Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Cabanes / Figueres

Dienstag, 4.1.2022

Die Nacht war doch ein wenig frostiger als erwartet; morgens messen wir noch 7 °C und der Himmel ist bezogen. Allerdings messen wir das ziemlich spät, nämlich erst um 9 Uhr, weil wir vorher nicht aus den Betten und in die Gänge kommen. Um 9:30 Uhr bekommen dann erst die Hunde das Tages-Prio. Bis kurz nach 11 Uhr haben sie hier freie Fahrt auf und zwischen den Feldern, in Urwaldgestrüpp, meterhohem Schilf und plappernden Bächen. Hier ist in dieser Jahreszeit absolut nichts los; wir haben auf den gesamten 5,5 Kilometern keine Menschenseele getroffen. Wenn die Landwirtschaft wieder in Gang kommt, sieht das vermutlich anders aus. Es ist eine fast ungetrübte Morgenrunde, wenn da nicht der ziemlich nachdrückliche Schweineduft in der Nase läge, der uns schon auf der Herfahrt aufgefallen ist. Man kann sich daran stoßen oder es ignorieren wie wir. Falls es Ibericos sein sollten, die hier die Luft verdünsten, sollte man ihren Wert nicht an den aktuellen Ausdünstungen, sondern am postmortalen Geschmack messen. So gesehen schweben wir heute Morgen durch einen feuchten Traum von marmoriertem Schweinefleisch. Vegetariern hingegen empfehlen wir, die Gegend zu meiden.

Nun wird gefrühstückt, man hat ja Zeit, dann wird abgewaschen und herumhantiert, und um 13 Uhr holen wir die Räder vom Heck und machen uns fertig. Wir wollen dorthin, weswegen wir diesen Stellplatz angefahren und dessen Grund wir gestern noch im Dunkeln ließen.  

1904 in Figueres geboren, 1989 in Figueres gestorben und anschließend unter der Glaskuppel des von ihm zum Museum umgebauten ehemaligen Theaters der Stadt begraben. Ahnt jemand, von wem wir sprechen? Die Rede ist von Salvador Dalí, ausbuchstabiert Felipe Jacinto Dalí i Domènech und ab 1982 Marqués de Púbol, größter Sohn der Stadt, Maler, Grafiker, Schriftsteller, Bildhauer, Bühnenbildner, Surrealist, genialer Selbstvermarkter und in solchen Dingen überzeugter Materialist und Realist. Ihm wollen wir heute in seinem Theater-Museum die Ehre erweisen. Er ist der Grund, warum wir gestern in Cabanes Quartier gemacht haben, einerseits weil das Museum am Montag Ruhetag hat und andererseits, weil zwischen Cabanes und Figueres nur ein Katzensprung liegt, den wir mit den Rädern bewältigen können.  

Um 13:15 Uhr fahren wir los und brauchen gerade mal 25 Minuten, bis wir vor Dalís Teatro-Museo stehen. 14 € zahlt ein Erwachsener. Falls er ein Erwachsener mit Demenzrabatt ist, wie der Chronist, werden nur noch 10 € fällig (lässt sich leichter merken).

Maske auf, Temperaturmessung am Eingang – und dann verschwinden wir in den Zauberfäden eines der größten Genies des vergangenen Jahrhunderts. Zwar sind seine berühmtesten Werke in den Museen der Welt verstreut, aber was hier ausgestellt ist, ist noch immer überwältigend genug, zumal dieses Museum nicht nach seinem Tod gebaut und eingerichtet wurde, sondern vom Meister selbst geplant, gebaut und bestückt wurde. Näher kann man an Dalí kaum heranrücken. Man meint mitunter, seinen Atem im Nacken zu spüren. Der spärliche Besuch tut ein Übriges dazu: Wir haben Zeit und Muße, uns auf den Meister einzulassen. Man kann stehen und staunen, zurücktreten und herantreten, und man kann sogar in aller Ruhe fotografieren. Üblicherweise stehen lange Schlangen an den Ticketschaltern und im Haus ist ein Geschiebe und Gedränge, dass man von dem, weswegen man angereist ist, kaum etwas zu sehen bekommt. Bei einem solchen Massenbetrieb nützt dann auch eine Blockabfertigung nicht viel.  

Dalis letzte Ruhestätte

Über eine Stunde halten wir mit Dalí Zwiesprache, halten die Köpfe schief, rätseln und entschlüsseln, entdecken und bleiben ratlos, eine Ratlosigkeit, die aber keine Leere hinterlässt, und wünschten, es gäbe zumindest für manche Individuen das ewige Leben, und sei es nur, um sie fragen zu können? Möglicherweise würde er mit einer Skizze antworten, die neue Fragen aufwürfe. Nein: Es ist gut, wie es ist. Und so stehen wir unter der mächtigen Glaskuppel vor der marmornen Grabplatte, unter welcher er seine verdiente und ewige Ruhe gefunden hat. Der Chronist ertappt sich, dass er dabei tatsächlich etwas schaudert. In der Kapuzinergruft hat es ihn nur gefroren.  

Um 14:15 Uhr verlassen wir den Meister, sind nach 25 Minuten wieder auf dem Stellplatz. Jetzt gibt es Kaffee und Kuchen, dann wird endlich der Franz, so gut es eben geht, wieder gesellschaftsfähig gemacht. Und schon ist es 17:30 Uhr. Es hat 14 °C mit rückläufiger Tendenz und wir ziehen uns zurück. Nach einer kleinen Flasche Schampus, die wir meinen, dem Meister widmen zu müssen, stellen wir fest, dass es 18:30 Uhr ist und die Mädels keinen Nachmittagsspaziergang hatten. Anstatt Dalli Dalli zu sagen und sie noch auszuführen, zucken wir mit den Achseln und sagen eben: Dalí, Dalí...
Nichts geht mehr heute. Alles ist gesagt. Alles ist getan.
Cabanes
Aigues Mortes / Cabanes