25.05.2015 - Farewell, geliebte Anouk

anouk tot 200Am Pfingstmontag, den 25. Mai 2015 hat uns unsere Anouk nach 14 unvergesslichen Jahren für immer verlassen.

Es ist gut und vielfach hilfreich, viel zu wissen. Doch wie hilflos steht das Wissen neben der Urgewalt der Gefühle, wenn einem mit das Liebste im Leben verloren geht.

Natürlich wussten wir, dass unsere Anouk mit 14 Jahren nicht mehr das ewige Leben haben würde, wie wir wissen, dass wir alle nicht das ewige Leben haben. Doch dem Wagner-Liebhaber kommt der Schlussakkord selbst nach fünf Stunden Oper noch zu früh. Es geht halt alles immer viel zu früh. Was bleibt ist das, was besser gegangen wäre.

Anouk ist jetzt gegangen. Natürlich noch immer viel zu früh. Sie war es, die unser Leben 14 Jahre lang nach ihrem Bild gestaltete. Die allermeisten unserer heutigen Freunde und Bekannten hat sie uns zugeführt. Mit ihrem Charme und ihrer Persönlichkeit hat sie ihre und Franzis Welpen verkauft und uns mit sicherem Gespür vor Missgriffen gewarnt. Durch Dick und Dünn ist sie mit uns gegangen. Auf sie konnten wir uns immer verlassen. Sie hat uns nie enttäuscht und uns niemals getäuscht oder im Unklaren gelassen - von unserer ersten Begegnung an. Als wir uns für einen Hovawart entschieden hatten, suchten wir nach einem schwarzmarkenen Rüden, und als uns ihre Züchterin auf unsere Anfrage hin lapidar mitteilte, sie habe noch eine blonde – sehr blonde – Hündin, ergaben wir uns in unser Schicksal und freundeten uns spontan mit dem Gedanken an eine blonde Hündin an. 2001 101-0114 web-200So sahen wir unsere Anouk zum ersten MalWährend unseres ersten Besuchs beim Haselrieder Wald hingen uns dann sieben quirlige Zwerge an den Beinen und Schnürsenkeln, nur Anuschka beschäftigte sich irgendwo mit Blüten und Krabbelzeug. So unbestechlich und eigenständig blieb sie ihr ganzes langes Leben. Der vergriffene schwarzmarkene Rüde war zum Glücksgriff unseres Lebens geworden. Viel ist über sie geschrieben und berichtet worden; die blonde Anouk ist bekannt wie ein bunter Hund. Das erspart es uns, ein weiteres Hohes Lied auf Anouk zu singen, was in unserer augenblicklichen Verfassung auch kaum zu leisten wäre.

Nach 14 Jahren entschied sie nun also, dass sie uns genug beigebracht haben würde, damit wir ohne sie über die Runden kämen. Im Moment haben wir daran erhebliche Zweifel. Wir tragen in einem Arm unsere Fianna wie ein letztes Juwel und auf der anderen Seite gähnt ein Riesenloch, an dem entlang wir taumelnd balancieren. Es geht noch immer so viel Kraft von Anouk aus, dass sie uns in die Tiefe zu ziehen droht. Aus jeder Blüte blickt uns ein Anoukauge entgegen und nachts wird jeder Stern zu Anouks klarem und bist zuletzt so lebensfrohem Augenzwinkern.

Seit Monaten hatte sie einen Gesäugetumor, der sich lange Zeit still verhielt. Nun aber wurde er lebendig und wuchs sehr rasch. Eine OP kam in ihrem Alter nicht mehr in Frage. Seit einigen Monaten hatte sie auch immer wieder Lungenentzündungen mit hohem Fieber, das wir aber immer wieder schnell in den Griff bekommen hatten. Dann war Anouk wieder unsere alte Anouk, hüpfte hinkend hinter ihrem Ball her, rollte sich weltvergessen im Gras und hatte jederzeit einen kleinen Schabernack für uns im Programm. Für Pfingsten diesen Jahres hatten wir uns vorgenommen, der alten Weltenbummlerin eine letzte Reise zu ihren schönsten Erinnerungsplätzen zu schenken: in die Normandie und die Bretagne, dort wo sie lernte, mit vier Beinen zur See zu fahren, ohne nass zu werden, dort wo sie einsame Strände auf der Jagd nach ihren Bällen umpflügte, dort wo sie unermüdlich welt- und unsvergessen die Dünen durchstreift hatte, so wie sie uns seinerzeit in ihrem kleinen Welpenparadies nicht wahrgenommen hatte, weil sie mit Anoukwichtigem beschäftigt war.

