Inkubation - die Brutzeit des I-Wurfs

Wenn die ersten Tage nach dem großen Ereignis in Schrobenhausen mit den letzten Tagen vor Weihnachten zusammenfallen, kommen beide ein bisschen zu kurz, was aber eben auch bedeutet, dass weder das Eine noch das Andere eine größere Aufmerksamkeit erfährt als ihm zusteht. So einen Zustand nennt man wohl Alltag. Da fährt man am Tag nach Fiannas Hochzeit mit Eddy schon wieder mit Hedda die gleichen Autobahnen in die gleiche Gegend, um bei immer noch anhaltendem Regen mit Hedda zu trainieren; kein Grund für Hedda, sich auf die faule Haut zu legen, nur weil sie demnächst wahrscheinlich vielfache Tante wird. Das Leben geht weiter. Vorerst jedenfalls noch. Die Zwangspausen stellen sich bald automatisch ein. Die Aufzeichnungen von Fiannas Hochzeitsanbahnung müssen auch fertiggestellt und dem erwartungshungrigen Publikum im Internet zur Verfügung gestellt werden; auch das ist nichts vorweihnachtlich Romantisches, sondern Schreibtischarbeit. Ein Restaurantbesuch mit Freunden, der Besuch anderer Freunde bei uns, dazu ein paar Hundespaziergänge – und ehe wir uns versehen, ist schon das Christkind da.

 

Montag, 24. Dezember 2018, Heiligabend und 5. Tag n. E.

Also, bitte sehr, so weit kommt es noch! Nein, wir singen nicht "Ihr Kinderlein kommet" unterm Christbaum. Erstens haben wir ein solches Accessoire nicht und zweitens glauben wir nicht an Schamanengesänge. Die Kinderlein kommen oder sie kommen nicht, egal wie inbrünstig oder beiläufig wir ihre Ankunft herbeiflehen. Oder glaubt jemand etwa ernsthaft, dass irgendein außer Kontrolle geratener Regentänzer für die Sintflut verantwortlich ist, die heute über das Bayernland schwappt und dafür verantwortlich ist, dass wir seit jenseits unseres Erinnerungsvermögens erstmals unseren Termin im Tierpark Hellabrunn ausfallen lassen? Gefühlsmäßig seit jener fernen Zeit, vor der die Keilschrift erfunden wurde, führen wir unsere Damen (und vorher wir uns gegenseitig ohne Damen) zusammen mit Freunden am Heiligen Abend durch Hellabrunn, und seit Jahren schon konnten wir uns anschließend sogar im Biergarten der "Harlachinger Einkehr" auf ein Bier und eine Leberknödelsuppe niederlassen, so entgegenkommend zeigte sich der Wettergott. Aber heute revanchiert er sich für alle die Güte, mit der er uns in der Vergangenheit verwöhnte. Sintflut! Am härtesten dürfte es aber die Wölfe, Hyänen und andere Caniden treffen, die nicht erst seit Fianna süchtig nach Heiligabend sind, weil wir ihnen fast immer eine hochläufige Hündin vorführen und eine Weihnachtsfreude der besonderen Art bereiten konnten. Wie die Junkies haben sie alljährlich unser Erscheinen herbeigesehnt, wie Weihrauch haben sie die Düfte unserer Damen durch ihre lüsternen Nüstern gezogen, getanzt, gesteppt und gekreiselt haben sie wie der an allem schuldige Regenmacher, und unsere Mädels haben keine Gemeinheit ausgelassen, den Herrschaften jenseits der Absperrungen die Prostatas anschwellen zu lassen. Und heute? Nichts. Kalter Entzug in Hellabrunn. Für uns und die Caniden ist es, als ob Weihnachten nicht nur ins Wasser, sondern gar ganz ausfiele.

Fianna nimmt die außer Kontrolle geratene Situation zur Kenntnis und zieht den einzig richtigen Schluss daraus: Sie stellt ihre Blutung ein.

Aber aufs Christkind ist Verlass (der Santa und andere Werbe-Ikonen haben bei uns Hausverbot), und so schaut es auch an diesem irgendwie kastrierten Heiligen Abend bei uns herein. Und was es alles herbeischleppt! Es ist wie im richtigen Leben: Die armen Mädels müssen in unseren Zeiten die zentnerschweren Packerl herbeischleppen, bei der Post, bei DHL und eben auch bei der Himmelspost. Früher gab es dafür noch Paketfahrer, tätowierte Kleiderschränke mit Kommunikationsfehlern. Heute sind die Engerl auch tätowiert, aber nur eine Viertelportion und kommunikationsgestört aus Atemnot. Wir haben für sie immer ein nettes Wort, nehmen ihnen ab, was geht und versüßen ihnen die Tortour mit einem Handschlag mit Handout. Nur das Christkind, das ewig unsichtbare, muss darauf verzichten.

Schöne BescherungSchöne BescherungAber nun hat es sich der Last entledigt, das Christkind, und dem Blues-Assi fällt, bevor ihm die Luft wegbleibt, die antike Parole ein: Viel Feind, viel Ehr. Auf weihnachtlich übersetzt heißt das: Viel Freund, viel Bescher! Danke allen, denen euch unser Wohlergehen so am Herzen liegt. Aber – ihr habt nicht mit uns gerechnet! Dem Assi ist nämlich eine ganz heimtückische Drohne ins Haus geflogen, begleitet vom christkindlichen Rat, mit deren Hilfe doch gelegentlich hinter die Hecken und Mauern unseres Nachwuchses zu spionieren, ob dort auch alles so ordnungsgemäß zugeht, wie immer versichert. Also Achtung: Wenn es über eurem Garten hochtourig summt, könnte es der Blues-Assi mit seiner einäugigen Flügeladjutantin sein.

Für Hedda ist dieser, in vieler Hinsicht, besondere Tag, einer zum Streichen. Schon beim Morgenspaziergang geht es ihr, nicht nur wegen der Sintflut, nass 'nei: Beim Toben mit ihrer Mama bleibt die offenbar in Heddas Halsband hängen und findet keinen schnellen Ausgang, was bei ihr eine kleine Hysterie auslöst, mit allen Versuchen, sich ihrer Tochter zu entledigen. Hedda kann das nicht einordnen und meint, Mama sei böse mit ihr und geht ihr für den Rest des Morgens aus dem Weg, nachdem die Chefin die Situation geklärt hatte. Damit aber noch nicht genug. Beim Zerlegen und Ausräumen einer Geschenkbox will Hedda wissen, was die Mama denn so bekommen hat, und die meint, Hedda will ihr an die zutage geförderte Kaustange. Da setzt es den zweiten Anschiss des unheiligen Tages, und Hedda ist ein zweites Mal durch den Wind. Diese Reaktion Fiannas ist in der Tat etwas völlig Neues, weil sie Vieles ist, ganz bestimmt aber nicht eifersüchtig und futterneidisch. Wir schreiben in unser Tagebuch: Vermutlich doch mit Leibesfrüchten gebenedeit. Claim beizeiten abstecken, das erspart später viel Ärger. Hedda ist für heute bedient und verzieht sich in dem Augenblick ins Schlafzimmer, als dieses vom Assi zum Zwecke des Kleiderwechsels geöffnet wird. Das hat sie auch noch nie gemacht. Soll einer sagen, der Heilige Abend sei ein Tag wie jeder andere. O Watschenbaum, o Watschenbaum ...

 

Dienstag, 25. Dezember 2018, 6. Tag n. E.

Der Assi sieht sich morgens nach der unauffindbaren Fianna um und findet sie unter seinem Bett. Er eilt zu seinem Tagebuch und diktiert: Fianna zieht sich bereits in ihre Höhle zum Brüten zurück.

Hedda ist wieder der gewohnte Kobold und hat ihrer Mama und uns alles verziehen. Singt sie nicht tatsächlich "Lasst uns froh und munter sein". Aber das ist doch ein Nikolauslied! Zu Zeiten eines Santa geht vermutlich auch so etwas durch.

Mittwoch, 26. Dezember 2018, 7. Tag n. E.

Die grauen Tage sind vorüber und jetzt strahlt das Christkind in seinem fadenscheinigen Engelskleidchen. Dafür treibt es dem Coca-Cola-Santa in seinem geschmacklosen Bademantel den Schweiß aus den Poren. Es hat zwar nachmittags immer noch nur 1 °C, aber in der Sonne dampft es wegen der Wasserlandschaft ringsum wie in einer Sauna.

