Dienstag, 25. Mai 2021

Der erste Tag der Jabberwockys beginnt grau und verhangen und mit Regen. Nachmittags scheint dann die Sonne von einem sehr blauen bayerischen Himmel, dem das Weiß fehlt, weil ein kräftiger Südweststurm die Wolken dorthin treibt, wo sie nach Meinung der Bayern auch hingehören. Das ist gut gemeint, weil wir hier wegen der Berge genug Wasser haben, die Landsleute im Norden und Osten davon jedoch mehr brauchen können. Wir Bayern geben eben gerne ab.

Jeannie, die Zitzenzausel, ist im Leben angekoJeannieJeanniemmen und hat alle Last von unserer Seele genommen. Dafür macht jetzt Jodel Schwierigkeiten. Er hat die 450 g seiner Geburt gestern Nachmittag auf 420 g reduziert und bis heute Morgen nichts mehr zugenommen. Dazu hat er nach dem Trinken einen schwammigen, geblähten und etwas roten Bauch. So richtig agil ist er zudem nicht. In so einem Fall ist guter Rat teuer, weil es dafür verschiedene Ursachen geben kann, wie etwa eine Entzündung, eine Unverträglichkeit, aber auch einen Defekt in der Bauchhöhle, irgendetwas könnte beispielsweise nicht ganz dicht oder nicht durchlässig genug sein. Möglich ist einiges, aber wen soll man fragen? Einen Tierarzt? Seriöse Tierärzte, wenn sie keine ausgewiesenen Spezialisten sind, antworten in solchen Angelegenheiten mit einem Schulterzucken und der BAnnamaria pflegt Jodel Jodel in fürsorglichen Händenemerkung, dass sie von Welpen keine Ahnung hätten, weil dieses Fachgebiet in der Veterinärausbildung nur eine Randerscheinung sei. Und wann haben denn Tierärzte tatsächlich mit Welpen zu tun? Bei einem Kaiserschnitt, beim Impfen und Chippen oder beim Einschläfern. Gelegentlich müssen sie sich mit einer follikulären Bindehautentzündung oder einem Zwingerhusten beschäftigen, aber ernsthafte internistische Fragestellung gehören nicht zu ihrem Praxisalltag, schon gar nicht bei zwei Tage alten Welpen. Was also tun? Das jahrelang gepflegte Netzwerk der weisen Frauen weiß vielfach Bescheid. Sab Simplex gegen Blähungen sei eine erste Annäherung ans Problem, auch Fencheltee zur Bauchmassage helfe in leichten Fällen – wenn es sich denn um einen solchen handelt. Schon wieder ist der Assi unterwegs zur Apotheke, kurz bevor die zur Mittagspause schließt, besorgt Sab Simplex, derweil rückt Anna-Maria mit Fencheltee an und beginnt, sich um den mickernden Jodelkönig zu kümmern.

Bis wir mit Ergebnissen aufwarten können, schauen wir uns kurz die Gewichte der anderen an:   

Jackl: 540 (Geburtsgewicht) – 570 (24.5., 12:30) – 590 (heute, 7:40); Jazz: 570 – 560 – 570; Janitschek: 530 – 520 – 540; Jeannie: 490 – 470 – 470; Joschi: 500 – 540 – 570; Jule: 410 – 420 – 410; Jasna: 510 – 520 – 530; Judica: 560 – 540 – 540.

Das sieht alles prima aus. Auch Hedda macht einen sehr aufgeräumten und fitten Eindruck. Vor allem ihre Temperatur gibt uns keinerlei Anlass zur Sorge. Nach einer solchen Tortur mit all den inneren Schäden, laufen viele Hündinnen flott in ein bedrohliches Fieber, vor allem dann, wenn sie nicht kräftig abbluten und die ganzen Geburtsreste zügig ausschwemmen. Das macht uns und der Waschmaschine zwar viel Arbeit und taucht das Anwesen des Bairischen Blues in einen strengen Duft, aber für die Gesundheit der Hündin ist es unabdingbar. Hedda blutet gut ab und sabbert kräftig herum, dafür messen wir bei ihr viermal über den Tag verteilt nur leicht erhöhte Temperaturwerte zwischen 38,3° und 38,5°. Wenn sie weniger hätte, würden wir uns ein neues Fieberthermometer zulegen müssen. Dabei fasziniert uns immer wieder die Gelassenheit und Engelsgeduld, mit der sie sich das Thermometer in den Po schieben lässt, nicht wegläuft, nicht ausweicht, nicht zickt, sondern alles klaglos erduldet. Ihre drei Vorgängerinnen waren da anders gestrickt. Es war zwar keine jemals aggressiv, aber sie versuchten sehr wohl, diesen Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte zu vermeiden, entweder, indem sie das Weite suchten, wenn auch nur der Anschein entstand, dass das Thermometer zum Einsatz kommen könnte, oder durch gymnastische Übungen, die bei spitzeren Gegenständen als einem Thermometer eher zur Perforation der gesamten Afterregion hätten führen müssen, als dass sie uns einen Treffer ermöglicht hätten. Wir haben den Eindruck, dass auch Fianna stolz auf ihre standhafte Tochter ist, alter Adel eben, da stirbt man aufrecht. Für sich hat sie eher den ausweichenden Stolz des niederen Volks gewählt: Besser ein paar Sekunden feige als ein Leben lang tot. Eine herausragende Mutter war sie dennoch. Das eine hat nix mit dem anderen zu tun.

Damit wir die säuerlich-muffige Duftnote im Haus so gut wie möglich unter Kontrolle halten können, bekommt Hedda mindesten zweimal täglich eine Intimwäsche, die sie ebenfalls mit großer Gelassenheit über sich ergehen lässt. Das ist insofern bemerkenswert, weil sie Duschgänge nach Schlammspaziergängen mit Nachdruck zu vermeiden sucht. Aber offenbar ist sie uns dankbar dafür, dass wir ihr diesen Odeur vom Leib spülen; muss sie es schon nicht selbst erledigen.

