Dienstag, 8. Juni 2021

Wie jetzt der Medardus wettert, solch Wetter 30 Tage zittert. Na denn: Prost! Der Medardus zeigt sich im Mangfalltal einigermaßen zwischenmenschlich mit viel Wolken und Gewitterdrohen, aber am Ende kann er sich nicht entscheiden und lässt es bleiben. In anderen Gegenden lässt er es dafür umso mehr krachen.

Auch heute zeigt sich, dass die Zwerge nicht immer alle an Mutters Bar gleichmäßig zum Zuge kommen, wieder haben zwei ein wenig abgenommen. Noch zögern wir mit der Zufütterung, weil die Zwerge dafür erst in der Lage sein müssen, ihre Zunge anders einzusetzen als sie um eine Zitze herumzuschlingen und mit ihr einen Unterdruck zu erzeugen. Sie brauchen dazu die Fähigkeit, mit ihr zu lecken. Um in dieser Hinsicht etwas Beschleunigung zu erzeugen, stellen wir ihnen eine großen, schweren Blumenuntersetzer mit Wasser auf, damit sie üben können und gleichzeitig mehr Flüssigkeit bekommen als durch Mutters Sahne. Mal sehen, wie weit sie schon sind, einige versuchen sich immerhin schon irgendwo und irgendwie mit einem Hinterbeinchen im Sitzen zu kratzen. Das ist allerdings etwas für die Abteilung Komik, weniger für die Abteilung Körperhygiene; es ist hat alles noch sehr schwer, aber das Bedürfnis und das Bemühen wird deutlich. Lange dauert es nicht mehr, bis sie auch darin fit sind.

Werfen wir also den bereits routinierten JanitschekJanitschek geht in DeckungBlick auf die Gewichtsentwicklung. Da macht sich Jazz klammheimlich auf und davon: Jazz 1450 (+100), die macht ihrem Namen Mampf-Mamma alle Ehre. Dagegen nehmen sich die 0 g plus von Jackl recht erbärmlich aus, aber er hält noch den zweiten Platz mit 1330 g. Joschi bleibt der Stabilo-Boss auf dem dritten Platz mit 1310 (+60). Auch Janitschek ermannt sich nicht, die Schwäche seiner Brüder zu nutzen und Jazz zu düpieren (Männersolidarität eben!), sondern begnügt sich mit 30 g plus (1210). 1150 (+40) meldet Jasna, 1110 blinken bei Judica auf, stolze 70 g plus. Jeannie beginnt die neue Woche mit einem runden Kilo, und demnach mit 20 g minus. 30 g lässt Jule liegen und startet mit 910 g in die neuer Runde. Das ergibt dann 250 g Zunahme und ein Durchschnittsgewicht von knapp 1184 g.

Es geht also seinen Gang, mal flotter, mal träger, aber es geht vorwärts. Aber dass sich schon heute Nachmittag unser Versprechen vom Abspann der zweiten Woche, dass die dritte ereignisreicher werden würde, bewahrheitet, geht uns jetzt doch zu schnell. Vor allem der Umfang des belebten Ereignishorizonts verschluckt uns binnen Minuten so flott wie der eines Schwarzen Lochs. Wenn man merkt, was los ist, dreht es einen schwindelig im Kreis und dann ist man verschluckt. Aus. Ende.

JuleJuleGenau so fühlen wir uns heute am späten Nachmittag, den wir eigentlich nur mit einer ersten Fotosession der Jays im Garten abrunden wollten. Das Shooting verläuft auch mit viel Freude, denn die Zwerge zeigen sich im unbekannten Gras ziemlich souverän, jedenfalls nicht verschreckt oder gar verschüchtert. Sie sind mit ihren zwei Wochen ein ziemlich cooler Haufen. Doch bei Sichtung von Jules Bildern, fährt uns ein mächtiger Schock in die Glieder: Auf keinem Bild von ihrer rechten Seite sehen wir ein Auge! Wir holen uns den Zwerg und sind fassungslos: Jules rechtes Auge ist geschlossen, und es sieht aus, als ob JeannieAn Tagen wie diesen hängt sogar Jeannie wie tot überm Zaunhinter den Lidern nichts wäre. Über Andrea, die auch für einen Jabberwocky auserkoren ist und in der Tierklinik Oberhaching für geschmeidige Abläufe sorgt, bekommen wir gleich für morgen 12 Uhr einen Termin bei einer Augenspezialistin. Danke, Andrea, in solchen finsteren Momenten kommt man so besser über die Runden – with a little help of our friends.   

Die Nacht beim Blues ist voller Gespenster. Es rumort heftig in den Köpfen und den Eingeweiden, weil wir nicht wissen, wie es mit Jule weitergeht, was letztlich davon abhängt, ob ihr linkes Auge in Ordnung ist. Eine völlig blinde Jule wird es auf dieser Welt nicht geben. Die Nächte sind kurz, wenn man Welpen hat, diese Nacht ist die kürzeste und schlafloseste seit langem.

 

Mittwoch, 9. Juni 2021

An Tagen wie diesen hilft es, die gewohnten Routinen einzuhalten und sich nicht von der Tageslast aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Deswegen unterscheidet sich der Morgen des 9. Juni nicht von den seiner Vorgänger. Ob er sich von dem des 10. Juni unterscheiden wird, entscheidet sich High Noon.

JazzJazzJetzt werden erst wieder einmal die Gewichte genommen, und wenigstens die geben Grund zur Freude. Der heutige Gewichtstag könnte unter dem Motto stehen: Jazz – Up, up and away, weil ihr derzeit einziger ernsthafter Konkurrent Jackl schwächelt. Also:

Jazz 1510 (+60), Joschi 1390 (+80), Jackl 1340 (+10), Janitschek 1310 (+100), Judica 1130 (+20 und als letzte das Gewicht verdoppelt!), Jasna 1130 (-20), Jeannie 1070 (+70) und Jule 1020 (+110). Zumindest Jule ließ sich gestern von der Aufregung um sie nicht aus dem Konzept bringen, nach einer Phase der Zurückhaltung wieder einmal kräftig zuzulangen. Das zeugt von einer unübersehbaren (!) mentalen Stabilität. Wir verzeichnen heute 430 g Zuwaage und 1237,5 Durchschnittsgewicht.

Um 11:15 Uhr verfrachten wir Hedda auf den Boden des Bluesomobils hinter den Fahrersitz, legen ihr Jule ans Herz, die Chefin sitzt mit einem wachen und einem trüben Auge daneben und der Assi chauffiert seine kostbare Fracht ins Ungewisse. Hinter ihm ist Mucksmäuschenstille, wenn man mal von lustvollen Schmatzgeräuschen absieht. Fast eine Dreiviertelstunde arbeitet sich Jule durch Mamas Milchbar und scheint mit sich und der Welt völlig im Reinen. Um 12 Uhr wird sie dann von einer strahlenden Mitarbeiterin der Klinik Oberhaching ans Herz gedrückt und an deren Brust davon getragen, während Hedda mit ihrem Frauchen, völlig entspannt, die Entführung ihrer Tochter begleitet. Die Drei verschwinden und der Assi leidet 20 Minuten im Auto, bis der ganze Trupp mit einer erlöst wirkenden Chefin zurückkommt. Die Begutachtung durch Frau Dr. Baier-Heimstädt ergibt folgenden Sachstand: Das rechte Auge ist nicht angelegt, unter den Lidern ist nichts, höchstens ein Augenfragment. Das linke Auge wirkt völlig normal, zeigt keinerlei Verwachsungen oder Verklebungen auf Netzhaut oder Linse, was auf eine spätere Blindheit schließen ließe und reagiert auf Lichtimpulse. Über die spätere Sehleistung lässt sich bei keinem Welpen in diesem Alter eine zuverlässige Aussage machen, weil sich das Auge noch in Entwicklung befindet. Die Tierärztin ist bei Jule völlig entspannt und sehr zuversichtlich, dass sie mit einem Auge ein fast völlig normales Leben wird führen können. Nur mit Züchten wird es nichts werden. Fürs Erste kommt Jule auf Wiedervorlage in der achten Woche, zum Zweiten haben sie und ihre Mama die Herzen der halben Klinik im Sturm erobert.