Am zweiten Feiertag, wenn alle Welt auf Verwandtschaftspflege unterwegs ist, treidelt der Blues traditionell vor sich hin. Der Assi kocht auf, die Chefin hängt hinter ihrem Computer, im Bestreben der Blues-Webseite einen neuen Anstrich zu verpassen, Fianna verlässt ihr Schlafbett nur bei den Spaziergängen, wo sie immer noch ohne Not das Mangfalltal wässert, als ob ihr ein Bräutigam mindestens einer zu wenig wäre. Promisk nennt man so etwas. Vor allem aber unsolidarisch gegenüber Eddy. Hedda ist wie gewohnt auf Achse, zwar immer bei Fuß, aber deshalb laufend im Weg. Besonders beim Kochen. Kann mal irgendjemand diesen Hund wegschaffen?!

 

Donnerstag, 27. Dezember 2018, 8. Tag n. E.

Das wolkenlose Strahlewetter bei knapp über 0 °C setzt sich fort, und so sind schon morgens so viele Spaziergänger unterwegs wie sonst nur am Muttertag. Gesichter sieht man da, an die man sich nur noch mühsam erinnert. Und Hunde erst! Erstaunlich, wie viele Hunde hier an einem schönen Tag zu leben scheinen. Sind die sonst alle im Internat? Haben die an schlechten Tagen alle keinen Stuhlgang? Oder führt hier seit Weihnachten der Jakobsweg vorbei?

Fianna und Hedda beschäftigen sich mit dem, was einem Wachhund aufgetragen ist: Wachen und melden. Dieser Pflicht werden sie immer häufiger gerecht, weil die Nachbarskatzen seit dem Tod unseres Bandit vor einem Jahr, unseren Garten als Promenade, Thingplatz und Sonnenbank benutzen. Für Fianna und Hedda bedeutet das jedesmal einen Einsatz an der Terrassentür. Wenn dieser Erfüllung der Wachpflichten alle fünf Minuten nachgekommen wird, bleibt die häusliche Kommunikation auf der Strecke. Aber soll man es ihnen verdenken, wenn die Mietzen auf und ab patrouillieren wie beim Wachwechsel vor dem Buckingham Palace und sich dann auch noch ihren verfilzten Pelz auf unserer Terrasse lausen? Wir lieben Katzen, und Katzen sind herzlich willkommen. Aber wenn in nahezu jedem Haus der Nachbarschaft mindestens eine Katze lebt und am Nervenkostüm unserer Damen zerrt, lassen wir unser Wachpersonal zur Klärung der angespannten Lage von der Leine: Tür auf. Zwei Krawallschachteln fegen dann durch den Garten, randalieren die Luft rein, und die Welt ist bis auf weiteres wieder in Ordnung. Die Gespräche im Haus dringen wieder ans Empfängerohr. Die Zeit wird den Promenadekatzen schon beibringen, dass hier kein Catwalk ist, sondern eine Art Todesstreifen; Katzen sind zwar penetrant, aber auch gelehrig. Schon wegen der zu erwartenden Kinderschar müssen wir den Garten ein wenig tabuisieren, sonst fischen die sich noch während eines unbeobachteten Augenblicks den fettesten Kinderbraten heraus. So eine Kampfkatze hatten wir hier schon einmal, und mit der war nicht zu spaßen. Deshalb: Die nötigen Härten jetzt, damit die Spielregeln klar sind, wenn Igittigitt und Ibidumm durch den Garten wackeln.  

 

Freitag, 28. Dezember 2018, 9. Tag n. E.

Noch so ein Prachttag bei wolkenlosen Temperaturen knapp über 1 °C.

Fianna nimmt die bekannten Routinen wieder auf und besteht nachdrücklich auf ihren Ball, und zwar schon gleich zu Beginn der Spazierrunde, sofort nach der ersten Blasendrainage. Das lässt darauf schließen, dass die Werbewochen vorüber sind und vorerst der Alltag in die Hallen des Blues zurückkehrt. Fiannas wiedergewonnene Ballbegeisterung zaubert dem Begleiter ein entspanntes Lächeln auf die Wangen, das er allerdings mit eiskalten Finger bezahlen muss, weil diese sich ab sofort wieder im Dauereinsatz befinden. Dennoch ist ihm eine ballistische Fianna bedeutend vertrauter als ein hormonschweres Rüsselschwein.

Fianna und HeddaFianna und Hedda, noch mit Halsband Vom bestechend schönen Wetter angefixt, schnappt sich die Chefin ihre Dauerläuferinnen und die Kamera und macht sich am frühen Nachmittag auf zu einem Fotoshooting im Mangfalltal. Weniger geübte Fotografen schlagen sich mit den nicht oder nicht stillsitzenden und in die falsche Richtung laufenden Motiven herum. Damit gibt sich die Lichtbildnerin längst nicht mehr ab; sie stört sich an Halsbändern, welche die Komposition ruinieren. Anstatt diesen fotografischen Fehltritt einfach in die kompetenten Hände von Photoshop zu legen, nimmt sie den beiden die Halsbänder ab und verstaut sie in den Abgründen ihrer zahlreichen Fianna und HeddaFianna und Hedda, jetzt von allem Ballast befreitJackentaschen. Aber nicht gut genug! Denn als sie die Damen nach Beendigung des Shootings wieder einkleiden will, fehlt Heddas Premiumhalsung. Einfach aus der Tasche gesprungen und sich fortgemacht... GAU! Nein, ein verschusseltes Halsband pulverisiert nicht unsere Kreditwürdigkeit, aber es stellt eine Art Identitätsverlust dar: mein Bett, meine Box, mein Halsband. Also geht sie mit ihren beiden Fotomodellen die wenigen hundert Meter, die sie auf ihrer Fotostrecke zurückgelegt haben, nochmal ab – jedoch erfolglos. Sogar in dem zusammengesackten Wintergras gibt sich das Halsband keine Blöße. Sehr zerknirscht kehrt die Chefin heim, niedergeschlagener als wenn sie die rechte Hälfte unseres Familienfahrzeugs an einem Baum zurückgelassen hätte.

Nach einem Kurzbesuch von Freunden, die auf der Durchreise auf einen Kaffee und ein paar Worte bei uns hereinschauen, packen wir Hedda am späten Nachmittag, gerade noch vor der Dämmerung, nochmal ins Auto und starten einen neuen Suchversuch. Hedda darf nicht deswegen mit, weil wir uns von ihr eine große Hilfe erwarten, sondern, weil sie vorher keine Zeit gefunden hatte, ihr Nachmittagshäufchen zu machen, was bei dieser Gelegenheit nun doch noch erledigt werden könnte. Aber Hedda hat nur Ball im Kopf – und wir nur Halsband. Zwei Welten begegnen sich. Während wir die in Frage kommenden Flächen abwandern, tanzt sie mit ihrem Ball um uns und schiebt ihn uns bei Nichtbeachtung in die Kniekehlen oder rammt ihn uns in den Gluteus Maximus. Aber die Suche muss bei Einbruch der Dunkelheit wieder ohne Ergebnis abgebrochen werden und Hedda bis auf weiteres mit ihrem alten, halb verrosteten Halsband zurechtkommen. Da sie es sowieso meistens durch den Dreck zieht, wird ihr das auch ziemlich egal sein.

 

Samstag, 29. Dezember 2018, 10. Tag n. E.

Aber so schnell gibt man beim Blues nicht auf. Beim Morgenspaziergang setzt der Assi voll auf Fianna, die mit ihm zusammen das verlorene Halsband finden soll. Fianna findet jeden Ball, sogar noch nach zwei Tagen im Uferbewuchs eines Bachs. Grund genug, auf ihre Kernkompetenz Nase zu setzen. Aber das Kommando "Such den Ball" oder "Hol den Ball" ist nicht ohne weiteres durch das Kommando "Such das Halsband" zu ersetzen. Dieses Kommando kennt sie nicht, und folgerichtig sucht sie auch nicht. Beim Kommando "Such den Ball" sucht sie den Ball, der aber gar nicht verloren ist und somit auch nicht gefunden werden kann. Alternativ interpretiert sie das Kommando um in "Her mit dem Ball", was einen gänzlich falschen Zungenschlag in diese ernsthafte Sucharbeit bringt. Und weil der Ball nicht fliegt, begleitet sie ihren Assi aufmerksam und durchaus lernbegierig bei seiner Suche und lässt keine Gelegenheit aus, ihm unentwegt den Ball aus der Tasche zu zupfen. Was ihr auch gelingt. Nur suchen tut sie nicht. Aber um Punkt 9 Uhr liegt dem Assi das gute Stück (das Halsband, nicht Fianna) zu Füßen, dort, wo wir gestern Abend wie vergiftet gesucht hatten und vermutlich nur wenige Schritte daneben vorbeigeschnürt sind. Fianna können wir für ihren Beitrag zum Erfolg allerdings kein Goldenes Schnüffelabzeichen verleihen, sie war schlicht ein Totalausfall, eine Schmach, die sie in der Folge durch besonders engagiertes Ballspiel zu überspielen sucht.