 MG 4891 1 200 webStrahlefrau Anouk - im Osterurlaub 2015 in der Toskana war die Welt noch in OrdnungDorthin wollten wir sie auf ihre letzte Reise mitnehmen. Im letzten Jahr die Osterreise zu den Loireschlössern und an den Atlantik, dann im Sommer die Masurenreise und dieses Jahr Ostern in die Toskana hatte sie alles entschleunigt und mit alterstypischen Gebrechen, aber mit Bravour bestanden. Warum sollte es nicht noch ein letztes Mal klappen? Am Samstag vor unserer Abreise entwickelte sich wieder Fieber, das wir mit Antibiotika einigermaßen in Griff bekamen; sie war schnell wieder voll im Leben, obwohl das Fieber nicht ganz verschwand. Am Donnerstag, den 21. Mai machten wir uns auf den Weg und legten einen Zwischenstopp in Metz ein. Am Freitag, schauten wir uns Metz an (ohne Anouk) und Freitagabend machten wir alle zusammen einen wunderschönen Spaziergang an der Mosel, wo auch der Campingplatz liegt. Anouk war an diesem Abend unsere altbekannte Anouk, immer am Ball und voller Leben. Nachts begann sie zu röcheln, zu hecheln, zu keuchen und zu würgen. Die ganze Nacht. Am Samstagmorgen war aus einem alten Hund ein todkranker Hund geworden, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und über 40° Fieber hatte. Wir sprachen es nicht aus, wussten aber: Tumorfieber. Wir konsultierten einen Tierarzt in Metz, der hochdosiertes Kortison und ein weiteres Antibiotikum verabreichte, uns aber unmissverständlich zu verstehen gab, dass der Tumor in die Lunge und die Bronchien gestreut hatte (was uns auch schon klar war) und wir uns nicht auf weitere Wochen, sondern mit etwas Glück auf ein paar weitere Tage einstellen sollten.

Wir überlegten, ob wir die Reise abbrechen sollten, aber in der Normandie hatten wir uns mit Anouks Tochter Chilli und ihrer Enkelin Brani, also mit Hummel und ihrer Familie verabredet. Und außerdem befanden wir, dass Anouk wenigstens noch ein bisschen Meer bekommen sollte, wenn es schon nicht viel mehr werden dürfe. Am Samstag kamen wir in Courseulles-sur-Mer an, kurz darauf auch Hummel mit ihrer Familie. Der Campingplatz liegt zu Fuß nur zwei Minuten vom Strand entfernt. Mit unserer gehbehinderten und schwerkranken Anouk brauchten wir eine Viertelstunde. Das Meer und den Strand nahm sie gleichgültig zur Kenntnis, auch für ihren Ball hatte sie keinen Blick mehr und selbst unseren Blicken wich sie aus. Zurück mussten wir sie tragen.

DSC05734 200 webLetzte Stunden mit AnoukDen Pfingstsonntag verbrachten wir alle zusammen um Anouk geschart, in der Hoffnung, dass das Kortison noch ein wenig Aufschub gewähren möge. Anouk lag zwischen uns, genoss die Liebkosungen, wollte offensichtlich ganz bewusst von uns Abschied nehmen und schloss mit der Welt ab. Fianna, Chilli und Brani hatten das schon hinter sich, sie hatten sich offenbar schon verabschiedet, jedenfalls beteiligten sie sich an unseren Trauervorbereitungen nicht. Nachdem am Pfingstsonntag weder das Kortison noch das hochdosierte Antibiotikum irgendwelche Wirkung gezeigt hatten, war die Entscheidung klar: wir mussten jetzt handeln. Anouk hatte es sich in 14 Jahren an jedem einzelnen Tag verdient, nicht elend leidend zugrunde gehen zu müssen.

