Vom G-Lingen zur G-Burt

Tragebuch G-Wurf

Die Zeit zwischen Deckakt und Geburt, eigentlich die zwischen Deckakt und Ultraschall, knistert vor Spannung. Jedenfalls empfinden wir es so. Ein bisschen von dem Knistern wollen wir an alle, die das Werden des G-Wurfs verfolgen, weitergeben.

Bei unserem ersten Versuch zum Jahreswechsel war die Berichterstattung mit dem negativen Ultraschall abrupt beendet. Wir hoffen, diesmal weiterschreiben zu dürfen.

 

Dienstag, 21. Juli 2015 (6. Tag n.B.)

Die Frage, wann es endlich wieder richtig Sommer wird, stellt sich in diesem Jahr nicht; wir haben nach einem unsäglich schlechten Frühjahr fast nur noch Sommer und Temperaturen über 30° C. Nachts fliegen uns dafür erwartungsgemäß die Äste und Blumentöpfe um die Ohren, aber das bringt neben dem dazugehörigen mulmigen Gefühl wenigstens etwas Abkühlung.

Fianna ist in diesen Tagen schlapp und antriebslos. Ob das nun von der Hitze kommt oder von hormonbedingten Umstellungen zu Beginn ihrer Brutaktion, können wir derzeit nicht mit Bestimmtheit sagen. Selbstverständlich hoffen wir auf das zweite. Das einzige, was auf eine ausgehende Läufigkeit hinweist, sind rostrote Blutflecke, die sie spärlich aber sorgsam im Haus verteilt. Sie ist also bald durch und wir werden jedes Anzeichen einer Schwangerschaft registrieren.

Was uns sehr enttäuscht, ist die Tatsache, dass das Bundesverfassungsgericht heute die bayerische Herdprämie als verfassungswidrig eingestuft und das Gesetz für nichtig erklärte. Dabei hatten wir so sehr damit gerechnet. Wo sollen wir denn die Knirpse nun unterbringen? Sollen wir sie jetzt etwa selber betütteln? Es ist immer das gleiche: Die bayerische Staatsregierung und König Horst, der Umsichtige, kümmern sich um ihr Volk bis zur Selbstaufgabe und die nichtbayerischen Ignoranten torpedieren alles ohne Sinn und Verstand. Wir sagen mal so: Es tut uns für alle leid, die von uns einen Hund haben wollen und auch bekommen werden, aber nun wird der Balg eben teurer! Ohne die Herdprämie geht unsere Kalkulation nicht mehr auf. Wem das nicht passt, kann sich gerne in Karlsruhe beschweren.

 

Montag, 27. Juli 2015 (12. Tag n.B.)

Stille Tage in Vagen. Es wechseln Hitze und Gewitter, und sonst tut sich nichts, was uns einen Hinweis auf Fiannas Innenleben geben könnte. Nur ihr Außenleben schreit nicht nach Interpretation: Sie wirft ihr Hochzeitskleid ab, das sie während der großen Hitze so geschlaucht hatte und polstert unser Haus mit schwarzen Büscheln aus.

Langsam kommen wir in die Phase der Nidation, in der eine Unmenge von unkoordiniert herum wuselnden Zellhaufen versuchen, einen festen Hocker in Fiannas Gebärmutterhörnern zu ergattern. Für uns ist dieses gnadenlose Auswahlverfahren wie die Reise nach Jerusalem; am Ende werden ein paar wenige die Chance bekommen, sich als prächtige Hovawarte zu präsentieren, alle anderen werden nicht mehr als ein kurzes Versprechen gewesen sein. Man mag gar nicht darüber nachdenken, wie viele Clubsieger und mögliche Weltmeister, Lebensretter, Trostspender oder einfach nur unverzichtbare Sofawarte auf diese Weise verloren gehen, aber das Rennen machen die Fixen und Cleveren, vermutlich auch die mit den breitesten Ellenbogen, wobei schon in dieser Frühphase des Lebens eine Blaupause der späteren Wirklichkeit vorgelegt wird. Die Schöngeister und Mauerblümchen müssen schon auf den Zufall und die Gnade der Stunde hoffen.

Anouk gab uns immer einen deutlichen Hinweis auf ihre Befindlichkeit in dieser Schwangerschaftsphase, weil sie uns zuverlässig mit ihrer Übelkeit und Unpässlichkeit konfrontierte. Fiannas Mama Franzi geizte in dieser Hinsicht mit allen Fingerzeigen: ihr war eigentlich nie schlecht. Nun sind wir gespannt, welche Erfahrungen wir mit der kleinen Schwarzen machen dürfen. Nicht nur das Warten aufs Christkind ist spannend und zehrt an den Fingernägeln.

 

Mittwoch, 29. Juli 2015 (14. Tag n.B.)

Stilles Tragen in Vagen? Schmierblutung auf dem Küchenboden. Mit einem Papiertaschentuch gehen wir über Fiannas Vulva und ernten reichlich rostrotes Blut. Was hat das zu bedeuten? Wir graben tief in unseren Aufzeichnungen, und siehe da: Mama Franzi schmierte auch bei Gelegenheit. Dennoch macht sich Grübeln breit (und könnte sich als weiterer G-Name ins Gespräch bringen: Grübel vom Bairischen Blues), schließlich lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, dass wir damit einen unverbrüchlichen Fingerzeig auf eine zu erwartende Welpenschar verbuchen dürfen oder ob es sich nur um letzte interne Reinigungsaktionen handelt. Wenn man den Dingen jedoch mit gebotener Vorsicht positiv gegenüber tritt, könnte man dieses Lebenszeichen aus Fiannas Innerstem schon als geheime Botschaft deuten, dass sie demnach nicht ganz so untätig ist, wie sie den Anschein macht und die ersehnten Brutdienste leistet.

Fianna Faehrte 200Fährte geht immerEinen anderen, je nach Auslegung, befremdlichen oder deutlichen Hinweis auf Fiannas Befindlichkeit können wir nachmittags zu Protokoll nehmen, als die Chefin mit einem Teil ihrer Fährtentruppe auf Suchmission ist. Chilli, Anouktochter, zweiwürfige Tante und allzeit gute Freundin, scheint einen von Fianna ausgeströmten, unbotmäßigen Duft in die Nase bekommen zu haben, der der Jüngeren ihrer Meinung nach nicht zusteht; Verrat liegt in der Luft. So bittet sie Fianna zu einem klärenden Gespräch und redet Tacheles mit ihr, was diese kurzerhand mit einem geschmeidigen O Goshi (auch als Hüftwurf bekannt) beantwortet und die Ältere damit in die Rückenlage und zur Räson bringt; freundlich aber sehr bestimmt biegt sie ihr in dieser für sie unvorteilhaften Position bei, dass ihr zwar weiterhin an Freundschaft sehr gelegen sei, ihre, Chillis, besten Zeiten, die der Rechthaberei und Vorherrschaft, aber vorbei seien und es Zeit werde, das Brot der älteren Damen zu essen. Wir staunen nicht schlecht. Und Chilli erst! Sie hört die Botschaft wohl, beugt sich den Kraftverhältnissen und dem Unvermeidlichen und trollt sich grummelnd. Da scheint etwas zu wachsen, und zwar nicht nur Kleinvieh in Fiannas Brutkasten, sondern auch Selbstbehauptungswillen, um das Kleinvieh vor Übergriffen zu schützen.

 

Dienstag, 4. August2015 (20. Tag n.B.)

Es macht sich doch so eine Art Unruhe breit beim Blues: Fianna gibt beharrlich die Sphinx.

Die Einnistung der Zellhaufen ist abgeschlossen und von Fianna, wenn das Ereignis auch wirklich stattgefunden haben sollte, ohne weitere Lebensäußerung abgearbeitet worden. Auch körperlich zeigt sie keine Veränderungen. Die Chefin des Blues doziert, dass dies bei einer jungen Erstlingshündin, die topfit ist und ein bärenstarkes Bindegewebe habe, nicht verwunderlich sei, worauf sich der Chef des Blues auch so ein Bindegewebe wünscht, so eine Art Korsettgewebe, das ihn kraftvoll in Form zwingt und sich dem Drängen von drinnen nach draußen widersetzt.

Fianna Mangfall 200Fianna in der Mangfall - da ist die Welt für sie in OrdnungHeute Morgen unternehmen wir alle zusammen einen fast zweistündigen Spaziergang an einer der wildromantischsten Passagen der Mangfall. Über Stock und über Stein geht es und auf und nieder und Fianna gibt die Fremdenführerin. Hier im Wald und immer am Fluss entlang spüren wir auch nichts von der heraufziehenden Hitze, die den Rest des Tages prägen sollte. Im Gegenteil: Die Mangfall ist so zapfig kalt, dass es der Chef schnell aufgibt, mit seiner Hoffnungsträgerin im Wasser Ball zu spielen; es fehlt nicht viel und es frieren ihm die Füße ab. Aber die angehende Jungmutter zeigt sich völlig unbeeindruckt, schon eher ein wenig unwirsch ob des unverschämt früh beendeten Spiels. Zuhause legt sie sich dann in den prall besonnten Garten bei inzwischen 26° C im Schatten. Auch für den Rest des Tages lässt sie keine Gelegenheit aus, sich in die Sonne zu legen – und zu brüten? Sollte sie sich beim Brutverhalten an die Gewohnheiten ihrer Mama anlehnen, dann brütet sie tatsächlich, denn auch Franzi lag noch hochschwanger in der prallen Sonne, weil sie offenbar der Ansicht war, es könne nie warm genug sein für ihre Höhlenbewohner.

Man ergreift eben jeden Strohhalm, wenn kein Ast zur Stelle ist…

 

 

Donnerstag, 6. August 2015 (22. Tag n.B.)

Inzwischen waren die ersten Welpeninteressenten auf Bewerbungstour bei uns – aber entspannt und voller Überzeugung konnten wir ihnen noch keine Hoffnung machen. Nicht weil wir sie nicht für Hovawart-kompatibel gehalten hätten, nur weil uns Fianna noch immer im Dunkeln lässt.

Allerdings scheint uns, dass sie ein wenig zugelegt hat, auch Freunde sind überzeugt, dass sie etwas massiger geworden sei, nicht dick, nein, sie hat immer noch ihre Taille, aber rundherum etwas mehr auf den Rippen scheint sie zu haben. Gegenrede: Der Hund ist ja auch ständig im Wasser und das führt bekanntlich zu einem luftigen Puschelfell. Außerdem weiß man, dass sich der Wunsch gerne die Optik zurecht biegt. Die Wahrheit ist leider ebenso biegsam wie Zeit und Raum, auch wenn wir den Eindruck haben, alles sei fest und für die Ewigkeit geschaffen. Nix da! Alles Trug und vergänglich.

Heute Morgen allerdings fühlen wir uns dem Kindersegen erheblich näher gebracht. Fianna ist unglaublich träge und vermittelt den Eindruck von Unpässlichkeit. Beim Morgenspaziergang in einer frischen, klaren Luft bei gerade mal 18° C lässt sie ihren Ball schon nach wenigen Aktionen achtlos liegen, hechelt, speichelt, schäumt und scheint angeschlagen zu sein (was sie jedoch nicht dazu verleiten kann, angebotene Leckerchen auszuschlagen). Diese Performance ist in der Tat nicht Standard. Auch zuhause verkrümelt sie sich schnell in die Ecken und verlässt sie nur einmal, als der Chef gegen 9 Uhr auf der Terrasse frühstückt; da legt sie sich neben ihn, um sich gleich darauf in die Sonne zu legen und zu brüten. Danach ist wieder Höhlenbrüten angesagt, im Schatten, in der Kühle des Hauses. Ihre Gewohnheit, dem Chef auf seinen Wegen durchs Haus überall hin zu folgen, setzt sie bis auf weiteres aus. Sie betrachtet und verfolgt die Dinge lieber aus der Distanz. Dieses Verhalten ist irgendwie beunruhigend und verstörend, aber eigentlich genau jenes, das man sich in unserer Situation herbeisehnt.

In der Kühle des Abends darf die Schwarze noch eine anspruchsvolle Fährte absuchen, und das erledigt sie zum uneingeschränkten Entzücken ihrer Herrschaften: engagiert, konzentriert und präzise wie ein Uhrwerk. Wenn so die Voraussetzungen für eine 100-Punkte-Fährte aussehen...

 

Freitag, 7. August 2015 (23. Tag n.B.)

Fianna+Fine 200So spielen die Schwestern normalerweiseWir Fianna Mauerham 200doch jetzt zeigt sich Fianna sobesuchen Fiannas Schwester Fine in Mauerham und am Tachinger See, jener smaragdgrünen Seeperle im Chiemgau, an dem nicht nur Fine, sondern auch wir immer wieder gerne die Seele und die Glieder im Wasser baumeln lassen. Es ist heiß: 33° C legen sich wie ein Bratschlauch um uns und wir fühlen uns dem See so nahe wie selten zuvor. Aber etwas ist anders: Die Schwestern spielen nicht miteinander, besser gesagt, Fianna spielt nicht mit Fine. Die beiden, die sonst nicht voneinander lassen können, die sich stundenlang die Ohren abknibbeln, die Zehennägel lang ziehen und das Fell gerben, die beiden halten Distanz, was Fine sichtlich verwirrt. Immer wieder spult sie ihr ganzes Animationsprogramm ab, aber Fianna bleibt desinteressiert. Das lässt uns aufhorchen, das kann nicht nur an der Hitze liegen. Unter geregelten Umständen, hätten die beiden sich bespielt, bis der Herztod zuschlägt. Fianna ist im permanenten Brutzustand, davon sind wir ab sofort überzeugt.

Beim Schwimmen ist dann auch Fianna mit sichtlichem Spaß dabei, mit so viel Spaß auch beim Springen vom Steg, dass der Chef schon befürchtet, die kleine Schwarze könnte uns bald Kaulquappen ins Nest legen.

Später gibt es dann unwiderstehliche, frische Ziegenrippchen für die Damen -und Fianna kaut darauf herum wie auf Wellpappe. Wir tauschen Schamanenblicke: also doch! Schön langsam stellen sich die unmissverständlichen Anzeichen ein. Anouk hat um diese Zeit herum die Nahrungsaufnahme komplett verweigert, nur Schweineohren fanden ihr Gnade. Franzi fehlte es nie am Appetit, aber sichtbar eingeschränkt war er schon. Nun also Fianna mit deutlich zurückhaltendem Appetit. Das sind keine geheimen Zeichen des Himmels, das ist sehr irdischer Hormonzauber.

 

Samstag, 8. August 2015 (24. Tag n.B.)

Schon morgens um 7 Uhr messen wir dampfig schwüle 22° C. Die Luft scheint knapp zu werden im Mangfalltal, keine idealen Voraussetzungen für eine inwendig beladene Brutmaschine. Der Morgenspaziergang fällt dementsprechend verhalten aus.

