Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Stellplatz Bodega 2020

Stellplatz Bodega 2020

Sonntag, 9.1.2022

Irgendetwas läuft falsch heute Morgen. Es ist noch dunkel und halb acht, Fianna schnurrt im Arm des Chronisten und die Frau des Hauses geht Geschirrspülen...
Dann, es ist immer noch fast dunkel und 8 Uhr, bringt sie die Küche auf Hochglanz.
Fianna schiebt ihre Nase in die Achselhöhle ihres Beschützers, um das Elend nicht mit ansehen zu müssen. Draußen biegen sich die Bäume schon wieder, wie der Chronist vermutet, diesmal eher vor Lachen, und der Himmel macht es wie der Chronist und seine Beischläferin: Er zieht sich die Decke über den Kopf.

Letztes Bad in L'Ampolla

Die Reiseleiterin ist im Reisemodus und in Aufbruchsstimmung. Der Countdown läuft. Erst bekommen die Mädels ihren Morgenspaziergang, der trotz der Aufbruchsstimmung nie zu kurz bemessen wird, dann kommt frisches Brot auf den Tisch und Frühstück, auch darüber wird nicht verhandelt, wenn es nicht eilt. Und Aufbruchsstimmung ist ein Bedürfnis, aber ohne eingebaute Eile. Der Franz wird ver- und entsorgt, und dann kann es losgehen.  

Um 12:10 Uhr verlassen wir Camping Ampollo, dem wir nichts, höchstens Gutes nachsagen können. Das Personal ist sehr freundlich, die Sanitäranlagen neu, geräumig, gepflegt und immer sauber, Klopapier ist Standard. Das muss auch einmal erwähnt werden, weil gerade Frankreichreisende wissen, dass man ohne Klorolle unterm Arm nicht zur Erleichterung kommt. Daran können sich die Franzosen noch eine große Scheibe abschneiden. Unsere Nachbarn sind und waren überwiegend Spanier und Franzosen. Deutsche sind, zumindest in dieser Jahreszeit, Mangelware. Das Restaurant braucht sich nicht zu verstecken und für den Frühstücksservice ist auch gesorgt. Ein kleiner Minuspunkt ist die Müllentsorgung, weil die Container draußen an der Straße stehen, man also mit seinen ganzen Nachlässen den Campingplatz verlassen muss. Schlimm ist das aber nicht. Schlimm und ein richtiges Ärgernis, wofür der Campingplatz nichts kann, ist die Vermüllung der Landschaft drumherum. Es ergibt eben keinen Sinn, alle hundert Meter Mülleimer aufzustellen, welche die Touristen auch brav nutzen, wenn sie dann von der Gemeinde nicht geleert werden. Der Wind, der Wind, dass Schmuddelkind, verteilt dann die ganze Sauerei im Natur- und Vogelschutzgebiet, die halb geleerten Mülleimer werden wieder ordnungsgemäß befüllt und nicht geleert und der Schweinkramkreislauf beginnt von neuem. Alle geben sich Mühe, nur die nicht, die dafür zuständig wären. Schade drum!  

Es zieht uns weiter nach Süden, Valéncia ist unser grobes Ziel. Da trifft es sich gut, dass wir von einem kleinen und familiären Stellplatz zirka 25 Kilometer südlich von Valéncia gehört haben, von dem aus man die Stadt mit Fahrrad und Bahn sehr gut erreichen kann. Den steuern wir an und reservieren auch gleich, weil man bei fünf Plätzen schnell das Nachsehen hat. Über die N-340 geht es in Richtung Süden. Um 13 Uhr spendieren wir Franz einen vollen Tank spanischen Diesel für 1,34.9 €, und die Quartiermeisterin schleppt auch noch einen 20-kg-Sack Orangen an. Wir haben Orangen! „Warum jetzt 20 Kilo Orangen?" „Die sind direkt vom Bauern." Aber wohin mit dem Mordssack?" „Wer eine Gitarre und ein Banjo im Tamilenfach transportieren kann, hat auch Platz für einen kleinen Sack Orangen!" Der kleine Sack findet seinen ersten Lagerplatz im Bett der Logistikfachfrau. Weiter geht's. Bei Castelló wechseln wir auf die AP-7, umfahren Valencia und nehmen die Abfahrt bei Silla. Über Land geht es jetzt zur Bodega 2020, unserem heutigen Ziel, einem Anwesen und Stellplatz zwischen Alginet und Algemesí. Um 15 Uhr haben wir unser Ziel erreicht und stehen mitten in einem unendlichen Meer von Orangen-, Mandarinen- und Kakiplantagen [N 39° 13' 48,3'' W 000° 27' 09'8'']. Wir haben doch glatt übersehen, dass wir heute den Nullmeridian überquert haben und uns nun in der westlichen Welt befinden. Die westliche Welt begrüßt uns wolkenlos, aber windig und 18 °C. 

