen um die Beine und klagen ihr Frühstück ein, egal um welche Uhrzeit. Und wer unsere steinalte Jamie kennt, weiß, was herzerweichende Penetranz ist. Morgens um 4 Uhr...

Beim Frühstück bekommt Fianna angesichts des Trockenfutters zunehmend lange Zähne. Sie nimmt es zwar, lässt aber keinen Zweifel daran, dass es sie beachtliche Überwindung kostet. Wir beschließen deshalb, ihr nun auch morgens Reis mit Hüttenkäse zu geben, das flutscht besser und trägt nicht so auf im Bauch.

Das, was im Bauch aufträgt, wird sich in den nun kommenden Tagen sowieso genug bemerkbar und uns allen zu schaffen machen. Die Spannung steigt – bei uns und in Fiannas Bauch sowieso.

Mittwoch, 22. Februar 2017, (56. Tag n.E.)

Die Sonne ist wieder da, und zwar gleich mit 8° C morgens, da scheint sich der Frühling doch tatsächlich mit breiter Brust ins Mangfalltal schieben zu wollen. Die Mangfall selbst ist allerdings nach einem Tag Regen schon wieder ziemlich voll gelaufen, weil das Wasser auf den betonharten und teilweise noch immer gefrorenen Böden nicht ablaufen kann. Dazu ist es reichlich stürmisch. Fianna ist das egal, sie stapft beim Morgenspaziergang behäbig und getreulich neben ihrem weiblichen Begleitschutz her; sie hat momentan keine Probleme, die über die Last eines erdschweren Bauches hinausgingen.

Eine Woche vor dem errechneten Wurftermin beginnen wir bei Fianna mit der Temperaturmessung, um nicht zu verpassen, wann es losgeht. Kurz bevor die Wehen einsetzen, sinkt nämlich die Rektaltemperatur schnell um 1 - 2 Grad und steigt mit Beginn der Geburt wieder an. Bei manchen Hündinnen beginnt die Geburt ziemlich rasch nach dem Temperatursturz, andere nehmen sich noch einen halben Tag Bedenkzeit, aber an der Zuverlässigkeit der Botschaft kann nicht gerüttelt werden: Wenn es kühl wir unterm Schwanz, geht's allen bald an die Substanz.

Heute Morgen messen wir bei Fianna 37,4°. Die Messung lässt sie stoisch über sich ergehen, vielleicht weil sie sich vom letzten Mal noch erinnern kann, dass es sich lohnt stillzuhalten. Damals gab es nämlich, wie schon für ihr Vorgängerinnen, den begehrten Leberwurst-Award, ein dicker Klecks Leberwurst auf Brot, Semmel oder Breze, für besondere Leistungen auch ohne überflüssige Kohlenhydrate direkt vom Finger. Dafür lässt sie die lästige Prozedur widerstandslos über sich ergehen, am geschmeidigsten, wenn sie dabei den Kühlschrank im Blick hat und das Schweine-Nougat schon förmlich auf sich zukommen sieht. Unser Metzger freut sich über den nun anhaltenden Anstieg seines Leberwurstumsatzes, weil wir zur Kontrolle von Infektionen und Entzündungen Fiannas Temperatur auch nach der Geburt noch messen werden. Für jetzt und heute ist alles bestens, es scheint ihr sogar deutlich besser zu gehen als in den vergangenen Tagen, jedenfalls hechelt und ächzt sie viel weniger und räkelt sich wie ein Plus-Size-Model unter der bayerischen Frühlingssonne genüsslich im Garten. Habakuk und Harlekin müssen sich dabei vorkommen wie Captain Hornblower vor Kap Hoorn.

Und noch etwas beginnt heute: Täglich zweimal fünf bis zehn Globuli Pulsatilla, das die Geburtswege vorbereitet, sie also geschmeidig macht. Auch das hat Tradition und sich bewährt, sofern man überhaupt eine Wirkung erkennen kann, denn schließlich wissen wir ja nicht, wie die Geburten ohne Pulsatilla abgelaufen wären. Es ist der Glaube, der des Menschen Handeln steuert. Oder eben der Aberglaube, was letztlich auf dasselbe hinausläuft.

Die zweite Tagesmessung nehmen wir nach Mitternacht vor, also eigentlich schon morgen, weil die Chefin sich bis spät in die Nacht im schulischen Netzwerk verstrickt hatte, wie einst Laokoon, und der Hilfschef aus dem Alter heraus ist, in dem es ihm noch angebracht scheint, jungen Frauen unter die Röcke zu gehen: 37,6°. Das lässt auf eine sehr entspannte, wenn auch kurze Nacht hoffen.

Der Meinung scheint auch Fianna zu sein, weil sie sich heute zu etwas entschließt, was bei ihr sonst undenkbar ist: Sie legt sich zwischen uns ins Bett! An normalen Tagen besetzt sie abends das Bett des Ersatzchefs genau so lange, bis er dieses besteigt, dann ist sie weg und tritt höchstens neben das Bett um sich ein paar Bettikrauler abzuholen. Morgens steigt sie manchmal ins Bett, rollt sich am Fußende zusammen und verschwindet nach zwei oder drei Minuten wieder. Und nun das! Lang auf dem Rücken ausgestreckt, liegt sie zwischen uns und bietet uns ihren Bauch, damit wir ihre Kinder kraulen und zählen, die munter wie die Kobolde Beulen in ihre Bauchdecke stupsen. Die einen zählen zum Einschlafen Schäfchen, die anderen ungeborene Welpen. "Fühl mal da: Das muss der Hotzenplotz sein." "Glaub ich nicht, eher Hillbilly." Vielleicht auch der Hustinettenbär...

 

Donnerstag, 23. Februar 2017, (57. Tag n.E.)

Dieser Donnerstag, auch bekannt als Schmotziger Donnerstag, Unsinniger Donnerstag oder eben Weiberfastnacht, beginnt genau so verstörend, wie er für einen Antikarnevalisten klingt! Wenn morgens um sechs eine Horde überfideler Weiber ins Haus gestürmt käme, um dem Zuchthelfer den Schlips abzuschnippeln, wäre er aus kaum weniger Wolken gefallen als jetzt. Das beginnt damit, dass die Chefin ihrem Wecker um fünf Uhr mit einem Handkantenschlag das Weckrecht entzogen hat und erst um 5:55 Uhr selbsterweckt aus dem Tiefschlaf taumelt. Um 6:15 Uhr ist Abfahrt zum Bahnhof Bruckmühl. Es bleiben 20 Minuten für morgendliche Turbo-Routinen – und eine fiannische Temperaturmessung. Was das für den Nebenschläfer bedeutet? Er ist der Chauffeur! Und er hat das Privileg, sich den Morgenroutinen später widmen zu können. Dennoch ist dieser Tagesbeginn kein Erwachen, sondern ein In-den-Tag-Stürzen, ein umgekehrter Bungee-Jump aus den samtigen Tiefen des Schlummers ins lärmende Licht eines unsinnigen Donnerstags. Das wäre schon ausreichend, um anhaltende Turbulenzen in der mentalen und emotionalen Wohlfahrt des Aufgescheuchten auszulösen.

