11. - 14.07. 2019 – Ein Wochenende im Tagliamento

0P8A6654 1 250Das Dreigestirn erneut unterwegs: Hedda, Nando und FiannaWenn man eine Sache für gut befunden hat, sollte man diesen Befund auf seine Allzeitgültigkeit überprüfen und sie wiederholen. Wir schicken uns deshalb an, das vorjährige verlängerte Wochenende mit Nando (Hallodri) und seinen Hannibalen im Julisch-Friaul zu wiederholen. Das Ergebnis ist schockierend und beglückend zugleich.

 

 

 

 

0P8A6587 1 250Geröllhalde statt WasserspieleDonnerstagnachmittag 0P8A6592 1 250Der Winter hat seine Faust gezeigtmachen wir uns mit unserem Franz II auf den Weg an die Ausläufer der karnischen Alpen im Julisch Friaul. Wir greifen für einen Autobahn-Katzensprung von Kiefersfelden bis Kufstein tief in die Mautkasse, werden in Kitzbühel eine Stunde aufgehalten, weil sich ein paar Radrennfahrer der Österreich-Rundfahrt bei einem Massensturz die Hirnbüchse einrennen, klettern dann über den Pass Thurn, den Felbertauernpass, den Gailbergsattel und den Plöckenpass bis an dessen unteres Ende, wo wir, schwindelig von all den Haarnadelkurven, um 18:30 Uhr auf den Naturstellplatz Laghetti di Timau [N 46° 35‘ 22,5‘‘  E 012° 58‘ 11‘‘] rollen. Dort erwarten uns die bereits anwesenden Hannibalen und Nando schon mit betretenen Mienen: Das Fleckchen Paradies, wo wir vor Jahresfrist zwischen Bäumen und Sträuchern lagerten, ist nur noch eine Wüstenei, nichts außer Geröll und Gerümpel. Das halbe Gelände war von den Fluten des Torrente Bût und Muren dem Erdboden gleichgemacht worden. In den umliegenden Steilhängen stapeln sich vom Schneedruck erlegte Nadelholzstangen wie ausgekippte Streichhölzer. Und der Torrente muss sich nun zur Strafe als armseliges Rinnsal zwischen mannshohen Geröllwänden einen Weg ins Tal suchen.

Wir suchen uns einen Platz, wovon trotz der Verwüstungen noch reichlich vorhanden ist, zumal wir die einzigen Besucher sind, und richten uns unter finsteren Wolken und dünnem Regen häuslich ein.

Dazwischen stehen wir immer wieder konsterniert herum und können kaum glauben, was wir sehen, besser: nicht mehr sehen. Den Hunden sind Geröllhalden und Altholzstapel herzlich egal; sie stürzen sich zwölfbeinig und mit Gebrüll in einen Tümpel direkt hinter unserer Wagenburg und toben sich anschließend trocken. Was sie nicht mehr loswerden, ist der aufdringliche Duft nach Brackwasser, Frosch und alter Unterwäsche, den sie uns stolz unter die Nase halten. Leider gibt der Regen auf, der sie eventuell noch ein bisschen bei der Körperpflege hätte unterstützen können, und das Thermometer schafft gerade noch 13 °C; das reicht für ein Mahl im Freien und einen Nachttrunk. Als die Nacht über das Tal hereinbricht, ist dieser Platz so gut oder schlecht wie jeder andere, weil die Dunkelheit ihr schwarzes Laken über jede Wüstenei breitet. Leider tut sie das nicht über den Geruch, der Hundefellen entsteigt. Wir steigen in die Betten und verschieben die Entscheidung über Verharren oder Abhauen auf morgen.

Freitagmorgen verheißen uns vier WetterApps ein lausiges und kaltes Wochenende am Fuße des Plöckenpasses. Muss nicht sein. Wir packen zusammen und suchen unser Glück im wärmeren Süden. Die Hannibalen verbrachten in der Vergangenheit schon viel Zeit auf den Inseln und Kiesbänken des Tagliamento bei Spilimbergo, nicht nur, aber auch, um den zehntonnigen Hannibal auf seine Geländetauglichkeit zu testen.

