Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Grenzüberschreitung

Mo., 27.12.2021 

Es hat die ganze Nacht ausgiebig und teils heftig geregnet.

Als wir um 7:30 Uhr losfahren, hat es 4 °C bei einem türkisgrün öligen Morgenhimmel, der sich anschickt, die schweren Regenwolken nach Osten fortzuschieben. Mit einem belegten Brot in der Faust und heißem Tee im Thermosbecher verlassen wir Ispringen in südlicher Richtung. Auf unsere Fahrt die A 5 entlang liegen mächtige Nebelschwaden schwer auf den Feldern, als kämen sie direkt aus der Hexenküche, und unter der kraftvoll hochsteigenden Morgensonne hängen gleißende Nebelschwaden wie aus der Fasson geratene Engelsflügel losgelöst und goldgleißend zwischen Himmel und Erde.

Unser heutiges Reiseziel ist Camping La Brise in Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue. Somit liegen ambitionierte 900 km vor uns.

Um 9:33 Uhr überqueren wir bei Ottmarsheim den Rhein und den Grand Canal d'Alsace̶ und kehren damit Deutschland für einige Monate den Rücken. Wir sind wieder einmal in Frankreich, aber diesmal ist es nur eine vorübergehende Absteige, kein Ziel. Vielleicht ist das der Grund, warum wir heute nicht, wie gewohnt, am ersten Rasthof Halt machen, um uns eine dicke, fette Waffel oder ein Thunfischbaguette zu besorgen. Ohne diese Akklimatisierung würden wir uns unter anderen Umständen nicht getrauen weiterzufahren, wie es in Großbritannien unbedingt und unverzüglich Fish & Chips sein müssen oder in Skandinavien Zimtschnecken.

Auf der A 36 rollen wir gemächlich mit 100 Stundenkilometern in Richtung Lyon. Es scheint, als habe sich die unendliche Langsamkeit des Seins schon auf dieser ersten Etappe unser bemächtigt. Wir haben nur die Camargue im Visier, ob wir sie heute noch erreichen oder nicht, schert uns nicht. Das Hörbuch „Über Menschen" von Juli Zeh unterstützt diesen dranglosen Flow. Das Buch ist eine exzellente Studie über das zähfließende Leben in den brandenburgischen Outbacks in Zeiten von Corona und Nazidominanz. Nicht nur einmal verraten die Krähenfüße um unsere Augen, dass wir uns angesprochen und durchschaut fühlen. Brandenburg ist eben überall. Und Corona auch.

Um 11:15 Uhr verlassen wir die A 36 bei Gray / Besanҫon-Planoise und machen schon eine Viertelstunde später bei Intermarché in Saint-Vit Halt. Wir müssen tanken. Wie immer in Frankreich sind die Tankstellen der Kaufmärkte am günstigsten. Hier kostet der Diesel 1,49,9 €, draußen im Ort und auf dem Land zwischen 1,60 und 1,70 €, an den Autobahnen über 1,80 €. Ein kleiner Umweg lohnt sich also, zumal damit auch immer eine Bedürfnisbefriedigung verbunden ist: Einkaufen in Frankreich. Wir brauchen eigentlich nichts, weil unsere Bunker sowieso schon überquellen, aber einige Überlebensmittel müssen sein: Obst, Gänseleber-Terrine, Rillette und ein mächtiges Brioche. Ein Stück Brioche kommt sofort seinen Einsatz und Fianna bekommt ihre nachmittägliche Antibiose in einem Stück Gänseleber. Die Mädels wissen schon, warum sie so begeistert Wohnmobilisten sind.

Um 12 Uhr fahren wir weiter, doch die Fahrt wird immer mühsamer; es regnet wie aus Kübeln, es windet, die Außenspiegel und die Seitenfenster sind überflutet, sodass man eigentlich nichts mehr sieht. Wir fühlen uns wie in einem U-Boot.

Über die A 39 und A 42 nähern wir uns weiter Lyon und beginnen unseren Tagesplan zu ändern: Wir sind zunehmend müde und erreichen den Campingplatz La Brise sicher nicht mehr in der Öffnungszeit. Zwischen Lyon und Vienne wartet ein strammer Stau auf uns  ̶  und eilig haben wir es nun wirklich nicht.

Deshalb verlassen wir um 14:30 die A 42 bei Beynost und steigen auf die A 432 um. Um 14:50 Uhr geht's auf die A 43, die wir schon wenige Minuten später bei Saint-Quentin-Fallavier wieder verlassen.

In Saint-George-d'Espinache steuern wir den Gemeindestellplatz an und liegen um 15:15 Uhr wohlbehütet vor einer Reihe von Schrebergärten [N 45° 33' 21,8'' E 005° 04' 29,7'']. Es hat 10 °C und mehr Sonne als Wolken.

Die Hunde bekommen endlich ihre verdiente Runde, und wir abends Hähnchenbrust mit Kartoffeln und Tomatensoße aus dem Omnia. Und während wir uns die Hähnchen schmecken lassen, hat uns der Regen eingeholt. Aber er hält sich nicht lange bei uns auf und zieht weiter. Wir tun das nicht, hier ist gut ruhen.

Das waren heute 614, insgesamt 955 km.

Die französische Staatskasse haben wir heute über unsere Straßengebühr um 50 € aufgebessert.

Camargue
Es geht los