Am Pfingstmontag riefen wir den Notruf der lokalen Tierklinik an, besprachen alles Nötige, wie etwa die Einäscherung, mit der Ärztin. Um 11:30 Uhr waren wir in der Klinik und um 11:58 Uhr tat Anouks bärenstarkes Herz seinen letzten Schlag – und unsere zerbrachen. Ein letztes Mal hatte es die notorische Herzensbrecherin geschafft, bleibenden Schaden anzurichten. Sie verließ uns, wie wir sie kannten und immer in Erinnerung behalten werden: tapfer, voller Vertrauen und den Kopf tief zwischen ihren Vorderläufen vergraben. So wie sie ihr ganzes Leben gelegen hatte, wenn sie ihren Träumen nachhing und in ihrem eigenen Universum unterwegs war.

Wir setzten unsere Reise fort, bis weit ins Finistère zu den Dünen von Keremma, dorthin, wo wir sie eigentlich noch einmal bringen wollten. Wir trugen sie in unseren Herzen dorthin und wanderten mit ihr durch ihre Karnickeldünen und den endlosen weißen Strand. Aber vorher machten wir noch einen Halt an der Kathedrale von Tréguier und zündeten ihr eine Kerze an, die erste Kerze, die wir jemals in einer Kirche entzündeten. Und solange wir leben und transportfähig sind, werden wir immer wieder Zeit finden, hierher zurückzukommen und für Anouk eine Kerze anzuzünden.

Auf der Rückreise holten wir Anouks Asche in einer wunderschönen Herz-Urne in Courseulles-sur –Mer ab. Dazu bekamen wir von der Tierärztin einen letzten Pfotenabdruck in Gips.

Das Ende einer großen Sache ist immer groß. Für uns ist es fast zu groß.

Anouk fehlt uns an allen Ecken und Enden. Im Urlaub trugen wir sie in unseren Herzen herum und zeigten ihr alles, aber zuhause ist nichts mehr, wie es war. Jeder Platz, den sie belegte, ist jetzt nur leerer Raum. Raum, den niemand besetzt, auch Fianna nicht, weil es nicht der ihre war und weil er für sie zu groß ist. Wie tosend laut ein leerer Raum sein kann, wie schmerzlich eng die Weite sich um einen legen kann, ahnt keiner, der nicht weiß, wie ein Verließ sich anfühlt. Anouk hat uns zurückgelassen in einem Verließ der Leere und einer quälend pulsierenden Stille.

Wir danken Anouk für jeden Tag, den sie an unserer Seite verbrachte und den sie uns bereicherte und hoffen, Fianna, frei vom übermächtigen Vorbild, reifen lassen zu können. Anouk wird immer bei uns sein, frei machen werden wir uns von ihr nie. Nicht nur unsere Erzählungen wird sie bevölkern, vieles werden wir an ihrer Schrittlänge messen. Wir werden viel zu tun haben, die Welt nicht in Anouk-Einheiten zu vermessen und zu viel Gutes als Schlechtes ins Kröpfchen wandern zu lassen. Sie weiß schon, warum sie uns noch schnell, bevor sie uns den Rücken kehrte, versprach, immer ein Auge auf uns haben zu wollen. Ein klares und unbestechliches, meinte sie, würde uns sicherlich guttun …

Mit großer Dankbarkeit und Wehmut im Herzen lassen wir unsere Anouk nun ziehen und verabschieden sie mit den Worten, die der damalige Kriegsminister Edwin M. Stanton Abraham Lincoln an dessen Todesbett mitgab: „Now she belongs to the ages.“ Manche behaupten, er habe ‚angels‘ gesagt. Sollte diese Version stimmen, hätte sie zu diesen schon zu Lebzeiten gehört.

 MG 3898 01 200 webAnouk mit ihrem geliebten BallWir danken Hummel, Dirk, Julius, Fianna, Chilli und Brani für den Beistand und die Wärme, die sie uns gegeben haben, als es nicht nur Anouk langsam kalt wurde ums Herz. Danke, dass ihr Anouk auf ihrem letzten Weg mit an die Pfoten genommen habt. Und wir danken Dr. Agnès Le Delezir für ihre einfühlsame und würdige Art, mit der sie Anouk den letzten Weg schmerz- und angstfrei, gelassen und gefasst gehen ließ. Merci, Madame Le Delezir.

Merci, Madame Anouk.