Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Aigues Mortes

Aigues-Mortes

Sonntag, 2.1.2022

Heute verlassen wir die heiligen Marien, denn wenn wir es heute nicht täten, müssten wir es morgen tun; morgen macht der Laden hier für einen Monat dicht.  

Der Hochnebel gibt noch immer nicht auf, aber geht langsam auf den Keks. Immerhin hat er wirksam verhindert, dass wir Lust auf einen weiteren Besuch bei Pica Pica verspürten. Meeresfrüchte mit einem Ballon Weißwein bei nebligen Temperaturen unter 10 °C gehört nicht zur Sehnsuchtsvorstellung eines Aufenthalts am blauen Mittelmeer, das im Übrigen mausgrau ist und wie Quecksilber in seiner Wanne schwappt. 

Um 8:45 Uhr ist Heike mit den Mädels unterwegs, der Chauffeur bereitet das Frühstück vor und beginnt Zug um Zug mit den Reisevorbereitungen; nach fünf Tagen am selben Ort fällt einiges an. Nach dem Frühstück geht es dann zielstrebig voran, allerdings ohne Eile, weil wir uns gestern noch bescheinigen ließen, dass wir abreisen können, wann wir wollen, der 12 Uhr-Termin sei ohne Belang, die Code-Karte sollten wir in den Briefkasten werfen, wenn wir während der Mittagspause zwischen 12 Uhr und 14 Uhr abreisen wollten. Sehr freundlich. Und so wird in aller Gelassenheit der Franz reisefertig gemacht, den Duschen ein letzter Besuch abgestattet, dann wird der Franz noch von seinem Altwasser befreit und bekommt dafür 100 frische Liter nachgeliefert, denn heute Morgen, nach genau einer Woche, haben wir den letzten Tropfen Wasser aus ihm herausgepumpt. Punktlandung.  

Aber jetzt, 12:45 Uhr rollen wir zum Ausgang, halten die Codekarte an den Leser, hören ein dünnes Piepsen, ohne dass die Schranke sich bewegt. Noch ein Versuch: nix. Auf der Spur neben uns rollt ein PKW, nahezu ohne zu bremsen, durch die sich freundlich öffnende Schranke. Nun bekommt Donna Quixota, die Reisemanagerin, ihren Auftritt. Der Chauffeur solle doch die andere, soeben befahrene Spur ausprobieren, vielleicht habe die gewählte ja eine Macke. Also setzt der Chauffeur zurück und fädelt in die erheblich engere und am Rand liegende Spur ein, sodass ihm nur wenige Zentimeter auf beiden Seiten Luft bleiben. Aber es geht, nur die Schranke geht auch in dieser Spur nicht auf. Die Reiseleiterin wandert herum, sucht nach einer Telefonnummer, Franzosen kommen mit Einkäufen aus der Stadt, bald scharen sich sechs von ihnen um die Reisemanagerin. Ergebnis: Das Vorhalten der Codekarte hätten wir uns sparen können, weil die nur für den Ausgang zum Strand relevant ist. Das wissen wir, weil wir sie dafür oft genug benutzt haben. Für die Schranken an der Rezeption sind Kameras zuständig, klärt man uns auf, die kalten Herzens erkennen, dass unser Kennzeichen, gemäß Begleichung der Rechnung bis heute 12 Uhr, überfällig ist. Und dann kennen sie keinen Pardon. Wer zu spät kommt, den bestraft die Technik. Also heißt es zu warten, bis die Rezeption wieder besetzt ist. Wir fahren den nächsten freien Stellplatz an, von denen es nun reichlich gibt, und legen uns für eine Stunde aufs Ohr. Um 14 Uhr rollen wir dann vor die Rezeption, bringen unseren Kummer vor, alles kein Problem, man wünscht uns eine schöne Zeit, die Schranke fährt wie von Geisterhand hoch, und wir sind draußen. Au revoir bis zum nächsten Mal. 

