Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Saintes-Maries-de-la-Mer

Donnerstag, 30.12.2021

Im Franz läuft die Zeit gegen die jahreszeitlichen Gepflogenheiten; bei uns werden jetzt nämlich die Nächte länger und die Tage kürzer, was sich daran messen lässt, dass Heike erst um halb 8 Uhr aus dem Bett steigt. Um 8 Uhr ist sie dann mit ihrem Fahrrad und den Mädels verschwunden, irgendwo zwischen Strand und Etangs, zwischen Flamingos und Reiher, zwischen Modder und Hundehaufen. Zeit, nochmals einen U-Turn im Bett zu machen.  

Die drei kehren erst nach fast zwei Stunden, zehn Kilometern und endlosen Rangelrunden am Strand zurück. Von Frühstück kann jetzt keine Rede sein, denn erst müssen die Mädels wieder gesellschaftsfähig gemacht werden; die sehen aus wie panierte Schnitzel. Aber Hedda ist noch immer weit von ihrer Leistungsgrenze entfernt, genau genommen könnte sie gleich wieder losrasen. Sie ist schlicht unkaputtbar. Und Fianna macht auch noch einen sehr stabilen und tatendrängigen Eindruck. Auch sie würde bei einer zweiten Runde nicht das Handtuch werfen. Die gereifte Dame ist immer noch in einem formidablen Zustand und unverwüstlich, daran ändern auch ein paar fehlende Zähne nichts. 

Nach einem fixen Müslifrühstück ̶ es ist ja schon 11 Uhr und wir haben noch einiges vor ̶fahren wir mit den Rädern in die Stadt, stellen sie am Place des Gitans ab, wo unter normalen Umständen der Markt aufgebaut ist, jetzt aber noch ein Weihnachtsmarkt die Touristen mit Sternchen, Rummel, Ponyreiten und Jingle Bells beglückt. So kann man sich täuschen, wenn man gedacht hat, dass Weihnachten und die dazugehörige Sülze vorüber sind, wenn Weihnachten vorbei ist. Wir sehen noch den Rest einer kleinen Pferdeschau in der Arena und bummeln anschließend durch den Ort, finden all die bekannten Restaurants wieder, die meisten kulinarisch belanglos, aber überteuert. Viel hat sich nicht geändert seit unserem letzten Besuch. Aber dann zieht es uns zur unabdingbaren Meeresfrüchte-Gabe im Doppelrestaurant Pica Pica / Cabane des Coquillage, direkt gegenüber der Arena. Hier haben wir schon manchen Frühschoppen mit sechs Austern und einem Plastikbecherchen gefüllt mit 0,1 l Weißwein verbracht. Heute ist deutlich mehr los als sonst, was bedeutet, dass wir von 13:15 Uhr bis 14 Uhr mit Franzosen, Holländern und Italienern vor dem Etablissement anstehen, bis auch für uns ein Platz an einem der klapprigen, windschiefen Tischen mit den rostigen, blauen Blechstühlen, deren Verkehrsfreigabe einen deutschen TÜV-Ingenieur in den Freitod treiben müsste, frei wird. Diese Bar ist unverzichtbar, sie ist authentisch, typisch, bietet keinen Chichi und ignoriert den Zeitgeist. Die Meeresfrüchte sind frisch und gerade aus dem Wasser gezogen, die Fischer verpflichten sich auf nachhaltige Fischerei und das Geschirr, obwohl überwiegend aus Kunststoff, kommt aus umweltschonender und nachhaltiger Produktion. Geschmissen wird der ganze Laden, auch an einem Tag wie heute, von zwei jungen Frauen, die alles im Griff haben. Wir bestellen eine kleine Platte Meeresfrüchte mit sechs Austern, zwölf unterschiedlichen Garnelen und sechs Bigorneaux-Schnecken, dazu zwei kleine Becher Wein, die sogenannten „ballons", lassen uns von der Sonne umschmeicheln, die uns mit 19 °C jeglichen heimatlichen Winter vergessen lässt. Danach noch einen Kaffee aus dem Becher und wir sind endlich richtig angekommen. Wir bezahlen dafür 35 €. Nach einer Stunde verlassen wir die gute Stube und machen denen Platz, die immer noch Schlange stehen, immerhin, um 14 Uhr. Ein Geheimtipp ist das Pica Pica schon lange nicht mehr, aber ein Muss. Zumindest für uns und anscheinend auch für viele andere Liebhaber bodenständiger und authentischer regionaler Gastronomie. 

Wir gehen bei Intermarché noch einkaufen und radeln wieder nach Hause, wo wir um 15:15 Uhr ankommen. Unsere Mädels torkeln uns noch mit dem Sandmännchen in den Augen aus dem Franz entgegen. Gegen 17 Uhr führen wir unsere Damen noch auf die Abendpromenade, hocken rosarot und orange im Sonnenuntergang und sind gegen 18 Uhr wieder zurück. Vor der Rezeption des Campingplatzes stauen sich, wie schon den ganzen Tag, die Womos, die alle Silvester bei den heiligen Marien feiern wollen. Es sind überwiegend Franzosen, dazwischen mal ein Schweizer oder ein Italiener, Deutsche sind kaum vertreten. Jedenfalls sind auch die bislang gesperrten Sektionen des Campingplatzes jetzt gut gefüllt.

Wir begrüßen den Abend mit einem Gläschen Pastis und schmurgeln uns dann ein Angussteak in der Pfanne. Danach kommt nichts mehr. War doch genug für heute. Oder? Schon erstaunlich, wie erfüllt ein Tag, bestehend aus reichlich Nichtstun, sein kann.

Um 22 Uhr messen wir sternklare 14 °C.


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