Dann verdichten sich die Vorzeichen nahezu im Minutentakt. Nach ihrer Rückkehr vom Spaziergang stürzt sich Fianna nicht auf die Katzenschüsseln, um etwaige Reste sofort zu verwerten, sondern verkrümelt sich achtlos im Wohnzimmer. Dabei ist Bandit Rossis Schüssel heute noch fast halbvoll geblieben (nein, der ist nicht schwanger, nur auf wichtiger Mission im Mangfalltal unterwegs. Manchmal lassen die Geschäfte halt kein entspanntes Frühstück zu). Wir machen Fianna auf diesen Schatz aufmerksam, sie bewegt sich schleppend zu ihm und räumt das Schüsselchen mit langen Zähnen aus. Aha! Ihr morgendliches Trockenfutter verleibt sie sich widerstrebend ein: ein Löffelchen für Papa Fetzi, ein Löffelchen für Mama Franzi, ein Löffelchen für Tante Anouk. Dann der Top-Alarm: Wir räumen unsere Frühstücksreste ab - und Fianna liegt abseits, fast könnte man meinen, sich selbst bemitleidend, dass sie sich nicht in der gewohnten Verfassung fühlt, uns das leidige Geschäft der Entsorgung von Käse- und Wurstresten abnehmen zu können.

Als der Chef später von einer kurzen Einkaufsrunde zurückkehrt, erwartet ihn nicht überschäumende Wiedersehensfreude, sondern gerade mal reduziert schwanzwedelnde Wiedererkennungsfreude: Schön, dass du auch wieder da bist. Dann liegt sie stundenlang herum, lauscht dem Wunder, das sich in ihr zu vollziehen scheint und zählt Herztöne.

 

Sonntag, 9. August 2015 (25. Tag n.B.)

Fiannas Napf am MorgenEin nicht geleerter Napf!Es bleiben Frühstücksreste in der Schüssel, Fianna hat keinen Appetit. Abends verweigert sie die Hälfte ihrer Fleischration. Dazwischen ist Aurin, einer der Verbliebenen Anouk-Kinder aus dem A-Wurf, zu Besuch. Für seine elfeinhalb Jahre ist Aurin immer noch in prächtiger Verfassung, als er sich aber schüchtern und mit langer Nase Fiannas Hinterteil nähert, muss er das Gefühl haben, von einem Bulldozer abgeräumt zu werden; der alte Herr kann gar nicht so schnell schauen wie er unter die Räder kommt. Fianna ist mittlerweile höchst ungnädig in allen Dingen, die ihren höchst privaten Bereich angeht und die den Fortgang ihrer Bemühungen beeinträchtigen könnten. Auf unserem Spaziergang mit Badestopps an der Mangfall kommt ihr gar in den Sinn, einer fremden Hündin hinterher zu rennen und ihr das Aufenthaltsrecht in diesem nur offiziell öffentlichen Raum zu entziehen. Fianna, die nie auf die Idee gekommen wäre, irgendeinem Artgenossen hinterher zu sinnieren, versucht ihn jetzt von ihrem Hinterhof zu verjagen! Gut, wenn man die vorhergehenden Anzeichen richtig gedeutet hat und den Versuch unterbinden kann, bevor das verwirrte Mutterhirn den Befehl zur Tat geben kann. Wieder zurück, zieht sie sich anstandslos unter den Wohnzimmertisch zurück und macht keine Anstalten, uns allen draußen im Garten Gesellschaft zu leisten. Statt Sonnenreife entscheidet sie sich für Niedrigtemperatur-Brüten. Und Aurin kann ihr gleich ganz gestohlen bleiben. Wie Hormone doch den Charakter verändern können.

Um 22:30 Uhr besteht sie auf sofortige Öffnung des Schlafgemachs: Fianna hat für heute fertig und will, dass daran kein Zweifel aufkommt.

 

Montag, 10. August 2015 (26. Tag n.B.)

Das Platinum-Frühstück wird zur Gänze verschmäht.

Draußen baut sich wieder ein enormer Wärmekessel auf, ein Brutofen sozusagen, als wir uns auf den Weg machen, um letzte Klarheit über Fiannas Zustand zu gewinnen, eine Fahrt, die wir uns nach den Anzeichen der vergangenen Tage auch verkneifen könnten. Aber natürlich will man wissen, weil wir aufgeklärte Westmenschen immer alles wissen müssen und weil wir außerdem gerne einen Beleg in Form eines Fotos in Händen halten möchten, denn: Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause (und in die Welt hinaus) tragen.

Ultraschall vom 10. AugustGiselher und Guccipuppe - Zwei von Fiannas BauchtanzgruppeUm 9:15 Uhr liegt Fianna mit den Beinen gen Himmel auf dem Ultraschall-Tisch und gibt schon wenige Sekunden später ihre intimsten Geheimnisse preis: Es wuselt nur so in ihrem Bauch. Es scheint fast, als ob die ganze Bande sich nach vorne drängt, um aufs Bild zu kommen. Acht Geht-Dochs zählen wir; wie viele am Ende in der Kiste liegen, wird sich zeigen. Für alle, die es noch genauer wissen wollen als wir: Nein, über die Geschlechterverteilung können wir noch keine Auskunft geben und nein, zur Farbverteilung können wir auch noch nichts sagen.

Das Frühstück im Kolbermoorer KesselhausEIn Hoch auf Fianna und die GsNach der Offenbarung machen wir einen Einkehrschwung im angrenzenden Fressnapf (unverzichtbares Ritual!) und versorgen Fianna mit getrockneten Hühnerbrustfilets, die sie ohne Mäkelei akzeptiert, genehmigen uns anschließend ein dem Ereignis angemessenes Frühstück im Kolbermoorer Kesselhaus und verschicken die frohe Botschaft in die ganze Welt.

Da nun kein Zweifel mehr am G-Lingen des G-Wurfs besteht (es sei denn, die ganze Wut des Zeitalters entlüde sich über uns), beginnen wir unverzüglich mit den Blues-Routinen: Wiegen und Messen. Beim Tierarzt nehmen wir gleich mal das aktuelle Gewicht der werdenden Mutter zu Protokoll: 29,5 kg, das ist 1 kg weniger als das letzte verbürgte Gewicht beim Progesterontest am 2. Juli. Die Futtermäkelei wirkt sich also schon vorteilhaft aufs Gewicht aus. Gemessen wird später der Körperumfang direkt hinter den Vorderbeinen (vorn), in der Körpermitte (Mitte) und direkt vor den Hinterbeinen (hinten). Die Ausgangsmaße vom 10.08.15 betragen demnach 73 (v) - 69 (M) - 61 (h).

 

Dienstag, 11. August 2015 (27. Tag n.B.)

Der Tag verläuft ruhig und unspektakulär bei wieder über 30° C. Fiannas Ernährungsdisziplin entspannt sich leicht, ist aber noch immer weit vom Standard entfernt. Außer dass die Freudenschreie noch immer auf allen Kanälen zu uns vordringen, gehört dieser Tag zu den chronistischen Streichtagen.

Donnerstag, 13. August 2015 (29. Tag n.B.)

Gestern sind wir zu einem letzten, kurzen Urlaub aufgebrochen, bevor sich die großen Ereignisse unser bemächtigen. Wir fahren in die Mecklenburger Seenplatte. Einen ersten Stopp legen wir bei unseren Freunden Ellen und Dirk in Dessau ein, die von einer blonden Hovawartin namens Banja in Schach gehalten werden. Da diese wie auch unsere Schwarze den Stolz italienischer Frauen in sich trägt (die unsere eigentlich nur, wenn sie auf Mutterschaftstrip ist und etwas zu verteidigen hat), jedenfalls genug, um sich Konkurrenz vom Leib halten zu wollen, vermeiden wir eine Vergesellschaftung der beiden Giftnudeln und verfügen einen umschichtigen Hof- bzw. Gartengang, während die andere unter Verschluss ausharren muss. Fiannas erste Amtshandlung in Banjas Garten ist die Freisetzung einer gewaltigen Duftmarke mittels Blase. Als Banja später die Gelegenheit bekommt, diese Ungeheuerlichkeit zurechtzurücken, zuckt sie zurück, sie schnüffelt und stutzt, sie schnüffelt und staunt, sie schnüffelt und dreht eine Runde durch den Garten, schnüffelt und pinkelt endlich eine scheues Tröpfchen über Fiannas Duftbanner, vermeidet es aber, ihr Düftchen scharrend zu verteilen. Werdende Mütter, so lernen wir zum wiederholten Mal, genießen einen uneingeschränkten Respekt, dem man sich sogar im eigenen Revier unterwirft.

Fianna Elbe 200Fianna an der Elbe in DessauHeute Morgen nun machen wir einen ausgedehnten Spaziergang an der Elbe. Fianna darf schwimmend erfahren, dass die Elbe einiges mehr an Strömung mit sich bringt als die vertraute Mangfall, aber ihre Erfahrung lässt sie nie in Schwierigkeiten kommen. Anschließend legt sie ein weiteres Zeugnis vom Größenwahn der Mutterschaft ab: Nachdem der Chronist den Morgenkaffee in die Büsche des Elbedamms abgeschlagen hatte und gerade noch dabei war, am Hosentürl zu nesteln, hockt sich Fianna vor seine Zehenspitzen und neutralisiert mit erhobenem rechten Bein seine Duftmarke! Genau so hatte sie vor Tagen die Duftmarke der Chefin zunichte gemacht, als sich diese von überflüssiger Flüssigkeit im Dickicht des Mangfalltals befreit hatte. Empört hatte die entthronte Chefin von dem ungeheuerlichen Vorgang berichtet - und was hat sie nun zu der neuerlichen Ungeheuerlichkeit beizutragen? Sie pinkelt sich fast in die Hose vor Vergnügen. Da muss man sich nicht wundern, wenn einem das Wachpersonal über den Kopf wächst.

Wir fahren weiter zum Naturcamp Bikowsee bei Zechlinerhütte. Das ist nur ein Campingplatz und kein Nudistenverein, auch wenn der Name das vermuten lassen könnte. Zu Fiannas weiterer Befindlichkeit ist nur so viel beizusteuern, dass sie noch immer nicht wieder ihren alten Appetit wiedergefunden hat, aber wenigstens nicht mäkelt.

Es ist auch hier sehr warm, aber die 32° C wirken unter dem stetigen Wind deutlich angenehmer.

 

Samstag, 15. August 2015 (31. Tag n.B.)

Fianna Langhagensee 200Fianna am LanghagenseeWir fahren nur knappe 30 Kilometer weiter in Richtung Nordwesten nach Sewekow am Langhagensee und machen dort bei den Ilgners, den Hovawartzüchtern vom Langhagensee fest. Sie haben hier mit ihrem Feriengut Sewekow ein richtiges Hundeparadies geschaffen mit Übungsplatz und Allwetterhalle für alle Sportarten, die Hundesportlern gefallen können. Natürlich stehen hier auch Ferienwohnungen und Zimmer zur Verfügung, was uns aber nicht betrifft, weil wir ja unseren bewährten Franz haben. Wir legen uns an den Rand der riesigen Übungswiese unter einen Apfelbaum und kommen uns vor wie der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Nach kurzem Stutzen und Staunen findet sich auch die Mutter Fianna mit all den Labradoren, Schnauzern, Pudeln und Mischlingen ab, die hier wie selbstverständlich überall herumwuseln. Offenbar wird ihr schnell klar, dass die Erfolgsaussichten, ihre Kinder gegen diese Übermacht zu verteidigen, ausgesprochen gering sind, weshalb es sich wohl anbietet, die anderen einfach zu akzeptieren und zu ignorieren und zu hoffen, dass keiner etwas Böses gegen ihre Brut im Schilde führt.

 

Sonntag, 16. August 2015 (32. Tag n.B.)

Nach dem Frühstück machen wir eine ausgedehnte Runde um den Langhagensee. Die Luft ist angenehm temperiert, einige Wolken schwimmen über den Mecklenburger Seen und Fianna hat genug Möglichkeiten, ihre Babys zu kühlen.

Wir finden, dass sie seit der letzten Maßnahme wieder etwas zugelegt hat und bemühen unser Maßband -und das ist das Ergebnis:

Datum Vorne Mitte Hinten Gewicht
10.08. 73 69 61 29,5
16.08. 73 72 62

Wieder mal geht es in der Mitte, am Brustkorb los, nicht etwa, wie man meinen möchte, hinten am Bauch, wo man Kinder üblicherweise vermutet.

Der Rest des Tages ist süßem Nichtstun und viel Geplauder gewidmet. Um 18:30 Uhr darf Fianna dann noch zeigen, ob sie in Sachen Unterordnung schon alles vergessen hat; und sie gibt sich keine Blöße. Sie weiß noch, wie es geht, auch mit einem leicht gedehnten Bauch.

Um 22 Uhr zieht ein heftiges Gewitter über das Ilgner’sche Hundeparadies und der Regen platzt so spontan vom Himmel, dass der Chef nach den fünfzig Metern zwischen Restaurantterrasse und Franz einmal ganzkörpergeduscht ist. Ein bisschen Regen kann nach der langen Hitze ja nicht schaden, obwohl nach Meinung des Chronisten gerne andere hätte treffen dürfen.

 

Montag, 17. August 2015 (33. Tag n.B.)

Um 8 Uhr ist der Himmel noch immer umwölkt, es windet und hat 20° C. Fianna zeigt einen langsam sich an die Norm anlehnenden Appetit, obwohl sie den Napf noch immer nicht vergewaltigt, sondern sich ihm angemessenen Schrittes nähert.

Nachmittags nehmen wir uns einen Rundgang um den Sewekowsee vor, vier Kilometer nur, wie es ausgewiesen ist, weil es nach dem nächtlichen Regen und den jetzt schon wieder erreichten 25° C sehr schwül und drückend ist, und wir der Meinung sind, dass wir immer noch keine sautierten Welpen brauchen, weshalb uns eine kurze Runde angemessen scheint. Aber die hiesige Streckenausweisung macht aus den vier Kilometern mal eben neuneinhalb und zwei Stunden Gehzeit, weil wir immer wieder in toten Waldwegen hängen bleiben und umkehren müssen. An Badegelegenheiten mangelt es Fianna dafür nicht. Der werdenden Mutter ist es unübersehbar schnurz, ob sie vier Kilometer oder zehn heruntertippeln muss.

 

Dienstag, 18. August 2015 (34. Tag n.B.)

Fiannas morgendliche Angewohnheit, sich zu Herrchen ins Bett zu schmiegen und eine kleine Streicheleinheit abzuholen, lässt diesen erstmals spüren, dass sich ihr Bauch langsam zum Kinderbäuchlein wölbt und stramm wird. So langsam kommt auch ihr Appetit wieder zurück und verdrängt die Mäkelei.

