13.04.16 - Wie viele Katzenleben hat unsere Jamie?

DSC01366 200Unsere alte Katzendame Jamie hat sich wieder einmal ein "weiteres Katzenleben" gegönnt. Aber schön der Reihe nach.

 

Vor ungefähr drei Jahren blutete Jamie plötzlich an der rechten Hinterpfote. Die Kontrolle beim Tierarzt ergab, dass sich ein kleiner Tumor zwischen den Ballen gebildet hatte. Bei der darauffolgenden Biopsieentnahme fiel dem Tierarzt der Tumor mehr oder weniger in die Hand, also wurde er komplett eingeschickt und analysiert. Das Ergebnis der Biopsie lautete dann: Spindelzelltumor. Wir mussten davon ausgehen, dass der Tumor, der langsam wächst, aber sehr aggressiv ist, streuen würde. Nachdem Jamie damals schon 16 Jahre alt war, entschieden wir uns, keine OP, wie etwa eine Amputation des Beines vornehmen zu lasen; das wollten wir ihr nicht mehr antun. Ihrer Krankenakte bekam den Eintrag: "Lebenserwartung wenige Monate".

Ein Jahr darauf blutete die Pfote wieder, der Tumor war wieder da. Wiederum ließen wir das locker sitzende Geschwür nur ausschälen - und gut war's. Jamie steckte die Narkose unkompliziert weg und war nach wenigen Stunden wieder zu Hause.

Dieses Spiel machten wir in den letzten Jahren insgesamt viermal, das letzte Mal Mitte März diesen Jahres. Jamie ist mittlerweile fast 19 Jahre alt und hatte erstmalig Probleme mit der Narkose. Auch hatten sich die Nierenwerte minimal verschlechtert (bei dem Alter!) und der eine oder andere Zahn gab Anlass zur Sorge. Wir waren uns also (fast :)) sicher, dass dies der letzte Eingriff dieser Art sein würde, unter anderem auch, weil uns der Tierarzt mitteilte, dass sich der Tumor erstmals nur schlecht und auch nicht mehr ganz entfernen ließ.

Wir hofften auf weitere gute Monate, doch es sollte nicht sein: Nach nur drei Wochen blutete die Pfote wieder und der Tumor war wieder da. Nun war guter Rat teuer. Der Chef sprach ganz offen von Einschläfern - aber so schnell gibt die Schwäbin nicht auf. Wir vereinbarten einen Termin mit Dr. Schiele, unserem Tierarzt des Vertrauens. Er war uns in all den Jahren ein wertvoller und verlässlicher Ratgeber, er kennt unsere Einstellungen zu Tieren und teilt sie weitestgehend. Anouk und Franzi wurden ihr ganzes Leben von ihm betreut und gepflegt und auch unsere Welpen machen bei ihm ihr erste Tierarzt-Erfahrung. Sein Urteil und Rat war uns immer wichtig, selbstverständlich auch dann, wenn es um die letzten Dinge des Lebens geht. Und um nicht weniger ging es in Jamies Fall.

Also sind wir am Dienstag, den 12. April mit Jamie zu Dr. Schiele gefahren. Er hat sich den Tumor genau angesehen, Blut- und Nierenwerte sowie das Gebiss kontrolliert und kam dann zu der Schluss: Die Katze ist für ihre 19 Jahre  noch immer in einem ausgezeichneten Zustand, weswegen sie eine gute Chance hat, noch eine ganze Weile zu leben. Der Tumor ist vor allem problematisch, weil er ständig blutet und die Katze dadurch erheblich schwächt.
Nach seinem Dafürhalten wäre es durchaus machbar und sinnvoll, die Zehe, an der sich der Tumor festgebissen hatte zu entfernen. Das wäre keine riesige Operation und bei Jamies Allgemeinzustand durchaus vertretbar. Allerdings müsste man dann vermutlich auch noch den einen oder anderen Zahn entfernen, der sicher bald Probleme bereiten würde.

So wurde es beschlossen, viele Alternativen hatte Jamie sowieso nicht. Wir ließen sie gleich in der Praxis und sie kam an die Infusion, um die Nieren gut durchzuspülen. Am Mittwoch, den 13. April kam sie unters Messer. Die Zehe mit dem Tumor wurde entfernt und drei Zähne mussten daran glauben. Jamie kam auch gut aus der Narkose, war allerdings doch sehr schwach.

IMG 2663 200Ein Häufchen Elend Donnerstagmorgen war Jamie dann in einem elenden Zustand: Als Häufchen Elend lag sie in der Box, reagierte kaum, wenn, dann sehr ungehalten und nicht sehr damenhaft, speichelte stark und verweigerte jegliches Futter. Das Praxisteam war ratlos. Zum Glück arbeitet unsere Freundin Karin in der Praxis, die nicht nur uns, sondern auch Jamie seit Jahren kennt. Sie sah sich Jamie an und beschied: Sofortige Entlassung! Die Katze leidet nicht an den Folgen der OP, sondern an Heimweh und Verlassensängsten. Jamie bekommt im Alter so eine Panik beim Tierarzt, dass sie komplett verkrampft und so bestimmt nicht gesund wird.

Am heutigen Tag vor genau 17 Jahren ist Jamie bei uns eingezogen. Wir mussten sie nach Hause holen, das war keine Frage. Trotz IMG 2666 200Geht schon wiedereiniger Bedenken der behandelnden Ärztin nahmen wir sie zu uns nach Hause. Was wir in den Armen hielten, war bestenfalls eine halbe Jamie, kläglich und weinerlich, zum Erbarmen. Zu Hause angekommen bewegte sie sich nur sehr unsicher und steif mit einem nach unten verdrehten Kopf. Sie verkroch sich in die hinterste Ecke des Badezimmers und gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Am späten Abend konnte der Chef sie überreden, ein paar Bissen zu sich zu nehmen, aber ob sie die Nacht überstehen würde, blieb abzuwarten.

Freitagmorgen: Die Chefin öffnet die Schlafzimmertür - und eine miauende und maunzende Jamie kommt ihr entgegen gewackelt, noch immer nicht mit festem Schritt, aber kein Vergleich mit dem Vorabend. Sie war noch ein wenig steif auf den Beinen und auch den Kopf konnte sie noch nicht wieder hoch tragen. Was aber ging, war, sich vor unser Füße zu werfen, Streicheleinheiten einzufordern und jede Wohltat krächzend zu kommentieren. Wenn das wieder geht ....

Und nun, zehn Tage später, ist unsere alte Dame lustig und gut drauf wie eh und je, klagt ihr Futter sehr nachdrücklich ein, schleicht Fianna und uns um die Beine und schnurrt lauthals, wenn sie gestreichelt wird. Die Wunde ist sehr schön verheilt, und dank Karin muss sie auch nicht mehr in die Praxis: Die Verbandswechsel hat sie hier vorgenommen und auch die Fäden werden hier gezogen.

Wieder einmal hat uns eine Katze gezeigt, dass man sich nicht mit einem Leben begnügen muss. Wie viele Leben Jamie für angemessen hält, behält sie weiterhin für sich. Und wir freuen uns einfach nur, sie noch auf unbestimmte Zeit um uns zu haben.