Khaki oder Persimon

Wie immer müssen erst einmal die Hunde raus, was das einzige Manko hier scheint, weil wir eben nur von Plantagen umgeben sind, wo nichts weitläufig ist und die Wege ständig irgendwo enden und man sich einen Durchschlupf zum nächsten Weg suchen muss. Aber das klappt, nur Ballspiele sind unter diesen Bedingungen nicht möglich. Tonnen von reifen Orangen hängen hier reif und überreif an den Bäumen, ebenso die Mandarinen. Kurios und ein wenig traurig sind die Kaki-Pflanzungen. Tieforangerot hängen die reifen Früchte wie Christbaumkugeln an völlig blattfreien Bäumen, rotbraun jene, die schon hinüber sind, und am Boden faulen Tonnen um Tonnen brauner Kakis dahin. Es ist ein Bild von Tod und Vergänglichkeit, aber auch von Angebot und Nachfrage, die letztlich über Leben und Tod entscheiden. Von Joeri erfahren wir, dass vom Anbau der Früchte hier kein Bauer leben könnte, weil sie über den Markt nur Cent-Beträge für eine Tonne bekämen. Deshalb sind die meisten Bauern in Kooperativen organisiert, die noch weitere Geschäftsfelder bedienen (Bank, Treibstoff, etc.), sodass über die Kooperative bei den Bauern etwa 450 € im Monat hängen bleiben. Und dann bleiben eben auch die Früchte hängen, wenn der Markt sie nicht will, selbst wenn sich die Seele zusammenzieht.  

Audrey
Joeri

Kaum sind wir angekommen, werden wir schon vom Hausherrn begrüßt. Aufgrund der Namen vermuteten wir ein deutsch-holländisches Paar. Ganz falsch: Beide sind Belgier. Joeri Röttger (sprich: Juri) und Audrey De Lauw haben sich dieses Anwesen 2018 gekauft und 2020 als Bodega 2020 eröffnet. Joeri ist über 20 Jahre in Sachen Wein um die Welt gereist, ist selbst Winzer und baut nun auf 2 ha biologischen Weißen, Rosé und Roten an. Audrey managt den Laden. Beide sind von einer unaufdringlichen Herzlichkeit, die man als Reisender schätzt: Man fühlt sich sofort zuhause, aber nicht vereinnahmt. Joeri, spricht perfekt deutsch, spanisch und noch ein paar Sprachen, was jedermann die Türen sofort öffnet, Audrey kommt mit englisch gut zurecht. Es passt perfekt hier; wir sind schon angekommen, bevor wir richtig da sind. 

Nach unserem kleinen Rundgang gibt es eine kleine Kaffeepause mit etwas Gebäck und anschließend einen für diesen Liegeplatz angemessenen Ankerschluck: Campari-Orange, natürlich aus frisch gepressten Orangen.  

Um 18:30 Uhr macht dann die Bodega 2020 ihrem Namen alle Ehre und verwandelt sich vom Stellplatz zur kleinen Kneipe. Fünf Tische stehen da nur vor einem Tresen, hinter dem Joeri kocht und Audrey hantiert. Die Bodega wird zur Tapas-Bar und zur Weinverkostung. Wer möchte, kann sich aus neun Tapas bedienen lassen und sich nebenbei eine Weinprobe von Joeris Weinen gönnen. Und wie wir wollen! Nur ein Erdbeben könnte uns davon abbringen. Auf Audreys Empfehlungen wählen wir aus dem Angebot vier unterschiedliche Tapas aus. Wir entscheiden uns für Tortillas de gamba, Albóndigas (Fleischbällchen in Tomatensoße mit geräuchertem Pfeffer), Patatas bravas mit Whisky-Soße und Montaditos mit Sardinen, Tomaten, Yuzu-Perlen, karamellisierten Zwiebeln und Wachtelei. Dazu serviert Joeri einen preisverdächtigen Weißwein, einen grandiosen Rosé, einen knorzigen Roten und einen umwerfenden Roten aus dem Barrique. Von dem lassen wir uns noch nachschenken, bis auch eine zweite Flasche leer ist, weil die beschließende Käseplatte sonst allzu sperrig über den Gaumen liefe. Wer wissen will, wie die Tapas schmecken, muss sich hierher bewegen. Sie sind jeden Kilometer unbedingt wert. Und für den Wein legen wir die Zunge ins Feuer. Weil die kleine Gesellschaft aus einem wuppertal-schwäbischen Paar, das nun in Borna lebt, einem urschwäbischen Paar aus Ludwigsburg und einem liebenswerten, jungen holländischen Paar mit einem Knirps, so nett ist und bestens harmoniert, haben Joeri und Audrey ihren Tresen längst verschlossen und sich schlafen gelegt, als wir total glücklich um 23 Uhr die Runde auflösen. Es ist wolkig und hat 16 °C. Selbst wenn es Minusgrade hätten, wäre es uns heute warm ums Herz. Jede Reise hat seine Highlights, die Bodega 2020 ist eines von ihnen.

Valéncia
Ebro-Delta, Camping Ampolla