Fianna Boot 200Fianna und Clara auf Bootstour - alles im BlickUm 10 Uhr brechen wir zu einer Bootstour auf. Auf dem hauseigenen Pontonboot mit Ledersitzen und Baldachindach gegen die gelegentlich gnadenlose Sonne des Mecklenburger Vorlandes schnurren wir vom Mirower-See durch den Kanal hinüber in den Zotzensee und weiter in den Großen Peetsch-See. Außer Fianna sind noch Klein-Clara vom Langhagensee, gerade mal 18 Wochen alt, an Bord, dazu Yuma, der pfiffige und muntere Nachwuchs-Elo und Lieblings-Spieli von Clara, auch erst fünf Monate alt, sowie der behäbige und durch nichts, außer durch Streicheleinheiten zu beeindruckende siebenjährige Elo Harvey, Yumas Hausgenosse. Fianna findet die rauschende Fahrt übers Wasser anfangs ziemlich spannend, beschränken sich ihre seemännischen Erfahrungen doch auf eine ballettartige Ruderbootfahrt über den See bei Wysoka, letztes Jahr in Polen, wo ihr Augenmerk mehr auf den chaplinesken Bemühungen des Ruderknechts lag, als auf dem Seegang. Ansonsten hat sie nur reichlich Erfahrung im Wassertreten. Jetzt aber geht es flott dahin und die Ufer fliegen nur so vorbei. Da muss man schon schauen, wo man ist und wo man bleibt. Kanus und Touristenboote jeder Form und Größe, Motorboote und Segler, links und rechts, Schwäne, Enten und Reiher - nur die erhofften Seeadler machen sich rar, sehr rar, ganz und gar rar sogar. Bald ist der Reiz des Neuen und der Geschwindigkeit dahin und Fianna legt sich auf ihre Schlafpfote und döst vor sich hin. Vielleicht erzählt sie ja ihren Kindern vom Käpt`n Blaubär. Bootsfahrt Hundespiel 200Wildes Spiel beim Tourstop - da hatten alle ihren SpaßAm Großen Peetschsee geht die Bootspartie dann an Land zum Kaffee- und Kuchenfassen (exzellent und hausgemacht!). Die vierbeinigen Passagiere toben sich an Land und im Wasser aus, und sogar der schläfrige Harvey findet Gefallen an Fianna, so viel Gefallen, dass er in einen seit langem nicht mehr gesehenen Galopp verfällt, was seine Herrschaften nicht nur in grenzenloses Staunen, sondern vor allem in pures Entzücken versetzt; es ist noch Leben in dem Hund! Fianna macht’s möglich. Dann geht es zurück und Fianna gewinnt die Erkenntnis, dass Schwangerschaft nicht seekrank machen muss und sogar Frauchen nach drei Stunden gänzlich ohne Farbverlust einem Boot entsteigen kann. So sehen erfolgreiche und merk-würdige Tage aus.

Am frühen Abend darf die werdende Mutter eine Fährte suchen, die es in sich hat, aber auch diese bewältigt sie ohne sich eine Fehl und Tadel.

 

Mittwoch, 19. August 2015 (35. Tag n.B.)

Wir fahren in den Bärenwald nach Stuer. Hier leben in einem riesigen Areal Bären, die aus schwierigen Haltungsbedingungen kommen und hier ein unbeschwertes Bärenleben führen können. Fianna lässt sich keinen Bären aufbinden, findet die tapsigen Kerle aber ausdrücklich interessant, was diese auch mit einigem Interesse erwidern. Allerdings ist ihnen auch anzumerken, dass Fianna nicht der erste Hund ist, dessen sie ansichtig werden. Ob die vorgeburtliche Begegnung der Welpen mit Bären später zu einem besonderen Faible für Bärendreck (hochdeutsch: Lakritze) führt, müssen die späteren Futtermanager von Fiannas Kindern selbst herausfinden.

Sonnenuntergang Spiel See 200Spiel im Plauer See bei Sonnenuntergang - und Fianna ist wieder fitUnser heutiges Endziel ist ein Campingplatz bei Malchow am Plauer See. Um 17:30 Uhr befindet die Chefin, dass wir am See entlang die etwa 4,5 km nach Malchow radeln sollten, um uns die Inselstadt anzuschauen. Allerdings ist das Kilometerguthaben schon fast aufgebraucht, als wir den Wald nach zwei pudelnassen Badestopps verlassen und eine wenig befahrene Landstraße benutzen müssen. Das bedeutet für Fianna: an die Leine. Und wenn das Landei etwas überhaupt nicht leiden kann, dann ist das Fahrradfahren an der Leine. Als wir dann mit vielen guten Worten unsere Schwangere bis Biestorf gelockt hatten, sind es immer noch drei Kilometer bis Malchow. Und schön langsam wird das Mutterschiff schwergängig und der Chef kocht inwendig ob einer solch miserablen Entfernungsangabe. In Malchow drehen wir nur eine kleine Runde und die schuldbewusste, aber nicht wirklich schuldige Chefin schwingt sich wieder aufs Rad, düst mit Doppelturbo zurück zum Campingplatz, während der Chef mit seiner werdenden Mutter an der Hafenpromenade auf ihre Rückkehr wartet. Schon eine knappe Dreiviertelstunde ist sie mit dem Womo zurück, wir verladen das Mutterschiff im Urlaubsschiff und fahren zurück. Wenn man nicht alles vorher überprüft und den offiziellen Angaben Glauben schenkt… Wir verschwinden noch schnell am Hundebadeplatz, um den Sonnenuntergang zu begleiten und Fiannas schon längst wieder auf Normaltemperatur gekühlte Läufer nochmal zu kühlen. Dann ist auch dieser Tag Geschichte.

6. Woche – Donnerstag, 20. August 2015 (36. Tag n.B.)

Fianna will die morgendliche Schmuserunde gar nicht mehr beenden und besteht darauf, dass der Chef jedes ihrer Kinder einzeln begrüßt und bekrault. Das zieht sich, bis die Chefin auf das Einhalten der Tagesordnung besteht und die beiden aus dem Bett rüffelt. Kinder bewegen und baden steht auf dem Tagesplan. Dazu fährt sie mit der Bettverliebten wieder hinüber in Richtung Biestorf, wo es eine Reihe idyllischer Badeplätze im Wald gibt.

Wisent Fianna Bank 200Fianna und das WisentMittags verlassen wir Malchow, erst um einen Besuch im Wiesentreservat am Damerower Werder bei Jabel-Damerow zu machen. Lange zeigt sich keines dieser Ur-Rinder, weil ein Forstmitarbeiter mit dem Traktor Pflegearbeiten im Gehege vornimmt und es den Rindviechern bei 26° C im schattenlosen Gehege zudem vermutlich zu warm ist, weshalb sie sich in ihre Stallungen zurückgezogen haben. DaWisentgehege See 200Auch im Wisentreservat gibt es einen See zum Abkühlennn aber rümpft Fianna die Nase und tatsächlich liegt ein graubrauner Fellberg im Gelände. Der Traktor ist gegangen und Johnny Wiesent ist gekommen. Im Unterschied zur interessierten Kontaktaufnahme mit den Bären, scheinen sie die nun immer mehr herumlungernden Rinder kaum zu interessieren, außer für einen Augenblick, als alle hinter einem aufs Gelände fahrenden Traktor mit einer Ladegabel voller frischer Birkenäste her galoppieren und den Boden ordentlich in Schwingung bringen; da macht sie eine lange Nase und zeigt deutliches Interesse, aber für mehr als das sind sie noch immer zu weit weg, da reicht es weder zu Neugier noch zu Panik. Als Bettgeschichte für die Kinderschar taugt die Angelegenheit sicher auch nicht. Da ist die superfreundliche Bedienung draußen im Restaurant, die uns Kaffee und Kuchen bringt, schon eher einen Eintrag ins Tagebuch wert; die hat nämlich als Sonderservice für alle Vierbeiner immer ein paar Frolics auf dem Serviertablett, was sie zur beliebtesten Person im weiten Umkreis macht. Dem kann sich Fianna uneingeschränkt anschließen.

Wir fahren weiter nach Waren an der Müritz und legen uns im Campingplatz Ecktannen vor Anker. Fianna darf noch einen Erkundungsspaziergang machen und später, als die Herrschaften zum Essen gehen, das Auto bewachen. Dagegen hat sie nichts einzuwenden – solange sie nicht noch einmal ihren Bauch voller Kinder kilometerweise am Fahrrad bewegen muss...

 

6. Woche – Freitag, 21. August 2015 (37. Tag n.B.)

Der Tag des Herrn beginnt mit einem Ellenbogenstoß in seine Rippen. Flüstern. „Schau mal. Vorsichtig. Da unten.“ Der Herr schaut weniger vorsichtig als schlafmützig nach unten und sieht seine Fianna, wie eine Katze eingerollt, nahezu atemlos am Fußende des Bettes kauern, dort, wo der Kühlschrank das Ende des Bettes markiert. Klammheimlich hatte sie sich ins Bett geschmuggelt und keiner hat etwas bemerkt. Als sie zur Kenntnis nimmt, dass weder Schalmeien noch Bombarden und schon gar keine Pauken und Trompeten sie aus ihrem Schlupfwinkel vertreiben wollen, beginnt sie entspannt mit der morgendlichen Körperpflege. Das hat sie ja noch nie gemacht! Also das mit der Körperpflege schon, aber ins Bett ist sie nie heimlich geklettert, sondern hat immer erst um Einlass gebeten. Kindertragende Mütter verlieren offenbar jegliche innere Ordnung und haben nur noch das Wohl ihrer Brut im Sinn. Wir sind einigermaßen gerührt, wohl wissend, dass diese Rührung das Ende unserer uneingeschränkten Nachtruhe bedeuten kann, die wir nach Anouks Ableben genossen; endlich das ganze Bett nur für uns. Aber sollen wir diese fellbezogene Brutkiste aus unserem Bett vertreiben wie weiland die Heilige Familie aus jedem Haus vertrieben worden war? Wir hoffen auf eine Rückbildung nach der Geburt, nicht nur der Körperformen, sondern auch der Umgangsformen.

Im Übrigen finden wir schon, dass sich ihre Körperformen, speziell um den Brustkorb herum, weiter gedehnt haben und sie gelegentlich so eine Art watschelnden Müttergang zeigt (die Chefin nennt diese Art der Fortbewegung respektlos „nutteln“). Außerdem, und daran besteht nun kein Zweifel mehr, ist die Futtermäkelei der Bettelei gewichen; während unserer Spaziergänge tänzelt sie nun unentwegt neben uns her und bittet um eine kleine milde Gabe. Wir werden also bald auch das gesamte Futtergeschehen den neuen Bedingungen anpassen müssen.

Wir verbummeln den ganzen Tag ohne nennenswerte Aktivitäten, gönnen der haarigen Tragetasche die Ruhe, die sie benötigt und genießen den weiß-blauen Mecklenburger Tag bei zauberhaften 26° C.

Abends hauen wir uns vier (4!) mächtige Miesbacher Bio-Lendensteaks auf den Grill, weil die einfach mal dran sind. Allerdings überfordern sie unsere Magenkapazität erwartungsgemäß bei weitem, was Fiannas Helfersyndrom aktiviert, welches wir dann auch dankbar in Anspruch nehmen: eins der vier Lendensteaks wandert in die Kinderhöhle zu dem vorher verabreichten Euter mit Gemüse. Die Plagen brauchen was für die Muckis. Und Fianna gleitet fast nahtlos von der Mäkelei über die Bettelei in die Gefräßigkeit hinüber.

Und weil hier nichts mehr los ist, gehen wir früh schlafen...

 

6. Woche – Samstag, 22. August 2015 (38. Tag n.B.)

… und stehen dafür spät auf.

Heute gibt es nur einen kurzen Morgenspaziergang, weil wir noch ein bisschen etwas auf der Agenda haben. Kurz bevor wir aufbrechen, überreicht uns eine abreisende Nachbarin eine fast volle Packung Wurst und Käse. Diese Nachbarin, die uns bislang nicht mehr als beiläufig aufgefallen war, ist uns seit gestern sehr wohlgesonnen, weil Fianna das ausgiebige Zärtlichkeitsbedürfnis ihrer Tochter mit stoischer Ruhe und freundlicher Hingabe ertragen hatte: Streichelexerzitien bis zum Fellverlust (welcher nach dem Wurf sowieso auf dem Programm steht). So macht man sich Freunde, ohne etwas leisten zu müssen. Und Nachschub für den Kühlschrank gibt es obendrein. Wenn man es richtig anstellt, verursacht ein Hund eben nicht nur Kosten, sondern reduziert sie sogar.

Waren Fianna 200Schnell noch die Kinder kühlen, bevor es dann in die Stadt gehtUm 11 Uhr spazieren wir am Ostufer der Müritz entlang nördlich nach Waren. Und so ein Marsch von ungefähr 3,5 Kilometer kann sich hinziehen, nicht nur wegen der Badestopps, sondern wegen der Gespräche. „Wat’n dat för eener?“ „Ein Hovawart.“ „Een wat?“ Und schon ist man bei der Rasse- und Charakterbeschreibung des Hovawarts, immer unterbrochen von „so’n Schnieker“ und „so’n jlänzendes Fell, nich“. Wenige Meter später bricht eine Fahrradfamilie aus dem Schilf: „Ja, wat ham wer denn da? Een Hovawart. Sieht man ooch selten.“ „Noch seltener jemand, der einen Hovawart erkennt.“ „Ja, wat jloobste, ham ja selber een jehabt.“ Und schon lernt man alles über die Tugenden und Untugenden des Verblichenen und seiner Herrschaften im Allgemeinen und Speziellen. Das kann sich ziehen und das aktuelle Objekt der Begierde steht gelangweilt wie angewurzelt und lässt die Huldigungen über sich ergehen.

Es ist schon reichlich nach 12 Uhr, als wir endlich die Hafenpromenade von Waren erreichen, wo wir von lautstarker Schlagermusik empfangen werden: Müritz-Lauf! Wir stehen mit nur wenigen Schlachtenbummlern am Zieleinlauf, legen Fianna in den Schatten unter eine Promenadenbank und haben mit drei verhinderten Läuferinnen, die auf ihre Liebsten und Laufkollegen warten, viel Spaß und Abwechslung, während sich Fianna sichtlich langweilt. Der Sieger der kurzen Strecke (26,5 km von Röbel nach Waren) läuft, von uns Wenigen frenetisch bejubelt, um 12:40 Uhr mit einer Zeit von 1:40:31 h durchs Ziel. Bei dieser Hitze ist das einen ordentlichen Applaus wert. Der Sieger des 75-km-Ultras (rund um die Müritz) wirft sich um Viertel nach eins krumm und steifbeinig mit 5:14:23 h ins Ziel. Mein lieber Herr Schieber. Der nächste Ultra kommt fast eine Stunde später ins Ziel, aber den sollten wir gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, weil wir noch ein bisschen mehr von Waren sehen wollen als bollestolze, aber ziemlich heruntergewirtschaftete Freizeitsportler. Aber wir blicken uns an und denken, ja nicken uns zu, dass es kein Fehler wäre, die HighTech-Pneus wieder mal in Betrieb zu nehmen. Aber sicher werden wir das machen!

Wir bummeln in die Ortsmitte und hinunter zum Hafen, dann wieder zurück, weil es uns nach Süßem ist, leisten uns im Café Müritz Eiskaffee und Marzipantorte (denken dabei an die Notwendigkeit einer Re-Aktivierung der Pneus) und stapfen wieder hinunter zur Steinmole, von wo wir uns mit der "MS Sonnenschein" in 15 Minuten zum Anleger Waldschänke, südlich des Campingplatzes schippern lassen, von wo aus es nochmal zirka ein Kilometer zu Fuß am See entlang zum Campingplatz zurück geht und Fianna sich wieder ein bisschen im Wasser austoben kann. Um 16:20 Uhr sind wir bei wolkenlosen 26° C wieder am Campingplatz.

