Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Loulé / Armaҫão de Pêra

Armaҫão de Pêra

Samstag, 26.2.2022

Heute sind wir zwei Monate auf Reisen – und wir haben kein Heimweh, keine Sehnsucht, keinen Überdruss, keine Langeweile, nichts ist uns zu viel, nichts wächst uns über den Kopf und wir können uns immer noch bestens leiden. Es ist ja nicht einfach, zwei Monate zu viert auf engstem Raum zu leben und sich nicht auf den Zeiger zu gehen. Daran sind schon viele Beziehungen gescheitert, und nicht erst nach zwei Monaten. Was uns fehlt, sind einige liebe Menschen, das schon, aber die bleiben vermutlich liebe Menschen bis wir zurück sind und gehen uns hoffentlich bis dahin nicht verloren. Noch vier Monate müsst ihr auf uns verzichten und wir leider auch auf euch. Die moderne Kommunikationstechnologie trennt uns nicht, sondern hält uns zusammen, was wir sehr schätzen.  

Heute müssen wir uns vom Ecopark verabschieden, was uns nicht leichtfällt. Er ist uns ans Herz gewachsen, deswegen reißen wir ihn uns heute von demselben und legen ihn allen ans Herz, die sich mit ihrem Womo in dieser Gegend aufhalten. Allerdings geht es nicht nur uns so, denn seit diesem Jahr, dem ersten nach dem großen Corona-Blackout, ist der Stellplatz fast ständig ausgebucht; Qualität und Herzlichkeit spricht sich herum, deshalb sollte man vorher reservieren. Doch Herzlichkeit und gute Stimmung sind nicht allein ausschlaggebend für eine Platzwahl. Im vorliegenden Fall kommt eine überwältigend schöne Landschaft mit fast unendlichen Wandermöglichkeiten hinzu – bei denen man fast immer allein ist. Aber jetzt muss geschieden sein.  

Um 10:25 Uhr verabschieden wir uns dankbar und fahren dahin. Es ist bewölkt, und das Thermometer scheint auch noch in etwas gedrückter Stimmung zu sein. Mal eben 14 °C ist nicht gerade üppig.  

Gestern Fischmarkt, heute Fischmarkt, Samstag ist ja vielerorts gerne Markttag. Zum nächsten Markt ist es heute nicht weit: Loulé heißt der Flecken, der für seinen Samstagsmarkt viel Lob bekommt. Um 10:45 Uhr kommen wir dort an und finden Unterschlupf auf dem großen Parkplatz im Norden der Stadt [N 37° 10' 04,8'' W 007° 54' 29,1'']. Von hier sind es nur wenige Minuten zu Fuß zum Markt.  

Zwei Markthallen warten auf uns und viele Besucher, heute auch viele Touristen, die in Olhão fast völlig fehlten. Eine Halle ist fast komplett dem Fisch gewidmet, die andere gehört Obst, Gemüse und etwas Kunsthandwerk. Vor den beiden Hallen bieten regionale Bauern ihre Früchtchen an, drinnen sind es vermutlich die Erbpächter, draußen die fliegenden Händler. Was aber auch hier, wie in Olhão, den Unterschied zu Spanien macht, ist, dass in Portugal auch außerhalb von Markthallen wieder alles verkauft werden darf, was man allgemein auf einem Markt erwartet. In Spanien beschränkt sich das Angebot aus Hygienegründen auf Obst, Gemüse, Gewürze und Kleidung. Fleisch, Fisch, Käse und Wurst gibt es nur in Markthallen.  

Das Problem mit solchen Märkten ist meist, dass man versucht ist, dreimal so viel zu kaufen wie man braucht. Die angesprochene Stauraumnot in Wohnmobilen ist in diesem Fall ein willkommener Zuchtmeister. Kurz: Wir schauen viel und kaufen nichts.  

Während unseres Bummels treffen wir unsere holländischen Nachbarn aus dem Ecopark, die mit den Rädern hier sind. Mit ihnen setzen wir uns noch auf einen Kaffee in einer Bar zusammen und tauschen Tipps, Adressen und Erfahrungen aus, wie das eben im Fahrenden Volk so üblich ist. Die liefern uns einen heißen Tipp: Camping Markádia am Odivelas-Stausee. Unbedingt! Wir machen eine Notiz mit Ausrufungszeichen. Mit den Tipps aus fremder Hand, kommt man durch das ganze Land.  

Dann geht es wieder zurück zu den Mädels und um 12:15 Uhr weiter. Jetzt messen wir immerhin schon 19 °C, allerding ist es immer noch bewölkt.  