Doch dann wird aus dem Unsinnigen Donnerstag tatsächlich auch noch Weiberfastnacht: Die Chefin misst bei Fianna 36,7 Grad, fast ein ganzes Grad weniger als gestern Abend. Faschingsscherz oder Weiberschock? Wenn man dieser Messung glauben kann, stehen wir kurz vor dem Showdown, der Niederkunft. Ein Blick auf Fianna lässt erhebliche Zweifel an der Richtigkeit aufkommen: Sie hat gestern normal gespeist, sie sieht rundum munter aus, obwohl auch sie aus dem Schlaf gerissen wurde und ihr Bauch hat sich noch keinen Millimeter gesenkt. Das zumindest wäre unbedingte Voraussetzung für eine Geburt. Also hat das Thermometer wohl Wind vom spaßigen Treiben an diesem Tag bekommen und gemeint, auch seinen Teil dazu beitragen zu müssen. Wir einigen uns wortlos auf Messfehler oder einen Kaltstart von Fianna und vertrösten uns auf die Abendmessung, weil wir ihr einen zweiten Zugriff auf ihr Hinterteil nicht zumuten wollen, obwohl sie das mit einem Lockfinger voll Leberwurst sicher in Kauf genommen hätte. Und ein Blick auf die Uhr lässt sogar diese kurze Korrekturmessung nicht ratsam sein; es ist höchste Eisenbahn.

Ein Blick in die Chronik des 58. Tages des G-Wurfs belegt, dass Fianna wie ein Präzisionsuhrwerk arbeitet. Auch damals lieferte sie morgens 36,8°, um bald darauf wieder auf standardisierten 37° zu sein. Der Kaltstart morgens ist offenbar nicht ihr Ding. Uns bestätigt es in unserer rückeroberten Gelassenheit.

Der Himmel versüßt diesen jecken Morgen mit einem makellosen Blau und 7° C. Immerhin. Und der Wind hat sich auch dorthin verzogen, wo wir auch noch gerne wären: ins Bett.

Fianna im WeidenbiotopEin kühler Bauch nach der Rollkur für die KinderFiannaNachmittags steigen die Temperaturen auf fast 20° C mit einer leise fächelnden Brise, was Fianna und ihrem Butler einen herzöffnenden Frühlingsspaziergang beschert. Wieder müssen Huckleberry und Histamina eine speiüble Fahrt um Kap Hoorn erdulden, weil ihre Mutter mehr rollt als trabt. Unterbrochen wird die Rollkur nur durch mehrere Darmentleerungen, weil sie nun wirklich nicht mehr viel Stauraum hat. Sie kann ihren Darm zwar ziemlich lange unter Kontrolle halten, aber wenn sie die Gelegenheit hat, drückt sie noch die letzte gequetschte Darmwindung aus.

Heute verstrickte sich die Chefin noch tiefer in ihrem Netzwerk, sodass der Statthalter des Blues um 23:45 Uhr ein Einsehen hat und nach München fährt, um die Chefin abzuholen, bevor sie die Nacht im tristen Lehrerzimmer verbringen muss. Kurz nach 1 Uhr kann sie ihren schwarzen Zwerg dann in die Arme nehmen und ihr fast zeitgleich das Thermometer in den Allerwertesten stecken. Es ist so ähnlich wie bei den Tuareg: Wenn du glaubst, sie umarmen dich, stechen sie dir von hinten zwei Messer in den Rücken. Unterschied: Du kriegst anschließend keine Leberwurst dafür (Schweinefleisch!), noch nicht mal eine Dattel. Die nächtliche Messung ergibt 37,5° C. Also doch Weiberfastnacht! Und der Reservechef fühlt sich dabei noch nicht mal auf den Schlips getreten ...

 

Freitag, 24. Februar 2017, (58. Tag n.E.)

Der Wettergott hält es mit dem Antikarnevalisten des Blues und hält nichts vom Rußigen Freitag. Deshalb stürmt er draußen herum, regnet alles pritschelnass, damit kein Rußpartikelchen eine Überlebenschance hat, verhängt das Mangfalltal zusätzlich mit schweren, schwarzen Tüchern, damit eventuelle Rußrückstände vor diesem Hintergrund auch bestimmt nicht mehr zu unterscheiden sind. 3° C müssen für diese rußlose Aktion reichen. Da ist Fianna von einem ganz anderen Kaliber, sie kann sich auf 37,7° C erwärmen, was uns sehr recht ist.

Weil wir schon gerade dabei sind, nehmen wir gleich noch eine Maßnahme vor und kommen zu folgendem Ergebnis:

Datum vorne Mitte                  hinten           Gewicht
31.01. 75 76 66  
07.02. 77 79 69 32,5
14.02. 78 83 80 35,4
19.02. 79 89 80 36,6
24.02. 78 92 87 39

Wir vergleichen Fiannas Maße mit denen vom 59. Tag des G-Wurfs und sehen unsere Uhrwerkstheorie bestätigt: 79-95-83 – 38,5. Und würflich grüßt das Murmeltier. Problematisch werden allerdings langsam die Gewichtsfeststellungen, weil sie nach der Formel GH = (GM + GH) - GM ermittelt werden [G = Gewicht, H = Hund, M = Mensch] und bei knapp 40 kg H die Lendenwirbel von M ganz schön knacken.

SchneeschauerRußiger Freitag oder doch Schmotziger Donnerstag?Mittags zeigt das Außenthermometer 4° C, es stürmt herzerweichend und bald darauf verfinstert sich das Mangfalltal unter diversen Schnee- und Graupelschauern.

Die Chefin hat sich heute heroisch selbst aus den Umarmungen ihres Netzwerks befreit und ist schon um 16:30 Uhr zu Hause und in Wurfbereitschaft; die Faschingsferien sind angebrochen, nun kann Fianna loslegen. Alles ist im Bereitschaftsmodus. Schwester, Tupfer bitte.

Die fiannische Rektalmessung ergibt um 17 Uhr 37,3°, allerdings scheint uns nun eine kleine Veränderung des Rückens erkennbar zu sein: Dort wo sich der Bauch bisher vom Rückgrat aus prall nach außen wölbte, lässt sich eine leichte Delle erahnen, die wahrscheinlich ein erstes Absenken der Babykraxe signalisiert.

Fiannas Appetit ist uneingeschränkt, sie grunzt, wenn wir ihre Kugel kuscheln und ist noch immer guter Dinge. Wenn man der Uhrwerkstheorie folgt, wird das allerdings nicht mehr lange so bleiben.

 

Samstag, 25. Februar 2017, (59. Tag n.E.)

Fianna am MorgenMorgens im MangfalltalUm 7:30 Uhr durchstreift die Chefin mit Fianna das Mangfalltal bei -3° C und königsblauem Himmel. Auch der Wind ist weg und die Sauerei von gestern erscheint heute wie ein Theaterdonner. Alles weg. So erfrischend und wohltuend dieser Spaziergang ist, Fianna genießt ihn nur eingeschränkt. Erstmals versucht sie an den strategischen Kreuzungen, den kurzen Weg nach Hause vorzuschlagen, dort wo sie sonst keine Diskussion über die Richtung aufkommen lässt: weiter, immer weiter. Heute trottet sie herum und vermittelt ihrer Begleiterin an jeder Kreuzung: Take the short way home, Sophie. Aber Sophie denkt nicht daran, weil sie davon überzeugt ist, dass die Schwangere so lange an ihrer Fitness und Frische arbeiten muss, wie es zumutbar ist, und ihre Geschmeidigkeit nicht der Wirkung von Pulsatilla überlassen darf. Zur Strafe verweigert Fianna am Ende des Spaziergangs die Annahme eines Standardleckerlis; das getrocknete Herz findet jedoch ihre Zustimmung. Wir fragen uns in diesem Fall schon, ob sie nun wirklich in die Mäkelphase eintritt oder ob sie nur die Dehnbarkeit unserer Prinzipien austestet. Bei ihr, wie bei jedem Hovawart, darf man sich getrost aufs Zweite festlegen.