Abgesehen davon hat sich Fianna in ihrer wahrscheinlich hoffnungsfrohen Situation zurechtgefunden und ist eine nicht zu bremsende Knutschkugel. Keine Streicheleinheit, die sie nicht fordern und annehmen würde. Hedda ist dagegen in ihrem dritten Pubertätsschub und eigentlich zu nichts zu gebrauchen. Sie ist immer noch lustig, spielsüchtig und bestens drauf, sieht aber überall Gespenster und Bedrohungen, denen sie erst eine gesträubte Nackenbürste und dann die Stirn bieten muss. Und auch sozial betrachtet, nimmt sie partiell die Form eines Kotzbrockens an. Die Erziehung der Chefin steht aktuell, so stellt es sich uns jedenfalls dar, kurz vor einem Scherbenhaufen. Auch hundesportlich ist sie dementsprechend unkonzentriert und oberflächlich. Wir stellen deshalb die Arbeit mit ihr weitgehend ein, weil man in dieser Phase mehr kaputtmacht als aufbaut. Aus dieser Phase wird sie stärker und besser hervorgehen als je zuvor. Amen. Jedes Ding braucht seine Zeit zu reifen. Nochmals Amen. Aber vielleicht ist ja doch schon Hopfen und Malz verloren. Was uns tröstet, sind die Meldungen aus den Amtsstuben ihrer Geschwister, die sehr vergleichbare Geisteszustände protokollieren.

Wir wenden uns zukunftsträchtigeren Aufgaben zu und vermessen Fianna, um solide Referenzwerte zu haben, bevor sie an ihren Körpermaßen und ihrem Gewicht arbeiten wird. Die alten Hasen wissen Bescheid, aber den Frischlingen sei gesagt, dass wir während der Tragezeit sehr regelmäßig das Gewicht und die Körpermaße der werdenden Mutter dokumentieren, die letzteren werden direkt hinter den Vorderbeinen, in der Mitte und vor den Hinterbeinen vermessen.

Für heute ergibt sich: Vorne 75 cm Körperumfang, Mitte 71 cm und hinten 62 cm bei 30 kg.

Nachmittags kommt Fine, Fiannas Schwester, die auf der Durchreise zu ihrem Feriendomizil im Chiemgau ist, auf einen Kurzbesuch vorbei und kriegt sich nicht ein vor Freude. Wir haben dem nichts als Gegenfreude entgegenzusetzen und uns den vielfältigen Spielarten ihrer Zuneigung zu erwehren; die eindrücklichste ist ein zwei Meter langer und zehn Zentimeter dicker Knüppel, den sie uns in einer grazilen Drehbewegung in die Kniekehlen schleudert.

Abends, nachdem Fine mit ihren Chauffeuren weitergereist ist, setzt, nachdem es den ganzen Tag über trüb und hochneblig war, starker Regen und Sturm bei knapp über 2 °C ein. Das Jahr scheint sich sehr übellaunig verabschieden zu wollen.

 

Sonntag, 30. Dezember 2018, 11. Tag n. E.

Genau so geht es auch heute weiter: Regen, Schneeregen und Wind bei 1 - 3 °C.

Während Hedda unausgelastet und sich selbst im Weg stehend hauptsächlich Unruhe stiftet, ruht Fianna in ihrem Bett und singt leise Wiegenlieder. So ganz langsam beginnt die Zeit, in der sich die Feten in Fiannas Gebärmutterhörnern einnisten sollten. Bis jetzt schwimmen sie ja nur in großer Zahl in der mütterlichen Ursuppe herum, aber so viel Lebensanwärter kann keine Hündin der Welt zur Welt bringen. Deshalb beginnt jetzt langsam der Kampf ums Bleiben oder Gehen. Wenn man möchte, kann man sich das wie auf einer alten Galeere vorstellen, die ein paar hundert Ruderern Platz bietet. Und nur wer rudert überlebt. Die anderen gehen über Bord. Wenn Tausende sich um die Plätze auf der Ruderbank bewerben, ist das Gemetzel groß und die Verlustrate tragisch. Am Ende des Runs auf die Ruderbänke werden alle Plätze besetzt sein, der große Rest geht über Bord und taucht ab ins Dunkel der Ozeane. Chance gehabt, Chance vertan. Such is life. Und das Schiff macht sich emsig und wohlbestückt auf den Weg. Willkommen beim Blues, Mitte Februar. Aber bis dahin heißt es, sich ordentlich in die Riemen zu legen.

 

Montag, 31. Dezember 2018, Silvester und 12. Tag n. E.

Es bleibt beim Schmuddelwetter und Regen bei knapp über 0 °C.

Gestern haben wir noch unseren Franz II aus dem Lager geholt und für die heutige Silvesterausfahrt einsatzbereit gemacht. Es geht nämlich zu Nando (Hallodri) ins Erdinger Hinterland. Und es regnet, was  die Himmelsschläuche hergeben. Das fordert doch einen Blick in die allseits beliebten Bauernregeln heraus:

Silvesternacht düster oder klar sagt an ein gutes Jahr. Das hätten wir uns ja denken können! Wer, außer dem Stammitaliener, traut sich schon, der Kundschaft, sauren Wein einzuschenken? Noch besser sind die Boulevard-Prophezeiungen von dieser Sorte:
Wenn’s Silvester stürmt und schneit, ist Neujahr nicht mehr weit oder
Ist’s an Silvester hell und klar, ist am nächsten Tag Neujahr. Tusch, Schenkelklopfen, Tusch...
Aber es geht doch ein wenig seriöser:
Silvester wenig Wind und Morgensonn’, gibt viel Hoffnung auf Wein und Korn. Diese Hoffnung hätte sich mit dem heutigen Silvestertag dann auch erledigt. Und wer's nicht glauben mag, bekommt auch noch den Gegenbeweis:
Silvesterwind und warme Sonn’ verdirbt die Hoffnung auf Wein und Korn.

Kurz nach 15 Uhr kommen wir bei Nando im Erdinger Outback an und latschen alle zusammen geduckt und verdrossen durch den Regenwald. Der anschließende Glühweinempfang auf Nandos Balkon, aber gottlob unter Dach und Fach, stimmt die Gemüter wieder froh. Und dann fressen und picheln wir uns mittels eines vielgängigen und exklusiven Menüs dem Jahreswechsel entgegen.

Einen gesellschaftlichen Schnitzer erlaubt sich Fianna auf dem Weg zum neuen Jahr: Sie pinkelt auf Nandos Wohnzimmerteppich. SOWAS HAT SIE NOCH NIE GEMACHT! Wir schwören! Nandos Haushälter meinen zwar, das sei der Platz, an dem er für gewöhnlich seine Abendcracker zu sich nimmt, aber das kann ja kaum ein hinreichender Grund sein, ausgerechnet dort Dominanzansprüche zu manifestieren. Man stelle sich vor, wie es auf unserer Silvestertafel zuginge, wenn das zu den gängigen Umgangsformen gehörte. Die Chefin ist jedenfalls reichlich erbost und geigt der werdenden Mutter die Meinung so unmissverständlich, dass die ans nahe Ende der Welt glaubt und eine sehr finstere Wolke durchs Nandomizil wabern sieht. Aber das Ende der Welt ist es nicht, nur das Ende dieses Jahres, und Frauchen ist schon wenige Minuten nach dem Einlauf wieder beste Freundin mit ihrer Vertrauten im kleinen Schwarzen. So viel Harmonie um Jahreswechsel! Fast kommen einem die Tränen.