Auf der Heimfahrt finden wieder Gespräche im Blindentransporter statt. Jule stärkt sich derweil wieder stumm an Mamas Bar. Wir warten jeden Moment darauf, dass sie uns das Auto vollspeit, weil ein so kleiner Hund eine solche Fett- und Proteinportion unmöglich problemlos verstoffwechseln kann, meinen wir. Aber Jule kann, die ganze Strecke über, 45 Minuten. Zuhause legt sie sich zu ihren Geschwistern und verdaut lautlos und konvulsionsfrei.

Wir halten für die Gegenwart und die Nachwelt also fest: Jule ist ein Montagsprodukt mit leichten Fertigungsmängeln, und der Assi adelt sie mit dem Namen „Blind Jule Johnson“, entliehen von dem einzigartigen Blues- und Gospelmusiker Blind Willie Johnson aus der erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Der war zwar ganz blind, dafür ist Jules stimmlicher Beitrag noch nicht mal halb so eindrücklich wie seiner; Jule ist eine eher leise Vertreterin der Jays. Ihre genussvoll stumme Reise nach Oberhaching ist dafür ein starker Beleg.

Uns fällt ein Stein vom Herzen. Mit einer einsichtigen Jule können wir gut leben, so wie auch sie davon kaum beeindruckt sein wird, zumal sie nichts anderes kennt. Wir kennen eine Hündin, die halbseitig blind einen großartigen Schutzdienst gemacht hat. Mit Wahrscheinlichkeit wird der optische Mangel ihre Nasenentwicklung noch verstärken; einer Karriere als erstklassiger Fährtenhund stünde als auch nichts im Wege. Eines müssen wir aber gleich klarstellen. Wegen des Auges wird Jule nicht billiger zu haben sein, im Gegenteil: Sie hat schon jetzt mehr Fahrstunden als die anderen sieben in diesen acht Wochen bei uns je haben werden (das hoffen wir jedenfalls!) und ist schon heute komplett automobilstabil. Diese Umstand muss in der Preisgestaltung seine Berücksichtigung finden 😉.     

An dieser Stelle ist es uns besonders wichtig, die unglaublich vielen Aufmunterungen zu erwähnen, die uns seit gestern erreicht haben, denn der Flurfunk war natürlich schneller als unsere „offizielle“ Bekanntmachung bezüglich Jules Gebrechen. Wegen der fachlichen Aussagkraft ist es zwangsläufig Frau Dr. Baier-Heimstädts Mutmacher, der uns wieder den Glauben an Jules Zukunft gegeben hat, aber nicht weniger ergreifend sind die Reaktionen von Freunden und vor allem der aktuellen Welpenkäufer, von denen keine(r) auf vermeintliche Ansprüche besteht, die, im Falle eines Verlustes von Jule, vom Kauf zurücktreten oder auch eine blinde Jule zu sich nehmen würden. Wir sind sehr gerührt und wünschen allen Züchtern solche Käufer; der landläufige Umgangston ist leider gelegentlich ein anderer, selbst wenn es kein Unglück zu bewältigen gibt.

Für den Moment sind wir dem Defekt entsprechend unglücklich, den Umständen entsprechend glücklich und, angesichts Jules Melkleistung, gespannt, wie die Gewichte der sieben anderen morgen aussehen werden. Viel kann für sie nicht übriggeblieben sein.

Apropos: Diese sieben erwarten uns schlafend und in der fürsorglichen Obhut der Oma, als ob wir nur mal zehn Minuten weg gewesen wären.

Aber beim Blues scheint sich immer ein Unglück über ein gerade gewonnenes Glück legen zu müssen. Um das zu erklären, müssen wir ein wenig in die Vergangenheit blicken. Neun Würfe stehen bisher in unserer Biografie, bei knapp der Hälfte hatten wir einen kapitalen Schaden zu verzeichnen, einen, der immer unangenehm, während eines Wurfe aber fatal ist. Einmal war der Kanal verstopft, sodass uns die Sch… in die Waschküche lief, ein andermal gab die Waschmaschine ihren Geist auf, dann die Spülmaschine und, fast schon der kapitalste aller kapitalen Schäden, die Kaffeemaschine! Und heute? Geht uns das Licht im Eßzimmer aus. Schalter kaputt? Dimmer kaputt? Dimmersicherung im Eimer? Lampe kaputt? Wir sind beide keine Elektriker und die uns gegebenen Möglichkeiten der Schadensfindung enden schnell. Die schnelle Lösung, die letztlich keine Lösung ist, ist eine lausige Stehlampe neben dem Tisch, die wenigstens das Nötige tut, ohne uns glücklich zu machen. So etwas kann man brauchen… jetzt, ausgerechnet jetzt.   

 

Donnerstag, 10. Juni 2021

Regnet’s am Margaretentag, dauert der Regen 14 Tag‘. Heute regnet es fast den ganzen Tag, teilweise heftig, immer wieder von Gewittern gestützt. Das würde heißen: Zwei Wochen Hausarrest für unsere Zwerge. So gemein kann der Himmel nicht sein! Wir entziehen Margarete das Vertrauen, weil wir nicht auf Bauern bauen. Damit wäre auch die Abteilung Lyrik einmal zu Wort gekommen und hat sich nicht für einen weiteren Einsatz empfohlen.  

Dementsprechend desillusioniert wenden wir uns der lyrischen Ästhetik der Zahlen und der Gewichtsstatistik zu. Wir erinnern uns, dass Jule gestern auf ihrem Ausflug nach Oberhaching Mutters Vorräte, jedenfalls nach unseren Vorstellungen, geplündert haben müsste. Das heutige Ergebnis lässt darauf kaum – wie sagt man heutzutage? – belastbare Schlüsse zu. Was man sagen kann: Jazz ist immer weiter auf und davon, als ob sie von nur für sie angelegten Notvorräten wüsste. In der Gesamtschau sieht das dann so aus:

Jazz 1580 (+70) – und dann tut sich schon bis zum Zweiten ein Loch von 220 g auf: Jackl 1360 (+20). Judica und JasnaJudica und JasnaJanitschek (1350, +40) mampft sich auf das Niveau von Joschi hoch, weil der gestern zu häufig auf Wanderschaft und in Sachen Klagemauer unterwegs war und dabei 40 g abgenommen hat, und damit ebenfalls 1350 g auf die Waage bringt. Anschließend trudelt total unspektakulär die Mädelsfraktion ein: Judica 1240 (+110), Jasna 1160 (+30), Jeannie 1090 (+20) und Jule 1070 (+50), macht insgesamt 300 g mehr und hebt das Gesamtgewicht auf 1275 g. Aber welche Schlüsse können wir aus dieser Statistik ziehen? Etwa, dass Jule selbst bei Dauerdruckbetankung nicht mehr als 50 g anlegen kann, vielleicht hat sie ja ein eingebautes Überlaufventil, das für das nötige körperliche Augenmaß sorgt (ausgerechnet: Augenmaß bei Jule!). Wir könnten auch ventilieren, dass Jazz ein spezielles Schweinegen trägt, das sie selbst von einer Handvoll Bucheckern wachsen und gedeihen lässt. Dagegen spricht, dass sie nichts von einem Schwein hat. Judica muss beobachtet werden, weil sie eventuell eine (un)heimliche Trinkerin ist, die möglicherweise genau jene Noagerl aufspürt, die Jule entgehen. Und über Joschi ist schon alles gesagt: Quasseln und Filibustern geht an die Substanz. Wenn das zudem auf einem nicht enden wollenden Pilgerpfad dJoschiJoschiurch unsere Küche geschieht, muss man sich nicht wundern, dass er kein Fett ansetzt.    

