Inkubation - die Brutzeit des I-Wurfs

Wenn die ersten Tage nach dem großen Ereignis in Schrobenhausen mit den letzten Tagen vor Weihnachten zusammenfallen, kommen beide ein bisschen zu kurz, was aber eben auch bedeutet, dass weder das Eine noch das Andere eine größere Aufmerksamkeit erfährt als ihm zusteht. So einen Zustand nennt man wohl Alltag. Da fährt man am Tag nach Fiannas Hochzeit mit Eddy schon wieder mit Hedda die gleichen Autobahnen in die gleiche Gegend, um bei immer noch anhaltendem Regen mit Hedda zu trainieren; kein Grund für Hedda, sich auf die faule Haut zu legen, nur weil sie demnächst wahrscheinlich vielfache Tante wird. Das Leben geht weiter. Vorerst jedenfalls noch. Die Zwangspausen stellen sich bald automatisch ein. Die Aufzeichnungen von Fiannas Hochzeitsanbahnung müssen auch fertiggestellt und dem erwartungshungrigen Publikum im Internet zur Verfügung gestellt werden; auch das ist nichts vorweihnachtlich Romantisches, sondern Schreibtischarbeit. Ein Restaurantbesuch mit Freunden, der Besuch anderer Freunde bei uns, dazu ein paar Hundespaziergänge – und ehe wir uns versehen, ist schon das Christkind da.

 

Montag, 24. Dezember 2018, Heiligabend und 5. Tag n. E.

Also, bitte sehr, so weit kommt es noch! Nein, wir singen nicht "Ihr Kinderlein kommet" unterm Christbaum. Erstens haben wir ein solches Accessoire nicht und zweitens glauben wir nicht an Schamanengesänge. Die Kinderlein kommen oder sie kommen nicht, egal wie inbrünstig oder beiläufig wir ihre Ankunft herbeiflehen. Oder glaubt jemand etwa ernsthaft, dass irgendein außer Kontrolle geratener Regentänzer für die Sintflut verantwortlich ist, die heute über das Bayernland schwappt und dafür verantwortlich ist, dass wir seit jenseits unseres Erinnerungsvermögens erstmals unseren Termin im Tierpark Hellabrunn ausfallen lassen? Gefühlsmäßig seit jener fernen Zeit, vor der die Keilschrift erfunden wurde, führen wir unsere Damen (und vorher wir uns gegenseitig ohne Damen) zusammen mit Freunden am Heiligen Abend durch Hellabrunn, und seit Jahren schon konnten wir uns anschließend sogar im Biergarten der "Harlachinger Einkehr" auf ein Bier und eine Leberknödelsuppe niederlassen, so entgegenkommend zeigte sich der Wettergott. Aber heute revanchiert er sich für alle die Güte, mit der er uns in der Vergangenheit verwöhnte. Sintflut! Am härtesten dürfte es aber die Wölfe, Hyänen und andere Caniden treffen, die nicht erst seit Fianna süchtig nach Heiligabend sind, weil wir ihnen fast immer eine hochläufige Hündin vorführen und eine Weihnachtsfreude der besonderen Art bereiten konnten. Wie die Junkies haben sie alljährlich unser Erscheinen herbeigesehnt, wie Weihrauch haben sie die Düfte unserer Damen durch ihre lüsternen Nüstern gezogen, getanzt, gesteppt und gekreiselt haben sie wie der an allem schuldige Regenmacher, und unsere Mädels haben keine Gemeinheit ausgelassen, den Herrschaften jenseits der Absperrungen die Prostatas anschwellen zu lassen. Und heute? Nichts. Kalter Entzug in Hellabrunn. Für uns und die Caniden ist es, als ob Weihnachten nicht nur ins Wasser, sondern gar ganz ausfiele.

Fianna nimmt die außer Kontrolle geratene Situation zur Kenntnis und zieht den einzig richtigen Schluss daraus: Sie stellt ihre Blutung ein.

Aber aufs Christkind ist Verlass (der Santa und andere Werbe-Ikonen haben bei uns Hausverbot), und so schaut es auch an diesem irgendwie kastrierten Heiligen Abend bei uns herein. Und was es alles herbeischleppt! Es ist wie im richtigen Leben: Die armen Mädels müssen in unseren Zeiten die zentnerschweren Packerl herbeischleppen, bei der Post, bei DHL und eben auch bei der Himmelspost. Früher gab es dafür noch Paketfahrer, tätowierte Kleiderschränke mit Kommunikationsfehlern. Heute sind die Engerl auch tätowiert, aber nur eine Viertelportion und kommunikationsgestört aus Atemnot. Wir haben für sie immer ein nettes Wort, nehmen ihnen ab, was geht und versüßen ihnen die Tortour mit einem Handschlag mit Handout. Nur das Christkind, das ewig unsichtbare, muss darauf verzichten.

Schöne BescherungSchöne BescherungAber nun hat es sich der Last entledigt, das Christkind, und dem Blues-Assi fällt, bevor ihm die Luft wegbleibt, die antike Parole ein: Viel Feind, viel Ehr. Auf weihnachtlich übersetzt heißt das: Viel Freund, viel Bescher! Danke allen, denen euch unser Wohlergehen so am Herzen liegt. Aber – ihr habt nicht mit uns gerechnet! Dem Assi ist nämlich eine ganz heimtückische Drohne ins Haus geflogen, begleitet vom christkindlichen Rat, mit deren Hilfe doch gelegentlich hinter die Hecken und Mauern unseres Nachwuchses zu spionieren, ob dort auch alles so ordnungsgemäß zugeht, wie immer versichert. Also Achtung: Wenn es über eurem Garten hochtourig summt, könnte es der Blues-Assi mit seiner einäugigen Flügeladjutantin sein.

Für Hedda ist dieser, in vieler Hinsicht, besondere Tag, einer zum Streichen. Schon beim Morgenspaziergang geht es ihr, nicht nur wegen der Sintflut, nass 'nei: Beim Toben mit ihrer Mama bleibt die offenbar in Heddas Halsband hängen und findet keinen schnellen Ausgang, was bei ihr eine kleine Hysterie auslöst, mit allen Versuchen, sich ihrer Tochter zu entledigen. Hedda kann das nicht einordnen und meint, Mama sei böse mit ihr und geht ihr für den Rest des Morgens aus dem Weg, nachdem die Chefin die Situation geklärt hatte. Damit aber noch nicht genug. Beim Zerlegen und Ausräumen einer Geschenkbox will Hedda wissen, was die Mama denn so bekommen hat, und die meint, Hedda will ihr an die zutage geförderte Kaustange. Da setzt es den zweiten Anschiss des unheiligen Tages, und Hedda ist ein zweites Mal durch den Wind. Diese Reaktion Fiannas ist in der Tat etwas völlig Neues, weil sie Vieles ist, ganz bestimmt aber nicht eifersüchtig und futterneidisch. Wir schreiben in unser Tagebuch: Vermutlich doch mit Leibesfrüchten gebenedeit. Claim beizeiten abstecken, das erspart später viel Ärger. Hedda ist für heute bedient und verzieht sich in dem Augenblick ins Schlafzimmer, als dieses vom Assi zum Zwecke des Kleiderwechsels geöffnet wird. Das hat sie auch noch nie gemacht. Soll einer sagen, der Heilige Abend sei ein Tag wie jeder andere. O Watschenbaum, o Watschenbaum ...

 

Dienstag, 25. Dezember 2018, 6. Tag n. E.

Der Assi sieht sich morgens nach der unauffindbaren Fianna um und findet sie unter seinem Bett. Er eilt zu seinem Tagebuch und diktiert: Fianna zieht sich bereits in ihre Höhle zum Brüten zurück.

Hedda ist wieder der gewohnte Kobold und hat ihrer Mama und uns alles verziehen. Singt sie nicht tatsächlich "Lasst uns froh und munter sein". Aber das ist doch ein Nikolauslied! Zu Zeiten eines Santa geht vermutlich auch so etwas durch.

Mittwoch, 26. Dezember 2018, 7. Tag n. E.

Die grauen Tage sind vorüber und jetzt strahlt das Christkind in seinem fadenscheinigen Engelskleidchen. Dafür treibt es dem Coca-Cola-Santa in seinem geschmacklosen Bademantel den Schweiß aus den Poren. Es hat zwar nachmittags immer noch nur 1 °C, aber in der Sonne dampft es wegen der Wasserlandschaft ringsum wie in einer Sauna.

Am zweiten Feiertag, wenn alle Welt auf Verwandtschaftspflege unterwegs ist, treidelt der Blues traditionell vor sich hin. Der Assi kocht auf, die Chefin hängt hinter ihrem Computer, im Bestreben der Blues-Webseite einen neuen Anstrich zu verpassen, Fianna verlässt ihr Schlafbett nur bei den Spaziergängen, wo sie immer noch ohne Not das Mangfalltal wässert, als ob ihr ein Bräutigam mindestens einer zu wenig wäre. Promisk nennt man so etwas. Vor allem aber unsolidarisch gegenüber Eddy. Hedda ist wie gewohnt auf Achse, zwar immer bei Fuß, aber deshalb laufend im Weg. Besonders beim Kochen. Kann mal irgendjemand diesen Hund wegschaffen?!

 

Donnerstag, 27. Dezember 2018, 8. Tag n. E.

Das wolkenlose Strahlewetter bei knapp über 0 °C setzt sich fort, und so sind schon morgens so viele Spaziergänger unterwegs wie sonst nur am Muttertag. Gesichter sieht man da, an die man sich nur noch mühsam erinnert. Und Hunde erst! Erstaunlich, wie viele Hunde hier an einem schönen Tag zu leben scheinen. Sind die sonst alle im Internat? Haben die an schlechten Tagen alle keinen Stuhlgang? Oder führt hier seit Weihnachten der Jakobsweg vorbei?

Fianna und Hedda beschäftigen sich mit dem, was einem Wachhund aufgetragen ist: Wachen und melden. Dieser Pflicht werden sie immer häufiger gerecht, weil die Nachbarskatzen seit dem Tod unseres Bandit vor einem Jahr, unseren Garten als Promenade, Thingplatz und Sonnenbank benutzen. Für Fianna und Hedda bedeutet das jedesmal einen Einsatz an der Terrassentür. Wenn dieser Erfüllung der Wachpflichten alle fünf Minuten nachgekommen wird, bleibt die häusliche Kommunikation auf der Strecke. Aber soll man es ihnen verdenken, wenn die Mietzen auf und ab patrouillieren wie beim Wachwechsel vor dem Buckingham Palace und sich dann auch noch ihren verfilzten Pelz auf unserer Terrasse lausen? Wir lieben Katzen, und Katzen sind herzlich willkommen. Aber wenn in nahezu jedem Haus der Nachbarschaft mindestens eine Katze lebt und am Nervenkostüm unserer Damen zerrt, lassen wir unser Wachpersonal zur Klärung der angespannten Lage von der Leine: Tür auf. Zwei Krawallschachteln fegen dann durch den Garten, randalieren die Luft rein, und die Welt ist bis auf weiteres wieder in Ordnung. Die Gespräche im Haus dringen wieder ans Empfängerohr. Die Zeit wird den Promenadekatzen schon beibringen, dass hier kein Catwalk ist, sondern eine Art Todesstreifen; Katzen sind zwar penetrant, aber auch gelehrig. Schon wegen der zu erwartenden Kinderschar müssen wir den Garten ein wenig tabuisieren, sonst fischen die sich noch während eines unbeobachteten Augenblicks den fettesten Kinderbraten heraus. So eine Kampfkatze hatten wir hier schon einmal, und mit der war nicht zu spaßen. Deshalb: Die nötigen Härten jetzt, damit die Spielregeln klar sind, wenn Igittigitt und Ibidumm durch den Garten wackeln.  

 

Freitag, 28. Dezember 2018, 9. Tag n. E.

Noch so ein Prachttag bei wolkenlosen Temperaturen knapp über 1 °C.

Fianna nimmt die bekannten Routinen wieder auf und besteht nachdrücklich auf ihren Ball, und zwar schon gleich zu Beginn der Spazierrunde, sofort nach der ersten Blasendrainage. Das lässt darauf schließen, dass die Werbewochen vorüber sind und vorerst der Alltag in die Hallen des Blues zurückkehrt. Fiannas wiedergewonnene Ballbegeisterung zaubert dem Begleiter ein entspanntes Lächeln auf die Wangen, das er allerdings mit eiskalten Finger bezahlen muss, weil diese sich ab sofort wieder im Dauereinsatz befinden. Dennoch ist ihm eine ballistische Fianna bedeutend vertrauter als ein hormonschweres Rüsselschwein.

Fianna und HeddaFianna und Hedda, noch mit Halsband Vom bestechend schönen Wetter angefixt, schnappt sich die Chefin ihre Dauerläuferinnen und die Kamera und macht sich am frühen Nachmittag auf zu einem Fotoshooting im Mangfalltal. Weniger geübte Fotografen schlagen sich mit den nicht oder nicht stillsitzenden und in die falsche Richtung laufenden Motiven herum. Damit gibt sich die Lichtbildnerin längst nicht mehr ab; sie stört sich an Halsbändern, welche die Komposition ruinieren. Anstatt diesen fotografischen Fehltritt einfach in die kompetenten Hände von Photoshop zu legen, nimmt sie den beiden die Halsbänder ab und verstaut sie in den Abgründen ihrer zahlreichen Fianna und HeddaFianna und Hedda, jetzt von allem Ballast befreitJackentaschen. Aber nicht gut genug! Denn als sie die Damen nach Beendigung des Shootings wieder einkleiden will, fehlt Heddas Premiumhalsung. Einfach aus der Tasche gesprungen und sich fortgemacht... GAU! Nein, ein verschusseltes Halsband pulverisiert nicht unsere Kreditwürdigkeit, aber es stellt eine Art Identitätsverlust dar: mein Bett, meine Box, mein Halsband. Also geht sie mit ihren beiden Fotomodellen die wenigen hundert Meter, die sie auf ihrer Fotostrecke zurückgelegt haben, nochmal ab – jedoch erfolglos. Sogar in dem zusammengesackten Wintergras gibt sich das Halsband keine Blöße. Sehr zerknirscht kehrt die Chefin heim, niedergeschlagener als wenn sie die rechte Hälfte unseres Familienfahrzeugs an einem Baum zurückgelassen hätte.

Nach einem Kurzbesuch von Freunden, die auf der Durchreise auf einen Kaffee und ein paar Worte bei uns hereinschauen, packen wir Hedda am späten Nachmittag, gerade noch vor der Dämmerung, nochmal ins Auto und starten einen neuen Suchversuch. Hedda darf nicht deswegen mit, weil wir uns von ihr eine große Hilfe erwarten, sondern, weil sie vorher keine Zeit gefunden hatte, ihr Nachmittagshäufchen zu machen, was bei dieser Gelegenheit nun doch noch erledigt werden könnte. Aber Hedda hat nur Ball im Kopf – und wir nur Halsband. Zwei Welten begegnen sich. Während wir die in Frage kommenden Flächen abwandern, tanzt sie mit ihrem Ball um uns und schiebt ihn uns bei Nichtbeachtung in die Kniekehlen oder rammt ihn uns in den Gluteus Maximus. Aber die Suche muss bei Einbruch der Dunkelheit wieder ohne Ergebnis abgebrochen werden und Hedda bis auf weiteres mit ihrem alten, halb verrosteten Halsband zurechtkommen. Da sie es sowieso meistens durch den Dreck zieht, wird ihr das auch ziemlich egal sein.

 

Samstag, 29. Dezember 2018, 10. Tag n. E.

Aber so schnell gibt man beim Blues nicht auf. Beim Morgenspaziergang setzt der Assi voll auf Fianna, die mit ihm zusammen das verlorene Halsband finden soll. Fianna findet jeden Ball, sogar noch nach zwei Tagen im Uferbewuchs eines Bachs. Grund genug, auf ihre Kernkompetenz Nase zu setzen. Aber das Kommando "Such den Ball" oder "Hol den Ball" ist nicht ohne weiteres durch das Kommando "Such das Halsband" zu ersetzen. Dieses Kommando kennt sie nicht, und folgerichtig sucht sie auch nicht. Beim Kommando "Such den Ball" sucht sie den Ball, der aber gar nicht verloren ist und somit auch nicht gefunden werden kann. Alternativ interpretiert sie das Kommando um in "Her mit dem Ball", was einen gänzlich falschen Zungenschlag in diese ernsthafte Sucharbeit bringt. Und weil der Ball nicht fliegt, begleitet sie ihren Assi aufmerksam und durchaus lernbegierig bei seiner Suche und lässt keine Gelegenheit aus, ihm unentwegt den Ball aus der Tasche zu zupfen. Was ihr auch gelingt. Nur suchen tut sie nicht. Aber um Punkt 9 Uhr liegt dem Assi das gute Stück (das Halsband, nicht Fianna) zu Füßen, dort, wo wir gestern Abend wie vergiftet gesucht hatten und vermutlich nur wenige Schritte daneben vorbeigeschnürt sind. Fianna können wir für ihren Beitrag zum Erfolg allerdings kein Goldenes Schnüffelabzeichen verleihen, sie war schlicht ein Totalausfall, eine Schmach, die sie in der Folge durch besonders engagiertes Ballspiel zu überspielen sucht.

Abgesehen davon hat sich Fianna in ihrer wahrscheinlich hoffnungsfrohen Situation zurechtgefunden und ist eine nicht zu bremsende Knutschkugel. Keine Streicheleinheit, die sie nicht fordern und annehmen würde. Hedda ist dagegen in ihrem dritten Pubertätsschub und eigentlich zu nichts zu gebrauchen. Sie ist immer noch lustig, spielsüchtig und bestens drauf, sieht aber überall Gespenster und Bedrohungen, denen sie erst eine gesträubte Nackenbürste und dann die Stirn bieten muss. Und auch sozial betrachtet, nimmt sie partiell die Form eines Kotzbrockens an. Die Erziehung der Chefin steht aktuell, so stellt es sich uns jedenfalls dar, kurz vor einem Scherbenhaufen. Auch hundesportlich ist sie dementsprechend unkonzentriert und oberflächlich. Wir stellen deshalb die Arbeit mit ihr weitgehend ein, weil man in dieser Phase mehr kaputtmacht als aufbaut. Aus dieser Phase wird sie stärker und besser hervorgehen als je zuvor. Amen. Jedes Ding braucht seine Zeit zu reifen. Nochmals Amen. Aber vielleicht ist ja doch schon Hopfen und Malz verloren. Was uns tröstet, sind die Meldungen aus den Amtsstuben ihrer Geschwister, die sehr vergleichbare Geisteszustände protokollieren.

Wir wenden uns zukunftsträchtigeren Aufgaben zu und vermessen Fianna, um solide Referenzwerte zu haben, bevor sie an ihren Körpermaßen und ihrem Gewicht arbeiten wird. Die alten Hasen wissen Bescheid, aber den Frischlingen sei gesagt, dass wir während der Tragezeit sehr regelmäßig das Gewicht und die Körpermaße der werdenden Mutter dokumentieren, die letzteren werden direkt hinter den Vorderbeinen, in der Mitte und vor den Hinterbeinen vermessen.

Für heute ergibt sich: Vorne 75 cm Körperumfang, Mitte 71 cm und hinten 62 cm bei 30 kg.

Nachmittags kommt Fine, Fiannas Schwester, die auf der Durchreise zu ihrem Feriendomizil im Chiemgau ist, auf einen Kurzbesuch vorbei und kriegt sich nicht ein vor Freude. Wir haben dem nichts als Gegenfreude entgegenzusetzen und uns den vielfältigen Spielarten ihrer Zuneigung zu erwehren; die eindrücklichste ist ein zwei Meter langer und zehn Zentimeter dicker Knüppel, den sie uns in einer grazilen Drehbewegung in die Kniekehlen schleudert.

Abends, nachdem Fine mit ihren Chauffeuren weitergereist ist, setzt, nachdem es den ganzen Tag über trüb und hochneblig war, starker Regen und Sturm bei knapp über 2 °C ein. Das Jahr scheint sich sehr übellaunig verabschieden zu wollen.

 

Sonntag, 30. Dezember 2018, 11. Tag n. E.

Genau so geht es auch heute weiter: Regen, Schneeregen und Wind bei 1 - 3 °C.

Während Hedda unausgelastet und sich selbst im Weg stehend hauptsächlich Unruhe stiftet, ruht Fianna in ihrem Bett und singt leise Wiegenlieder. So ganz langsam beginnt die Zeit, in der sich die Feten in Fiannas Gebärmutterhörnern einnisten sollten. Bis jetzt schwimmen sie ja nur in großer Zahl in der mütterlichen Ursuppe herum, aber so viel Lebensanwärter kann keine Hündin der Welt zur Welt bringen. Deshalb beginnt jetzt langsam der Kampf ums Bleiben oder Gehen. Wenn man möchte, kann man sich das wie auf einer alten Galeere vorstellen, die ein paar hundert Ruderern Platz bietet. Und nur wer rudert überlebt. Die anderen gehen über Bord. Wenn Tausende sich um die Plätze auf der Ruderbank bewerben, ist das Gemetzel groß und die Verlustrate tragisch. Am Ende des Runs auf die Ruderbänke werden alle Plätze besetzt sein, der große Rest geht über Bord und taucht ab ins Dunkel der Ozeane. Chance gehabt, Chance vertan. Such is life. Und das Schiff macht sich emsig und wohlbestückt auf den Weg. Willkommen beim Blues, Mitte Februar. Aber bis dahin heißt es, sich ordentlich in die Riemen zu legen.

 

Montag, 31. Dezember 2018, Silvester und 12. Tag n. E.

Es bleibt beim Schmuddelwetter und Regen bei knapp über 0 °C.