Mueritz Sonnenuntergang 200Abschied von der MüritzDas war bei aller Langeweile einiges, was der Fellzwerg da heute zu bewältigen hatte. Aber sie war in jeder Lebenslage unerschütterlich, vor allem ist bei ihr nun das eh schon schwach ausgeprägte Artgenossen-Wahrnehmungsprogramm wegen Reizüberflutung nahezu gänzlich deaktiviert. Um es auf bayerisch zu sagen: Andere Hunde gehen ihr inzwischen am Arsch vorbei. Sie nimmt sie hoheitsvoll distanziert, dann immer freundlich, meist aber gar nicht wahr. Sogar ein keifendes Fellknäuel auf dem Schiff, eine Art Havaneser, das in den schützenden Armen seines missmutigen Herrchens kurzerhand und heftig explodiert, dass es nicht nur beinahe in der Müritz landet, sondern sein gewichtiges Herrchen fast mit hinunter reißt, lässt sie nur einen gelangweilten Blick über die Schulter werfen; Fianna hat das Arroganzprogramm aktiviert, das die andere Seite des Hovawarts ausmacht - Hochmut an der Grenze zur Blasiertheit.

Was uns heute besonders auffällt, sind die Wassermengen, die sie in sich hineinlitert. Sie säuft richtig viel inzwischen. Wir sehen in den Aufzeichnungen von Franzi nach und finden einen Eintrag: 'Franzi säuft wie ein Pferd'. So weit sind wir noch nicht, aber mit einem durstigen Landsknecht kann Fianna schon konkurrieren.

 

6. Woche – Sonntag, 23. August 2015 (39. Tag n.B.)

Es ist 7:30 Uhr und bei 17° C bewölkt. Wir haben keinen Plan, außer, dass wir heute weiter wollen.

Der Chef geht in die Dusche, damit wenigstens irgendetwas passiert, kurz darauf folgt ihm die Chefin, aber nicht in die Dusche, sondern zum Kiosk, um sich das bestellte Frühstück abzuholen. Selbstredend ist die bauchschwingende Mutter auch dabei. An der Abzweigung zur Dusche legt Fianna eine Vollbremsung ein und stürzt nach rechts, Richtung Dusche, wo ihre Nase den abgängigen Chef geortet hat und schraubt ihrer Chefin fast die Schulter aus dem Torso - Man-Trailing ohne eine einzige Übungseinheit. Die Sinnesleistungen eines Hundes sind immer wieder beeindruckend, aber auch die Willensleistung einer tragenden Hündin, die anscheinend zu allen anderen Lebenserhaltungsstrategien auch das Familienerhaltungsprogramm in Betrieb genommen hat: sie will, dass die Familie zusammenbleibt und ihre Kinder nicht alleinerziehend groß werden müssen. Wenn schon Vater und Mutter getrennte Wege gehen, sollen wenigstens Oma und Opa zusammenbleiben. Daran soll es nicht scheitern. Als die beiden auf dem Rückweg den Duschabzweiger wieder passieren, treffen sie auf den frisch duftenden Herrn des Blues, was Fianna zu einem ungewohnten Fluchtversuch verführt, hin zum Herrn, und ihn begrüßt wie einen Kriegsvermissten. Zur Belohnung bekommt sie sein Duschhandtuch überreicht und darf es nach Hause tragen. Und wie sie das macht, mit stolz erhobenem Haupt und ebensolcher Rute das gefaltete Handtuch im Maul, vorbei an all den Sonntagsfrühstückern, die das erste Highlight des Tages erleben dürfen und sich vor Freude und Rührseligkeit kaum einkriegen; Fianna ist der Star des Campingplatzes Ecktannen! Bis vors Haus trägt sie das Handtuch, keinen Zipfel lässt sie entwischen, bis wir ihr das Schmusetuch abnehmen. Und dann gibt es Frühstück satt - und ganz zum Schluss verzichten die Herrschaften für die gezeigte Show-Einlage sogar auf ein Stück ihres Rosinenbrötchens. Kann man schon mal machen, wenn der Empfänger Außergewöhnliches geleistet hat und zudem 24 Stunden am Hungerast nagt.

Wir befragen verschiedene Wetterorakel: wie schaut's aus in Schwerin, in Wismar, Rostock und ganz oben an der Küste, Zingst, Darß? Gewitter, Regen bis weit in die Woche hinein ist die Antwort. Gegenprobe Bayern: Heute, morgen Gewitter und Regen, dann aber Sommer und nichts als Sonne. Wir müssen nicht viel diskutieren, sondern packen, ver- und entsorgen den Franz und drehen um 10:45 Uhr dessen Nase gen Süden. Tschüß, Verzeihung: Servus McPomm, es ist schön hier, aber für den Rest unserer Ferien haben wir anderes als Regen im Sinn. Außerdem haben wir den Eindruck, dass auch die werdende Mutter anderes im Sinn hat als Städtebesichtigung, herum watscheln (nutteln!) und sich unter Caféstühlen zu langweilen. Wir denken auch, dass ganz langsam die Vorbereitungszeit losgehen sollte - was bestimmt nicht heißen soll, dass die kleine Schwarze jetzt drei Wochen beweihräuchert, mit Myrrhen gesalbt und gepudert wird. Das ganz bestimmt nicht, aber ihren Bedürfnissen wollen wir schon gerecht werden..

Wir stechen durch, von Nord nach Süd. Ohne Verweilen, außer zwei Tankstopps in Malchow und in Pfaffenhofen, eilen wir Nonstop (na gut, mehr als eine Stunde müssen wir den unvermeidlichen Staus opfern) ins Blues-Revier und schalten das Triebwerk um 21:30 Uhr ab. Fianna hat eine reichlich volle Blase, weil sie einen Pinkelstopp, den wir ihr angeboten hatten, ignorierte und stapft jetzt mit voll ausgebaumter Rute um unsere nach Regen und Gewitter gespenstisch dampfende Abendwiese: alles wieder meins, verstanden! Sie ist wieder zuhause. Und wir demnach auch.

 

6. Woche – Montag, 24. August 2015 (40. Tag n.B.)

Die Tagesroutinen setzen wieder ein, der Urlaub ist vorbei: Spazierengehen, das große Revier nach Veränderungen scannen, Bandit Rossi nerven, was eben so ansteht. Und dazu gehört das Sauigeln und sich in totem Fisch wälzen! Zehn Tage waren wir nun bei den östlichen Fischköpfen, ohne Beanstandungen verzeichnen zu müssen und am ersten Morgen in der Heimat schmeißt sich die gelegentlich bis zur Blasiertheit Hochmütige wie berauscht in toten Fisch und stinkt wie der ganze Hamburger Fischmarkt, nur deutlich überlebter. Nach unzähligen Badegängen ist nun ein Duschgang mit Power-Shampooing angesagt. Wer jetzt allerdings glaubt, das sei Höchststrafe für das Sensibelchen, und zu denen gehörten wir bis jetzt auch, der irrt: die Mutter trottet in die Hundedusche, stellt sich unter die Brause und wartet auf den Segen von oben. Irgendwie haben werdende Mütter wohl doch einen Knall. SO WAS HAT SIE NOCH NIE GEMACHT! Und dann läuft sie durchs Haus, obwohl die Tür zum Garten offen steht und der Chef draußen Frühstück bereitet, und schüttelt sich aus schierer Bosheit an jeder Ecke, bis kein Tropfen mehr in ihrem Fell hängt. Na, warte - unser Tag kommt noch.

Wir erfahren, dass Bjarnis Zweitgeliebte, also jene Escada, mit der er sich parallel zu Fianna vergnügte (man erinnert sich?), heute bereits ihr Kinderzimmer eingerichtet hat: Wurfkiste aufgebaut, Schnullerschnüre von und Sternenhimmel an die Decke gehängt. Dieser Zeitpunkt wird wohl auf einschlägigen Internetseiten empfohlen. Und wir, was machen wir mit unserer Schwangeren? Wir hetzen sie durch den märkischen Sand, schleppen sie durch Städte und Fluren, locken sie über dürre Fährten und erwarten eine anständige Unterordnung, auch wenn der Bauch schon ein bisschen im Weg ist. Sind wir Rabengroßeltern? Sind wir sturbayerisch unsensibel? Haben wir keinen funktionierenden Internetzugang oder das Herz nicht am rechten Fleck oder etwa gar keines? Wahrscheinlich haben wir einfach noch keine Lust, uns jetzt schon das Heim mit Kindermöbeln vollzustellen. Wir finden, auch wir haben ein Leben vor der Geburt.

Aber zu etwas anderem haben wir Lust, zu einer weiteren, überfälligen Maßnahmen nämlich:

Datum Vorne Mitte Hinten Gewicht
10.08. 73 69 61 29,5
16.08. 73 72 62  
24.08. 75 78 67 33

Das ist ein Fortschritt, wenn auch keiner, wie ihn ihre Mama pflegte, die zur gleichen Zeit, schon einige Zentimeter mehr auf den Rippen und über 35 kg zu tragen hatte, was uns aber eher recht ist; sie soll ruhig langsam wachsen und zum Schluss etwas mehr Gas geben, dann hat sie nicht so lange so viel zu schleppen.

 

6. Woche – Dienstag, 25. August 2015 (41. Tag n.B.)

Die Welpen in Fiannas Bruthöhle sind jetzt etwa acht Zentimeter groß und fordern von ihrer Mutter unentwegt Nachschub, damit sie sich kräftig entwickeln können. Deshalb gibt es ab heute für Fianna mittags eine zusätzliche - dritte - Mahlzeit, eine Art Powerriegel: 100 g Hüttenkäse. Die Ration werden wir in den nächsten Tagen kontinuierlich bis auf 200 g anheben.

Heute Nachmittag ist wieder Fährtentag mit fast der kompletten Fährtengruppe und Fianna kann es kaum erwarten mitmischen zu dürfen, schließlich sind Schwangere zwar etwas behäbiger und schwerfälliger, aber krank sind sie nicht und Dynamik, Sprungkraft und Wendigkeit sind Tugenden, die beim Fährten nicht wirklich im Vordergrund stehen. Solide Nasenarbeit, Beharrlichkeit und Sorgfalt sind da gefragt, also nichts, was durch Schwangerschaft verloren ginge. Anouk und Franzi haben bis wenige Tage vor der Geburt mit Begeisterung gesucht, wenn auch stark verkürzte Fährten und bei günstigen Bedingungen, weil man mit einer solchen Last eben auch kurzatmig wird und den Ranzen mit sich schleppen muss. Aber unsere Mädels haben das immer genossen, und es scheint, dass auch Fianna nicht darauf verzichten möchte.

Ein Highlight ist, dass der ganze Suchtrupp noch bei uns einschwenkt und sich zu einer Grillrunde zusammentut; das lässt auf hochwertige Abfallverwertung hoffen - und natürlich hält die Wirklichkeit, was die Hoffnung verspricht.

 

6. Woche – Mittwoch, 26. August 2015 (42. Tag n.B.)

Mangfalltal Morgenspaziergang 200"Jetzt wirf schon den Ball"Es wird wieder ein sehr schöner Tag heute, so wie es die Wetterorakel versprochen hatten. Gestern war es nach einer verregneten Nacht vormittags noch durchwachsen, dann hat sich aber die Sonne durchgesetzt und uns einen schönen, wenn auch bereits herbstlich frischen Abend beschert. Um Viertel nach acht Uhr, als wir zu unserer Morgenrunde starten, hat es bei völlig blankem Himmel nur 11° C. Das ist die Temperatur, die keinen Hitzestau, auch nicht bei der Schwangeren, erwarten lässt. Und so bewegen wir die Mutter mit ihren Kindern gute eineinhalb Stunden, bevor wir uns gemeinsam mit den Wespen übers Frühstück hermachen. Auffällig ist, dass Fianna, nun wieder in ihrem Revier, unentwegt Duftmarken verteilt, was sie im Urlaub nicht tat. Da erledigte sie morgens, was zu erledigen war, und zwar in einer Monsterlache, und dann hielt sie dicht, bis die Blase wieder voll war - nicht ihr Revier, nicht ihre Baustelle, keine Ansprüche.

Ungebrochenen Anspruch auf ihren Ball hat Fianna aber weiterhin, den wir ihr zwar werfen, aber mit Rücksicht auf ihren Zustand doch sehr verhalten, schließlich sind sowohl Start- wie auch Endgeschwindigkeit fast schon auf Hush-Puppie-Niveau und das gilt auch für die erreichte Flugbahn. Es reicht also, wenn sie die Illusion einer Bällejagd pflegen darf.

Noch ein Phänomen kündigt nun unübersehbar von der nahenden Niederkunft: Haarbüschel, richtig viele kompakte schwarze Haarbüschel im Haus. Fianna verliert ihr Bauchfell, um die Zitzen freizulegen. Es geht also unaufhaltsam auf die Zielgerade zu.

7. Woche – Donnerstag, 27. August 2015 (43. Tag n.B.)

Dieser Sommer ist wirklich unkaputtbar; die Temperaturen steigen heute wieder auf 28° C.

Indes wachsen Fiannas Zitzen wie Schnuller aus ihrem Bauch. Es scheint, als ob diese Temperaturen jegliches Wachstum auf die Spitze triebe. Hoffentlich brütet uns Fianna keine Minimonster aus.

Maßnahme:

Datum Vorne Mitte Hinten Gewicht
10.08. 73 69 61 29,5
16.08. 73 72 62  
24.08. 75 78 67 33
27.08. 77 83 73 34

Ob Minimonster oder nicht, die Bande wächst heran und zwingt uns, darauf Rücksicht zu nehmen. Wir beginnen Futteranpassungen und Zugaben, wie Hanföl, Leinöl und Lebertran. Um den Phosphorgehalt von rohem Fleisch zu senken und vor allem, um Fiannas erhöhten Calciumbedarf zu decken, fügen wir Algenkalk oder Eierschalenmehl zu.

 

7. Woche – Freitag, 28. August 2015 (44. Tag n.B.)

Fiannas Babybauch wölbt sich nicht nur nach außen, sondern generiert eine Art Ressourcen-Verknappung im Inneren: der Wohnraum für die Kleinen expandiert zwar, aber der Platz für die interne Logistik wird massiv verknappt, weswegen Fianna nun schon öfter pinkeln muss und auch der Kotabsatz in der Menge kleiner, dafür häufiger wird.

Weil wir bei letzterem feststellen, dass Fiannas Kot sehr weich geworden ist, setzen wir den Hüttenkäse ab, den wir als Schuldigen identifizieren, und ersetzen ihn mittags durch proteinreiches Hühnchen mit Reis. Wenn es dann nicht besser wird, muss die Fehlersuche weiter gehen, allerdings finden wir in unseren Aufzeichnungen, dass auch Franzi Probleme mit dem Hüttenkäse hatte, Anouk allerdings nie, aber die hat sich auch von Schusternägeln und einem Kilo Krebsschalen nicht aus dem inneren Gleichgewicht bringen lassen. Man könnte seine eigenen Dokumentationen auch etwas früher zu Rate ziehen, wenn man sich schon die Mühe macht... Zumindest wären wir dann schon mal gewarnt gewesen.

Fiannas Wohlbefinden ist von dieser kleinen Unregelmäßigkeit jedoch in keiner Weise beeinträchtigt. Am liebsten liegt sie nun neben uns auf dem Rücken und ermuntert uns, ihren Bauch zu streicheln. Sie wirft dann alle beweglichen Teile von sich und grunzt wie ein lüsternes Schwein. Sollten wir aber mit dem Minnedienst in Verzug geraten, kommt sofort der Kopf in Mahnstellung, das Grunzen weicht einem beleidigten Fiepen und die Pfoten korrigieren die säumigen Kraulhände in die gewünschte Position. Kraulen bis zur Sehnenscheidenentzündung. Liab's Herrgöttle, das werden Weicheier werden.