Reiseweg Timau – CosaReiseweg Timau – Cosa

Um 11:30 Uhr fahren wir bei stark bewölkten und dampfigen 19 °C los, machen in einer Bar in Dignano eine Espressopause und stehen nach 80 Kilometern um 14:30 Uhr bei Cosa und richtigen, wolkenlosen 30 °C an den steinigen Ufern des Tagliamento. Die Ufer des Tagliamento sind dicht bewachsen, also campieren wir in seinem ausgetrockneten Flussbett. Die geübte Navigatorin brilliert heute als Chauffeurin und parkt den Franz II perfekt auf sicherem Grund. Fast perfekt, wie der etatmäßige Chauffeur meint, weil der Franz etwas nach rechts hängt, was bedeutet, dass der Chauffeur eine sehr instabile Nachtlage haben würde und aus dem Bett zu kullern droht. Da muss nachgebessert werden, eineinhalb Meter vorwärts wäre es wirklich perfekt. Die Chauffeurin bessert nach – und steckt im nächsten Moment im Kiesbett fest. Nix geht mehr. Die Chauffeurin gibt Gas in allen Variationen, vorwärts und rückwärts, der Franz gibt nur Gummi und immer weiter nach. Sakramento im Tagliamento! Der Besorgnispegel schwingt jedoch kaum messbar aus, weil der Hannibal schon ganz andere Rettungstaten vollbracht hat und eine Seifenkiste wie den Franz mit Standgas aus dem Geröll schleppt. Dazu braucht aber auch ein Hannibal ein Abschleppseil, das auch in verschiedenen Stärken vorhanden ist, im Zweifel auch stark genug für fünf Franzen. Und er braucht einen Abschlepphaken, der in die Frontpartie des Franz geschraubt werden muss. Der allerdings ist nicht mit auf die Reise gegangen, weil er bei einer Art Frühjahrsputz mit dem gesamten Bordwerkzeug vom Chauffeur aus-, aber nicht wieder eingelagert wurde (normalerweise erzählt man so etwas nicht, aber, da wir ja unter uns sind…). Der Chauffeur kotzt einen Wurm und ist nur noch bedingt ansprechbar. Doch der findige Hannibaldompteur, unter Freunden auch McGyver gerufen, befindet: die Hinterachse tut es auch. 0P8A6603 1 250Rettungsaktion auf tiefstem NiveauJetzt 0P8A6609 1 250Hannibal zieht den Franz aus dem Geröllmuss die ausgebildete Navigatorin und diensttuende Chauffeurin unter den Franz robben, um ihm eine rückwärtige Fußfessel anzulegen, weil der etatmäßige Chauffeur und diensttuende Nichtstuer sich im Frankreichurlaub bei einem kapitalen Sturz aus dem Franz ein Knie geschreddert hat und derzeit zu Kniebeugen nicht in der Lage ist. Nachdem die Fußfessel dem Franz ordnungsgemäß um die Starrachse gelegt war, zieht ein erotisch grummelnder Hannibal mit erlesenem Gefühl einem mit feinstem Gasspiel unterstützten Franz aus seinem Loch. Ganz großes Theater, was sich da im Flussbett des Tagliamento abspielt.

0P8A6632 1 250Ein Stellplatz wie aus Camper's ParadiseDie 0P8A6664 1 250Toben, bis die Flut kommtnächste Platzwahl ist sofort ein Volltreffer und wird mit einem Ankerschluck begossen. Und damit beginnt ein unvergessliches und tiefenentspanntes Wochenende im Tagliamento. Der Tagliamento entspringt am Mauriapass in der Provinz Belluno und mündet nach etwas 170 Kilometern zwischen Bibione und Lignano in die Adria. In seinem Lauf erreicht er eine Breite von bis zu einem Kilometer und ist der bedeutendste der verbliebenen Wildflüsse der Alpen. Er ist bis heute zum großen Teil unreguliert und fällt im Unterlauf oft trocken, was wir gerne unterschreiben, weil wir bei verschiedenen Suchen nach einer Wasserstelle für die Hunde bis ans andere Ufer nicht einen Tropfen Wasser finden. Der Tagliamento ist hier staubtrocken. 0P8A6636 1 250Auch denen gefällt es am FlussDie 0P8A6639 1 250Beim Heranzoomen - es handelt sich um BienenfresserSchotterflächen, Inseln und Auwäldern am Ufer bilden ein einzigartiges Ökosystem von etwa 150 km2 mit einer in Europa einmaligen Zahl an Tier- und Pflanzenarten. Allein im Mittellauf findet man im Tagliamento mit 32 Fischarten fast doppelt so viele wie in vergleichbaren europäischen Gewässern. Dass wir die Zahl nicht selbst überprüfen können, liegt vermutlich daran, dass wir uns schon am Unterlauf befinden und es zwar Steinfische gibt (wenn auch nicht im Tagliamento), diese aber, soweit bekannt, nicht in Steinwüsten leben (Quelle: Wikipedia). Wir leben in den Tag hinein, stolpern mit den Hunden über den Schotter des Flussbetts und lassen sie im Übrigen tun, wozu sie Lust haben. Hier ist nichts und niemand, dem sie schaden oder auf die Nerven gehen könnten. Die meiste Zeit verbringen sie sowieso wegen der Hitze unter dem hochbeinigen Hannibal, der ihnen Schatten und Sicherheit spendet. Wir lungern herum, lesen, schlafen, essen und trinken und lassen den lieben Gott an der Welt herumschaffen; mit uns hat das nichts zu tun. 0P8A6622 1 250Gemütlicher Abend0P8A6620 1 250Abendstimmung am TagliamentoNachmittags und abends bauen sich teilweise schwarzblaue Gewitter auf, die sich aber in den umliegenden Bergen austoben und uns höchstens dazu veranlassen, die Markisen gegen das Gebläse zu sichern. Und dann sinkt die Nacht mit seinem tausendfachen Gesang auf uns nieder.

0P8A6647 1 250Ein letztes Spielchen unter GeschwisternAm 0P8A6644 1 250Und dann ist das Wochenende schon wieder vorüberSonntag sagen wir dem Tagliamento wieder adieu, ohne Franzens Herz wieder in der Biegung des Flussbetts zu begraben und liefern die Hannibalen am Campo Lighetti ab, weil sie noch eine Nacht hier verbringen wollen, bevor sie die Heimreise antreten. Nach einem Abschiedskaffee lassen wir uns vom Franz über die Pässe nach Hause bringen, während Nando wie versteinert und gebrochenen Herzens an den Geröllschluchten des Torrente Bût steht und nach der Wiederkehr seiner Herzensdamen Ausschau hält.

Gegen 20 Uhr rollen wir bei weiß-blauen 19 °C vor die Tore des Bairischen Blues und stellen sehr zufrieden fest, dass wir wegen des Verlustes des einen Torrentes die Bekanntschaft mit einem noch mächtigeren und eindrucksvolleren machen durften und stellen uns die Frage, wie viele Leben man haben müsste, um auch nur einmal bei allen Preziosen der Natur ein Wochenende verbringen zu können. Vielleicht, so fährt uns der Schrecken in die Glieder, könnten wir es sogar in diesem Leben noch schaffen, wenn sie uns alle schneller zum Opfer fallen als unsere Uhr tickt.