Gestern haben wir noch unseren Franz II aus dem Lager geholt und für die heutige Silvesterausfahrt einsatzbereit gemacht. Es geht nämlich zu Nando (Hallodri) ins Erdinger Hinterland. Und es regnet, was  die Himmelsschläuche hergeben. Das fordert doch einen Blick in die allseits beliebten Bauernregeln heraus:

Silvesternacht düster oder klar sagt an ein gutes Jahr. Das hätten wir uns ja denken können! Wer, außer dem Stammitaliener, traut sich schon, der Kundschaft, sauren Wein einzuschenken? Noch besser sind die Boulevard-Prophezeiungen von dieser Sorte:
Wenn’s Silvester stürmt und schneit, ist Neujahr nicht mehr weit oder
Ist’s an Silvester hell und klar, ist am nächsten Tag Neujahr. Tusch, Schenkelklopfen, Tusch...
Aber es geht doch ein wenig seriöser:
Silvester wenig Wind und Morgensonn’, gibt viel Hoffnung auf Wein und Korn. Diese Hoffnung hätte sich mit dem heutigen Silvestertag dann auch erledigt. Und wer's nicht glauben mag, bekommt auch noch den Gegenbeweis:
Silvesterwind und warme Sonn’ verdirbt die Hoffnung auf Wein und Korn.

Kurz nach 15 Uhr kommen wir bei Nando im Erdinger Outback an und latschen alle zusammen geduckt und verdrossen durch den Regenwald. Der anschließende Glühweinempfang auf Nandos Balkon, aber gottlob unter Dach und Fach, stimmt die Gemüter wieder froh. Und dann fressen und picheln wir uns mittels eines vielgängigen und exklusiven Menüs dem Jahreswechsel entgegen.

Einen gesellschaftlichen Schnitzer erlaubt sich Fianna auf dem Weg zum neuen Jahr: Sie pinkelt auf Nandos Wohnzimmerteppich. SOWAS HAT SIE NOCH NIE GEMACHT! Wir schwören! Nandos Haushälter meinen zwar, das sei der Platz, an dem er für gewöhnlich seine Abendcracker zu sich nimmt, aber das kann ja kaum ein hinreichender Grund sein, ausgerechnet dort Dominanzansprüche zu manifestieren. Man stelle sich vor, wie es auf unserer Silvestertafel zuginge, wenn das zu den gängigen Umgangsformen gehörte. Die Chefin ist jedenfalls reichlich erbost und geigt der werdenden Mutter die Meinung so unmissverständlich, dass die ans nahe Ende der Welt glaubt und eine sehr finstere Wolke durchs Nandomizil wabern sieht. Aber das Ende der Welt ist es nicht, nur das Ende dieses Jahres, und Frauchen ist schon wenige Minuten nach dem Einlauf wieder beste Freundin mit ihrer Vertrauten im kleinen Schwarzen. So viel Harmonie um Jahreswechsel! Fast kommen einem die Tränen.

Der Protokollant jedoch fragt sich beim andächtigen Kauen die gleiche Frage, die ihn alle Jahre wieder beschäftigt: Warum bürden wir dieses Jahreswechselritual zwanghaft immer dem armen Silvester auf? Ausgerechnet jenem Silvester, dessen Name übersetzt Waldmann bedeutet, und der, weiß der gnädige Himmel warum, auch noch zum Schutzpatron der Haustiere ernannt wurde. Nichts wünscht sich diesen Silvester so sehr zum Teufel wie die von der Böllerei genervten Haustiere und auch die schutzlosen Kreaturen in Wald und Flur, die Waldmänner und Waldfrauen eben. Zynischer geht's ja kaum. Dabei fand der Jahreswechsel doch bis 1691, als Papst Innozenz XII der Kalenderanpassung  folgte, Neujahr am 6. Januar statt. Diesem Tag haben wir seither die Migranten aus dem Morgenland an den Hals gehängt, damit er nicht plötzlich wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern dasteht. Denkt man die Frage weiter, darf man auch mal nachhaken, warum der 31. Dezember / 1. Januar auch dann den Jahreswechsel einläutet, wenn wir ein Schaltjahr feiern? Dann passt das Datum doch schon wieder nicht. Der Assi spült ein kleines Stückchen Lammfilet mit einem samtigen Roten über die Zunge und plädiert für einen täglich zu feiernden Jahreswechsel, was nie falsch wäre und die Menschen von Unsinnigerem abhalten würde. Fröhlich angeturnt metzelt man nicht. Nur um die Lämmerpopulation wäre es bald schlecht bestellt. Aber schön wäre es trotzdem, und für alles muss man sich auch nicht rechtfertigen. Wir könnten uns ja beispielsweise auch am thailändischen Neujahr vom 13. bis 15. April beteiligen oder am 11. September mit den Kopten und den Rastafari feiern. Wir könnten aber auch mit den Bahai am 20. oder 21. März feiern, die, Silvesterfeuerwerkschlauer als wir, zwischen Gemein- und Schaltjahren unterscheiden. Anstatt mit Halloween wären wir auch mit dem keltischen Neujahr am 31. Oktober besser bedient. Es gäbe genug Tage im Jahr, die sich als traditionelle Neujahrstage bewährt haben. Packen wir's an, weil es eh wurscht ist; morgen ist sowieso wieder Mord und Totschlag, Stau und Steinschlag, Trump und Trottel, egal, wann wir den Jahresschnitt feiern. Also, denn: Schampus auf uns alle! Schließlich gibt es ja auch rund ums Jahr Wein, Weib und Gesang sowie Bier, Mann und Gegröl, denen wir unsere Wertschätzung entgegenprosten können. Cheerio 2019!

Nando ist zwar genauso bekloppt wie seine Schwester Hedda, aber er verzichtet dennoch auf ein Feuerwerk, stellt uns dafür um Mitternacht zwei Montgolfieren, jene kleinen Heißluftballons aus Papier, bereit, die lautlos unsere Wünsche in den Himmel tragen sollen. Heiße Luft für Höhenflüge, herrje, welch eine Metapher! Unser Heißluftballon erleidet wegen der berüchtigten Feinmotorik der Chefin allerdings schon beim Entfalten eine Verwundung, von der er sich nicht mehr erholt, weshalb er, entfacht, keinen Millimeter abheben will und im Wassereimer gelöscht werden muss, bevor er das Nandomizil in Schutt und Asche legen kann. Nandos Montgolfiere hebt zwar ab, aber gerade noch haarscharf über das Balkongeländer, von wo er, vom Wind zerzaust und vom Regen geweicht und gewindelt, auf direktem Weg im Garten sein kurzes Leben aushaucht. Ist das nun ein schlechtes Omen? Keine Höhenflüge 2019? Keine Wünsche in den Himmel gebracht, so wie die Wünsche der bayerischen Regierung an die Himmelsleitung zusammen mit dem Alois Hingerl im Hofbräuhaus verhockt sind? Was das für uns bedeuten wird, muss abgewartet werden, für die bayerische Regierung bedeutet das, dass sie bis heute auf die himmlischen Eingebungen wartet und die Zeit mit Aufhängen von Kreuzen in den Amtsstuben überbrückt. Oder ist es gar ein gutes Omen, wenn viel heiße Luft nicht zwingend den Weg nach oben bedeutet? Wir überlassen die Antwort dem neuen Jahr.

Fianna, Hedda und Nando sind natürlich ganz aufgeregt ob all der ungewohnten Ereignisse um sie herum. Das heißt: Der Nachwuchs ist hibbelig und unter Strom und trotzdem irgendwie entspannt und gelassen, und Fianna schmust sich durch die fröhliche und somit freigiebige Gesellschaft und bettelt ihr die Taschen leer. So viel Hunger kann ein einziger, zumal bereits reichlich abgespeister Hund nicht haben. Der Doku-Assi vermerkt in seinem Tagebuch: Wer so viel isst, hat einen Wurm – oder viele.

 

Dienstag, 1. Januar 2019, Neujahr und 13. Tag n. E.

Das neue Jahr legt schon nach zweieinhalb Stunden die erste Pause ein, als wir uns um 2:30 Uhr zur Ruhe begeben, sehr zufrieden und mit uns und dem alten Jahr im Reinen. Dem neuen Jahr geben wir ab sofort jede Menge Kredit. Was sonst, sollen wir uns schon jetzt mit ihm anlegen?

Nachdem im Laufe des Vormittags die Hunde ihre Morgenrunde absolvieren dürfen, jetzt bei schon merklich erschöpftem Regen, versammeln wir uns bei einem sehr gemütlichen und, gemessen am Silvestermenü, natürlich zu üppigen Frühstück. Dann verabschieden wir uns von den Nandos, danken ihnen von ganzem Herzen für die Gastfreundschaft, wünschen ihnen – und allen, die das lesen – ein unbeschwertes Jahr voller Glücksmomente. Und machen uns davon.

Um 12:30 Uhr sind wir wieder zuhause und schaffen den denkbar geschmeidigsten Übergang zum Extremcouching für den Rest des Tages.

Und der Regen singt auch kein Lied mehr.

 

Mittwoch, 2. Januar 2019, 14. Tag n. E.

Wie vermutet, hält die Welt keine Sekunde den Atem an, sondern hastet und hyperventiliert im alten Muster weiter. In Brasilien dreht ein Menschenfeind und Naturfrevler die Zeit Lichtjahre hinter das gerade abgelaufene Jahr zurück und der Zukunft die Luft ab, in Dänemark liefert ein Zugunglück Tote, der Kaiser von China droht Taiwan mit der Zwangsheimholung ins Reich und in Norddeutschland ist Land unter. Der Seehofer will schon wieder ein wenig an der Migrationsschraube drehen und findet den rassistischen Amokfahrer von Bottrop nicht so schlimm wie die besoffen randalierenden Araber in Amberg. Morgen pinkeln sehr wahrscheinlich die Italoclowns der EU wieder in den Spiegelsaal und übermorgen kapert Putin Estland, weil er doch nur wissen will, wie lange die anderen quietschen, bis sie aufschreien. Dazu hätte es wirklich keinen Jahreswechsel gebraucht. Same procedure as last year.

An diese Losung hält sich auch Fianna strikt, indem sie bei der heutigen Fortschrittskontrolle einen fetten schwarzbraunen Blutpfropfen aufs Taschentuch appliziert – die termingetreue und allfällige Schmierblutung. Bei ihrem ersten Wurf hat uns das noch irritiert und besorgt, beim zweiten beruhigt, und heute wissen wir: Fianna ist auf dem Weg zur dritten Mutterschaft. Dieser Hund spult seine Schwangerschaft ab wie ein Projekt; da werden Milestones gesetzt und eingehalten, Erfolgskontrollen eingeflochten und dann, wie es bei einem kompetent gesteuerten Ablaufplan sein sollte, spätestens zum avisierten Termin geliefert. Das hat schon etwas Anachronistisches im postpräzisen Deutschland.  

Auch Hedda kommt ein bisschen zurück in die Spur, ist zwar immer noch eine Nervensäge und, was ihre nächsten Absichten angeht, kaum kalkulierbar, aber zumindest an den Trainingseinheiten findet sie wieder richtig viel Spaß und kann sich vor Eifer kaum bremsen. Die Chefin ist zufrieden und voller Hoffnung, dass ihr Herzenszwerg bald wieder zu großer Form aufläuft.

Wenn ihre Damen schon beide in jeweils ihrer Weise aktiv sind, beschließt die Chefin, den Rest ihrer Ferien auch nicht herumzutrödeln und setzt die vor Monaten begonnene und auf Sabbatical gesetzte Kellerrenovierung fort: verputzen, malern, umräumen, entrümpeln, neu organisieren. Welch ein Segen, dass sich der Assi vor Arbeit kaum retten kann, sonst hätte er noch auf Kellerassi umsatteln müssen. Aber natürlich will er sich nicht der Faulheit bezichtigen lassen und führt die schwarzen Elfen fast zwei Stunden, eine nach der anderen, hinaus in die den ganzen Tag durchs Mangfalltal peitschenden Schnee- und Graupelschauer. Wie ein Schneemann kommt er nach Hause, gerade, dass er keine Karotte im Gesicht hat. Da soll die Chefin bloß froh sein, dass sie sich einen mollig warmen Arbeitsplatz ausgesucht hat. Der Assi hat sich auf dem Weg seinen Hündinnen optisch angeglichen: zerzauselt wie eine unter die Räuber gefallene Diva. Zuhause unterscheiden wir uns dann kaum noch: Herr und Hunde weiß von den Elementen und die werkelnde Hausmeisterin weiß vom Gips und den Pigmenten.

Das neue Jahr kann kaum erfüllender durchstarten.

Und abends besuchen wir dann auch noch den benachbarten Hias, ohne seine Mutter und Schwester, was diesen fassungslos, dafür aber umso anhänglicher  macht. Und wir plaudern uns beschwingt gen Mitternacht.

 

Donnerstag, 3. Januar 2019, 15. Tag n. E.

Das Wetter beruhigt sich und schmeichelt sich mit zwar frostigen, aber vielfach heiteren Angeboten ein. Der Morgen startet mit -5 °C, und um 15 Uhr messen wir bei einem strammen Nordwest immer noch oder schon wieder -2 °C. Das ist so frostig, dass die Kordel des Spielballs steif wie der Eselsschwanz am Wetterhäuschen ist, was Hedda für ihre Zwecke nutzt und sie ihrem Assi beim Spaziergang konsequent von hinten in die Hand schiebt, damit das Spiel weitergeht: zerren oder werfen, das ist hier keine Frage. Zerren und werfen, das ist keine Frage! Bis die Schulter luxiert.

Fianna geht ihrerseits den Gang der werdenden Mutter und der sieht so aus: Erst mal ausgiebig pinkeln und dabei die Gegend scannen, um im Ernstfall keine Zeit zu verlieren. Dann erste Anwesenheitskontrolle in der näheren Umgebung des Parkplatzes: wer ist hier, wer war hier und wer geht ab. Dann kompromissloses Bedrängen des Ballhalters mit Beinsichel, Ohrenpiercing und, bei Widersetzlichkeit, Angriff auf die rückwärtige Balltasche. Bei Erfolg: Catwalk mit ausgebaumtem Großmast am Hinterende und Victory-Zeichen im Blick. Bei Misserfolg (Standard): Beinsichel, Ohrenpiercing... Was die umtriebige Ballartistin nicht weiß: Wir bestehen auf eine angemessene Aufwärmphase, weil wir wegen der anberaumten Kinderschar unbedingt vermeiden wollen, dass sie sich im kalten Zustand etwas zerrt und dann möglicherweise Schmerzmittel braucht. Im Gegensatz zu Heddas Bewegungsbild beschränkt sich unsere Sorge bei Fianna ausschließlich auf die Ballzugriffsphase, denn anschließend geht sie nahezu abrupt in statisches Mäusebannen über; Ball abgelegt, Nase im Loch. Und Mäuselöcher gibt es so viele, dass jeder Falke aller saudischen Prinzen sein eigenes bewachen könnte. Währenddessen setzt der Ballassi seinen Weg fort und Fianna folgt ihm, je nach Laune, früher oder später. Guter Hund, tolle Fianna. Übernahme der Gehorsamsvergütung mit sofort anschließende Beinsichel und Blickkontakt auf Nasenhöhe. Ball fliegt wieder. Verfolgung, Ballzugriff und Mäusevisite. Variante: Fianna taucht ohne Ball bei ihrem Assi auf. Hol deinen Ball, los! Egal, wo sie ihn unter welchen Umständen liegen ließ, sie weiß immer, wo ihr Ball liegt. Und ab geht sie, Schalk im Blick, Rutenspitze knapp unterm Himmelszelt. Rückkehr dito. Toller Hund, prima Fianna. Der Ballassi nutzt diese Art des kontemplativen und weitgehend untätigen Spazierens, um beispielsweise solche Dokumentationen im Geiste zu verfassen und sie zu Hause nur noch aufzuschreiben. Würde er immer nur mit Hedda unterwegs sein, gäbe es wahrscheinlich keinen Baby-Blog. So sorgt Fianna selbst für ihre Vermarktung im Internet.

Zu Hause spachtelt und weißelt derweil die tüchtige Hausfrau. Da bleibt dem Spaziergänger nicht mehr viel zu tun; nur den gesammelten Sperrmüll gilt es noch zu überprüfen, damit nichts entsorgt wird, was noch gebraucht wird. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

 

Freitag, 4. Januar 2019, 16. Tag n. E.

"Gibt es nun viel Regen, gibt´s dem Sommer keinen Segen." Sagt der Bauernkalender, und o freuen wir uns auf einen schönen Sommer, denn nun zieht der Winter mit feinstem und ergiebigem Schneestaub ein.

Und der Keller bekommt seinen letzten Schliff und neue Regale.

 

Samstag, 5. Januar 2019, 17. Tag n. E.

Jetzt ist er da, der Winter, mit seiner ganzen Entourage: Schnee, Sturm, Verwehungen. Eigentlich wäre für heute eine Geburtstagsfahrt ins Schwabenland geplant: abgesagt. Der Ferienrückreiseverkehr steht fast überall still, und Unfälle gehören zum Programm. Erschwerend kommt hinzu, dass eine Bahnfahrt heutzutage nicht nur nicht mehr lustig ist, sondern unter diesen Umständen eine mit Endstation im Nirgendwo. Und mit zwei Hunden muss man sich das schon zweimal nicht antun. Es haut uns heute den Schnee so um die Ohren, dass wir sogar die Fahrt zum Wertstoffhof in die ungewisse Zukunft verschieben und unseren Sperrmüll bis dahin weiter im Keller bunkern (weitere Gelegenheit zur Kontrolle!). Kurz: Wir bleiben zu Hause, jeder unnötige Meter mit dem Auto ist Unsinn. Indooring.

Außer den Hundelüftungen natürlich. Ein Hochamt für die Pelzträgerinnen bei solchem Wetter! Jetzt wird Fianna vollends zum Schachterlteufel mit blitzende Augen und gezauseltem Fell. Allerdings, so scheint dem Spaziergänger, hat sie körperlich schon etwas zugelegt, ist augenscheinlich schon ein wenig pummelig geworden. Ein Grund sind sicher die reichlichen Gehorsamsvergütungen, die sie sich auch alle redlich verdient, aber auch die Bettelkontingente, die sie vor allem bei anderen Begleitkonstellationen als der mit ihrem Ballassi einheimst. Kaum jemand, der sich dem Charme dieser werdenden Mutter entziehen kann, niemand, den sie nicht unverfroren um den Finger wickelt. In der Tat gewinnt Fianna mit jeder Trächtigkeit mehr an Ausstrahlung, Persönlichkeit, Charme und Witz. Sie kriegt sie alle und sie kriegt sie alle rum. Die Spaziergänge mit ihrem Assi sind dagegen fast so etwas wie Diätunterbrechungen, eine Art Intervallfasten. Aber auch der humorlose Assi genießt die Zeit mit ihr da draußen, ihre Lebensfreude und ihre gelegentliche Dreistigkeit, wenn es um ihren Ball geht. Mehr Spaß hätte er allerdings, wenn er sie ohne Schneesturm genießen könnte. Ach, Hund müsste man sein, dann hätte man keine Brille. Oder man brächte einen Scheibenwischer an dieser an. So Einträchtiges WartenGespanntes Wartenaber ahnt der Assi nur noch, was seine Fianna im Schneetreiben so treibt, sehen tut er es längst nicht mehr.

Insgesamt bewegen sich die Temperaturen heute zwischen -1 °C morgens und 1 °C nachmittags, dann allerdings mit elendem Schneeregen, der noch ekliger zu ertragen ist als der Schneesturm morgens.

Und was sonst? Nichts. Keine Meldungen zum Kinderfortschritt. Gespanntes Abwarten.

 

Sonntag, 6. Januar 2019, Dreikönigstag und 18. Tag n. E.

Schneeregen, Pappschnee, Wind. Die Wege sind von einer Zentimeter hohen Sülze bedeckt, die kaum ein Fortkommen ermöglicht. Wo man sonst einen Schritt macht, braucht man jetzt zweieinhalb. Es sei denn, man hätte vier Beine, aber selbst die geraden unter diesen Bedingungen gelegentlich außer Kontrolle. Irgendwie fühlt sich das an wie Treibsand. Aber während wir im Mangfalltal nur diese ekelige Sauerei haben, steht den Nachbarn in Miesbach oder in Holzkirchen, gerade mal 15 km entfernt, der Schnee bis zur Halskrause. Dort steht alles still.

Was machen eigentlich die wärmeverwöhnten Heiligen aus dem Morgenland unter solchen Bedingungen? Sie kämpfen sich allen Widrigkeiten zum Trotz durch, singen uns ein dissonantes Liedlein, nebeln uns mit Weihwasser ein und segnen unser Haus: 20*C-M-B*19. Danke, wird schon werden und gutgehen.

 

Montag, 7. Januar 2019, 19. Tag n. E.

Im ganzen Oberland ist der Katastrophenfall ausgerufen, für die Schüler sind die Ferien um eine Woche verlängert worden – und bei uns regnet es. Das Geläuf wird dadurch nicht besser, aber wenigstens läuft hier der Verkehr.

In gewisser Weise ruht nicht nur Fianna in sich und in ihrem Kudde-Bett, sondern auch die Anzeichen einer Schwangerschaft. Nur ihr optische Formerweiterung deutet auf interne Prozesse hin. Wir beginnen also langsam mit den Wurf-Vorbereitungen und waschen schon mal die VetBeds durch, die zwar gewaschen, aber eben doch zwei Jahre im Keller ausharren mussten.

 

Dienstag, 8. Januar 2019, 20. Tag n. E.

Aprilwetter, bis 4 °C, viel Wind, Regen, Schneeregen und sogar Sonne, Aprilwetter eben. Aber der nächste winterliche Paukenschlag wird uns schon angedroht. Und die Oberländer ziehen schon die Köpfe ein.

Wegen Fiannas optischer Formerweiterung bei deutlich reduzierten Futtergaben und den berichteten Gefälligkeiten an der frischen Luft, sind wir doch neugierig und wollen mal wissen, ob unsere Wahrnehmung zutrifft. Und das tut sie. Fianna hat zwar ein Kilo abgenommen, aber zwei Zentimeter von der vorderen Messposition in die Körpermitte verschoben. Vorne sieht man die Abnahme nicht, aber die mittige Zunahme bleibt kaum verborgen. Fianna baut vor und an, verwertet, was verwertbar ist. Kinderfürsorge beginnt bei der Vorratshaltung.

