Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Ebro-Delta, Camping Ampolla

Donnerstag, 6.1.2022

Der Sturm hatte sich gestern Abend zur Ruhe gelegt, neue Kräfte gesammelt und macht heute Morgen einen ziemlich ausgeschlafenen Eindruck. Seine alte Kraft hat er zwar nicht zurückgewonnen, aber für zwei Drittel davon reicht es schon. Wie auch immer: Wir wollen heute weg hier.  

Cabanes ist ein Nest ohne Eigenschaften und Wert. Der Platz dient den meisten Reisenden als Zwischenstopp vor dem langen Stich in den sonnigen Süden. Außer jenen, die wie wir, Dalí einen Besuch abstatten wollen, hält sich kaum jemand länger als eine Nacht auf. Für die große Pause ist er sicher nicht geeignet. Der Platz ist groß, der Untergrund ist Gras. Je nachdem, wo man steht, bieten mächtige Bäume Schatten. Um mit den positiven Aspekten fortzufahren, sollte man unbedingt ein funktionierendes Wifi rund um die Uhr erwähnen (abends, wenn alle surfen, wird's etwas zäh). Strom gibt es ebenfalls, allerdings pro Position nur mit 4 Amp abgesichert, mehrere hochprozentige Verbraucher lassen die Sicherung fliegen. Und man kann sein Womo ent- und versorgen, wobei man darauf achten sollte, zum Betanken nicht unbedingt den Wasserschlauch zu benutzen, mit dem die Toilettengrube gespült wird. An der Front von Lidias Wohnhauses steht ein weiterer Wasseranschluss mit Schlauch zur Verfügung.  

Fürs menschliche Wohl ist jedoch wenig gesorgt, wobei wir in der Abteilung „Abstriche" wären. Wie fasste ein Nachbar aus Baden bei Wien zusammen: „Das Klo und die Dusche sind – naja – spartanisch und das Dixi-Klo stinkt." Heike hat gestern das Badehäuschen getestet und kam zufrieden zurück: warmes Wasser, alles einigermaßen sauber, mehr nicht, aber auch nicht weniger. Der Chauffeur folgt diesem Ruf heute Morgen, hat aber beim Versuch, das Sanitärhäuschen zu betreten, die abgerostete Türklinke in der Hand. Das Sesam öffnet sich nicht. In solchen Fällen benutzt man eben seine eigene Toilette und wäscht sich die Haare im Waschbecken. Auch nichts Neues. Der Gesamteindruck des Anwesens unserer Lidia ist verrümpelt, wodurch es sich nicht vom Charme der Gemeinde Cabanes unterscheidet. Aber die Betreiber sind freundlich und halten sich im Hintergrund.  

in den Pyrenäen hat es geschneit

Wir verlassen Lidia um 11:40 Uhr bei 10 °C, einem blanken und sehr windigen Himmel. Eigentlich war der Plan, Cadaqués anzufahren, um einen weiteren Lebensmittelpunkt Dalís zu besuchen. Dort lebte und arbeitete er mit seiner Frau Gala den Großteil seines Lebens. Der Ort liegt gute 40 km von Cabanes am Meer, aber der Weg dorthin führt über teils enge Straßen über die Berge; bei Sturm eine wenig verlockende Aussicht. Auch Girona haben wir wegen des Sturms (vorerst) aus der Reiseagenda gestrichen, dort soll es noch mehr blasen als in Cabanes. Wir wollen weg von dem Gebläse!  

Auf der AP-7 / E-15 rollen wir nach Süden. Die AP-7 gehörte zu jenen AP-Autobahnen, die mautpflichtig sind. Doch September letzten Jahres wurden sie und die AP-2 entprivatisiert und unterstehen wieder dem Staat, weshalb sie nun mautfrei sind. Das bedeutet, dass nun die gesamte Strecke von der französischen Grenze bis Valencia gebührenfrei ist. Südlich von Tarragona, bei Cambrils, verlassen wir die Autobahn, um den Campingplatz Miami Platja anzufahren. Der hat geschlossen, obwohl er in der ACSI-App als geöffnet geführt wird. Ein bisschen Recherche ergibt, dass dieser und angeblich weitere Plätze in der Nähe außerplanmäßig wegen Corona geschlossen hätten.

