27.09.2013 - Ein Jahr ohne Franzi

Franzi vom FuchsiengartenVor einem Jahr, am 27. September 2012, mussten wir uns von unserer Franzi trennen. Ein Jahr waren wir sprachlos, ein Jahr fanden wir keine Worte.

Im Februar schlug die Diagnose Degenerative Myelopathie wie eine Landmine in den gerade mit neuem Nachwuchs und neuem Leben euphorisierten Blues-Alltag ein und riss uns die Beine unter dem Rumpf weg. Schnell wurde uns klar, dass nicht die Frage, warum ausgerechnet uns das widerfahren muss zu beantworten ist, sondern die Frage, was wir machen können, um Franzi ihre letzten Wochen und Monate so erfüllend wie möglich zu gestalten.

Ein Osteraufenthalt auf Fehmarn zeigte schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass Franzi ziemlich schnell unüberbrückbare Probleme mit Treppen haben würde. Wir kauften ein Wohnmobil, um ihr weiterhin die Welt zu Füßen legen zu können, ohne ihrem zunehmend lahmer werdenden Rücken viele Treppen zumuten zu müssen. Erleichtert wurde uns die Investition durch Anouks Alter, das eine langfristige Planung und Buchung von Hotels und Ferienhäusern fast unmöglich macht, zumal es mit Fianna als dritten Hund in der Familie nicht leichter werden würde, eine angemessene Ferienunterkunft zu bekommen. Der Chef erstand sogar auf Anraten unserer Physiotherapeutin eine Fischerhose, um mit Franzi durchs eiskalte Ostseewasser kneippen zu können.

Franzi im UnterwasserlaufbandFranzi im UnterwasserlaufbandZweimal die Woche fuhren wir nach Starnberg zur Physiotherapie (Galileo-Wackelbrett und Unterwasser-Laufband), um ihre Muskulatur so lang wie möglich zu erhalten. Wir versorgten sie mit Nahrungszusätzen, welche Franzis Durchblutung fördern und den Muskelabbau verlangsamen sollten. Und wir setzten uns über alle Dopingregeln hinweg und gaben ihr Anabolika zum Muskelaufbau. Das bescherte ihr zwar bald den Oberkörper eines Gewichthebers, aber der Muskelabbau an Hüfte und Hinterhand ließ sich mit obszöner Beharrlichkeit nicht von seinem zerstörerischen Wirken abhalten. 

Besonders tückisch war der wellenartige Verlauf der Krankheit. In den frühen Stadien, als bei Franzi nicht viel mehr als eine Ataxie der Hinterhand zu erkennen war, gab es Tage, an denen sie sich bewegte wie zu ihren besten Zeiten, und keine Ausfälle erkennen ließ. Dann sangen uns die Sirenen des Mangfalltals die Hoffnungsmelodie: wenn es das gute Schicksal will, wird Franzi der erste Hund, der dieser Krankheit trotzt. Doch schon am nächsten Tag schwiegen die Sirenen trotzig und Franzi schwankte und stolperte zielstrebig auf ihr Verderben zu.

Und selbst im fortgeschrittenen Verlauf gab es Tage der Hoffnung, Tage, an denen sie wieselflink und kaum beeinträchtig auf ihren Beinen schien. Doch wir hatten genug gelernt, um diesem Trugbild nicht mehr zu erliegen, wiewohl wir gerne schwach geworden wären. 

Die Spaziergänge trennten uns nun: der Chef absolvierte mit Anouk und Franzi Senioren- und Behindertenspaziergänge, während die Chefin Fianna rasen und flitzen ließ. Für Anouk bedeutete dies allerdings auch einen gewissen Fitness- und Muskelverlust. Für Fianna eröffnete diese Aufteilung die Gelegenheit, sich die Welt selbst, ohne Mama und Tante zu erobern. Wenigstens sie profitierte von Franzis Leiden.

Franzi am 26.09.2012 Franzi am 26.09.2012 Bis zum Schluss stand für Franzi der Ball im Mittelpunkt ihrer Spaziergänge, obwohl wir ihn ihr immer häufiger zwischen die Zähne werfen musste, als dass sie ihn sich fangen oder jagen konnte. Aber ihre Augen blitzten wie in besten Tagen. Sie hatte keine Schmerzen, nur eine Behinderung, die ihr zwar die Beweglichkeit raubte, nicht aber den Spaß. Diese Spaziergänge zerrissen uns das Herz: ein Hund, der aus der Seele strahlt und an Leib und Leben siecht. Ein Hund, der allem Leiden trotzt. 

Im Juni machten wir mit Franzi ihre Abschiedstournee in die Normandie: Strände, Wasser, Dünen; für sie eine Orgie in Braus, doch ohne Saus, für uns eine Art Fronleichnamsprozession. Mitte September machte sie ihre letzte irdische Reise zur Clubsiegerschau nach Meisdorf in Sachsen-Anhalt. Danach geriet sie in das Kraftfeld jenes Schwarzen Loches, das sie verschlingen sollte und das sie nun in rasendem Tempo an sich riss. Schmerzen hatte sie weiterhin nicht, aber sie war erschöpft und zermürbt vom Kampf gegen die Schwerkraft. Sie verlor die Freude am Leben. Sie entzog sich jetzt sogar Besuchern, die sie herzlich liebte und immer stürmisch begrüßt hatte: jetzt waren sie ihr zu viel. Sie wollte nicht mehr und sie konnte nicht mehr.

Am 25. September schaffte sie kaum mehr als drei Schritte beim Spaziergang, bevor sie sich wieder hinlegen musste. Ihr Blick war leer geworden und flehend. Als der Chef nach Hause kam war auch sein Blick leer, so leer, dass auch die Chefin nichts mehr darin erkennen konnte. Die Frage: „Ist es soweit?“ wurde durch seinen schweigenden Rückzug ins Dachstudio beantwortet.

Franzis letzter Spaziergang am frühen Abend des 26. September war so voller Emotionen, dass sie für ein halbes Leben reichen müssten. Wir sind sicher, dass auch sie wusste, dass er ihr letzter war; ihren Ball trug sie die letzten Meter selbst ins Auto.

Abschied von Franzi27.09.2012, 7 Uhr - Eine letzte ZärtlichkeitAm 27. September morgens um sieben Uhr klingelte der Sensenmann mit einem Doktortitel an der Tür des Bairischen Blues. Franzi war so schwach, dass ihr schon die Beruhigungsspritze ans Leben ging. Um 7:15 Uhr stieg ein zartes Karmasäckchen in den Himmel über dem Mangfalltal, auf dem in oszillierender Schrift zu lesen war:

Franzis UrneIch bin das Leben und Sterben
Das Wissen und Ahnen
Das Denken und Fühlen
Das Können und Wollen
Das Bleibende und Flüchtige.
Ich bin die Essenz
Der Franzi vom Fuchsiengarten
Auf der Reise zu einem neuen Leib.

Unter Tränen haben wir ihm nachgerufen: Du gehörst zu uns. Komm wieder in deinem neuen Leib.

 

Noch ist sie nicht zurückgekehrt. Sie fehlt uns wie am ersten Tag, obwohl sie uns ihre formidable Fianna zu treuen Händen überließ. Wer könnte sie denn auch ersetzen? Sie sind doch alle einzigartig. Sie sind doch alle unersetzlich, alle, wie sie uns verlassen und wie wir ihnen hinterher rufen werden. Doch wir bleiben unerhört, so unerhört wie ihr Entschwinden. 

Franzi vom Fuchsiengarten