Nach dem Spaziergang hat sie 37,3°, was normal scheint, aber angesichts eines soeben fast einstündigen Marsches vielleicht auch etwas höher ausfallen könnte.

Zum Frühstück (Quark mit Eigelb und Honig) geben wir ihr erstmals auch Frubiase Calcium (Ampullen). Bisher haben wir das erst nach der Geburt gegeben, um den enormen Kalziumverlust durch das Laktieren auszugleichen und einer Eklampsie vorzubeugen. Neuere Erkenntnisse zeigen aber, dass man schon vor der Geburt damit anfangen kann, allerdings nur so dosiert, dass der Kalziumproduktion der Hündin dadurch nicht unterdrückt wird.

Nun müssen wir aber doch ein wenig gyn-ekelogisch werden, weil sich die Vorboten einer Geburt nun mal nicht an der Nasenspitze manifestieren, sondern am anderen Ende der Hündin. So lässt es sich nicht mehr übersehen, dass sich Fiannas Vulva deutlich vergrößert hat, und verschleimte und versabberte Hosen deuten eindeutig darauf hin, dass sich der Cervixpfropf gelöst und den Muttermund freigegeben hat.

Fianna in der SonneFianna beim SonnenbadJamie Lee im GartenAuch unsere alte Jamie genießt die SonneNachmittags liegt ungetrübter Sonnenschein über dem Mangfalltal und der Blues saugt im Garten die Strahlen auf. Fianna wendet sich minütlich, um ihren Nachwuchs gleichberechtigt vom kosmischen UV-Strahler profitieren zu lassen.

Den Nachmittagsspaziergang absolviert sie dann noch etwas lustloser als morgens und lässt keinen Zweifel daran, dass sie gut auf ihn verzichten könnte. Am Futternapf verhält sie sich wieder völlig unauffällig und nimmt zu sich, was ihr angeboten wird. Um 19:30 Uhr nehmen wir wieder ihre Temperatur und lesen 37,4° ab. Aber der Ausfluss nimmt zu. Sie ist absolut ruhig und entspannt, doch wer weiß? Beim G-Wurf meldete sie an genau diesem Tag, ebenfalls ein Samstag, weil wir mit dem G-Wurf absolut synchron laufen, 36,5° gegen 23 Uhr. Da ist noch alles drin heute.

22 Uhr: 37,8°. Da läuft doch was in die falsche Richtung ...

 

Sonntag, 26. Februar 2017, (60. Tag n.E.)

Die Nacht auf den Faschingssonntag verläuft gespenstig ruhig, nur Fiannas schwerer Atem durchbricht die Stille und das Rumpeln, wenn sie sich umbettet. Sonst verhält sie sich komplett ruhig und muss auch nicht in den Garten. Wir genießen die Nacht und ahnen, dass sie für einige Tage wohl die letzte dieser Art sein würde.

Um 7:45 Uhr misst die Chefin bei Fianna 37°.

Der Spaziergang durch einen freundlichen Fastnachtsmorgen, der vom Dorf schon Musikfahnen herüber weht, gestaltet Fianna noch schwerfälliger als gestern. Ihr sonst so eleganter Körper nimmt nun zunehmend die Gestalt einer Ziege an, der eine Kugel unterhalb des Rückens baumelt. Wenn sie sich nun hinsetzt, besteht keine Gefahr mehr, dass sie nach vorne kippen könnte, weil ihre Wampe stabil auf dem Boden aufliegt. Keine Frage: Fianna bringt ihre Eingeweide in eine gebäroptimierte Position. Eine halbe Stunde schlendert sie bauchbaumelnd neben ihrer Chefin her, ihren Ball zwischen den Zähnen und alle Sinne scharf auf die Umgebung gerichtet: Fianna inspiziert und sichert ihr Revier. Im Vormärz der Niederkunft ist es unerlässlich, Fressfeinde fernzuhalten und auch sich selbst zu schützen, weil sie natürlich sehr genau um ihre körperlichen Nachteile weiß, die sie bei einem Waffengang unweigerlich ins Hintertreffen geraten ließen. Fianna ist zwar nicht mehr Flitz und Flummi, dafür umso mehr Auge und Ohr.

HähnchenfrühstückHähnchenfrühstückGleich nach dem Spaziergang messen wir zur Kontrolle noch einmal die Temperatur und bekommen 37,2°. Nach einer halbstündigen Fitnesseinheit würde das Thermometer normalerweise deutlich höher liegen. Der Abwärtstrend ist also offenbar kein morgendlicher Kaltstart, wie wir ihn neulich schon zu verzeichnen hatten, sondern real. Ebenso wegweisend ist die Verweigerung des Köttbullar, eines jener schwedischen Fleischbällchen, die wir gerne mal statt der Leberwurst als Belohnung fürs Stillhalten geben. Fianna ist abgeneigt, Bandit ist dagegen sehr geneigt und zerlegt den Fleischknubbel dankend und mit Genuss. Die ersatzweise angebotene Standard-Leberwurst findet dagegen ihr Gefallen, allerdings mit langen Zähnen. Es sieht also alles nach der einsetzenden Mäkelphase aus, was uns veranlasst, ihr heute Morgen pures Hühnchen zum Frühstück zu servieren, weil nach aller Erfahrung ein Hühnchenmenü mit Sättigungsbeilagen aus Reis und/oder Hüttenkäse zurückgewiesen würde. Zum puren Hühnchen findet Fianna dagegen sehr schnell Zugang; sie wird uns also nicht verhungern.

Wie weit Fianna schon in ihrer Schwangerschaft ist, zeigt sich auch im Milcheinschuss, der bei ihr spät einsetzt, beim G-Wurf erst mit der Geburt, anders als bei ihrer Mama, die ihre Molkerei schon mindestens vier Tage vor der Niederkunft in Betrieb nahm und für den Ernstfall testete. Jetzt könne wir ihr ein winziges Tröpfchen abtrotzen und wissen, dass ihre Versorgungssysteme in Schuss sind.

Den Vormittag verbringt Fianna entspannt in der stabilen Seitenlage.

