Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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São Brás de Alportel

São Brás de Alportel

Mittwoch, 23.2.2022

Es ist 8 Uhr, es hat 17 °C und es ist bedeckt. Das Schlechtwettergebiet rollt heran.  

Um 11:45 Uhr verlassen wir einen Campingplatz, der uns bei Ankunft einen kleinen Schrecken eingejagt hat und der uns sehr ans Herz gewachsen ist, allerdings immer unter saisonbedingtem Vorbehalt.  

Bei unserer Abreise können wir jedoch kein Wasser bunkern, weil – angekündigt – zwischen 11 und 14 Uhr der Strom wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet ist. Ohne Strom keine Wasserpumpe. Unserem Gesamteindruck von diesem Campingplatz kann das nichts anhaben, wir haben darüber genug gesagt. Worüber wir noch nicht gesprochen haben, ist der Müll: Noch nirgendwo haben wir so viele Mülleimer gesehen wie hier. Allein auf dem kurzen Weg zum Sanitärhaus können wir unseren Abfall in drei Mülltonnen entsorgen, zwei davon für Biomüll. Und alle diese Mülleimer werden laufend geleert.  

Wir zahlen für die drei Nächte 66 € und hätten für diese Qualität auch ohne zu nörgeln mehr bezahlt. Unser erster Weg führt zur nächsten Tankstelle in El Puerto, um den Franz bündig zu füllen, denn so billig wie jetzt in Spanien werden wir in nächster Zeit nicht mehr tanken: 42 Liter für 1,42,9 € bringen wir unter. Und jetzt geht es los: Portugal wir kommen!  

Der so herrliche, mysteriöse, aber uns derzeit nicht zugängliche Doñana Nationalpark liegt wie ein Pfropfen zwischen hier und der portugiesischen Grenze. Wer von Cádiz nach Portugal will, muss nochmal eine kleine Andalusien-Rundfahrt unternehmen, weil der ganze Park östlich umfahren werden muss. Also fahren wir nach Norden, vorbei an Jerez, bis Sevilla, wo uns zur Freude der Navigatorin aus der Ferne noch einmal die peniskuläre Brücke grüßt, um erst dort nach einem Westschwenk den Nationalpark im Norden zu umfahren, immer in Richtung Huelva.  

Auf dem Weg nach Sevilla begleitet uns fetter, weißblühender Besenginster soweit das Auge reicht. Hinter Sevilla ist dann wieder Storchenland; überall nisten sie auf Strommasten und Telegrafenstangen, teilweise auf zwei oder drei Etagen übereinander. Offenbar haben die Paare wieder zueinander gefunden und beginnen mit dem Brutgeschäft. Vor Huelva übernehmen dann wieder Obst- und Gemüseanbau das Landschaftsbild, zum Glück nicht so niederschmetternd wie rund um Murcia. Aber wir glauben jetzt zu wissen, woher unsere Erdbeeren in dieser Jahreszeit kommen. Schließlich reist man ja nicht nur zum Vergnügen, sondern auch um etwas fürs Leben zu lernen.  

Um 14:50 Uhr stehen wir an der Grenze zu Portugal, was aber, sobald wir die Grenze überschritten haben 13:50 Uhr bedeutet, denn in Portugal gilt die Westeuropäische Zeit (WEZ), bei der die Uhren gegenüber der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ) um eine Stunde nachgehen. Im Winter entspricht diese Zeit der Greenwich Mean Time (GMT) oder UTC. In Europa gilt die WEZ für folgende Länder: Portugal-kontinental und Madeira, nicht jedoch das Archipel der Azoren (UTC-1), Irland, UK, Island und die Kanarische Inseln.  

Der Übergang von der MEZ zur WEZ gestaltet sich jedoch ein wenig kabarettistisch. Es gibt hier, wir befinden uns ja im Schengen-Raum, keine Grenzkontrollen, aber eine Mautstelle mit Kartenzahlung. Also schiebt der Chauffeur die Kreditkarte in den Schlitz, der sie sofort, von einer freundlichen portugiesischen Frauenstimme begleitet, wieder ausspuckt. Also wieder rein mit der Karte und wieder raus, das alte Rein-Raus-Spiel. Links und rechts neben uns, es sind drei Mautstellen, haben andere das gleiche Problem, die einen stoßen verwirrt zurück, wofür auch wir uns entscheiden, die anderen fahren einfach durch, weil es zwar eine Mautstelle aber keine Schranke gibt. In einem Wachhäuschen versucht die Reiseleiterin Antworten auf unsere Fragen zu finden, dort hockt aber nur ein schulterzuckender Polizist. Was denn zu tun wäre, will sie wissen und er erklärt in sehr holprigem Englisch, dass man an einer entsprechenden Servicestation Kennzeichen, Namen und Kontoverbindung registrieren müsse, dann würde per Foto abgerechnet. Ob das hier gehe, will sie wissen. Nein, das heißt: in der Saison schon, aber jetzt lohnt sich der Aufwand nicht. Wo denn dann? Schulterzucken. Internet vielleicht? Nein, nicht per Internet. Was denn nun zu tun sei? Schulterzucken, was bedeuten soll: durchfahren und hoffen, dass es keiner merkt. Also fahren wir über die Grenze, sind nun in Portugal, ticken nach Westeuropäischer Zeit und verlassen die Autobahn schon nach wenigen hundert Metern wieder, weil wir nichts riskieren wollen und sowieso keinen Grund haben, Autobahnkilometer zu schrubben. Unsere eingestellte Routenoption ‚ohne Maut' hat vor dieser Mautstelle versagt.  