Fianna Fuss 200Fianna mit Spass an der Unterordnung - trotz Tag 44 der SchwangerschaftNachmittags iFianna Fuss2 200Doch man sieht jetzt schon, welch dicken Bauch sie mitschwingtst bei 31° C Hundeplatz angesagt. Der Ehrgeiz hält sich dementsprechend in Grenzen und das Training findet überwiegend draußen unter den Sonnenschirmen statt. Dennoch absolviert Fianna eine kurze Unterordnungseinheit, die sie genießt und auch mit Sackbauch ziemlich federnd und triebig zeigt. Wer Spaß hat, lässt sich denselben eben nicht so leicht verderben.

Anschließend entschließen wir uns noch höchst spontan zu einem Einkehrschwung zum Wirt in Aying; Biergarten muss man nutzen, solange es geht. Auf der Suche nach zwei freien Plätzen (und einem unter dem Tisch), wird unsere entsprechende Frage mit der Antwort quittiert: "Ein Hovawart?!" Und damit haben wir einen Platz und ein sehr launiges und kurzweiliges Gesprächsthema für den ganzen Abend. Das Ehepaar aus Königsstein (Taunus) hatte selber einen Hovi - und so geht der Stoff nie aus. Man tauscht für alle Fälle die Kontaktdaten und kann, als man spät nach Hause kommt, zufrieden feststellen, dass ein erfüllter und befriedigender Tag seinen Abschied gibt.

 

7. Woche – Samstag, 29. August 2015 (45. Tag n.B.)

Heute sind wir zu einem Gartenfest bei Freunden am Ammersee eingeladen. Die Temperaturen steigen wieder mal auf über 30° C, und Fianna fläzt zwischen all den Leuten im Schatten. Der Star ist sie hier und diesen Status genießt sie. Alle wollen sie streicheln und ihr Mut zusprechen - Fianna Superstar. Dem kastrierten Mischlingsrüden der Gastgeber ist sie in ihrem Leben noch nie begegnet, aber sie meint schon, ihn in seinem eigenen kleinen Park ins Dienstboteneck schicken zu müssen, sie, die stolze und hofierte Fastmutter und er, der Hodenlose. Das Thema wird aber schnell ins Reine gebracht und fortan darf auch Laurin wieder ungehindert in seinem Garten seinem Ball hinterherjagen. Hochmut kommt in diesem Fall nicht vor dem Ball.

 

7. Woche – Sonntag, 30. August 2015 (46. Tag n.B.)

33° C - dieser Sommer ist ein Traum, und Fianna verbringt ihren Tag im Haus. Jetzt will sogar sie nicht mehr solarbrüten. Die Plauze wird ihr langsam zur Last; sie schnauft und hechelt viel, ist auch nachts nicht so ruhig wie gewohnt. Das, was sie auftreibt, treibt sie um.

Aber heute ist ein ganz besonderer Tag: Erstmals können wir die Welpen ertasten, fühlen, wie sie zappeln und sich bewegen. Für Fianna dürfte das nichts Besonderes sein, so wie sie immer wieder fragend an sich hinabblickt und sich offenbar über die Vorgänge in ihrem Bauch wundert. Für uns ist es aber trotzdem immer wieder etwas ganz Wertvolles, dieser erste Kontakt, dieses erste echte Lebenszeichen. So haben wir einst auch unsere Fianna das erste Mal gespürt und ertastet, ohne zu wissen, dass sie es ist, sie, in der wir nun ihre Kinder fühlen.

 

7. Woche – Montag, 31. August 2015 (47. Tag n.B.)

Fianna tut sich langsam schon recht schwer, weniger mit der Brut in ihrem Bauch, als mit den Temperaturen: wieder 32° C gehen langsam an die Substanz.

Wir sind also froh, dass sich das Wetter nun ändern und die Temperaturen auch tagsüber unter 20° C fallen sollen. Regen soll zur Erfrischung auch dabei sein, das wird ihr guttun.

Wir nehmen wieder einmal Maß:

Datum Vorne Mitte Hinten Gewicht
10.08. 73 69 61 29,5
16.08. 73 72 62  
24.08. 75 78 67 33
27.08. 77 83 73 34
31.08. 78 84 74 35,3

Die Welpen sind jetzt etwa 10 cm groß und machen sich nicht nur im Gewicht bemerkbar, sondern unübersehbar breit.

 

7. Woche – Dienstag, 1. September 2015 (48. Tag n.B.)

Sprung Mangfall 200Nochmal mit viel Schwung in die MangfallNoch Fianna Mangfall Ring 200Ein letztes Bad für diesen Sommereinen Tag hat sich der Hochsommer genommen. Eigentlich sollte es heute schon regnerisch sein, aber dieser Sommer besteht auf sein Hausrecht. Fianna darf deshalb nochmal in die Mangfall und ihre Kinder kühlen, und sie genießt es, als ob es das letzte Mal wäre. Wer weiß, denkbar wäre es schon.

Wir haben den unvorteilhaften Hüttenkäse durch laktosefreien Quark ersetzt, und siehe da: Fiannas Darm dankt es uns. Das Hühnchen bleibt aber selbstverständlich weiterhin auf dem Speiseplan, damit macht man nichts falsch.

 

7. Woche – Mittwoch, 2. September 2015 (49. Tag n.B.)

Gestern Abend hat der Hochsommer sich dem Unvermeidlichen gebeugt und ist schmollend abgezogen; dieses Jahr, so mault er, wird er bestimmt nicht wieder kommen. Regen hat ihn vertrieben. Und der tobt sich nun den ganzen Tag aus: Landregen und eine Aussicht wie in einer Waschküche. Ja, muss es denn immer gleich so endzeitlich zugehen, nur weil der Neue keine Zweifel aufkommen lassen will, wer jetzt das Sagen hat? Fianna ist es egal: Ob sie pudelnass aus der Mangfall steigt oder pudelnass vom Morgenspaziergang kommt, macht keinen Unterschied. Man wird nur nicht so fix wieder trocken, bei 15° C.

Fianna Platz 200Fianna entspanntSonst passiert derzeit nicht viel, die Ruhe vor dem Sturm, könnte man meinen. Es geht seinen Gang in Richtung Ziel, das wir nun schon im Blick haben; zwei Wochen noch. Fianna trägt zwar schwer, ist aber völlig entspannt. Ihren Umgang mit Artgenossen im Urlaub hat sie mit in die Heimat genommen und ist auch ihnen gegenüber nun völlig entspannt. Da machte auch Laurin vergangenen Samstag keine Ausnahme, dem sie nicht ans Fell, sondern in den Personaltrakt schieben wollte, damit er ihr bei den Huldigungen nicht in die Quere käme. Kein Zweifel: Für eine Hochschwangere ist sie sehr gelassen. Besucher schmust sie nieder und versucht, ihnen gleich eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung anzudrehen. Nein, wir können nicht klagen.

Aber ganz in der Ferne spüren wir schon, wie sich schön langsam eine gewisse Nervosität für ihren großen Auftritt fertig macht und wir ahnen: Auch beim siebten Mal wird unsere Wegbegleiterin nicht Gelassenheit heißen.

8. Woche – Donnerstag, 3. September 2015 (50. Tag n.B.)

Der Landregen hat sich verzogen, dafür hängen jetzt Wolken so knapp über dem Boden, dass das Mangfalltal wie enthauptet wirkt. 15° C hat es morgens, und mehr als 19° C werden es auch heute nicht.

Wir müssen mal 'gschwind' (Achtung: G-Namen!) ins Allgäu, um knapp 200 Kilo Fleisch für Hundefutter zu holen, für Fianna, ihre Freunde und natürlich ihre Kinder. Fianna bleibt zuhause, aber als wir mit all den Fleischbehältern zurückkommen, ist der Tag gerettet: Von jeder Charge, die in den Vakuumbeuteln verschwindet bekommt sie ihren Teil; in diesem Fall ist das Leben als Vorkosterin ja auch nicht sonderlich gefährlich, sondern das reinste Vergnügen. Pures Rindfleisch gibt es da und solches mit Pansen und noch ein anderes mit Pansen und Innereien, als Zwischengang auch noch ein maximal befleischter Knochen und am Ende ist man sich auch nicht zu fein, die ganzen Reste aus den Behältern zu putzen.

Fianna scheint heute mit ihren Lebensumständen völlig im Reinen. Wir können uns nach sieben Stunden konfektionieren und vakuumieren zwar kaum noch bewegen, weil wir jeden unserer Knochen einzeln spüren, aber das geht vorüber, und wenn unsere Fianna im Schwerpunkt ihrer Seligkeit schwebt, werden alle Gebrechen bedeutungslos.

 

8. Woche – Freitag, 4. September 2015 (51. Tag n.B.)

Sonnig ist es heute, wolkig auch und angenehme Temperaturen hat es, gerade recht für einen vorerst allerletzten Besuch auf dem Hundeplatz, der auch wirklich nichts anderes als ein Besuch ist, jedenfalls kein Arbeitsbesuch. Fianna rotiert von Zwetschgenkuchen zu Wurstsemmel, singt jedem das Lied von den zehn hungrigen Kindern, die sie zu versorgen habe (zehn?!) und jeder hier, aber wirklich ausnahmslos jede(r) sich die Folgen seiner/ihrer Knausrigkeit vor Augen führen müsse, beispielsweise, wenn sie wegen Versorgungsengpässen den einen oder anderen gefräßigen Rüden abschreiben müsse. Ein Aufschrei schallt über den Platz, die Intrigantin hat den Nerv getroffen, wäre doch bei der aktuellen Nachfragelage ein Mangel an Rüden der GAU schlechthin, von dem im schlimmsten Fall auch die lokale Rüdenbestellung einen Tiefschlag erleiden könnte. Und schon fliegen ihr alle Hände zu, bestückte Hände natürlich: bitte bloß kein Rüdenverlust. Den Bruteltern treibt es die Schamesröte ins Gesicht und sie erwägen, einen Rüden auf den Namen Gourmand zu taufen. Obwohl ihm die Peinlichkeit am wenigsten zugeschrieben werden kann, aber der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm; viel falsch machen kann man vermutlich nicht.

Es besteht Aufklärungsbedarf. Es taucht schon mal die Frage auf, was das n.B. hinter der Tagesnummer bedeuten solle. Nach Besteigung? Nach Bestäubung? Nach Bedeckung? Nach Begattung? Also, machen wir es ganz langsam, zum Mitschreiben. Wir schreiben das Jahr 2015 n.Ch., was 'nach Christus' heißt. Was also bedeutet n.B.? Nein, auch nicht 'nach Buddha', weil wir dafür nämlich ungefähr den 934000. Tag n.B. protokollieren müssten - 'nach Bjarni' bedeutet das natürlich. Was denn sonst?

Heute schreiben wir also den 51. Tag nach Bjarni, und damit treten wir in eine dieser nervös geladenen Phasen ein: Die Welpen sind nämlich erst um den 55. Tag herum lebensfähig; wenn Fianna ihre Last jetzt zur zu großen Belastung werden sollte und sie die ganze Bande hinauskomplimentierte, dann wäre der ganze Umtrieb für nichts als das Archiv gewesen und wir würden nicht nur unsere Herzen brechen, sondern noch viele andere bedenklich knacken hören. Wir tragen die Schwangere also auf Händen über die imaginäre Schwelle des 55. Tages, wir lesen ihr jeden Wunsch von den Augen ab (der, wie man am Hundeplatz sehen kann, auch durchaus als Nötigung daherkommen kann), wir nennen sie Prinzessin, selbst wenn sie den unverdächtigsten aller harmlosen Nachbarn verbellt, wir liebkosen sie nahezu ohne Unterlass, dass sogar Außenstehende ihr speckig glänzendes Haarkleid bewundern, dessen Ursache in der Tat das Fett unserer unermüdlichen Streichelhände ist, das sie so brillieren lässt. Wir sind ihr untertänig mit Haut und Haaren. Bis auf Weiteres. Auch wir können nämlich berechnend sein. Oder klingt zweckdienlich besser?

 

8. Woche – Samstag, 5. September 2015 (52. Tag n.B.)

Es regnet. So war das nicht vorhergesagt. Also gut, dann nutzen wir den nutzlosen Tag, um unsere Welpenlogistik voranzubringen: Wir bauen Fiannas Kreißsaal auf. Immer wieder spannend so eine Aktion, weil in vier Jahren doch allerhand abhanden kommen kann in einem, nennen wir es mal: umtriebigen Haushalt. Aber, zu unserer großen Freude und noch größeren Überraschung findet sich alles wieder, was zur Errichtung der Wurfkiste nötig ist. Und dann steht sie gegen 13 Uhr an ihrem angestammten Platz in der Küchenecke, die Wurfkiste, und Fianna darf schon mal probeliegen. Man neigt ja dazu, in alles irgendetwas hineinzuinterpretieren, allem Bedeutungslosen und Zufälligem einen tiefen Sinn und Hintergrund zu geben, und so meinen wir doch tatsächlich, Fianna würde sich irgendwie seltsam benehmen, als sie "ihre" Wurfkiste da stehen sieht, also den Ort ihrer Geburt. Ist sie nicht doch ein bisschen seltsam? Steigen da vielleicht Ahnungen, Fragen, Deja-Vus in ihr auf und ab. Vermutlich ist das menschliche Hirn doch nichts anderes als ein gigantischer Reprojektionsgenerator, eine superkreative Fata-Morgana-Maschine, der wir bei jeder Gelegenheit auf den Leim gehen. Und Fianna benimmt sich komisch, weil sich womöglich jeder Hund komisch benimmt, wenn ihm sein Zuhause umgestaltet wird.

Wurfkiste 1 200Die Wurfkiste kommt aus dem  Lager" ... Wurfkiste 2 200...  wird auf Hochglanz gewienert ... Wurfkiste 3 200... und zusammengeschraubt. Wurfkiste 4 200Fertig und Probeliegen - aber nur fürs Foto

 

 

 

Keine Fata Morgana sind zwei neue Verhaltensauffälligkeiten von Fianna. Zum einen hat sie sich angewöhnt, selbst nach einem ausgedehnten Spaziergang vor der Terrassentür ein Klagelied anzustimmen, das uns sofort in den Fürsorgemodus wechseln lässt: Pinkeln, großes Geschäft, Übelkeit? Wir öffnen ihr dienstfertig die Tür - und sie stürzt sich aufs Wasserbecken und trinkt. Weil wir ihr offenbar seit Tagen jede Flüssigkeit vorenthalten haben und fünf Wasserschüsseln im Haus vermutlich wieder nur Trugbilder gestresster menschlicher Gehirne sind. Immer wieder kriegt sie uns mit dieser Nummer, weil sie weiß, dass wir nicht wissen, ob sie uns anmeiert oder tatsächlich ein Bedürfnis hat. Die zweite Neuerung ist, dass sie nun mit Begeisterung alleine im Garten liegt, eine völlig neue Nummer. Egal, was im Haus passiert, Fianna baut sich im Garten ihre eigene Welt, wahrscheinlich auch eine Art Fata Morgana, nur eben ihre. In sich ruhend und in sich hinein hörend nimmt sie da draußen wenig Notiz von den Vorgängen im Haus. Nur wenn es nach Futter klingt und riecht oder regnet, gesellt sie sich zu uns und wenn sie bei uns ist, haben wir den Eindruck, dass es sei wieder nach draußen zieht. Wir müssen aufpassen, dass sie sich keine Wurfkuhle unter einem der Sträucher aushebt. Seit unserer Anouk ist uns in dieser Hinsicht nichts mehr fremd.  