Faschingsumzug in VagenFaschingstreiben in VagenFaschingsumzug in Vagen... und fesche DirndlFaschingsumzug in VagenFlotte Burschen ...Um 13 Uhr gehen wir zum Vagener Faschingsumzug (bay.: Gaudiwurm), der alle zwei Jahre stattfindet, heuer mit 36 Motivwagen und jeder Menge Fußtruppen. Der Andrang ist so groß, dass alle Zufahrtswege zum Ort komplett verstopft sind, weshalb wir unser Privileg genießen, unser Ziel in drei Minuten zu Fuß zu erreichen. Diese Gaudi ist für Ortsansässige ein Muss und wirklich eine Gaudi, die wir uns auch wegen Fianna auf dem Vorleger vom Wochenbett nicht nehmen lassen. Da hat sogar der Antikarnevalist seinen Spaß, weil es so fast gar nichts mit dem krawalligen Auftrieb zu tun hat, den man sonst von solchen Umtrieben kennt. Und auch die Chefin hat ihren Spaß, weil sie an allem Spaß hat, was Spaß macht und vor allem, weil hier nicht die Blasmusik den Ton angibt, sondern Rave und Rock. Die bayerischen Dirndl und Buam tragen zwar gern Traditionswichs, aber drunter tobt der Elektrobeat, dass das Zwerchfell tanzt.

Um 14:30 Uhr sind wir zurück, weil wir den häuslichen Kaffee einem Bier im Stehen vorziehen, und nehmen gleich wieder eine Messung vor: 36,7°. Wenn sich dieser Wert weiter nach unten entwickelt, sind wir auf dem richtigen Weg. Fianna ist derweil weiterhin komplett entspannt, kann sich auch immer noch mit Knabberzeug anfreunden, sitzt mehr als dass sie in ihrem Kudde liegt, weil ihr das Sitzen jetzt offenbar komfortabler ist als das Liegen. Aber sie jammert nicht, klagt nicht und weiß anscheinend, was da in ihr vorgeht. Der wiederholte fragende Blick nach hinten lässt uns vermuten, dass sich schon ein bisschen etwas in ihr rührt; Vorwehen werden von Hündinnen gerne mit diesem fragenden und ungläubigen Blick quittiert.

BanditHausbesetzerUm 20 Uhr messen wir 36,6°. Fianna geht es schlechter und sie verweigert ihr Hühnchen, das sie selbst dann noch ignoriert, als es Bandit, der Rote Korsar, in sich hineinschaufelt, als ob er kurz vor dem Hungertod stünde. So etwas ist an normalen Tagen undenkbar, da würde er nicht einmal den Versuch starten, nun aber scheint er messerscharf analysiert zu haben, dass ihm heute kein Ungemach droht. Vor allem, und auch das wird er in den kommenden Wochen nicht mehr wagen, besetzt er Fiannas Wurfkiste so selbstverständlich wie ein Immobilienhai. Dass sie ihm das nicht verwehrt, erstaunt uns allerdings nicht sonderlich, denn dass sie diesen Kelch lieber an sich vorübergehen lassen würde als Ansprüche auf ihn zu erheben, kann man ihr deutlich ansehen. Sie weiß längst Bescheid, erinnert sich an das, was vor eineinhalb Jahren war und projiziert dieses Wissen in die Zukunft. Da dürfte es ihr eher nach Davonlaufen sein als nach Besitzstandsverteidigung.

AbendrotDer Abend hat sich schon mal fein gemacht für den GeburtstagUm 20:30 Uhr erbrich Fianna als Folge ihres leeren und übersäuerten Magens wieder gelben Schleim. Dagegen sind wir leider völlig hilflos, was fast schlimmer ist, als ihre Quälerei selbst. Abgesehen vom nervigen Magen ist sie aber ziemlich ruhig und gefasst und wir hoffen, diese vermutlich letzte Nacht vor der Geburt in Anstand und Würde hinter uns zu bringen.

Montag (Rosenmontag), 27. Februar 2017, (61. Tag n.E.)

Es kommt, wie es nicht zwingend kommen muss, aber zu erwarten war: Fianna erbricht um kurz vor eins wieder einmal ihren gelben Mageninhalt, diesmal ins Schlafzimmer. Daraufhin nimmt die Chefin ihre leidende Hündin und ihr Bett unter die Arme und schlägt ihr Lager im Wohnzimmer auf, nicht so sehr wegen der gestörten Nachtruhe des Vize, als wegen des direkteren Zugangs zum Garten. Jener nimmt das Angebot wortlos dankend an. Die Hauptdarstellerin zerwirkt in der Folge die Nacht der Rudelchefin mit ihrem Jammern und Hecheln, der es obendrein noch nicht einmal erspart bleibt, dass der Rote Korsar, die Gelegenheit kalten Herzens nutzend, sich auch noch auf ihrem Bauch zur Ruhe lagert, während im Schlafzimmer der andere Rudelteil selig dem neuen Tag entgegenschnorchelt. Fianna wiederum nimmt diese Ungerechtigkeit zum Anlass, sich in für sie angemessenen Abständen vor der Schlafzimmertür aufzubauen, zu jammern und zu hecheln und um Einlass zu begehren, nicht wissend, dass der Rudelvize längst vor ihr an der vor der Schlafzimmer patrouillierenden und krähenden Jamie Lee leidet. Als er die vermaledeite Tür nicht öffnet, entleert sie zum Zeichen ihrer Verbundenheit ihren Mageninhalt ein weiteres Mal in dieser Nacht, diesmal eben vor seiner Tür. Und jetzt steht er auf und sieht notgedrungen ein, dass es kein geteiltes Unglück geben kann, sondern nur ein gerudeltes. Diese Erkenntnis gewinnt er am Rosenmontag um 4:15 Uhr, demütig auf Knien mit einer Küchenrolle unterm Arm und um die gestern Abend noch erhofften Würde gebracht.

Um 7:15 Uhr ist die Nacht längst vorbei, als wir bei Fianna 36,5° messen, das bislang frostigste Ergebnis. Fianna nimmt erwartungsgemäß weiterhin kein Futter und meidet sogar den Blick auf die Futterreste in den Katzenschälchen. Beim Spaziergang ist sie jedoch Trockenfuttergaben, vor allem getrocknetem Herz, sehr zugetan. Auch wenn dies das gleiche Verhalten ist, das sie beim G-Wurf gezeigt hat, muss man es nicht verstehen. Was wäre das Leben und Natur ohne diese kauzigen Geheimnisse?

Fianna am 27.02.2017Dieser Rosenmontag lässt sich nichts nachsagen und umschmeichelt uns, aber auch die südbayerischen Pappnasen (woanders soll es ja nicht so rosig sein) mit frühlingshaften 13° C und einem etwas föhnig-glasigem Himmel. Ob dieses Frühlingsgefühl dafür verantwortlich zeichnet, dass Fiannas Temperatur wieder auf 36,8° gestiegen ist, gehört ins Reich der Spekulation. Das ändert natürlich auch nichts daran, dass sie weiterhin von ihrem Magen, dem minimierten Darm und neuerdings von den ersten Vorwehen gequält und in den Garten getrieben wird, von wo sie dann wieder unverrichteter Dinge ins Haus schleicht, weil Magen und Darm nichts mehr abgeben können und die Kinder noch mit den Auslieferungsformalitäten beschäftigt sind. Geduld ist gefragt und nach nichts steht ihr der Sinn in diesen Momenten weniger. Der scheele Blick zu den Rhododendren verrät uns ihre Absichten, die keine anderen sind, als die, die wir von ihr und ihren Vorgängerinnen schon zur Genüge kennen: Eine Kuhle graben wäre jetzt eine coole Sache! Komm schon, es dauert eh nicht mehr lang und mit der Kuhle geht es auch nicht schneller.