Wir fahren weiter nach Süden und finden um 15:30 Uhr Aufnahme in Camping Ampolla Playa, am nördlichen Ende des Ebro-Deltas [N 40° 47' 57,0'' E 000° 41' 59,1']. Bis hierher, ans südliche Ende Kataloniens, sind wir heute 301 km gefahren. Wenn wir gedacht hatten, dem Windbeutel zu entkommen, haben wir uns schwer getäuscht: Hier unten bläst es wie im Norden, und auf der Fahrt, dort, wo der Wind direkt von den Bergen ins Meer stürzte, hatte der Chauffeur einige Mühe, den Franz bei Laune zu halten.  

Der Campingplatz ist überschaubar, was uns sehr gelegen kommt. Das Personal an der Rezeption ist freundlich und lässt uns gleich wissen, dass wir nicht länger als drei Nächte bleiben können, weil sie dann alle in den verdienten Urlaub gehen würden. Uns scheint, dass wir ziemlich anstrengende Zeitgenossen sein müssen, dass alle, wo wir uns ein paar Tage aufhalten, urlaubsreif sind; erst in Saintes-Maries und nun hier. Wir zerbrechen uns die Köpfe nicht weiter darüber, sondern finden einen brauchbaren Platz unter Palmen und sonstigem, südlichen Grünzeug und sind zufrieden. Wir stehen auf groben Sand, zwischen den Stellplätzen könnte man an guten Tagen Gras vermuten, jetzt ist hier nur dürres Zeug und Laub.  

Ebro-Delta
Herrlicher Strand zum Toben

Heike nimmt gleich die Hunde mit auf eine erste Erkundungstour und kommt mit der Erkenntnis zurück, dass der Platz direkt am Meer liegt (das haben wir schon bei der Anreise gesehen) und nur wenige hundert Meter weiter die Welt zu Ende ist und ein Naturschutz- und Vogelschutzgebiet beginnt, wo man ewig gehen und die Hunde laufen lassen kann.  

und Paella
Tapas

Abends besuchen wir das Restaurant, welches dem Campingplatz angeschlossen ist, verzichten jedoch wegen der bescheidenen Temperaturen auf einen Tisch auf der riesigen Terrasse mit Blick auf die Pools, die gefüllt sind und verlockend blau in den Nachthimmel glitzern. Allerdings fragen wir uns, für wen man bei diesem Wetter einen Pool füllt, zumal man in drei Tagen den Laden dicht macht. Wegen der ewigen Coronar-Insuffizienz ist der Zugang zum Lokal nur unter 2G-Bedingungen gestattet, die auch konsequent kontrolliert werden. Das Restaurant ist schlicht und ohne Firlefanz ausgestattet, fast in einer Art Bauhausstil, geräumig und wohltuend luftig. Dazu fällt uns das Besteck auf, das schwer und ergonomisch in den Händen liegt und sich wohltuend von dem billigen Blechwerkzeug unterscheidet, das man in solchen Durchgangslokalen oft vorgelegt bekommt. Wir bestellen zweimal Tapas als Vorspeise, und zwar Patatas Bravas (Kartoffeln in Öl gebraten mit einer würzigen, meist knofligen Soße) und frittiertes Huhn mit Sesam und Teriyaki-Soße. Danach schaufeln wir uns durch eine Paella mit Meeresfrüchten. Das Ganze wird begleitet von einer Flasche spanischem Rotwein, Wasser und vollendet durch zwei kleine Kaffees. Dieser Abend erleichtert unsere Reisekasse um 53 €. Satt und sehr zufrieden fallen wir in unsere Betten.  


 


Ebro-Delta, Camping Ampolla
Cabanes