Der Protokollant jedoch fragt sich beim andächtigen Kauen die gleiche Frage, die ihn alle Jahre wieder beschäftigt: Warum bürden wir dieses Jahreswechselritual zwanghaft immer dem armen Silvester auf? Ausgerechnet jenem Silvester, dessen Name übersetzt Waldmann bedeutet, und der, weiß der gnädige Himmel warum, auch noch zum Schutzpatron der Haustiere ernannt wurde. Nichts wünscht sich diesen Silvester so sehr zum Teufel wie die von der Böllerei genervten Haustiere und auch die schutzlosen Kreaturen in Wald und Flur, die Waldmänner und Waldfrauen eben. Zynischer geht's ja kaum. Dabei fand der Jahreswechsel doch bis 1691, als Papst Innozenz XII der Kalenderanpassung  folgte, Neujahr am 6. Januar statt. Diesem Tag haben wir seither die Migranten aus dem Morgenland an den Hals gehängt, damit er nicht plötzlich wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern dasteht. Denkt man die Frage weiter, darf man auch mal nachhaken, warum der 31. Dezember / 1. Januar auch dann den Jahreswechsel einläutet, wenn wir ein Schaltjahr feiern? Dann passt das Datum doch schon wieder nicht. Der Assi spült ein kleines Stückchen Lammfilet mit einem samtigen Roten über die Zunge und plädiert für einen täglich zu feiernden Jahreswechsel, was nie falsch wäre und die Menschen von Unsinnigerem abhalten würde. Fröhlich angeturnt metzelt man nicht. Nur um die Lämmerpopulation wäre es bald schlecht bestellt. Aber schön wäre es trotzdem, und für alles muss man sich auch nicht rechtfertigen. Wir könnten uns ja beispielsweise auch am thailändischen Neujahr vom 13. bis 15. April beteiligen oder am 11. September mit den Kopten und den Rastafari feiern. Wir könnten aber auch mit den Bahai am 20. oder 21. März feiern, die, Silvesterfeuerwerkschlauer als wir, zwischen Gemein- und Schaltjahren unterscheiden. Anstatt mit Halloween wären wir auch mit dem keltischen Neujahr am 31. Oktober besser bedient. Es gäbe genug Tage im Jahr, die sich als traditionelle Neujahrstage bewährt haben. Packen wir's an, weil es eh wurscht ist; morgen ist sowieso wieder Mord und Totschlag, Stau und Steinschlag, Trump und Trottel, egal, wann wir den Jahresschnitt feiern. Also, denn: Schampus auf uns alle! Schließlich gibt es ja auch rund ums Jahr Wein, Weib und Gesang sowie Bier, Mann und Gegröl, denen wir unsere Wertschätzung entgegenprosten können. Cheerio 2019!

Nando ist zwar genauso bekloppt wie seine Schwester Hedda, aber er verzichtet dennoch auf ein Feuerwerk, stellt uns dafür um Mitternacht zwei Montgolfieren, jene kleinen Heißluftballons aus Papier, bereit, die lautlos unsere Wünsche in den Himmel tragen sollen. Heiße Luft für Höhenflüge, herrje, welch eine Metapher! Unser Heißluftballon erleidet wegen der berüchtigten Feinmotorik der Chefin allerdings schon beim Entfalten eine Verwundung, von der er sich nicht mehr erholt, weshalb er, entfacht, keinen Millimeter abheben will und im Wassereimer gelöscht werden muss, bevor er das Nandomizil in Schutt und Asche legen kann. Nandos Montgolfiere hebt zwar ab, aber gerade noch haarscharf über das Balkongeländer, von wo er, vom Wind zerzaust und vom Regen geweicht und gewindelt, auf direktem Weg im Garten sein kurzes Leben aushaucht. Ist das nun ein schlechtes Omen? Keine Höhenflüge 2019? Keine Wünsche in den Himmel gebracht, so wie die Wünsche der bayerischen Regierung an die Himmelsleitung zusammen mit dem Alois Hingerl im Hofbräuhaus verhockt sind? Was das für uns bedeuten wird, muss abgewartet werden, für die bayerische Regierung bedeutet das, dass sie bis heute auf die himmlischen Eingebungen wartet und die Zeit mit Aufhängen von Kreuzen in den Amtsstuben überbrückt. Oder ist es gar ein gutes Omen, wenn viel heiße Luft nicht zwingend den Weg nach oben bedeutet? Wir überlassen die Antwort dem neuen Jahr.

Fianna, Hedda und Nando sind natürlich ganz aufgeregt ob all der ungewohnten Ereignisse um sie herum. Das heißt: Der Nachwuchs ist hibbelig und unter Strom und trotzdem irgendwie entspannt und gelassen, und Fianna schmust sich durch die fröhliche und somit freigiebige Gesellschaft und bettelt ihr die Taschen leer. So viel Hunger kann ein einziger, zumal bereits reichlich abgespeister Hund nicht haben. Der Doku-Assi vermerkt in seinem Tagebuch: Wer so viel isst, hat einen Wurm – oder viele.

 

Dienstag, 1. Januar 2019, Neujahr und 13. Tag n. E.

Das neue Jahr legt schon nach zweieinhalb Stunden die erste Pause ein, als wir uns um 2:30 Uhr zur Ruhe begeben, sehr zufrieden und mit uns und dem alten Jahr im Reinen. Dem neuen Jahr geben wir ab sofort jede Menge Kredit. Was sonst, sollen wir uns schon jetzt mit ihm anlegen?

Nachdem im Laufe des Vormittags die Hunde ihre Morgenrunde absolvieren dürfen, jetzt bei schon merklich erschöpftem Regen, versammeln wir uns bei einem sehr gemütlichen und, gemessen am Silvestermenü, natürlich zu üppigen Frühstück. Dann verabschieden wir uns von den Nandos, danken ihnen von ganzem Herzen für die Gastfreundschaft, wünschen ihnen – und allen, die das lesen – ein unbeschwertes Jahr voller Glücksmomente. Und machen uns davon.

Um 12:30 Uhr sind wir wieder zuhause und schaffen den denkbar geschmeidigsten Übergang zum Extremcouching für den Rest des Tages.

Und der Regen singt auch kein Lied mehr.

 

Mittwoch, 2. Januar 2019, 14. Tag n. E.

Wie vermutet, hält die Welt keine Sekunde den Atem an, sondern hastet und hyperventiliert im alten Muster weiter. In Brasilien dreht ein Menschenfeind und Naturfrevler die Zeit Lichtjahre hinter das gerade abgelaufene Jahr zurück und der Zukunft die Luft ab, in Dänemark liefert ein Zugunglück Tote, der Kaiser von China droht Taiwan mit der Zwangsheimholung ins Reich und in Norddeutschland ist Land unter. Der Seehofer will schon wieder ein wenig an der Migrationsschraube drehen und findet den rassistischen Amokfahrer von Bottrop nicht so schlimm wie die besoffen randalierenden Araber in Amberg. Morgen pinkeln sehr wahrscheinlich die Italoclowns der EU wieder in den Spiegelsaal und übermorgen kapert Putin Estland, weil er doch nur wissen will, wie lange die anderen quietschen, bis sie aufschreien. Dazu hätte es wirklich keinen Jahreswechsel gebraucht. Same procedure as last year.

An diese Losung hält sich auch Fianna strikt, indem sie bei der heutigen Fortschrittskontrolle einen fetten schwarzbraunen Blutpfropfen aufs Taschentuch appliziert – die termingetreue und allfällige Schmierblutung. Bei ihrem ersten Wurf hat uns das noch irritiert und besorgt, beim zweiten beruhigt, und heute wissen wir: Fianna ist auf dem Weg zur dritten Mutterschaft. Dieser Hund spult seine Schwangerschaft ab wie ein Projekt; da werden Milestones gesetzt und eingehalten, Erfolgskontrollen eingeflochten und dann, wie es bei einem kompetent gesteuerten Ablaufplan sein sollte, spätestens zum avisierten Termin geliefert. Das hat schon etwas Anachronistisches im postpräzisen Deutschland.  

Auch Hedda kommt ein bisschen zurück in die Spur, ist zwar immer noch eine Nervensäge und, was ihre nächsten Absichten angeht, kaum kalkulierbar, aber zumindest an den Trainingseinheiten findet sie wieder richtig viel Spaß und kann sich vor Eifer kaum bremsen. Die Chefin ist zufrieden und voller Hoffnung, dass ihr Herzenszwerg bald wieder zu großer Form aufläuft.

