10.10.2020 - ZTP 2.0 für Hedda und Gundel

0P8A5016 2 250Heddas ZTPSchleiz, 10.10.2020 – Welch ein Datum! Manche reservieren sich dieses Datum lange im Voraus für ihre Hochzeit, wir feiern die Erlaubnis zum Beischlaf.
Hedda startete heute den zweiten Anlauf zu ihrer Zuchttauglichkeitsprüfung (ZTP) – und darf nun Mutter werden.

 

Vor eineinhalb Jahren noch, im Frühjahr 2019, brillierte sie in allen Trieb- und Spielszenen, dass ihr nicht nur die Zuschauer zu Füßen lagen, sondern auch der mächtige Schutzdiensthelfer Thomas Feldbusch bei ihrem Zugriff zu Boden ging. Nur beim Pilzesammler im Wald zeigte sie Nerven, dem traute sie nicht über den Waldweg, dem warf sie ihren ganzen Unmut entgegen, und zwar so lange, so überzeugt und nicht umstimmbar, dass den Prüfern nichts anderes übrigblieb, als sie aus dem Rennen zu nehmen. Und selbst als der "Schwammerl" sie nach der Disqualifikation mit Leckereien besänftigen wollte, nahm sie diese zwar mit spitzen Lippen entgegen, maulte ihn aber anschließend weiter herzhaft an.

Wir haben es damals schon auf unsere Kappe genommen: Es war unsere Schuld. Nach acht Wochen Welpen im Haus, die Hedda kräftig auf den Wecker gegangen waren, dazu nachläufig und seit wenigen Wochen mit einem neuen und mächtigen Schutzdiensthelfer konfrontiert, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein wahrer Berg von Mann ist und zu allem Überfluss der Statur des Pilzesammlers sehr nahe kam, das alles hatte sie mürbe gemacht, zumal sie mit gerade zwei Jahren für eine solche Herausforderung definitiv noch nicht reif war. Nostra culpa! Der Hochmut dreier ZTP-Selbstläufer ihrer Vorgängerinnen Anouk, Franzi und Fianna hatte uns den klaren Blick getrübt: Alle drei waren älter und keine stand zu diesem Zeitpunkt mehr unter den Fittichen der Mutter. Hybris ante portas. Doch durch die Tür trat der Katzenjammer.

Nun, eineinhalb Jahre länger zur jungen Frau gereift, selbstbewusst und weltfrauisch geworden, mit vielen Wassern gewaschen und teilemanzipiert von ihrer liebevoll fürsorgenden Mama, sollte es klappen. Das Vertrauen zu unserer Hedda ist – wie zuletzt – unerschütterlich. Nur der Schlaf wollte sich nicht so recht einlullen lassen.

Nun also wieder einmal Schleiz, Thüringen, Wuthering Heights des thüringischen Vogtlands, bekannt durch das Schleizer Dreieck, der ältesten Motor-Rennstrecke Deutschlands, das diesmal nicht zum Bermuda Dreieck des Bairischen Blues werden soll. 

0P8A4993 1 250ErscheinungsbildbeurteilungFast hätten wir über die unselige "Schwammerl"-Affäre vergessen gehabt, dass Hedda beim ersten Versuch schon fast an ihren körperlichen Gebrechen aus der Verlosung genommen worden wäre: Das rechte Ohr war dem Richterteam sehr suspekt und beschäftigte es fast eine Viertelstunde. Nach langen Diskussionen und Abschätzungen konnte man sich auf die Zuchtordnung verständigen, nach welcher ein nicht anliegendes Ohr nicht zum Zuchtausschluss führt, sondern zu einer Auflage bezüglich des auszuwählenden Hochzeiters. Heute liegt das Ohr noch immer nicht an, verursacht aber keine Diskussionen mehr, sondern nur den Eintrag in die Papiere mit der entsprechenden Auflage. Geht doch.

Ein anderes, fast vergessenes Gebrechen war ein winziger Knubbels an Heddas Rute, dem man eine nicht zulässige Anomalie unterstellte. Für die korrekte Einschätzung dieses Makels mussten wir ein ärztliches Attest beibringen, was heute pflichtgemäß bei den Papieren liegt und Heddas Rute demzufolge zwar Aufmerksamkeit, aber keine langen Diskussionen mehr erzeugt. An Heddas Rute ist nun wirklich nichts mehr herumzumäkeln. Punkt.

Der Rest der Erscheinungsbildbeurteilung verläuft erwartungsgemäß friedvoll und entspannt, obwohl Hedda zwar fürs Leben gerne kuschelt, auf Fremdfummeleien jedoch gut verzichten kann. Aber, was muss, das muss, und dann lässt sie es eben klaglos über sich ergehen. Haken dran, Richterteam zufrieden.