Wenn der Chronist nicht so viel mit Fianna und ihren Ballspielereien draußen gewesen wäre und dabei viel Zeit gehabt hätte, sich seine Gedanken zu machen, hätte diese 3. Woche eigentlich keinen eigenen Eintrag verdient. Außer Wetter und Keller war nämlich nichts los. Wie so häufig, ist die dritte Woche eine ohne Eigenschaften, eine zum Sammeln und Durchschnaufen. Wenn die Vorzeichen nicht trügen und Fianna Kinder durch den Schnee und Matsch trägt, dann wird sich das jetzt schnell ändern. Schau mer mal...

 

Mittwoch, 9. Januar 2019, 21. Tag n. E.

Jetzt kommt tatsächlich der Schnee auch ins Mangfalltal. Die Nachbarlandkreise sind ja schon abgetaucht, einige Orte vom Rest der Welt abgeschnitten, nur hier ging es bislang moderat zu. Nun ist die Schonzeit vorbei. Die Mädels haben trotz oder gerade wegen dieses himmlischen Segens ihren Heidenspaß, schaffen es aber dennoch nicht, uns zu einer weiteren und noch einer weiteren Runde zu bewegen. Wir ziehen die Köpfe zwischen die Schultern und machen uns auf die Flucht ins warme Heim.

Fianna ist in dieser Hinsicht im Zwiespalt. Einerseits würde sie gerne noch ein paar Runden durch dieses Sauwetter drehen, andererseits hatte sie gestern Abend schon ein bisschen Probleme mit ihrem Magen. Und heute Morgen ist das nicht weg, sondern zwingt sie immer wieder ein bisschen zu würgen, zu hüsteln und zu räuspern. Eintrag ins Tagebuch:  Was den Magen verstört, die Gebärmutter ehrt. Soll keiner sagen, nur die Bauern hätten blamable Sprüche auf Lager, wie etwa den für den heutigen Tag: St. Julian bricht das Eis, bricht er es nicht, umarmt er es. Da kannst du dich gar nicht so tief bücken, um auf dieses Niveau hinunterzukommen.

Beschäftigen wir uns besser mit Fiannas Magen und geben ihr ein Löffelchen Heilerde ins Frühstück, um das saure Milieu etwas aufzubasieren. Das bringt die Dinge auch bis abends wieder ins Lot, und Fianna scheint wieder hergestellt zu sein. Mit solchen Dingen hat sie sich noch nie sonderlich lange aufgehalten, wie sie in Sachen schwangerschaftlich bedingter Unpässlichkeit sehr gut zu haben ist; mal kurz aus der Spur und gleich wieder zurück. Damit kann man gut leben, obwohl die Übelkeitsvariante natürlich klarere Aufschlüsse über ihren Zustand geben würde. Die Frage ist, ob es die Quälerei noch braucht, sind wir doch sowieso schon längst von ihrem Umstand überzeugt.

Und der Schnee schneit immer weiter. Die ganze Nacht.

 

Donnerstag, 10. Januar 2019, 22. Tag n. E.

Das da draußen vor unseren Fenstern und Türen ist nicht mehr unser Mangfalltal! Rund 40 cm Schnee hat es uns über Nacht vor die Füße gehauen und geweht, und es schneit unentwegt weiter. Immer weiter. Bei diesem Schnee bedeutet das für den Schaufelassi pro 1 cm Schneehöhe eine Minute schippen, das summiert sich auf vierzig Minuten. Und als er gerade fertig ist, kommen seine beiden Lieblingshunde vom Spaziergang zurück und versprühen pure Lebensfreude. Und Hedda versucht sogar, ihm die Schaufel zu klauen, damit er sich Zeit nehmen und mit ihnen zusammen von der Unvergleichlichkeit dieses Morgens überzeugen soll. Dabei sind sie schon jetzt optisch von ihrer Umgebung kaum noch zu unterscheiden. Nach dem verdienten Frühstück ist der Assi schon wieder mit der Schaufel draußen, weil offenbar der ganze Schneevorrat für einen Winter auf einmal ausgeleert wird. Also auf ein Neues, wohl wissend, dass es nicht lange vorhalten wird. Das letzte Mal, als wir so eingeschneit wurden, schrieben wir den 5. März 2005. Damals haben wir den lieben langen Tag erfolglos die Schaufeln geschwungen, bis uns abends erschöpft und schuldgeplagt bewusst wurde, dass wir den 1. Geburtstag unserer Franzi komplett verschaufelt hatten. Noch heute nehmen wir Frau Holle diese Gemeinheit übel.

In der aktuellen Situation machen wir uns allerdings eher Sorgen, dass Fianna angesichts dieser Schneemassen ihre Produktion einstellen und ihre Früchtchen resorbieren könnte. Sie wäre nicht die erste trächtige Hündin, die angesichts eines schweren Winters zu der Überzeugung käme, dass sie die Plagen unter diesen Umständen nicht durchbringen könne und sie deshalb lieber gleich abtreibt. Wir glauben zwar fest an Fiannas Glauben an uns und unsere Unterstützung, aber was in so einer Mutter vorgeht, weiß man ja nie. Wir werden sie deshalb fest an uns drücken und warmhalten, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Schließlich haben sich, seit der Jahreswechselstress vorüber ist, schon eine ganze Reihe von Interessenten für Fiannas Ibidumms und Igittigitts gemeldet. Und die müssten wir dann alle sehr enttäuschen, obwohl wir gar nichts dafür könnten.

Ausgerechnet heute steht der zweite jener Termine an, von denen wir zu Beginn unserer Aufzeichnungen meinten, dass wir sie nur ungern streichen würden. Nun, da uns Fianna diesen Strich nicht durch die Rechnung gemacht hat, schickt sich die olle Frau Holle an, diesen Part zu übernehmen. Wir wollen heute Hakuna im Engadin besuchen und mittags losfahren. Die Abfahrtszeit einzuhalten ist überhaupt kein Problem, weil die Chefin heute Morgen keinen Zug gefunden hat, der sie nach München zur Arbeit bringen wollte, frei nach dem Motto: Alle reden vom Wetter, wir streichen gleich die Segel. Das gibt uns die nötige Freiheit, den kristallinen Wahnsinn da draußen im Auge zu behalten und nach Vernunft und Augenmaß zu entscheiden, ob gefahren wird oder nicht. Doch was können Vernunft und Augenmaß gegen die schiere Sehnsucht nach brillantem Bergwetter ausrichten. Und Hakuna bombardiert uns seit Tagen mit weißen Schneewänden unter azurblauem Himmel. Das Motto der Blues-Chefin heißt demnach: Durch die Finsternis zum Licht.

Und so rutschen wir, nachdem wir unsere Nachbarn um die Gefälligkeit eines "kleinen" Räumdienstes gebeten hatten, gegen High Noon los in Richtung Licht. Kurz nachdem wir die A 8 bei Bad Aibling erklommen haben, stehen wir auch schon wieder. Und stehen. Eine Stunde wegen eines Unfalls vor uns, den uns kein Navi und kein Verkehrsbericht gemeldet hatte, so frisch war er. Nach einer Stunde erreichen wir endlich die nächste Abfahrt in Kolbermoor und nehmen den Umweg über Rosenheim. Wenn das so weitergeht... Doch so geht es zum Glück nicht weiter. Auf der Inntalautobahn beruhigt sich das Wetter ein wenig und die Straßenlage wird geschmeidig. Nach dem Tunnel, das Landeck unterführt, gibt uns schon die Sonne die Ehre, und der Rest der Fahrt ist eine Freude. Um viertel nach fünf begrüßt uns das Abendrot der Engadiner Alpen und Hakuna schließt uns selig und komplett abgedreht in die Arme (eigentlich sollte es ja andersrum sein). Ja, auch der Assi räumt ein, dass es gut war, es gewagt zu haben. Wenn alles gutgeht, ist eben immer alles gut.

Der Abend wird dann durch zwei Konstanten geprägt: Ein viergängiges Menü, das uns durch den Abend geleitet und Hakuna, die sich am Hinterteil ihrer Mutter nicht sattriechen kann. Eintrag ins Tagebuch: Duftet die Gute / so unter der Rute,/ wird wohl wahr,/ was ich vermute. Nur zum Vergleich, der Hundertjährige für heute: An Agathe Sonnenschein bringt viel Korn und Wein. Die Ernte dürfte sich demnach aufs Engadin konzentrieren. Aber ob die hier oben so viel Wein herkriegen, dass auch für uns noch ein Tröpfchen überbleibt?

 

Freitag, 11. Januar 2019, 23. Tag n. E.

WinterwunderlandWinterwunderlandWer wegen einem Meter Glitzerschnee bei tiefblauem Himmel ins Engadin fährt, muss damit leben, dass es morgens fast -20 °C hat; immerhin liegt Hakunas Winterpalst auf 1740 Metern. Besorgt weist der Assi die morgendlichen Spaziergängerinnen an, sich in der Dauer des Ausgangs zu beschränken, weil er die Sorgen bezüglich der Rückabwicklung der Produktion noch nicht begraben hat, im anderen Fall aber befürchtet, dass uns Fianna unter diesen Umständen lauter Eisprinzessinnen und schwule Eistänzer ins Nest legt. Nicht dass wir beim Blues etwas gegen Eisprinzessinnen und schwule Eistänzer hätten, aber möglicherweise wären diese schwerer vermittelbar als alltagstaugliche Gebrauchshunde. Bedauerlicherweise, aber erwartungsgemäß, findet er kein Gehör und der Morgenspaziergang dauert genauso lange wie an einem kuscheligen Sommermorgen. Was an normalen Tagen eingefahren wurde, friert im Winter ein. Das gilt auch für Routinen.

Fianna auf TauchstationFianna auf TauchstationFianna hat etwas weichen Stuhlgang, woran wir uns bei ihren beiden Würfen nicht erinnern können, aber das wäre nicht die erste Schwangerschaftsamnesie. Als Ursachen vermuten wir entweder Schnee, der beim Suchen der Bälle im Tiefschnee literweise in den Mäulern verschwindet oder die ungewohnte Schweizer Kost, wie etwa Salsiz, Butschelli, Moschtbröckli oder Kochendörfer Steinbocktorte. Da auch Hedda etwas weicher liefert, schließen wir einen Schwangerschaftsbezug jedenfalls aus.  

 

Nachmittags treiben wir uns bei immer noch -7 °C  über zwei Stunden Hakuna im TiefschneeHakunain Hedda im TiefschneeHeddadiesem Winterwunderland herum und jagen die Pelzträgerinnen durch den Tiefschnee. Vor allem die beiden Nachwuchshoffnungen sind mehr unter dem Schnee als über ihm zu finden. Fiannas Tiefschnee-Einsätze dosieren wir hingegen mit Augenmaß, aber aufs Altersteil will sie sich nicht abschieben lassen und gibt ordentlich Gas, wenn der Ball in der Tiefe versinkt. Wenn sie gerade nicht im Tiefschnee zugange ist, ist sie im Permanentbettelmodus und schmarotzt sich von einer Jackentasche zur anderen Hosentasche durchs BündSister Act - Hakuna und HeddaSister Actner Land und findet immer eine freigiebige Hand. Nach diesem walk in the winterwonderland sind Mutter und Töchter richtig durchgearbeitet und für den Rest des Tages gut zufrieden und im Rekreationsmodus. Kaum zu glauben, dass die Schwestern doch auch mal klein zu kriegen sind.

In dieser Nacht ziehen erste Wolken auf, was die Temperatur auf wohlige -11 °C steigen lässt, allerdings auch eine Wetterverschlechterung bedeutet und Vorboten des angekündigten Schneefalls spätestens am Sonntag darstellt. Wenn wir dann irgendwo hängen bleiben, haben wir wenigstens ein bisschen in den Engadiner Himmel schauen dürfen.

Fianna macht sich keine Sorgen weger einer möglicherweise strapaziösen Heimfahrt (Die werden das schon schaukeln) und verschwindet mit Hakunas Kuschelknautschi im Schlafgemach.

 

Samstag, 12. Januar 2019, 24. Tag n. E.

Es bleibt morgens beim nächtlichen Eindruck: -11 °C und leicht bewölkt.

Die Chefin meint, bei Fianna morgens eine zögerliche Nahrungsaufnahme beobachtet zu haben. Diese Futterapathie zeigte sie bei ihrem ersten Wurf deutlich und mit angewidertem Blick, beim zweiten war die Reaktion schon moderater ausgefallen, und jetzt scheint sie sich die Butter nur ungern vom Brot nehmen lassen zu wollen. Allerdings stehen natürlich zwei gierige Töchter in Lauerstellung, denen man das Feld nicht überlassen möchte.

Diese typische Schwangerschaftsreaktion wirft beim Assi die Frage auf, wie es denn mit dem Knospen der Zitzen und der Freilegung der Zitzenhöfe bestellt sei, schließlich müsse man doch in dieser Hinsicht schon ein gutes Stück des Weges vorangekommen sein, wenn Fiannas Bauch Leben trägt. Und er stellt diese Frage beim Frühstück der Zuchtbeauftragten des Blues, weil sie ihm relevant erscheint, ihm aber der Zugang zum Bauch der mutmaßlich werdenden Mutter versperrt ist, da diese ihm unter dem Tisch zu Füßen liegt. Die Antwort kommt knapp zwischen Kaffee und Moschtbröckli: "Die Zitzen sind seit dem letzten Wurf nicht mehr richtig zurückgegangen. Das gleiche gilt für das Fell drumrum." So etwas wäre dem scharfen Blick und den neugierigen Fingern des Assi in jungen Jahren sicher nicht entgangen. Hierin beantwortet sich für die Umwelt auch plausibel die Frage, die ihm gelegentlich gestellt wird, warum er seit dem H-Wurf vom "Vize" zum "Assi" degradiert worden sei. Er selbst empfindet dies nicht als Degradierung, auch wenn ein Fauxpas wie dieser Zitzeneklat Grund genug dafür wäre, im Gegenteil: Ein Assi ist ein aktiv zuarbeitender Mitarbeiter in einem Projekt, während ein Vize nichts als eine Null in Wartestellung ist. Frage doch mal jemand, wie der Vizepräsident der USA heißt! Und zum Zuge kommt der erst, wenn dem Präsidenten das Lebenslicht erlischt oder ausgepustet wird. Und der deutsche Vizekanzler darf Kabinettssitzungen leiten, wenn der Kanzler (die Kanzlerin) unpässlich ist, im Ausland antichambriert oder einen Beckenbruch kuriert. Dem Nachwuchs sei an dieser Stelle noch erklärt, dass Assi weder ein Asylant noch ein Asozialer ist, sondern ... siehe oben.

The Making of ...The Making of ...NHeike fotografiert im Tiefschneeachmittags sieht Samedan eine Sechsergruppe aus drei Menschen und drei Hunden bei milchigem Himmel und eingetrübtem Sonnenschein durch seine Auen flanieren. Der Assi schont sein notleidendes Knie und dokumentiert derweil die Ereignisse der letzten Tage. Fast erreichen die Temperaturen schon den Nullpunkt, und das scheint der Grund dafür zu sein, dass sich Fianna heute fast ausschließlich im Tiefschnee bewegt und Eiskonfekt in ihrem Leib produziert. Nichts ist von der kleinen morgendlichen Übelkeit mehr übrig geblieben, zumindest lässt die Tatsache, dass sie der Chefin beim Bücken auch noch die Mütze vom Kopf klaut und in den Tiefschnee entführt, auf eine sehr aufgeräumte Gemütslage schließen.

Nachdem die Mädels wieder zuhause eintreffen und Schlafbedarf haben, fährt der menschliche Teil des Septetts nach Pontresina ins Café Kochendörfer; kein Aufenthalt in Samedan ohne Fianna steht über allemFianna steht über allemKochendörfer! Der Himmel ist wieder blau, und nach dem Genuss geistiger Kaffeekreationen könnte auch uns das blühen, wenn wir uns nicht beizeiten aus dem Staub machen.

Abends tunken wir dann Brotbröckli in das unvermeidliche Käsefondue, plaudern uns in die Nacht, nehmen Wein und Whiskey zu uns und zur Kenntnis, dass Fianna abends keine Futterapathie zu erkennen gibt.

 

Sonntag, 13. Januar 2019, 25. Tag n. E.

Der Morgen bestätigt die Vorhersagen der vergangenen Tage: Die bislang so offenherzigen Berge sind bis fast ins Tal hinunter verhangen und über Nacht hat es fast unentwegt einen ganz feinen Schnee Sehr winterliche StraßenverhältnisseAmbitionierte Straßenverhältnissehereingeweht. Damit ist das Programm für heute geschrieben: Morgenspaziergang, Frühstück (Fianna mäkelt wieder ein wenig, gibt aber wieder nichts ab) und Tschüss du schönes Bündner Land. Um 10:15 Uhr machen wir uns auf den Weg nach Hause. Zu Beginn läuft alles noch, wie erwartet, dann geht es noch mit 50 km/h voran und mit jedem Meter wird der grieselige Belag auf der Straße stärker, sodass wir das letzte Drittel bis zur österreichischen Grenze noch mit 30 km/h bewältigen können. Zwischen Pfunds und Landeck entspannt sich die Lage dann, und nach der Untertunnelung von Landeck haben wir es mit Regen zu tun, mit viel Regen. Und mit viel Wind. Für die Überschreitung der deutschen Grenze bei Kiefersfelden brauchen wir dann nochmal 25 Minuten und wissen seither, dass auch Flix-Busse offenbar verdächtig sind, illegale Migranten zu befördern, denn warum sonst sollte man an einem Rückreise-Sonntag einen solchen herausholen und durchfilzen?

Nach ziemlich genau fünf Stunden haben wir es geschafft, und die Mädels haben nun eine angereicherte Blase. Also hinaus bei Regen und Wind; der Alltag hat uns wieder. Aber die blauen Tage von Samedan waren es wert. Das muss jetzt auch der Nörgel-Assi zugeben.

 

Montag, 14. Januar 2019, 26. Tag n. E.

Auch heute Morgen zeigt Fianna wenig Begeisterung fürs Frühstück, reißt sich aber zusammen, weil sie sich an das abgewandelte Motto hält: Lieber den Magen verrenken als der Tochter was schenken. In einem teilschwäbischen Haushalt mag eine solche Haltung ihre Berechtigung haben, hält aber der kruden Wirklichkeit mitunter trotzdem nicht stand; sie liefert diese selbstgewählte Zwangsernährung nämlich später wieder in ihr Kudde-Bett ab. Weil das nun allerdings keiner alltäglichen Unpässlichkeit zugrechnet werden kann, folgt prompt der zugehörige Tagebucheintrag: Kommt das Frühstück rückwärts wieda, waren's Innert, Irx und Ida.

Überhaupt haben wir den Eindruck, dass Fianna massiger und, wie es uns scheint, auch ein wenig träger wird. Im Haus rotiert sie sowieso in einer Ruhespirale, aber draußen lässt sie es beschaulicher angehen. Klar, ihren Ball will sie schon immer noch, aber sie droht nicht gleich mit Auszug oder der Russenmafia, wenn man ihn ihr wieder wegnimmt. Dann bummelt sie eben von Mauseloch zu Mauseloch, von Duftspur zu Duftspur und vom Steinchen zum Stöckchen. Es ist, als würde sie auf einem Bänkchen sitzen und ihren Kinderwagen Finale furiosoFinale furiosoin der Sonne schaukeln. Wobei... Nachmittags überfällt uns ohne Ankündigung ein urgewaltiger und anhaltender Pappschneeschauer, der innert (welch zauberhaftes Schweizer Wort) weniger Minuten zehn Zentimeter klebrigen Neuschnee auf der Landschaft verteilt. Es ist wie das Finale furioso eines bislang sehr ungebärdigen Hornungs.  

Aber soll ja besser werden, hört man. Bei Fianna ist es noch nicht besser, sie ist auch abends wieder zögerlich an der Futterschüssel. Und die Hedda lauert stumm...

 

Dienstag, 15. Januar 2019, 27. Tag n. E.

Heute ist meteorologische Winterhalbzeit, mitten im grimmen Hornung, der uns allerdings heute freundschaftlich die Hand reicht und Sonne bei bis zu 4 °C anbietet. Dazu hat der Hundertjährige eine klare Meinung: St. Paulus kalt mit Sonnenschein, wird das Jahr wohl fruchtbar sein, aber auch Ist der Paulustag gelinde, folgen im Frühjahr raue Winde. Wir werden ihn beim Wort nehmen.

Hornung hin, Hartung her: Die echten Hornochsen sitzen derweil in London und lehnen den Brexit-Vertrag ab. So werden aus Unterhäuslern Hinterhäusler, und die Engländer mit ihrer walisischen Gefolgschaft gehen als Horrorclowns in die Geschichtsbücher ein. Wenn man ihnen nun die Taue kappt, kann der englische Kutter grölend aufgekratzt auf den Atlantik hinaus und völlig beseelt über die Weltmeere treiben; Schiff ahoi und immer ein knorriges Riff unterm Kiel. Man staunt trotzdem nicht schlecht, dass die Geschichte ein so boshaftes Kontinuum darstellt, das kein Großreich verschont: Erst groß, dann Größenwahn und am Ende folgt in einer lang anhaltenden Masturbationsorgie die Hirnerweichung und der Abgang als Hofnarr mit irrem Blick. Boris Johnson wäre bei dieser Besetzung sicher erste Wahl.

Nur die Tatsache, dass das britische Unterhaus seine Entscheidung erst abends getroffen hat, macht uns sicher, dass Fianna morgens ausschließlich wegen ihrer inneren Befindlichkeit wieder eine kleine Portion ihres Frühstücks erbricht. Und auch die Abendmahlzeit liegt noch vor dem britischen Kanalsturz, was dazu beigetragen haben könnte, dass sie diese bei sich behält.