Wenn ihre Damen schon beide in jeweils ihrer Weise aktiv sind, beschließt die Chefin, den Rest ihrer Ferien auch nicht herumzutrödeln und setzt die vor Monaten begonnene und auf Sabbatical gesetzte Kellerrenovierung fort: verputzen, malern, umräumen, entrümpeln, neu organisieren. Welch ein Segen, dass sich der Assi vor Arbeit kaum retten kann, sonst hätte er noch auf Kellerassi umsatteln müssen. Aber natürlich will er sich nicht der Faulheit bezichtigen lassen und führt die schwarzen Elfen fast zwei Stunden, eine nach der anderen, hinaus in die den ganzen Tag durchs Mangfalltal peitschenden Schnee- und Graupelschauer. Wie ein Schneemann kommt er nach Hause, gerade, dass er keine Karotte im Gesicht hat. Da soll die Chefin bloß froh sein, dass sie sich einen mollig warmen Arbeitsplatz ausgesucht hat. Der Assi hat sich auf dem Weg seinen Hündinnen optisch angeglichen: zerzauselt wie eine unter die Räuber gefallene Diva. Zuhause unterscheiden wir uns dann kaum noch: Herr und Hunde weiß von den Elementen und die werkelnde Hausmeisterin weiß vom Gips und den Pigmenten.

Das neue Jahr kann kaum erfüllender durchstarten.

Und abends besuchen wir dann auch noch den benachbarten Hias, ohne seine Mutter und Schwester, was diesen fassungslos, dafür aber umso anhänglicher  macht. Und wir plaudern uns beschwingt gen Mitternacht.

 

Donnerstag, 3. Januar 2019, 15. Tag n. E.

Das Wetter beruhigt sich und schmeichelt sich mit zwar frostigen, aber vielfach heiteren Angeboten ein. Der Morgen startet mit -5 °C, und um 15 Uhr messen wir bei einem strammen Nordwest immer noch oder schon wieder -2 °C. Das ist so frostig, dass die Kordel des Spielballs steif wie der Eselsschwanz am Wetterhäuschen ist, was Hedda für ihre Zwecke nutzt und sie ihrem Assi beim Spaziergang konsequent von hinten in die Hand schiebt, damit das Spiel weitergeht: zerren oder werfen, das ist hier keine Frage. Zerren und werfen, das ist keine Frage! Bis die Schulter luxiert.

Fianna geht ihrerseits den Gang der werdenden Mutter und der sieht so aus: Erst mal ausgiebig pinkeln und dabei die Gegend scannen, um im Ernstfall keine Zeit zu verlieren. Dann erste Anwesenheitskontrolle in der näheren Umgebung des Parkplatzes: wer ist hier, wer war hier und wer geht ab. Dann kompromissloses Bedrängen des Ballhalters mit Beinsichel, Ohrenpiercing und, bei Widersetzlichkeit, Angriff auf die rückwärtige Balltasche. Bei Erfolg: Catwalk mit ausgebaumtem Großmast am Hinterende und Victory-Zeichen im Blick. Bei Misserfolg (Standard): Beinsichel, Ohrenpiercing... Was die umtriebige Ballartistin nicht weiß: Wir bestehen auf eine angemessene Aufwärmphase, weil wir wegen der anberaumten Kinderschar unbedingt vermeiden wollen, dass sie sich im kalten Zustand etwas zerrt und dann möglicherweise Schmerzmittel braucht. Im Gegensatz zu Heddas Bewegungsbild beschränkt sich unsere Sorge bei Fianna ausschließlich auf die Ballzugriffsphase, denn anschließend geht sie nahezu abrupt in statisches Mäusebannen über; Ball abgelegt, Nase im Loch. Und Mäuselöcher gibt es so viele, dass jeder Falke aller saudischen Prinzen sein eigenes bewachen könnte. Währenddessen setzt der Ballassi seinen Weg fort und Fianna folgt ihm, je nach Laune, früher oder später. Guter Hund, tolle Fianna. Übernahme der Gehorsamsvergütung mit sofort anschließende Beinsichel und Blickkontakt auf Nasenhöhe. Ball fliegt wieder. Verfolgung, Ballzugriff und Mäusevisite. Variante: Fianna taucht ohne Ball bei ihrem Assi auf. Hol deinen Ball, los! Egal, wo sie ihn unter welchen Umständen liegen ließ, sie weiß immer, wo ihr Ball liegt. Und ab geht sie, Schalk im Blick, Rutenspitze knapp unterm Himmelszelt. Rückkehr dito. Toller Hund, prima Fianna. Der Ballassi nutzt diese Art des kontemplativen und weitgehend untätigen Spazierens, um beispielsweise solche Dokumentationen im Geiste zu verfassen und sie zu Hause nur noch aufzuschreiben. Würde er immer nur mit Hedda unterwegs sein, gäbe es wahrscheinlich keinen Baby-Blog. So sorgt Fianna selbst für ihre Vermarktung im Internet.

Zu Hause spachtelt und weißelt derweil die tüchtige Hausfrau. Da bleibt dem Spaziergänger nicht mehr viel zu tun; nur den gesammelten Sperrmüll gilt es noch zu überprüfen, damit nichts entsorgt wird, was noch gebraucht wird. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

 

Freitag, 4. Januar 2019, 16. Tag n. E.

"Gibt es nun viel Regen, gibt´s dem Sommer keinen Segen." Sagt der Bauernkalender, und o freuen wir uns auf einen schönen Sommer, denn nun zieht der Winter mit feinstem und ergiebigem Schneestaub ein.

Und der Keller bekommt seinen letzten Schliff und neue Regale.

 

Samstag, 5. Januar 2019, 17. Tag n. E.

Jetzt ist er da, der Winter, mit seiner ganzen Entourage: Schnee, Sturm, Verwehungen. Eigentlich wäre für heute eine Geburtstagsfahrt ins Schwabenland geplant: abgesagt. Der Ferienrückreiseverkehr steht fast überall still, und Unfälle gehören zum Programm. Erschwerend kommt hinzu, dass eine Bahnfahrt heutzutage nicht nur nicht mehr lustig ist, sondern unter diesen Umständen eine mit Endstation im Nirgendwo. Und mit zwei Hunden muss man sich das schon zweimal nicht antun. Es haut uns heute den Schnee so um die Ohren, dass wir sogar die Fahrt zum Wertstoffhof in die ungewisse Zukunft verschieben und unseren Sperrmüll bis dahin weiter im Keller bunkern (weitere Gelegenheit zur Kontrolle!). Kurz: Wir bleiben zu Hause, jeder unnötige Meter mit dem Auto ist Unsinn. Indooring.

Außer den Hundelüftungen natürlich. Ein Hochamt für die Pelzträgerinnen bei solchem Wetter! Jetzt wird Fianna vollends zum Schachterlteufel mit blitzende Augen und gezauseltem Fell. Allerdings, so scheint dem Spaziergänger, hat sie körperlich schon etwas zugelegt, ist augenscheinlich schon ein wenig pummelig geworden. Ein Grund sind sicher die reichlichen Gehorsamsvergütungen, die sie sich auch alle redlich verdient, aber auch die Bettelkontingente, die sie vor allem bei anderen Begleitkonstellationen als der mit ihrem Ballassi einheimst. Kaum jemand, der sich dem Charme dieser werdenden Mutter entziehen kann, niemand, den sie nicht unverfroren um den Finger wickelt. In der Tat gewinnt Fianna mit jeder Trächtigkeit mehr an Ausstrahlung, Persönlichkeit, Charme und Witz. Sie kriegt sie alle und sie kriegt sie alle rum. Die Spaziergänge mit ihrem Assi sind dagegen fast so etwas wie Diätunterbrechungen, eine Art Intervallfasten. Aber auch der humorlose Assi genießt die Zeit mit ihr da draußen, ihre Lebensfreude und ihre gelegentliche Dreistigkeit, wenn es um ihren Ball geht. Mehr Spaß hätte er allerdings, wenn er sie ohne Schneesturm genießen könnte. Ach, Hund müsste man sein, dann hätte man keine Brille. Oder man brächte einen Scheibenwischer an dieser an. So Einträchtiges WartenGespanntes Wartenaber ahnt der Assi nur noch, was seine Fianna im Schneetreiben so treibt, sehen tut er es längst nicht mehr.

Insgesamt bewegen sich die Temperaturen heute zwischen -1 °C morgens und 1 °C nachmittags, dann allerdings mit elendem Schneeregen, der noch ekliger zu ertragen ist als der Schneesturm morgens.

Und was sonst? Nichts. Keine Meldungen zum Kinderfortschritt. Gespanntes Abwarten.

 

Sonntag, 6. Januar 2019, Dreikönigstag und 18. Tag n. E.