Aber seien wir ehrlich, es sind doch genau solche Unikate, die uns das Herz öffnen und die Erzählung rechtfertigen. Ja, Joschi ist ein Dauerquassler und ein Dauerläufer, das letztere ist er, weil er am besten von allen auf den Beinen ist. Wenn er nicht schläft, dreht er schon während der Morgenroutinen unermüdlich seine Runden durch unsere Küche, erzählt uns von seinen Träumen und beschwert sich, dass wir ihn nicht unverzüglich aus jener Ecke gerettet haben, in der er soeben Hals über Kopf gestrandet ist. Seine Kreise erstrecken sich schon bis an die Grenze zu unserem Treppenhaus, das er sicher bald inspizieren wird, wenn wir dem nichts entgegenstellen.  

Judica steht ihm kaum nach, schweigt aber auf ihren Wanderungen, was darauf schließen lässt, dass Joschis Gewichtsverlust der Quasselei zuzurechnen ist, nicht der Körperertüchtigung. Sie versteht sich auf diese Off limits for puppiesOff limits for puppiesUndercover-Aktionen, die wir so lieben, weil sie nicht abzusehen sind. Heute Morgen schafft sie es doch tatsächlich, sich ungesehen aus unserem Blickfeld zu mogeln, ins Wohnzimmer zu trudeln und uns dort unter den Tisch zu kacken. Jawoll, das nötigt uns allen Respekt ab, macht uns aber auch die Notwendigkeit der sofortigen Käfighaltung klar. Anbindehaltung lehnen wir strikt ab, aber ohne Einfriedung geht nichts mehr. Wir sperren die Zugänge zum Wohnzimmer ab! Das weckt wiederum Joschis Forschergeist, und er treibt sich minutenlang, bis zum nächsten Schlafanfall, an den Sperren herum und sucht nach einer Schwachstelle. Das ergibt folgendes Bild: An ihm werden wir noch viel Freude haben und, falls es sich als zutreffend herausstellen sollte, dass er mit seiner Schwester Judica gemeinsame Sache macht, werden wir aus dem Staunen kaum noch herauskommen. Mal sehen, wer demnächst die besseren Argumente hat…

Ein weitere Änderung unserer Abläufe kann nicht mehr aufgeschoben werden: Hedda und Fianna müssen ab sofort im Wohnzimmer gespeist werden. Wir können die Vorbereitungen nicht diskret genug gestalten, dass die Jays nicht mitbekommen, was ansteht. Selbst wenn sie tief und fest schlafen, während sich Mama und Oma auf leisen Sohlen zu ihren Schüsseln in der Küche schleichen (die machen das, wenn wir es ihnen bedeuten, die können sogar ganz leise, wenn sie wollen), sind sie blitzschnell hellwach, folgen ihren Antennen und fummeln ihnen an den Beinen herum, versuchen an die Zitzen zu kommen und krähen, was das Zeug hält. Selbst einer Fianna leistet Oma-DiensteFianna leistet Oma-Diensteliebevollen Mutter und einer mit allen Wassern und Beschwernissen gewaschenen Oma vergeht dabei der Appetit. Also ab heute: Ammenspeisung im Wohnzimmer.

Trotzdem oder gerade wegen dieser Aufdringlichkeiten, zieht es Fianna immer wieder zu ihren Enkeln, um ihnen die Nasen zu lecken und sie zu putzen. Die genießen den Oma-Service sehr, wir weniger, weil das nun mal der Mama-Job ist. Omas sind fürs Wochenende, nicht für die Alltagsseelsorge da. Aber, und das lässt uns dann doch wieder gnädig wegsehen, sie spielt auch herzergreifend und voller Zuwendung mit ihnen. Dagegen haben wir überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil: Eine Spieloma ist das Beste, was einem Sprössling passieren kann. Und wir sind uns hundert Prozent sicher, dass Fianna ihren Enkeln im Spiel alles zeigen wird, was sie brauchen, um ein toller Hovi zu werden. Genau dafür sind Omas da!

 

Freitag, 11. Juni 2021

Vor uns ein wunderschöner weiß-blauer Sommertag, der sich auch nicht mehr in die Schmuddelecke treiben lässt, nur ein paar Wolkenfelder duldet und somit ein vielversprechender Einstieg in ein noch vielversprechenderes Wochenende wird.

Überhaupt nicht vielversprechend ist Heddas Zitzen-Maladie. Immer wieder wird ein Zapfhahn fest, aus dem die Zwerge nicht genug herauszuzeln können und dadurch die Milchpassagen verstopfen. Meist handelt es sich dabei um dieselbe, die Probleme macht. Dann liegt Hedda wieder einmal flach und die Chefin knubbelt und rubbelt und massiert und streift, bis die Kanäle wieder frei sind und statt Eiter wieder Milch fließt. Des Assis Schoß ist derweil das Ruhekissen für Heddas Haupt, das gerne in Richtung Bauch zucken würde, um der Qual ein schnelles Ende zu bereiten und der Chefin die gebotenen Schmerzgrenzen zu setzen. Aber Hedda ist ein wirklich braves Mädchen, das sich zwar schwertut, aber einsieht, dass die Behandlung besser ist als der dauerquälende Knoten im Euter. Dann gibt es einen lockernden Spaziergang, auf dem sie alles vergisst und anschließend einen Quarkwickel, der die Hitze aus ihrem Leib zieht. Es sieht aus, als sei diese Zitze ein ähnliches Montagsprodukt wie unsere Jule, das für die Zwerge nicht durchgängig genug ist, damit sie auch alles abzapfen können. Der verbleibende Rest wird dann zu Quark.

UmJazz wird entwurmtJazz kommt sogar mit Panacur klar 9 Uhr schreiten wir zur anstehenden ersten Entwurmung mit Panacur. Die Chefin hebt den Kandidaten oder die Kandidatin auf ihren Schoß, zieht die Spritze auf und schiebt den überraschten Schoßhockern die Pampe zwischen die Lefzen, und schon ist der Spuk vorbei, der Patient staunt und kommt gar nicht dazu, sich richtig zu wundern. Aber das geht auch anders, wie wir wissen. Da ist schon die weiße Creme durch die Küche geflogen, unter Abscheu verschleudert, gerade dass die Knilche nicht noch ein Jule wird entwurmtJules Geschmack ist es nichtangeekeltes Bäh hinterhergeworfen haben. Doch heute bleibt sogar das T-Shirt gesellschaftsfähig, die Mäuler kaum versabbert, und der Fotograf dreht mit leeren Händen ab: nichts Verwertbares. Dieser Mangfall-Achter verhält sich bei dieser doch grenzwertigen, weil abtörnenden Behandlung, so wehrhaft wie eine Rommee-Runde im Altersheim. Das hat seine Vorteile, aber solche Musterschüler loten die Grenzen unserer Erfahrung aus. Das kann doch nicht so toll schmecken, das muss doch irgendwie eklig sein, und nein, sie würden es morgen sicher nicht bestellen, aber wenn es auf den Tisch käme, würden sie es wieder brav schlucken. Da die Kur an drei Tagen in Folge verabreicht werden muss, werden wir morgen mehr wissen.

So friedlich die acht sind, so sehr loten sie nun ihre Fähigkeiten aus und intensivieren ihre Kontakte untereinander; zu Deutsch heißt das: Sie fangen an zu balgen und zu raufen und sich in die Nasen zu beißen. Interessant ist, dass sogar die Dauerlaberer bei diesen Rangeleien die Klappe halten. Offenbar beißt sich beißen und quasseln so sehr, dass sogar Joschi daran scheitert.

Während sich der Mangfall-Achter mit sich beschäftigt und Stück für Stück seine kleine Welt erobert, setzen wir ganztägig Heddas Zitzenkur fort, einmal mit Quarkwickeln, das nächste Mal mit Krautwickeln, damit sich der Stau löst, keine Hitze entsteht und wir auf ein Antibiotikum verzichten können. Das wäre zwar nicht abträglich für die Welpen, aber was nicht sein muss, sollte auch vermieden werden. Bisher klappt das gut und Hedda ist guter Dinge.