Die MessstellenUnsere Franzi bleibt für immer das Maß aller MaßeDoch etwas anderes ist nun kaum noch zu übersehen: Fianna entwickelt jetzt den Taillen-Spoiler, jene störrische Haarlocke, die alleine schon eine glaubwürdige Zeugin einer Schwangerschaft wäre. Und der Eindruck, dass Fianna etwas pummeliger wird, lässt uns das Maßband zücken und die Waage befragen. Und siehe da, der Eindruck trügt nicht:

Messtag Gewicht vorne Mitte hinten
29.12.2018 30 75 71 62
08.01.2019 29 73 73 62
15.01.2019 29,3 75 74 66

Grob die Hälfte haben wir nun, wie der meteorologische Winter, hinter uns. Die nächste Woche bringt uns dann Klarheit, was die kommenden vier Wochen bringen werden.

 

Donnerstag, 17. Januar 2019, 29. Tag n. E.

Wenn an Antonius die Luft ist klar, gibt's bestimmt ein trockenes Jahr, behauptet der Hundertjährige. Der Himmel ist morgens weiß-blau und die Luft ziemlich klar bei knapp über 0 °C. Da kann das Jahr also getrost trocken werden, vor allem, wenn man die in jüngster Vergangenheit  abgesetzten Schnee- und Wassermengen in Rechnung stellt. Von Belang für uns ist vor allem, dass der Hl. Antonius der Schutzpatron des Hausviehs ist. Nun wissen wir nicht so recht, ob wir unsere beiden Fellträgerinnen dem Hausvieh zurechnen dürfen oder ob damit vorwiegend Rindviecher und Schweine gemeint sind. In der guten, alten Zeit haben die Schweine an diesen Tagen nämlich besonders gutes Futter bekommen. In Bayern jedenfalls. Im Rheinland hat man sich genau fürs Gegenteil entschieden und am Antoniustag Schweinebraten aufgetragen. So war es also immer schon: Die Bayern füttern ihr Vieh liebevoll heraus und die Rheinischen fressen es ihnen weg. Gut, heutzutage füttert kein bayerischer Bauer mehr einen besonderen Antoniushappen und die Rheinischen machen sich auch ganzjährig über die Schweine her, aber man denkt natürlich schon darüber nach, ob man seinen Haustieren an einem solchen Tag etwas besonders Feines reichen sollte (obwohl bis heute nicht bekannt ist, dass die Rheinischen mit Vorliebe gemästete Hunde goutieren, somit also keine akute Gefahr besteht). Es erweist sich heute jedoch schnell als kluge Entscheidung, sich nicht von solchen Erwägungen leiten, sondern alles beim Alten zu lassen, denn Fianna lässt heute die Hälfte ihres Frühstücks stehen, was sie vermutlich auch bei Gänseleberpastete gemacht hätte. Gestern hatte sie wieder mal keine Einwände gegen ihr Frühstück, heute bringt sie nicht viel hinunter. Wir stellen die Reste weg, damit sich Hedda nicht daran vergreift. Möglicherweise hätte Fianna schon früher konsequenter verweigert, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Tochter nicht davon profitieren würde. Aber heute scheint ihr das egal zu sein; es geht einfach nicht mehr, obwohl sie beim Morgenspaziergang noch sehr guter Dinge war.

Nach dem abgebrochenen Frühstück, macht sie einen sehr lustlosen Eindruck und hängt schmollend wie ein Pubertier in ihrem Heia-Bett herum. Sollten wir den Ultraschall nicht einfach absagen? Gibt es denn noch Zweifel? Nicht doch! Erstens ist Glauben gut und Vertrauen besser, aber nichts geht an der Kontrolle mit der finalen Gewissheit vorbei. Und zweitens ist der Ultraschall inzwischen ein Kultraschall und gehört zur DNA einer jeden Blues-Generation, zumal auch der Tierarzt seinen über lange Jahre verdienten Anteil an dem Geldregen haben soll, den die Welpen über uns gießen werden; ein Scheinchen für Ibidumm, ein Scheinchen für den Doc, ein Scheinchen für Eddy und ein ganz kleines Scheinchen auch für uns. Leben und leben lassen wird beim Blues eben hochgehalten.

Für den Assi hält der heutige Tag eine in diesem Ausmaß selten erlebte Odyssee bereit. Zuerst bringt er die Chefin nach Bruckmühl zum Bahnhof, damit sie ihrer Profession in München nachkommen kann. Anschließend fährt er nach Rosenheim zur Physio für sein notleidendes Knie. Nun geht es, husch und zackzack, wieder zurück, diesmal nach Westerham, um die Chefin mittags wieder von der Bahn abzuholen. Chefin zuhause abliefern und auf die A 8 nach Prien (Chiemsee), wo sein Leibarzt schon mit einer Handvoll Blutegel auf ihn wartet, damit die sich an seinem Knie verlustieren können. Knapp drei Stunden später, nach Skelettkorrekturen, Akupunktur und Aderlass kämpft er sich an einem mächtigen Stau auf der Autobahn vorbei übers Hinterland wieder in die Heimat, wo schon Ungeduld wartet: Chefin, Fianna, dazu Anna-Maria und ihre Mama. Anna-Maria wird demnächst 12 Jahre alt und ist von unserem H-Wurf geprägt wie die Lorenz'schen Graugänse, und zwar in mindestens zweierlei Hinsicht. Einerseits hat sie die Hallodris aufwachsen gesehen und deren Weg bei uns begleitet, andererseits haben diese Mangfallkrokodile Anna-Maria gefleddert, gequält und zerzaust, also in ganz besonderer Weise eindrücklich geprägt. Und seither hat sie die Hallodris in ihr Herz geschlossen, ist Heddas beste Freundin und lässt keine Gelegenheit aus, wenn Hakuna, Hias, Nando oder wer auch immer auf einen Besuch vorbeikommt; Anna-Maria ist dann ganz vorne an der Hallodri-Front. Nun, zwei Jahre nach und mit den Hallodris, möchte sie schon einen frühen Anteil an den zu erwartenden Igittigitts und Ibidumms haben und einen ersten Blick auf die Winzlinge werfen. Also kommt sie mit nach Stephanskirchen, was im Prinzip auch Rosenheim ist. Nach dem Kultraschall wieder zuhause, notiert der rollende Assi schlappe 200 Kilometer für diese Odyssee.    

UltraschallUltraschallDoch das ist nicht wirklich von Bedeutung, wichtig ist, dass Fianna um 17:30 Uhr auf dem Rücken liegt und nicht wirklich wissen will, was der Doc auf seinem Fernseher sieht, weil sie das schon längst weiß, es tultra 2 kIgittigitt oder Ibidumm, Iphigenie oder Irrwisch?äglich spürt und sich damit herumquält. Wir aber bekommen endgültige Gewissheit, dass Fianna Leben im Bauch trägt. Wir wollen und müssen nicht wissen, wie viel sie von diesem Leben beherbergt, das werden wir dann im Februar erleben, wenn Fianna uns ihre Wundertüte öffnet. Anna-Maria aber bekommt kein Auge mehr von den kleinen schlagenden Herzen und den formlosen Zellhaufen in Fiannas Bauch. Ganz traurig ist sie, als wir eine leere Fruchthülle entdecken. Ob das Kleine gestorben sei, will sie vom Doc wissen. Nein, antwortet dieser, nicht gestorben, dort ist niemand eingezogen. Und das tröstet sogar uns.  

Wieder zurück, laden wir Anna-Maria und ihre Eltern noch auf eine bescheidene Feier zum Stammitaliener ein, weil alleine feiern und sich alleine freuen keinen Spaß macht. Natürlich ist Fianna der Star der Gesellschaft, nimmt souverän Glückwünsche entgegen, duldet Umarmungen, ermuntert alle zu Streicheleinheiten und lässt sich so ganz nebenbei noch den Rand einer halben Pizza schmecken. Von Futterverweigerung kann jetzt keine Rede mehr sein; die Zwerge brauchen Brennstoff, damit sie groß und stark werden. Im übrigen hat ja heute der Hl. Antonius das Sagen, und der meint es mit Fianna mindestens so gut wie früher mit den Schweinen.

 

Freitag, 18. Januar 2019, 30. Tag n. E.

Den Prognosen zufolge hätte uns schon wieder eine kleine Schneebelästigung heimsuchen sollen, aber das, was da gestern Abend hereinwehte, war wirklich nicht der Rede wert. Heute Morgen messen wir um die 0 °C, und dann folgt ein angenehm sonniger bis wolkiger Tag rund um die 4 °C.

Wenn an einem Tag sonst nichts los ist, darf man sich auch mal beruhigt zurücklehnen und sich freuen, dass damit auch nichts Beklagenswertes los ist. Heute ist einfach nur ein Tag der Ruhe nach der Gewissheit. Fianna frisst wieder, hat aber auch einen etwas übersäuerten Magen, was der Assi logischerweise der Portion Pizzarand von gestern Abend zuschreibt. Die Chefin geht auf solche Seitenhiebe nicht ein, sondern gibt ihr ein Löffelchen Heilerde ins Abendmahl. Wie unspektakulär sich Manches fast wie von selbst erledigt.

 

Samstag, 19. Januar 2019, 31. Tag n. E.

Frisch ist es morgens, -8 °C mit einer bemühten Sonne hinter Schleierwolken. Mittags folgen wir einer Einladung von Heddas Schwester Halina nach Hohenpeißenberg, weil es dort Anlass zu einer kleinen gemeinsamen Feier gibt. Der kommen wir gerne nach und freuen uns, Halina auch wieder einmal an die Herzen drücken zu dürfen. Das erledigt sie dann für uns, ganz wie es Hakuna vor Wochenfrist im Engadin gepflegt hatte. Und wie sie, kann auch Halina nicht aufhören, ihre Nase unter Mama Fiannas Rute zu stecken. Ob sie dieser Duft wohl an den Duft ihrer Brutstatt vor zwei Jahren erinnert? Damals war sie Teil und eingehüllt in diese Düfte, heute löst er möglicherweise ein diffuses Erinnerungsfeuerwerk bei ihr aus.

Abendlicht in HohenpeißenbergAbendlicht in HohenpeißenbergAm späten Nachmittag gibt es einen gemeinsamen Spaziergang unter einem blauen Pfaffenwinkler Himmel, hinein in das rosa-blaue Licht der müden Sonne. Und rings grüßen die Allgäuer und Werdenfelser Berge, klar und kraftvoll, und die Königin, die Zugspitze, trägt zur Feier des Tages ein kleines Korallendiadem.    

FiannaFianna völlig unbeschwertFianna, völlig unbeschwert ist mit ihren Töchtern voller Begeisterung im tiefen Schnee unterwegs, den sie zuhause schon längst wieder vermisst, wo sie nichts anderes mehr als gefrorene Wiesen und einige verharschte Schneereste findet. Da wirft sie sich begierig in die festgefrorene Schneedecke des Pfaffenwinkels, die im Licht der untergehenden Sonne wie eine Damastdecke gleißt. Wir befinden uns etwa auf halber Strecke der Tragzeit heute, und von beladener Schwere ist bei Fianna nichts zu spüren, obwohl sie doch schon etwas plumpere Formen annimmt.

 

Sonntag, 20. Januar 2019, 32. Tag n. E.

Weil es die Chefin schon frühmorgens zusammen mit Hedda aus dem Pfaffenwinkler Schlafgemach treibt, nutzt Fianna die Gelegenheit, zu einer ausgedehnten Schwangerschaftsmassage; fast eine Stunde lässt sie sich, auf dem Rücken liegend und wohlig grunzend, vom Assi den Bauch kraulen und die zukünftigen Zapfstellen geschmeidig massieren.  

Nach einem Morgenhimmel, der nahtlos an den Vortag anknüpft, ziehen schon bald Wolken auf und der Pfaffenwinkel trübt sich ein. Und das gibt Anlass, den Hundertjährigen zu befragen, denn: Sonnenschein um Fabian und Sebastian, lässt den Tieren das Futter ausgah'n. Das ist nun schon wieder so eine verdruckste Nummer; um heißt eben nicht an! Vor den Beiden hatten wir schon mal Sonne, zumindest in dieser Gegend, was manche Bauernstirne in Falten legen dürfte. Aber heute ist eben kein Sonnenschein, und so kann der Bauer, je nach Laune und Gemütslage, die Stirne runzeln oder entspannen. Wie er es halt besonders gerne hat, der Hundertjährige, der, wenn er nicht mehr als solche Prophezeiungen in petto hat, auch aus dem Fenster springen und verschwinden könnte. Aber er hat noch mehr im Köcher: An Fabian und Sebastian fängt der rechte Winter an. Da können wir uns ja noch auf etwas gefasst machen, wenn das, was wir in den vergangenen Wochen hatten, noch nicht der "rechte Winter" war. Allerdings sagen die Meteorologen für die nächsten Tage ordentlich kaltes Wetter vorher und meinen damit vermutlich genau diese Sebastinikälte, die für den Hundertjährigen der rechte Winter ist. Und dann beglückt er uns auch noch mit der Erkenntnis: An Fabian und Sebastian fängt Baum und Tag zu wachsen an. Was die Bäume angeht, traut sich der Chronist kein Urteil zu, da wäre etwa der Herr Wohlleben die geeignete Adresse. Aber was den Tag angeht, weiß es jeder besser, der zweimal mit seinem Hund an die frische Luft muss. Lieber Hundertjähriger, der Tag ist seit dem kürzesten Tag des Winters am 21. Dezember morgens um eine Viertelstunde und abends um eine halbe Stunde gewachsen (Bezug München)! Das ergeben, wer es ganz genau haben möchte, exakt 44 Minuten, und die darf man auch als Hundertjähriger mit Schlafkrankheit nicht verbaseln. Erfreulich ist aber, dass mit dem Erwachen des Tages und der Natur auch die Liebe wieder wächst, und so werden wir uns bald wieder auf das nervige Gurren auf unseren Dächern freuen dürfen, denn Um Fabian und Sebastian, da nimmt auch der Tauber die Taube an. Und der Haubentaucher, wenn nichts anderes zur Verfügung steht, sogar die Taucherhaube. Dann lasst es mal alle zusammen schön krachen beim Frühlingserwachen (oder vielleicht doch erst, wenn der rechte Winter wieder vorbei ist).

Am frühen Nachmittag sind wir wieder aus Hohenpeißenberg zurück. Über uns liegt eine zähe Hochnebeldecke, von der man nicht weiß, ob sie nun Ausdruck des schönen Wetters darüber ist (Sonnenschein an Sebastian...) oder doch eher zu den Wolken zu zählen wäre. Wir gehen jeder seinen Geschäften nach und zwischendurch auch an die frische Luft.

 

Montag, 21. Januar 2019, 33. Tag n. E.

Dieser Montag ist eigentlich ein Mondtag, ein Blutmondtag sogar, aber nicht im Mangfalltal. Zwar steht auch hier der Vollmond in den Morgenstunden im Kernschatten der Erde und wird auf diese Weise zum Blutmond, aber er verbirgt sich hierzulande schamhaft hinter einer fetten Hochnebeldecke. Dazu messen wir -2 °C. Das ist alles andere als ein "rechter Winter", aber angenehm ist es trotzdem nicht. Wir gehen an diesem verdorbenen Mondtag unseren Geschäften nach und warten auf die nächste totale Mondfinsternis in unseren Breiten am 16. Mai 2022.

Wer schon nichts Wesentliches zu berichten hat, sollte wenigstens seiner Pflicht nachkommen und die Statistik auf dem Laufenden halten:

Messtag

Gewicht / kg

vorn

Mitte

hinten

29.12.2018

30

75

71

62

08.01.2019

29

73

73

62

15.01.2019

29,3

75

74

66

21.01.2019

29,9

74

74

68

 

Dienstag, 22. Januar 2019, 34. Tag n. E.

Überall ist es ordentlich kalt, nur das Mangfalltal liegt unter einer Hochnebeldecke bei Temperaturen um 0 °C. Um die Mittagszeit reißt der Nebel allerdings ein wenig auf und gibt der Sonne einen Fensterplatz, und sofort wird es dem Assi beim Aktivspaziergang mit Hedda mollig warm unter der Winterjacke.

Im Kalender ist heute Vinzenz für die Prognosen zuständig und macht nicht viel Aufhebens. Um es kurz zu sagen: Sonnenschein gut für den Wein, Wasserflut ist gar nicht gut. Damit kann man leben, weil wir davon ausgehen, dass über dem Hochnebel überall Sonnenschein herrscht. Und er legt sich noch weiter fest, wobei er sich allerdings sehr weit aus dem Fenster hängt, weiter jedenfalls als die Mittagssonne aus den Wolken: Wie zu Vinzenz das Wetter war, so wird`s sein das ganze Jahr. Das nehmen wir ihm einfach nicht ab, und wenn doch, dann bedienen wir uns der Mittagssonne und der über dem Nebel. Passt schon. Aber der Vinzenz hat noch eine Partnerin an diesem 22. Januar, nämlich die Dietlinde, und die hat nichts zu sagen und darf nichts prophezeien, weil schon der Apostel Paulus postulierte, dass das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe. Wir aber meinen, dass es auch Dietlinde zusteht, Glücks- und Frohsinnspendendes zu artikulieren und legen ihr den gültigsten aller gültigen Kalendersprüche in den Mund: An Dietlind Regen, Nebel, Sonnenschein, das ganze Jahr wird Wetter sein. Wir finden Dietlinde hat recht.

Anna-Maria und ihre Freundinnen Anna-Maria und ihre Freundinnen Nachmittags fahren wir ins Unterallgäu, um den 80. Geburtstag eines lieben Freundes zu feiern, und weil das kleine, aber sehr feine Fest in einem kleinen, aber sehr feinen Heil- und Kurbad gefeiert wird, haben Hunde dort keinen Zutritt. Stundenlang im frostigen Auto ist ihnen auch nicht zuträglich, also geben wir sie in die bewährte Fürsorge von Anna-Maria und ihrer Mama. Da können wir getrost zum Feiern fahren. Kurz nach Mitternacht sind wir wieder zuhause und finden völlig entspannte und verschlafene Grazien vor (wohingegen wir auch noch zwei Stunden nach dem Festessen anstrengende Verdauungsarbeit leisten müssen). Danke, Anna-Maria. So können die Ibidumms und Igittigitts warm und entspannt heranreifen und nicht bei -10 °C im Allgäu zu Eiskonfekt erstarren.

 

Donnerstag, 24. Januar 2019, 36. Tag n. E.

Die Hochnebellage zieht sich hin. Wie gestern startet der Tag mit -3 °C unter einer dicken Hochnebeldecke, die sich allerdings mittags auflockert und mit 0 °C die beißend klamme Morgenfrische gut erträglich macht.

Außer der grauen Nebeldecke trübt noch etwas unsere Stimmung: Hedda. Sie hat ja schon ewig eine Talgdrüse an der linken Taille, und die entzündete und entleerte sich vorgestern nach innen; jedenfalls ist sie weg und bildet nun eine feste, subkutane Plattenstruktur. Da wartet man gerne mal ab, wie sich das entwickelt. Das Abwarten hat heute ein Ende, denn nun ist das alles aufgegangen oder von Hedda aufgebissen worden. Das Ergebnis ist eine ekelhafte Sauerei aus Blut, Eiter, Talg und wer weiß was noch. Und das bedeutet Tierarzt für den Assi. Jetzt. Möglichst presto. Und die geschmeidige Versorgung seines notleidenden Knies beim Physio hat zurückzustehen. Physio absagen, Tierarzttermin organisieren. Das ist Chefinnensache. Der Assi muss liefern. Und zwar Hedda beim Doc unseres Vertrauens ab, vormittags halb zehn. Viel ist da allerdings im Augenblick nicht zu machen, ein wenig ausspülen, einen Entzündungshemmer und ein Antibiotikum spritzen, was Hedda mit Schlangenbewegungen zu verhindern sucht, dabei aber jederzeit absolut freundlich und friedlich bleibt. Wer sich wie ein Aal winden kann, muss nicht wie ein Waran schnappen. Wir vermuten, dass Hedda noch gar nicht weiß, dass man Zähne auch anders benutzen kann, als sich die Kletten aus dem Fell knibbeln. Und das ist gut so. Nach der Behandlung muss noch eine Schleckabwehr angebracht werden, denn die Zwergin soll natürlich nicht dauernd Hedda mit neuen, schicken LeibchenHedda mit ihrem neuen, schicken Leibchenan der Wunde herumlutschen, die sicher auch infektiös ist. Die Königsfrage Plastikkragen oder Body beantwortet der Assi aus Erfahrung und ästhetischem Grundempfinden mit Body. Halskragen sind für jedes Tier eine Qual, weil es überall hängen bleibt und mit dem Ding nicht richtig schlafen kann, außerdem sieht Hedda dann aus wie Queen Elizabeth I. Nein, dann schon den schicken Body, und zwar in mintgrün. Passt wie Arsch auf Topf und macht eine Bombenfigur. Der Assi hat den Eindruck, dass Hedda durchaus ein wenig Gefallen an ihrem coolen Outfit findet.

Nachmittags besuchen Fianna und Hedda mit der Chefin Heddas Bruder Harpo in Bad Feilnbach. Von dort starten sie zu einer Expedition im tiefen oberbayerischen Outback, irgendwo in der Gegend um Hundham, wo sich Harpo vom Bairischen BluesHarpo und Heddasogar die Füchse verlaufen, und kämpfen sich zwei Stunden durch zum Teil noch knietiefen Schnee. Blöderweise muss Harpo auf den Anblick seiner coolen, mintgrünen Schwester verzichten, weil die Chefin ihr das Leibchen abnimmt, denn beim Rennen und Toben kommt kein Hund auf die Idee, sich Wunden zu lecken, dafür kommt aber gesunde, frische Luft ans kranke Fleisch. Als sie wieder zuhause ankommen, machen sie alle zusammen einen ziemlich ausgelasteten Eindruck. Genug für heute.

