23.08.2009 - Franzi hat die VPG 2

Franzi mit dem VPG2-PokalAm 22. und 23. August war es soweit, vier Wochen verspätet, aber geschafft: 92-75-81v = 248, nicht vom andern Stern, aber ehrlich erarbeitet. Dazu gleich mehr – erst gratulieren wir unserer Franzi von ganzem Herzen für eine sehr schöne Leistung, immerhin die beste von drei VPG 2-Hunden an diesem Tag. Diebisch gefreut hat sich Franzi, dass sie ihrem alten Kumpel Antonio vom Kufner Land eine Nase drehen konnte, weil der vor allem auf der Fährte ein paar Kreisel zu viel gedreht hat. Alte Liebe rostet eben nicht.

 Franzi Unterordnung VPG2Das Unternehmen VPG 2 begann am Ende einer Ausbildungswoche in Deggendorf, bei der sich Franzi ausschließlich mit Schutzdienst und ein wenig Fährte befasste, am Samstagnachmittag bei langsam nachlassendem Dauerregen (schon wieder!) mit der Unterordnung. Franzi hat alles gemacht, nichts weggelassen, dabei nicht alles perfekt gemacht, allerdings auch nichts richtig vermasselt. Die anschließende Würdigung des Richteranwärters Frank Heindorf war lang und wurde immer länger, sodass nichts Gutes zu erwarten war, zumal die Bewertungen der BHs und der VPG1-Unterordnungen zuvor Teilnehmer und Zuschauer stöhnen ließen. So kam es dann auch: 75 Punkte, zu wenig, um auf einen Blick in den Himmel hoffen zu dürfen.
Franzi Fährte VPG2Am Sonntagmorgen, gerade als der Nebel die Deggendorfer Wiesen wieder freigegeben hatte, trat Franzi als Allerletzte auf den Fährtenplan und setzte einen Schlussakkord mit Ausrufungszeichen! Nach sehr durchwachsenen Leistungen vieler anderer Prüflinge und fünf völlig bis ziemlich vermasselten Fährten direkt vor ihr, zeigte sie Nerven wie Drahtseile, bessere jedenfalls als die ihrer Führerin und ihres Bartkraulers: 92 Punkte in einer für sie ausgesprochen gefährlich hohen Wiese. Aber Franzi hat kein Gras gemampft, keiner Maus Avancen gemacht, nur auf dem ersten Schenkel etwas unkonzentriert gewirkt, ein paar Mal ein Blicklein riskiert und am Ende einen echten und herzlichen Begeisterungssturm ausgelöst. An diesem Tag haben nur Costa (Therry) vom Haselrieder Wald und Edi Schinnerl mit 96 Punkten mehr gezeigt. Dafür nochmal ein aufrichtiger Applaus vom ganzen Blues.
Franzi Schutzdienst VPG2Den abschließenden Schutzdienst absolvierte sie mannhaft (oder muss man etwa frauhaft sagen?). In Anbetracht der Tatsache, dass sie nach ihrem Trainingsmalheur vor vier Wochen den Herren in Leder so gut es ging aus dem Weg gegangen war, hat sie sich, auf dem Weg zu alter Stärke, brillant gezeigt, alles ohne Wackeln absolviert, nun ja, das Versteck No. 5 hat sie sich gespart, aber sonst gab es nicht viel zu mäkeln. Nur Druck und Zug nach vorne fehlten ihr etwas: die Misere hing ihr noch spürbar in den Kleidern, dazu eine Woche Training und Sommerhitze. So gesehen muss sie sich ihrer 81 Punkte nicht schämen, zumal, wie schon angedeutet, an diesem Wochenende keine Sommerschlussverkaufspunkte im Angebot waren. Wie eingangs angemerkt: diesen Schutzdienst und die ganze Prüfung hat sie sich hart und ehrlich erarbeitet und deshalb ist es ihr Erfolg und jeden einzelnen ihrer 248 Punkte kann sie sich stolz auf ihr Briefpapier drucken lassen. Franzi war wirklich klasse und hat noch nicht einmal recht verstanden, warum sie plötzlich so viel umärmelt wurde.