Wir bewegen uns nun stracks auf das Ende der dritten Woche zu, und dementsprechend kann man die Zwerge schon mal auswärts zum Essen führen; immer nur Mamas Milchküche ist doch langweilig und vor allem für Mama, wie wir sehen, eine Tortur, auch weil die kleinen Biester schon wieder Krallen wie Ameisenbären haben. Wir bereiten also eine Portion Welpenmilch, wie bereits beschrieben, und so, wie sie Mama Hedda immer noch jeden Morgen bekommt, bringen den Shake auf Körpertemperatur – und es kann losgehen: Laken auf den Boden, ein kleiner Twist-off-Deckel mit etwas Milch darauf gestellt und dann bekommt Jazz als erste ihren Auftritt. Womit rechnet man nach neun Würfen bei dieser Übung? Mit dusseligen Kleinkindern, die eher in dem Milchpfützchen ertrinken als daraus zu trinken. Auch mit orientierungslosen Zitzenschnullis, die noch nicht einmal mit Milchgeruch in der Nase einen Plan haben, was sie mit dem Sahneschälchen anstellen sollen, aber auch mit Zerstörertypen, die das Geschirr herumschleudern und durch den Flur treten, Grobmotorikern eben, denen es an jeglicher Ehrfurcht vor einem solchen göttlichen Manna mangelt. Alles schon erlebt, nichts davon würde uns überraschen. Es überrascht uns noch nicht einmal, dass Jazz zu jenen Geschöpfen zu zählen scheint, die etwas mit Tischsitten anfangen können: Sie lässt sich die kleine Nase in die Milchsuppe stupsen und beginnt zu züngeln, konzentriert und zielorientiert, verliert schon mal den Kontakt zum Essgeschirr, lässt sich aber willig reorganisieren und schnabelt weiter, bis das Deckelchen leergeschlurzt ist. Dann arbeitet sie noch den Überlauf rund um das Deckelchen herum ab, lässt nichts verkommen, sucht nach weiteren Quellen, wird nicht fündig und macht sich davon. Showdown. Ja, denken wir, Sonderbegabung eben, die noch nie durch eine Futterbehinderung oder Essstörungen aufgefallen ist, die klare Prioritäten im Leben hat und alles danach ausrichtet. So etwas haben wir auch immer schon gehabt.

Und Janitscheks erste MilchmahlzeitJanitschekdann kommt Janitschek, der Schani aus dem Wienerwald, der – wir schwören – seiner Schwester nicht zugesehen hat, und zieht exakt die gleiche Show ab: fokussiert, zielsicher, kontrolliert und nachdrücklich, und das bei dem kleinen Hektiker, der sich schon mal selbst überholt vor lauter Eifer und Begeisterung! Jasna setzt den Reigen fort. Wir merken, ab jetzt wird es für alle etwas schwerer, weil die beiden ersten natürlich die Umgebung des Deckels eingemilcht haben, was die ZielfindungJasnas erste MilchmahlzeitJasna erschwert. Und Jasna tut sich tatsächlich schwerer, stapft im Milchdeckel herum, weil ja auch Kleopatra ihre Schönheit aus Bädern in Eselsmilch bezog, kommt aber letztlich auch klar, obwohl sie etwas mehr Hilfe braucht. So weit, so normal. Auch schön, mal keinen hochbegabten Welpen an der Milchreiche zu haben. Jeannie ist dann wieder die Vollkonzentrante in Persönchen, lässt sich jedoch gegen Ende der Speisung von den Milchlachen um ihre Füße herum aus dem Konzept bringen. Jule hat nachvollziehbar anfängliche Orientierungsschwierigkeiten, findet aber letztlich über Nase und Zunge zügig den Zugang zur Milch und verliert ihn auch nicht wieder. Judica ist die erste, der wir einen einigermaßen üblichen Verhaltenskodex zubilligen können: erst widersetzlich, dann ohne Plan, dann voller Euphorie und schließlich von allem Regelwerk befreit; der Assi schließt sie für ihre ihm so ähnliche Mittelmäßigkeit ins Herz. Wie sähe eine Welt voller Sonderbegabten aus? Sehr sonderlich vermutlich.

Jackl, Jackls MilchspeisungJacklder sich immer mehr zum ruhenden Zentrum der acht entwickelt, ohne Bürgemeisterallüren zu pflegen und seinen Schlag immer mehr im Griff hat, setzt den Reigen der Tischgesitteten eindrucksvoll fort und lässt keinen Zweifel daran, dass man auch unauffällig anführen kann und nicht durch Trumpelhaftigkeiten herumprotzen muss. Hätten wir ihm ein feines Löffelchen gereicht, wäre er womöglich auch damit klargekommen. Wundert es jemand, dass wir nun sehr gespannt auf Joschi sind? Und wie froh wir sind, dass Joschi auch an der Armenspeisung im Flur der von uns geschätzt Joschi bleibt: etwas unsortiert, Hansdampf, liab’s Herrgöddle vo Biberach, was isch no dees?, aber er entledigt sich der Herausforderung wie ein Mann, putzt auch gleich noch den Flur und den Hof, lässt nichts übrig und sich nichts nachsagen – und das alles schweigend, ohne ein Sterbenswörtchen. Manche schaffen es sogar, mit vier Beinen im Milcheimer an Format zu gewinnen. Noch so ein Auftritt, und wir rufen ihn Josch oder gar Josuah. Der Abspann folgt dann gottlob dem uns sehr bekannten Muster: Alle fallen übereinander her, lecken sich die Köpfe und die Beinchen ab, alles verklebt von süßer Milch, Mama und Tante lassen sich nicht lumpen und helfen bei der süßen Körperpflege mit, und am Ende haben alle acht Stehstrubbelfrisuren, gezuckert und gegelt, aufgebrezelt und irgendwie gossig mondän. Ob wir sie vielleicht auch noch ein bisschen ablutschen sollen? Es wäre uns sehr danach.

Hedda mit BauchbindeUnd nach diesem ereignisreichen Abendmahl, findet auch noch die Wiedervereinigung des Blues im Schlafgemach statt. Die Türen bleiben offen, Hedda trägt ihre Wickelbinde um den Bauch und kuschelt sich an den Assi, wie sie es kennt und so lange entbehren musste. Ihre Temperatur beträgt 38,1°, es ist also alles gut und wie gemacht für ein glücks- und sonnenbestrahltes Wochenende.

Doch bevor der Assi sich in Morpheus‘ Arme schmeißt, memoriert er noch schnell die Gewicht von heute, weil er doch morgen wissen muss, wie erfolgreich die Armenspeisung im Flur heute war:

Jazz 1590, Janitschek 1460 (uff!), Jackl & Joschi 1390, Judica 1290, Jasna 1280, Jeannie 1100, Jule 1090. Und gute Nacht…  

 

Samstag, 12. Juni 2021

Jetzt sind wir aber mal gespannt! Bevor irgendetwas anderes der Beschäftigung und Erwähnung wert ist, wird mit dem zweiten Sonnenstrahl die Waage befragt.

