Jetztwirdsernst mit dem J-Wurf

Montag, 12. April 2021
21. Tag nach Lando

Der pralle Himmel gestern über dem Pfaffenwinkel, der die Auswärtigen in schieres Entzücken versetzt, aber den Heimischen eine düstere Zukunft vorhersagt, hat wieder einmal Wort gehalten: gleißender Himmel, fahrige Wolken und zum Greifen nahe, scherenschnittartig hingeworfene Berge verheißen nie etwas Gutes. Heute Morgen schüttet es wie aus Eimern. Im Laufe des Tages wechseln sich dann Schnee- und Graupelschauer ab. Die Temperaturen sinken wieder auf 1 °C. Unter diesen Umständen fassen wir einen Redaktionsbeschluss, ab sofort keine demotivierenden, frühlingsfeindlichen Sauwetterbilder mehr mitzuliefern. Es ist Frühling, basta! Wir haben keine Lust, diesen sogenannten Lenz auch noch in unserer Chronik mit Bildmaterial zu adeln.

 

Dienstag, 13. April 2021
22. Tag nach Lando

Nichts Winter im AprilTiefster Winter im Aprilist so vergänglichWintereinbruch im April wie der gute Vorsatz von gestern oder, wie es einst Adenauer ausdrückte: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Heute Morgen liegt der Schnee Zentimeter hoch auf dem Land und den Bäumen; es ist tiefster Winter bei 0 °C. Es ist schauerlich, aber optisch zu schön, um nicht doch noch ein Bild zu riskieren. Wir wollen mit diesem Bild die Schwachbesaiteten in die Verzweiflung treiben und den Hartgesottenen liefern wir das Bildmaterial zur geistreichsten aller tiefgeschürften Fragen: Soll so etwa die Erderwärmung aussehen? Immerhin kann man sich, wenn man den Infragestellern angehört, mit ihr zumindest die Herzen wärmen. Uns andere wärmt nur die Hoffnung.

Die ausführliche Beschäftigung mit den Wetterkapriolen des Aprils ist darin begründet, dass die Hinwendung zum Auslöser und Anlass dieser Chronik weiterhin kein ausreichendes Material liefert, das besprochen werden könnte; Hedda spielt auf ihren Spaziergängen leidenschaftlich mit ihrem Ball und gibt sich im übrigen betont untertourig. Wir warten demnach auf Launen ihrer Befindlichkeit, so, wie wir auf den Lenz warten.  

 

Mittwoch, 14. April 2021
23. Tag nach Lando

Die Tage der Düsternis sind fürs erste vorbei. Der Tag beginnt mit blauen Himmelsflecken, aber frisch, und macht uns Hoffnung auf ein Ende der grauen Zeit. Als wir jedoch die Fenster und Türen aufreißen, um nach draußen zu lauschen, ist es befremdlich stumm um uns herum; außer den quietschenden Staren, den kreischenden Amseln und quasselnden Spatzen stimmt kein Vögelein ein, und das, obwohl uns der Bauernkalender für heute verspricht: Tiburtius kommt mit Sang und Schall, er bringt den Kuckuck und die Nachtigall. Von wegen! Das mit der Nachtigall haben wir ihm hier im Mangfalltal eh nicht abgenommen, aber unser Stammkuckuck ist auch nicht mit von der Partie. Das macht uns trotz des versprechenden Wetters ziemlich traurig, denn am 9. April unkte der Bauern-Nostradamus: Wenn der Kuckuck am 9. April nicht gesungen hat, ist er erfroren. Das wollen wir nicht hoffen und nehmen uns vor, jetzt jeden Tag genau hinzuhören. Zum Kuckuck, nochmal!

Heute AnoukAnoukist aus anderer Sicht ein trauriger Freudentag: Heute würde unsere geliebte und unvergessene Anouk ihren 20. Geburtstag feiern. Da Anouk kein Dackel war, der schon mal ein solch gesegnetes Alter erreichen kann, sondern eine edle Hovawartdame, wurde sie „nur“ 14 Jahre alt und hat einen unverrückbaren Platz in unseren Herzen. Heute denken wir gerne an sie, vermissen sie trotz Fianna und Hedda, weil Tote oft lebendiger sind als die Lebenden, denen wir einst ebenso herzerweicht nachweinen werden wie heute unserer unvergleichlichen Anouk. Sie fehlt uns immer noch und würde, zusammen mit Franzi, ein tolles Quartett mit den beiden abgeben.    