Unser nächstes Ziel hat einen gewissermaßen nostalgischen Charakter. Im Alentejo lebt und arbeitet seit zehn Jahren eine Freundin von uns. Mit ihr verbindet uns die Bekanntschaft zu einem Paar, das wir vor vielen Jahren bei einem Obedience-Kurs kennenlernten und das jetzt auf dem Campingplatz, den wir nun ansteuern, einen Camping-Shop betreibt. Und so kam es, dass wir beschlossen, dort einen kurzen Aufenthalt einzuschieben, den beiden Hallo zu sagen und uns auf einen Kurzbesuch der Freundin aus dem Alentejo zu freuen, die für einen Nachmittag dazustoßen will. Dafür kann man schon mal ein Ziel ansteuern, das nicht von Beginn auf dem Reisezettel stand.  

Um 13 Uhr sind wir in Armaҫão de Pêra und bitten um Einlass in den dortigen Campingplatz Praia de Armaҫão de Pêra [N 37° 06' 32,2'' W 008° 21' 10,7'']. Wir sind gespannt, was uns hier erwartet, denn die Einlassungen im Internet sind sehr ambivalent, von „toller Platz" bis „chaotisch" und „unzumutbar" ist alles vertreten. Auf solche Wortmeldungen reagieren wir nur, wenn eine Tendenz eindeutigen Vorrang hat, aber dass die einen alles ‚toll' finden und anderen jeder Kiesel in der Dusche zum Totalverriss ausreicht, lernt man schnell und reagiert mit einem Selbstversuch. Generell kann man über den Platz lesen, dass er sehr groß und unparzelliert sei, was zu wildem, unsolidarischem und ellenbogengestützem Verhalten anrege.  

Als wir umherkreiseln, um einen angemessenen Hocker zu finden, wird schnell klar, dass der Platz riesig, aber für sein Fassungsvermögen zurzeit kaum belegt ist. Tatsächlich steht hier jeder nach Belieben herum, was soll man auch sonst tun? Man sucht sich ein möglichst ebenes Plätzchen mit einigermaßen günstigem Zugang zu Strom und Duschhaus und ist zufrieden, wenn zu den Nachbarn und der nächsten Straße ausreichend Platz ist. So ein Fleckchen finden wir schnell unter mächtigen Eukalyptusbäumen, haben schon beim Stromfassen den ersten Nachbarskontakt, der sich auch gerade einklinkt, und damit sind wir hier angekommen. Dennoch fremdeln wir noch ein wenig mit diesem Campingplatz und können es nicht erklären oder gar beschreiben. Jeder kennt diese Gefühle, dass irgendetwas nicht stimmt, und wenn man die Details durchgeht, findet man nichts, was dazu berechtigen würde. Und an einem anderen Tag hat man das Gefühl, im Paradies gelandet zu sein und weiß auch in diesem Falle nicht, was dieses Gefühl auslöst.  

Nein, es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, aber wir sind angekommen und zufrieden. Der Chauffeur fühlt sich in solchen Fällen oftmals gedrängt, einen Kontrollgang zu den Sanitäranlagen zu machen, von denen es hier drei gibt. Der erste Eindruck: nicht mehr taufrisch, aber frisch geputzt, also sauber. Dieser Eindruck sollte auch für die Dauer unseres Aufenthalts so bleiben. Als der Nichtmathematiker sich dann allerdings anschickt, die einzelnen Fazilitäten zu zählen, wird ihm nachgerade schwummerig: elf Toiletten, fünf Duschkabinen, vier Piss- und 17 Waschbecken (bei den Frauen, so ließ er sich später berichten, seien es sogar noch deutlich mehr Toiletten). Das ganze mal drei, wobei die anderen Häuser sogar noch etwas größer zu sein scheinen. Er ist sich nicht sicher, ob er schon jemals ein solches Angebot an Sanitärem gesehen hat, aber es lässt Rückschlüsse auf die Belegungszahlen in der Saison zu. Dann, so kann er sich vorstellen, regiert hier tatsächlich Campinganarchie und Platzkampfgerangel in Wildwestmanier.  

Wir richten uns aus und ein und nehmen unsere Mädel mit hinaus in die neue, noch fremde Welt. Armação de Pêra ist ein ehemaliges Fischerdorf mit heute knapp 5.000 Einwohnern. Vom Fischerdorf ist jedoch heute nichts mehr übrig. Der Ort ist inzwischen ein beliebter Badeort an der Algarveküste, der vor allem durch seine hässlichen Appartementblöcke und Hotelhochhäuser aus den 70er Jahren auffällt. Und solange man sich noch richtig sortiert und orientiert hat, führt einen der 1,5 km lange Weg zum Strand unweigerlich durch diese Beton- und Plattenbauwüste. Auch die Vierläufigen fragen mehr als einmal, ob das unser Ernst sei. Der geflissentliche Verfolger und die beflissene Verfolgerin dieser Doku kennen ja inzwischen unserer Fianna und ihre Ansprüche. Nähere Auskünfte können wir uns demnach sparen. Der Strand selbst ist schön und gut bevölkert, aber kein Erlebnis, das uns mehrere Tage hier festhalten müsste.  