Wichtig Mamma Mia-BarMamma Mia-Barist uns auch die Pflege von Heddas Zitzen. Man kann es oft nicht verhindern, dass sich laktierende Hündinnen eine Gesäugeentzündung einfangen, was vielfach auf die vielen kleinen Verletzungen zurückzuführen ist, die ihnen die winzigen und messerscharfen Krallen der Knirpse zufügen, wenn sie am Gesäuge herumzerren und -treten. Wir haben in dieser Hinsicht hinreichend schlechte Erfahrungen gemacht, dass wir versuchen, das Risiko so klein wie möglich zu halten. Ob es uns gelingt, steht in den Sternen. Jedenfalls verwöhnen wir Heddas Zitzen mehrmals täglich mit Calendulasalbe, damit sie geschmeidig bleiben und kleinste Traumen sofort heilen, bevor Keime eindringen können.

Jetzt bleibt eigentlich nicht viel mehr, JacklJacklals einen (fast) zufriedenen Blick auf den Nachwuchs zu werfen und abzuwarten, was aus dem schmächtigen Jodel wird. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, eher stirbt alles andere. Auffällig aus der Geschwisterschar ist bislang eigentlich nur Jackl, der schon beim ersten Bettenwechsel versuchte, aus dem Aussiedlerkörbchen zu steigen. Aber er hat ja als Erstgeborener genug Zeit gehabt, sich zu erholen und einen Blick über den Tellerrand zu wagen, während die anderen noch mit sich und ihrer jüngsten Vergangenheit zu tun haben.   

Abend bezieht die Chefin ihr Lager im Wohnzimmer, um bei den Welpen, vor allem aber bei deren Mutter zu sein. Hedda wird mehrmals nachts in den Garten müssen und auch Trost und Hilfe suchen, schließlich ist es kein Kinderspiel, Kinder zu kriegen. Jene Frauen, die nach der Geburt in einer postnatalen Depression versunken sind, können ein schaurig Lied davon singen. Nähe ist jetzt gefragt. Der Assi hingegen hat nichts gegen den Freiraum einzuwenden; Beinfreiheit ist auch keine unwesentliche Freiheit. Davon hält allerdings Fianna nicht sehr viel, die nicht dran denken will, mit ihm ins Obergeschoss zu ziehen; ihr Platz sei ebenfalls in Ruf- und Reichweite ihrer Enkel, gibt sie zu bedenken. Mit Überreden ist da fast nichts getan, denn vier Beine können ganz schön erdverwurzelt sein. Aber sie ist letztlich doch ein viel einsichtigeres als störrisches Mädel und begleitet ihn, schwergliedrig und unüberzeugt. Der Aufschlag des Meteoriten, der vor 66 Millionen Jahren den Golf von Mexiko formte, dürfte kaum lauter gewesen sein als jener Rumms, den Fiannas tonnenschwere Glieder verursachen, als sie sie verdrossen und überdrüssig unter einem endschwermütigen Seufzer in sich zusammenstürzen lässt. Da liegt sie nun neben dem Bett der Chefin, lautlos und reglos, und man weiß nicht, ob eher sie oder Jodel die Nacht nicht übersteht.     

 

Mittwoch, 26. Mai 2021

Jodel wiegt noch 390 g, er wird nicht überleben. Ohne die anderen zu vernachlässigen, dreht sich heute Morgen alles um Jodel. Er bekommt etwas Traubenzuckerlösung in der Welpenmilch mit einer Spritze eingeträufelt, weil sein Saugreflex kaum noch der Rede wert ist. Bei der Mama trinkt er längst nicht mehr, weil er die Mühe, sich eine Zitze zu suchen, nicht mehr bewältigt. Wir werden ihn nicht halten können, aber einfach aufgeben wollen wir ihn auch noch nicht. Während die Chefin Fianna zum Morgenspaziergang mitnimmt, legt sich der Assi den Trauerwurm auf die Brust und unter die Weste, wie er es schon mit Jeannie getan hat, und die beiden ruhen unter inniger Zwiesprache auf dem Sofa, aber Jodel wird nicht lebendig, er knöttert nicht und stemmt sich nicht gegen die Brust, sondern jammert. Er hat einen säuerlichen Mundgeruch und statt Kot einen schleimig-gelben Ausfluss. Er nimmt auch keine Wärme an, er hat bereits den kalten Tod im Leib.

Ob Hedda das spürt? Wer weiß das schon! Jedenfalls verdrückt sie sich, während der Assi den kleinen Jodel wärmt, ins Familiengemach und zerfetzt dort das Laken und den Matratzenschoner der Chefin; das Zeug ist nur noch Lumpen. Warum denn gerade das Bettzeug der Chefin? Ist die etwa schuld? Nein, unerfahrene Hündinnen, die mit der ganzen Situation, mit ihren Welpen und ihren Hormonen im Unreinen sind, neigen schon mal zu Übersprungshandlungen. Jetzt gibt es eben neues Bettzeug. Das wird im Umlageverfahren auf den Welpenpreis draufgelegt, ist doch klar. 😊

Jodel lebt nicht mehrJodel lebt nicht mehrWeil Jodel kein gesteigertes Interesse am Leben zeigt, kommt es, wie es kommen muss. Wenn wir ihn zu Hedda legen, interessiert sie sich zwar für ihn, aber wendet sich gleich wieder ab. Sie kann mit ihm nichts (mehr?) anfangen. Wir bitten eine befreundete Tierärztin aus der Nachbarschaft, uns und Jodel den letzten Dienst zu erweisen. Fianna und Hedda sperren wir aus, damit sie keine Einwände erheben, aber seine letzten Atemzüge macht er zwischen seinen Geschwister (die sich leider überhaupt nicht für das Drama interessieren). Um 14:30 Uhr macht der kleine Jodelkönig die Augen für immer zu. Er wurde gewogen und fürs Leben zu leicht befunden. Und nun ist er der Einzige von uns, der die ganze Leichtigkeit des Seins sein eigen nennen darf.