Schneeregen, Pappschnee, Wind. Die Wege sind von einer Zentimeter hohen Sülze bedeckt, die kaum ein Fortkommen ermöglicht. Wo man sonst einen Schritt macht, braucht man jetzt zweieinhalb. Es sei denn, man hätte vier Beine, aber selbst die geraden unter diesen Bedingungen gelegentlich außer Kontrolle. Irgendwie fühlt sich das an wie Treibsand. Aber während wir im Mangfalltal nur diese ekelige Sauerei haben, steht den Nachbarn in Miesbach oder in Holzkirchen, gerade mal 15 km entfernt, der Schnee bis zur Halskrause. Dort steht alles still.

Was machen eigentlich die wärmeverwöhnten Heiligen aus dem Morgenland unter solchen Bedingungen? Sie kämpfen sich allen Widrigkeiten zum Trotz durch, singen uns ein dissonantes Liedlein, nebeln uns mit Weihwasser ein und segnen unser Haus: 20*C-M-B*19. Danke, wird schon werden und gutgehen.

 

Montag, 7. Januar 2019, 19. Tag n. E.

Im ganzen Oberland ist der Katastrophenfall ausgerufen, für die Schüler sind die Ferien um eine Woche verlängert worden – und bei uns regnet es. Das Geläuf wird dadurch nicht besser, aber wenigstens läuft hier der Verkehr.

In gewisser Weise ruht nicht nur Fianna in sich und in ihrem Kudde-Bett, sondern auch die Anzeichen einer Schwangerschaft. Nur ihr optische Formerweiterung deutet auf interne Prozesse hin. Wir beginnen also langsam mit den Wurf-Vorbereitungen und waschen schon mal die VetBeds durch, die zwar gewaschen, aber eben doch zwei Jahre im Keller ausharren mussten.

 

Dienstag, 8. Januar 2019, 20. Tag n. E.

Aprilwetter, bis 4 °C, viel Wind, Regen, Schneeregen und sogar Sonne, Aprilwetter eben. Aber der nächste winterliche Paukenschlag wird uns schon angedroht. Und die Oberländer ziehen schon die Köpfe ein.

Wegen Fiannas optischer Formerweiterung bei deutlich reduzierten Futtergaben und den berichteten Gefälligkeiten an der frischen Luft, sind wir doch neugierig und wollen mal wissen, ob unsere Wahrnehmung zutrifft. Und das tut sie. Fianna hat zwar ein Kilo abgenommen, aber zwei Zentimeter von der vorderen Messposition in die Körpermitte verschoben. Vorne sieht man die Abnahme nicht, aber die mittige Zunahme bleibt kaum verborgen. Fianna baut vor und an, verwertet, was verwertbar ist. Kinderfürsorge beginnt bei der Vorratshaltung.

Wenn der Chronist nicht so viel mit Fianna und ihren Ballspielereien draußen gewesen wäre und dabei viel Zeit gehabt hätte, sich seine Gedanken zu machen, hätte diese 3. Woche eigentlich keinen eigenen Eintrag verdient. Außer Wetter und Keller war nämlich nichts los. Wie so häufig, ist die dritte Woche eine ohne Eigenschaften, eine zum Sammeln und Durchschnaufen. Wenn die Vorzeichen nicht trügen und Fianna Kinder durch den Schnee und Matsch trägt, dann wird sich das jetzt schnell ändern. Schau mer mal...

 

Mittwoch, 9. Januar 2019, 21. Tag n. E.

Jetzt kommt tatsächlich der Schnee auch ins Mangfalltal. Die Nachbarlandkreise sind ja schon abgetaucht, einige Orte vom Rest der Welt abgeschnitten, nur hier ging es bislang moderat zu. Nun ist die Schonzeit vorbei. Die Mädels haben trotz oder gerade wegen dieses himmlischen Segens ihren Heidenspaß, schaffen es aber dennoch nicht, uns zu einer weiteren und noch einer weiteren Runde zu bewegen. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern und machen uns auf die Flucht ins warme Heim.

Fianna ist in dieser Hinsicht im Zwiespalt. Einerseits würde sie gerne noch ein paar Runden durch dieses Sauwetter drehen, andererseits hatte sie gestern Abend schon ein bisschen Probleme mit ihrem Magen. Und heute Morgen ist das nicht weg, sondern zwingt sie immer wieder ein bisschen zu würgen, zu hüsteln und zu räuspern. Eintrag ins Tagebuch:  Was den Magen verstört, die Gebärmutter ehrt. Soll keiner sagen, nur die Bauern hätten blamable Sprüche auf Lager, wie etwa den für den heutigen Tag: St. Julian bricht das Eis, bricht er es nicht, umarmt er es. Da kannst du dich gar nicht so tief bücken, um auf dieses Niveau hinunterzukommen.

Beschäftigen wir uns besser mit Fiannas Magen und geben ihr ein Löffelchen Heilerde ins Frühstück, um das saure Milieu etwas aufzubasieren. Das bringt die Dinge auch bis abends wieder ins Lot, und Fianna scheint wieder hergestellt zu sein. Mit solchen Dingen hat sie sich noch nie sonderlich lange aufgehalten, wie sie in Sachen schwangerschaftlich bedingter Unpässlichkeit sehr gut zu haben ist; mal kurz aus der Spur und gleich wieder zurück. Damit kann man gut leben, obwohl die Übelkeitsvariante natürlich klarere Aufschlüsse über ihren Zustand geben würde. Die Frage ist, ob es die Quälerei noch braucht, sind wir doch sowieso schon längst von ihrem Umstand überzeugt.

Und der Schnee schneit immer weiter. Die ganze Nacht.

 

Donnerstag, 10. Januar 2019, 22. Tag n. E.

Das da draußen vor unseren Fenstern und Türen ist nicht mehr unser Mangfalltal! Rund 40 cm Schnee hat es uns über Nacht vor die Füße gehauen und geweht, und es schneit unentwegt weiter. Immer weiter. Bei diesem Schnee bedeutet das für den Schaufelassi pro 1 cm Schneehöhe eine Minute schippen, das summiert sich auf vierzig Minuten. Und als er gerade fertig ist, kommen seine beiden Lieblingshunde vom Spaziergang zurück und versprühen pure Lebensfreude. Und Hedda versucht sogar, ihm die Schaufel zu klauen, damit er sich Zeit nehmen und mit ihnen zusammen von der Unvergleichlichkeit dieses Morgens überzeugen soll. Dabei sind sie schon jetzt optisch von ihrer Umgebung kaum noch zu unterscheiden. Nach dem verdienten Frühstück ist der Assi schon wieder mit der Schaufel draußen, weil offenbar der ganze Schneevorrat für einen Winter auf einmal ausgeleert wird. Also auf ein Neues, wohl wissend, dass es nicht lange vorhalten wird. Das letzte Mal, als wir so eingeschneit wurden, schrieben wir den 5. März 2005. Damals haben wir den lieben langen Tag erfolglos die Schaufeln geschwungen, bis uns abends erschöpft und schuldgeplagt bewusst wurde, dass wir den 1. Geburtstag unserer Franzi komplett verschaufelt hatten. Noch heute nehmen wir Frau Holle diese Gemeinheit übel.

In der aktuellen Situation machen wir uns allerdings eher Sorgen, dass Fianna angesichts dieser Schneemassen ihre Produktion einstellen und ihre Früchtchen resorbieren könnte. Sie wäre nicht die erste trächtige Hündin, die angesichts eines schweren Winters zu der Überzeugung käme, dass sie die Plagen unter diesen Umständen nicht durchbringen könne und sie deshalb lieber gleich abtreibt. Wir glauben zwar fest an Fiannas Glauben an uns und unsere Unterstützung, aber was in so einer Mutter vorgeht, weiß man ja nie. Wir werden sie deshalb fest an uns drücken und warmhalten, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Schließlich haben sich, seit der Jahreswechselstress vorüber ist, schon eine ganze Reihe von Interessenten für Fiannas Ibidumms und Igittigitts gemeldet. Und die müssten wir dann alle sehr enttäuschen, obwohl wir gar nichts dafür könnten.