 Dass Franzi mit 248 Punkten die beste VPG 2 ablieferte und dabei von acht VPG-Hunden noch die Drittbeste war, zeugt nicht vom mäßigen Niveau der Prüfung (Fährte ausgenommen), sondern von der neuen Bewertungskultur des RZV. Die alte roch den Verantwortlichen zu sehr nach Hausfrauengymnastik. An die Großen will man jetzt leistungsmäßig ran und nicht weiter als Weichei belächelt werden. Deshalb wird jetzt streng und den hohen Ansprüchen angemessen gerichtet. Wenn man die bisher gültigen oder angewendeten Kriterien zugrunde legt, wären die meisten Teilnehmer mit 10 – 20 Punkten mehr aus dieser Prüfung gegangen.

Zwei Beispiele aus Franzis Prüfung mögen von der neuen Kultur künden. Franzis Fährtenarbeit wurde von LR Hadel und Richteranwärter Heindorf fast euphorisch besprochen: Den Abgang intensiv ausgearbeitet, die Fährte sicher aufgenommen, der Hund hat gezeigt, dass er suchen kann und suchen will, intensive Arbeit auf der Fährte, gleichmäßiges Tempo, die Winkel ohne jede Beanstandung, Gegenstände schnell, in korrekter Position, zwischen den Vorderbeinen verwiesen. Und nicht einmal der Hundeführerin konnte ein Fehler nachgewiesen werden. Aber: auf dem ersten Schenkel zwei-, dreimal den Kopf kurz gehoben, im Verlauf der Fährte zweimal die Nase für einen Moment in eine Wildspur gereckt, sich orientiert, versichert und die Fährte sofort wieder sicher aufgenommen. Damit hat sie 8 Punkte auf der Fährte liegen gelassen! Zur Erinnerung: Wir befanden uns in Deggendorf bei einer Vereinsprüfung. Oder Franzis “Voraus” in der Unterordnung: Die Übung wird mit einer korrekten Grundstellung begonnen, Entwicklung ohne Beanstandung, Hund nimmt das Kommando sofort an, geht schnell und auf direktem Weg raus. Auf das Platzkommando geht sie erst in ein „Lauerplatz“ (man könnte das auch Sitzplatz nennen), braucht ein zweites Kommando, um sich hinzulegen: damit rutscht die Übung leider ins Mangelhaft. Dafür hat es auch bei höheren Prüfungen nicht selten ein Befriedigend gegeben.
Es gäbe weitere Beispiele von der neuen Leistungskultur. Und es wird interessant sein, die Ergebnisse auf Qualis und Meisterschaften zukünftig mit der Messlatte dieses Wochenendes zu überprüfen!
Die Frage nach dem Warum dieses Richtens mit der spitzen Feder erklärte LR Hadel am Ende der Veranstaltung vor dem Plenum der gerichteten Hundeführer: man wolle im RZV in den nächsten Jahren zum handelsüblichen Leistungsniveau aufschließen und den Sportlern und Ausbildern mit einer ungeschönten Bewertung zeigen, was sie nicht können und woran sie zu arbeiten hätten.
Eine solche Zielsetzung und der Königsweg dorthin verdienen eine Würdigung unter Anwendung der vom RZV vorgelebten Strenge. Will man Sportlern und Ausbildern auf diese Weise zeigen, welches ihre Schwächen sind, heißt das im Umkehrschluss, dass sie diese bisher gar nicht kannten, dass sie vermutlich nicht einmal ahnten, wie schlecht sie sind. Oder aber: sie wussten sehr wohl um ihre Fehler und kannten sie nur zu genau, waren aber einfach zu faul oder unfähig, diese abzustellen. Auf die Hundesportler bezogen, reift die Frage heran, ob faule oder unfähige Hundeführer und Hunde durch eine Fünf im Zwischenzeugnis zu fleißigen und talentierten werden? Sollten aber die Ausbilder als faul und inkompetent identifiziert worden sein - wer wäre wohl für deren Niveauverbesserung zuständig? Man kann doch schwerlich hoffen, dass faule und inkompetente Ausbilder allein angesichts des Elends ihrer Schützlinge am Zeugnistag vom Faulus zum Paulus mutieren.