Es hätte uns sehr gewundert, JacklJacklwenn Jazz die gestrige Milchparty nicht maximal genutzt hätte, sich weiter auf und davon zu machen; Maximalverstoffwechslung, dein Name sei Jazz. Also: Jazz 1690 (+100). Allerdings muss man Jackl zugutehalten, dass er die Gefahr aus der Tiefe der weiblichen Urgründe erkannt hat und versucht dagegenzuhalten, was ihm männiglich gelingt, aber die allzu groß gewordene Lücke nicht schließen kann: Jackl 1490 (+100), geht doch, wenn auch nicht weit genug. Dann kommen die beiden Pappnasen, der Dauerplauderer Joschi und der Jani-Schani aus dem Wienerwald, Arm in Arm untergehakt, mit 1460 g dahergeschlendert, was nicht ganz korrekt ist, denn der Schani hat wieder mal eine komplette Stoffwechselpause eingelegt (0) und der Plauder-Edi mit 70 g plus untergehakt. Wir sind inzwischen felsenfest davon überzeugt, dass Janitschek der Markenvertreter für kynologisches Intervallfasten ist (JaniFast® Slimline). Als Fünfte im Fatburner-Race kommt heute Judica ins Ziel: 1340 (+50). Jasna hat sich für ein Wochenendseminar bei Jani angemeldet und versichert ihn mit 0 g plus (1280) ihrer Glaubensschwesterschaft. Das Ende des Felds bilden, wie gewohnt Jule 1160 (+70) und Jeannie 1130 (+30), die sich nach unserer Erfahrung bis zum Tag des Abschieds schön paritätisch die Rote Laterne überreichen werden. In der Summe ergibt das 420 g plus und ein bisschen über 1376 g Durchschnittsgewicht.

Damit sind wir sehr zufrieden, obwohl nicht zu übersehen ist, dass fast die Hälfte des Zuwachses auf die Konten von Jazz und Jackl gehen. So gesehen, hätte bei den sechs anderen getrost ein bisschen mehr hängen bleiben können, aber einerseits kann man gegen Heilfaster wenig ausrichten und andererseits fordert auch der erste Teil der Entwurmung ihren Tribut, die immer ein wenig als Appetitzügler wirkt. Die systemische Frage drängt sich dann allerdings auf, ob die Entwurmung eventuell bei Jazz und Jackl wirkungslos bleiben wird oder ob sie die Pampe in ihren Futterplan integriert haben. Heute gibt es die zweite Portion der ersten Entwurmung, und dann werden wir morgen wieder ein wenig mehr wissen.  

Da nun unsere Neugier in Sachen Gewicht befriedigt ist, können wir uns diesem Samstag zuwenden. Die erste Erkenntnis ist: Wetter brillant! Sommer auf dem Land, Schwalben in der Stratosphäre und Heißluftballone irgendwo dazwischen. Zweite Erkenntnis: Heddas Zitzenanomalie macht einen zufriedenstellenden Eindruck, dann steht einem schönen Morgenspaziergang nichts mehr im Wege.

Der endet allerdings mit einem Unwohlsein bei Heddas Pflegepersonal, weil wir nach ihrem Spaziergang und dem anschließenden Frühstück bei ihr wieder eine dickere Zitze ausmachen und 39,3° messen; das ist ein wenig zu viel, als dass es uns egal sein sollte. Und da so etwas immer an Wochenenden anfällt, sorgen wir vor und besorgen uns bei der befreundeten Tierärztin Tanja aus der Nachbarschaft ein Antibiotikum. Sicher ist sicher. Das einzig wirklich Sichere ist allerdings die Versorgung der Zitze, der sich die Chefin mehrmals heute hingebungsvoll widmet, immer wieder etwas Eiter extraktiert, bis sich das Gesäuge wieder in einem Jeannie mag keine Wurmpaste mehrJeannie mag keine Wurmpaste mehreinsatzfähigen Zustand befindet und die Temperatur dort angekommen ist, wohin sie gehört. Das Antibiotikum liegt ungeöffnet auf Wiedervorlage in der Schublade.

Gegen 10 Uhr erfolgt die zweite Runde der ersten Entwurmung, welche die Jays ebenso klag- und widerstandslos über sich ergehen lassen wie gestern.

Jetzt steht einem großen Tag nichts mehr im Wege, denn es haben sich ein paar Besucher angemeldet, deren unzweifelhaft wichtigster Heddas Ex-Lover Lando ist, der Papa eben. Aus Niedersachsen kommt er angereist, um nachzusehen, was seine Ex aus seinen Lendengewächsen macht und ob auch wir sie seinen Vorstellungen entsprechend umsorgen. Das Ergebnis seiner Visite ist Lando will sehen, was er gemachtLando will sehen, was er gemachtvielschichtig zu bewerten. Erste Schicht: Lando verhält sich seinen Kindern gegenüber gelassen, aber auf Distanz. Erwachsene Rüden haben meist ein sehr gespaltenes Verhältnis zu ihren Kindern, finden sie abstoßend und nehmen Reißaus. Wir hatten schon solche, die im hohen Bogen über die Welpensperre im Garten geflohen sind, dabei Kopf, Kragen und Beine riskiert haben, nur um diese lästigen Fellzwerge auf Distanz zu halten, zumal Welpen sich an jeder Zitze vergehen, die sie zu fassen kriegen – auch wenn an diesem Bauch nur eine einzige ist. Unerhört! Lando sieht sich die selbstverschuldete Bescherung über die Flurabsperrung hinweg an, fühlt sich familiär hingezogen, Sekunden später jedoch handfest abgestoßen, vertrieben wie ein Taugenichts bei Tiffany's. Fianna ist es, die erledigt, was ihrer Meinung nach erledigt werden muss, von Hedda aber nicht vollzogen wird. Wenn man die Plagen schon neun Wochen mit sich herumschleppt und sich dann noch acht Wochen mit ihnen herumschlagen muss, braucht man manches, aber sicher keinen Wochenend-Frauenversteher und Kinderschmuser. Hedda sieht das nicht so alttestamentarisch streng, war doch nett mit ihm, oder? Und aufgedrängt hat er sich jetzt auch nicht direkt und den großen Daddy gespielt. Im Grunde war es doch nur verständliche Erzeugerneugier. Fianna setzt die Grenzen.

Die zweite der Heddas große Mama-ShowHedda präsentiert Lando ihren Nachwuchsmehrschichtigen Betrachtungsweise betrifft sein Verhältnis zu Hedda, das immer noch kräftig zu glimmen scheint und nun wieder heftig angefacht wurde. Er macht sich an sie heran, wo es geht und peinlich so schlecht es geht, weil das Hormonkontinuum Mann nun mal so insistierend konstruiert ist, selbst wenn das Feuer der Angebeteten nur noch Asche ist. Aber echte Männer nehmen auch mit eiskalten Schultern vorlieb, zumal sie überzeugt sind, dass sich diese wieder erwärmen, wenn man sich nur lange genug an ihnen anlehnt. Heddas Schultern erwärmen sich nimmermehr (bis zur nächsten Läufigkeit jedenfalls nicht). Und so ist ihr Verhältnis ein abgekühltes ihrerseits und ein enttäuschtes seinerseits, das vom Umgangston getrennt lebender Elternteile bestimmt wird.

Dritte Betrachtungsschicht: Lando und die Grande Dame des Blues. Von Hedda unter Wert abgewiesen, erkennt Lando, dass es eine Alternative gibt, und offenbar nicht die schlechteste. Und so kann er sich den Paradiesvogel in der Hand durchaus attraktiver vorstellen als den zickigen Spatz in der Voliere. Was er nicht ahnt, ist, dass Fianna zwar in einem Welpenparadies lebt, sich für dieses auch geschäftsführend verantwortlich fühlt, aber ein Paradiesvogel ist, der jenseits seiner fruchtbaren Tage aufdringlichen Männern, je nach Tageslaune, furchtbare Tage bescheren kann. Nach diesen ersten Begegnungen ist Lando vermutlich der erste Mann, der nach einer Überdosis von Einläufen eine Verstopfung bekommen hat. Aber wenn die Begehrlichkeit über die Einsicht LandoLandotriumphiert und Einläufe im Viertelstundentakt generiert, muss der vor sich selbst Hergetriebene in die Ausnüchterungszelle, also in seine Box im Auto. Hätte Schiller der Szenerie beigewohnt, wäre ihm sein Vers aus dem „Ring des Polykrates“ vermutlich folgendermaßen geraten: Noch keinen sah ich fröhlich enden / Auf den mit immer schnellen Händen / Fianna ihre Gaben streut. Doch gemach, gemach: Lando ist nach der Begegnung mit Fianna weder physisch gerupft, noch seelisch gebrochen; auf ihren Spaziergängen kommen die drei gut miteinander klar, sodass sich die Gefechtslage nach beidseitiger Anpassung der Diskussionskultur zunehmend entspannter gestaltet. Man, ja, auch Mann, lernt Distanz zu wahren und zu schätzen, in deren weiten Grenzen der Abend ausgesprochen harmonisch verläuft.