Boxenluder im WartestandBoxenluder im WartestandInzwischen liegt nun wirklich alles bereit, was man für eine Hundegeburt in Reichweite haben sollte. Das fängt mit einem Riesenstapel alter Laken an, setzt sich über einen weiteren Turm Vetbeds fort, bis hin zu einem Haufen ausgedienter Handtücher. Nichts wird so reichlich und zuverlässig gebraucht wie diese drei Komponenten, außer ihren kongenialen Partnern im Keller natürlich, dem siamesischen Zwillingspärchen Waschmaschine und Trockner, die schon mit weitem Maul auf die erste ernst zu nehmende Ladung warten. Dazu kommt natürlich ein Putzeimerchen mit Lappen und Putzmittel, Desinfektionsspray und Sterilium zum Desinfizieren der Hände. Zwirn und Schere liegen bereit, falls Fianna einen Fehler beim Abnabeln macht und wir den Zwerg am Ausbluten hindern müssen, ebenso Frubiase Calcium, Podophyllum, Metrovetsan und Arnika. Podophyllum geben wir gegen den sogenannten Hydrantenstuhl der Hündin, der dem Verzehr von mehreren Kilo Plazenta, also einer gigantischen Eiweißbombe, folgt. Metrovetsan sorgt dafür, dass Fianna richtig abblutet und möglichst wenig Geburtsreste einbehält, was flugs zu deftigen Infektionen führen kann. Arnica ist der Partner von Podophyllum, der all die Traumata und Mikrotraumata in Fiannas Geburtswegen schneller heilen lässt. Und Frubiase hat denselben Auftrag wie vor der Geburt: Kalziumhaushalt aufrecht erhalten. Für den Notfall stehen auch noch ein paar Babyfläschen und Schnuller bereit, um die Kleinen zu versorgen, falls Fiannas Molkerei versagt, was eher unwahrscheinlich, aber eben nie ausgeschlossen ist. Die Zutaten für die Bereitung der Welpenmilch liegen im Kühlschrank. Dann liegt da noch ein Nagelknipser, falls Fianna so etwas wie Rosmarie's Baby zur Welt bringen sollte und wir sie vor den Krallen schützen müssen, und was gar nicht fehlen darf sind ungiftige Wachsmalkreide zur Markierung der Welpen, was bei einer zu erwartenden Farbgebung in black and tan pour tout le monde unumgänglich ist. Getränke stehen bereit, auch etwas für den Magen, denn die Nacht wird lang und wir werden nicht alleine sein.

Das Kreißsaalt-TeamDas Kreißsaal-TeamInzwischen ist nämlich das Kreißsaal-Team eingetroffen: Christine, die Geburtshelferin unserer Franzi und somit Fiannas Oma, die uns vom ersten Wurf an zur Seite steht und als unverzichtbar empfunden wird, Annemarie, die nicht nur zu uns gehört wie das 12-Takt-Schema zum Blues, sondern auch mit fundierten Medizinkenntnissen zum Wohl des Wurfes entscheidend beitragen kann, was bisher gottlob nicht gefragt war. Gefragt ist aber Annemaries peinlich-penible Dokumentation des Wurfgeschehens, z.B. die bis hinters Komma genaue Zählung und Aufzeichnung von Wehen, die ihr intern schon mal den Ehrennamen "Lady Hollerith" eingebracht haben. Wir denken bereits über eine Ausstellung mit Annemaries gesammelten Strichlisten nach, Arbeitstitel "Die Spiritualität des Lattenzauns als Vorzeichen neuer Blues-Tonarten". Die Zukunft vor sich hat die dritte Kreißsaalhospitantin Alexandra, die mit ihren 12 Jahren eine Option auf die Zukunft darstellt, der man heute das Personal zuführen muss, damit sie nicht morgen schon vergreist ist (die Zukunft natürlich).

NestbauNestbau, unvollendetFianna lässt das Kreißsaal-Team keinen Augenblick über ihren Zustand im Unklaren: Erst liefert sie wieder abgesenkte 36,6° Rektaltemperatur, dann befreit sie sich wieder von gelbem Schleim und baut ihre Wurfkiste im Viertelstundentakt um, was ein Hinweis ist, dass die Mieter bald einziehen sollen, die Vermieterin jedoch mit der Innenausstattung höchst unzufrieden ist. Immer wieder fordert sie auch einen Gang in den Garten, weil es sie nun wirklich an allen Ecken und Enden drückt und sie Erleichterung sucht, die ihr noch nicht beschieden ist.

Hartl, der ErsteHartl, der ErsteNach über 80 von Annemarie präzise dokumentierten Wehen ist es dann um 20:54 Uhr soweit. Als schäme sie sich für das ihr entglittene Früchtchen, klemmt Fianna den kleinen Kerl in der Boxenecke ein, nur ihr Werken und Schmatzen an ihrem hinteren Ende verrät den neuen Blues-Bürger. 480 Gramm bringt er auf die Waage, ist ein fideler Junge und bekommt den Namen Hartl. Der ihm vom Chefnomenklator zugedachte Name Hatnix wird vierstimmig abgelehnt.

Nach nicht einmal 25 Minuten wirft Fianna das intrauterinäre Gegenstück zu Hartl aus dem zweiten Gebärmutterhorn: Klappe zu, Klappe auf und – flutsch – liegt sie da, die Prinzessin, von denen sich der Vize in Anbetracht der vielen Hündinnen-Interessenten einen ganzen Schwung wünscht. Jedoch: Die Zuchtverantwortlichen des Blues sind offensichtlich eben diesem Wunsch auf den Leim gegangen, denn die zum Faschingsprinzen herbeigehoffte Prinzessin stellt sich beim zweiten Blick als Prinz heraus, vermutlich von Fianna als Ersatzprinz gedacht. Im Sitzen zur Welt gebracht, damit wir nicht gleich merken sollen, was sie im Schilde führt, wiegt die Pappnase 460 Gramm, ist ebenso munter und wird von Mama wie ein kleiner König in Empfang genommen, ausgepackt, abgenabelt, gewaschen, gekämmt und zu Hartl gelegt. Er bekommt vom Kreißsaal-Team den unverzichtbaren bayerischen Namen Hias, obwohl das Gerücht geht, dass Fianna mit dem Vorschlag Haderlump des Chefnomenklatoren durchaus geliebäugelt habe. Der Haderlump wird jedoch vierstimmig zu den Akten gelegt.