Nein, nicht ganz genug, denn erstens beginnt es gegen Abend feinsten trockenen Schnee zu schneien, und die Chefin kränkelt irgendwie influenziös. Das passt, wie Heddas Leibchen, auch wie Arsch auf Topf, weil die Chefin morgen einen unaufschiebbaren Termin in Kassel hat: Züchterschulung. Wie sich die Dinge doch immer fügen.

 

Freitag, 25. Januar 2019, 37. Tag n. E.

Die Chefin kommt zu der Erkenntnis, dass Fiannas Milchleisten nun zu erblühen beginnen, was der Assi ihr ja schon seit Tagen nahelegte. Und im übrigen nimmt er für sich in Anspruch, dass seine morgendliche Zapfstellenmassage in Hohenpeißenberg nicht wenig dazu beigetragen habe. Aber mit dem Segen der Chefin bekommt die Reife der Milchleisten nun offiziellen Status.

Morgens messen wir -3 °C bei leichtem Schneefall. Und der nimmt weiter zu, mit zartem Flockenspiel, das aber keine nennenswerten Spuren hinterlässt. Nachmittags zeigt sich dann sogar die Sonne, was, bezüglich der Jahresprognose, Stirnrunzeln hervorruft. St. Paulus kalt mit Sonnenschein, wird das Jahr wohl fruchtbar sein. Aber: Wenn's St. Pauli regnet oder schneit, folget eine teure Zeit. Worauf müssen wir uns nun einstellen? Ob die morgendliche Kälte und der nachmittägliche Sonnenschein die Oberhand behalten oder doch der vormittägliche Schnee? Andererseits: Teuer ist es immer und überall, und dazu wird es auch immer und überall teurer, weshalb wir uns womöglich um diesen Kassandraruf nicht allzu sehr kümmern müssen. Dafür nehmen wir uns dankbar die folgende Schlagzeile zu Herzen: An Pauli Bekehr ist der Winter halb hin und halb her. Jou, so wird das wohl sein.

Nachmittags reist die Chefin mit der Bahn zur Züchterschulung nach Kassel ab, wo sie eine einigermaßen staatstragende Rolle einnehmen und die Teilnehmer in die Gründe und Abgründe der Genetik einweihen darf. Den akuten Influenza-Angriff hat sie größtenteils abgewehrt, sodass man ihr dort keinen notärztlichen Bereitschaftsdienst zur Seite stellen muss. Dass sie aber überhaupt rechtzeitig in Kassel eintreffen kann, hat sie der Nebentätigkeit des Assi als Chauffeur zu verdanken, der sie in eine zuverlässige Startposition bringt, denn mit den Zubringerdiensten von BOB oder Meridian wäre sie wahrscheinlich erst weit nach Mitternacht in Kassel angekommen; es hat ja drei Flocken geschneit heute, da wird der Betrieb eingestellt. Wegen Schleudergefahr, wie man annehmen darf.

Nun ist der Assi mit seinen beiden Damen allein zuhaus. Bezüglich Fianna stellt das keine Herausforderung dar, aber Hedda benötigt medizinische Dienstleistungen, die in dem Auftrag kulminieren, ihr das Talgdrüsen-Abszess mehrmals täglich auszudrücken, damit der Schmodder den Weg nach draußen findet. Pickel, Mitesser und Vergleichbares ausdrücken ist jedoch genetisch bei Frauen verankert, Männer drücken nicht, jedenfalls keine Mitesser, Pickel oder Abszesse. Aber zum Wohle seiner Nachwuchshoffnung  überwindet er sich und folgt den Anweisungen, wie das Gesetz es befahl. Er überwindet sich und Hedda windet sich, lässt aber die miese Tortur nahezu klaglos über sich ergehen. Sie wächst in seinen Augen zu einer Riesin ohne Furcht und Tadel. Knapp 27 Kilo bringt die Kleine auf die Waage, aber davon ist jedes Gramm aus Stahl und Hartmetall gefertigt. Kenner wissen, dass gerade solche Materialien besonderer Pflege und Fürsorge bedürfen, und so salbt er seine Hedda, packt sie in Watte und anschließend wieder in ihren mintgrünen Body. Sie hat ihm schon längst wieder alles verziehen und ist bester Dinge. Beim Spaziergang wird ihr das  Leibchen am Parkplatz abgenommen, damit Frischluft an die Wunde kommt und weil sie draußen so ausgiebig mit Rennen, Fangen und Stöbern beschäftigt ist, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet, an ihrer waidwunden Stelle herumzulecken. Vor der Rückfahrt wird sie dann wieder eingekleidet, weil sich nun, auf der Fahrt, wieder gute Gelegenheit bietet, sich selbst zu therapieren. Das alle erduldet sie klaglos und verteilt dafür sogar noch Küsschen.

Abends kuscheln wir uns dann ein in ein trautes Heim und Glück zu Drei'n. Und nun entscheidet sich der himmlische Landmann doch für ein fruchtbares Jahr und lässt die Temperatur nachts auf glasklare -6 °C sinken. Schöne Aussichten.

 

Samstag, 26. Januar 2019, 38. Tag n. E.

Morgens bläst der Wettergeist bei -2,5 °C feinsten, trockenen Schnee durchs Mangfalltal. Aber schon um 9 Uhr steigt die Temperatur und der Schnee wird zu Schneeregen, und um 11 Uhr haben wir bei 3 °C nur noch Regen und, wie schon den ganzen Morgen, strammen Westwind. Für den Assi bedeutet das vier sehr unterschiedliche und mehr oder minder angenehme Hundespaziergänge: einmal mit Fianna, einmal mit Hedda, einmal mit Fianna und, wer hätte es gedacht, einmal mit Hedda. Zum Schluss addiert sich das, zur Freude seines Leibarztes, auf fast zwölf Kilometer.

Unerfreulich ist nur der mit den höheren Temperaturen einhergehende Matsch und mit ihm die Frage: Wie halten wir es mit Heddas Leibchen, das wir zu Beginn des Spaziergangs am Parkplatz ablegen? Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens, sie muss es total verdreckt wieder anziehen, zweitens, wir rubbeln die Dame vorher ab, drittens wir lassen es, reinigen sie zuhause und kleiden sie dann wieder ein, allerdings mit dem Risiko, dass sie die fünf Minuten Fahrt nutzt, um sich um ihre Wunde verdient zu machen. So lange die Auflistung ist, so kurz ist die Entscheidung: Eins entfällt aus naheliegenden Gründen, weil das Ding dann umgehend in die Wäsche müsste und Hedda länger als eine Fahrt ohne Leibchen wäre. Zwei entfällt, weil der Assi ein Troll ist, und kein Handtuch im Auto mitführt. Also drei: Risiko. Aber Hedda ist doch ziemlich brav und vergeht sich nur sehr geringfügig an ihrer Wunde. Zuhause bekommt sie, frisch gereinigt und gepflegt, ihr Leibchen wieder übergezogen, und, weil die Wunde ziemlich sabbert und das Leibchen versudelt, steckt ihr der Assi noch ein Mulltuch drunter. Letzt kann es kaum noch besser sein. Das Glück über die bestechende Idee wandelt sich in Erstaunen, Hochachtung und schelmische Freude über seinen Zwerg, als er das Mulltuch plötzlich im Wohnzimmer liegen, Hedda aber völlig eingekleidet sieht. Hat die Zwergin doch tatsächlich ihre nixnutzige Nase in den Ausschnitt des linken Hinterbeins gesteckt und das Tuch rausgezogen! Für so  viel  Raffinesse ist ein bisschen Hochachtung sicher nicht die angemessene Würdigung. Sie muss in den Arm; wo gibt's denn sowas?

Abends bekommt der Nebenberufspfleger fachliche Unterstützung von Karin, der langjährigen Tierarzt-Assistentin (siehste: auch ein Assi, und sogar einer mit höchster Qualifikation; da soll mal einer am Assi rumnörgeln), Freundin des Hauses und erfahrene und begehrte Welpenknuddlerin. Sie hat den Vorteil, dass sie eine Frau ist und Hautunreinheiten aller Art mit Lustgewinn ausdrücken kann. Und wir kennen niemand, der mit einer solchen Akribie und Ausdauer alles ausdrückt und ausstreicht, das nicht innert Sekunden im Leibesinneren verschwunden ist. Bei Hedda ist sie nur teilweise erfolgreich, weil die Talgdrüse etwas über dem eigentlichen Abszess liegt, und sie somit gar nicht richtig an sie rankommt. Aber ein bisschen kommt raus, und Hedda ist wieder ein Wunder an Duldsamkeit. Sogar das ätzende Lotagen, das sie zum Austrocknen der Drüse unter die Haut gespritzt bekommt, trägt sie mit angemessener Fassung. Dieser Hund hat einfach ein unerschütterliches Vertrauen in die Menschen. Selbst als sie uns mal kurz auskommt und wir sie wieder zu uns rufen, büxt sie nicht aus, sondern kommt herbei, beißt die Zähne zusammen und lässt sich weiter bearbeiten. Wenn Härte und Freundlichkeit einen Namen haben, dann ist es. Hedda.

Und was ist eigentlich mit Fianna, der diese Aufzeichnungen ursprünglich gewidmet sind, die aber derzeit kaum Erwähnung findet? Fianna ist da, einfach nur da, ruht in sich und gelegentlich, wenn es ihr danach ist, zu Füßen ihres Assis, brütet Kinder aus und arbeitet an ihrem Körper. Fianna wickelt ihren Zustand souverän und routiniert ab. Wenn wir Heddas Flankenschaden nicht häddan, wäre tatsächlich nicht viel zu berichten aus der Brutstätte des Bairischen Blues.

 

Sonntag, 27. Januar 2019, 39. Tag n. E.

MorgenstimmungMorgenstimmungDer Sonntag kommt mit einem aufgeräumt freundlichen Morgen daher und beglückt die Spaziergänger mit Sonne, Wolken, Nebelschwaden und einem altrosa Quarzlicht.

 Der Tag selbst bringt dann Ähnliches wie gestern: vier Spaziergänge, diesmal mit über 13 Kilometern und einem Handtuch im Auto, um Hedda gleich grundzureinigen. Karin kommt auch wieder vorbei, macht sich um Hedda verdient, und bereichert den Ideen-Pool des Blues um: eine Damenbinde! Das wäre die optimale Alternative unter dem Body, anstatt des Mulltuchs, das immer verrutscht und entsorgt wird, weil die nicht verrutschen könne. Nun weiß der Assi, warum Frauen als Krankenschwestern Dinge wissen, von denen Männer keine Ahnung haben. Nachdem Karin wieder gegangen ist, sucht er nach einem entsprechenden Utensil, findet tatsächlich eine Slipeinlage und bringt sie unter Heddas Leibchen an, so dass sich die klebrige Seite am Stoff festkrallen muss (andersrum wäre es auch therapeutisch kaum vertretbar). Zwei Stunden später findet er die zerknüllte Slipeinlage im Flur. Hedda braucht so etwas nicht. Also weg damit. Dabei bleibt es dann auch.  

Abends kommt die Chefin wieder zurück, und wir beschließen, die Wunde, wenn man schon an die marodierende Talgdrüse selbst nicht richtig drankommt, jetzt verheilen zu lassen und sie später in Angriff zu nehmen. Spülungen mit Lotagen oder Wasserstoff verfehlen im Wesentlichen ihre Wirkung und beeinträchtigen dazu noch die Wundheilung. Also eins nach dem anderen. Hedda geht es ja blendend und ist alles andere als kränkelnd.

 

Montag, 28. Januar 2019, 40. Tag n. E.

Der Tag beginnt mit 0 °C und viel Wind, dann mischen sich Sonne und weiße Wolken darunter bei bis zu 6 °C, was das Geläuf wieder beträchtlich aufmatscht, und nachts kommt der Schnee in dicken Flocken waagrecht dahergeflogen. Sonst verläuft er unter Alltagsgeschäften im Sande.

Fianna auf dem Weg zum VollformatFianna auf dem Weg zum VollformatDoch eine jener Alltagsgeschäfte ist Fiannas leibeigene Statistik: 

Messtag

Gewicht / kg

vorn

Mitte

hinten

29.12.2018

30

75

71

62

08.01.2019

29

73

73

62

15.01.2019

29,3

75

74

66

21.01.2019

29,9

74

74

68

28.01.2019

31,6

75

76

72

Jetzt lässt sie anscheinend die Pferde aus dem Stall...

Mittwoch, 30. Januar 2019, 42. Tag n. E.

Scheint an Martina die Sonne heller, wird sich mit Rebensaft füllen der Keller. So liest sich das heute. Morgens scheint die Sonne bei -8 °C von Osten her sehr hell und wartet mit einem monströsen Morgenrot auf. Im Westen ist der Himmel bezogen, und das gilt dann vormittags auch flächendeckend. Nachmittags machen sich die Wolken wieder davon und abends melden wir freien Himmel. Wir gehen also davon aus, dass die Keller ausreichend mit Wein befüllt werden.

So viel Wein wir für den Herbst erwarten, so sehr ist uns heute zum Weinen zumute: Unser Leibveterinär Dr. Schiele in Stephanskirchen setzt sich zur Ruhe; morgen ist sein letzter offizieller Tag. Fast zwanzig Jahre hat er unsere Hunde und Katzen betreut, behandelt und gepflegt und uns niemals den geringsten Grund gegeben, an seiner Kompetenz zu zweifeln. Sein enormes Fachwissen, seine diagnostische und therapeutische Sicherheit, sein Geschick und seine Umsicht im OP und nicht zuletzt seine Ruhe und Souveränität im Umgang mit den Tieren und den Menschen wird nicht nur uns, sondern allen seinen Patienten fehlen, und die kommen nicht nur aus dem Großraum Rosenheim, sondern aus einem Kreisschlag von Wien bis ins Ruhrgebiet. Wir und unsere Tiere haben ihm viel zu verdanken und noch mehr zu danken. Aber, wer sich zum Wohle seiner Patienten regelmäßig 60-Stunden-Wochen leistet und aus Sorge und Fürsorge viele Nächte in der Praxis verbringt, hat alles Recht der Welt, kürzer zu treten und andere an die Front zu lassen. Zwei Tage in der Woche wird er dem Team noch zur Verfügung stehen, in besonders kniffligen Fällen, vor allem aber zur Weitergabe seines in 25 Jahren aufgebauten Wissens an seine Nachfolger. Denn die Praxis soll ihren ausgezeichneten Ruf und ihre Expertise behalten. Das wünschen auch wir uns, auch im Namen der vielen Hovawart-Patienten, die durch unsere Begeisterung zur Praxis Dr. Schiele gefunden haben. Und Dr. Schiele wünschen wir viel Ruhe und Zeit für sich und seine Familie, was all die Jahre viel zu kurz gekommen ist. Einen besonderen Namen hat sich Dr. Schiele als Kardiologe im Collegium Cardiologicum e.V. erworben, das unter anderem Herzuntersuchung für die Zuchttauglichkeit vornimmt. Dr. Schiele hat viele Jahre Veterinärmediziner in dieser Disziplin ausgebildet und steht, bis ein Nachfolger/eine Nachfolgerin auf diesem Niveau aufgebaut ist, auch weiter für Herzuntersuchungen zur Verfügung. Anders verhält es sich bei seiner Mitgliedschaft im Dortmunder Kreis (DOK) der Augenärzte, die allein berechtigt sind, Augenuntersuchungen für die Zuchtzulassung vorzunehmen. Dr. Schiele hat hierfür seine Zulassung ab 31. 1 2019 zurückgegeben und wird diese Untersuchungen nicht mehr vornehmen. Diese Information erhielten wir gestern und haben uns deshalb noch ganz schnell für heute einen Augentermin für Hedda bei ihm geben lassen. Und wenigstens dieses Ergebnis lässt den heutigen Tag des Abschieds rosig leuchten: Hedda hat in allen Belangen völlig gesunde Augen. Auch der Blick des erfahrenen Docs auf Heddas Flankenabszess dient der Entwarnung: Alles im grünen Bereich, Leibchen kann in die Kleiderkiste wandern, das sieht gut aus. Jetzt muss halt abgewartet werden, und wenn wir Glück haben, verabschiedet sich die aufgeplatzte Talgdrüse sogar von selbst. Sonst muss eben nachgearbeitet werden. Mit dem Rückzug Dr. Schieles ins Private geht eine Ära zu Ende, aber weil jedem Ende auch ein Anfang innewohnt, konnte er vielleicht mit seiner heutigen Diagnose eine Ära für Hedda als Zuchthündin des Bairischen Blues einläuten; jetzt fehlt nur noch die Zuchttauglichkeitsprüfung (ZTP).

 

Donnerstag, 31. Januar 2019, 43. Tag n. E.

Nur noch knapp drei Wochen trennen uns heute von den Irrwischen und Ignoranten, und Fianna präsentiert uns mit wachsender Begeisterung ihren immer praller werdenden Babybauch: kraulen, knuddeln und bloß nicht aufhören. Was sie nicht weiß, ist, dass ihre Zwerge zu Beginn ihrer Laufbahn vermutlich durch eine harte Schule müssen, denn die Tagesprognose deutet eher auf Inuit und Icicles hin, als auf India und Iguazú: Friert es hart auf Virgilius, im März noch viel Kälte kommen muss. Heute Morgen hat es wieder -7 °C bei einem glasklaren Himmel; da muss die Mama schon aufpassen, dass die Knirpse keine Icebeinchen bekommen. Diese Aussichten bestätigen sich auch in dieser Prognose: Auf kalten trocknen Januar folgt oft viel Schnee im Februar. Da sind wir mal gespannt, ob wir mit den Zwergen ein kleines Hundeschlittenrennen im Garten veranstalten: Iditarod im Mangfalltal. Wie auch immer, die folgende Vorhersage ist die einzige, die sich tief ins Bewusstsein des Assi eingräbt: Je frostiger der Januar, desto freundlicher das Jahr. Dagegen soll mal einer was haben, auch wenn wir mit den Illuminaten Schlittenfahren müssen.

Fianna und ihre Freundin KrümelFianna und ihre Freundin KrümelFianna ist nun sichtlich fortgeschritten in ihrer Puppy-Produktion, und manch eine werdende Mutter zeigt sich in dieser Situation ziemlich ungnädig Artgenossen gegenüber, vor allem, wenn sie weiblichen Geschlechts sind. Konkurrenz kann man jetzt so gut brauchen wie ein Wimmerl auf der Nase. Doch Fianna steht über solchen Erwägungen und bleibt zu allen Weggefährten gleichermaßen freundlich. Heute Morgen kreuzt Kimba, eine zweijährige Boxerhündin und nicht gerade ihre beste Freundin, ihre Wege, und Fianna duldet sie ohne Umstände und lässt sie ein Stück ihrer Morgenpromenade mitmachen.

 

Freitag, 1. Februar 2019, 44. Tag n. E.

Es hat morgens -2 °C und ist bedeckt.

Auch das bedeckte Tageslicht bringt vieles an den Tag, vor allem das, was die Nacht verhüllt. Um das zu verstehen, sollte man wissen, dass Fianna und Hedda in den Wintermonaten meist die Morgenrunde gemeinsam und im Dunkeln absolvieren; das ist schlicht eine Zeitfrage. Wenn mehr Zeit zur Verfügung steht, werden sie meist getrennt ausgeführt. Doch heute ist Zeit und die beiden dürfen trotzdem gemeinsam auf die Morgenwalz, und da bringt das Licht dann zweierlei an den Tag. Mit ihrem Ball ist Fianna tatsächlich deutlich behäbiger unterwegs, was wegen ihres merklich ausladenden Körpers nicht verwundert. Doch heute, gemeinsam und bei Licht, geben die beiden Gas, fast bis der Notarzt klingelt. Und wer nun glaubt, Fianna würde ihre Tochter nur von Ferne und von hinten ausmachen können, kennt Fianna nicht. Die ist nämlich im direkten Kampf Mutter gegen Tochter noch immer so schnell wir der fixe Zwerg, kann sie sogar einholen und kurzfristig wie ein Omelette zusammenfalten. Da staunt man nicht schlecht. Ihr Zustand kommt erst anschließend zum Tragen, weil sie es ein zweites Mal nicht mehr speicher kKaiserwetter im Mangfalltaldarauf ankommen lässt. Fix ist sie also noch immer, aber an der Ausdauer mangelt es inzwischen. Das ist eine Art Geparden-Syndrom: einmal kurzfristig auf Maximalgeschwindigkeit beschleunigen – und zuschlagen oder darben. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei, unter Umständen aber nur eines.

Nachmittag zeigt sich der Hornung an seinem ersten Tag von seiner schönsten Seite: Sonne bei 6 °C. Und abends legt sich der 1. Februar bei Temperaturen um 0 °C und klarem Himmel ins Bett. Wir haben volles Vertrauen, dass dieser Monat des I-Wurfs genauso weitergehen wird. Nur schöne Tage zum Wohle der Mutter und ihrer künftigen Kinder.

 

Samstag, 2. Februar 2019, 45. Tag n. E.

Ist's an Lichtmess hell und rein, wird's ein langer Winter sein. Wenn es aber stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit. Es hat 2 °C und regnet wie aus Eimern. Nix davon passt.
Lichtmess im Klee, Ostern im Schnee. Weg damit, passt nicht. Es regnet. Ohne Klee.
Der Lichtmess-Sonnenschein bringt großen Schnee herein. Dann räumen wir jetzt die Schippe weg.

Mariä Lichtmess ist also heute, eines der ältesten christlichen Feste und nahezu komplett aus dem Gedächtnis verschwunden. Am 40. Tag nach Christi Geburt wurden Kerzen geweiht und Lichterprozessionen veranstaltet; dazu gab es passend einen Kerzenmarkt, also eine Messe, deswegen Lichtmess. Dazu passt, dass nun der Tag erkennbar länger ist, was sich in zwei Sprüchen manifestiert: Mariä Lichtmess, Supp' bei Tag ess. Soll heißen, dass der Bauersmann nun, nach der morgendlichen Stallarbeit, seine Millisuppn bei Tageslicht zu sich nehmen kann. Und dass das tatsächlich so ist, belegt der Merksatz zum Anwachsen des Tages ab der Sonnwende am 22. Dezember: Weihnachten um ein' Mückenschritt, Silvester um ein' Hahnentritt, Dreikönig um ein' Hirschensprung und Lichtmess um ein' ganze Stund. Das freut nicht nur den Bauern mit seiner Millisuppn, sondern auch den Hundespaziergänger. Für Knecht, Mägde und Dienstboten aller Art endete früher an diesem Tag das Arbeitsjahr, der Jahreslohn wurde ausbezahlt, und sie konnten sich neu verpflichten oder eine neue Anstellung suchen. Bis Agatha (5. Februar) waren sie dann in einem vertraglich gesicherten, arbeitsfreien Zustand, hatten also eine Art Jahresurlaub.