Nur wenige Kilometer von hier liegt ein Ort, der schon um 100 v. Chr. als Siedlung erwähnt wird. Im 10. Jh. wird er als Ayga Mortas in den Büchern geführt: Totes Wasser. Dieses Land, mitten in den Sümpfen, erwarb 1240 König Ludwig IX, auch als der Heilige bekannt, weil die französischen Könige in Südfrankreich bislang noch kein Land besaßen. Die Provence gehörte zum Heiligen Römischen Reich und die westlich liegenden Länder den Königen von Aragón. Das war etwas ungeschickt, weil Ludwig ja noch kein Heiliger war, sondern erst einer werden wollte, und das ging am besten, wenn man ein Kreuzzügler wurde. Für dieses Unterfangen war ein Hafen von Vorteil, wenn man nicht durch viele unheilige Länder ins Heilige Land ziehen wollte. Hier konnte er sich nun einen Hafen bauen. Gleich eine ganze Festungsstadt ließ er errichten, mit einer 1,6 km langen Festungsmauer. Heute kennt man Ayga Mortas als Aigues Mortes und als touristischen Brennpunkt Okzitaniens. Und Saint Louis, der Erbauer und Mentor, ist noch immer allgegenwärtig.  

Nach 43 km und einigen Umschweifen, weil eine Umleitung uns durch eine Unterführung mit 2,5 m Durchfahrtshöhe führen wollte, kommen wir um 14:50 Uhr auf dem großen Parkplatz und Womo-Stellplatz der Stadt an [N 43° 27' 19,7'' E 004° 26' 11,0'']. Es ist hochneblig bedeckt und hat 11 °C. Der Stellplatz liegt direkt vor der Festungsmauer, das bedeutet, dass man in kaum drei Minuten mitten in der historischen Altstadt ist.  

Unser erster Eindruck: Für den 2. Januar ist hier reichlich viel los. Man möchte nicht wissen, wie es in der Saison abgeht. Außer der um die gesamte Stadt führenden und begehbaren Festungsmauer und dem kuriosen Turm der Constanze mit seinen sechs Meter dicken Mauern, der als einziges von der ursprünglichen Burg erhalten geblieben ist, hat die Stadt, wie viele dieser historischen Städte, keinen weiteren Mehrwert. Es ist eben wie so oft: Man hängt ein historisch wertvolles Versatzstück vor die Tür, macht ein bisschen Ballyhoo drumherum, damit die Touristen auch erfahren, dass es hier etwas zu sehen gibt und schließlich finden sie außer einer wirklich beeindruckenden Mauer und einem Turm nicht viel mehr als Restaurants, Brasserien, Cafés, Bijouterien, Kunstgewerbe- und Klamottenläden, Andenkenshops sowie Krimskrams- und Süßkramläden. Historisch wertvoll ist in diesem Ort nicht mehr viel. Dass es darum auch längst nicht mehr geht, lässt sich daran messen, dass die Restaurants abends schließen, weil das aktuelle Touristenaufkommen wirtschaftlich keine abendliche Öffnung rechtfertigt. Wir hatten tatsächlich einen Restaurantbesuch ins Auge gefasst, beschließen nun aber, wieder eine kleine französische Brotzeit mit Wein und Wasser im Franz zu nehmen. Nun denn. Wenn wir es nicht wert sind... Heike führt die Mädels noch für eine halbe Stunde aus; das muss auch mal reichen, schließlich hatten sie in den vergangenen Tagen mehr als genug Bewegung. Wir machen unseren Franz zu unserer ureigenen kleinen Festung und lassen den Abend verstreichen. Am Ende des Tages bleibt die Erkenntnis, dass auch eine okzitanische Perle ohne Licht und ohne Sonnenschein nur eine graue Maus ist. Wiedersehen unwahrscheinlich.  

Für die Reiseleiterin ist heute, wenn man den 1. Januar als Feiertag ausnimmt, der erste Tag ihres halben Sabbatjahres, das wir nun mit einer Flasche Rotwein einläuten und uns vornehmen, es so kostbar wie möglich zu gestalten. 

Aigues Mortes / Cabanes
Saintes-Maries-de-la-Mer