Ausgerechnet heute steht der zweite jener Termine an, von denen wir zu Beginn unserer Aufzeichnungen meinten, dass wir sie nur ungern streichen würden. Nun, da uns Fianna diesen Strich nicht durch die Rechnung gemacht hat, schickt sich die olle Frau Holle an, diesen Part zu übernehmen. Wir wollen heute Hakuna im Engadin besuchen und mittags losfahren. Die Abfahrtszeit einzuhalten ist überhaupt kein Problem, weil die Chefin heute Morgen keinen Zug gefunden hat, der sie nach München zur Arbeit bringen wollte, frei nach dem Motto: Alle reden vom Wetter, wir streichen gleich die Segel. Das gibt uns die nötige Freiheit, den kristallinen Wahnsinn da draußen im Auge zu behalten und nach Vernunft und Augenmaß zu entscheiden, ob gefahren wird oder nicht. Doch was können Vernunft und Augenmaß gegen die schiere Sehnsucht nach brillantem Bergwetter ausrichten. Und Hakuna bombardiert uns seit Tagen mit weißen Schneewänden unter azurblauem Himmel. Das Motto der Blues-Chefin heißt demnach: Durch die Finsternis zum Licht.

Und so rutschen wir, nachdem wir unsere Nachbarn um die Gefälligkeit eines "kleinen" Räumdienstes gebeten hatten, gegen High Noon los in Richtung Licht. Kurz nachdem wir die A 8 bei Bad Aibling erklommen haben, stehen wir auch schon wieder. Und stehen. Eine Stunde wegen eines Unfalls vor uns, den uns kein Navi und kein Verkehrsbericht gemeldet hatte, so frisch war er. Nach einer Stunde erreichen wir endlich die nächste Abfahrt in Kolbermoor und nehmen den Umweg über Rosenheim. Wenn das so weitergeht... Doch so geht es zum Glück nicht weiter. Auf der Inntalautobahn beruhigt sich das Wetter ein wenig und die Straßenlage wird geschmeidig. Nach dem Tunnel, das Landeck unterführt, gibt uns schon die Sonne die Ehre, und der Rest der Fahrt ist eine Freude. Um viertel nach fünf begrüßt uns das Abendrot der Engadiner Alpen und Hakuna schließt uns selig und komplett abgedreht in die Arme (eigentlich sollte es ja andersrum sein). Ja, auch der Assi räumt ein, dass es gut war, es gewagt zu haben. Wenn alles gutgeht, ist eben immer alles gut.

Der Abend wird dann durch zwei Konstanten geprägt: Ein viergängiges Menü, das uns durch den Abend geleitet und Hakuna, die sich am Hinterteil ihrer Mutter nicht sattriechen kann. Eintrag ins Tagebuch: Duftet die Gute / so unter der Rute,/ wird wohl wahr,/ was ich vermute. Nur zum Vergleich, der Hundertjährige für heute: An Agathe Sonnenschein bringt viel Korn und Wein. Die Ernte dürfte sich demnach aufs Engadin konzentrieren. Aber ob die hier oben so viel Wein herkriegen, dass auch für uns noch ein Tröpfchen überbleibt?

 

Freitag, 11. Januar 2019, 23. Tag n. E.

WinterwunderlandWinterwunderlandWer wegen einem Meter Glitzerschnee bei tiefblauem Himmel ins Engadin fährt, muss damit leben, dass es morgens fast -20 °C hat; immerhin liegt Hakunas Winterpalst auf 1740 Metern. Besorgt weist der Assi die morgendlichen Spaziergängerinnen an, sich in der Dauer des Ausgangs zu beschränken, weil er die Sorgen bezüglich der Rückabwicklung der Produktion noch nicht begraben hat, im anderen Fall aber befürchtet, dass uns Fianna unter diesen Umständen lauter Eisprinzessinnen und schwule Eistänzer ins Nest legt. Nicht dass wir beim Blues etwas gegen Eisprinzessinnen und schwule Eistänzer hätten, aber möglicherweise wären diese schwerer vermittelbar als alltagstaugliche Gebrauchshunde. Bedauerlicherweise, aber erwartungsgemäß, findet er kein Gehör und der Morgenspaziergang dauert genauso lange wie an einem kuscheligen Sommermorgen. Was an normalen Tagen eingefahren wurde, friert im Winter ein. Das gilt auch für Routinen.

Fianna auf TauchstationFianna auf TauchstationFianna hat etwas weichen Stuhlgang, woran wir uns bei ihren beiden Würfen nicht erinnern können, aber das wäre nicht die erste Schwangerschaftsamnesie. Als Ursachen vermuten wir entweder Schnee, der beim Suchen der Bälle im Tiefschnee literweise in den Mäulern verschwindet oder die ungewohnte Schweizer Kost, wie etwa Salsiz, Butschelli, Moschtbröckli oder Kochendörfer Steinbocktorte. Da auch Hedda etwas weicher liefert, schließen wir einen Schwangerschaftsbezug jedenfalls aus.  

 

Nachmittags treiben wir uns bei immer noch -7 °C  über zwei Stunden Hakuna im TiefschneeHakunain Hedda im TiefschneeHeddadiesem Winterwunderland herum und jagen die Pelzträgerinnen durch den Tiefschnee. Vor allem die beiden Nachwuchshoffnungen sind mehr unter dem Schnee als über ihm zu finden. Fiannas Tiefschnee-Einsätze dosieren wir hingegen mit Augenmaß, aber aufs Altersteil will sie sich nicht abschieben lassen und gibt ordentlich Gas, wenn der Ball in der Tiefe versinkt. Wenn sie gerade nicht im Tiefschnee zugange ist, ist sie im Permanentbettelmodus und schmarotzt sich von einer Jackentasche zur anderen Hosentasche durchs BündSister Act - Hakuna und HeddaSister Actner Land und findet immer eine freigiebige Hand. Nach diesem walk in the winterwonderland sind Mutter und Töchter richtig durchgearbeitet und für den Rest des Tages gut zufrieden und im Rekreationsmodus. Kaum zu glauben, dass die Schwestern doch auch mal klein zu kriegen sind.

In dieser Nacht ziehen erste Wolken auf, was die Temperatur auf wohlige -11 °C steigen lässt, allerdings auch eine Wetterverschlechterung bedeutet und Vorboten des angekündigten Schneefalls spätestens am Sonntag darstellt. Wenn wir dann irgendwo hängen bleiben, haben wir wenigstens ein bisschen in den Engadiner Himmel schauen dürfen.

Fianna macht sich keine Sorgen weger einer möglicherweise strapaziösen Heimfahrt (Die werden das schon schaukeln) und verschwindet mit Hakunas Kuschelknautschi im Schlafgemach.

 

Samstag, 12. Januar 2019, 24. Tag n. E.

Es bleibt morgens beim nächtlichen Eindruck: -11 °C und leicht bewölkt.

Die Chefin meint, bei Fianna morgens eine zögerliche Nahrungsaufnahme beobachtet zu haben. Diese Futterapathie zeigte sie bei ihrem ersten Wurf deutlich und mit angewidertem Blick, beim zweiten war die Reaktion schon moderater ausgefallen, und jetzt scheint sie sich die Butter nur ungern vom Brot nehmen lassen zu wollen. Allerdings stehen natürlich zwei gierige Töchter in Lauerstellung, denen man das Feld nicht überlassen möchte.

Diese typische Schwangerschaftsreaktion wirft beim Assi die Frage auf, wie es denn mit dem Knospen der Zitzen und der Freilegung der Zitzenhöfe bestellt sei, schließlich müsse man doch in dieser Hinsicht schon ein gutes Stück des Weges vorangekommen sein, wenn Fiannas Bauch Leben trägt. Und er stellt diese Frage beim Frühstück der Zuchtbeauftragten des Blues, weil sie ihm relevant erscheint, ihm aber der Zugang zum Bauch der mutmaßlich werdenden Mutter versperrt ist, da diese ihm unter dem Tisch zu Füßen liegt. Die Antwort kommt knapp zwischen Kaffee und Moschtbröckli: "Die Zitzen sind seit dem letzten Wurf nicht mehr richtig zurückgegangen. Das gleiche gilt für das Fell drumrum." So etwas wäre dem scharfen Blick und den neugierigen Fingern des Assi in jungen Jahren sicher nicht entgangen. Hierin beantwortet sich für die Umwelt auch plausibel die Frage, die ihm gelegentlich gestellt wird, warum er seit dem H-Wurf vom "Vize" zum "Assi" degradiert worden sei. Er selbst empfindet dies nicht als Degradierung, auch wenn ein Fauxpas wie dieser Zitzeneklat Grund genug dafür wäre, im Gegenteil: Ein Assi ist ein aktiv zuarbeitender Mitarbeiter in einem Projekt, während ein Vize nichts als eine Null in Wartestellung ist. Frage doch mal jemand, wie der Vizepräsident der USA heißt! Und zum Zuge kommt der erst, wenn dem Präsidenten das Lebenslicht erlischt oder ausgepustet wird. Und der deutsche Vizekanzler darf Kabinettssitzungen leiten, wenn der Kanzler (die Kanzlerin) unpässlich ist, im Ausland antichambriert oder einen Beckenbruch kuriert. Dem Nachwuchs sei an dieser Stelle noch erklärt, dass Assi weder ein Asylant noch ein Asozialer ist, sondern ... siehe oben.