Wir lassen Hedda Alexandras letzter GrußAlexandras letzter Grußund Fianna dazu Jodels GrabJodels letzte Ruhestätteund erleben den Unterschied zwischen einer jungen und einer lebensweisen Hündin: Hedda schnüffelt das tote Bündel kurz ab und stupst es an, dann ist es für sie erledigt. Fianna scannt den Zwerg dagegen über eine Minute von oben nach unten und zurück. Man glaubt, sie denken zu hören. Und dann hat auch sie einen Haken dran – nur wir nicht. Der Mensch ist offenbar fürs Leben noch weniger geeignet als ein kleiner Jodelkönig. Dem schaufeln wir ein kleines Grab und legen ihn zwischen Rhododendren, wilden Erdbeeren und Bärlauch zum Schlafen. Ein Stein drauf, damit er Ruhe hat, ein Herz dazu und eine Vase mit einer Pfingstrose. So kurz kann ein Leben sein und so tief kann es rühren.

Seine Geschwister machen indes Rabatz, weil offenbar die Essenszeit überschritten ist. So banal kann das Leben eben auch sein. Uns hilft es: Wir haben wieder zu tun.

Das Leben beim Bairischen Blues geht weiter, mal ein bisschen umflort, mal ein bisschen leger. Das Personal ist umflort, die ahnungslosen Zwerge entscheiden sich für leger. Die Leichtlebigen haben es halt immer leichter, weil sie alles auf die leichte Schulter nehmen. Die Bande ist putzmunter und quietschvergnügt. Und sie nehmen zu wie Maden im Speck. Also werfen wir eben einen Blick auf die Gewichte.

Jackl 610 (+20), Jazz 620 (+50), Janitschek 570 (+30), Jeannie 480 (+10), Joschi 610 (+40), Jule 450 (+40), Jasna 550 (+20), Judica 600 (+60). Wir überlassen es den geneigten Lesern, sich selbst ein Urteil zu bilden, ob Hedda zur Mutter taugt oder nicht. Bevor uns irgendwelche wachsweichen Eiereien zu Ohren kommen: Hedda ist eine großartige Mutter! Sie ist engagiert und rührig und hat Milch wie eine Allgäuer Preiskuh. Die Zwerge haben nämlich am zweiten kompletten Lebenstag bereits 240 g zugenommen und das ergibt ein Durchschnittsgewicht von 542 g. In dieser Kiste leidet niemand an Unterversorgung.    

Trotz ihres Engagements gönnt sich Hedda aber auch ihre eigenen Freiräume, legt sich mal in den Garten, besteht auf einen kurzen(!) Spaziergang, liegt im Eingangsbereich, ist aber sofort zur Stelle, wenn irgendein Laut ihre mütterliche Wachsamkeit erregt. Sie macht das uneingeschränkt gut.

Aber auch Fianna hat sich bereits bestens arrangiert. Keine Rede davon, dass sie ihrer Tochter vorbetet, wie sie es zu machen hat, sie mischt sich nicht ein, sie zickt nicht, sie gockelt nicht, sie ist einfach ein Traum. Allerdings: Sowie sich die Gelegenheit ergibt, wenn niemand zugegen ist, kann sie es nicht lassen, einen Blick in die Schnullerbox zu werfen und ihre Nase hineinzustecken. Sie ist eben eine Mutter mit Leib und Seele. Und so ist es dann auch nachvollziehbar, wenn ihr der nächtliche Gang ins Schlafzimmer so schwer fällt wie anderen Leuten der Gang zum Zahnarzt.  

Heddas Temperatur ist auch heute vorbildlich; dreimal haben wir gemessen und sie bewegt sich stabil zwischen 38,5° bis 38,7°. Der Stuhl ist breiig, aber weit von einem Durchfall weg. Die Medikamente scheinen demnach anzuschlagen. Wenn es so weitergeht…

Zum jetzigen Zeitpunkt ist natürlich in der Welpenkiste nicht viel mehr los als Schlafen und Trinken, das allerdings bereits mit dem bekannten Stöhnen, wenn die süße Milch kommt. Wie bei Harry und Sally geht es dann zu. Diese Ereignislosigkeit stürzt die Fotografen auch bei jedem Wurf in einen Zustand der Verzweiflung: Soll und kann man denn jeden Tag Bilder von bräsigen Maulwürfen veröffentlichen? Und dass es inzwischen Jazz ist, die bei jedem Bettenwechsel versucht auszubüxen, gibt fotografisch auch nicht viel her.

Da lenkt man sich dann besser ab, indem man 12 Kilo Hähnchen kocht, zerkleinert und einkocht, damit die Mutter und später die Welpen hochwertiges Eiweiß bekommen können.

 

Donnerstag, 27. Mai 2021

Grau begrüßt uns der Morgen nach Jodels Abschied und der Himmel heult sich aus. Beim Blues geht indes alles seinen neunmal geübten Gang. Die Waschmaschine und der Trockner stehen kurz vor dem Kollaps, die Leberwurst ist auch schon wieder alle, weil Fianna auf einen Rektalzwieback besteht, ohne ihn sich verdient zu haben und der Assi weiß noch immer nicht, welche Hunde welche Markierungen haben. Deswegen ist er zu Recht nur Assi.

Der J-WurfAber wiegen kann er schon, und die Ergebnisse machen ihn sehr zufrieden und nötigen ihm bezüglich der milchspendenden Mutter gehörigen Respekt ab:

Jackl 670 (+60), Jazz 660 (+40), Janitschek 640 (+70), Jeannie 550 (+70), Joschi 670 (+60), Jule 470 (+20), Jasna 610 (+60), Judica 660 (+60). Das macht alles in allem eine Zunahme von 440 g, was man in diesem Alter auch einen Tsunami nennen könnte, und ein Durchschnittsgewicht von 616 g. An Appetit fehlt es der Bande augenscheinlich nicht, nur Julchen, unser Leichtgewicht von Anfang an, bleibt bei ihren Leisten und lässt sich nicht auf eine Speckrollen-Party ein. Sie genießt und ist wohlauf.