Als der Chronist des Blues pflichteifrigst der Welt die Ankunft von Hartl und Hias mitteilt und sich dabei noch ein bisschen in seiner Datenlogistik verheddert, erfährt er nach seiner Rückkehr in den Kreißsaal, dass er soeben zwei Neuankünfte versäumt habe. Zwei! Und er nicht dabei! Nach nur acht Presswehen entledigt sich Fianna um 21:56 Uhr eines Mädchens, auch satte 490 Gramm schwer, in bestem Zustand und Hoffnungsträger der Mädchenfraktion. Schon vier Minuten später liefert sie praktisch gleichzeitig einen Burschen aus, als ob sie sich für das Missgeschick mit dem Mädchen entschuldigen wolle. Vier Minuten und fünf Presswehen reichen, um die hoffnungsfrohe Statistik wieder ins Wanken zu bringen. 460 Gramm bringt das Bürschchen auf die Waage, hat offensichtlich auch Spaß am Leben und sortiert sich ohne Umschweife zu den anderen. Das Mädchen, die Prinzessin, soll nun den internationalen Vier WelpenHartl, Hias, Hakuna und HugoFlair in die Reihen des Blues tragen und bekommt den Namen Hakuna. Hakuna ist die eine Hälfte des Swahili-Begriffs hakuna matata, was soviel wie "keine Probleme" oder "alles in Ordnung" oder eben bayerisch "passt scho" bedeutet. Da mit der Ankunft dieses Mädchens auch für den Blues-Chronisten noch alles in Ordnung ist, schließt er sich der Namensvergabe vollumfänglich an und bringt die Heigeign gar nicht erst ins Spiel, weswegen Hakuna mit 5:0 genehmigt wird. Der mitgelieferte Knabe bringt das Glück des Blues-Chronisten wieder schwer ins Wanken, was er ihm, obwohl er doch gar nichts dafür kann, verübelt und ihn als Holleraidulliöh ins Gespräch bringt. Die Viererbande entscheidet sich nur kaum von seinem Vorschlag abweichend für Hugo, was den Chronisten insofern tröstet, als dass Hugo ein altdeutsches Wort ist und für Geist und Verstand steht, was das Bürschchen in seinem Leben auch brauchen kann. Auch tröstet er sich dabei mit dem Gedanken an Victor Hugo, obwohl er den Verdacht nicht los wird, dass es den Nomenklatorinnen weniger um den Verstand geht als um das, was einen um diesen bringt: Hugo, der Cocktail nämlich. So wird es sein.

HeddaHeddaUm 22:45 Uhr, nach wieder nur fünf Presswehen, steht Fianna auf, macht einen Buckel und wirft uns ein 450 Gramm schweres, vollverpacktes Bündel Hund vor die Füße, entschleiert es vor unseren Augen und heißt es willkommen. Das Bündel ist weiblich und hebt die Stimmung des Chronisten, was ihm Mut macht, wegen der Vollverschleierung den Namen Hadsch Habiba vorzuschlagen, was vierstimmig nicht in die Tüte kommt, zumal sie bereits ausgetütet ist. Hedda steht nun stattdessen auf ihrem Datenblatt. Hätte er Hedwig vorgeschlagen, wäre er auch verlacht worden, obwohl doch die Schneeeule aus Harry Potter Hedwig heißt und gewichtiger Tugenden wegen gerühmt wird. Aber Hedda, was nichts anderes als eine Kurzform von Hedwig ist, klingt nicht so ältlich verzopft wie Hedwig (Der Nomenklator nimmt sich insgeheim vor, beim J-Wurf nochmal einen Versuch mit Jadwiga zu machen). Nun ja, Hedda zu heißen ist wirklich keine Schande, allerdings auch nicht so einzigartig wie Hadsch Habiba.

Die Geschlechterstatistik weißt nun ein Verhältnis von 3:2 für die Knaben aus, was den Chronisten trotz der abgelehnten Hadsch Habiba glücklich macht. Um kurz vor halb zwölf entlässt Fianna nach wieder nur sieben Wehen den nächsten Nachwuchs. Dass es für diesen Zwerg kaum mehr als sieben Presswehen braucht, wird auf der Waage schnell klar: 310 Gramm. So eine halbe Portion hatten wir in sieben Würfen nicht. Und außerdem ist es auch noch ein Jüngelchen. Zart besaitet und schwächlich ist er allerdings nicht, sondern kräftig im Ton, fix auf den Beinchen und mit unverstelltem Blick zur Bar. Diesen Eigenschaften Rechnung tragend, wendig, schnell und voller Feuer, schlägt der Chronist Old Shatterhands heiligen Hengst Hatatitla als Namenspatron vor, wird jedoch erwartungsgemäß einstimmig mit Hubsi überstimmt. Und jemand mit einem solchen Namen verschlechtert dann auch noch die Geschlechterstatik. Ein Desaster!

Angesichts des immer noch strammen Bauchsacks, den Fianna gelegentlich zur Erleichterung und in Begleitung der Chefin in den Garten trägt, ahnt der Chronist, dass ihm weitere nomenklatorische Demütigungen nicht erspart bleiben werden. Die nächste Probe aufs Exempel bahnt sich um 23:54 Uhr an. In der Grauzone zwischen Rosenmontag und Fastnachtsdienstag entlässt Fianna jenes Geschöpf, das dem darbenden Hubsi das Fett aus der Milch geklaut hat: ein Mädchen, und was für eines! 530 Gramm pures Leben zerrt sich Fianna unter den Kleidern hervor, lebhaft und mit einem breiten Kreuz fürs Leben. Dass für Hubsi bei einer solchen Partnerin nur mehr die Tafel geblieben ist, verwundert nicht, eher schon, dass er überhaupt etwas abbekommen hat, was noch mehr für ihn spricht. Heimberga würde diesem Geschöpf, das förmlich nach Melkschemel und Zopfkranz riecht nicht schlecht zu Gesicht stehen, meint der Nomenklator und ist verwundert, dass erstmals eine Art Moratorium einsetzt. Ganz so abwegig scheint der Vorschlag nicht zu sein, aber die Herzen auch nicht im Sturm zu nehmen. Und wer wissen will, was ein Kompromiss ist, der kann sich den letztlich verabschiedeten Namen zum Beispiel nehmen: Hemma. Hemma ist schwedisch, klingt kraftvoll und bedeutet nicht weniger als das bayerische Dahoam! Nun ist der Nomenklator froh, erstens weil auch ihn dieser Name zufriedenstellt und zweitens, weil die Statik wieder zurecht gerückt ist.

Nun müssen wir den Ereignissen etwas vorauseilen, sozusagen ein zweite Erzählebene einziehen, und einen Blick voraus in den vor uns liegenden Faschingsdienstag werfen, als die Chefin spät am Tag den Namensgebern des Blues eine Pappnase aufsetzen wird, weil sie ein unspezifisches Bauchgrimmen und zunehmendes Unwohlsein bei der Verabalisierung des Namens Hemma verspürt. Je öfter sie die Hemma über ihre Zunge rollen ließe, desto unrunder wolle sie ihr über diese gehen, weshalb sie beim Chefnomenklator und Chronisten den Antrag einbringen wird, Hemma sterben und als Hetty wiedererstehen zu lassen. Bei Hemma klingele nichts, wird sie klagen, selbst wenn Hemma so Hemma ist, wie Dahoam eben Dahoam ist. Der Chronist wird ihr daraufhin nicht die Verzweiflung am Namen Hemma ausreden wollen, schon aber die Klangnähe zu Hedda ins Gedächtnis rufen. Genau genommen, so wird er zu bedenken geben, unterschieden sich die Beiden nur am Ende in einem y beziehungsweise einem a. Das doppelte d oder t in der Mitte verlöre spätestens bei einem Verkauf der Hündin nach Franken seinen inneren Wert, was für alle Weltregionen gelte, wo man es mit den harten und weichen Konsonanten nicht so ernst nähme. Sie, so wird sie insistieren, hielte dies für eine nicht hilfreiche Konsonantenzählerei, weil sie bei einer flauschigen Hemma mehr Unbehagen empfände als bei einer fränkisch genudelten Heddy, die immer noch mehr Charakter habe als die schwedische Hausfrau Heimberga. Da der Chronist nur Nomenkreator ist und ansonsten zuständig, die laufenden Ereignisse für die Nachwelt festzuhalten, nicht aber, sie unter seinen Willen zu zwingen, lässt er die unglückliche Hemma nach nicht einmal einem Tag sterben und als Hetty in neuem Glanz erstehen. Von nun an geht es mit der Stimmung der Chefin bergauf und mit einer Hetty weiter, die wie Hemma aussieht und immer noch mächtige 530 Gramm in die Waagschale wirft. So gesehen sind Namen halt doch nur Schall und Rauch. Der Chronist erlaubt sich dennoch die beiläufige Bemerkung, dass es eine besondere Auszeichnung ist, für den Bairischen Blues tätig sein zu dürfen, weil er für alle eine lebenslange Garantie auf die Arbeit auf einer Dauerbaustelle verspricht. Warum kommen ihm gerade jetzt Hannes Waders formidable Zeilen in den Sinn:

