Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Saintes-Maries-de-la-Mer

Mittwoch, 29.12.2021

Es ist eine sehr windige Gegend, die für den Anfang unserer Reise steht. Es bläst aus Nord und Nordwest aus einem kaltblauen Himmel mit linsenförmigen Wolkenformationen, die bei uns Föhnwolken heißen würden.

Heute steht nichts auf dem Programm, was einer Erzählung wert wäre. Außer...

Seit heute Morgen leben wir in einer kleinen Welt, in der die Sonne nie untergeht. In unserer Welt besteht die Sonne aus lauter kleinen LCD-Lämpchen am Franzenhimmel. Irgendetwas in der Elektrik sorgt dafür, dass ein Lichtschalter konsequent entweder die Schlafzimmer- oder Wohnzimmerbeleuchtung in Betrieb belässt; die sehr seltene Form einer On-Off-Beziehung. Wir haben demnach Dauerbeleuchtung, die nicht mit Dauererleuchtung verwechselt werden darf. Nun könnte man diese Anbiederung an historische Größe nachvollziehen, wenn der Satz über die nie untergehende Sonne von einem französischen Franz getätigt worden wäre, aber es war ein Habsburger Karl, der darauf so bollestolz war. Wir ignorieren die kleine Zumutung erst einmal, bis sich die bordeigene McGyverin der in der IT-Welt gängigen Lösungsformel für Probleme aller Art erinnert: aussteigen und wieder einsteigen. Also wird das Strompanel komplett runter- und wieder hochgefahren, und schon geht in unserem Reich die Sonne wieder ordnungsgemäß auf und unter.

Auch die automatische Luxusbeleuchtung in Heikes Kleiderschrank, die beim Öffnen der Tür an- und beim Schließen ausgeht, braucht eine Wartung, weil sie zu locker sitzt und ständig abfällt, wenn im Kleiderschrank hantiert wird. Lösung: Panzertape! Jetzt wackelt nix mehr.

Weil man es in La Brise mit der Corona-Wachsamkeit sehr genau nimmt, ist der männliche oder weibliche Teil der Sanitäranlagen jeweils nur einen halben Tag geöffnet, während der andere desinfiziert wird (nébulisation). In der Praxis bedeutet das, dass einen halben Tag die Männer bei den Mädels aufs Klo gehen und einen halben Tag die Mädels bei den Männern duschen. Das stört hier niemanden, zumal die Sanitärablagen nagelneu und topsauber sind. Sauber Sache, diese französische Unbekümmertheit.

Nachmittags machen wir mit Fianna und Hedda einen langen Spaziergang zu den Etangs und den Flamingos. Leider sind auch heute fast mehr Menschen als Flamingos unterwegs, obwohl wir den Eindruck haben, es seien weniger geworden, was ein Trugbild ist, weil auf Silvester zu immer mehr Touristen hier anlanden. Nach einem Tag bringt uns das allerdings schon nicht mehr aus dem Gleichgewicht, dafür sorgt schon der schlammige und schlickige Boden in den Brack- und Watflächen. Vielleicht schaffen es der Wind und die durchgehend 18 °C, dass wir zum Ende unseres Aufenthalts weniger verschlammt von einem Spaziergang zurückkehren können.

Die Betriebsleitung bereitet sich auf den anstehenden Urlauberansturm vor und öffnet auch die letzten und meist verschlossenen Sektionen der Anlage. Komischerweise hat sich um uns herum die Belegung etwas ausgedünnt. Wird doch nicht an uns liegen? 

Nachts um elf Uhr hat es noch immer 17 °C und der Himmel trägt Brillanten.


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