Und beim Blues? Keine Lichter, kein Schneien und kein Sonnenschein. Kein Urlaub, kein Jahreslohn. Nur Regen. Und eine werdende Mutter, die dauernd pupst. Vielleicht sollte man die Puppys besser Pupsis nennen, weil sie sich immer fülliger ausbreiten und auf Mamas Pupsknopf drücken. Da muss man durch, das bringt es mit sich, auch wenn es anrüchig ist. Aber es ist ja nicht nur der Pupsknopf, der freudig betätigt wird, sondern auch der Pinkelschalter. Fiannas eingeklemmte Blase braucht nun häufiger eine Dränage. Beim Ausgang hockt sie sich fast so viel hin, wie in der Markierzeit, nur das kecke Bein bleibt jetzt unten. Es geht um schiere Bedürfnisbefriedigung, nicht um Anmache.

 

Sonntag, 3. Februar 2019, 46. Tag n. E.

Wir messen morgens 1 °C und räumen tonnenschweren Wasserschnee weg. Eine halbe Schaufel voll von diesem Zeug, hängt einem die Schulter aus. Und es macht den Tag über so weiter mit dem, von dem man nicht weiß, ob es Wasserschnee oder Schneewasser sein soll. Knöcheltief steht man in einer Pampe, die mit dem vergleichbar ist, was man früher als Wasserglas kannte und mit dem man zu Zeiten ohne Kühlschrank rohe Eier im Eimer konservieren konnte. Wenn das, was da heute runterkommt, richtiger Schnee wäre, hätten wir jetzt nicht 10 cm Wasserpapp, sondern 40 cm Winterparadies. Und was fängt man unter diesen Umständen mit diesem Spruch an: St. Blas und Urban ohne Regen, folgt ein guter Erntesegen. Ist das nun Regen oder Schnee? Der Bauer wird abwarten müssen, als was die himmlischen Wettermacher ihr Produkt einstufen.

Wir legen mal wieder Hand an Fianna und dokumentieren einen weiteren Zuwachs, allerdings einen geringeren als bei ihren beiden ersten Würfen. Wir schließen daraus, dass sie uns diesmal nicht wieder elf ins Nest legen wird, erinnern uns aber auch, dass wir bei ihrer Mama gerade in der 7. Woche ebenfalls notiert haben, dass es scheint, also ob sie ab- statt zunähme. Lassen wir uns überraschen.

Messtag

Gewicht / kg

vorn

Mitte

hinten

29.12.2018

30

75

71

62

08.01.2019

29

73

73

62

15.01.2019

29,3

75

74

66

21.01.2019

29,9

74

74

68

28.01.2019

31,6

75

76

72

03.02.2019

33

75

80

75

 

Montag, 4. Februar 2019, 47. Tag n. E.

Weil es abends noch frostig wurde, haben wir heute Morgen rund 15 cm prächtigsten Pulverschnee, ein wunderschönes Winterland rundum. Dabei ist das Mangfalltal noch gut dran, um uns herum ist schon wieder Land unter, schulfrei und Verkehrsstillstand. Dieser Winter gibt sich wirklich keine Blöße und nicht nach. Morgens strahlt die Pracht bei -1,5 °C , später macht der Himmel auf und beschert uns einen Tag wie aus dem Bilderbuch.

FiannaFianna bringt sich in FormAb heute wird Fianna zugefüttert, weil sie langsam mehr und leicht verwertbares Eiweiß braucht. Wir geben ihr also mittags zusätzlich einen Becher laktosefreien Hüttenkäse mit einem Eigelb. Und Hedda muss auch nicht darben, sie darf einen Rest des Hüttenkäses aus dem Becher züngeln.

Ob es am Wetter liegt, das zu frischen Taten ermutigt? Hedda hat sich ihre fast schon verheilte Flankenscharte wieder aufgeknabbert. Also nutzen wir die Gelegenheit, um den Rest des Talgs und Schmodders, der sich da drin noch versteckt hat, noch einmal auszudrücken. Und dann bekommt sie wieder ihr Leibchen an, das von aufmerksamen Lesern schon als Jane-Fonda-Gedächtnis-Leiberl betitelt wurde, weil Hedda da drin wirklich aussieht wie Jane Fond in den 80ern in ihrem Aerobic-Outfit. Stimmt, wären wir selber gar nicht draufgekommen. Fehlt eigentlich nur noch das Stirnband.

 

Dienstag, 5. Februar 2019, 48. Tag n. E.

Bei glasklaren -8 °C hebt sich der Tag aus dem Bett, was nicht weiter zu erwähnen wäre, wenn nicht unsere Heizung maustot in ihrem Keller liegen würde. Keinen Mucks macht sie und schmeißt mit Sicherungen um sich. Ein Wintertraum der anderen Art. Wenn man diesem Umstand etwas Positives abgewinnen wollte, dann die Gewissheit, dass er eine unübersehbare Zusicherung eines bevorstehenden Wurfes darstellt. Denn immer wieder war der Kindersegen beim Blues von charmanten Überraschungen begleitet. Einmal war der Kanal verstopft und es drückte uns die Sch... ins Haus. Dann machte die Waschmaschine schlapp, ein Requisit, das während der Welpenzeit maximal verzichtbar ist. Und ein anderes Mal gab die Kaffeemaschine ihren Geist auf, für Kenner der Welpenmaterie fast noch unverzichtbarer als die Waschmaschine. So gibt es mit jedem Welpensegen  immer etwas Neues beim Blues. Jetzt also die Heizung – bei -8 °C. Es folgt die abwechslungsreiche Suche nach schneller Hilfe, schließlich sitzen alle Heizungs- und Sanitärleute mit gezücktem Werkzeug morgens bereit, um uns aus der Patsche zu helfen; ausgerechnet im frostigen Februar, wo Heizungen in Serie schlapp machen. Unser Stamm-Sanitäter hat Bandscheibe und ist derzeit außer Dienst. Aber irgendjemanden findet man schließlich doch, der eine Lücke im Kalender hat. Dieser Jemand kommt gegen 13 Uhr aus Miesbach herüber und kämpft sich fortan durch Kessel und Brenner. Am Ende dieser Wallfahrt steht die Erkenntnis: Feuerautomat mit Sockel verweigert die Dienste. Ersatz muss her. Jedoch: Ersatzteile gibt es nicht mehr, werden auch nicht mehr produziert. Und so stirbt unser topfitter Brenner nach 22 Jahren, weil es keinen Organspender gibt. Fast möchte man sagen: eigentlich noch in der Pubertät. Wenn man es locker nimmt, sogar früher Kindstot. Morgen wird er geliefert, der neue Brenner, der den Chronisten vermutlich überleben wird. Bis dahin wickeln wir uns in Decken, aktivieren den uralten Kachelofen, der schon seit zehn Jahren keine Feuer mehr gesehen hat, weil erst der Kater Lorenzo und dann die Chefin an seinen Feinstaubausdünstungen litten. Jetzt ist Feinstaub egal. Jetzt muss er ran, ohne Rücksicht auf Verluste, denn es sieht derzeit nicht danach aus, dass der hundertjährige Wetterprophet kurzfristig recht behalten wird: St. Agatha die Gottesbraut, macht, dass Schnee und Eis gern taut. Poetischer ausgedrückt klingt das so: Am Fünften, am Agathentag, da rieselt das Wasser den Berg hinab. Uns würde es schon glücklich machen, wenn unser Heizungswasser wieder bis unters Dach hochsteigen würde. Im Gegensatz zum aktuellen Wettergeschehen, haben wir die Hoffnung, dass das morgen wieder der Fall sein wird.

 

Mittwoch, 6. Februar 2019, 49. Tag n. E.

Bei -8 °C hängen eisige Stores in der Luft, teilweise bis auf den Boden, manchmal nur bis zu den Baumspitzen und anderswo knapp über den Anhöhen der Mangfalltaler Moränenzüge. Nachmittags lichtet sich der Eisdunst und gibt einen klarblauen Himmel frei.

Frei bläst auch unsere Heizung wieder nachmittags um 14 Uhr. Wer also jetzt eine Woche mit klammer Brust gezittert hat, ob es bei uns noch mit einem neuen Brenner klappt oder ob wir zu Eiszapfen erstarren werden, kann sich zurücklehnen und entspannt wie dieser vor sich hin brummen. Den obligatorischen Kinderdefekt und die zugehörige Hürde haben wir somit genommen und sind nun für den Kindersegen bereit. Denn langsam biegen wir in die Zielkurve ein; in zwei Wochen dürften nämlich schon alle Fragen beantwortet in der Kiste liegen: Wie viele sind es, wie ist die Geschlechterverteilung und sind Mutter und Kinder wohlauf?  

Damit der Mutter genug Power für die Zwergenproduktion zur Verfügung steht, bekommt sie ab heute morgens hochenergetisches Welpenfutter, statt ihres gewohnten Trockenfutters. Mittags zusätzlich den seit letzen Montag eingeführten Hüttenkäse und abends Fleisch wie immer.

Anna-Maria, Krümels liebstes Monster, öffnet derweil ihre heilige Sanitätsschatulle und leiht uns ihr Stethoskop, damit wir den Knirpsen in Mamas Bauch nachlauschen können, weil das unsere nicht einmal das Blasen eines Wals zur Kenntnis nimmt. Aber noch gibt der Bauch seine Geheimnisse nicht preis.

 

Donnerstag, 7. Februar 2019, 50. Tag n. E.

Heute feiern wir Pfingsten.

Häh? Haben die jetzt einen an der Waffel beim Blues, zumindest mehr als gewohnt? Nein, haben wir nicht, sondern wir feiern die Tage nur so, wie sie fallen. Pfingsten leitet sich vom griechischen Pentecoste ab, was fünfzig Tage bedeutet. Damals waren es die bekannten fünfzig Tage nach Ostern, heute sind es fünfzig Tage nach Eddy. Soll das etwa kein Grund zu feiern sein? Jeder Tag ist es wert, gefeiert zu werden und dieser ganz gewiss, obwohl er keinerlei reale Bedeutung hat und seine Bedeutung eher einer Zahlenrabulistik erwächst. Eine Erleuchtung, wie sie die Jünger vor 2000 Jahren erfahren haben sollen, blieb uns bisher versagt, auch sprechen wir nicht plötzlich in fremden Zungen, jedenfalls nicht in solchen, die uns schon bisher nicht über die Lippen gingen und zu Missionaren fühlen wir uns auch nicht berufen. Die einzige Erleuchtung, die uns widerfährt sind die morgendlichen glasklaren -10 °C, die uns einen gleißenden Tagesbeginn bereiten. Nachmittags ist es dann mit der himmlischen Erleuchtung vorbei, weil bewölkte 5 °C dafür die falschen Bedingungen liefern.  

Erhellend bezüglich Fiannas Befindlichkeit ist ihr Nachmittagsspaziergang mit dem Assi. Fianna verlässt ihr Auto, erleichtert ihre Blase, fordert ihren Frisbee, der wegen des vielen Schnees statt des Balles zum Einsatz kommt, schüttelt ihn einmal tot und legt ihn beiseite. Fortan beschäftigt sie sich mit der Bodenbeschaffenheit der Mangfalltaler Äcker, Wiesen und Felder. Den Schwebedeckel ignoriert sie trotz aller Bitten und Aufforderungen und bringt ihn, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, um nichts in der Welt mehr herbei. Er bleibt wo er ist und muss vom Assi gerettet werden. In der Folge schleicht Fianna dermaßen uninspiriert hinter ihrem Schrittmacher her, dass man diese Gangart als negativen Fortschritt bezeichnen könnte. Meilenweit trödelt und langweilt sie herum, die Nase tief in der Krume verschränkt, alles, nur keinen Frisbee im Sinn. Selbst als der Assi genervt und einsichtig den Rückzug antritt, auch in der Hoffnung, dass dann Leben in den Hund käme, wie ja auch Pferde die Schrittzahl erhöhen, wenn es Richtung Stall geht, bleibt sie ihrer Verweigerungsstrategie treu und zeigt mit jeder Faser ihres Leibes, dass sie diesen Spaziergang jetzt nicht nur unnötig, sondern rundweg zum Speien findet. Zuhause angekommen ist Fianna wieder ganz die alte, leidet an nichts und tut, als wäre nichts gewesen. War es wahrscheinlich auch nicht, war nur eine altersbedingte Parallelwahrnehmung des Assi. Zumindest scheint auch die Chefin in diese Richtung zu denken, weil sie so etwas, wie sie überzeugend darzulegen weiß, noch nie mit Fianna erlebt habe. Darüber besteht dann wieder Einvernehmen.   

 

Freitag, 8. Februar 2019, 51. Tag n. E.

Dieser Freitag steigt bei wolkenlosem Himmel und knappen Minusgraden aus dem Bett und entfaltet einen prächtig wolkenlosen, wenn auch etwas diesigen Tag mit bis zu 6 °C.

Die Vorbereitungen für die Knirpse nehmen weiter Form an. Heute verarbeiten wir acht Kilo Hähnchenschenkel und kochen sie ein, wobei diese Charge zum Großteil als leichter Eiweißlieferant in Fiannas Magen verschwinden wird, weil wir den Frischkäse mit Ei mittags nun noch mit Hühnchen aufpimpen. Dass Fianna das gut vertragen kann, belegt ihr strammer Bauch, der keinen Zweifel daran lässt, dass sie mehr als die vier beim Ultraschall gesehenen Früchtchen trägt.

 

Samstag, 9. Februar 2019, 52. Tag n. E.

 

0 °C  messen wir morgens und nehmen einen bewölkten Himmel zu den Akten, der sich dann deutlich auflockert und der Sonne so viel Entfaltungsfreiheit gibt, dass wir bis zu 8 °C messen. Allerdings pusten die verbleibenden Wolken schon mit reichlich Wind um sich.

Noch ist die wurfbedingte Defektkette nicht abgebrochen, obwohl wir dachten, mit dem Heizungsbrenner hätten wir schon ausreichend Tribut gezollt. Nein, jetzt macht sich unsere Badezimmerwaage über uns lustig und liefert Ergebnisse, die mit Verarsche nur unzureichend beschrieben sind. Es sind zwei Dinge, ob man sich über eine Gewichtsabnahme von drei Kilo an einem Tag freut oder ob man sie glaubt. Wir glauben ihr nichts mehr, wechseln die Batterien und glauben ihr die neuen Wiegeergebnisse noch weniger. Das hat zur Folge, dass wir Fiannas wöchentliche Gewichtskontrolle neu regeln müssen, was auch seine Vorteile hat, weil die Dame nun wirklich schwer in den Armen liegt, wenn man sich mit ihr auf die Waage wuchtet. Für diesen kleinen Dienst muss jetzt unsere Zweittierärztin Tanja, gleich um die Ecke, ihre Hundewaage zur Verfügung stellen, und weil wir schon absehen können, dass wir am Montag etwas knapp an Zeit sein werden, erledigen wir das gleich heute. Später lassen wir dann noch die dazugehörigen Maßnahmen folgen und kommen bei den folgenden Ergebnissen nicht schlecht ins Staunen:

Messtag

Gewicht / kg

vorn

Mitte

hinten

29.12.2018

30

75

71

62

08.01.2019

29

73

73

62

15.01.2019

29,3

75

74

66

21.01.2019

29,9

74

74

68

28.01.2019

31,6

75

76

72

03.02.2019

33

75

80

75

09.02.2019

34,2

78

86

82

Damit hat sie sich ihren früheren Maßen schon sehr angenähert, und wir sind nicht mehr so sicher, ob wir an einen merklich reduzierten Kindersegen glauben sollen.

Im Anschluss decken wir uns bei METRO mit allem ein, was wir in den nächsten Wochen in größeren Mengen brauchen werden und haltbar ist, vor allem Reis (für die Hunde) und Pasta (für uns). Dazu kommt eine große Partie Kalbsherzen, die den Kassierer am Kassenband zu der Bemerkung veranlasst: "Bei soviel Herzen, steht dem Valentinstag ja nichts mehr im Weg." Da werden einige Damen aber staunen, wenn der Assi ihnen ein Kilo Kalbsherz ohne Kranzfett überreicht.    

Das Welpenlager wird aufgelöstDas Lager wird aufgelöstDann steigen wir uns aufs Dach, auf das Dach unseres Vorbaus nämlich, in dem alle Welpenutensilien überwintern und übersommern, bis sie wieder gebraucht werden. Dass sie nun schon fast zwei Jahre dort völlig ungestört ruhen, erkennt man unschwer an dem riesigen Wespennest, das einer Plastik von Rodin alle Ehre macht. Soll hängen bleiben. Die Schnullerkiste wird herausgeholt, Handtücher, Laken, Kuschelspielzeug, Transit, Türbarrikaden, Futterringe und Schüsseln ebenfalls und alles, was in nächster Zeit gebraucht wird. Nur den Welpenspielpark lassen wir noch im Dach, weil wir uns sonst im Haus nicht mehr bewegen könnten.  

In einer Nachbarschaft, in der Aufreger so häufig vorkommen wie Geistesblitze bei Zwitscher-Donald und es schon Wellen schlägt, wenn ein Bauer seinen überlaufenden Gülletank im Schutze der Nacht mitten im Winter entsorgt, ist Fianna allemal ein Ereignis, dem man sich gerne zuwendet. So ist das auch bei Anna-Maria zuhause, die heute Familienbesuch hat und Fiannas Zustand neu- und wissbegierig rauf und runter erörtert. Die Chance lässt sich die Chefin nicht entgehen, packt Fianna und Anna-Marias Stethoskop und macht bei ihr einen Hausbesuch. Und dann hocken und kauern alle um Fianna herum, die sich widerstandslos in jede Richtung bugsieren und drehen lässt, damit den Hobby-Internisten auch kein noch so schwaches Herztönchen entgehen kann. In dem Maße, wie die Diagnostiker in sie hinein lauschen und es dabei nicht versäumen, ihr eine Fellmassage angedeihen zu lassen, gibt sie sich willig hin und ist auf sich und ihre Kinder so stolz, dass sie fast platzt. Die Behandlung könnte, wenn es nach ihr ginge, noch die ganze Nacht andauern, zumal sie von feinsten Gaumenschmeichlern flankiert wird.

Aber die werdende Mutter kann auch anders, wenn es denn sein muss. Jack, den inzwischen entmannten französischen Bulli, nimmt sie heute in den Schwitzkasten, weil er sich ihr zu pöbelhaft und aufdringlich nähert, und lässt ihn wissen, dass das keine Art sei, sich einer Dame und werdenden Mutter gegenüber zu benehmen. Der Franzose wäre kein Franzose, wenn er das nicht verstünde, und nimmt sich, dem Augenschein nach, einsichtig und galant zurück, weiß aber ganz genau, dass die vorgegebene Galanterie der einzige Ausweg aus einer drohenden Abreibung ist. C'est la vie.

 

Sonntag, 10. Februar 2019, 53. Tag n. E.

Die Spannung steigt. Die Spannung fällt. Ja, die Spannung steigt, weil wir uns nun greifbar dem Tag X nähern, denn spätestens in zehn Tagen soll es soweit sein. Aber die Spannung fällt auch, weil wir mit dem 53. Tag nun in ruhigeres Fahrwasser kommen, was das Risiko einer Frühgeburt anbelangt. Bis jetzt hätte bei einer Frühgeburt kein Welpe Überlebenschancen gehabt. Hündinnen fangen in ihrem Brutgeschehen ganz langsam an und geben an den allerletzten Tagen richtig Gas, weil sie in ihrer natürlichen Umgebung so lange wie möglich jagdfähig sein müssen. Jetzt erst sind bei den meisten Knirpsen die lebenswichtigen Organe (Leber, Niere, Lunge, etc.) so weit ausgebildet, das sie überleben können (nur das Herz ist schon lange in Betrieb). Und die Nachzügler werden in den nächsten Tagen fertiggestellt. Sollte Fianna also kurzfristig auf die Idee kommen, die Auslieferung anzuwerfen, dürften die Mehrzahl der Welpen bereits lebensfähig sein, bis zum jetzigen Zeitpunkt waren sie es definitiv nicht.

Die Chancen, dass uns Fianna in etwa zehn Tagen mit der gesamten Mannschaft beglücken wird, sind allerdings groß, denn sie macht nicht den geringsten Eindruck, eine Sturzgeburt zu planen. Sie ist, wie wir gestern gemessen haben, zwar sehr proper, aber nicht zum Platzen reif, nimmt ihre Mahlzeiten mit großem Appetit, ist außerdem, wenn man von den schon kommentierten Ausnahmen absieht, bei den Spaziergängen mit Freude bei der Sache, hat keine erhöhte Temperatur und auch sonst keine Auffälligkeiten, die auf eine Frühgeburt hinweisen könnten. Deswegen ist es durchaus gestattet, sich zu entspannen. Und das tut man am besten, indem man sich der Vorfreude hingibt und, ganz nach schwäbischer Sitte, ein Häusle baut.