Heute hat das Personal Stilllebeneinen Auswärtstermin, deswegen sind wir sehr froh, dass Angela, die Mutter unserer Kreißsaal-Assistentin Alexandra, das Babysitting übernehmen kann – und vor allem auch gerne will. Später stößt dann auch Alexandra dazu, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lässt, einen ersten nachgeburtlichen Blick auf ihre Schützlinge zu werfen. Herzlichen Dank euch beiden.

Bei unserer Rückkehr ist erwartungsgemäß alles im Lot und im Reinen.

Und damit hat dieser Donnerstag auch schon ausgedient; mehr ist von heute nicht zu berichten.

 

Freitag, 28. Mai 2021

An einem Freitag Ende Mai, der immer noch ein Herbst ist, selbst wenn uns die Wetterfrösche erzählen, dass dieser Mai nur 0,1 °C unter dem langjährigen Mittel liegt, an einem solchen Freitag also, der in den vergangenen Jahren vermutlich 2 °C über dem langjährigen Mittel gelegen hätte und uns deshalb, trotz der vielstimmigen Klagen des Landvolks, am Achtersteven lieber war als der diesjährige langjährige Herbst kurz vor dem Sommeranfang, an einem solchen Freitag also, sollte man sich nicht mit langen Vorreden aufhalten (sic!) und sich umgehend mit den zentralen Fragen des Lebens und Überlebens befassen. Konkret heißt das, wir werfen einen Blick in die Gewichtstabelle, der auch beim Blues meist der erste morgens ist. Heute sortieren wir die Kandidaten mal nicht nach ihrer Geburtsreihenfolge, sondern anhand ihres Fettgehalts.

Da hätten wir zuerst denJoschiJoschi subtil dauerinhalierenden Joschi, von dem Insider schon jetzt behaupten, sein kleiner weißer Bruststrich wäre in Wahrheit eine Milchspur. Er bringt heute Morgen 770 g auf die Waage und damit bescheidene 100 g mehr als gestern. Ihm ist Jackl mit 750 g (+80) auf den Fersen, und womöglich zeichnet sich darin schon jetzt das Bullenrennen der Zukunft ab. Allerdings: Unterschätzt mir die Mädels nicht! Mit 740 g (+80) hält Jazz noch locker mit und Judica mit ihren 730 g (+70) hat auch noch alle Optionen offen. Ihnen folgt JuleJuleJanitschek im Niemandsland zwischen Spitzengruppe und Leichtgewichten: 700 g (+60). Dann wird’s grazil und lieblich: Jasna 640 g (+30), Jeannie 630 (+80), die Nachholbedarf hat und dabei voll in der Spur ist, und den JeannieJeannieSchluss markiert die äußerst lebensfrohe, aber zarte Jule mit 550 g, was aber auch 80 g mehr sind als gestern. Gemeinschaftlich haben sie stramme 580 g zugenommen und ein Durchschnittsgewicht von knapp 689 g erreicht. Um 580 g Gewicht draufzulegen, musste Hedda über 1 Liter Milch liefern. Sie will sich demnach nichts nachsagen lassen und tut, was sie kann. Wenn es in diesem Tempo weiterginge, würden wir nach acht Wochen acht Hängebauchschweine vom Hof jagen, aber keine Hovawartwelpen. Aber so wird es ganz sicher nicht weitergehen. Fürs Erste bedeutet das nur, dass bei den Zwergen und der Mutter alles läuft und demnach auch die Milch in Strömen fließt.

Und schon kommt es genau so, wie vermutet und geunkt: Hedda zieht sich von ihren Kindern zurück. Der Grund liegt darin, dass sie wieder starke Nachwehen hat. Offensichtlich hat sie ihre Geburtswege noch nicht von den Blut- und Gewebsresten freibekommen: Das muss jetzt alles raus, wie es der Einzelhandel formulieren würde. Im Duktus des Chronisten handelt es sich um einen postnatalen Exorzismus. Dass sie ernsthafte Probleme hat, erkennen wir daran, dass sie immer wieder einen Wehenbuckel macht, die Rute ausstellt, als ob sie einen weiteren Zwerg loswerden wollte. Dabei ist es ihr im Wohnzimmer passiert, dass sie beim Pressen gleich die Blase mit ausgepresst hat. Platter… Sie bewegt sich auch nicht mehr harmonisch, sondern eher steif und staksig, eben wie jemand, dem das ganze Chassis schmerzt. Einerseits ist es gut und wichtig, dass der ganze Restmodder ausgewaschen wird, andererseits beeinträchtigt das die Hündin offenbar erheblich, was nicht zu ihrer Kinderbegeisterung beiträgt. Für uns ist das wichtigste, dass Hedda weiterhin kein Fieber hat und ihre Temperatur sich stabil im nachgeburtlichen Bereich von 38,2° bis 38,6° bewegt. Solange das so bleibt, ist kein Alarm angesagt.

Dennoch lässt uns die Situation keine Ruhe. Zudem steht ein Wochenende bevor, da möchte man nur ungern in eine schwer zu beherrschende Kalamität laufen. Wir rufen bei unserem Tierarzt an und bekommen für 21 Uhr einen Termin. Um 20 Uhr drängt Hedda wieder einmal in den Garten und presst in ziemlich starken Wehen einen kleinen Fetzen Nachgeburt aus. Ihr ist nicht wohl in ihrer Haut. Um 21 Uhr ist sie dann mit der Chefin beim Tierarzt, während der Assi den Stall hütet. Hedda wird durchgeschallt, außerdem wird ein Abstrich gemacht: keine Infektion, keine Entzündung, aber offensichtlich noch Restmüll in den Geburtswegen. Sie bekommt Oxytocin gespritzt, um weiter Wehen auszulösen, braucht aber kein Antibiotikum. Um 22:15 Uhr sind die beiden wieder zurück.

