Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Camargue

Dienstag, 28.12.2021

Nachts kehrt der Regen in einem kaum enden wollenden Reigen immer wieder zurück und kieselt schwere Tropfensalven auf Franzens Dach. Daneben wird der Franz von heftigen Böen durchgeschüttelt, dass es ihm ganz wackelig auf seinen Beinen wird. Aber wir fühlen uns in unserem vierrädrigen Iglu sicher und behütet aufgehoben. Ob der Wind die ersten Anfänge eines Mistrals ist, der sich bekanntermaßen südlich von Lyon zusammenbraut und bis zur Rhonemündung zu einem gefährlichen Sturm aufbaut? In diesem Fall müssten wir unser morgiges Ziel nochmal überdenken.

Doch das hat Zeit, wie alles weitere. Die ersten, fragilen Anzeichen, dass die Zeit nicht mehr die Generalvollmacht über unser Leben hat, liefert Heike morgens. Seit grauen Zeiten endet für sie die Nacht um 5 Uhr, in den vergangenen Wochen der Reisevorbereitungen nicht selten schon um 4 Uhr. Sie ist auch jetzt davon überzeugt, dass ihre Nacht um 5 Uhr enden wird. Gewohnheit eben. Doch sie schlummert bis 6 Uhr und steht auch dann nicht auf, sondern wirft ihr Kindle an und liest. Bis 9 Uhr! Es drängt nichts, noch nicht einmal sie fühlt sich von oder zu irgendetwas gedrängt. Fianna und Hedda erheben ebenfalls keine Einwände, sondern lassen sich abwechselnd vom halbschlafenden Chauffeur von der Nasen- bis zur Schwanzspitze und bis zum Haarausfall durchkraulen, um dann weiterzuschlafen. Wenn diese Morgengestaltung zur Norm wird, werden sich unsere Tages-Etmale in Zukunft in Grenzen halten. Die Frage des Chauffeurs, ob sie denn wegen der vorgerückten Zeit auf ein gepflegtes Frühstück verzichten wolle, verneint die Navigatorin kategorisch. Sie führt ihre Mädels zum Morgenspaziergang aus und kehrt mit einem kleinen Baguette und zwei Pain au Chocolat zurück. Also wird stilgerecht gefrühstückt. Es macht ganz den Anschein, dass schon zwei Reisetage genügen könnten, Ruhe in die sonst geübte Morgendynamik zu bringen.

Um 11 Uhr verlassen wir den kleinen Ort bei stark bewölktem Himmel und 10 °C. Wir sind gespannt, wie wir heute vorankommen werden, denn der Stau bis Vienne hielt sich noch, als wir gestern zu Bett gingen, und rund um Valence staute es sich wegen verschiedener Unfälle kilometerweit. Vor allem Valence müssen wir im Blick behalten, weil wir es kaum einmal geschafft haben, dort ohne Stau durchzukommen. Und dann? Machen wir eben die Biege und legen uns irgendwo in die Abseite, um den Stau abzuwettern. Dann schaffen wir es eben auch heute nicht bis ans Meer. So what?

Bald zeigt es sich, dass unsere Vermutung nicht grundlos war: Bei Valence ist schon wieder oder immer noch Stau, 20 Minuten mindestens. Was macht man also, wenn man meint, alle Zeit der Welt zu haben? Stellt man sich in die Schlange oder umfährt man den Stau, was auch einige Zeit beansprucht? Als Menschen, die lieber fahren als rumzustehen, entscheiden wir uns für den Umweg.

Also verlassen wir die A 7 um 12:15 Uhr bei Tain / L'Hermitage und rollen auf der D 86 durch die steilen Weinberge der Crozes Hermitage und anschließend durch die Ardèche. Daran kann sich kein Stauerlebnis messen. Kurz nach 13 Uhr, Valence weit hinter uns, steigen wir bei Montellimar wieder auf die A 7, die zwar weiterhin sehr bevölkert ist, aber uns nichts mehr in den Weg legt. Die Route de Soleil von Lyon nach Marseille ist eben eine französische Magistrale, die nicht nur für uns gebaut wurde.

Um 13:55 Uhr wechseln wir auf die A 54, die wir bei Arles wieder verlassen, um auf der D 670 Saintes-Maries-de-le-Mer anzusteuern.

Um 15:15 Uhr stehen wir vor den Toren von Camping de la Brise [N 43° 27' 21,0'' E 004° 26' 08,1''], das diesen Namen nur noch im Untertitel führt und jetzt etwas belangloser Camping Paradise gerufen werden will.
Es ist wolkig bei 16 °C. Wir kennen diese Campingplatz von mehreren Aufenthalten. Er ist sehr groß und hat meist nur ausgewählte Sektionen geöffnet, je nachdem wieviel Kundschaft anfällt. Für den Geschmack des Chauffeurs könnte heute getrost mehr Platz zur Verfügung stehen; es ist aus seiner Sicht ziemlich kuschelig. Dazu kommt, dass wir den Eindruck haben, dass seit unserem letzten Aufenthalt alles etwas vernachlässigt wurde, ein bisschen verschlampt und dem Massenandrang geopfert wurde. Auch sind die Standflächen nach unserem Eindruck buckliger als früher und auf die eine oder andere Fläche, um etwas mehr Beinfreiheit zu gewähren, wollte man auch nicht verzichten. Bei normalem Betrieb ist das alles kein Problem, aber bei dem zu erwartenden Ansturm zum Jahreswechsel, bringt das mehr Nähe als dem leutscheuen Chauffeur lieb ist, trotzdem haben wir bis über den Jahreswechsel gebucht, weil wir keine Lust haben, in diesen Tagen irgendwo anders noch einen Hocker zu suchen. Da arrangiert man sich eben. Zähneknirschend. Mit ACSI-Karte zahlen wir 18 €/Tag. Darin ist ein Hund enthalten. Der zweite kostet 5,50 €. Und an der Rezeption kommt keiner vorbei, ohne seinen Covid-Pass zu präsentieren; in diesen Dingen ist man hier sehr konsequent. Im Übrigen sehen wir nicht nur, aber auch hier, viele Leute auf der Straße mit Maske. Damit ist das Regelwerk klar und für jeden nachvollziehbar.

Gleich nach unserer Ankunft gehen wir los, um uns umzusehen und den Mädels die Gelegenheit zu geben, ihre Morgentoilette nachzuholen, ein Angebot, das sie zügig und dankbar annehmen. Was nun kommt, stürzt den Chauffeur in die nächste Krise: Es hat in den vergangenen Tagen viel geregnet und dementsprechend sind die Spazierwege: nichts als Schlamm und Schmodder! Dazu flanieren hier gefühlt mehr Leute herum als auf dem Ku-Damm am Tag der Einheit. Und jede(r) Zweite hat einen Hund. Der Chauffeur befindet, dass es Vorteile hat, wenn man seine mobile Behausung als Schutz- und Trutzburg zu schätzen weiß und es gut ein paar Tage in ihr aushalten kann, ohne sie verlassen zu müssen. Restaurantbesuche ausgenommen.

Abends gibt es, wie gestern, Hähnchen mit Kartoffeln, weil wir unbedingt unsere verderblichen Mitbringsel von Zuhause wegkriegen müssen, und auch, um Platz zu schaffen. Zumindest das wird uns gelingen, mit der Ellenbogenfreiheit um uns herum wird es schwieriger.

Heute haben wir nur 32,40 € an den französischen Staatssäckel abgeliefert und sind 318 km gefahren. Die summieren sich insgesamt auf 1273 km.

Saintes-Maries-de-la-Mer
Grenzüberschreitung