0P8A5069 3 250Spiel mit dem Helfer ist ihr DingDie Wesensüberprüfung auf dem Platz mit den Trieb- und Spielteilen absolviert Hedda anschließend mit der ihr eigenen Lebensfreude und Begeisterung, spielt mit allem und jedem wie eine Tanzmaus, taucht die Beißwurst aus dem Flaschenzelt und zeigt, was in ihr steckt – nur den Schutzdiensthelfer bringt sie heute nicht zu Fall. Vielleicht hat man dem vorher gesteckt, dass sich sein Vorgänger von ihren 29 kg aus den Schuhen hatte hebeln lassen. Dieser hier bleibt standhaft und trägt anschließend ein breites Grinsen im Gesicht: Hat schon was, so eine explosive Braut.

Körmeisterin Sabine Jakobs bescheinigt ihr später in der Besprechung die triebstärkste Vorstellung des Tages.

Jetzt geht es auf den Waldparcours mit seinen Hinterhalten und Pilzesuchern.

Wie Hedda gestrickt ist, zeigt sie gleich an der ersten Position, der Menschengruppe. In dieser Menschengruppe steht der Hundeführer, während der Hund von einem Steward oder einer Stewardess (darf man das heute noch sagen oder wäre in diesem Fall Fluchtbegleiterin der richtige Begriff?) an der Gruppe vorbeigeführt und etwa zwanzig Meter weiter postiert wird. Wenn die Familienaufstellung abgeschlossen ist, wird der Prüfling losgelassen und soll möglichst direkt zu seinem Hundeführer in die Gruppe laufen; tut er das nicht, darf er auch gerufen werden. Hedda weiß, dass ihr Frauchen dort auf sie wartet, findet aber eine auffällig unauffällige Person im Unterholz (der Strippenzieher für die nächste Position, dem Overall) bedeutend inspirierender. Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm. Das steht doch da nicht ohne jeden Grund herum. Von der Stewardess freigegeben, macht sie folgerichtig erst einmal kehrt und sprintet zum Männlein im Walde (die Chefin kann warten, bis das hier geklärt ist). Aber, auch das ist Hedda, wie sie leibt und lebt: Auf den unmissverständlichen Pfiff ihrer Chefin hin, pflügt sie einen veritablen U-Turn in den Waldboden und sprintet in die Menschengruppe. Das macht Eindruck! Immerhin ist Hedda ein Gebrauchs- und Wachhund und hat geradezu die heilige Pflicht, die Umgebung ihres Gesindes von Gesindel freizuhalten. Das hat sie gemacht, aber sie ist eben nicht stiften gegangen, sondern macht sich spornstreich auf den Weg zurück, als das Signal zum Rückzug kommt. Dafür müsste es eigentlich ein Fleißbildchen in die Ahnentafel geben. 

Nun also der Overall, der von dem Männlein im Walde vor ihrer Nase in die Luft gerissen wird. Das kennt sie von ihrer Jugendbeurteilung und der verpatzten ersten ZTP. Der Luftikus wird angemacht, verbellt, geschmäht, aber dann ordnungsgemäß zu den Akten gelegt. Die Kette, die neben ihr auf ein Wellblech rasselt, ist ein alter Hut seit ihrer Nachzuchtbeurteilung und ihr nicht einmal einen Kommentar wert.

0P8A5083 4 250Und diesmal ist der Pilzesammler gar nicht mehr so gefährlichJetzt wird es ernst: Der Schwammerlsucher wartet schon auf sie. Wir sind uns nicht sicher, ob sie ihm seit dem letzten Jahr schon verziehen hat, und vor allem macht uns eine Chat-Nachricht von diesem Morgen Kopfzerbrechen: Ihr durchtriebener Bruder Hias hat ihr das alte Bayern-Schmählied zum Frühstück gepostet: "Zieh dem Schwammerl den Gummi-Poncho aus, den Gummi-Poncho aus, den Gummi-Poncho aus". Wie viel Einfluss das auf ihre Tagesform hat, lässt sich schwer beurteilen. Als der Schwammerl dann aus dem Unterholz bricht und hinterwäldlerisch über den Waldweg huscht, tut sie, was zu erwarten war: sie macht ihn an, warnt, keift und lässt an seinem Erscheinen kein gutes Haar. Losgelassen, stürmt sie zu ihm, reduziert aber ihren Einsatz deutlich, bellt und warnt zwar immer noch, aber mehr unter dem Motto "Nun schau endlich her, Frauchen, und sag mir, was ich mit dem hier machen soll". Als sich unter der Verkleidung derselbe Ralph herausschält wie im vergangenen Jahr, sinkt ihr Blutdruck sichtlich und als er sich zu ihr hinunterbückt und sie ein gutes Mädel nennt, wird sogar ihr aufmüpfiges Herz erweicht. Bei ihrer nächsten Begegnung küsst sie ihn. Das wäre überstanden.

