Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Aigues Mortes / Cabanes

Stadtmauer und Turm der Constanze

Montag, 3.1.2022

Wir verbringen die Nacht auf dem Stellplatz so ruhig, wie Tuanchamun 3200 Jahre ungestört in seinem Grab ruhte, bis ihn ein Engländer ausgrub. Kein Laut stört unseren Schlaf, was belegt, dass dieser Ort in dieser Jahreszeit friedhofstot ist. Wie armselig ruhen dagegen beispielsweise die seligen Habsburger in ihrer Kapuzinergruft, vor deren Sarkophage im Minutentakt Führer mit einer Schar Touristen haltmachen und den Inhalt des Sarkophags erläutern. Das wäre, als ob die Touristengruppen an unseren Wohnheimen vorbeiflanieren würden und aufklärten, dass „hier, in diesem Nato-olivgrünen Unimog mit Exkursionsaufbau zwei Karlsruher Freizeitabenteurer ruhen, die viel Aufhebens machen, sich jedoch schwertun, ein Ausfahrtticket zu besorgen". Oder: „In diesem ältlichen und ausrangierten Minicaravan lebt ein anscheinend unwirscher alter Franzose, der jedoch keine Gelegenheit verpasst, anderen Anliegern ein freundliches Gespräch aufzudrängen". Oder: „In diesem Rosenheimer Mittelklasse-Etablissement verknoten sich zwei Deutsche unentwegt die Beine, weil sie unklugerweise zwei Hunde mit auf die Reise genommen haben, die sich zuverlässig dort ausgebreitet haben, wo sie selbst gerade ihren Fuß hinsetzen wollen." Nein, wir sehen und hören keinen Laut in dieser Nacht. Weiteren Luxus bietet der Platz nicht, außer einem öffentlichen Toilettenhäuschen, über dessen Inneres wir nicht Bescheid wissen wollen, das aber für Männer eines der in Frankreich üblichen Freiluftpissoirs bereitstellt. Und noch etwas muss für Hundehalter erwähnt werden: Rings um die Stadt gibt es eine anscheinend endlose Grünfläche, die allen Bedürfnissen gerecht wird.

Diese Grünfläche nutzt Heike heute, um beim ersten Sonnenschein seit Tagen, die Mädels auf eine kleine Promenade zu führen.  Dann starten wir einen zweiten Anlauf zur Stadtbesichtigung, weil die Spaziergängerin vom Sonnenschein und der Einsamkeit der Morgenstunde so begeistert ist, dass sie darauf drängt, der Stadt eine zweite Chance zu geben. Als wir kurz nach 9 Uhr durch die Porte St. Antoine treten, sind wir fast die einzigen Menschen hier, ein paar Handwerker, einige Geschäftsleute, die ihre Geschäfte für die Öffnung vorbereiten, jedenfalls kein einziger Tourist. Wir wollen die Mauer begehen, sehen aber, dass sie in den Wintermonaten erst um 10 Uhr geöffnet wird.

Frühstück in Frankreich

Also nehmen wir in einem kleinen Café, das bereits geöffnet hat, aber genauso leer ist wie der Ort, ein kleines Frühstück (petit dejeuner) aus einem Fingerhut Kaffee, Orangensaft und Croissant bzw. Pain au Chocolat. Sicherheitshalber kaufen wir uns noch ein Schinken-Käse-Baguette dazu und später noch einen Fingerhut voller Kaffee.  

So gestärkt steigen wir pünktlich um 10 Uhr auf die Mauer (Eintritt für Erwachsene 8 €). Und dann spazieren wir eine Stunde und 1,6 Kilometer lang im Carré um die Stadt herum, gewinnen weite Ausblicke in die Sumpf- und Wasserlandschaft Okzitaniens und tiefe Einblicke in die Wohn- und Hinterhoflandschaften hinter den meist schmucklosen Häusern. So langsam gewinnen wir der Stadt mehr als nur einiges ab, zumindest ins Herz der Reiseleiterin hat sie schon einen kleinen Pfeil geschossen. Noch immer ist zu unseren Füßen nichts los und auf unserer einsamen Wanderung um die Stadt herum, begegnen wir erst kurz vor dem Ende zwei weiteren Mauergängern.  