Aufbau der WelpenkisteEene, meene, miste, wie ging das mit der Kiste?Und so wird die Küche, wie es seit acht Würfen Tradition ist, um- und die Schnullerbox aufgebaut. Tradition ist dabei auch, dass wir jedesmal wieder die falschen Teile mit den falschen Schrauben zusammenfügen und alles wieder zerlegen müssen, weil die zunehmende Demenz einen Zeitraum von zwei Jahren nicht mehr überbrückt. Weil aber die Kiste eine Art Greisen-Memory mit nur acht Teilen ist, schaffen wir den Aufbau auch diesmal bereits im zweiten Anlauf (sollten wir das nächste Mal drei brauchen, stellen wir die Zucht ein). Anders als bei den bisher acht Würfen ist, dass Fianna heute die Erste ist, die es offenbar kaum erwarten kann, die Box zu inspizieren, was unsere obigen Bemerkungen bezüglich einer Frühgeburt ins Wanken bringen. Kaum dass sie zur Inspektion des aufgebauten Möbels herbeigerufen wird, trollt sie Fianna testet die SchnullerboxProbeliegensich hinein, rollt sich in ihm zusammen und steckt den Kopf ins Gefieder. Sie hält nur ein kurzes Nickerchen, das aber dennoch ihre Besitzansprüche ausreichend manifestiert. Nachdem sie die Kiste wieder verlassen hat, übernimmt Hedda, die sich um Besitzansprüche nie ernsthaft schert, das Lager und richtet sich wohlig ein. Ob sie ferne Erinnerungen hinein locken? Ob dem mindestens zweimal gereinigten und desinfizierten Gestell doch noch diffuse Gerüche anhaften? Oder haben die beiden vor, die Schnullerbox bis zu ihrem Einsatz in zehn Tagen warmzuhalten? Wir lassen uns überraschen.

 

Montag, 11. Februar 2019, 54. Tag n. E.

Wieder macht der Februar unmissverständlich klar, dass mit ihm noch zu rechnen ist: Mit einem kräftigen Sturm seit gestern Abend treibt er ekligen und fetten Schneeregen quer durchs Mangfalltal. Aber wir hoffen, dass er sein Pulver dann verschossen hat, wenn der Nachwuchs Freigang und Frischluft braucht, also in etwa fünf Wochen. So lange, da sind wir uns sicher, hält der nicht durch. Und so sind wir gleich noch ein bisschen entspannter als gestern und prosten uns mit einem feinen Tröpfchen auf die Zukunft und einen weiteren Tag ohne Frühgeburt zu.

Fianna in der 8. SchwangerschaftswocheIch bin rund – na und?Fianna ist auch heute wieder in bester Verfassung, absolviert den Nachmittagsspaziergang mit ihrem Assi ohne An- und Umstände, hält sich jedoch, was nicht verwundert, mehr an die Leckerli- als an die Bälletasche. Wenn sie sich von der einmal trennt, trabt sie, für ihren Zustand, noch immer federnd und elegant vor ihm her. Eine Frühgeburt steht bei diesem Anblick wirklich nicht auf dem Programm. Prost darauf.

Abgesehen von diesem Spaziergang, ist die Rollenverteilung traditionell: Der Assi wäscht die bereits vor der Einlagerung gewaschenen Laken noch einmal und stapelt sie neben der Kiste – in der Fianna knarzend und stöhnend seinem Treiben zusieht, falls ihr nicht schon wieder die Augen zufallen. Was ihr in diesem tiefenentspannten Zustand allerdings nicht mehr ausreichend gelingt, ist jene Ganzkörper-Aspiration, die den ganzen Hund von oben bis unten, akustisch untermalt, durchströmt, wenn sie sich völlig gelöst und aller Sorgen frei zusammenrollen und in Schlafposition drapieren. Dafür verbleibt ihr nicht mehr genug Luftraum in ihrer Brust; statt eines befreiten Durchpustens muss sie sich jetzt mit einer kurzhubigen Flachatmung begnügen. Die Knirpse nehmen ihr buchstäblich die Luft zum Atmen.

 

Dienstag, 12. Februar 2019, 55. Tag n. E.

Noch ein bisschen Schnee hält der Februar heute Morgen für uns bereit, nur sehr spärlich zwar, aber es reicht für einen halben Zentmeter Belag. In Schrecken kann er uns damit nicht mehr versetzen, aber die Nase haben wir für diese Jahr von ihm schon gestrichen voll. So weit hat er es immerhin gebracht. Aber, wenn die Wetterfrösche recht behalten, dann wird ihm schon in spätestens zwei Tagen die Luft ab- und die Warmluft angedreht. Für die diesjährige Ernte dürfte das allerdings zu spät kommen, denn: Eulalia im Sonnenschein, bringt viel Apfel und Apfelwein. Das wird nach der aktuellen Lage nichts werden.

Fianna und HeddaSpielchen gefällig, Mama?Fianna verhält sich nun immer schützender gegenüber ihren Welpen. Wenn sie mit der Chefin und Hedda morgens unterwegs ist, und Hedda sich voller Übermut wie ein Brückenkopf quer über den Weg aufbaut, um sie abzufangen und ihr ein Spielchen aufzudrängen, sucht sie hinter ihrer Chefin Deckung. No risk und demnach auch no fun. Aber sicher ist sicher.

Was nun auch immer deutlicher wird, ist der für die Futterberge, die Fianna vertilgt, sehr überschaubare Kotabsatz; offenbar bleibt für sie selbst nur noch das Nötigste, den Großteil holen sich die Isegrimms in ihrem Bauch.  

Den Nachmittagsausgang mit dem Assi gestaltet sie in der für sie angemessenen Kürze. Nicht, dass sie die unsägliche Verweigerungsstrategie vom vergangenen Donnerstag wieder aus der Mottenkiste holte, doch sie zeigt nun an, dass ihr die kürzere Variante angenehmer wäre, rundum frohgemut und mit ihrem Ball zwischen den Zähnen. Und sie geht heute voran, allerdings auf dem denkbar kürzesten Geviert. Das ist in Ordnung, irgendwann wird jeder Bauch zur Last. Wer wüsste das nicht? Der Assi gibt ihr nun auch eine dankbar angenommene Hilfestellung, um mit dem dicken Bauch ins Auto zu kommen und hilft ihr zuhause auch wieder raus, damit ihr nicht beim Sprung aus dem Heck die Plagen aus der Kehle hängen. Das wird vorerst so bleiben: die Tragende wird getragen.

Was diesen Spaziergang allerdings ins Spektrum des Irrealen verschiebt, sind die immer munterer und dichter aus den dicken Wolken tanzenden Schneeflocken – bei 5 °C! Nicht minus, plus! Soll das bedeuten, dass sich die Schneeflocken als Erste komplett an den Klimawandel angepasst haben? Und heißt das, dass Physik und Chemie ihr Majorat über die Welt verloren haben? Und bedeutet das gar, dass all die Skeptiker recht behalten sollten, weil alles gut wird und sich anpasst? Die Antwort weiß ganz allein der Wind, der uns die Flocken um die Ohren bläst. Für die Skifahrer wäre diese Entwicklung allerdings die Nachricht des Jahrhunderts: ganzjährig  Brettlgaudi in Badehose und Bikini, sogar bei uns, am Depperlhang der Wallneralm auf knapp 700 Meter. Wenn das keine Aussichten sind.

Mit dem heutigen Tag schließen wir für alle Welpeninteressenten unsere Türen, bis die Knirpse aus dem Gröbsten heraus sind. Und ab jetzt wird Fiannas Brutfortschritt, dem Geschehen angepasst, in kürzeren Abständen oder sogar tagesaktuell veröffentlicht.

 

Mittwoch, 13. Februar 2019, 56. Tag n. E.

Hedda und NandoHedda und Nando6 Uhr morgens: -3 °C und schwach bewölkt. Es folgt ein frühlenzlicher Prachttag mit viel Sonnenschein und bis zu 6 °C. Nachmittags macht uns Sohn und Bruder Nando (Hallodri) seine Aufwartung. Das beschert Hedda einen turbulenten Spaziergang mit ihrem Bruder und Fianna eine beschauliche Promenade mit ihrem Assi, abseits der pubertären Rüpeleien ihrer Kinder, die bei ihren stürmischen Spielen sicher keine Rücksichten auf ihre schwerfällige Mutter nehmen würden. So schwingt sie ihren Bommelbauch zufrieden und mit sich im Reinen, fast 45 Minuten vor, neben und hinter ihrem Schrittmacher her, reicht ihm gelegentlich ihren Ball, damit er sie ein Stück des Weges ziehen möge, und scheint rundum zufrieden in ihrer Befindlichkeit aufzugehen. So ein Tag, so wunderschön wie heute...

 

Donnerstag, 14. Februar 2019, 57. Tag n. E.

Kalter Valentin - früher Lenzbeginn. Da lassen die -3 °C diesen Morgen jede Menge Hoffnung reifen. Blöd ist nur, dass es keinen Interpretationshinweis gibt, ob sich die Kälte nur auf den Morgen beziehen darf oder doch den ganzen Tag über anhalten müsste, denn der türkisfarbene Sonnenaufgang lässt wieder auf einen Prachttag hoffen, der sicher nichts mit der angesprochenen Kälte zu tun hat. Ganz anders sieht es beim folgenden Spruch aus, der die Kachelmänner aller Länder vermutlich in einen Erstickungsanfall treiben dürfte: Hat`s zu St. Valentin gefroren, ist das Wetter lang verloren. Was, bitteschön, bleibt uns, wenn uns das Wetter verloren gegangen ist? Kein Wetter? Alle Wetter!

Schwamm drüber, es ist Valentinstag, und damit der Tag, der gleich nach dem Muttertag und Allerheiligen das halbe Jahreseinkommen der Floristen garantiert, weil alle (Ehe)Männer dieser Welt heute ihren (Ehe)Frauen Blumen überreichen müssen – womit das Jahressoll für die meisten Männer erreicht wäre und die bedachten Frauen mit der Entgegennahme eines dürren Sträußchens aus der Discounterfiliale für zwölf Monate jegliches Recht auf Klageführung verwirken. Andererseits empfiehlt es sich für Naschkatzen, heute eifrig zum Einkaufen zu gehen, weil die Chancen auf ein Schokoherz an der Kasse ziemlich realistisch sind. Der Chronist klappert am Valentinstag traditionell alle Supermärkte der Umgebung ab. Allerdings: Bei REWE und LIDL ist er morgens schon mal leer ausgegangen. Mal sehen, ob heute etwas abfällt. Ansonsten überlegen wir, wer es sich verdient hat, von uns mit unseren Herzen ohne Kranzfett bedacht zu werden?

Wir selbst wurden von unseren Mädels heute Morgen schon reichlich beschenkt: Drei Darmgebinde mit Duftblume! Eines im Eingangsbereich, zwei auf dem Treppenabsatz im Dachgeschoß. Drei! Und dann auch noch so kreativ verteilt, dabei kein Durchfall, bestenfalls von etwas weicherer Konsistenz. Natürlich ist es uns nicht entgangen, dass  Fianna heute die erste etwas unruhige Nacht verbrachte, dabei viel geächzt, gehechelt und flach geatmet hat. Auch haben wir registriert, dass sie auf Wanderschaft war. Aber gleich dreimal und dann einmal ganz unten und zweimal ganz oben? Fühlte sich etwa Hedda zur solidarischen Mitwirkung an der Valentinsgabe verpflichtet? Die Tagesverrichtungen verliefen bei beiden wie gewohnt. Die Futtergaben entsprachen denen der letzten Tage. Der Nachtspaziergang gegen 23 Uhr war entspannt und unauffällig. Warum und woher also diese Bescherung? Peinliche Befragungen blieben ohne Aufschluss. Wir werden also ab sofort die Damen mit uns im Schlafzimmer einschließen, damit wir mitbekommen, wenn es sie, wen auch immer, umtreibt. Denn ins Schlafzimmer legen sie uns sicher keine verfrühten Ostereier.

Für uns bedeutet das, dass wir uns nun tatsächlich und unübersehbar auf der Zielgeraden befinden. Die Vorzeichen werden sich nun häufen. Um nichts zu übersehen, nehmen wir heute Morgen erstmals bei Fianna die Temperatur, ganz klassisch rektal, wofür sie zur Belohnung ein Stück Brot mit Leberwurst bekommt. Das kennt sie schon und lässt es als Ablass gerne gelten. Auch unser Metzger kann diesem Vorgehen nur Gutes abgewinnen, beschert es ihm doch bis zu Fiannas  vollständiger Wiederherstellung nach der Geburt einen nicht eingeplanten Leberwurstumsatz beträchtlichen Ausmaßes, weil selbstredend Hedda nicht zum Zusehen und Sabbern verurteilt wird, sondern an der Maßnahme gleichberechtigt beteiligt wird.

FiannaKräfte sammelnWir geben somit am 14. Februar, 6:45 Uhr zu Protokoll: 37,6 °C; alles normal. Für alle, die mit den Vorgängen rund um eine Geburt nicht so bewandert sind, sei erklärt, dass sich die Körpertemperatur der Hündin vor der Geburt kurzfristig und schnell um ein bis zwei Grad absenkt, dann wieder steigt, was die kurz darauf beginnende Geburt ankündet. Wer sich also nicht auf andere, deutlich unzuverlässigere Begleitumstände  (Übelkeit, extreme Unruhe, Futterverweigerung, etc.) verlassen möchte, sollte auf das Thermometer setzen. Wir praktizierten das mit bestem Erfolg bei all unseren Würfen (Nur Anouk foppte uns beim C-Wurf einmal richtig und leitet die Geburt um mindestens einen halben Tag zu früh ein, um die letzte Chance, einen Welpen in unsere Bett auf die Welt zu bringen, in die Tat umzusetzen, was ihr auch gelang. Aber so durchtrieben sind nicht alle Schwangeren in ihren pränatalen Zuständen).

 Wir nehmen heute nochmal Maß und nutzen wieder die Waage der benachbarten Tierärztin, weil unsere defekte Waage zwar ersetzt, Fianna aber inzwischen zu gewichtig ist. Vielleicht müssen wir sie in den nächsten Tagen doch noch einmal auf die heimische Waage wuchten, weil wir ihr jetzt schön langsam die Autofahrten ersparen wollen; sicher ist sicher. Aber abwarten. So sieht das Ergebnis aus:

Messtag

Gewicht / kg

vorn

Mitte

hinten

29.12.2018

30

75

71

62

08.01.2019

29

73

73

62

15.01.2019

29,3

75

74

66

21.01.2019

29,9

74

74

68

28.01.2019

31,6

75

76

72

03.02.2019

33

75

80

75

09.02.2019

34,2

78

86

82

14.02.2019

36,3

77

89

82

Am späten Abend kommt noch einmal das Leberwurst-Thermometer zum Einsatz und liefert das gleiche Ergebnis wie morgens: 37,6 °C.

 

Freitag, 15. Februar 2019, 58. Tag n. E.

Die Temperaturmessungen bei Fianna bleiben heute stabil auf dem Niveau von gestern:

6:30 Uhr: 37,3 °C und 19:00 Uhr: 37,5 °C. So gesehen, steht uns derzeit noch keine Überraschung ins Haus.

Allerdings beobachten wir, dass Fiannas Wirbelsäule langsam hervortritt und die Flanken schon etwas eingefallen sind. Das bedeutet, dass nun das Relaxin (genauer: Relaxin-1 und -2) gebildet wird und beginnt, seine Wirkung zu entfalten, mit der die Bänder der Gebärmutter und des Gebärmutterhalses entspannt werden (und mit ihm auch der gesamte Bänder- und Sehnenapparat), damit die Zwerge einigermaßen geschmeidig durch die Geburtswege gleiten können. Dabei senkt sich der Bauch und lässt die Wirbelsäule hervortreten. Wir unterstützen diesen Vorgang, indem wir Fianna zweimal täglich zehn Tropfen (oder fünf Kügelchen) Pulsatilla geben, was sich zur Geburts- und Wehenvorbereitung bisher bestens bewährt hat. Pulsatilla ist ein homöopathisches Mittel, das aus der Küchenschelle (auch Kuhschelle) gewonnen wird.

Für die Mittagsmahlzeit steigen wir bei Fianna nun auf die nahrhafte Welpenmilch um, die wir später auch den Zwergen füttern werden, weil ihr Magen und der gesamte Verdauungsapparat nun schon ziemlich unter Druck steht und sie sich so mit der Verarbeitung und Verdauung leichter tut. Die Welpenmilch bereiten wir nach einem bewährten Rezept der LMU München selber zu und haben damit beste Erfahrungen gemacht: 125 g Magerquark, 150 ml Ziegen-H-Milch, 3 Eigelb, 3 EL Distelöl. Damit zieht die LMU alle Welpen auf, und wir haben unsere letzten Würfe auch sehr erfolgreich damit großgezogen. Warum teure Industriemilch, wenn das Gute gleich um die Ecke zu haben ist? Und: Fianna steht auf diesen Power-Shake.

 

Samstag, 16. Februar 2019, 59. Tag n. E.

Wir erleben einen weiteren Vorfrühlingstag mit -5 °C morgens und im Tagesverlauf bis zu 10 °C ohne eine Wolke.

An Fiannas allgemeiner Befindlichkeit ändert sich heute wenig: Sie bekommt noch mehr Schnappatmung und hat zum Ausgleich auch immer weniger Lust, sich zu bewegen. Die Spaziergänge gestaltet sie kurz und schleppend, muss ihren Hintern allerdings bewegen, weil es dem Kreislauf nicht zuträglich ist, wenn sie sich nur von der linken auf die rechte Bauchseite verlagert. Apropos Bauch: Die Zwerge machen sich jetzt schon sehr bemerkbar; egal, wohin man die Hand legt, überall knufft und strampelt es, und Fianna genießt es, wenn wir ihre Zwerge tätscheln und begutachten. Die einzige Veränderung ihres Zustands ist etwas Ausfluss, den wir heute erstmals zur Kenntnis nehmen.

Heute bekommt sie auch schon mal eine Ampulle Frubiase Calcium. Bis vor kurzem waren sich die Experten einig, dass man vor der Geburt unter keinen Umständen Kalzium zuführen sollte, weil dadurch die körpereigene Kalziumproduktion eingestellt oder zumindest deutlich reduziert würde. Heute ist die gängige Lehrmeinung, dass man Kalzium auch vor der Geburt dosiert zufüttern sollte, vor allem, weil ein zu geringer Kalziumstand für Wehenschwäche verantwortlich sein kann. Da die werdende Mutter einiges Kalzium für die Entwicklung ihrer Kinder abzweigen muss, kann durchaus ein zu niedriger Kalziumspiegel eintreten. Eine Ampulle morgens sollte den Anforderungen genügen und auch nicht kontraproduktiv sein.     

Bezüglich der Körpertemperatur tut sich auch noch nichts: 6:30 Uhr 37,3 °C und 22:00 Uhr 37,7 °C.

 

Sonntag, 17. Februar 2019, 60. Tag n. E.

Nachts wird Fianna einmal sehr unruhig, atmet schwer, wie es die Mühseligen und Beladenen tun oder solche, die dafür gehalten werden wollen. Eine längere Streicheleinheit durch den Assi bringt ihre Not wieder ins Lot. Aber morgens riecht sie nach Welpen. Es ist, als ob man aus dem Fenster schaut und feststellt: Es riecht nach Schnee. Man riecht es, es liegt in der Luft, obwohl weit und breit nichts als Sonne zu sehen ist.

Und heute Morgen um 7 Uhr ist im Mangfalltal ebenfalls nichts als Sonne zu erkennen (-5 °C), aber es liegt etwas in der Luft. Jedenfalls beim Blues. Noch nicht heute, aber bald.

Die morgendliche Temperaturmessung mit Leberwurstbrot ergibt 37,1 °C. Da lohnt es sich schon, in den nächsten Stunden etwas genauer hinzusehen, um die Entwicklung zu verfolgen.

Und dann entschließt sich die Chefin, die werdende Mutter und ihre Tochter gemeinsam auszuführen, begleitet von deren gemeinsamer Freundin Krümel. Und was passiert, wenn Frauen sich zusammenrotten? Es zieht sich. Es will kein Ende nehmen. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Und so zieht sich dieser Morgenspaziergang, keinesfalls gegen den Willen der werdenden Mutter, sondern sogar von ihr befeuert. Das beginnt damit, dass sie sich weigert, ihr Morgenhäufchen zu platzieren, was aber alternativlos ist. Und so zieht sich die Promenade, an der alle Beteiligten offenbar immer mehr Gefallen finden. Langsam bewegt sich der vom Assi gerne so bezeichnete "Krümel-Konvoi" durch die frische Morgensonne, wobei die beiden Zweibeinerinnen und die dicke Vierbeinerin das Tempo verschleppen, was den beiden fidelen jüngeren Damen ausreichend Gelegenheit bietet sich auszutoben. Erst spät bemüht die Schwangere ihren Darmausgang, so spät, dass es eh schon egal ist, wie lange sich die Promenade Nach dem MorgenspaziergangNach dem langen Morgenspaziergangnoch hinzieht. Fianna ist ein Ausbund an Fröhlichkeit und Tatendrang, fordert unentwegt ihren Ball, bettelt um Zuneigung und Leckereien und beschwert sich keine Sekunde über diese Morgenprozession. Zwei Stunden währt diese. Zwei lange Stunden, während derer der Assi schon mal das Auto für einen Noteinsatz bereitmacht. Doch kein Hilferuf ereilt ihn. Nach zwei Stunden kommen alle unbeschadet und mit einem gesegneten Appetit zurück. Wir unterstellen Fianna, dass ihr manche Vorzeichen in ihrem Bauch zu verstehen gaben, dass sie diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte, weil sie möglicherweise bis auf weiteres die letzte sein könnte. Abwarten und beobachten.  

Mittags sinkt FiannasTemperatur weiter: 12:30 Uhr 36,9 °C, ihr Mittagsmenü nimmt Fianna aber weiterhin anstandslos.

Nachmittags geht die Chefin mit Fianna "einmal kurz um die Wiese". Die Wiese muss sich im Laufe des Vormittags zu einer mächtigen Prärie ausgewachsen haben, denn die beiden sind erst nach weit über einer Stunde wieder zurück. Der Ausgang beinhaltet, wie zu erfahren ist, eine Kaffeepause bei Krümel, aber 45 Minuten Wanderung kommen doch zusammen. Die anschließende Temperaturmessung ergibt: 16 Uhr 37,1 °C; die 0,2 Grad mehr seit heute Mittag, sind vermutlich dem Spaziergang in den Frühlingstemperaturen anzurechnen. Fianna steht noch immer bestens drauf, wenn auch etwas schwerfällig, ist weiterhin sehr gelassen und verspeist ihr Abendmenü mit großem Appetit. Allerdings hat sie erheblich mehr Durst als wir von ihr gewohnt sind.

