Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

Schriftgröße: +
4 Minuten Lesezeit (866 Worte)

São Brás de Alportel

São Brás de Alportel

Donnerstag, 24.2.2022

Um 4 Uhr nachts steht der Chronist auf und schließt die Dachluken, weil es, wie vorhergesagt, regnet. Es ist erträglich, aber es regnet. Auch wenn wir weiterhin der Meinung sind, dass Regen nicht nach Spanien oder Portugal gehört, jedenfalls nicht, wenn wir gerade unterwegs sind, gönnen wir diesen Ländern den Regen, den sie so dringend brauchen.  

Diese Großzügigkeit bleibt uns jedoch schnell im Halse stecken, als wir hören, was andernorts derzeit los ist: Valencia, Murcia oder Alicante ertrinken gerade, saufen ab. Wasserfluten stürzen durch die Städte und reißen Autos und Menschen mit sich. Wir reden nicht mehr von dringend benötigtem Regen, sondern von Unwetter und Katastrophe. Das haben wir nicht gewollt, als wir den Spaniern Wasser vom Himmel wünschten. Aber wir erleben die Folgen eines ausgedörrten Landes, in dem selbst bei nicht unnormalen Regenmengen das Wasser nicht mehr versickert, sondern in großen Fluten in den nächsten Fluss stürzt. Was im Weg ist, wird mitgenommen. Wir sind froh, dass wir hier weit davon entfernt sind, räumlich sowie, was die Ausmaße betrifft.  

Um halb 9 Uhr kommt der nette Ecoparkier zum Franz geradelt und liefert uns das bestellte Brot: dunkles bavarisches und Croissants. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen, und die Mädels kommen trockenen Outfits vom Spaziergang nach Hause. Auch wenn es heute noch ein bisschen plitschern sollte, haben wir alles richtig gemacht, wettern ein wenig ab und reisen morgen weiter.

Wir verbringen den Vormittag mit Dokuschreiben, aufräumen und herumwursteln. Nachmittags kommt donnerstags immer ein Gemüsebauer auf den Platz, der seine Ware und die einiger Kollegen hier verkauft. So etwas nehmen wir gerne in Anspruch und kaufen, was uns an Gemüse fehlt. Was uns auch heute wieder auffällt: Der Bauer spricht exzellent Englisch. Was ist denn hier los?

Kurz nach 15 Uhr machen wir uns auf den Weg zu einem längeren Spaziergang durch die Nachbarschaft. Abgesehen von der Tatsache, dass es nach dem Regen schon bei 16 °C ziemlich dampfig ist, vor allem, wenn es ständig bergauf und bergab geht, bleibt bei uns eine einmalig schöne Landschaft unter alten Korkeichen in Erinnerung. Diese bizarren, trutzigen, vielfach unten herum skalpierten Baumveteranen lassen einen nicht kalt, sie berühren das Herz und prägen dieses Land wie nichts sonst.

Aber auch die Pflege der Wander- und Spazierwege fallen uns sehr positiv auf. An jeder Abzweigung wird man zuverlässig weitergeleitet, alles ist perfekt markiert, sodass man sich wirklich nicht verlaufen kann. Mal abgesehen davon, dass man sich mit Hunden, die einen Weg schon mal gegangen sind, sowieso nicht mehr verlaufen kann, die wissen immer, wo es langgeht. Und gestern haben die beiden mit Frauchen schon Teile dieses Trails abgelaufen. Da kann nichts anbrennen, auch wenn die Portugiesen nachlässiger wären.  

Und dann das, was wir schon geahnt hatten: Die Portugiesen pflegen ihr Eigentum. Überall wird gekachelt und gekalkt, gemauert und gemeißelt, verspachtelt und verputzt. Die Häuser, egal ob sie kleine Anwesen sind oder Villen, sind in einem Zustand, als ob morgen Königs zu Besuch kämen. Von Müll ist auch kaum etwas zu sehen, nur Hundehäufchen sind unvermeidlich, weil auch in Portugal viele Hunde freilaufen und niemand ihre Hinterlassenschaften wegräumt. Doch auch dieser Umstand ist mit den Zuständen in Spanien nicht zu vergleichen. Die Portugiesen halten ihre Heimat in Ehren und pflegen sie.  

Als wir nach eineinhalb Stunden wieder zurück sind und uns dem Stellplatz durch die Büsche nähern, treffen wir den Platzbetreiber in seinem Schmuckstück, seinem „Meditationspark" an. Während der Coronazeit, vor der er den Grund gekauft, aber dann nicht bewirtschaften konnte, hat er zwei Jahre den Dschungel, der einmal ein Stellplatz werden sollte, gerodet, zivilisiert und ein Schmuckstück aus ihm gemacht. Steine hat er verschoben und gesammelt, zu Pyramiden und Steinmännchen aufgetürmt oder zu kleinen Halbkreisen wie ein Amphitheater zusammengefügt, stille Ecken eingerichtet oder von gleichgesinnten Besuchern gestalten lassen. Dieses kleine Areal ist ein Ort der Stille und des Nachdenkens – und nun muss er hier mit einer Schaufel und einem Beutel die Hundescheiße seiner Kunden einsammeln. Doch das hält ihn nicht davon ab, uns stolz durch seinen kleinen Meditationspark zu führen und alles mit Leidenschaft und Herz zu erklären.

Nach unserer Rückkehr steht wieder der Reiseblog im Mittelpunkt. Und dann hat der Chronist plötzlich keine Lust mehr, zum Essen zu gehen, Brot oder etwas anderes Schnelles ist auch nicht mehr verfügbar, also zaubert die Tausendsassa im Omnia einen Stew aus Rehfilet(!), Kartoffeln und viel Gemüse. Das ist schließlich so superlecker und das Reh so zart, dass sich der Chronist für seine Unlust sogar auf die Schulter klopft, denn so etwas wäre sonst nie auf den Tisch gekommen. Und die Köchin verdient sich dafür einen dicken Schmatz, weltweit und grenzenlos zu hören.  

Wegen dieser Stew-Aktion und all dem, was dabei aus dem Gefrierfach musste, ist jetzt sogar wieder reichlich Platz für Fisch, den wir uns morgen auf dem Fischmarkt besorgen wollen. So macht sogar schlechte Laune Sinn.  

Um 22 Uhr hat es noch 14 °C und es ist bewölkt, immerhin regnet es nicht mehr.  

Olhão, Fischmarkt
São Brás de Alportel