The Making of ...The Making of ...NHeike fotografiert im Tiefschneeachmittags sieht Samedan eine Sechsergruppe aus drei Menschen und drei Hunden bei milchigem Himmel und eingetrübtem Sonnenschein durch seine Auen flanieren. Der Assi schont sein notleidendes Knie und dokumentiert derweil die Ereignisse der letzten Tage. Fast erreichen die Temperaturen schon den Nullpunkt, und das scheint der Grund dafür zu sein, dass sich Fianna heute fast ausschließlich im Tiefschnee bewegt und Eiskonfekt in ihrem Leib produziert. Nichts ist von der kleinen morgendlichen Übelkeit mehr übrig geblieben, zumindest lässt die Tatsache, dass sie der Chefin beim Bücken auch noch die Mütze vom Kopf klaut und in den Tiefschnee entführt, auf eine sehr aufgeräumte Gemütslage schließen.

Nachdem die Mädels wieder zuhause eintreffen und Schlafbedarf haben, fährt der menschliche Teil des Septetts nach Pontresina ins Café Kochendörfer; kein Aufenthalt in Samedan ohne Fianna steht über allemFianna steht über allemKochendörfer! Der Himmel ist wieder blau, und nach dem Genuss geistiger Kaffeekreationen könnte auch uns das blühen, wenn wir uns nicht beizeiten aus dem Staub machen.

Abends tunken wir dann Brotbröckli in das unvermeidliche Käsefondue, plaudern uns in die Nacht, nehmen Wein und Whiskey zu uns und zur Kenntnis, dass Fianna abends keine Futterapathie zu erkennen gibt.

 

Sonntag, 13. Januar 2019, 25. Tag n. E.

Der Morgen bestätigt die Vorhersagen der vergangenen Tage: Die bislang so offenherzigen Berge sind bis fast ins Tal hinunter verhangen und über Nacht hat es fast unentwegt einen ganz feinen Schnee Sehr winterliche StraßenverhältnisseAmbitionierte Straßenverhältnissehereingeweht. Damit ist das Programm für heute geschrieben: Morgenspaziergang, Frühstück (Fianna mäkelt wieder ein wenig, gibt aber wieder nichts ab) und Tschüss du schönes Bündner Land. Um 10:15 Uhr machen wir uns auf den Weg nach Hause. Zu Beginn läuft alles noch, wie erwartet, dann geht es noch mit 50 km/h voran und mit jedem Meter wird der grieselige Belag auf der Straße stärker, sodass wir das letzte Drittel bis zur österreichischen Grenze noch mit 30 km/h bewältigen können. Zwischen Pfunds und Landeck entspannt sich die Lage dann, und nach der Untertunnelung von Landeck haben wir es mit Regen zu tun, mit viel Regen. Und mit viel Wind. Für die Überschreitung der deutschen Grenze bei Kiefersfelden brauchen wir dann nochmal 25 Minuten und wissen seither, dass auch Flix-Busse offenbar verdächtig sind, illegale Migranten zu befördern, denn warum sonst sollte man an einem Rückreise-Sonntag einen solchen herausholen und durchfilzen?

Nach ziemlich genau fünf Stunden haben wir es geschafft, und die Mädels haben nun eine angereicherte Blase. Also hinaus bei Regen und Wind; der Alltag hat uns wieder. Aber die blauen Tage von Samedan waren es wert. Das muss jetzt auch der Nörgel-Assi zugeben.

 

Montag, 14. Januar 2019, 26. Tag n. E.

Auch heute Morgen zeigt Fianna wenig Begeisterung fürs Frühstück, reißt sich aber zusammen, weil sie sich an das abgewandelte Motto hält: Lieber den Magen verrenken als der Tochter was schenken. In einem teilschwäbischen Haushalt mag eine solche Haltung ihre Berechtigung haben, hält aber der kruden Wirklichkeit mitunter trotzdem nicht stand; sie liefert diese selbstgewählte Zwangsernährung nämlich später wieder in ihr Kudde-Bett ab. Weil das nun allerdings keiner alltäglichen Unpässlichkeit zugrechnet werden kann, folgt prompt der zugehörige Tagebucheintrag: Kommt das Frühstück rückwärts wieda, waren's Innert, Irx und Ida.

Überhaupt haben wir den Eindruck, dass Fianna massiger und, wie es uns scheint, auch ein wenig träger wird. Im Haus rotiert sie sowieso in einer Ruhespirale, aber draußen lässt sie es beschaulicher angehen. Klar, ihren Ball will sie schon immer noch, aber sie droht nicht gleich mit Auszug oder der Russenmafia, wenn man ihn ihr wieder wegnimmt. Dann bummelt sie eben von Mauseloch zu Mauseloch, von Duftspur zu Duftspur und vom Steinchen zum Stöckchen. Es ist, als würde sie auf einem Bänkchen sitzen und ihren Kinderwagen Finale furiosoFinale furiosoin der Sonne schaukeln. Wobei... Nachmittags überfällt uns ohne Ankündigung ein urgewaltiger und anhaltender Pappschneeschauer, der innert (welch zauberhaftes Schweizer Wort) weniger Minuten zehn Zentimeter klebrigen Neuschnee auf der Landschaft verteilt. Es ist wie das Finale furioso eines bislang sehr ungebärdigen Hornungs.  

Aber soll ja besser werden, hört man. Bei Fianna ist es noch nicht besser, sie ist auch abends wieder zögerlich an der Futterschüssel. Und die Hedda lauert stumm...

 

Dienstag, 15. Januar 2019, 27. Tag n. E.

Heute ist meteorologische Winterhalbzeit, mitten im grimmen Hornung, der uns allerdings heute freundschaftlich die Hand reicht und Sonne bei bis zu 4 °C anbietet. Dazu hat der Hundertjährige eine klare Meinung: St. Paulus kalt mit Sonnenschein, wird das Jahr wohl fruchtbar sein, aber auch Ist der Paulustag gelinde, folgen im Frühjahr raue Winde. Wir werden ihn beim Wort nehmen.

Hornung hin, Hartung her: Die echten Hornochsen sitzen derweil in London und lehnen den Brexit-Vertrag ab. So werden aus Unterhäuslern Hinterhäusler, und die Engländer mit ihrer walisischen Gefolgschaft gehen als Horrorclowns in die Geschichtsbücher ein. Wenn man ihnen nun die Taue kappt, kann der englische Kutter grölend aufgekratzt auf den Atlantik hinaus und völlig beseelt über die Weltmeere treiben; Schiff ahoi und immer ein knorriges Riff unterm Kiel. Man staunt trotzdem nicht schlecht, dass die Geschichte ein so boshaftes Kontinuum darstellt, das kein Großreich verschont: Erst groß, dann Größenwahn und am Ende folgt in einer lang anhaltenden Masturbationsorgie die Hirnerweichung und der Abgang als Hofnarr mit irrem Blick. Boris Johnson wäre bei dieser Besetzung sicher erste Wahl.

Nur die Tatsache, dass das britische Unterhaus seine Entscheidung erst abends getroffen hat, macht uns sicher, dass Fianna morgens ausschließlich wegen ihrer inneren Befindlichkeit wieder eine kleine Portion ihres Frühstücks erbricht. Und auch die Abendmahlzeit liegt noch vor dem britischen Kanalsturz, was dazu beigetragen haben könnte, dass sie diese bei sich behält.

Die MessstellenUnsere Franzi bleibt für immer das Maß aller MaßeDoch etwas anderes ist nun kaum noch zu übersehen: Fianna entwickelt jetzt den Taillen-Spoiler, jene störrische Haarlocke, die alleine schon eine glaubwürdige Zeugin einer Schwangerschaft wäre. Und der Eindruck, dass Fianna etwas pummeliger wird, lässt uns das Maßband zücken und die Waage befragen. Und siehe da, der Eindruck trügt nicht:

Messtag Gewicht vorne Mitte hinten
29.12.2018 30 75 71 62
08.01.2019 29 73 73 62
15.01.2019 29,3 75 74 66

Grob die Hälfte haben wir nun, wie der meteorologische Winter, hinter uns. Die nächste Woche bringt uns dann Klarheit, was die kommenden vier Wochen bringen werden.