Die Zwerge haben unterdessen größtenteils fest geschlafen, gelegentlich ein wenig über den mangelnden Nachschub protestiert, waren aber sehr handzahm. Nun aber haben sie ordentlich Kohldampf und Hedda muss gleich wieder in die Bütt. Ein bisschen Überredung braucht sie schon, aber dann legt sie sich hin.

Das tun wir jetzt auch, sehr gespannt und ein wenig besorgt über die nächste Zukunft. Wer hätte jemals gedacht, dass man beim Blues besorgte Bürger finden würde? Nur Fianna hat ihre Bedenken großzügig zu den Akten gelegt und braucht nur wenig Nachhilfe, um sich mit Herrchen im Schlafgemach einzurichten. Wenigstens sie ist normal.

 

Samstag, 29. Mai 2021

Die Nacht ist ruhig, Hedda muss nachts mehrmals zum Pressen und Pipimachen raus. Sonst meldet die Chefin aus dem Kinderzimmer keine Vorkommnisse.

Spannend ist jetzt, wie sich der gestrige Versorgungsausfall auf der Waage abbildet. Das Ergebnis könnte man etwa folgendermaßen interpretieren: Der frühe Vogel frisst den Wurm, den späten wurmt es hinterher. Späte Vögel sind Joschi und Jule, die beide eine Nullnummer liefern und bei ihren Gewichten von 770 g und 550 g bleiben. Zumindest Joschi dürfte mit diesem Gewicht nicht in den Unterzucker laufen und Jule macht auch keinen verwahrlosten Eindruck; vielleicht möchte sie ja demnächst bei Germany’s Next Top Model an den Start gehen. Die Aussichten stünden nicht schlecht. Alle anderen haben mehr oder weniger gut zugenommen, was die folgende Rennliste ergibt, in der Joschi zwangsläufig seine Pole Position verliert. Jackl 820 (+70), Jazz 790 (+50), Joschi 770 (0), Judica 750 (+20), Janitschek 740 (+40), Jasna 700 (+60), Jeannie 660 (+30), Jule 550 (0). Insgesamt legen die Jammertäler 270 g zu und bringen eine Durchschnitt von 722 g auf die Waage. Die Umstände geben keinen Anlass zur Sorge, dass beim nächsten „Stromausfall“ die ganze Brut an Hungerödemen zugrunde geht.

Unsere Erfahrung, besser früh einzugreifen, als hinterher in ernsthafte Probleme mit Fieber, Stress und plärrenden Welpen zu laufen, hat sich bewährt. Hedda presst immer noch heftig, schiebt aber jetzt deutlich mehr Abraum aus sich heraus. Unsere gemeinsamen Aufenthalte unter der Dusche häufen sich, aber Hedda lässt das gern mit sich geschehen. Ihre Temperatur ist weiterhin stabil entspannt, sie hat einen klaren Blick und ist völlig normal. Fast völlig normal, denn jetzt drückt sie sich zunehmend vor ihren Mutterpflichten!

Das kommt davon, wenn man den Teufel mit Posttraumatische Versorgungsstörung?Posttraumatische Versorgungsstörung?dem Beelzebub austreibt. Aber die Alternativen sind uncharmant. Der Teufel sind die Geburtsreste in Hedda, der Beelzebub das Oxytocin. Wir haben schon bei Anouk Oxytocin gegeben, weil sie so schlecht abblutete und in Fieber über 40° lief und so moderig stank, dass sogar Franzi im Keller verschwand. Der Unterschied bei Anouk war, dass wir ihr in häuslicher Therapie mehrmals kleinste Dosen spritzten, die sehr moderate Kontraktionen auslösten und Anouk sehr schonend wieder auf die Beine brachten. Hedda bekam gestern eine veterinär-medizinisch übliche Dosis, die kraftvoll zupackt. Grundsätzlich ist das nicht verwerflich, hat aber den Nachteil, dass jetzt zu den eh schon manifesten Gebärmutterkontraktionen noch die vom Saugreflex ausgelösten hinzukommen – auch das Säugen verursacht Kontraktionen – und das findet Hedda nun des Guten zu viel und verknüpft die unangenehmen Gefühle mit den Welpen. In dieser Logik muss sie sich ihre Welpen konsequenterweise vom Bauch fernhalten. Sie verweigert die Schnullerbox. Wir können ihr das eigentlich nicht übelnehmen. Wer hätte dafür kein Verständnis? Aber für ein Selbstverwirklichungs-Wochenende mit Schalmei und Schamane ist jetzt die falsche Zeit: Sie muss in die Kiste, und dabei müssen wir sie eben ein wenig unterstützen, ihr das Vertrauen geben, dass sie das schon hinbekommt, auch wenn es gerne vermeiden würde. Und das klappt, allerdings müssen wir bei ihr sitzenbleiben, ihr mit kleinen Leckereien das Unangenehme schmackhaft machen und sie in einer Dauerschleife loben. Ja, man könnte sich die ganze Angelegenheit geschmeidiger vorstellen, aber so geht es auch und so wächst man schließlich auch zu einem unschlagbaren Team zusammen. Trotz aller Nickligkeiten geht es uns, im Vergleich zu manch anderen, noch richtig Gold. Sorgen hat man immer, Sorgen um die Hündin und Sorgen um die Kinder, aber diese Sorgen, so berechtigt sie sind, so beherrschbar sind sie. Sofern es dabei bleibt…   

