Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Ebro-Delta, Camping Ampolla

Ebro-Delta, Camping Ampolla

Freitag, 7.1.2022

Wir kommen wieder nicht aus den Betten, was zum Teil daran liegen mag, dass Fianna ihr Herrchen nicht aus der Kuschelpflicht entlassen will; wann immer er seine Liebesdienste beenden möchte, ruft sie ihn zur Ordnung und macht ihn darauf aufmerksam, dass längst nicht alle Körperstellen durchgearbeitet sind. So zieht sich die Bettlägerigkeit wieder bis über 9 Uhr hinaus. Heike dreht eine kleine Hunderunde, von der sie mit Baguette und Croissants zurückkehrt, die es im Restaurant gibt, während sich der Chronist ums Frühstück kümmert, was heute erstmals im Freien stattfinden kann, weil der Wind heute Morgen nur ein lustloses Lüftchen ist und die Sonne ungehindert vom katalanischen Himmel strahlt. Was allerdings nicht bedeutet, dass wir unser Frühstücks, das gegen 11 Uhr beginnt, in kurzen Hosen und T-Shirts einnehmen. So herzerwärmend sind die Bedingungen noch nicht. Wir messen nur 13 ° C, und würden wir die Markise ausfahren, müssten wir frieren.  

Nach dem Frühstück steht Waschtag auf dem Programm. Nach fast zwei Wochen muss der Wäschesack endlich geleert werden, weil er mit seinem dicken Bauch zunehmend den Zugang zum Kleiderschrank blockiert. Der Campingplatz verfügt, wie zu erwarten war, über zwei Waschmaschinen mit Riesentrommeln, aber keine Trockner. Logische Erklärung: Hier hat es immer Sonne oder Wind oder beides, da braucht es keinen Trockner. Und so spannen wir ein Netz von Wäscheleinen um den Franz herum, wonach unsere Parzelle bald aussieht wie ein Landsknechtslager. Allerdings bleibt es beim immer noch lustlosen Lüftchen und einer schwachbrüstigen Sonne, sodass unsere Wäsche sackschwer in den Seilen hängt.  

Kormoran
Braune Sichler

Um 13:30 Uhr machen wir uns alle Vier auf, um den See zu umrunden und die dazugehörigen Vögel zu erkunden. Dabei kommt es zu einer Premiere. Weil des Chronisten Knie doch ein ewiges Aua erleidet und nur langsam vorwärtskommt, während seine Reisebegleiterin jugendlich flott auf den Beinen ist, soll der Chronist die drei Damen auf dem Rad begleiten. Das ist eine sehr bestechende Idee, die nur Hedda in eine kleine Sinn- und Lebenskrise stürzt, weil sie ihren Herrn noch nie auf einem Fahrrad erlebt hat. Kaum fährt er los, mault sie ihn an, umtanzt ihn auf Zentimeterabständen, sodass er ständig kurz vor einem Zwangsabstieg steht. Das Kind, so erklärt es die Hundeversteherin, habe Angst um ihn und möchte ihn auffordern, das seinem Alter unangemessen gefährliche Unterfangen umgehend beenden. Der Radfahrer ist überzeugt, dass sie ihn nur anpöbeln möchte, weil er ihr von seinem Hochsitz herunter keine Watschn (Ohrfeige) geben kann. Der Eiertanz ums rostige Rad legt sich nicht bis zum Ende der Ausfahrt. Erschwerend kommt hinzu, dass der Wind nun auch langsam den Weg ins Ebro-Delta gefunden hat und sich immer mehr aufplustert. Wenn man also sowieso schon langsam fahren muss, weil man Fußgänger begleitet, dann auch noch unentwegt Gleichgewichtsübungen zu vollbringen hat, um den Hund nicht zu überrollen und dabei noch vom Wind verblasen wird, hat der Spaß ein ziemlich großes Loch. Wir werden das unbedingt wiederholen müssen, damit Hedda lernt, dass radfahrende Männer genauso zu betrachten und nicht gefährdeter sind als radfahrende Frauen. Fianna hält sich aus dem Theater heraus. Sie schlendert ihres Wegs und schert sich nicht um ihre hyperventilierende Tochter oder um einen abstürzenden Futterlieferanten, solange er morgen wieder ihr seidiges Fell poliert. Um 15 Uhr sind wir alle wohlbehalten zurück, wenn auch in unterschiedlichen Gemütsverfassungen.  

Anschließend fahren wir ohne Hunde mit den Rädern in den Ort zum Großeinkauf bei SPAR. Der liegt am nächsten, aber immer noch 15 Fahrradminuten weg. Der Wind pfeift inzwischen heftig und darf schon als kleiner Sturm durchgehen. Bei SPAR einkaufen macht wenig Spaß, aber man findet, was man braucht, nicht unbedingt das, wonach man sucht und wonach einem ist. Nach dem Einkauf wuchten wir uns gegen das Gebläse mit schweren Satteltaschen und wehenden Einkaufsbeuteln an den Lenkern wieder zurück. Hilft ja nix, der Mensch muss ja leben, essen und trinken.  

Jetzt wird es höchste Zeit, die noch nicht abgenommene Wäsche zu sichern, denn lange können wir für ihre Sicherheit nicht mehr garantieren. Wir ziehen uns zurück, machen den Franz wetterfest, der gelegentlich richtige kleine Hopser macht. Freudenhopser sind es nicht. Es ist der Wind, das höllische Kind.  

Wir gehen nicht ins Restaurant, was heute auch nicht geplant war, haben auch keine Lust mehr zu kochen, sondern begnügen uns mit Baguette auf die Faust und Gin Tonic. Lifestyle ist, was man daraus macht.  

Ebro-Delta, Camping Ampolla
Ebro-Delta, Camping Ampolla