Temperatur 22 Uhr: 37,4 °C. Wir vermuten, dass Irmentraut um Aufschub gebeten hat, um sich noch ein bisschen schön zu machen.

 

Montag, 18. Februar 2019, 61. Tag n. E.

Fiannas Innentemperatur beträgt um 6 Uhr 36,9 °C. Die Mangfalltaler Außentemperatur dagegen -6 °C bei klarem Himmel.

Fianna hat heute eine ruhige Nacht verbracht und genießt nach der Morgenmessung weiterhin ihr Leberwurstbrot. Aber beim anschließenden Spaziergang nimmt sie nur die Leckerchen von Frauchen, die einer Nachbarin ignoriert sie konsequent. Ihr Platinum-Frühstück lehnt sie ebenfalls ab, auch die alternativ angebotene Milchspeise. Was geht, ist Leberwurst und Hähnchen. Danach zieht sie sich in ihr Kuddebett zurück und lauscht in ihr Inneres, wo der Innerhofer und die Inntalerin offenbar eine kleine Nachbarschaftsfehde ausstrampeln.

Um 10 Uhr gibt das Thermometer beständige 36,9 °C zu Protokoll. Um 15 Uhr gibt es auf 36,6 °C nach.

Da heute Morgen alle Futterangebote, außer Hähnchen, von Fianna abgelehnt wurden, soll es nachmittags auch Hähnchen geben, aber es findet keine Gegenliebe. Eine Lockleberwurst, auf dem Finger gereicht, lockt nicht und bleibt ungeleckt, wie auch der Versuch scheitert, das Hähnchen mit etwas Leberwurst zu pimpen; da wendet sich Fianna mit Grausen. Nur das Leberwurstbrot nach der Rektalmessung findet Gefallen, und dann sogar noch ein weiteres. Das versteht vermutlich nur eine sich im Endstadium herumquälende Schwangere. Hedda gehört nicht dazu und hat keinerlei Einwände gegen das geleberwurstete Hähnchen und macht blitzschnell Tabula rasa.

Am frühen Abend wird die Schnullerbox wurffertig ausgelegt, also mit Laken und Vetbeds, wo bisher nur ein Vetbed war. Fiannas Gnade findet diese Aufrüstung allerdings nicht: Sie bittet den Assi um Zugang zu seinem Bett, den er ihr nicht abschlagen kann. Noch ist sie nicht wurfbereit, sonst hätte er ihr, aus frühem Schaden mit Anouk klug geworden, diesen Gefallen nicht getan. Nun ist sie total entspannt und zufrieden.

Gegen 19 Uhr, wieder zurück in der vertrauten und jetzt so wichtigen Nähe ihres Frauchens, trinkt Fianna und erbricht kurz darauf Wasser und Schleim. Ihre Temperatur beträgt um 19:30 Uhr 36,8 °C.

Ihre Abendmahlzeit schlägt sie aus.

 

Dienstag, 19. Februar 2019, 62. Tag n. E.

Fiannas Nacht ist unruhig, sie hechelt und ächzt kurzatmig und obergärig. Gegen 0:45 Uhr erbricht sie Schleim in ihre Schlafstätte und geistert herum, worauf die Chefin ihr Bettzeug nimmt und mit der zukünftigen Wöchnerin ins Wohnzimmer umzieht, vielleicht, weil sie dem Assi mit Hedda einen geruhsamen Schlaf gönnt, wahrscheinlich aber, weil sie dort einen sehr kurzen Zugang zum Garten hat, wenn es die Schwangere vorn und hinten drückt.

Morgens steht ein riesiger bleichoranger Vollmond im Westen über dem Mangfalltal und leuchtet Fiannas Innerirdischen den Weg ins Leben. Schwangere haben ja so einen irrealen Bezug zu Geburten an Vollmondtagen, was in unserem Fall natürlich die Gefahr einer Box voller Werwölfe heraufbeschwört. Die Frage in dieser Mondphasen-Mystik ist ja: Woher weiß die Hündin, wann sie in der Standhitze sein muss, um an Vollmond niederzukommen?  

Um 6:30 Uhr liefert Fianna 36,5 °C und akzeptiert ein Lebewurstbrot. Weitere Angebote lehnt sie ab. Aber sie ist ganz heiß auf Frischluft und Bewegung. Die Chefin hat nämlich heute ihre einzige Schulstunde abgesagt, um ihrer Bauchmurmel Beistand zu leisten. Die dankt es ihr mit einem kurzen, aber sehr aktiven und aufgeweckten Morgenspaziergang, bei dem sie herumhüpft, unentwegt ihren Ball fordert und keinerlei Aversion gegen getrocknete Kalbsherzen hat (das sind die ohne Kranzfett, die wir am Valentinstag nicht losgeworden sind und deswegen im Dörrer endeten). Mit dem Augenblick, in dem sie die Haustür durchschreitet, nimmt sie nichts mehr an, auch kein Herz mehr, sondern erbricht alles in einem mächtigen gelben Batz in ihr Kuddebett. Hedda bekommt eine spitze Ratzennase und ist froh, jetzt mit der Chefin raus zu dürfen. Die Bescherung ist traditionell Assi-Sache.

Der Vormittag ist zweigeteilt: Einerseits ist Fianna sehr durchwühlt, und was da in ihr arbeitet, bricht gelbschleimig wieder aus ihr heraus, andererseits ist sie tiefenentspannt und ruht bräsig im Garten. Fiannas Problem ist, dass sie nicht einsehen will (was ihr in den ersten beiden Würfen gelungen war), auf Trinken zu verzichten, weshalb sie sich unentwegt erbricht; ein Schluck rein, drei Schluck wieder raus. Unter diesen Umständen kann sich der Assi schon mal mit den Requisiten der näheren Zukunft vertraut machen: Waschmaschine und Trockner.

Um 12:30 Uhr ist Fiannas Temperatur nochmal ein bisschen gesunken: 36,4 °C.

Und dann, um 13:20 Uhr, während fast der gesamte Blues in unterschiedlichen Tätigkeiten gefangen ist, durchbricht die Stimme der Chefin die angelegentliche Ruhe vor dem Sturm "Der erste Welpe ist da!". Mehr oder minder mitten in der Küche liegt der nasse Wurm, von der Mutter offenbar ebenso beiläufig verloren wie sich das Personal Ignaz, der ErstgeboreneDer Erstgeborene in Mamas Obhutbeiläufig mit scheinbar Wichtigem beschäftigte. Vorwarnungen hielt sie nicht für angebracht oder zielführend, und Wehen brauchte sie offenbar auch nicht, weil der nasse Wurm schon seit Wochen in seiner Hängematte gleich in der Empfangshalle auf seine Chance gewartet hatte. Und dann bedurfte es wohl nur eines kleinen Luftzugs, um ihn spontan und zügig ins Freie zu befördern. Platsch. Ob er sich die große Freiheit so vorgestellt hatte, in einer Lache auf einem Fliesenboden? Und darüber die verdutzten Nasen seiner Mutter und deren Chefin. Die Zukunft wird zeigen, ob er an einem posttraumatischen Belastungssyndrom zu leiden hat. Die Einzige, die diesem als Geburt getarnten Ausbruch nicht auf den Leim geht, ist Hedda, die schon seit Minuten ihre Nase unter Mamas Rock zu stecken suchte, aber abgewiesen wurde. Sie hatte bereits in der Nase, was wir noch nicht einmal im Sinn hatten. Soviel zur Krone der Schöpfung. Die Mutter weiß trotzdem, was zu tun ist, befreit des Abhandengekommene von seiner Lifeline und wutzelt ihn auf dem Boden herum. Daraufhin wird der Wurm, der einerseits in der Welt und andererseits auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist, als erstes auf den Rücken gedreht, um sich einem Teil seiner Identität zu nähern, und die besteht zu einem kleinen Teil aus einem kleinen Teil, das ihn als Männchen klassifiziert. Dann wird er auf die Waage gehoben und mit einem Geburtsgewicht von 460 g zu den Blues-Protokollen genommen. Die Klappe hat er auch schon kräftig offen, mault, knarzt und quietscht herum, fühlt sich offenbar unter seiner Würde empfangen und reicht bei seiner Mutter Klage ein. Die nimmt ihn sich in der Schnullerbox zur Brust, und die Welt ist nur noch halb so schrecklich. In der Folge wird aber sein Menü von pausenlosen Putzeinsätzen unterbrochen. Es ist das Los aller Erstgeborenen, dass sie einer Pflege unterzogen werden, die sich gewaschen hat.

Wie, so war unsere bange Frage in den vergangenen Wochen, wird Hedda auf diese Störung ihrer heilen Welt reagieren? Die erste Antwort ist: Mit Fragezeichen und total ratlos. Sie zieht sich in den Eingangsbereich zurück, meidet den Kreißsaal und tut erst einmal so, als ob das ein schlechter Traum wäre. Ganz im Gegensatz zu ihrer Oma Franzi, die den ersten als Zuschauerin erlebten Wurf so aufdringlich begleiten wollte, dass wir sie aussperren mussten, weil sie offenbar der Ansicht war, dass das ohne ihr Mitwirken nichts werden könne. So gesehen, sind wir mit Hedda sehr zufrieden; sie lässt ihre Mutter in Ruhe Kinder kriegen und weiß vorerst nicht, ob sie das gut oder schlecht finden soll. Auszeit und Bedenkzeit hinter der Haustür.

Langsam trudeln die ebenso überrumpelten Mitglieder des Kreißsaal-Teams ein. Schon immer scharten wir ein kleines Team aus Fachpersonal und Freunden um uns, die uns und die Mutter begleiteten und die Zeit des Wartens und gelegentlichen Bangens mit uns überbrückten. Wir haben uns  immer versichert, dass die jeweilige Mutter damit gut umgehen kann, und natürlich bekamen nur solche Personen eine Einladung in die Gebärloge, die zu den Topfavoriten der jeweiligen Mutter gehör(t)en. Fianna hat einen sehr großen innigen Freundeskreis, und deshalb macht sich heute auch eine größere Zahl Geburtskibitze als bisher üblich auf den Weg. Zum bewährten Boxenpersonal gesellen sich heute zukünftige Zuchtaspiranten, die einen Eindruck gewinnen wollen, was auf sie zukommt, und auch der Nachwuchs darf an die Front, um einmal mit eigenen Augen zu sehen, dass Welpen nicht nur süß, sondern auch blutig sind und der Mutter eine Menge Kraft und Substanz aus dem Leib pressen.

Während sich der Kreißsaal füllt, versucht Fianna die Nummer Zwei loszuwerden. Doch ob die beleidigt ist, weil ihr einer den Vortritt genommen hat oder ob sie nur noch nicht auf ihren Einsatz eingestellt ist: Es zieht sich. Allerdings scheint es Fianna auch nicht besonders eilig zu haben, jedenfalls ist sie mit den gebotenen Presswehen eher knauserig. Zur Unterstützung geben wir ihr ein wenig Frubiase. Es scheint, als ob sie erst einmal abwarten wolle, was sich da rund um ihre Bretterbox noch versammeln wird. Ab 14:15 Uhr packen sie die ersten heftigen Presswehen, die sie ab 14:45 Uhr in kurzer Abfolge durchpflügen. Und um 15:22 Uhr hat sie es geschafft und entlässt die Nummer Zwei, wieder einen Jungen, jetzt aber ein deutlich kraftvolleres Modell von immerhin 520 Gramm Lebendgewicht. Nun wird uns klar, warum sie an diesem Burschen so lange herumwürgte. Vielleicht ist er auch an irgendeiner intrauterinen Klippe hängen geblieben, denn er bringt einen weißen Bruststrich von etwa eineinhalb Zentimetern mit. Darüberhinaus ist er mit eher weniger Abzeichen bestückt. Er hat allerdings andere Sorgen: Er hat Durst und macht sich nach der nachgeburtlichen Pflege durch seine Mutter schnurstracks auf den Weg zur Bar.

Jetzt hat Fianna den Dreh raus und surft auf den Beifallswellen und Lobeshymnen des Kreißsaalpublikums. Den nächsten Erdenbürger liefert sie nämlich schon 22 Minuten später, um 15:44 Uhr, ab, was daran liegen mag, dass es sich wieder um ein geschmeidigeres Exemplar von 470 Gramm handelt. Auch der zeigt alle sekundären Geschlechtsmerkmale eines Rüden, allerdings mit kräftiger Markenzeichung, und wird katalogisiert.

Wir haben ziemlich viele Anfragen nach Hündinnen und dies Fianna auch beizeiten mitgeteilt.

Die FrischluftfanatikerinGleich mal den Garten inspizierenKurz nach 16 Uhr drückt es Fianna heftig und es drängt sie in den Garten. Dort geht sie aber nicht pinkeln und entleert auch nicht ihren Darm, sondern legt uns um 16:09 Uhr ein weibliches Powerpaket von 540 Gramm ins matschige Gras, packt es dort auch aus seiner Fruchthülle, während wir dem klitschigen Wurm ein Handtuch unterschieben, damit es sich nicht gleich in der ersten Lebensminute eine Blasenentzündung holt. Die neue Blueserin wird vom Premierenpublikum mit großem Hallo begrüßt, was ihr, anders als ihrer Mutter, ziemlich schnuppe ist. Sie bekommt ihren Platz in der Schnullerbox und darf sich ab sofort mit ihren drei Brüdern um Mutters Zapfstellen rangeln.

Und was macht Hedda? Sie hat sich unsichtbar gemacht, existiert überhaupt nicht mehr, darf aber mit einer Freundin einen langen Spaziergang machen, bei dem sie ohne Einschränkung die alte Hedda ist. Zurück, spielt sie wieder das Häschen in der Grube und hofft, dass das Spiel bald ein Ende haben möge. Da ist Fianna anderer Meinung, denn sie hat noch einige Pfeile im Köcher, was im übrigen unübersehbar ist.

Schon wenige Minuten später, um 16:24 Uhr beglückt sie uns mit einem weiteren Mädchen, mit 520 Gramm kaum schwächer als ihre Vorgängerin, jetzt allerdings wieder konventionell in der Schnullerbox. Nun sieht das Geschlechterverhältnis doch schon wieder sehr erfreulich aus, und wir setzen auf Fiannas Einsehen und Kooperation.

Sind so kleine HändeSind so kleine HändeSie nimmt sich eine für ihre heutigen Verhältnisse schon bemerkenswerte Auszeit und meldet sich erst um 17:04 wieder zur Stelle, jetzt wieder mit einem Knaben, 490 Gramm proper und etwas außer Atem, weil er ein bisschen länger zu strampeln hatte, bis er den Ausgang gefunden hatte. Wenig später reiht er sich zwischen seinen Geschwistern ein und zeigt großen Appetit.

Nun zählen wir also vier Burschen und zwei Mädchen, was förmlich nach einer Männerquote schreit, aber Fianna hat kein Einsehen. Nach über einer Stunde, um 18:13 Uhr, liefert sie uns wieder einen Kerl, ebenfalls 490 Gramm schwer und etwas außer Puste, zudem komplett in Folie eingepackt wie die Biogurken im Supermarkt. Fianna ist eben etwas männerlastig, das mussten wir schon befürchten.

Bevor wir diese Schwäche lange diskutieren können, entschließt sie sich um 18:32 Uhr gleich nachzulegen, um Fakten zu schaffen: 520 Gramm Männlichkeit, ebenfalls in Folie, die sie routinierter entfernt, als es uns bei den Gurken je gelungen ist.

Der LetzteDer LetzteUnd dann lehnt und legt sie sich zurück, heischt nach Applaus, während wir noch überzeugt sind, dass das noch nicht alles sei. Aber sie hat fertig, ist mit sich und ihrem Werk sichtbar zufrieden, nimmt Applaus und Hände entgegen und bittet um Speisung. Hähnchen soll es sein, eine nahrhafte Portion. Wenn sie jetzt zufrieden rülpsen würde, würde es niemanden wundern. Fianna ist Königin und wir ihr Hofstaat. Und sie hat ihrer Dynastie weitere acht Erbprinzen und Prinzessin hinzugefügt.

Der Hofstaat versammelt sich um den Tisch, verschlingt eine Mordsportion Spaghetti Bolognese und stößt anschließend auf eine äußerst unproblematische und stressfreie Geburt an. Dann verstreuen sich die Jünger und Jüngerinnen und wir bleiben mit einem letzten Tropfen und der Namensliste zurück. Fianna besteht allerdings vorher noch auf einen Pinkelgang auf die Wiese, weil sie nicht einsehen will, dass nur Hedda dort hinüber geführt werden und sie sich im Garten entleeren soll. Nix da, sagt sie, wir gehen jede Nacht zum Pinkeln auf die Wiese, dann wird das auch heute so gemacht. Wegen ein paar Welpen jahrelang gepflegte Routinen durchbrechen; so weit kommt es noch. Na denn, gehen wir eben.

Jetzt können wir endlich die Namensliste abarbeiten und den neuen Erdlingen eine Identität verpassen, was alternativlos ist, weil die Ahnentafeln Namen erfordern und die Nummernvergabe zusammen mit dem Untergang des Römischen Reiches ausgestorben ist (Primus, Secundus, Tertius, usw.). Voilà.

Der beiläufig verlorene Erstgeborene soll als Ignaz durchs Leben gehen, weil dies ein landestypischer Name und ein wenig aus der Mode gekommen ist, dabei ist er doch vom lateinischen Ignatius abgeleitet, was der Feurige bedeutet. Allerdings kommt der Name auch deswegen ins Spiel, weil der Frischling auf dem Fliesenboden ziemlich viel gequiekt und vor allem geknarzt hat, also eigentlich Iknarz heißen müsste. Da greifen wir doch lieber auf das Bewährte zurück. Sollten seine zukünftigen Futterbereiter allerdings auf die schräge Idee verfallen, ihn Nazi zu rufen, werden wir sie mit feurigem Schwert verfolgen und ihnen die bürgerlichen Ehrenrechte des Blues aberkennen.

Der gewichtige Secundus wird als Irax durchs Leben schreiten. In der Star-Wars-Welt sind Irax Tiere, die wegen ihrer enormen Masse und Größe gegen die Landgleiter ankommen können. Wir hätten natürlich auch vorgeben können, dass sich der Name vom lateinischen Ira (Zorn) ableiten würde, was allerdings dem schläfrigen Zitzenlutscher zu viel zukünftige Bedeutung unterstellen würde. Letztlich, wenn wir ehrlich sind, bedeutet der Name nichts; wenn der Kleine im A-Wurf gefallen wäre, hätte er möglicherweise Ajax geheißen.

IberlIberl wird fein gemachtDer Tertius wiegt zwar nur 470 Gramm, darf aber das kulturelle Schwergewicht Bayerns in die Welt hinaus tragen: Iberl darf er sich nennen, nach dem fulminanten Wirtshaus-Theater Iberl-Bühne, das in Solln gegründet wurde und jetzt im Augustiner-Stammhaus in München brilliert. Mehr Ehre und Bürde kann einem kleinen Kerl kaum zuteil werden.

Die Quarta ist die Gärtnerin mit 540 Gramm und heißt Isi. Wer möchte, kann den Namen als Kurzform von Isabella begreifen oder als Eindeutschung des englischen Easy, wie sie vielleicht im E-Wurf geheißen hätte, weil sie leichtfertig und leichten Herzens als Bühne ihres Auftritts unseren Garten wählte, wozu man schon mit einer Portion Leichtsinn ausgestatten sein muss.

Das zweite Mädchen, und in der Abfolge die Quinta, soll den Bogen in die weite Welt und der bayerischen Heimattümelei ein Schnippchen schlagen: Indra heißt sie nach einem Sanskritwort, das mächtig und stark bedeutet. Indra ist eine etwas in Vergessenheit geratene vedische Gottheit, deren Eltern Himmel (Dyaus) und Erde (Prithivi) waren. Passt doch, oder?

Der Sextus bekommt den Namen Ilmo, was nicht wirklich irgendetwas bedeutet, es sei denn, man nähme seine weißen Zehenspitzen an den Hinterbeinen und die winzigen weißen Brustpunkte und würde sie, wenn man sehr fantasiebegabt ist, als eine winzige Variante des Sankt-Elms-Feuers interpretieren. Aber so etwas würden wir nie tun.

Ebenso wird man sich schwertun, dem Namen des Septimus eine Bedeutung einzuhauchen. Inouk bedeutet nichts, außer für uns eine Reminiszenz an unsere große und unvergessene Anouk. Das ist er uns wert. Mehr Bedeutung braucht es auch nicht.

Und was ziehen wir für den Octavian aus der Namenstrommel? Was haben wir uns nicht beim H-Wurf spitzbübisch herumgequält, ob wir etwa einen Knaben Hatatitla, nach Old Shatterhands Rappen, nennen sollen, kamen aber davon ab, weil dieses Namensungetüm sogar uns an die lautbildnerischen Grenzen gebracht hätte. Aber jetzt, Karl-May-Kenner ahnen es bereits: Der letzte heißt Iltschi nach Winnetous Rappen. Das schnalzt zwar immer noch bedrohlich auf der Zunge, hat aber die gebotene Kürze und entspricht einem sehnlichen Wunsch einer Bewerberin, dem wir aus jahrelanger Verbundenheit nachkommen wollen.

Der I-WurfAlle Achtung...Damit schließt dieser Almanach, nicht ohne uns bei Papa Eddy zu bedanken, der dem ersten Eindruck nach, ganze Arbeit geleistet hat. Die weitere Entwicklung von Iberl, Ignaz, Ilmo, Iltschi, Indra, Inouk, Irax und Isi dokumentieren wir in einem neuen Buch: Inkarnation – Der I-Wurf, wie er leibt und lebt.