Nun folgt der Schlitten, den sie auch schon von der Jugendbeurteilung in Erinnerung hat und mit dem obligatorischen Gemaule souverän absolviert. Die folgenden zwei Schüsse lassen sie nicht unbeeindruckt; so ganz schusssicher ist Hedda nicht (obwohl sie, wie manche böse Zungen behaupten, einen Schuss hat). Da zeigt sie ein wenig Nerven. Daran müssen wir arbeiten. Der Vizechef des Blues schlägt als Therapie eine Silvesternacht allein im Freien vor, womit er kein Gehör findet.

0P8A5091 6 250Was für lustige Gestalten stehen denn hier rum?Und 0P8A5089 5 250 Web 250px 2Und wenn man genau schaut, sind unter der Kutte sogar Menschennach all den kurzweiligen Programmpunkten im Wald folgt zum Schluss die Geisterstunde auf dem Platz: drei Gespenster! Das Programm kennt sie noch überhaupt nicht, wir dürfen also (an)gespannt sein, was sie daraus macht. Das erste und für uns Wichtigste: Sie sieht sich die Bescherung an. Viele Hunde meiden das Spektakel, drehen sich weg und tun so, als würden sie nichts sehen. Aber jeder weiß: Wenn es sein muss, haben Hunde auch hinten Augen. Hedda ist sich für so einen Firlefanz zu schade. Sie behält die Dreierbande genau im Auge, steht stramm in der Leine, und zwar nach vorn, nicht hinter ihrer Chefin, als die Drei im Maschinenschritt auf sie zu tippeln. Dann gibt sie wieder Laut, warnt und droht, bleibt weiter stramm in der Leine. Natürlich schreckt das die Drei auftragsgemäß nicht, und sie setzen ihre Annäherung fort, bis sie kurz vor Hedda gestoppt werden. Nun wird sie von der noch immer strammen Leine gelassen und wir können nur noch hoffen, dass sie nicht das Schwammerlprogramm mal drei abruft. Aber nichts dergleichen geschieht: Hedda ist schwer interessiert, nimmt auch sofort zur Kenntnis, dass sich unter den Ku-Klux-Klan-Kutten eine Art Thüringer Karnevalistenverein zu verstecken scheint und begrüßt alle mit einem Jauchzer und Küsschen. Spätestens jetzt sind die Gespensterkutten ein Fall für die Waschmaschine.

Die anschließende Konfrontation mit einer Menschengruppe lässt sie völlig kalt, und dass sie auch nach all dem Stress spielen wird, hat sowieso niemand bezweifelt, der Hedda kennt.

Der Weg zur Besprechung ist ein innerer Triumphmarsch. Die Körmeisterin lobt Hedda ausgiebig und betont zu unserer Freude, dass ein Gebrauchshund nicht nur warnen darf, sondern soll. Hedda ist in dieser Hinsicht ein richtiger Gebrauchshund, der bei jeder angebrachten Gelegenheit Alarm schlägt. Hedda ist "The Voice of the Blues". Und außerdem ist sie seit heute auch noch die rechtmäßige Infantin des Blues.

0P8A5125 7 250Hugo und GundelZum 0P8A5134 8 250Eine etwas unübliche Art, eine Beisswurst einzusammelnSchluss des Tages muss sich auch Gundel noch einmal der Herausforderung der ZTP stellen. Sie hatte es letztes Jahr Hedda nachgemacht und dem Schwammerlsucher die Rote Karte gezeigt, was prompt zur Roten Karte für sie geworden war. Heute ist Gundel läufig, letztes Jahr hatte Hedda es gerade hinter sich. Aber Gundel ist nun stolze fünf Lenze jung und sollte der Belastung standhalten – wenn sie nicht eine veritable Macke hätte: Sie mag keine fremden Männer. Woher sie das hat, weiß niemand, vielleicht zu viele Me-Too-Berichte im Fernsehen gesehen. Wie auch immer: Fremde Männer haben es nicht leicht mit Gundel (bekannte schmust sie ins Koma). Leider ist in der Thüringer Männerwelt von Schleiz auch heute mit einem männlichen Pilzesammler zu rechnen, wovon wir uns bereits überzeugen konnten. Es ist auch für Gundel derselbe Ralph vom Vorjahr. 

