Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Valéncia

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Blühende Pfirsichbäume

Montag, 10.1.2022

Um 9 Uhr haben wir wolkenlose 16 °C. Eine leichte Brise streicht über die Orangenbäume und füllt die Luft mit schweren Düften. Mit Joeris Regieanweisungen bestens versorgt, soll es heute nach Valéncia gehen. Zuerst mit den Rädern fünf Kilometer nach Algemesí, erst immer geradeaus, dann an der Einmündung immer noch geradeaus, dann am Haus mit dem Turm links, über die Bahnbrücke, gleich wieder rechts und dann wieder geradeaus. Wir treideln an den endlosen Orangenpflanzungen vorbei, an den Kaki-Friedhöfen, aber – guck an, da blüht doch schon was: Die Pfirsichbäume werden schon munter und schieben erste zarte, rosa Blüten. Der Frühling legt sein rosa Band übers Valensiner Land. Trotz dieser unerwarteter Ablenkungen kommen wir direkt und unfallfrei am Bahnhof von Algemesí an. Die Reiseleiterin bemüht sich um Tickets für uns und die Räder, was schon etwas komplexer ist, weil die Schalterbeamtin nicht in fremden Zungen spricht. Nada! Und das Spanisch der Reiseleiterin endet kurz hinter vino tinto, paella, por favor und hasta la vista. Aber nichts auf der Welt ist unlösbar und so löst sie dennoch erfolgreich zwei Tickets für uns und die Fahrräder.

Um kurz nach 12 Uhr hieven wir die Räder in einen Wagon, der für Fahrradtransport ausgewiesen ist und verlassen Algemesí in der Regionalbahn in Richtung Valéncia. Rund 25 Minuten benötigt der Zug, vorbei an unendlichen Obstplantagen, Industrieanlagen, -brachen und -ruinen und auch an elenden Vorortslums. Um 12:38 Uhr steigen wir an der Endstation Valéncia Nord aus, verlassen den Bahnhof und bleiben konsterniert stehen: Vor uns, direkt hinter dem Bahnhof, türmt sich ein Architekturfeuerwerk aus Gotik und Jugendstil, gespickt mit Rokokosprengseln auf, Prachtbauten und Fassaden, dass uns fast die Luft wegbleibt.

Markthalle

Google Maps führt uns zur nächsten Touristeninfo, wenige Meter weiter auf der Pl. Ajuntament, wo wir uns einen Stadtplan besorgen. Nur wenige Schritte weiter, über die Av. María Cristina, gelangen wir zur Plaza Mercat und damit zu Europas angeblich größter Markthalle mit über tausend Ständen. Dort stellen wir die Räder ab und versinken in einem Rausch von Farben und Gerüchen. Dass es Früchte in Hülle und Fülle gibt, wundert niemand, aber vor allem das Fleischangebot muss jedem Vegetarier das Gefühl vermitteln, mitten in Dantes neun Kreisen der Hölle gelandet zu sein. Andererseits fehlt nichts, was den Fleischfresser in Glücksschwingungen versetzt. Wer möchte, darf hier gerne für ein Kilo Iberico 200 € auf den Tresen legen – und ist dabei noch nicht einmal am oberen Ende angelangt. Wir belassen es bei ein paar Scheiben Schinken fürs biedere Volk, decken uns mit etwas Süßem für die Kaffeepause ein und brauchen sonst nichts. Leider sind wir für den Fischmarkt schon zu spät dran, aber der riesige Rest ist überwältigend genug. 