Manchmal träume ich schwer und dann wünscht' ich, es wär

Zeit zu bleiben und nun ganz was anderes zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar,

dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,

wie es war.

Und damit verlassen wir den Narrensprung des Blues am Faschingsdienstag und wenden uns wieder der Chronologie der Ereignisse zu.

Nun beginnt die große Zeit der Lady Hollerith. Fianna nimmt sich eine mehr als verdiente Auszeit, ohne allerdings wirklich zur Ruhe zu kommen. In ihrem Körper arbeitet es weiter, während ihr der Kopf gelegentlich wegsackt; schlafen wäre jetzt ihr Wunsch. Doch während sich der Rosenmontag verabschiedet und hier im Kreißsaal unbemerkt der Faschingsdienstag einzieht, ziehen ganze Tsunamis von Presswehen durch Fiannas Leib. Annemarie lässt sie keine Sekunde aus den Augen und fügt Strich um Strich auf das namenlose Datenblatt mit der Nummer 8. Mit dem nun wachsenden Lattenzaun könnte man bald nicht nur ganz Vagen zuwanderungssicher abriegeln, sondern zum Halinas StrichlisteHalinas StrichlisteEnde hin sogar das ganze Mangfalltal. Als nach über zwei Stunden um 02:08 Uhr des Faschingsdienstags der nächste Welpe Fianna verlässt, hat Lady Hollerith 139 Konvulsionen aufgezeichnet, unermüdlich, während sich beim Rest des Kreißsaal-Teams der Kreislauf gelegentlich eine Auszeit genommen hatte. Von weit hinten heraus pumpte und presste Fianna ihr achtes Kind zum Ausgang – und so sieht es auch aus. Vor dem grün-blau-gelb schimmernden Zappelwurm schwappte eine mächtige Welle Fruchtwasser in exakt diesen Farben aus ihrem Leib. Im Freien hätte man das Würmchen kaum sehen können, so prächtig ist es getarnt – Body-Camouflage. Trotz allem ist das Wesen aus der Ursuppe munter und im Vollbesitz der Kräfte. Ein Mädchen ist es und 490 Gramm wiegt es. Halleluja könnte es heißen, wenn es nach den Umständen und dem Vize ginge, Halina heißt es schließlich, was er als einverständiges, wenn auch halbherziges Kopfnicken wertet. Und noch immer ist die Geschlechterverteilung im Haben.

Dass sich Fianna nicht wegen nur eines Wurms so gequält hat, war jedem klar; sie hat den Rest der Bande gleich mit in die Pflicht genommen und ihm mitgeteilt, dass, wer sich jetzt nicht anschließe, schauen muss, wo er bleibt. Noch einmal wolle sie sich einen solchen Tort wegen eines Einzelnen nicht antun. Zwanzig Minuten später, um 02:28 Uhr, findet nach bescheidenen neun Wehen einer den Weg ins Licht. Wir vermuten, dass dieses Geschöpf noch gar nicht an der Reihe war, aber mit seinen 390 Gramm einfach durch die Reihen geschlüpft ist, damit es nicht HarpoHarpoauf der Strecke bleibt. Vielleicht ist ihr das Geschöpfchen auch einfach nur im Sitzen rausgerutscht. Jedenfalls ist es plötzlich da und gibt sich als Bursche zu erkennen, ist so munter und fidel wie alle vor ihm, was so langsam nicht mehr selbstverständlich ist, schließlich haben nicht nur die Nachzügler, sondern auch ihre Mutter schon viel Kraft gelassen, um es bis hierher zu schaffen. Das geht allen an die Substanz. Aber nein, das Kerlchen ist guter Dinge und macht einen ziemlich pfiffigen und listigen Eindruck, was den Nomenklator den Vorschlag Harpo in die Diskussion bringen lässt, der zu seinem Verdutzen ohne Gegenstimme durchgewunken wird; Harpo, der wortlose und listige Harfenvirtuose der Marx Brothers, ein Sinnbild von Überlebenskraft und Raffinesse, ein stummer Überlebenskünstler in einer lärmenden Welt. Passt ja vielleicht, die Zukunft wird es zeigen.

Um 03:02 Uhr verschafft sich die Nummer 10 einen ersten Eindruck von der Welt da draußen, wofür sie ihrer Mutter noch einmal über 50 Presswehen zumutet. Ob es tatsächlich die 490 Gramm sind, die ihr dieses Programm auferlegen, oder ob sie sich irgendwo verkrochen hat und nun Panik bekam, dass sie vergessen wird, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Was wir aber sagen können ist, dass die Zehn von allen eindeutig die ausgeprägtesten Marken hat und wieder ein Bube ist. Jetzt kippt die Statistik langsam zum Missvergnügen des Chronisten. Weil der HoboHoboNomenklator das Bürschlein in Verdacht hat, in Fiannas Geheimkämmerchen herumgestöbert zu haben und deswegen beinahe den Zug verpasst haben könnte, wagt er den Versuch mit Hobo, jenen legendären amerikanischen Landstreichern, die vorwiegend auf Güterzügen unterwegs waren und sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielten. Diesem bunten Vogel traut er eine solche Vita zu, und das Kreißsaal-Team offenbar auch, also: Hobo. Langsam nähern sich die unterschiedlichen Vorstellungen der Nomenklatura an, was bei der Nummer 10 auch nicht mehr zu früh ist.

Zwölf Minuten später, um 03:14 Uhr, entledigt sich Fianna noch einmal eines Brummers mit satten 500 Gramm. Warum tut sie sich das an? So spät so viel Masse aus der Rumpelkammer nach vorne zu fördern. Offensichtlich handelt es sich dabei jedoch um ein sozialverträgliches Exemplar, das für sein Erscheinen nur acht Wehen benötigt. Ein Bube ist es, noch einer, sieben nun, wie die sieben Zwerge. Er ist ebenso bei bester Gesundheit wie seine Geschwister und darf als Namensgeber der Chat-Gruppe für immer und ewig Hallodri heißen. Darin sind sich alle einig - und köpfen darauf morgens gegen 4 Uhr eine Flasche Sekt. Hoch sollt ihr leben, ihr Hallodris vom Bairischen Blues!

