Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Saintes-Maries-de-la-Mer

Samstag, 1.1.2022

Wir kommen nicht aus den Betten, obwohl wir uns nichts vorzuwerfen hätten, beispielsweise wegen unangemessenem Alkoholabusus. Aber es wird hier eben deutlich später hell als zuhause; wir befinden uns etwa sieben Längengrade weiter westlich, was einer ungefähren Zeitverschiebung von einer halben Stunde entspricht. Deswegen ging bei uns die Sonne erst um 8:15 Uhr auf, was unseren Morgenschlaf günstig beeinflusst. Allerdings geht die Sonne hier auch entsprechend später unter, heute um 17:15 Uhr, was uns eine Art Sommerzeit mitten im Winter beschert. Was jedoch nicht ins Bild der Sommerzeit passt, ist das Wetter heute Morgen: noch ekligerer Nebel als gestern bei gerade mal 7 °C. Die Zuhausegebliebenen erleben derzeit die ersten Frühlingstage mit bis zu 16 °C. Da fragt man sich, warum man dem heimischen Winter entflohen ist, wenn man so angeschmiert wird. Aber wartet nur, es kann sich nur noch um ein paar Tage handeln, bis die Dinge wieder im Lot sind und jeder bekommt, was er verdient.  

Silvester ist noch nicht richtig vorüber, da reisen die Franzosen, die in den beiden vergangenen Tagen wie die Stechmücken hier eingefallen sind, schon wieder ab, der erste um 7 Uhr. Und seither stehen sie an der Entsorgung und beim Wasserfassen in langen Schlangen an, um wieder heimzureisen. Ein, zwei Tage über den Jahreswechsel mal kurz ans Meer, mit Freunden das neue Jahr begrüßen ̶ und adieu. Uns ist das ganz recht, weil sich dann morgen, wenn wir abreisen, nicht mehr so viele anstellen können.

Das miese Wetter verlangsamt tatsächlich alle unsere Lebensgeister. Heike geht mit den Mädels erst nach 9 Uhr raus, begnügt sich aber mit einer kleinen Runde fürs Notwendigste und der Chronist radelt dick eingepackt zur Boulangerie. Handschuhe wären nicht schlecht und der Brille stünden Scheibenwischer recht gut, so wässrig erfüllt der Nebel die Luft. Kaum jemand ist unterwegs, die Strandpromenade liegt peinlich vernachlässigt brach und in der Rue Victor Hugo, im Herzen der Stadt, wartet der Bäcker Däumchen drehend auf die nächste Kundschaft. So dürftig ist das Kundenaufkommen hier normalerweise nicht mal nachts um zwei.

Bis wir die Rückstände des letzten Jahres entsorgt, verräumt und abgewaschen haben und bis wir endlich zum Frühstücken kommen, ist es 11 Uhr. Egal, wir haben heute nichts vor. Den heutigen abrivado, bei dem ein schwarzer Stier von Pferdehirten auf weißen Pferden durch die Stadt getrieben wird, der übliche Aufklang für alle Feste und Stierkampftage, ersparen wir uns. Das haben wir schon mehrmals mit kleinen Stierherden gesehen, beeindruckend und archaisch das Dröhnen der Stierhufe, das hektische Klappern der Pferdehufe und die reiterliche Meisterleistung der gardians, aber heute halten wir uns lieber an die Erinnerung, als nochmal in die feuchte Zapfenkälte hinauszugehen. Nee...

Zwischen 15:30 Uhr und 17:45 Uhr lassen wir Hedda und Fianna noch ein letztes Mal Witterung aufnehmen, Meeresbrise und Flamingos im universellen Gedächtnis ablegen und Sanddünen im Haarkleid sammeln und kehren erst in der ersten Dunkelheit zurück. Anschließend sitzen wir ohne Zeitgefühl bei einer südlichen Brotzeit zusammen, mit Wein und Bier, und gleiten, ohne Notiz von der Zeit zu nehmen in die Nacht hinein.

Aigues Mortes
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