Mit den Rädern geht es weiter durch die eigentliche Altstadt mit ihren historischen Bauten, Türmen und Toren, bis zum Antiguo Cauce del Rio Turia, dort wo also einst der Turia floss und wie ein Stadtgraben die Stadtmauer behütete, heute ein kilometerlanger Freizeit- und Flanierpark. Hier trifft man sich, hier döst man, hier hört man Musik, joggt, spielt und vertreibt sich die Mittagspause. An unserem Weg liegt auch das gewaltige, verglaste Gewölbe des 1987 eingeweihten Konzertpalasts. Oder das Hémispheric Valéncia, ein futuristisches Gebäude für Kunst und Kultur, der mindestens ebenso stylische Gebäude- und Parkkomplex der Künste und der Wissenschaft und noch vieles mehr, was uns völlig aus den Schuhen haut. So viel begeisternde moderne Architektur auf wenigen Metern wirkt für einen Münchner wie ein Schlag in die Magengrube, wenn er an die im Bau befindliche Schuhschachtelarchitektur der neuen Philharmonie denkt. Herr erbarme dich! Deine bayerischen Statthalter hienieden behaupten, du seist ein Bayer, hast Bayern zu einem Ort der Seligen gemacht und deinem Himmel gleich gestaltet. Hast du dein Volk vergessen, dass du sie eine Schuhschachtel für deine himmlische Musik errichten lässt? Herr, bist du ein Spötter? Was haben dir die Valéncianer geboten, dass du sie mit jenem heiligen Geist übergießt, den du deinem Volk vorenthältst? Uns kommt das alles sehr spanisch vor. Hättest du doch die Münchner Stadtplaner wenigstens für ein Wochenende nach Valéncia geschickt! Nun ist es aber zu spät, das Kind liegt schon im Schuhkarton. Wie kann man über die Architektur lesen: Außen Schuhkarton, innen Weinberg. Ja, mein Gott, warum nicht andersrum? Valéncia hast du mit deinem unendlichen Reichtum an Kreativität und Mut überschüttet, was uns hier und heute mit Glück und Staunen erfüllt. Wir sind komplett geplättet und in einem kleinen Rauschzustand, der seinen Meister nur in der Notwendigkeit der Rückfahrt zur Bodega findet.  

Weil heute Montag ist, sind fast alle Museen geschlossen, auch das Oceanogràfic, eines der bedeutendsten Ozeaneen der Welt. Damit können wir gut leben, weil das alles an einem Tag nicht machbar ist. Allein das Ozeaneum ist gut für einen Tag und kostet über 30 €; dafür mal schnell hinein- und wieder hinaushüpfen steht nicht zur Debatte. Wir belassen es also bei der Außenschau, vielleicht kommen wir wieder einmal vorbei, um uns mit den inneren Werten Valéncias zu beschäftigen.  

Was diese Stadt für alle so herrlich zugänglich macht ist, dass sie, wie uns Joeri versichert hat, eine richtige Radfahrerstadt ist mit vielen Radwegen, Radampeln und Autofahrern, die offenbar gelegentlich auch Radfahrer sind. Manche behaupten, Valéncia sei das Amsterdam des Südens. Wir fahren fast die ganze Strecke auf Radwegen, ein echter Genuss und vor allem ein Mutmacher für Wohnmobilisten, die nicht wissen, ob sie mit dem Womo in die Stadt fahren können oder sollen. Nicht nötig. Nehmt das Fahrrad, geschmeidiger geht es nicht. Am Ende, als wir um 15:20 Uhr wieder am Estació del Nord zurück sind, summiert sich unsere Besichtigungstour auf 14 km.  

Bis auf 22 °C hat sich das Thermometer hochgeschwungen und uns die Tour versüßt, zumal ihr ein ganz besonderen Premiereaspekt zukommt: Der Chauffeur absolviert die gesamte Strecke in der wärmenden Strauss-Jacke, die weibliche Frostbeule dagegen im kurzärmeligen T-Shirt. Was eine Reise aus Menschen machen kann... An dieser Stelle ist es im Übrigen höchste Zeit, eine sehr peinliche Korrektur vorzunehmen. Zu Beginn unserer Reise haben wir einmal hämisch erwähnt, dass wir auf dem Weg in den wärmenden Süden sind (gemeint haben wir, dass die Zurückbleibenden selbst schuld sind, wenn sie frieren) und erwähnt, dass in Valéncia bereits 30 °C gemessen würden. Heute waren es, wie erwähnt 22 °C. 30 °C gab es diese Jahr bisher noch nicht. Die 30 °C stammten aus Valéncia in Venezuela. Auch Reiseleiterinnen hadern gelegentlich mit der räumlichen Zuordnung ihrer Ziele. Wir bitten um Vergebung und versprechen, zukünftig auf meteorologische Häme zu verzichten.  