Über Heddas Zustand gibt es auch weiterhin keine erweiterten und erheiternden Erkenntnisse. Sie lässt nichts heraus und spannt uns auf die Folter.

 

Freitag, 16. April 2021
25. Tag nach Lando

Wer sucht, der findet. Wir suchen inständig nach verwertbaren Hinweisen auf Heddas Zustand, aber sie unterstützt uns dabei nicht. Auch bei ihrer Mutter und Großmutter ließen sich die ersten Anzeichen einer Schwangerschaft erst sehr kurz vor dem Ultraschall erahnen. Aber heute meinen wir einen Fingerzeig auszumachen, einen anrüchigen zwar, aber einen, den man nicht vernachlässigen sollte. Heddas morgendliche Darmreinigung erfolgt meist in zwei kurz hintereinander gelieferten Portionen, kraftvoll und angemessen fest. Doch seit etwa drei Tagen liefert sie die zweite Depesche aus Darmstadt in breiiger Konsistenz; das gibt zu denken. Ihre Tagesmenüs unterscheiden sich nicht von allem, was sie üblicherweise serviert bekommt, überproportionale Zufuhr von Gülle ist derzeit auch nicht gegeben und auch sonst können wir, selbst bei intensiver Rekonstruktion der jüngsten Vergangenheit, keine anderen Umstände erkennen, die für diesen Output verantwortlich zeichnen könnten – außer eben andere Umstände.

Auch nach neun Würfen kann man sich an diese Hängepartie nicht gewöhnen. Da nützt es auch nichts, wenn man sich die erfolgreichen Hängepartien der beiden Hochzeiter immer wieder hoffnungsvoll vorbetet. Wir wollen nicht glauben, das kann ja jeder, wir wollen endlich wissen. Oder wenigstens begründete Hoffnung haben. Inzwischen haben wir, trotz der Andeutungen aus Darmstadt, ernste Zweifel, dass Hedda trägt.

Und derweil uns Hedda so verantwortungslos im Ungefähren hängen lässt, hängen täglich die Interessenten in den Leitungen, um ihren Wunsch nach etwas Kuscheligem kundzutun. Deren Zahl wächst täglich in die Höhe wie einst der Turm zu Babel – und wie dieser wird er in Kürze in sich zusammenstürzen, egal ob Hedda Kinder trägt oder nicht.

 

Samstag, 17. April 2021
26. Tag nach Lando

Seit heute Abend glauben wir, endlich nicht mehr glauben zu müssen, sondern wissen zu dürfen!

Am frühen Abend verteilt die Chefin ein letztes Stück Mozzarella zwischen sich und den beiden Vierläufigen, eine wirklich heißbegehrte Leckerei. Doch nach einem ersten, winzigen Stück, rümpft Hedda die Nase und lehnt dankend ab. Da schrillt ein bisschen Glücksalarm. Dass es sich bei dieser Verweigerung nicht um ein Versehen handelt, belegt Hedda bei der Abendmahlzeit: Sie lässt ein Drittel ihrer Portion stehen: Das ist unter regulären Bedingungen so wahrscheinlich wie Faschingsdienstag an Karfreitag. Eine solche Appetitlosigkeit, die anderen Sorgenfalten auf die Stirn legen würde, löst bei uns Glücksgefühle aus. Aber nicht nur bei uns, sondern auch bei Fianna. Sie mag es erst nicht glauben, dass ihre Nachbarschüssel nicht blankgeputzt ist, meldet dann aber zügig Ansprüche an. Fianna würde niemals ohne explizite Erlaubnis die Schüssel ihrer Tochter plündern, also legt sie den Kopf etwas schief über die Schüssel, erfasst mit dem linken Auge deren Inhalt und schielt mit dem rechten in Richtung des Futtermeisters, bis er ihr mit einer Handbewegung den Zugriff genehmigt. Ja, eigentlich könnte sie getrost ein Kilo weniger auf den Rippen haben, und dazu ist diese Sonderration nicht hilfreich, aber andererseits kann man diesen üppigen Rest nicht einfach entsorgen… geht doch nicht! Anschließend reinigt Fianna die Futterschüssel derart akribisch, dass dieser nun mindestens 1 µm abgeht. Hedda steht eineinhalb Meter daneben und vermittelt den Eindruck, dass es ihr jetzt gleich den Magen aufstülpt. Es scheint also zuzutreffen, dass die entscheidenden Hinweise erst kurz vor dem Ultraschall zu erwarten sind. Analog zu Heddas Futterverweigerung hört man aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen aus Landos Heimat, dass der parallel dazu einen Heißhunger entwickelt, mit dem er Hedda und all ihre Welpen fettfüttern könnte. Es scheint die beiden doch ein güldenes Band zu vereinen.  