Unter diesem Vorzeichen muss man sich bei der Erscheinungsbildbeurteilung von Gundel keine Sorgen machen: Die Körleitung besteht aus zwei Frauen. An Gundel gibt es dann auch nichts auszusetzen, im Gegenteil. Sie ist eine ausgewogene und schöne Hündin, die auch keine Mängel an Ohr und Rute hat. Das beschleunigt den Fortgang der Veranstaltung. 

Auch die Wesensüberprüfung auf dem Platz besteht Gundel ohne Wackler, zeigt Pfiff und Pepp, obwohl sie nie eine Schutzdiensteinheit hinter sich brachte. Was man hat, das hat man.

0P8A5184 10 250Auch Gundel kann sich mit dem Pilzesammler dieses Mal arrangieren Dann liegt die Wahrheit, wie bei Hedda, im Wald. Im Gegensatz zu ihr, gehört Gundel nicht zu den Lauten, sondern eher zu den stillen und tiefen Wassern. Demnach hört man von ihr auf dem Platz nichts, als sie sich im Wald von Position zu Position vorarbeitet und keine Schwächen zeigt. Jawoll: Auch den He-Man im Gummiponcho mit Schlapphut lässt sie gewähren. Er muss sich zwar ein bisschen um ihre Zuneigung bemühen, so ganz ohne Zutun gibt sie sich nicht hin und weg, aber schließlich willigt sie ein und darf ihren Weg weitergehen. Schuss und Schlitten machen ihr kein Kopfzerbrechen und bei den Gespenstern weiß sie ja nicht, dass darunter gleich drei Kerle hervorkommen werden. Gundel scheint an diesem Tag mit den Männern Frieden schließen zu wollen und besteht auch diese Hürde mit Eleganz. Dass sie mit ihrem Hugo zum Schluss noch ein fröhliches Spielchen macht, steht für alle, die sie kennen, außer Frage. Bestanden! Und die Körmeisterin meint über Gundel und Hugo: Ein tolles Team!

Wir beschließen spontan, den heutigen Internationalen Welthundetag zum Weltheddatag und Weltgundeltag auszurufen. So bekommt dieser Tag Sinn, Herz und Verstand. Die Laureatinnen haben es sich jedenfalls verdient.

Der Bairische Blues ist glücklich und erleichtert. Und die vielen Freunde aus Schleiz und sonstwoher sind es auch. Die beiden Damen haben schon letztes Jahr die Schleizer Herzen erobert und viel Trübnis ausgelöst; man gönnt es ihnen einfach, dass sie jetzt die Kurve auf so beeindruckende Weise genommen haben.

Apropos gönnen. Als innige Freunde des Zwingers vom Vögele Hof freuen wir uns über die mit uns bestandene ZTP für Mando vom Vögele Hof, der bei uns in Siegertsbrunn auf dem Platz arbeitet und Meister Mendel, dem Hausgenossen des Vaters unserer Fianna, Fetzer vom Vögele Hof. Auch sie haben eine wackelfreie ZTP hingelegt und einen richtig guten Eindruck hinterlassen. Da freuen wir uns mit. Herzlichen Glückwunsch.

Wir danken den Körmeisterinnen Bea Holder und Sabine Jakobs für ihre ausgesprochen souveräne und angenehme Richterleistungen. Danke auch an den standhaften Schutzdiensthelfer Ralph Knobloch und den diesmal herzensbrechenden Pilzesammler Ralph Marcinczak. Und zum Schluss geht ein ganz großer Dank an das großartige Schleizer Team: sehr freundlich und freundschaftlich, immer aufmerksam und fürsorglich. Als Gast muss man sich bei euch wohlfühlen. Wir kommen gerne wieder, vor allem natürlich auch wegen der formidablen Kuchenteller, deretwegen, so hört man, sich sogar Körmeisterinnen um einen Einsatz in Schleiz reißen. Nur eines solltet ihr irgendwann in Griff kriegen: das Wetter! Letztes Jahr Schnee, jetzt Regen und Sturm (obwohl der Himmel bei Heddas und Gundels Einsatz gerade Pause machte), eigentlich ist das Schleizer Wetter immer eine Spaßbremse. Andererseits passt es natürlich zu den Wuthering Heights des Vogtlands. Vielleicht ruft ihr einfach mal an und sagt: Sonnenschein in Schleiz. Dann setzen wir uns ins Auto und kommen sofort – auf einen Kaffee mit buntem Kuchenteller. 

Bis dann…