Mittags machen JazzJazzJacklJacklwir dann die ersten Einzelportraits der Welpen, ein heißersehnter Service für die bildergierigen Welpenkäufer. Zwar sehen die Knirpse immer noch alle wie frisch gebadete Maulwürfe aus, aber selbstverständlich werden ihnen von ihren heimlichen Anhängern bereits erste extraordinäre Eigenschaften zugeordnet, welche nur sie telepathisch per WhatsApp empfangen, JeannieJeanniedie dem Rest der Welt sowie den Züchtern jedoch für alle Zeit JanitschekJanitschekverborgen bleiben werden. Längst plädiert der Chronist den üblichen soziologischen Gruppen von Reichen, Superreichen, Mittelgeschichteten, Unterschichtigen, Dummen und Klugen, Bildungsnahen, Bildungsfernen und Bildungsresistenten, Klugen, Schlauen, Doofen, Säufern, Trinkern , Fressern, Hungerkünstlern, Ästheten, Grobianen, Rauchern, Nichtrauchern, Skrupellosen und Feinsinnigen, Ballermännern und JuleJuleBaumumarmerJasnaJasnan, Lustigen und Trauerklöpsen, und, ach, wer weiß nicht, wem sonst noch alles, eine Gruppe der Welpenkäufer hinzuzufügen, die eine gesondert zu betrachtende Untergruppe der Reichen, Superreichen, Mittelgeschichteten, Untergeschichteten, etc. wären; nur aus der Gruppe der Dummen sollte man sie entfernen, denn solche sucht man unter Hovawartkäufer meist erfolglos – sonst wären sie keine Hovawartkäufer. Solche soziologischen BJoschiJoschieJudicaJudicatrachtungen entstehen zwangsläufig während der Fotoarbeiten, um dem Unmut über die wieselflinken Portraitverweigerer etwas Meditatives entgegenzusetzen, die Ungeduld einzuhegen und den Schaden an der eigenen Seele in Grenzen zu halten. Es wäre zu überprüfen, wie viele große Denkerkarrieren ihre Anfänge in der Welpenfotografie nahmen.

Nach dem Abendmenü können wir Heddda überzeugen, sich wieder zu ihren Kindern zu gesellen, und dann bietet sie ihnen eine halbe Stude lang den vollen Mammaservice, füllt sie ab und pflegt sie. Die Kleinen hören gar nicht mehr auf zu genießen, Joschi, vom heutigen Wiegeergebnis noch unter Schock, klappert jede Zitze nach verwertbaren Restbeständen ab und wird auch immer fündig. Währenddessen betreibt Hedda intensive Intimpflege bei ihren Kindern, damit die Kleinen hinten loswerden können, was sie sich vorne einflößen. Bei dieser gesamten Fütterung sehen wir erstmals keine Wehe, die Hedda durchläuft. Allerdings beginnt heute Abend die Zeit der strengen Düfte, denn jetzt fangen die Welpen an, echten Kot zu produzieren, den ihnen die Mutter ausmassiert. Wenn es nach dem Chronisten ging, könnte er auch gerne drinnen bleiben.

Bei der anschließenden Zitzeninspektion stellen wir fest, dass Heddas Gesäuge schon kräftig von den Zugriffen ihrer Kinder gezeichnet ist; Kratzer und Schrunden allüberall. Das heißt: Krallen schneiden! Entzündungen können wir jetzt am allerwenigstens brauchen. Der Zeitpunkt ist günstig, denken wir, denn die Zwerge sind pappsatt und schläfrig vom Verdauen, meinen wir. Also werden sie aus der Kiste geholt, auf den Schoß des Assis gehoben und nach alter Bader-Manier zurechtgestutzt. Der altgediente Bader-Assi hat immer noch die ruhigere Hand als die hypermotorische Chefin. Dann mal los…

Fassen wir JudicaJudica kämpft um ihre Designernägeldie nun folgenden 20 Minuten der Einfachheit halber so zusammen: Des Menschen Einbildung übersteigt seine Bildung bei weitem. Oder anders ausgedrückt: Unterschätze nie den Überlebenswillen von einwöchigen Welpen! Wenn der eingebildete Mensch meint, die ganze Situation und die Welpen im Griff zu haben, irrt er gewaltig. Nicht eine(r) dieser acht Überlebenskünstler ergibt sich kampflos, alle wehren sich nach Kräften, als ginge es um ihr kleines nacktes Leben und als hätte sich die Lügenparole herumgesprochen, wir hätten den bedauernswerten Jodel auf dem Gewissen und würden auch ihnen nach dem Leben trachten. Dementsprechend zeigen sie es dem Baderwastl, und packen alles aus, was an JanitschekJanitschek gehts leger anKraft und Geschmeidigkeit bereits jetzt in ihren Maulwurfskörpern schlummert. Am gewaltigsten drückt Judica ihr Missfallen aus, zäh, hartnäckig und trickreich wie eine Partisanin, und wenn sie schon Zähne hätte, trüge der Assi jetzt ihre Wundmale zu Bett. Alle wehren sich nach Kräften und Möglichkeiten – außer Janitschek. Der setzt auf eine Art Kaffeehaus-Widerstand, weil er möglicherweise die Pflege seiner feschen Marken für zukunftsweisender hält als den Ruf als Samurai. Vielleicht hat er schon mal etwas vom Beruf eines Markenbotschafters gehört und verspricht sich davon einiges. Das heißt aber nicht, dass er keinen Widerstand leistet, das schon, aber nur bis zu dem Punkt, an dem der gegnerischen Widerstand einsetzt. Auch eine Strategie. Entscheidend ist, dass alle unversehrt aus der Prozedur kommen, keinem ein Härchen gekrümmt wurde, alle Zehen noch an Ort und Stelle sind. Blut ist keines geflossen, nur die Krallen sind ein wenig gestutzt. Altes Bader-Handwerk eben. Und auf die Guillotine hat der alte Herr Bader eh noch nie keinen geschickt.

 

Sonntag, 30. Mai 2021

Heute Morgen sieht Heddas Darmproduktion schon wieder sehr ermutigend aus, man kann sagen, sie hat fast wieder einen normalen Stuhl. Ihre Temperatur stabilisiert sich langsam immer ein wenig mehr nach unten, liegt demnach jetzt im Schnitt knapp über 38°, was den Züchter glücklich macht, vor allem unter dem Aspekt der Geburtsreste in ihrem Bauch, mit denen sie immer noch zu tun hat. Aber es sieht danach aus, als ob wir an dieser Baustelle von ernsten Problemen verschont bleiben könnten.