Zurück zum Start. Die Leistungen unserer Hovawarte können mit denen anderer Gebrauchshunde nicht mithalten. Stimmt das? Ja, es stimmt! Die Ergebnisse lassen keinen anderen Schluss zu. Das kann daran liegen, dass ein Hovawart kein Malinois und kein Deutscher Schäferhund ist. Und man darf auch voraussetzen, dass dies bekannt ist. Welches Ziel nimmt man also ins Visier mit dieser Maßnahme? Dass künftig ein Hovawart in der Ergebnisliste der VDH-DM nicht mehr als 30. von 40 Teilnehmern auftaucht, sondern als 25.? Ganz falsch, wird man vermutlich vernehmen, wir können viel weiter vorne, schließlich hat bei der diesjährigen VDH-DM ein Hovawart den 17. Platz von 41 Bewerteten belegt. Richtig, und es gibt keinen Grund, an dieser großartigen Leistung herumzumäkeln, aber man darf auch zu Protokoll geben, dass das Erfolgsteam nicht im RZV arbeitet, was den Schluss zulässt, dass der Hovawart tatsächlich mehr kann als er meistens zeigt. Dass die bescheidenen Ergebnisse jedoch den huldvollen Richterleistungen bei RZV-Vereinsprüfungen zuzuschreiben sind, kann daraus eher nicht abgeleitet werden.

Wenn es aber nun so wäre, dass die Richter den Sportlern in der Vergangenheit die Ohren nicht auf Hovawartlänge gezogen haben, wie sie es verdient hätten, müsste erst einmal geklärt werden, ob hier tatsächlich ein Versäumnis vorliegt, man also beim RZV zu viel mit Wattebäuschchen um sich geworfen hat, oder ob es sich nur um eine streng selektive Wahrnehmung handelt? Ein Hilfskonstrukt also, das tiefer gehende Antworten vermeiden helfen soll. Als Antwort bleibt da nur das berüchtigte Jein und hilft kein Stückchen weiter: es gibt solche und solche; wer hätte etwas anderes erwartet?

Ergiebiger ist schon eher der Ansatz, dass beim RZV sehr uneinheitlich gerichtet wurde und wird. Schon immer gab es Richter, die Leistung sehen wollten und keine Geschenke machten, aber es gab (und gibt) Richter, die in falsch verstandener Nächstenliebe die Punkte mit beiden Händen verteilten wie die rheinischen Karnevalisten die Kamellen. Diese Richter sind im übrigen nicht die besonders Geschätzten, aber selbstverständlich sind sie diejenigen, bei denen man, wenn es irgendwie geht, eine Prüfung ablegen möchte. Wer wollte das einem Hundesportler verdenken? Naturgemäß sind es die „geschenkten“ Prüfungen, die innerhalb und außerhalb des RZV wahrgenommen werden und die korrekt gerichteten in Bausch und Bogen diskriminieren. Es ginge also gar nicht so sehr um eine Verschärfung des Notenschemas als um die Durchsetzung einheitlicher Richterleistung auf höherem und nachvollziehbarem Niveau.

Letztlich kann sich niemand um die alles entscheidende Frage herumdrücken, welches Leistungsniveau denn gemeint ist, das durch eine Bewertung an der harten Kante angehoben werden soll? Das auf der Leistungsebene, bei denen, die im großen Konzert mitspielen möchten? Kann man verstehen. Wem gefällt es schon, wenn die Zuschauer beim Auftritt eines Hovawarts die Gelegenheit nutzen, eine Wurstsemmel zu kaufen oder die Blase zu entleeren. Nachvollziehbar, dass so viel Missachtung schmerzt und dass man aus diesem Loch gerne herauskäme.