Wenn da nicht die geplanten Kontakte wären. Der Camping-Shop ist am Wochenende geschlossen, also sollten wir mindestens bis Montag durchhalten. Und die Freundin Eva aus dem Alentejo hat sich für morgen angekündigt. Mit den Jahren im Womo lernt man, sich mit den Umständen zu arrangieren. Man kommt immer irgendwie klar, auch wenn es befriedigendere Alternativen gäbe.  

Für heute haben wir keine Lust zu kochen, also vertrauen wir auf das zum Platz gehörige Restaurant. Auf der Terrasse sitzt ein eingemummeltes Paar bei Bier und Wein, sonst niemand. Drinnen ist das halbe Restaurant abgesperrt, an einem Tisch hockt und liest ein Einzelgänger und an einem großen Tisch lärmen in gewohnter Weise drei holländische Paare. Um diese insgesamt neun Personen kümmert sich eine Bedienung, sowohl im Service als auch an der Theke mit Zapfen, Gläserwaschen etc. Nun treten wir mit der Nummer zehn und elf dazu und werden von der Bedienung an einen Tisch verwiesen. Dieses Szenario würde eine Wiesn-Bedienung in den Selbsttod aus Langeweile treiben, doch das schmale Wesen an der Theke ist überfordert, vor allem, weil sie nur zwei Speisekarten zur Verfügung hat und die Holländer diese seit unserem Eintreten wie Falschgeld in ihren Reihen herumreichen. Wir wissen nicht, ob der lesende Einzelgänger neben uns außer dem Gläschen Wein, das vor ihm steht, die Karte schon gesehen oder überhaupt angefordert hat, aber nach 20 Minuten wissen wir, dass wir lange genug gewartet haben, und gehen wieder.  

Natürlich haben wir die Wartezeit genutzt und uns mit jeder verstreichenden Minute intensiver mit Alternativen in der Nähe beschäftigt. In dieser Hinsicht ist der TripAdvisor Gold wert. Gleich gegenüber der Camping-Zufahrt, jenseits des großen Kreisverkehrs in einem jener hässlichen Gebäudekomplexen, wird ein kleines Restaurant sehr euphorisch besprochen. Es ist Marie & Oli's, und dorthin machen wir uns nun auf den Weg. Drei Minuten später sind wir da. Wenn es wärmer wäre, könnten wir im Freien sitzen, aber das bietet sich heute nicht an. Das Restaurant ist klein, macht aber einen sehr einladenden Eindruck. Wir sind nicht allein, bekommen aber von Marie einen netten Fensterplatz zugewiesen – und fühlen uns sofort sauwohl.  

Marie und Oli sind Deutsche, die 2020, mitten in der Corona-Depression, das Restaurant eröffneten und sich mit eisernem Willen und viel Qualität durchgebissen haben. Sogar die einheimische Konkurrenz zieht neidisch, aber respektvoll den Hut. Marie ist eine unaufdringliche und aufmerksame Gastgeberin, Oli wirbelt in der Küche. Und wenn er nicht kocht, widmet er sich den schönen Künsten, weshalb Wände und Gesimse mit Bildern und kleinen Plastiken von Oli bestückt sind.  

Die Karte ist überschaubar, bietet aber für jeden etwas, von konventionell bis vegan. Wir testen die Fischsuppe und sind schon nach dem ersten Löffel überzeugt: Oli kann nicht nur malen, vor allem ist er ein ausgezeichneter Koch. Zur Fischsuppe reicht Marie hausgemachtes Dinkel-Vollkornbrot, das wir auch zuhause – Verzeihung, ihr heimatliche Bäcker – nie besser bekommen haben. Das Brot kann man bei Marie bestellen und mitnehmen. Das nehmen wir uns unverzüglich auch vor.  

Der Hauptgang ist für den Herrn ein Kotelett-Ibérico mit Muscheln und für die Dame eine Mixed-Grill-Platte mit verschiedenen Beilagen. Zwei große Bier, eine Karaffe guter Hauswein begleiten das Mahl, für das wir 64 € bezahlen. Wir danken dem Herrn mit schwervergnügten Bäuchen für die offenbar von ihm verordnete Misswirtschaft im Camping-Restaurant, denn ohne sie hätten wir Olis Kunst und Maries Gastgeberschaft wohl nie kennengelernt. Für einen Nachtisch reichen jedenfalls unsere Kapazitäten nicht mehr, aber wir stellen in Aussicht, morgen sehr wahrscheinlich wiederzukehren, weil auf der Karte auch eine Cataplana lockt, die man vorbestellen muss. Wir vertagen die Bestellung auf morgen und tragen nach einer sehr innigen Verabschiedung unsere Kugelbäuche trotzig am Camping-Restaurant vorbei nach Hause.  

Um 21:15 Uhr nehmen wir unsere Mädels wieder in die Arme, die Wolken haben sich fast ganz verzogen, und wir freuen uns über 16 °C. Das verspricht für morgen einen schönen Tag.  

Armaҫão de Pêra
Olhão, Fischmarkt