Fiannas Verhalten signalisiert uns, dass sie nun wirklich keinen Nachschlag mehr zu vergeben hat; sicher kann man sich da nie sein, aber ziemlich sicher darf man sich schon fühlen. Das Kreißsaal-Team löst sich nun, nach getaner Arbeit, auf. Christine fährt nach Hause, die anderen legen sich aufs Ohr, nur die Chefin und die Nachwuchs-Hospitantin schieben unermüdlich Wache; da muss einem um die Zukunft nicht Bange sein.

 

Dienstag (Faschingsdienstag), 28. Februar 2017

Wer heute Fasching auf der Straße begehen möchte, muss seine Verkleidung unter Regenzeug verstecken: Es regnet nahezu den ganzen Tag über. Für den Blues hat das keine Bedeutung, weil sich unsere Aktivitäten mehrheitlich im Haus abspielen. Waschen beispielsweise, Berge von Wäsche voller Blut und Fruchtwasser. Was für die Hündin ein Segen ist, ist für den Waschboy ein Fluch. So schnell können Waschmaschine und Trockner gar nicht rotieren, wie sich im Keller die versudelte Auslegeware stapelt.

Der Elferrat des Bairischen BluesDer Elferrat des Bairischen BluesIn der Schnullerbox ist Friede, ein Friede, der jedoch nichts mit Stille zu tun hat, weil die Zwerge unentwegt zwitschern, kneistern, jammern, mahnen und klagen. Die Mama tut ihr Bestes und nährt. Dabei ist sie längst noch nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte; so eine Geburt geht richtig ins Eingemachte. Sie verliert viel Blut und immer noch Fruchtwasser, wir unterstützen oder kämpfen mit Podophyllum, Metrovetsan, Arnica und Calcium dagegen an. Nach einem Gang zur Hundedusche, wo ihr die Chefin das verkleisterte Hinterteil reinigt, was ihr Fianna sehr dankt, legt sie auf dem ganzen Weg zur Schnullerbox eine Spur rotbraunen Ausflusses, wie es ein unverriegeltes Güllefass auf dem Weg zum Einsatz tut. Schön ist das nicht, aber ein Segen für die Hündin, wenn sie die Restbestände der Geburt so schnell wie möglich los wird.

Um 15:30 Uhr messen wir bei Fianna 38,3°, was nach der Geburt ein sehr erfreulicher Wert ist. Bei einem kurzen Spaziergang hinüber zur Wiese hat sie auch etwas Stuhlgang, breiig zwar und pechschwarz, aber weit weg von Durchfall. Das stimmt uns froh, noch ist alles im grünen Bereich. Auch die Zwerge haben schon herausgefunden, wie man den kleinen Darm selbst entleert, was uns zwar freut, nicht so sehr aber die Mama, die sich noch nicht bereit erklären will, die kleinen Endmoränchen zu beseitigen. Das bleibt an uns oder in der Wäsche hängen.

Nach ein paar Stunden kann man von der körperlichen Entwicklung der Knirpse noch nicht viel erwarten, schon gar nicht bei elf, wenn die Mutter nur neun Tankstellen hat. Die Erfolgsroutinen müssen sich im Team erst etablieren. Die optische Einschätzung signalisiert uns, dass es allen gut geht, sie sind munter, wenn sie nicht schlafen, was sie die meiste Zeit machen und drängen auch alle an Mamas Milchbar. Dennoch verlieren die meisten bis zur ersten Gewichtskontrolle an Gewicht, nur Halina hat ihr Gewicht gehalten und Hartl sowie Hugo haben etwas zugelegt. Aussagekraft hat das noch keine, der optische Eindruck ist uns da wichtiger, auch dass der kleine Hubsi zu den muntersten und Geschwätzigsten gehört. Wie sagte schon Mutter Kempowski im Roman Tadellöser & Wolff über ihren zarten Sohn Walter angesichts der Gefahren, die ihm im Krieg drohen?: "So klein er ist, so fix ist er." Da wird auch bei Hubsi was dran sein.

Abends bekommt Fianna dann doch noch leichten Durchfall und die Chefin keine Ruhe, aber zur Besorgnis besteht weiterhin kein Anlass. Wer meint, eine so große Geburt ist mit Ankunft der Welpen abgeschlossen, hat wenig Ahnung von den physiologischen Begleiterscheinungen im Inneren der Mutter. Sie wird noch eine Weile mit den Folgen beschäftigt sein. Und wir auch.

Um 21:45 Uhr messen wir 38,6° und sind weiterhin zufrieden. Nun kann sich auch die Chefin zur Ruhe legen und versuchen, den verpassten Schlaf der letzten Nacht nachzuholen – was ihr bei der Schnatterbande und der unruhigen Mutter kaum gelingen dürfte. Da hat es der Vize besser, er darf das Schlafzimmer hüten, damit sich dort keine ungebetenen Gäste einnisten, Vampire etwa, Poltergeister, rote Korsaren, Schneeeulen namens Hedwig oder bayerische Haderlumpen.

Von unten hört er den Elferrat quieken und twittern und glaubt die Losung der Vagener Faschingsgilde zu vernehmen:

Weiß & blau – Vong[1] helau

 

Danksagung

Zuerst ist es uns ein Bedürfnis unserem Papa Echnaton (Ery) den Dank auszusprechen, denn was wir nach dem ersten Tag erkennen können, ist eine Kinderschar, auf die er und Fianna zurecht stolz sein dürfen. Du bist ein prima Kerl!

Herzlichen Dank auch an Hana Jemelková und Elena Skvarilova, die mit ihrer Erfahrung und Umsicht nicht nur Garanten für zwei unaufgeregte und erfolgreiche Deckakte waren, sondern uns auch das Gefühl gaben, herzlich willkommen zu sein, was wir in dieser Form auch gerne als Einladung zurückgeben wollen.

Auch dem Kreißsaal-Team Alexandra, Annemarie und Christine sei hier explizit noch einmal gedankt, denn es ist zwar auch für alte Hasen noch immer etwas Besonderes, einer Geburt beiwohnen zu dürfen, aber etwas ganz Anderes und Besonders ist es auch, sich dafür die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen und damit rechnen zu müssen, dass aus dem herzerweichenden Ereignis schnell ein herzzerreißender Ernstfall werden kann. Wir danken euch sehr, dass ihr uns begleitet und beigestanden habt.

Viel Freude hatten wir an den Einlassungen und Zuspielungen aus der Hallodri- Chat-Gruppe, die jeden Moment der Reifung von Fiannas Zwergen detailiert kommentierte und mit Herzblut verfolgte. Man könnte jetzt einfach nur "Danke euch allen" sagen – oder eben beiläufig erwähnen, dass dieser Gruppe sogar der Chronist beigetreten ist, der sonst jeglicher Quasselgruppe abhold ist und sich nach Vermögen so weit entfernt hält, dass zumindest die Erdkrümmung zwischen ihm und ihr liegt.

Der letzte und ergreifendste Dank – ihr werdet das verstehen – gilt unserer Fianna, die uns nun schon zum zweiten Mal elf Zwerge bescherte und dabei nichts von ihrem Charme und ihrer Herzlichkeit verloren hat, sondern daran gereift und gewachsen ist. Komm an unser Herz und bleib!


[1] Vong = regionalidiomatisch für Vagen