Dann schauen wir doch mal, welche Ausmaße der Brutbunker inzwischen angenommen hat:

Datum Vorne Mitte Hinten Gewicht
10.08. 73 69 61 29,5
16.08. 73 72 62  
24.08. 75 78 67 33
27.08. 77 83 73 34
31.08. 78 84 74 35,3
05.09. 78 87 77 37

 

8. Woche – Sonntag, 6. September 2015 (53. Tag n.B.)

Es regnet, es ist windig bei nur 8° C - richtig mieses Mistwetter. Solche Tage sind selten Bühne für große Ereignisse; sie überleben sich Stunde um Stunde, bis sie ohne Bedauern Vertgangenheit sind. Aber so ganz ereignislos verklingt dieser Tag nicht. Kurz bevor er sich verabschiedet, hat er noch ein kleines Spektakel im Köcher.

Fianna Steh Normal 200So sieht Fianna normalerweise aus Fianna Steh Woche8 200Und jetzt in der 8. Woche tiefergelegt Und das betrifft die Kindsmutter. Fianna ist eine Höhlenschläferin, die nachts am liebsten unter unser Bett schlüpft und ganz darunter verschwindet. Allerdings fällt es ihr nie einfach, aus dieser Höhle wieder hervorzukriechen, weil die lichte Höhe unseres Bettes vom Boden gerade mal 15 cm misst, und man in der Seitenlage wenig Möglichkeiten hat, irgendwo einen Griff zu finden und sich herauszuziehen. Es ist also immer ein ziemliches Heckmeck, wenn sie, in der Seitenlage, heftig strampelnd versucht, sich unter dem Bett hervorzuwinden. Gerade gestern dachte sich der Herr des Blues angesichts des Babybauches, dass die Höhlenoption bis auf weiteres keine mehr ist. Aber man kann sich irren. Wie der Herr heute spät nachts ins Schlafzimmer kommt, nimmt er nur Versatzstücke seiner Hündin wahr: Nasenspitze und Schwanzspitze. Der Rest ruht unterm Bett. Ja, verreck! Wie hat die das hingekriegt? Die lichte Höhe dieser seitlich gelagerten Schwangeren beträgt mindestens 25 cm. Als er sich also seine Gedanken macht, beschließt die Höhlenbewohnerin ihren Chef zu begrüßen, wie sie das gerne macht, wenn er nachts ins Schlafzimmer kommt. Allein: Die Verhältnisse sind gegen sie. Sie steckt fest. Mit allen Vieren arbeitet sie, auf der Seite liegend, an ihrem Entkommen. Aber sie steckt unterm Bett wie der Korken in der Falsche. Nun wird - das Spektakel ist ausreichend groß - sogar die Herrin des Blues wach, was selten vorteilhaft ist, wenn sie unsanft aus ihrer Nachtruhe gerissen wird. Sie flucht. Der Hund müht sich lärmend. Es muss, daran besteht kein Zweifel, zum Äußersten gegriffen werden: Die Chefin muss aufstehen. Mitternachts. Tief verschlafen. Nicht immer ist die Nacht ein Ort der Stille... Aber sie erhebt sich, jetzt allerdings schwankend zwischen fluchen und kichern. So ein eingebauter Hund hat nicht nur etwas Jämmerliches, sondern auch etwas sehr Schadenfröhliches. Der Herr hebt das nun leere Bett an, die Eingeklemmte erkennt ihre Chance, greift sich mit ihren Krallen das einzig derzeit Greifbare, um sich hervorzuziehen, die nackten Zehen ihres Lebensretters und zieht, was geht. Der Ge- und Ergriffene beißt sich, leise fluchend, auf die Lippen und weiß jetzt, wie sich 37 kg Hund unter Zug an nackten Zehen anfühlen. Man macht Erfahrungen im Leben, die niemand braucht und keine Nutzanwendung für die Zukunft bereithalten. Jetzt ist sie wieder da, geschlüpft sozusagen, schüttelt sich und, ja, undankbar ist sie nicht, leckt dem gleich darauf auch im Bett Ruhenden die Nase. Alles gut. Nur die Zehen halt... und die kichernd Nachmaulende nebenan.

Und der Chronist sinniert, unter Zungenleckereien ebenfalls einschlummernd, wie viele solcher Schnurren er wohl für die Nachwelt festhalten könnte, wenn er nicht nur die Nachwuchsaktivitäten seiner Hündin protokollieren würde. Zu viele wahrscheinlich, um sich noch darüber amüsieren zu können.

 

8. Woche – Dienstag, 8. September 2015 (55. Tag n.B.)

Buddeln 200Mal wieder beim Graben der Babykuhle erwischt Die kritische Phase eines Totalverlustes aller Welpen bei einer Frühgeburt sollte nun langsam gebannt sein, jedenfalls so weit sich die Natur in die Karten schauen lässt. Für Fianna scheint das Anlass genug zu sein, sich jetzt ihrerseits um die Kinderzimmerbereitstellung und -ausstattung zu kümmern. Die Wurfkiste in der Küche nimmt sie nicht einmal peripher zur Kenntnis, aber sie findet, dass eine schnuckelige Kuhle hinter den Rhododendren ein geeigneter Platz wäre, ein kühles Plätzchen unter freiem Himmel, ein Bett im Kornfeld quasi für die süßen Kleinen. Es braucht schon etwas Überzeugungskraft, um ihr klarzumachen, dass nicht alle im Haushalt diese Meinung teilen. Wir haben in diesen Dingen unsere Erfahrungen gemacht und lassen uns davon nicht mehr verblüffen, es hätte uns eher verblüfft, vielleicht sogar irritiert, wenn sie es nicht versucht hätte. Anouk war unermüdlich und absolut beratungsresistent in ihren Versuchen, Kinderkuhlen zu graben, und als sie diese Option als endgültig gescheitert betrachten musste, versuchte sie das Familienbett zum Kreißsaal zu machen, und zwar bei drei Würfen (beim dritten hat sie uns dann endlich geschafft, uns auszumanövrieren und legte uns Calvin ins Ehebett). Franzi war auch ständig auf der Suche nach einem Waldkindergarten für ihren Nachwuchs, gab sich aber früher geschlagen. Nun also Fianna. Wehret den Anfängen! Ihr neue Leidenschaft, alleine im Garten zu liegen und in die Welt zu träumen, hat ausgespielt; die Tür bleibt zu, solange wir nicht auch draußen sind.

Die 150 g morgendliches Trockenfutter machen ihr heute zu schaffen - auch ein Hinweis, dass wir nicht nur auf der Zielgeraden, sondern im Endspurt sind, in jener Phase also, in der die Muskeln zumachen, wie die Läufer sagen, wo man anfängt zu klemmen. Bei Fianna klemmt es auch; 150 g Trofu machen ihr nicht die Muskeln, aber den Magen dicht.

 

8. Woche – Mittwoch, 9. September 2015 (56. Tag n.B.)

Mikwe 1 200Fiannas Badestelle am Leitzachwerk Es Mikwe 2 200...wird im Moment nur als Trinkstelle benutzt scheint sich ein angenehmer Spätsommertag anzukündigen, morgens messen wir 10° C, die Sonne spielt sich mit einer Schar weißer Wolken und Fianna "nuttelt" bauchschwingend beschwingt eineinviertel Stunden mit ihrem Frauchen durchs Mangfalltal, zeigt keinen nennenswerten Leistungsabfall, lässt sich Bälle im Heustadel verstecken und säuft aus ihrem Mikwe-Bad[1] am Leitzachwerk, das sie, dem dicken Bauch geschuldet, seit einer Woche nicht mehr besteigt, da der Ausstieg über das Überlaufbrett zu beschwerlich geworden ist. Zuhause mäkelt sie am Trockenfutter herum, das ihr offensichtlich gar nicht mehr munden mag. Daran soll's nicht scheitern; bekommt sie eben bis auf Weiteres auch morgens was Reelles zwischen die Zähne. Und noch etwas bekommt sie ab heute: 2 x 5 Globuli Pulsatilla D6, das die Geburtswege vorbereitet.

Und dann nehmen wir wieder einmal Maß, weil wir den Eindruck haben, dass sich Fianna massiv ausgelegt hat:

Datum Vorne Mitte Hinten Gewicht
10.08. 73 69 61 29,5
16.08. 73 72 62  
24.08. 75 78 67 33
27.08. 77 83 73 34
31.08. 78 84 74 35,3
05.09. 78 87 77 37
09.09. 78 90 82 38

Und von jetzt an wird der Zielspurt in Zeitlupe dokumentiert, ab morgen gibt es einen täglichen Update (wenn es etwas zu vermelden gibt), damit das Adrenalin nicht nur bei uns ein bisschen in Wallung gerät.


[1]Wikipedia: Mikwe (hebräisch ‏Mikweh‎, מִקְוֶה oder מקווה, Mehrzahl Mikwaot מִקְוֶוֹת oder מִקְוָאות, von קוה zusammenfließen), deutsch früher Judenbad, bezeichnet im Judentum das Tauchbad, das der Reinigung von ritueller Unreinheit durch Ablution dient.

9. Woche – Donnerstag, 10. September 2015 (57. Tag n.B.)

Die Chefin zeigt sich verunsichert: "Hast du auch das Gefühl, dass sich ihr Bauch schon senkt?" Keine Ahnung. Nee, eher nicht. Man legt in dieser Phase schon mal das Ohr an den Hund und hört das Gras wachsen. Ein Blick in die alten Dokus zeigt, dass Franzi ihren D-Wurf am 60. Tag in die Freiheit entließ. Und sie hatte auch nur neun Kinder in der Wampe; das lässt allerdings aufhorchen.

Obwohl wir ja schon etwas Erfahrung in Wurfdingen haben, suchen wir doch immer mal wieder gerne den Rat von Fachleuten wie beispielsweise die Herren Trumler, Dr. Naaktgeboren und Frau Dr. Feddersen-Petersen, die in Inge Hansens Handbuch der Hundezucht zum Thema "Anzeichen für das Nahen der Geburt" wie folgt zitiert werden:

... "zunehmende Unruhe": Passt nicht, Fianna ist ruhig und ausgeglichen,

"Lagerbildung": ohne Aussagewert; Fianna stattet ihr Lager mit Handtüchern, Decken, Pullis, Unterhosen und allen verfügbaren Textilien jahrein jahraus aus,

"vermehrtes Graben und Scharren an verschiedenen Stellen (Garten, Büschen, auf dem Teppich)": Aber holla, wenn es danach ginge, hätten wir die Geburt schon hinter uns,

"wiederholtes Aufsuchen der gegrabenen Höhlen oder des Wurflagers": Da jeder Grabungsversuch rigoros unterbunden wird, gibt es auch nichts aufzusuchen und das Wurflager ignoriert sie weiterhin konsequent,

"häufiges Hinauswollen": Klar, die Blase drückt immer mehr und die ziemlich einzig akzeptierte Tränke ist, wie berichtet, das Wasserbecken im Garten, da muss und will man eben häufiger hinaus. Aber wie ist das mit dem Bedürfnis, allein im Garten herumzuliegen? Das hat sie auch schon seit Tagen, ohne sichtbare Anzeichen einer nahenden Geburt,

"vermehrtes Urinieren": Was Wunder, die Blase dürfte sich dem Fassungsvermögen eines Mon Chéris annähern, siehe oben,

"vermehrte Anhänglichkeit an ihre Menschen": Geht nach Stand der Dinge nicht, sonst müssten wir sie als Halskette tragen,

"Kriechen unter Bänke, Betten und anderes Sich-Verkriechen": Wie berichtet, schläft Fianna das ganze Jahr mehr oder weniger unter unserem Bett, also auch Fehlanzeige.

Was bleibt, ist nichts, was uns eine Antwort auf die Frage geben könnte: Geht's bald los?

Wir halten uns also besser an reelles Hebammenwissen und messen Fiannas Rektaltemperatur, weil die Körpertemperatur vor der Geburt rasch um bis zu zwei Grad sinkt, um dann wieder anzusteigen. Mit dem Wiederanstieg bleibt in der Regel eine Frist von 12 bis 24 Stunden bis es losgeht. Fianna liefert 37,5° C, uuups, etwas wenig, wie uns scheint. Wie suchen wieder Rat in unseren Aufzeichnungen und finden erleichtert, dass sich auch ihre Mama überwiegend auf diesem Niveau bewegte. Also kein Grund zur Unruhe, zumal Fianna eigentlich die Ruhe selbst ist. Natürlich fällt ihr vieles schwer, auch die Atmung, aber von vorgeburtlichem Hecheln kann da längst keine Rede sein.

Heftig in Atemnot kommt sie, wenn sie treppab geht, dann poltert die ganze Bande nach vorn und drückt ihr die Luft ab; da pfeift sie schon ganz schön. Die Bande selbst ist spürbar fidel und guter Dinge, jedenfalls bollert rundherum an Fiannas Babykugel, als ob die Kids Party machen würden. Da blickt die Mutter dann an sich hinab und fragt sich und uns: Was hat das zu bedeuten?

Damit es nicht allzu grüblerisch und brutstüblerisch zugeht, kommt heute Coshi, der Lieblings-Flat zu Besuch. Vom ersten Hallo an hängt ihr der Halbstarke am Steven, als ob er sie gleich bespringen wollte - und sie duldet es, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Und nun ist sie plötzlich auch nicht mehr so behäbig, hüpft auch mal in die Mangfall und scheint die Unwucht ihres Leibes kaum noch zu spüren. Ja, die jungen Burschen haben schon so etwas Leichtfüßiges, das der Gravität unverhofften Auftrieb verleiht. Jedenfalls schwänzelt so keine direkt vor der Niederkunft Stehende. Alles im Plan also.

9. Woche – Freitag, 11. September 2015 (58. Tag n.B.)

Die erste Amtshandlung der Chefin morgens ist: Temperaturmessung. Das Ergebnis kommuniziert sie dem noch schläfrig im Bad herum tapernden Vizechef folgendermaßen: "36,8. Wir brauchen ein neues Thermometer." Ihre Miene verrät allerdings einen Widerstreit zwischen Unglaube, Sorge und aufkeimendem Aktionismus, zumal das Thermometer sehr neu ist. Die Routine gewinnt dann doch die Überhand und mündet in den Morgenspaziergang. Der Vize nimmt diesen Temperaturrutsch nicht so bierernst. Erstens hatten auch Fiannas Vorgängerinnen immer wieder mal unspezifische Temperaturschwankungen, zweitens ist die Temperatur im Tagesverlauf nicht einheitlich; die Temperatur kann von morgens bis abends zwischen 0,7 und 1,3 Grad ansteigen. Damit liegt das Messergebnis im Normbereich und drittens erleben wir heute den ersten frühherbstlichen Morgen mit 5° C bei glasklarem Himmel. Wahrscheinlich ist unsere Fianna ein bisschen wechselwarm und passt sich den Außentemperaturen an. Der Vize bleibt entspannt.