 

Sonntag, 18. April 2021
27. Tag nach Lando

HeddaBei einem langen Morgenspaziergang im Morgenniesel ist Hedda lebendig und fröhlich wie gewohnt, stürzt sich anschließend auch freudig auf ihre Portion Trockenfutter, aber das Schälchen mit dem Rest Bärlauchfrischkäse verweigert sie wieder. Das macht sich Fianna untertan. Zudem hängt Fianna ihrer Tochter bei jeder Gelegenheit unterm Rock; richtig betörend muss die Kleine duften. Wir werfen alle Zweifel über Bord...

 

 

Montag, 19. April 2021
28. Tag nach Lando

Wir haben uns erlaubt, die 4. Woche von Heddas Schwangerschaft ein wenig zu verlängern, weil heute Wegweisendes auf dem Programm steht: Ultraschall. Da viele Menschen auf dieses Ergebnis warten, müssen wir es selbstverständlich unverzüglich verkünden. Unter diesen Umständen macht es wenig Sinn, die Geschichte eine Woche später an dieser Stelle zu erzählen. Nichts ist bekanntlich so abgestanden wie Kaffee von gestern.

HeuteHedda beim Ultraschall alsoHeddas UltraschallJabberwocky oder Juicylucy Ultraschall in unserer Stammpraxis in Stephanskirchen, 9 Uhr. Unsere, nach dem Chef, geschätzteste Schallkopfführerin wartet bereits auf uns, Hedda wird auf die Liege gehievt und auf den Rücken gedreht, was sie halbherzig zu verhindern sucht, dann: Licht aus! Schallkopf an! Und schon ploppt es uns aus Heddas Puppenstube entgegen, lauter kleine Früchtchen. Auf uns macht das den Eindruck, als ob sie alle förmlich auf diesen Augenblick gewartet hätten, sich in den Vordergrund södern wollten, sich wichtigmachen und „Hallo, hier bin ich“ rufen würden. Sieben kleine Jays haben wir identifiziert, vielleiht auch acht, so genau weiß man das nie, der eine oder die andere mag sogar die Gelegenheit hinter einer Darmschlinge vertrödelt haben, jedenfalls steht unzweifelhaft fest: Hedda trägt und ist auf direktem Weg in die Schnullerbox.

Im Mangfalltal hängt der Himmel voller Wolken und beim Blues voller Geigen (dem Chronisten fällt an dieser Stelle und in Erwartung dessen, was auf ihn zukommt, spontan das Kosewort Arschgeigen ein). Hedda genießt inzwischen sogar die Prozedur und lässt es sich maunzend und gurrend gefallen, als ihr der Bauch von der Gleitschmiere frei gerubbelt wird. Ab jetzt werden wir sie hüten wie unsere Augäpfel, ihr das Bäuchlein geschmeidig salben und ihr so auf die Nerven gehen, wie es werdende Großmütter bei ihren Töchtern vor lauter Enkeleuphorie seit Generationen praktizieren: Geht es dir gut? Tut was weh? Willst du einen Keks? Oder lieber eine Gurke?

Wer auf Hedda, die kleinen Jollyjoker und den stolzen Papa Lando anstoßen möchte, kann das jetzt mit uns tun.