Nur der Wetterbalg kann nach einem schönen, aber gewitterlastigen Nachmittag wieder einmal seine Blase nicht halten und pinkelt auf den heißen Grill. Schwamm drüber…

 

Sonntag, 13. Juni 2021

Noch hängt morgens Gewitterluft im Mangfalltal, aber die Sonne will jetzt endlich mit der Herumsudelei und -sauerei schlussmachen, und so erwacht ein schöner Sommertag, mit einem Himmel wie ihn der niedersächsische Lando aus seiner bayerischen Jugendzeit noch erinnert: weiß-blau mit einem zarten Lüftchen, das den Bäumen zart unter die Blätter streicht, wie es sich Lando auch zwischen ihm und den Blues-Damen und deren Röckchen hätte vorstellen können. Wurde nichts daraus, dafür darf er das bayerische Lüftchen genießen.

Während Lando, Fianna und Hedda einen langen und freundschaftlich verbundenen Morgenspaziergang machen, werfen wir einen Blick auf die heutigen Gewichte und Heddas Menüplan. Letzteren reichen wir noch einmal aus, weil sicher nicht mehr alle wissen, was sie den ganzen Tag über in sich hineinstopft, um dem Mordsappetit ihrer Kinder gerecht zu werden. Gleich morgens nach dem Aufstehen kredenzen wir ihr eine kräftige Milchsuppe (körniger Frischkäse, Ziegenmilch, Eier, Distelöl) mit pürierter Banane, Haferflocken und Frubiase Calcium. Nach dem Morgenspaziergang, der meist sofort danach erfolgt, gibt es trockenes oder eingeweichtes Welpenfutter, nachmittags dasselbe noch einmal und abends reichen wir ihr Frischfleisch mit Flocken oder Vergleichbarem. Das sollte reichen, um acht Kinder großzuziehen. Also werfen wir einen prüfenden Blick auf das Resultat dieser Kalorienakkumulation und auf die Waage.

Und das sieht dann schon bei der ersten Kandidatin dünn aus und lässt Dünnes vermuten: Jazz legt nur 40 g zu (1730). Wenn sie sich nicht den Magen verdorben hat oder ebenfalls zu Janitscheks Intervallfaster-Truppe übergelaufen ist, dann werden wir heute bei der Endabrechnung nicht viel Freude haben. Eigentlich wäre das die Gelegenheit für die Verfolgermachos, aber die einigen sich heute auf einen kleinmütigen Waffenstillstand bei 1520 g, Joschi plus 60 und Jackl plus 30. So wird das nichts. Janitschek fastet immer noch: 1460 (0), strahlt aber mit seinen Sonnenblumen-Marken übers ganze Gesicht. Jasna war wohl vom Fastenseminar nur wenig begeistert und holt nach, was sie sich vorgestern vorenthalten hat: 1380 (+100). Nach ihr kommt das Ernährungsprekariat: Judica 1350 (+10), Jule 1200 (+40) und Jeannie 1140 (+10). Wer lesen kann, weiß, dass das gestern ein Fastentag für alle war und wer rechnen kann, summiert das alles auf 290 g Auflastung. Das Durchschnittsgewicht steigt auf 1412,5 g. Spätestens jetzt wird unser Verdacht bestätigt, dass die Wurmkur den Gewichtsknick verursacht, denn gemampft haben sie alle sehr eifrig.

JeannieJeannieDieser EJacklJacklrnüchterung folgt logisch die nächste Einzelbefütterung mit Welpenmilch. Wegen des Kaiserwetters zelebrieren wir diese im Garten. Im Grunde zeigt sie uns das gleiche Bild wie vorgestern. Weil sie nun nicht mehr völliges Neuland betreten und schon ein bisschen mit dem Schüsselchen umgehen können, zeigen die Jays heute kleine Wesensunterschiede oder erste Charakterzüge. Robust und druckvoll mit einem kämpferischen Einschlag machen sich heute Janitschek, Judica und Jazz den Inhalt des Schälchens untertan, JasnaJasnaJule hat Fianna leer den MilchbecherFiannaoffenbar ein klar definiertes Ziel vor dem einen Auge und leert die Schale Zungenschlag für Zungenschlag, Zug um Zug wie ein Melkroboter, und auch die restliche Viererbande kommt genauso gut klar wie vorgestern, mal etwas desorientiert, dann wieder zielorientiert, mal das Schälchen aus den Augen verloren und wieder gefunden oder von freundlichen Händen zurückgeführt, gelegentlich scheint die verschüttete Milch im Gras von höherem Wert zu sein als die im Napf, alles völlig nachvollziehbar und unterm Strich von großer Ziel- und Treffsicherheit. Trotz der kleinen Verhaltensvarianten sind alle höchst effizient, erkennen sehr schnell, worum es geht, setzen ihre Zunge präzise ein, und nur ganz selten steht mal einer mit den Füßen im Napf. Das ist schon sehr ungewöhnlich, aber wir werden uns darüber nicht beschweren.

Dann muss uns auch Papa Lando wieder verlassen. Er hat, trotz seiner Hormonschübe, bei uns einen starken Eindruck hinterlassen, denn es ist ein Unterschied, ob man einen Rüden in einer Deckveranstaltung erlebt und ihn nur auf das Eine reduziert oder ihn als ganzen Kerl ohne besondere Erwartung unter seinem Dach erleben darf. Die Erwartung hatte eigentlich nur er, nur eben die falsche. Als das geregelt war, erlebten wir einen sehr ausgeglichenen, überaus freundlichen Kuschelbären, dem bei Gelegenheit der Schalk aus den Augen spitzt und der bei anderer Gelegenheit eben das ist, was er sein soll: ein Hovawartrüde, ein Wachhabender und ein Möchtegernrechthabender. Wenn er nur einen Teil davon an die Jays weitergegeben hat, dürfen sich die designierten Welpenentführer jetzt schon freuen. Und sie dürfen sich, abgesehen von dieser Aussicht, tatsächlich jetzt schon freuen, denn Lando hat zugesagt, den Abschied seiner Kinder vom Blues am 18. Juli mit seiner Anwesenheit zu vergolden. Einzeln wird er sie ins Leben entlassen, ihnen noch ein paar eindringliche Worte mitgegeben und, wie wir, hoffen, dass alle acht die Kurve in eine lange und glückliche Lebenslaufbahn kriegen.  

Nachdem Lando und alle anderen Besucher abgereist sind, freut sich der gesamte Blues bei einem sehr harmonischen Abendspaziergang über die Kinder, die Menschen, das Wetter und die Welt. In solchen Augenblicken gibt es keine Probleme, keine halbblinden Kinder, keine vereiterten Quarkzitzen, keine Fressmonster und keine Hungerhaken, keine Nervensägen und keine Schlafmützen, keinen Arbeitsstress und keinen Schlafmangel, keine Überzuckerung und keine Unterzuckerung, sondern nur den Blues in seinem Kinderglück.