Unsere ersten Kilometer in Portugal kommen uns fast vor wie in einer anderen Welt. Wir reiben uns die Augen. Die Landschaft ist einladend, freundlich und wirkt wie frisch geputzt. Das liegt nicht nur an der klaren Luft, das liegt auch an den nicht enden wollenden weißen Häusern, Häuschen und Villen, die links und rechts vorüberziehen. Auch wenn wir ihnen nicht nahe genug sind, um eine faire Beurteilung abzugeben, so haben wir doch den Eindruck, dass dieses Land viel gepflegter ist als Spanien. Es ist stark zersiedelt, weil wirklich überall gebaut ist, aber das macht alles einen sehr ansprechenden Eindruck. Meist trügt dieser erste Eindruck ja nicht; wir werden sehen. Die Straßen sind zwar teilweise sehr bucklig, aber dennoch gepflegt. Als wir durch die ersten Ortschaften fahren, finden wir nirgendwo das spanische Schrottambiente, das wir von Spanien gewohnt sind. Portugal begrüßt uns, wie man eben Gäste begrüßt: aufgeräumt und heiter.  

Um 15 Uhr (WEZ) sind wir am Stellplatz Motorhome Ecopark in São Brás de Alportel. Kaum stehen wir vor der Tür und bitten um Einlass, werden wir vom Betreiber, einem agilen Endvierziger, herzlich begrüßt – und gleich herumgeführt. Viele Stellplätze stünden nicht mehr zur Verfügung, er sei praktisch ausgebucht, aber hier, einen etwas schattigen könne er uns anbieten und wenn wir mehr Sonne wollten, müssten wir morgen vielleicht umziehen, weil die Holländer da drüben abreisen. Die ganze Konversation vollzieht sich in geschmeidigem Englisch. Und als wir an der Rezeption schließlich den Schattenplatz mit Umzugsoption buchen, plaudert Frau Ecopark nicht nur in noch besserem Englisch, sondern gleich in Deutsch mit uns. So herzlich sind wir vermutlich noch nirgendwo begrüßt worden, herzlich ohne anbiedernd zu sein. Bei unserem Rundgang bekommen wir den ersten Eindruck von Portugal bestätigt: alles tiptopp gepflegt, aufgeräumt und blitzsauber.  

Gleich hinter dem Eingang wartet ein großer, ebenso gepflegter V+E-Bereich auf uns, wo wir sofort unsere Wasservorräte auffüllen, was uns in Playa las Dunas wegen der Stromabsperrung nicht vergönnt war. Der ganze Platz ist eigentlich kein Stellplatz, sondern eher ein Campingplatz. Wir bezahlen 8 € für die geräumige Parzelle und auf Wunsch 4 € für Strom. Den wünschen wir vorerst nicht, weil wir unserer Betty ein wenig auf den Zahn fühlen wollen. Der Knackpunkt ist: Für die Dusche wird 1€ für fünf Minuten fällig, fürs Klo 1 € pro Mensch und Tag.  

Wir fragen nach, weil wir wissen wollen, wie es zu diesem ungewöhnlichen Regelwerk käme und werden aufgeklärt, dass das dem Wassermangel geschuldet sei. Portugal leide, wie der gesamte Süden, unter großem Wassermangel, der sich gerade in dieser Region durch laufend neu angelegte Golfplätze verschlimmere. Ein weiteres Problem seien die ständig neu entstehenden Avocado-Kulturen, die einen immensen Wasserbedarf hätten. Wasser sei nicht unerschöpflich, weswegen der Betreiber des Platzes für seinen Service hohe Gebühren an die Gemeinde abführen müsse. Und so sei eben die Idee entstanden, dass Leute, die im eigenen Haus unterwegs seien und eine Toilette und Dusche an Bord hätten, diese auch benutzen könnten. Irgendwie leuchtet das ein. Und wenn wir uns die auch hier wieder in großer Zahl herumstehenden Liner ansehen, dann macht das Sinn, die haben alle Fäkalientanks bis zum Jüngsten Tag. Zu all dem kommt noch, dass der Sanitärbereich gleich hinter dem Eingang zum Platz untergebracht ist, und viele Passanten einladen könnte, mal schnell ihre Geschäfte hier zu erledigen. Den Kontrollaufwand könne man sich sparen, indem man abschließt und nur bei Bezahlung aufschließt.  

Wir nehmen unter einem Johannisbrotbaum Platz, um uns herum alte, verkrüppelte Korkeichen, die unseren Mädels den ersehnten Schatten liefern und genießen einen schönen Kaffee mit Kuchen. Hier ist gut sein.  

Um 17:30 Uhr streift die Dogwalkerin mit ihren Schützlingen durchs Umland, hat aber noch nicht verinnerlicht, dass sie die Zeitverschiebung einrechnen muss. Deshalb kommt sie nach 80 Minuten erst bei Dunkelheit zurück. Daran müssen wir uns noch gewöhnen. Aber es hat immer noch 19 °C und der Himmel ist klar.  

São Brás de Alportel
El Puerto de Santa María