Aber führt der Weg aus der Sackgasse ausgerechnet über den Freizeitsport? Über alle diejenigen, die sich mit großem Enthusiasmus zwischen Arbeit, Kinder, Haus und Garten einmal in der Woche zusammen mit ihrem Hovawart austoben wollen, mit ihm gemeinsam etwas erreichen wollen, aber keinen Gedanken an eine Sportkarriere verschwenden? Diejenigen also, um deren Arbeit mit dem Hund sich gerade ein Rassezuchtverein kümmern sollte, der kein Gebrauchshundeleistungssportverein ist? Menschen, die oft viele Kilometer zu einem RZV-Platz zurücklegen, weil diese so dünn gesät sind wie Sauerstoffatome im Kosmos, sich in Staus stellen, den Mineralölgesellschaften die Kassen füllen, übermüdet spät nachts nach Hause fahren, dennoch zufrieden mit sich und ihrem Hovawart und einem kleinen Fortschritt, auf den man schon so lange hingearbeitet hat? Sehen so die Zielobjekte der neuen Leistungsverschärfung aus? Leute, die sich zwischen alledem noch die Zeit aus den Rippen schneiden, ihrem Hund 1, 2, 3 Fährten in der Woche zu legen, wieder Kilometer im Auto verbringen, weil kaum einer ein Fährtengelände im Garten hat, die sich mit unfreundlichen Bauern herumschlagen und, nachdem die Fährte drei Stunden gelegen ist, feststellen müssen, dass ein Traktor dreimal drübergefahren ist und die Krähen die Motivationshäppchen weggefressen haben?

Denen also teilen wir am Tag der Wahrheit mit, dass sie nicht fleißig genug wären, dass sie eher schlechte als rechte Hundeführer seien, dass sie noch mehr fahren müssten, auf noch mehr verzichten müssten, weil sie sonst die Flaschen blieben, die sie sind, und die erwarteten Ansprüche nie erfüllen würden - nur weil ihr Hund in der Fährte mal kurz den Kopf gehoben hat.

Und von diesen Menschen nehmen wir an, dass sie sich nach einer solchen Abreibung mit noch mehr Feuereifer ins Zeug legen werden, dass sie voll motiviert nach der Prüfung nach Hause fahren und sich sogleich eine Hürde und eine Schrägwand in den Garten oder auf den Balkon stellen, damit beim Apportieren das nächste Mal zwei Punkte mehr auf dem Richterzettel stehen?

Nein, die Folge wird nicht mehr Leistung in der Spitze sein, sondern weniger Sportler und Ausbilder auf den Plätzen! Ex-Aktive, die nichts mehr zum Vereinsleben und zur Vereinskultur beitragen werden. Und ehemalige Hundesportler, die bald auch ehemalige Mitglieder sein werden, weil sie beim nächsten Zahltag die Sinnfrage nach der Mitgliedschaft stellen werden.
Da leistet man sich einiges vor lauter Leistungsstreben.

Viele Hundesportler werden dieser Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Man wird sich still und leise verabschieden, von der Übungsgruppe, vom Verein, vom Hundesport, vom RZV und sich freudigeren Freizeitvergnügen zuwenden, wo Mensch und Hovi ein Traumpaar sein dürfen, wo sich niemand anmaßt, ein Freizeitvergnügen mit den Maßstäben des Leistungssports zu messen, wo keiner für die Mühen eines Jahres eine Abfuhr bekommt, als müsse man einem Querschnittsgelähmten davon überzeugen, dass für ihn die Raumfahrt nicht das geeignete Freizeitvergnügen ist. Ob das schöne Aussichten für den RZV sind? Ob sich das für die Option auf ein paar bessere Plätze in irgendwelchen Statistiken lohnt?

Wie hat einer die Gefühle vieler in Deggendorf ausgedrückt: “Stell dir vor, es ist Prüfung und die Stimmung ist im Keller.” Traurig genug, schlimmer wäre es, wenn er in Zukunft feststellen müsste: “Stell dir vor, es ist Prüfung und keiner geht hin.”