Kurz nach 11 Uhr steigen wir wieder von der Mauer herab und machen uns auf den Weg zum Franz und seinen Hüterinnen. Da blitzt dem Chauffeur noch ein Gedanke durch den Kopf: „Lass uns nochmal den Mantel anschauen!" Die Begleiterin stutzt, weiß, was er meint, zögert nur kurz und führt ihn, ganz Reiseleiterin, zu jenem Atelier, in dessen Tür sie gestern von einem schwarzen Mantel mit feuerroten Applikationen, ganz aus Softshell von Gore, in den Bann gezogen wurden. Minutenlang haben sie die Mäuler nicht mehr zugekriegt, so hat sich dieser Mantel in ihre Gehirne geschmeichelt. Heute soll sie ihn anprobieren. Wir sind die ersten und einzigen Kunden heute Morgen. Der Ladenbesitzer, Schneider und Künstler in Personalunion, plaudert, charmiert und erklärt und am Ende packen wir einen kohlschwarzen Softshellmantel mit feuerroten Applikationen in eine Tüte, lassen 390 € auf dem Tisch des Hausherrn liegen und haben keine Sekunde ein schlechtes Gewissen. Diesen Mantel gibt es nur hier und kein zweites Mal. Und er ist so schön wie das Ornat des Kardinals Richelieu anlässlich der peinlichen Befragung.  

Um 11:50 Uhr sind wir wieder bei den Mädels, lassen sie nochmal kurz raus und machen uns fertig für die Abreise. 22 € zahlen wir für die Nacht, nicht gerade wenig, aber fast mitten im touristischen Herzen der Stadt und ruhig wie in Abrahams Schoß, kann man das vertreten, zumal die Berechnung des Tarifs den Preis nachvollziehbar macht: 15 Minuten kosten 0,40 €. Das summiert sich, großzügig aufgerundet, in 12 Stunden auf 22 €. Die nächsten 12 Stunden sind dann frei. Länger geht nicht.  


Um 12:20 Uhr verlassen wir den Stellplatz von Aigues Mortes und sind uns nicht mehr ganz so sicher, ob man nicht doch noch einmal... Bedingung wäre außerhalb der Saison und am frühen Morgen. Dann zeigt die Stadt, dass sie Herz hat. Der Himmel ist etwas verschleiert bewölkt, liefert aber doch 17 °C. Wir fahren in Richtung Spanien. Doch zuerst steuern wir Palavas les Flots an, um am dortigen Carrefour zu tanken. Um 12:50 Uhr sind wir da [N 43° 32' 06,2'' E 003° 54' 27,1'']. Bei Carrefour ergänzen wir noch unseren Lebensmittelbestand und fahren um 13:40 Uhr weiter. Die A 9 führt uns, vorbei an Montpellier, Bezier, Narbonne und Perpignan, direkt nach Spanien. Kurz vor der Grenze zahlen wir um 15:35 Uhr für die ganze Strecke von Montpellier bis hierher 29,90 € Maut.

Fünf Minuten später überqueren wir die Grenze zu Spanien. Was für ein Segen, dass wir Europa haben: Auch hier gibt es keinen Grenzübergang, keinen Grenzer, einfach nichts und niemand, der dem Reisenden mit Inquisitorenblick das Misstrauen ausspricht. 

Blick auf die Pyrenäen

Um 15:45 Uhr verlassen wir die Autobahn an der Ausfahrt 2 bei La Jonquera und stellen 20 Minuten später den Franz auf dem Stellplatz El Noguer in Cabanes ab [N 42° 18' 20,7'' E 002° 58' 34,6'']. Es ist 17° warm und hat noch immer einen etwas verschleierten Himmel.  

Erster Spaziergang in Spanien für die Mädels
Abendspaziergang

El Noguer, auch als Área d'Autocaravanes Lidia geführt, was dabei der offizielle Name ist, tut nichts zur Sache, immerhin ist die Lidia, die Hausherrin, auch Teil des Wifi-Passworts des Platzes, ist ein großer Grasplatz (ca. 75 x 75 m), was uns nach all dem Sand guttun wird. Wir werden uns morgen oder übermorgen an einen großen Hausputz machen müssen. Es geschieht nichts mehr heute, außer einer kleinen Hunderunde und ein wenig Arbeit am Reiseblog. Um 22:30 Uhr messen wir sternklare 12 °C und nehmen erfreut zur Kenntnis, dass man in Valencia heute schon 30 °C gemessen hat. Wir sind auf einem guten Weg.

Warum wir uns aber ausgerechnet diesen Stellplatz hier im Nirgendwo ausgesucht haben? Das erzählen wir morgen...

Cabanes / Figueres
Aigues Mortes