Aber es zieht sie weiterhin nicht zu ihren Kindern. Wenn man sie dazu anhält, kommt sie dem nach und erfüllt ihren Auftrag auch gewissenhaft. Wobei es immer mehr den Anschein hat, dass Hedda nicht eigentlich Abstand von ihren Kindern halten möchte, sondern eher von den Kindern in der Schnullerbox. Denn wenn wir sie ins Kuddebett legen und ihr die Zwerge reichen, zickt sie nicht herum, sondern übt sich in Geduld und Kinderpflege. Offenbar verknüpft sie eher die Box mit ihren Wehentätigkeiten als die Kinder. Allerdings müssen wir auch im Kuddebett bei ihr sitzen, weil das brave Mädchen, jedem unserer Schritte getreulich folgt. Wenn wir weggehen, geht sie auch. Das hat man dann von solchen Schattenwesen. Jahrein, jahraus weiß man so etwas zu schätzen, aber manchmal bekommt man für diese Gefolgschaft auch die Quittung.

Ein Blick Ausgebüxt – Janitschek und JoschiAusgebüxt – Janitschek und Joschiauf die Gewichte zeigt, dass Joschi bei seiner vom Überlebenskampf geprägten Noagerlsauferei gestern den anderen fast die ganze Milch abgegraben hat. 110 g hat er zugenommen, sich von 770 auf 880 g hochgeschlemmt und den Spitzenplatz zurückerobert. Ihm folgen Jazz (+70) und Jackl (+40) gleichauf mit 860 g. Judica bringt es auf 800 g (+50). 790 g (+50) wirft der Markenbotschafter Janitschek in die Waagschale. Dann tut sich eine Lücke auf: Jasna 700 (0), Jeannie 680 (+20) und Jule 600 (+50). In Summe beträgt die Auflastung 390 g und das Durchschnittsgewicht liegt heute bei 771 g.  

Trotz dieser unverdächtigen Milchleistung macht uns heute eine Zitze etwas Sorgen. Das Problem besteht ja darin, dass die Schnuller möglichst gleichmäßig und am besten komplett leergepumpt werden sollen. Geschieht das nicht, ergibt sich ein Milchstau, also Dickmilch anstatt Vorzugsmilch. Grundsätzlich ist gegen Heddas leidgeprüfte ZitzeHeddas leidgeprüfte ZitzeDickmilch nichts einzuwenden, sie soll ja auch sehr gesund sein, nur bei einer laktierenden Hündin ist sie eher unerwünscht. Auch in dieser Disziplin haben wir unsere Erfahrungen gesammelt und werden schnell nervös, wenn uns da etwa auffällt. Heute fällt uns eine gut gefüllte, aber eben auch etwas zu feste Zitze auf. Wenn wir nicht demnächst eitrige Milch auspressen und Quarkwickel auflegen wollen, sollten wir schnell handeln. Wir legen drei der stärksten Trinker an diesen Zapfhahn und lassen sie machen, aber sie kriegen ihn nicht frei, weil vorne schon ein ziemlich fester Pfropf sitzt und die Milch dahinter nicht durchkommt. Wir legen Hedda im Garten in die MilchgeysirMilchgeysirstabile Seitenlage und dann macht sich die Chefin an eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen: Ausdrücken. Meist handelt es sich dabei um Talgknubbel oder Mitesser, aber eine verstopfte Milchdrüse tut es auch. Nachdem die Dickmilch herausgepresst ist, spritzt die leckere Sahne 30 bis 40 cm hoch aus Hedda heraus. So etwas hast du noch nicht gesehen! Eine beispiellose Verschwendung ist das; die Hungerhaken verzehren sich nach Manna und hier schießt das Lebenselixier wie ein Geysir ins Leere und macht niemanden mehr satt. Schade drum, aber uns ist es lieber als Topfen mittels Quarkwickel (und unter Fieber) zu entfernen. Bei dieser Gelegenheit müssen wir noch dokumentieren, dass die Spitze dieser Zitze schon angeknabbert ist und etwas absteht. Wie schaffen die das? Die haben doch noch gar keine Zähne! Und die Krallen sind auch bereits gekappt. Vielleicht sollten wir statt Calendulasalbe besser Tabasco auftragen.

Ganz frei bekommen wir den Milchschnuller nicht, aber wir sind zuversichtlich, dass sich die Zwerge so lange an ihm abmühen, bis er wieder fließt. Zur Not muss Joschi ran. Bis wir den Tag beschließen, brauchen wir keinen Quarkwickel und kein Antibiotikum. Die Jabberwockys erweisen sich als richtige Schlabberwockys und füllen sich engagiert und geräuschvoll ab.  

 

Montag, 31. Mai 2021

Heute Morgen, 31. Mai um 6:30 Uhr: 3 °C und der Nachttau auf der Windschutzscheibe ist angefroren. Morgen, so erzählt man sich, sei der meteorologischer Sommeranfang. Wenn so die Erderwärmung aussieht, wollen wir sie nicht haben! Aber der Himmel über dem Mangfalltal ist blau, so blau wie der Punkt auf Jules Schulter. Es wird ein makelloser Frühlingstag, der es aber nicht über 20 °C schafft.

Hedda darf heute Morgen einen langen Spaziergang mit Fianna, ihrem Frauchen und der Herzensfreundin Krümel machen: Einmal um den Speichersee bedeutet für sie fast eine Stunde Kinderfreizeit; denn noch immer legt sie sich nicht aus freien Stücken zu ihren Kindern und braucht etwas Ermutigung. Mit ein bisschen Hilfe ist sie dann jedoch Mutter ohne Punktabzüge. Noch immer hat sie sporadische Gebärmutterkontraktionen, und wir sind sehr gespannt, ob sie sich nach deren Verschwinden wieder proaktiver, wie man heutzutage sagt, ihrem Nachwuchs zuwendet.