Zum Schluss unserer Rundfahrt sehen wir unseren Zug gerade noch aus dem Bahnhof fahren und müssen weitere 30 Minuten warten. Was solls? Um 15:49 Uhr verlassen wir Valéncia, kurven von Algemesí wieder durch die Obstplantagen zurück zur Bodega, wo wir um 17 Uhr ankommen. Die Mädels taumeln verschlafen aus dem Franz und wir genehmigen uns einen Campari Orange. Als Joeri gerade vorbeikommt, fällt uns ein, dass ein Winzer eigentlich auch einen Cava machen müsste, und wir fragen ihn. Joeri nickt stolz, beugt sich zu uns und beichtet, dass er und Audrey im März heiraten würden und sie ihm den Auftrag gegeben hatte, einen würdigen Cava für diesen Anlass zu kreieren, weil ihr von dem anderen Zeug immer ganz schimmlich im Mund würde. Und Joeri kreierte und winzerte. „Audrey bringt euch eine Flasche vorbei, wenn ihr wollt." Wir wollen, und bis die Flasche kommt, erläutert Joeri, dass er für seinen Cava keine Werbung macht, weil er nicht so viele Flaschen hat und es ihm sonst passieren könnte, dass für ihr Fest nichts mehr übrig ist. Audrey bringt stolz ihren Cava Audrey's 2020, dazu zwei Gläser. Gleich darauf wissen wir, dass Joeri nicht nur ein kongenialer Weinbauer ist, sondern auch mit seinem rosigen Cava überall preiswürdig wäre. Wir gönnen uns nur zwei Gläschen, der Rest der Audrey kommt in den Kühlschrank für eine passende Gelegenheit.  

Um 18:30 Uhr ist wieder Tapas-Termin. Heute ignorieren wir Audreys gestrige Empfehlung von vier Tapas für zwei Personen. Im Angebot sind neun verschiedene Kreationen, gestern hatten wir vier, also verbleiben für heute fünf. Die geben wir in Auftrag:

Eine Burrata mit gegrillten und marinierten Trauben und Fenchelsamen (Audreys Favorit). Dann kunstvoll über Audreys Finger gewickelte Vitello tonnato-Röllchen. Anschließend eine süße belgische Waffel mit einer Sobrasada (eine luftgetrocknete, streichfähige Rohwurst aus Mallorca), mit einem Spiegelei obenauf, eine Explosion hinter dem Rachenzäpfchen. Nummer vier ist Tigres: eine in der Muschelschale servierte Muschelkrokette und eingelegtes Gemüse in Wasabi-Mayonnaise. Den Schluss bilden Jamon-Kroketten (also Schinken) mit Tomatensalsa und knusprigen, knofligen Streuseln. Als Begleitung verzichten wir auch heute nicht auf die Weinprobe von Weiß bis Barrique-Rot, weil man gerne wissen möchte, ob sich der Eindruck von gestern bestätigt. Die Käseplatte steht für uns heute auch nicht zur Debatte, wir haben nämlich die letzte Schweinerei auf Joeris Karte noch zu würdigen: eine wundervoll cremige Zabaione mit Vanilleeis, eine Portion, so groß, dass sie locker für zwei reicht. Lieber Gott, sei Dank, dass du uns den Weg hierher gewiesen hast.  