Das Ein leerer FutterringWas is'n das?Leben beim Rock am RingRock am RingBlues geht aber weiter, jedem himmelblauen Blick ins Paradies zum Trotz. Für die Zwerge bedeutet das wieder ein neues Lernprogramm, diesmal in Form einer gemeinsamen Mahlzeit am Futterring. Wir bringen den Ring in den vorabendlichen Garten, stellen ihn in die Wiese – und schon sind die ersten Verdächtigen mit ihrer Nase im noch leeren Napf. Das bedeutet nicht, dass sie schon wissen, was jetzt folgt, sondern ausschließlich, dass sie noch neugieriger sind als Else Stratmann. Dann wird die Milch eingelassen und den Hungerleidern der Heiße Schlacht ums leere BüffetHeiße Schlacht ums leere Büffetrechte Weg gewiesen. Selbst bei dieser relativ disziplinierten Kompanie am Einzelnapf haben wir nicht erwartet, dass sie sich am Ring ebenso distinguiert und gesittet geben, nein, wir erleben, was wir bei dieser Übung immer erlebt haben: Rock am Ring. Träumer vor dem Trog, Panzerkommandanten, Kameradenschweine, Ellbogenspreizer und Erlebnisgourmets, aber am Ende sehen sie alle aus wie der Frosch im Milcheimer: Milchmädchen und Milchbubis von der Sohle bis zum Scheitel mit Strubbelfrisuren und Klebefüßen. Daran erfreuen sich vor allem Hedda und Fianna, die dieses klebrige Missgeschick mit Eifer und Sorgfalt zu beheben trachten. Danach haben die Zwerge immer noch Strubbelfrisuren, aber dafür habe die Damen schon ihre warme Milch vor dem Schlafengehen gehabt. Praktisch.  

Das Ende dieses herrlichen Sommersonntags markiert der dritte Teil der ersten Entwurmung. Dazu gibt es nicht mehr zu sagen als das, was schon gesagt wurde: Die Jays lassen sie nahezu teilnahmslos über sich ergehen und fallen nach diesem ereignisreichen Wochenende in einen traumbestickten Schlaf. Gute Nacht, ihr werdet euch noch wundern; das war erst der Anfang.

 

Montag, 14. Juni 2021

Nun geht’s ziemlich stracks dem Sommer entgegen, was uns bezüglich der Außenhaltung unserer Schutzbefohlenen sehr entgegenkommt; Freilandhaltung im Regen wäre der Horror. Aber heute messen wir wolkenlose 26 °C und hoffen auf eine lückenlose Fortsetzung, egal was der mürrische Mangfallbauer darüber denkt.

In vier Wochen, am 14. Juli, ist der achtwöchige Kindergeburtstag beim Blues schon fast vorüber, dafür feiert Frankreich seinen Nationalfeiertag und feuert aus allen Rohren, und der Assi wird zum hundertsten Mal seine Jakobinermütze suchen und wird sie zum genauso vielten Male nicht finden. Es hat etwas Ernüchterndes, wenn die Zukunft so vorhersehbar ist.

Und während man auf dem Kalender, eher durch Zufall, den 14 Juli in die Augen und den Kopf bekommt, regt sich die Frage, was denn der heutige 14. Juni wert wäre und zu bieten hat? Schauen wir doch mal nach… Aha: Ein gewisser Ernesto Guevara, „Che“ gerufen, wurde am 14. Juni 1928 geboren. Dios mío, der wäre auch schon 93! Und 18 Jahre später entwand sich dem Schoß einer schottischen Auswanderin ein Knabe mit den Vornamen Donald John, hintenrum heißt er auch heute noch Trump. Beide an einem 14. Juni… Der eine Arzt und Philanthrop, der den christlichen Ansatz, auch die andere Wange hinzuhalten, wenn man auf die eine geschlagen wird, nicht zu seinem Lebensmotto erkor, sondern es als zielführender erachtete, auch das andere Ohr abzuschlagen, wenn das eine schon gekappt ist. Und der andere ist ein Armleuchter und Misanthrop, dem alles gerade so recht ist, wie er es sich zurechtlegen kann. Der eine Caballero und Guerillero mit großem intellektuellen Potential, der andere Narzist und Nazist mit vorwiegend innersekretorischem Potential. Wie kann ein Tag so etwas gebären, als wäre er ein Vers aus der Feder des Mühlhiasls? Aber, aufgemerkt, unsere Jule hat mit beiden etwas gemeinsam, so viel Trost darf sein: Beide waren oder sind auf einem Auge blind, was den Vorteil hat, sich von der anderen Seite der Welt wegdrehen zu können. Und dann ist da noch ein Geburtstag, der eines Mannes, dem es vermutlich zur Lebensaufgabe geworden wäre, sich mit jenem zu beschäftigen, dem das Intellektuelle zu sehr in die Drüsen gerutscht ist. Alois Alzheimer wurde am 14. Juni 1864 geboren. Und vielleicht hätte er sogar die Notwendigkeit gesehen, sich auch mit dem Caballero näher zu beschäftigen, was sich mit dessen für die Demenz doch allzu frühen Tod erübrigt hatte. Wer weiß? So ein Tag, so wundersam wie heute… oder hatte etwa Reinhard Mey genau diesen Tag im Sinn, als er formulierte: Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund?

Mit diesem HeddaHedda kann mit sich zufrieden seinTitel hätten wir also wieder geschmeidig die Kurve zu unseren Jabberwockys und den mit ihnen verknüpften täglichen Pflichten, Routinen und Erlebnissen gekriegt.

Hedda, das ist deutlich geworden, ist eine ambitionierte Mama, aber keine Milchkuh, was sich in der teils zaghaften Gewichtsentwicklung ausdrückte. Wir verweisen ausdrücklich auf die schüchterne Einschränkung „teils“. Bekanntlich gibt es Leute, die aus Sch… Geld machen können und solche, die aus wenig viel zaubern können – jazz is aber gut mit den Anspielungen!

Wie dem auch sei: Die Zufütterung zeigt jetzt Wirkung. Nur nicht JoschiJoschibei jener, welcher wir soeben einen kleinen Seitenhieb verpassten, bei Jazz. Die hat sich nach Tagen ungenierter Völlerei offenbar für ein Fastenintervall entschieden und eine Nullrunde geliefert: gestern wie heute 1730 g. Wir machen uns deswegen keine Sorgen, im Gegenteil. Joschi hat sich seit langem wieder auf den zweiten Platz gefuttert, obwohl er währenddessen den Schnabel nicht gehalten hat: 1610 (+90). Jackl kommt mit 1570 (+50) aus dem Schlaf, gefolgt von Janitschek mit 1560 (+100), der nach zwei Fastentagen wieder Lust auf Leben verspürte. Dann reißt die Kette wieder ab, wobei sich Judica Janitschek liebt KarlieJanitschek liebt Karliemit 100 g plus (1450) alle Mühe gab, nicht abreißen zu lassen. Dagegen kam Jasna offenbar mit der Rempelei am Futterring nur suboptimal zurecht und liefert eine Null (1380). Und noch ein Persönchen will sich nicht abhängen lassen, wenn auch das Potential nie zu einer Walküre oder Brünnhilde reichen wird, aber 160 g für Jeannie (1300) lassen ihr anfänglich gezeigtes Kämpferherz wieder schlagen. Und sogar Jule will sich nichts nachsagen lassen: 1260 (+60). Das sind 560 g Aufschlag und bringen ein Durchschnittsgewicht von 1482,5 g. Für uns bedeutet das vor allem, dass wir Hedda langsam entpflichten können und die externen Mahlzeiten gut ankommen und gut vertragen werden.

Vielleicht sollten wir noch einen kleinen Seitenaspekt in die Gewichtsdiskussion einführen, den wir bisher unterschlagen haben, auch weil wir seine Relevanz nicht belegen können: Jazz und Jasna hatten heute Morgen ihre Schlummerkiste verlassen, hatten also nachts die 30 cm-Barriere überstiegen und lagen friedlich schlummernd im Kudde, beziehungsweise auf der Decke. Sie schienen mit sich und der Welt im Reinen, trotzdem können wir nicht ausschließen, dass sie nach längerem Todeskampf nur in einen Erschöpfungsschlaf gefallen waren und wegen dieser Nahtoderfahrung viel Gewicht verloren hatten. Sie sind es ja, die heute eine Nullnummer liefern. Weder wegen der entgangenen Gewichtszunahme noch wegen der mutmaßlichen Nahtoderfahrung werden wir für die beiden ein Kriseninterventionsteam anrufen. Wenn es so ist, geschieht es ihnen recht. Das einzige, was wir machen werden, ist, heute ein weiteres Brett einzulegen.      