IJeannieJeannienteressant ist, dass von Heddas Milchverknappung immer ein Jollyjoker profitiert und die anderen sich mit dem Rest abfinden müssen. Vor allem Joschi ist es, der offenbar den Dreh, wie man an Milchsubventionen kommt, am besten raushat; einmal waren es 100 g, einmal 110 g, einer Karriere als Bauernlobbyist steht somit nichts im Wege. Aber 60 bis 80 g haben die meisten irgendwann mal geschafft. Heute ist es die zauberhafte Jeannie, die uns mit satten 110 g glücklich macht. Von einer Geburtsdepression ist bei ihr nichts mehr zu spüren. Der Reihe nach: Jackl 890 (+30), Jazz 930 (+70) übernimmt die Spitze und verdient sich den Kampfnamen „Mampf-Mamma“, Janitschek 840 (+50), Jeannie 790 (+110), Joschi 910 (+30), Jule 610 (+10), Jasna 730 (+30) und Judica 810 (+10), insgesamt 340 g mehr bei einem Schnitt von knapp 814 g.

Und damit ist über die erste Woche der Jays alles berichtet. Eine Woche haben wir und die Zwerge bereits hinter uns gebracht, leider nicht ohne Verlust. Wer schon einmal einen Welpen zu einem späteren Zeitpunkt verloren hat, weiß, wie viel größer der Schmerz dann ist. Wir hätten schon jetzt gerne darauf verzichtet. So etwas braucht niemand. Wir danken dem unglücklichen Königsjodler dennoch, dass er den Weg zu uns gefunden hat, weil wir auch nur so seinen Verlust empfinden können. Wir behalten dich, kleiner Jodel, in unseren Herzen, wie wir auch deine frühen Vorgänger Atlan und Dylan nicht vergessen haben.

Zugegeben, es war eine anspruchsvolle und sorgenvolle Woche, wir können uns an entspanntere erinnern, aber auch an quälendere. Die meistkolportierte Erzählung ist die, dass die erste Woche die coolste sei, sozusagen easy-going, weil die Hündin ja alles selbst erledigt, die Kinder süß und knutschig sind, nicht nerven oder sich nicht unentwegt aus dem Staub machen und überall ihre stinkenden Daseinsnachweise hinterlassen. Und einem dabei auch noch ständig an den Beinkleidern und Nerven zerren. Doch gerade beim ersten Wurf einer Hündin weiß man nie, wie sie sich verhält, ob sie genug Milch hat und wie sie sich den Welpen gegenüber verhält. Wie wir gesehen haben, kann Vieles passieren und auf alles sollte man gefasst sein. Von einer entspannten Woche kann nicht die Rede sein. In unserem Fall bereichert noch eine äußerst kinderaffine Oma das Bild, und auch bei ihr weiß man vorher nicht, was man zu erwarten hat und welche Schwierigkeiten sich ergeben. So ein erster Wurf ist immer eine Lotterie.Hedda hat das Erbe ihrer Oma Franzi in den Genen, die einerseits eine höchst robuste Rabaukin war, aber andererseits mit Wehwehchen nur schlecht umgehen konnte. Hedda ist ihr darin sehr ähnlich, sie hat sehr viel von ihrer Oma: Sie ist schnell wie ein Skorpion, sehr beweglich, arbeitsfreudig, blitzgescheit und überaus freundlich. Und sie ist, wie ihre Oma, bereit, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, aber wenn die Wand dagegenhält, ist der Aua-Faktor groß. Ein bisschen sich das Bein vertreten, kann schon mal den Ruf nach dem Notarzt auslösen. In der Tiefe ihrer zauberhaften Seele ist sie eine Art weiblicher Jürgen von der Lippe: ein Hypochonder mit starkem Auftritt. Das macht sich jetzt bei ihren Problemen mit den Geburtsrückständen und den künstlichen Wehen bemerkbar. Da möchte sie lieber in ihrer Mupfel verschwinden und auf ein baldiges Ende der Zumutungen hoffen. Wir vermuten stark, dass das Oxytocin ihren Hormonhaushalt heftig durcheinandergeschüttelt hat, weil sie die Mutterinstinkte nicht mehr abrufen kann, was sie vor diesem Eingriff leidenschaftlich konnte. Wir sind gespannt, ob sich das ändert, wenn die Wirkung des Hormons aufhört. Wir glauben sicher, dass sich ihre vollen Mutterinstinkte wieder durchsetzen, wenn die Aufräumarbeiten in ihrem Bauch beendet sind. Erste Hinweise auf eine Rückkehr zur Normalität sind uns nicht entgangen. So ist sie ein starke Befürworterin kurzer Pipi-Runden, um schnell wieder bei ihren Kindern zu sein. Längere Ausgänge versucht sie übers Tempo zu verkürzen. Auffällig ist, dass sie Fianna zur Seite drängt oder sich vor der Schnullerbox querstellt, wenn sie sich ihr mehr als gebührlich nähert. In dieser Hinsicht lässt sie über Urheberschaft und Zuständigkeit keine Zweifel aufkommen. Aber sie erledigt das immer charmant und mit einer Rose im Knopfloch. Auch nachts besucht sie ihre Zwerge immer wieder mal, sieht nach dem Rechten und vergewissert sich, dass noch alle da sind. Nur zur Fütterung ist sie eben aus den beschriebenen Gründen noch nicht ohne Unterstützung bereit. Aber das wird wieder. Momentan ist sie unzweifelhaft hormonell ein wenig durch den Wind und generell etwas wehleidig – nichts, was nicht in den Griff zu kriegen wäre. Wir schaffen das!

Aber wenn wir jetzt mal das Jammermodul abschalten, haben wir nicht allzu viel Grund zu klagen: Die Welpen gedeihen, die Mutter wird die Kurve kriegen, die Oma wacht über uns alle, der Frühling ist auch schon erwacht und wenn das Wetter in den nächsten Wochen Outdoor-freundlich wird, sind die Lasten der ersten Woche schnell vergessen.