Und dann, wir spülen uns eben die knofligen Streusel mit rotem Barrique aus den Zähnen, steht plötzlich eine Frage im Raum: Joeri, hast du keine spanischen Gäste? Kommen hierher nur Deutsche, Holländer und Belgier? Bei dieser Frage wird der Bär Marke Kerkeling hinter dem Tresen plötzlich sehr nachdenklich, fast traurig. „Leider nein", sagt er, „ich lebe in diesem Land, ich liebe es, ich spreche seine Sprache und ich hätte gerne auch Spanier zu Gast, aber das passt nicht". Es scheitert an den Essgewohnheiten. Spanier essen fünfmal am Tag, die letzte Mahlzeit (cena) nehmen sie nicht vor 22 Uhr ein. Für ihn würde das bedeuten zweimal zu kochen, einmal für die Welt und einmal für die Spanier. Außerdem unterhalten sie sich beim Essen gerne laut und lachen herzlich, während alle anderen schlafen wollen, und die Kinder spielen Fußball, der fliegt gegen die Womos, alles schon gehabt – das geht einfach nicht, das passt nicht zusammen. Als er kopfschüttelnd endet, ist es bedrückend still in der Bodega. Mit einem Mal ahnen hier alle, warum es mit diesem vermaledeiten Europa einfach nicht vorangehen will. Es ist nämlich völlig unerheblich, ob einst Adenauer von einem ‚Vaterland Europa' schwadronierte oder de Gaulle stolz sein ‚Europa der Vaterländer' propagierte, wenn es schon an den Essenszeiten scheitert. Man versteht plötzlich, warum die Engländer, die sich weder auf ihrer Insel noch sonst wo auf der Welt mit irgendjemand arrangieren mussten, ständig mit diesem harmoniebedürftigen Europa fremdelten und sich wieder verabschiedeten. Und wenn Ludwig XIV die Meinung haben durfte (was übrigens nicht überliefert ist), dass er der Staat sei (L'etat c'est moi), warum sollen dann die poststalinistischen Polen und Ungarn nicht der Meinung sein dürfen, dass sie das Gesetz seien (La loi c'est moi), wenn sie es doch nicht besser kennen? Wer soll den Italiener verbieten dürfen, einmal pro Woche beleidigt zu sein, wenn ihre nationale Larmoyanz das gebietet? Und die Griechen, die Erfinder der Demokratie? Die werden eben zickig, wenn jene, die noch vor wenigen Jahren ihren Diktatoren zujubelten, ihnen heute die richtige Demokratie erklären wollen. Bei diesen Gedanken legen sich die knofligen Streusel wie Sägespäne in den Schlund und wollen sich auch vom feinsten Barrique nicht runterspülen lassen. Hier, irgendwo im Nirgendwo Europas wird uns klar, dass es noch ein langer Weg ist zu einem Vaterland Europa und einem Europa der Vaterländer. Reisen ist nicht immer ein Vergnügen...  

Neben dieser nicht nur kulinarischen Erleuchtung verleben wir auch mit den heutigen Gästen einen lockeren und erinnerungswürdigen Abend. Von gestern schlemmt noch das Paar aus Borna mit uns, die Ludwigsburger wurden durch ein wurzelechtes Schwabenpaar aus Stetten am kalten Markt, also solche 'vo d'r Alb raa' ersetzt, Menschen, mit denen man gerne einen unprätentiösen Abend verbringt. Außer uns drei Paaren gibt es noch Leute, die sich nicht sehen lassen und offenbar nichts von Wein und Tapas halten und solche, die mit ihrem Womo direkt vor der Bodegatür stehen, aber nicht mit uns speisen, weil sie ihren sechs Monate alten Welpen nicht allein im Auto lassen können (Haustiere dürfen nach spanischem Gesetz nicht dorthin gebracht werden, wo Speisen gereicht werden). Das Tierchen ist zwar gar nicht allein, weil ihm noch ein erwachsener Artgenosse Gesellschaft leistet, aber die Gefahr, seelischer Fehlentwicklungen aufgrund von Verlassensängsten wollen die Fürsorgeberechtigten nicht riskieren, auch wenn es von Tür zu Tür nur fünf Schritte sind und das Kuschelchen im Minutentakt hätte betreut werden können. Dieser Verantwortung gerecht werdend, bestellt man bei Joeri ein Womo-Dinner, und Joeri wird vom Winzer, Koch und Wirt auch noch zum Lieferhelden vor der eigenen Haustür.  

Auch heute sind Joeri und Audrey längst in ihrem Separee verschwunden, als wir den Tag satt und sehr zufrieden, aber auch ein wenig nachdenklich, um 23 Uhr beschließen und uns in eine klare Nacht mit immer noch 16 °C verabschieden. Mon dieu, war das einTag!  

Oliva, Camping Azul
Stellplatz Bodega 2020