Beim Spaziergang zeigt sie auch keinerlei Anzeichen einer nahenden Niederkunft. Wenn wir sie um ihre Meinung fragen würden, würde sie immer noch eine Schleife dranhängen. Nach Hause zieht es sie jedenfalls nicht. Auch die Optik zeigt keine Veränderungen, die einen Alarm rechtfertigen würden.

Man muss kein intimer Kenner der Blues-Internas sein, um zu ahnen, dass der erste Griff nach der Rückkehr dem Thermometer gilt. Dabei wird wieder die Leberwurst-Routine in Kraft gesetzt, die schon Fiannas Vorgängerinnen dazu bewegte, ihren Hintern still zu halten. Das Prinzip ist einfach: während der Messung gibt es vorne Leberwurst aus der Tube und anschließend ein Stück Leberwurstbrot. Zu Rektal-Junkies wurden sie dadurch nicht, aber gelassene Dulderinnen, die nie mehr versuchten, sich uns zu entziehen. Fianna hält auch still mit der Leberwursttube zwischen den Zähnen, und so kann die Chefin hinten entspannende 37,3° C zutage fördern. Na also.

Wir können also davon ausgehen, dass wir heute kein 9/11 erleben werden, also Neun auf einen Streich am 11. September.

Temperatur um 18 Uhr: 37,7° C. Na also, wer sagt es denn. Es geht seinen vorgesehenen Gang.

9. Woche – Samstag, 12. September 2015 (59. Tag n.B.)

Ein schöner Spätsommertag zieht herauf, es wird angenehm warm werden, sonnig, windstill - ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Um 8 Uhr hat es noch 10° C, aber als sich die Chefin mit ihrem Mutterschiff spät auf den Morgenweg macht, kratzt die Quecksilbersäule schon an den 15° C. Das beschäftigt die dicke Brummsel schon, das geht ihr an die Substanz, da muss sie kräftig ventilieren.

Um 10 Uhr, nach dem Spaziergang, wird vor dem Frühstück erst einmal die Messlatte, bzw. das Maßband angelegt. Außerdem muss sich der Vize mit der Dicken auf die Waage stellen, was seine Bandscheiben jubeln lässt, aber man kann ja nicht dauernd zum Tierarzt oder Fressnapf fahren, nur um den Hund zu wiegen. Also ist Gewichtheben angesagt. Und natürlich gibt es Leberwurst mit Thermometer: 38° C. Prima. Die Messung führt zu folgendem Resultat:

 

Datum Vorne Mitte Hinten Gewicht
10.08. 73 69 61 29,5
16.08. 73 72 62  
24.08. 75 78 67 33
27.08. 77 83 73 34
31.08. 78 84 74 35,3
05.09. 78 87 77 37
09.09. 78 90 82 38
12.09. 79 95 83 38,5

Die Zwerge verschaffen sich ordentlich Platz und sind äußerst munter. Wenn man die Hand auf Fiannas Bauch legt (was sie übrigens sehr genießt und dabei grunzt), geht es darin zu, wie in einem Flipper-Automaten: überall rumpelt es und eckt einer an und dreht sich platzgreifend.

Das Frühstück ist dann eher ein Flopp, weil die Chefin meint, Fianna ein proteinstrotzendes Wohlfühl-Designer-Frühstück kredenzen zu müssen, bestehend aus Quark, Banane und Honig. Die rüttelt sich und schüttelt sich und lässt ihr Näpfchen hinter sich; lieber stirbt sie an Unterernährung. Also gibt es gekochtes Hühnchen und etwas Wurst aus der Hand, Hausmannskost eben, was mit Begeisterung Anklang findet. Wichtig ist aber, dass die Futterverweigerung nicht der mit eiligen Schritten nahenden Niederkunft geschuldet ist, sondern dem unsäglichen Angebot.

Fianna wechselt tagsüber zwischen Haus und Sonne, je nach Bedürfnis ihrer Kinder.

Um 17:30 Uhr erfolgt die nächste Temperaturmessung - kreiert lange Gesichter: 36,8° C. Das sind 1,2 Grad weniger als morgens. Entweder die hat eine thermische Achterbahn im Leib oder das Thermometer spielt verrückt oder ...

Die Chefin geht erst mal spazieren. Dabei verhält sich Fianna wie gewohnt, keine Auffälligkeiten. Die zeigt sie erst, als sie wieder nach Hause kommt, wo sie nämlich der erste Weg normalerweise zu den Katzenschüsseln führt, um zu prüfen, ob dort Reste auf sie warten. Heute geht sie an den Schüsseln vorbei direkt in den Garten. Das ist keine Nachlässigkeit, so etwas passiert ihr nicht. Im Garten liegt sie dann allerdings völlig entspannt und zeigt keinerlei Stress, hechelt nicht, ist nicht unruhig.

Ihrem Abendmahl kurz vor 20 Uhr kann sie nur wenig abgewinnen und das Wenige verarbeitet sie mit langen Zähnen. Wir sollten uns darauf einstellen, dass die Dinge nun langsam ihren Lauf nehmen, zumal Fianna seit gestern auch einen zähen Ausfluss hat, der immer der Vorbote der Geburt ist.

22:45 Uhr: 36,5° C und verweigert das Leberwurstbrot. Die Chefin meint: "Die riecht schon nach Welpen." Der Versuch, Fianna Reste des übriggebliebenen Futters unterzujubeln schlägt fehl. Die Wurfkiste wird jetzt voll ausgestattet, Decken werden bereitgelegt, ebenso Handtücher, all der Kram eben, der gebraucht (oder auch nicht gebraucht) wird. Aber heute Nacht wird noch nichts passieren.

9. Woche – Sonntag, 13. September 2015 (60. Tag n.B.)

Fianna ist nachts unruhig, bettet sich dauernd um und jammert. Als der Herr morgens erwacht, ist Frauchen mit ihrem Liebling ins Wohnzimmer ausgezogen; zu unruhig, unten verteilt sich das etwas mehr. Die Treppenhaustüren im ersten Stock und im Erdgeschoß sind geschlossen, was besonders die Katze Jamie Lee erbost, für die geschlossene Türen Anlass genug sind, sich an den Petitionsausschuss des Bayerischen Tierschutzbundes zu wenden. Ihr Frühstück nimmt Jamie auch nicht mehr in der Küche, sondern besteht auf Lieferung ins Bad. Jamie ist 18 Jahre alt, hat die Erfahrung von sechs Würfen auf dem Rücken und scheint haargenau zu wissen (und zu riechen?), was da los ist. Welpen sind jedenfalls nicht ihre bevorzugten Mitbewohner.

Fianna sieht ihrer Niederkunft entgegenDas Leben ist schwerTemperatur um 7 Uhr: 35,7° C. Erstaunlich, wie weit das runter gehen kann. Fianna mag auch das Leberwurstbrot nicht. Der Spaziergang entfällt, bis auf Weiteres muss der Garten genügen. Man sieht nun, dass sich Fiannas Bauch gesenkt hat, aber bei einer trainierten, jungen Erstgebärenden nimmt so ein Senkbauch natürlich nicht das Ausmaß an, das man bei einer Hündin beobachten kann, die schon geworfen hat. So wie Fianna jetzt immer wieder jammert, hat sie auch bereits Vorwehen.

Um 7:45 Uhr erbricht sie Galle.

8.45 Uhr: Sie trinkt und erbricht die Flüssigkeit sofort wieder. Anschließend liegt sie ruhig unterm Wohnzimmertisch.

11 Uhr: Fianna wechselt zwischen Schlaf und Unruhe und zwischen Wurfkiste und Wohnzimmer, vor allem aber versucht sie jede sich bietende Chance zu nutzen, in den Garten zu kommen, um endlich ihr Loch für die Babys graben zu können, die schon so vehement um Auslass bitten.

Temperatur um 13 Uhr: 36,7° C.

16:45 Uhr: Fianna verliert Fruchtwasser.

Danach darf sie einmal mit Frauchen um die Wiese wackeln, um den Darm und die Blase noch einmal zu entleeren und auch, um den Kreislauf aktiv zu halten. Und kaum ist sie draußen, schaltet Fianna auf Spaziergangmodus, verlangt unzweideutig nach Leckerchen - doch sowie sie zurück ist, verweigert sie sofort wieder das kleinste Futterangebot.

23:45 Uhr: Wir warten. Die ersten Wehen ...

9. Woche – Montag, 14. September 2015 (61. Tag n.B.)

Mittlerweile ist das Kreißsaal-Team eingetroffen. Wieso sollte eine Geburt ein einsames Trauerspiel sein, wenn sich bei einer Beerdigung alle Lieben und Geduldeten, dazu alle Wichtigen und Nichtigen und alle Mächtigen und Möchtigen versammeln? Wir machen keine Party mit DJ, kein Grill-Event und keinen Puppy Flash-Mob, nur ein paar sehr ausgesuchte Wegbegleiterinnen dürfen die Kleinen auf ihrem Start ins Leben begleiten: Christine, die schon Fiannas Mama Franzi ins Leben geholfen hat, Annemarie, die heilkundige Bergfexin und nicht müde werdende Doosie-Pflegerin und Gerda, die ihrem lang ersehnten Buben ganz persönlich aus der Mutter helfen möchte. Es gäbe zwar noch andere spezielle Wegbegleiter(innen), aber drei plus zwei ist genug. Fianna begrüßt die eintreffenden Hebammen so stürmisch, wie es ihr praller Bauch zulässt und zeigt keinerlei Befremden wegen des Zulaufs zu ihrer Babybox. Die sind ja alle schwer in Ordnung und immer für ein Leckerchen gut (auch wenn das gerade keine Hochkonjunktur hat).

DSC06715 1 200Fianna lässt sich ausgiebig betütteln - da bleibt fast keine Zeit fürs KinderkriegenFianna ist umgetrieben, liegt gespannt und hechelnd in ihrer Kiste, dann treibt es sie wieder hinaus; in den Garten will sie, Kinderkuhle graben. Seit kurz vor Mitternacht sehen wir immer wieder Presswehen, ca. 40 zählen wir. Sie lassen ihr keine Ruhe. Wieder geht die Chefin mit ihr an der Leine in den Garten und kommt sehr fix wieder zurück, weil Fianna die Rute aufstellt und presst; eine Gartengeburt um Mitternacht ist nicht geplant. Kaum liegt Fianna wieder in der Kiste, hat es sich mit Pressen und Rutestellen. Sie begibt sich zum Starthilfe-Team und holt sich eine Portion Zuspruch und Streicheleinheiten ab. Dann strebt sie wieder in Richtung Garten. Diesmal folgt der Vize mit einem Handtuch (Stirnlampe ist sowieso immer dabei), um einen eventuell verlorenen Sohn oder eine ausgestoßene Tochter aufzufangen und in Windeln gelegt zu den Eselinnen zu tragen (der Ochs ist er selber). Aber wieder nichts, bis sich um 00:47 Uhr doch etwas tut. Klammheimlich, in der rechten hinteren Kistenecke ist Fianna etwas abhanden gekommen, was sie aber nicht zu verwirren scheint, sondern ihren Mutterinstinkt aktiviert, und bis wir uns darüber klar sind, dass es sich hierbei nicht um die übliche Rückseitenpflege, die sie in den vergangenen Tage extrem ausgeweitet hatte, handelt, sondern um Hebammentätigkeiten, war er schon entpackt und abgenabelt und hat seine Anwesenheit bereits in die kleine Welt der Blues-Küche hinausgetwittert. Da ist er, Fiannas Erstgeborener, den sie so verschämt zur Welt brachte, dass noch nicht einmal die sehnende Gerda ihm ins Leben helfen konnte. Aber was für Augen - und nicht nur bei ihr. Es ist auch für uns jedesmal eine Art Wunder, wie eine erstgebärende Hündin weiß, was zu tun ist und das auch noch perfekt hinkriegt. Keine Schwangerschafts- und Geburtshilfebücher, kein Vorbereitungskurs, keine erschöpfenden Diskussionen, ob die Geburt im Stehen, Sitzen, Liegen, im Wasser, im Heu oder auf dem Gletscher stattfinden soll; Fianna hat den Kerl einfach in der Seitenlage in die Ecke gelegt, ihn entpackt und abgenabelt und dann mit der Zunge ins Leben massiert. UDSC06723 1 200Girgl, der Erstgeborenend der Bursche ist munter und zwitschert und macht sich auf den Weg zur Tankstelle. Der junge Mann wiegt 470 g und erhält den Namen Girgl, die bayerische Koseform von Georg. Der berühmteste bayerische Girgl ist der Jennerwein Girgl, der als begabter Zitherspieler, Gstanzlsänger und Schuhplattler galt, im Nebenberuf ein anerkannter Weiberheld und Raufbold war, im Hauptberuf aber der berühmteste bayerische Wildschütz. Unweit des Stammsitzes des Bairischen Blues, rund um den Schliersee ist er seinem Handwerk nachgegangen. Am Peißenberg hat man ihn gefunden, am 15. November 1877, im 29. Lebensjahr hingemeuchelt von einem Jagdgehilfen namens Pföderl, ohne dessen feige Tat wir nicht das Lied vom "Wildschütz Jennerwein" singen könnten.

Der Chronist verschwindet an seinem Datenautomaten und protokolliert die frohe Botschaft für alle, die da draußen warten. Und als er wieder den Kreißsaal betritt, wird er gleich zurückgeschickt: "Kannst gleich weitermachen: 1:00 Uhr, Rüde, 460 g. Ach ja: schwarzmarken wie der erste." Das ist aber ein fixes Mädchen, unsere Fianna, denkt er bei sich; aber wahrscheinlich drängelt die ganze Bande zum Ausgang, weil der Jennerwein zu lange gezielt hatte, bis er ihn endlich fand. Jetzt haben sie es anscheinend eilig. Der neue kleine Kerl hat einen winzigen weißen Brustfleck und darf in Zukunft auf den Namen Gustl hören, zu dem noch nicht einmal Nichtbayern eine Erklärung benötigen. Gustl ist Gustl. Und Gerda hat Sternchen in den Augen und schon jetzt die Qual der Wahl.

Schon zwölf Minuten später, um 1:12 Uhr und kaum, dass der Chronist wieder am Tatort ist, liegt Fiannas erstes Mädchen in der Kiste: schwarzmarken - die Prophezeiung der Chefin, dass Fianna kein Blond bringt, gewinnt an Relevanz - und 420 g schwer, putzmunter und auch schon am Twittern. Die Kleine bekommt den Namen Gruschel. Einerseits ist gruscheln ein beliebter Begriff aus der Internetszene, ist zusammengesetzt aus den Wörtern grüßen und kuscheln (manche meinen auch graben und kuscheln) und steht für eine intensive Begrüßung (Ende offen...). Andererseits steht der Name für eine Bühnenfigur aus dem Theaterstück "Die Gruschel von Mayntz". Die Gruschel ist eine Wirtstochter, die sich in den Wirren der französischen Besatzung der Stadt Mainz im Jahre 1792 um die Völkerverständigung und Emanzipation verdient macht, indem sie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf ihre Weise praktiziert. In diesem Sinne: Herzlich willkommen, kleine Gruschel.