Dieser Ausbruch signalisiert den Wandel in unserer Kinderstube. Jetzt hockt nämlich die ganze Bande schon morgens in der Küche, putzmunter oder gelangweilt, recken alle gemeinsam die Köpfchen gen Himmel und bringt ein kollektives Geheul wie von einem ganzen Wolfsrudel zu Gehör. Lecko, was ist das denn? So einen Gefangenenchor hatten wir noch nie. Die Vermutung des Assis, das Geräusch des Zauberstabs beim Mixen der Welpenmilch habe das Geheul verursacht, zerschlägt sich bei weiteren Versuchen, die nicht mit Geheul beantwortet werden. Nun gut, was soll’s: Hunde stammen halt vom Wolf ab und manchmal kommt er noch zum Vorschein.

Doch nicht nur solche Highlights machen den anstehenden Wechsel in unserem Alltagsverhalten deutlich. Immer mehr wird der aktive Kontakt zu uns gesucht. Sie laufen uns an, und hinterher, tapsig noch, aber zielstrebig. Man muss nun schon sehr achtgeben, wohin man tritt, und mindestens ein Auge sollte immer den Küchenboden im Blick haben. Obwohl dieses „eine Auge“ logischerweise eine Anspielung auf Seeräuber-Jenny Jule sein könnte, was sie nicht ist, können wir sie heute trotzdem nicht aus der Verantwortung lassen, sondern müssen sie einer allgemeinen Rüge zuführen: Sie pinkelt heute sehr schamlos, coram publico, in einen der nagelneuen Birkenstock-Schlappen der Chefin! Beim besten Willen lässt sich ein solch halbseidiger Affront nicht mit halbseitiger Blindheit rechtfertigen.

Für uns bedeutet das alles, dass wir für den Rest unserer Zeit auf jegliches Zeitmanagement verzichten müssen, weil nichts mehr wie gewohnt abgearbeitet werden kann. Wann immer etwas erledigt werden soll, hat ein Zwerg etwas dagegen, hält einen auf oder kackt einem vor die Füße. Zeitmanagement bedeutet für die nächsten fünf Wochen: Sieh zu, wie du über die Runden kommst und freu dich, wenn dein Frühstück schon eine Stunde später auf dem Tisch steht.

Zu den eifrigstenJudicaJudica Protagonisten der herzdolchenden Zeitdiebe gehört Judica. Sie führt derzeit die Garde der besonders anhänglichen Schatten an, huscht uns andauernd zwischen den Füßen herum, wuselt hierhin und dorthin und sucht sofort wieder unsere Nähe. Wenn sie besonders viel Zuneigung ausdrücken will, kneift sie uns auch gerne mal in die sommerlich nackten Zehen. Was jetzt noch als Liebesbiss durchgehen kann, weil die Zähnchen zwar bereits spürbar, aber noch nicht richtig durchgebrochen sind, wird in spätestens zwei Wochen zur Systemfrage: flüchten oder erschlagen?

Mittags servieren wir im Garten wieder eine Milchmahlzeit am Ring, was sich als Herausforderung erweist, weil die Jays schon recht schnell auf den Beinchen unterwegs sind, wir aber unseren Garten noch nicht gesichert haben. Das bedeutet: Alle Mann und Frau (Besucher sind herzlich eingeladen) bitteschön Leben retten! Denn während der Ring, Milch und Knirpse in den Garten gebracht werden, sind die bereits dort Ausgesetzten schon auf Entdeckungstour. Der größte Magnet ist dabei unser Wasserbecken, das alle anstreben, als ob von ihm ihr Überleben abhinge. Vermutlich gibt es kaum ein Lebewesen, das nicht alle Sinne auf Wasser fokussiert hat und sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlt. Das mag unter anderen Umständen lebensrettend sein, hier und heute wäre es das nicht. Jackl ist der hartnäckigste Wassermann, womöglich hat er eine Wünschelrute eingebaut: Egal, wohin wir ihn bringen und wo wir ihn aussetzen, er dreht um und ist umgehend wieder unterwegs zur Zisterne. Erst als wir ihn am zweitwichtigsten Elixier des Lebens, der Milch, ein verlockendes Angebot machen, lässt er sich überreden und vergisst die lebensspendende Oase am Rand des Paradiesgartens.

Nachmittags verbringen wir mit einem kleinen Besucheraufgebot im Garten und die Jays liegen mit uns unterm Apfelbaum und schlafen; war ja auch megaanstrengend heute. Jetzt ist Ruhe und Idyll.

Das Jasna bei der PediküreJasna bei der Pediküreändert sich abends: Der Assi lädt die Familie kurz nach 20 Uhr zum Stelldichein im Nagelstudio. Viel zu lange haben wir den Termin vor uns hergeschoben, aber Heddas Wohlergehen verträgt keinen Aufschub mehr. Einer nach der anderen muss auf den Baderschoß und Nägel lassen. Wie viel wehrhafter sind sie seit dem ersten Pediküre-Termin am 29. Mai geworden! Jetzt heißt es beherzt zupacken und ebenso beherzt wie feinfühlig zukneifen. Alle überleben, meist unter heftigen Protesten und Kündigungsandrohungen, Me-too-Parolen gehen ihnen auch schon geschmeidig von den Zungen und die Frage, ob sich der Assi der schweren Körperverletzung (§ 224 StGB) oder der Misshandlung von Schutzbefohlenen (§ 225 StGB) schuldig macht, wird lautstark thematisiert.

Da Jackl mit seinemersten TatarJackl mit seinem ersten Tatardie körperliche Unversehrtheit aller nach der Prozedur belegbar ist (kein Blut!) und das zukünftige Wohlwollen der Schutzbefohlenen auch in unserem Interesse liegt, ködern wir die Kampftruppe anschließend mit einem Angebot, das sie zwar noch nicht einschätzen können, aber auch nicht ablehnen wollen: die erste Fleischmahlzeit, gereicht aus den Händen des Schänders.

JazzJazzAlle bekommen ein etwa walnussgroßes Kügelchen Rinderhack vor die Nase gehalten, und alle verstehen sehr schnell, was ihnen hier beschert wird. Eine Fleischkugel dieser Größe ist keine Kleinigkeit, aber alle hauen das Ding ratzeputz weg, JuleJulesauen sich dabei kaum ein und scheinen hellauf begeistert zu sein. Vegetarier scheinen jedenfalls nicht unter ihnen zu sein. Jetzt haben wir also auch diese Premiere zur großen Begeisterung aller gemeistert und können mit einiger Gelassenheit auf die nächste Woche blicken: Milch lieben sie und Fleisch verschlingen sie, jetzt fehlt zur Grundausstattung nur noch der Trockenfutterbrei. Wir haben keine Sorge, dass wir es dabei mit Langzähnen zu tun haben werden.    

Vor dem Stubenappell und nach dem Betthupferl ertastet die Chefin bei Hedda schon wieder eine feste Zitze, was sich diesmal allerdings wie ein Hämatom im Gesäuge anfühlt. Wir haben keine Ahnung, woher das stammen soll. Der Assi, der Hedda abends und nachts ausgeführt hat, kann sich an keinen Vorfall oder Umstand erinnern, der so etwas zur Folge haben könnte. Rätselraten hilft jetzt nicht weiter, Hedda geht mit einem Krautwickel ins Bett. Mal sehen, was morgen los ist.

Wegen der ausgebüxten Partisaninnen am Morgen, sorgt ein weiteres Brett (10 cm) in der Schnullerkiste für Nachtruhe in der Küche. Republikflucht hat seinen Preis. Aber was soll man schon machen? Auch wir hatten nie die Absicht eine Mauer zu bauen.