DSC06750 1 200Die ersten Vier sind bereits daFianna ist jetzt im Turbomodus: 1:21 Uhr noch ein Mädchen, schwarzmarken, 410 g schwer und auch fidel. Diese Neubürgerin heißt jetzt Greta, nein, nicht Gretl. So heißen hierzulande Kühe, aber keine Hovawartdamen. Greta! Und ob da jetzt jemand an die Garbo denken möchte oder an die Milchfrau von nebenan, überlassen wir jedem nach eigenem Gutdünken.

Fianna entspannt sich, die Kleinen hängen am Tropf, wenn sie nicht gerade von der Mutter durch die Kiste geleckt werden und das Personal ist glücklich erregt ob so einer reibungslosen Geburt. Gerade mal zwölf Presswehen braucht Fianna, um eine gute halbe Stunde später, um 1:56 Uhr, das fünfte Kind in die Wiege zu legen, diesmal präsentiert sie es uns noch original verpackt, wie von Zalando eingeschweißt. Aber sie hat alles im Griff und das Präsent ratzfatz ausgepackt, wie Frauen eben auspacken, wenn sie vor Neugier platzen. Ein Mädchen! Jetzt sind es also zwei bayerische Burschen und drei Madln. Grappa soll sie heißen, die da schwarzmarken wie ihre Geschwister und 450 g schwer von ihrer Mutter in der Kiste herumgekugelt wird. Auch Grappa muss nicht weiter erklärt werden, außer, dass er ein Tresterbrand ist, der von den Südtirolern auch gerne mal Schwiegermuttermilch genannt wird, weil er mitunter nur mit einiger Überwindung zu genießen ist, dann nämlich wenn er ein billig gebrannter Rachenputzer ist. Aber wer wird denn bei unserer Grappa an so etwas denken?

Fianna hat offenbar Gefallen am Kinderkriegen bekommen, weil sie gar nicht mehr zu bremsen ist: 2:11 Uhr, wieder nur eine Viertelstunde später erhöht sie auf sechs. Ob ihr dieses Kind besonders wichtig ist oder ob sie es so schnell wie möglich los werden will oder ob sie nur mal zeigen möchte, dass sie auch anders kann, wissen wir nicht, aber sie bringt es zur Abwechslung im Stehen zur Welt. Flutsch macht es, und da liegt der Knabe, 420 g bringt er mit und ist natürlich wieder ein Fleckvieh. Die Prophezeiung der Chefin nähert sich dem Status einer Lehrmeinung. Von Kaffeesatzlesen kann jedenfalls keine Rede mehr sein; sechsmal schwarzmarken dürfte keine Laune der Natur mehr sein. Der Knabe kämpft noch mit den Widrigkeiten seiner Jungfernfahrt; er hat nämlich kräftig Fruchtwasser geschluckt. Das wird ausgeschüttelt bis auch er jauchzt und twittert wie die anderen. Der Jüngling wird auf den Namen Greco getauft. Greco ist im Spanischen und Italienischen einfach nur der Grieche. Der berühmteste der Grecos war El Greco, einer der bedeutendsten Maler der ausgehenden Renaissance. Und weil der Knirps gleich zu Beginn seines Lebens ein bisschen mit dessen Hinterhältigkeiten zu kämpfen hatte und sich daran fast verschluckt hätte, außerdem vom Himmel hoch daher kam, quasi wie aus dem Olymp, soll er Der Grieche heißen. Und wir haben ihm geholfen zu überleben, wie wir allen anderen Griechen auch geholfen haben. Uneigennützig natürlich.

tb 0914 200Während die Geburt noch im Gange ist, nimmt sich Gustl die erste AuszeitJetzt macht Fianna eine kurze Pause, aber bitte nicht zu lange, und beschert uns um 2:45 Uhr Nummer 7, schwarzmarken natürlich und 400 g schwer. Ein Mädchen, munter und nicht sonderlich gestresst vom langen Weg, denn schön langsam haben die Kleinen schon einen recht langen Weg durch ihre Mutter hindurch hinter sich und da kann man schon mal aus der Puste kommen. Aber auch die Mutter macht keinerlei erschöpften Eindruck, hat alles im Griff, ist hellwach und genießt ihre Rolle als Star des Abends. Diese schwarze Maus heißt Gundel. Wer kennt sie nicht, die schwarze Hexe Gundel Gaukeley, die unermüdliche Gegenspielerin von Dagobert Duck? Sicher: Seit 1961 müht sie sich erfolglos, Dagobert den Glückstaler abzujagen, aber sie deshalb als ewige Verliererin zu bezeichnen, wäre ziemlich uncharmant. Immerhin macht sie ihm das Leben richtig schwer, und wenn er ihre Hütte nicht Tag und Nacht von seinem Geheimdienst überwachen ließe, dem im Übrigen keine Schandtat zu schäbig ist, wäre er längst ein Armenhäusler, der Dagobert, und Gundel die mächtigste Hexe der Welt. Wir finden, die Gaukeley hat eine begabte, kleine Hilfskraft verdient.

Nach dem siebten Streich sollst du ruhen. So oder so ähnlich steht es in der Genesis. Fianna verschnauft sich nun auch. Allerdings ist das Verschnaufen angefüllt mit Presswehen: 51 zählen wir und es dürften noch einige mehr gewesen sein, bis um 3:51 Uhr ein weiterer Rüde das Licht der Welt erblickt. Und auch er hat mit dem Fruchtwasser zu kämpfen, mehr noch als El Greco. Dieser Knabe hängt ziemlich in den Seilen. Aber 490 g bringt er auf die Waage (müssen wir es noch erwähnen: schwarzmarken?). Aber er schafft es und hat sich einen starken Namen verdient, ein verbales Ausrufungszeichen, eine Art donnerndes Bravo: Gosh. Gosh ist englisch und steht so ziemlich für alles, was einen staunen lässt: Donnerwetter!Mensch aber auch!Krass!Mann!Meine Güte! In Bayern könnte es für Ja, Zefix! stehen. Zeitgenössischer wäre etwa Alter! oder Alter Schwede! Also alles Ausrufe des Bewunderung und des Erstaunens - und Gosh hat sich diesen Namen verdient.

Schön langsam frägt sich vermutlich auch Fianna, wie lange das noch so weitergehen soll, schließlich sind wir bei acht angekommen und so viel hat der Ultraschall in ihrem Bauch gezählt. Eigentlich müsste jetzt Schluss sein. Oder lügt der Ultraschall? Sie hört in sich hinein und hört es immer noch rumoren. Die ersten Hilfskräfte haben den Kreißsaal schon verlassen, weil ihnen der Tag noch einiges abverlangen wird, als uns Fianna den neunten Nachwuchs ins Nest legt - diesmal zur Abwechslung sitzend. Trotz der langen Pause, hat sie dafür nur ein knappes Dutzend Presswehen gebraucht. Es ist 5:06 Uhr, als sie einen fünften Buben zu seinen Geschwistern legt, mäßige 370 g leicht, aber putzmunter und keineswegs schwächlich. Man hätte ihn wegen seiner Zierlichkeit eigentlich Gandhi nennen sollen, aber der war kein glücklicher Mensch, war ständig im Hungerstreik, hat sich mit den Engländern rumgeschlagen, was an sich schon erschöpfend ist, wie die Resteuropäer auch leidvoll erfahren müssen, und ist am Ende auch noch einem Attentat zum Opfer gefallen; wer will ein Kind nach so einem nennen, auch wenn er als großer Pazifist und Friedensfürst gefeiert wird? Nein, es darf schon ein bisschen fröhlicher zugehen, deshalb heißt das zarte Kerlchen Gaudi. Man könnte ihn auch Gaudí schreiben wie den großen spanischen Architekten Antoni Gaudí, der die Sagrada Família in Barcelona zu verantworten hat und einige prächtige Bauwerke mehr. Aber erstens ist auch der keines natürlichen Todes gestorben, sondern von einer Straßenbahn überrollt worden und zweitens hält sich kein Mensch an diese Schreibweise und die Betonung auf dem í. Also entscheiden wir uns fürs süddeutsche Gaudi, das vom lateinischen Gaudium abstammt und ausgelassene Freude bedeutet. Das ist der hoffnungsfrohere Einstieg ins Leben.

Und Fianna hat noch immer nicht fertig. Um 6:00 Uhr legt sie uns ein weiteres Mädchen ins Nest, jetzt steht es 5:5. Das ist natürlich von einer geradezu unheimlichen Perfektion. Wir haben ihr zwar in letzter Zeit häufig geraten, genau zuzuhören, was Welpeninteressenten und wir uns wünschen, aber dass sie das gleich so ernst nimmt, konnten wir nicht ahnen. Diese Nummer 10 ist stabile 500 g schwer und ebenfalls schwarzmarken mit einem winzigen weißen Flecken am Hals. Sie heißt Gamba. Eigentlich nur, weil die Chefin den Namen zauberhaft findet, nicht so sehr, weil der Chef dabei an ein Frauenbein denkt; gamba ist nämlich das italienische Wort für Bein. Und mit dem historischen Streichinstrument, die Gambe (la gamba), mag es assoziieren, wer dafür ein Faible hat.

DSC06778 1 200Die Letztgeborene wird in voller Verpackung geliefertLängst sind wir allein mit unseren und Fiannas Kindern und endlich auch überzeugt, dass nun der Schlussakkord verhallt ist und wir uns langsam ans Großreinemachen wagen können. Fianna wird zum Pinkeln in den Garten geführt und in die Dusche gestellt, weil sie rückseitig total verklebt ist von all dem Blut und Fruchtwasser. Das genießt sie auch, weil Hündinnen sich in diesem Zustand selber nicht riechen können. Der Chef bezieht derweil das Bett für die junge Familie neu (wo ist eigentlich der Vater? In der Kneipe etwa?), und kaum sind die beiden zurück und Fianna wieder in ihrer Krabbelkiste, macht sie ein erstauntes Gesicht und einen Buckel - und hat um 6:36 Uhr noch eine Überraschung für uns, und wieder im Sitzen. Was wohl? Ein Mädchen! Wenn schon kein fifty-fifty, dann wenigstens die Vorherrschaft der Frauen. Der Schlusspunkt wiegt 480 g, und über die Farbe ist alles gesagt. Grille! Grille ist nicht nur das, was einem im Sommer nachts den Schlaf raubt (was im Falle dieser Grille zuträfe), sondern auch eine Marotte oder Laune, auch eine unvernünftige Idee, jedenfalls etwas Zirpendes und Leichtfüßiges. So etwas kann die Welt jetzt und immer gut gebrauchen.

Jetzt ist aber wirklich und unwiderruflich Schluss. Die Kleinen kämpfen um die Zapfstellen oder schlafen und Fianna ist immer noch gut drauf: keinerlei Erschöpfung, klarer Blick, interessiert an allem, was um sie herum passiert. Aber vor allem ist sie Hals über Kopf verliebt, verliebt in ihre Kinder.

Bett lohnt sich nicht mehr. Wir räumen auf, und dann verschwindet die Chefin in die Schule. Zwar geht die erst morgen los, aber heute ist Lehrerkonferenz - und die sollte man nicht zweimal in Folge verpassen, schließlich fiel die letzte schon dem Deckakt im Juli zum Opfer. Fast hätte es Fianna geschafft, noch einmal das ganze Verständnis und Entgegenkommen der Schulleitung in Anspruch nehmen zu müssen, aber dann hat sie sich doch beeilt. Jetzt wissen wir, warum sie so Gas gegeben hat: weil man die Gutmütigkeit nie über Gebühr strapazieren sollte.

Der Chef (ja, jetzt ist er es) legt sich ins Wohnzimmer nebenan und döst, aber zum Schlafen reicht es nicht, weil die kleine Schar unermüdlich zwitschert oder auch mal protestiert, wenn kein Zapfhahn frei ist. Und auch Fianna jammert immer wieder mal und ruft ihre Kinder zu sich. Zwischendurch muss auch immer wieder die Bettwäsche gewechselt werden, weil Fianna natürlich noch immer Blut und Fruchtwasser verliert. Nein, von Schlaf kann keine Rede sein.

Abends messen wir bei Fianna die Temperatur, weil Hündinnen nach einem solchen Kraftakt gerne mal ins Fieber laufen, vor allem, wenn sie vielleicht zu wenig abbluten und Rückstände in den Geburtswegen bleiben. Aber mit 38,6° C ist alles in Ordnung; erhöhte Temperatur ist normal. Fianna bekommt jetzt noch zehn Tropfen Metrovetsan, das die Blutung fördert, fünf Globuli Podophyllum gegen den Hydrantenstuhl, der sich nach der Aufnahme von mehreren Nachgeburten häufig einstellt, weil das Eiweiß seine Wirkung nicht verfehlt, und fünf Globuli Arnica geben wir ihr auch noch, um die Heilung der vielen Mikrotraumata in den Geburtswegen zu unterstützen. Und schließlich bekommt sie eine Ampulle Frubiase Calcium gegen den Kalziumverlust durch das Stillen, sonst besteht die Gefahr einer Eklampsie, und die kann tödlich sein. Dieses Programm begleitet sie bis auf Weiteres.

Nun haben wir einen Prachtwurf in der Kiste liegen - und haben zu danken. Wir danken Annemarie, Christine und Gerda für ihre Unterstützung, und vor allem für die kurzweiligen Plaudereien, die uns allen die Augen offen hielten.

Besonders danken wir Frau Dr. Jasmin Radtke und Karin Wiesböck von der Paxis Dr. Schiele in Stephanskirchen, die sich bereit erklärten, uns jederzeit zur Seite zu stehen, wenn irgendetwas aus dem Ruder laufen sollte. Gottseidank haben wir davon nicht Gebrauch machen müssen. Aber wir wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und sind dafür von Herzen dankbar.

Schließlich danken wir unserem Papa Bjarni, der wahrscheinlich die ganze Aktion verschlafen hat und an dem, wie bei so vielen Männern, wieder mal alles vorbei gegangen ist. Trotzdem hast du dich um den Bairischen Blues sehr verdient gemacht. Männer, das weiß doch jeder, müssen ihren Mann stehen, wenn es gefordert ist, alles andere ist Weiberkram. Und dass du mit der Farbe gescheitert bist, können wir dir nun wirklich nicht ankreiden.

DSC06788 1 200Fianna mit ihrer FußballmanschaftAber der größte Dank geht an unsere Fianna. Dass sie eine tolle Hündin ist, haben wir schon gewusst, aber diese Nacht hat uns zu begeisterten Fans gemacht: Elf Welpen in knapp sechs Stunden auf die Welt zu bringen und dabei bis zum Schluss fit und stabil zu bleiben, ist eine beeindruckende Leistung. Dabei verhielt sie sich wie ein Profi und hat ihre Knirpse nicht über 500 g schwer werden lassen, was deren Ankunft erheblich erleichterte. Und als sie spürte, dass die ersten übergewichtig werden, hat sie sie abgeschoben. Raus, mit euch! Besser hätte sie es nicht treffen können, denn diese 600g-Boliden sind eine elende Plackerei. Schlau. Und nun ist sie auch noch eine liebevolle und hingebungsvolle Mama. Wo sie doch vor Tagen nichts anderes als ein lustiger Vogel war, dem außer Spielen und Fressen nicht viel am Herzen lag. Vom Troll zur verantwortungsvollen Mama in einer Nacht... Danke Fianna.

Über das G-Deihen der Gs berichten wir in einem neuen Tagebuch.