Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Armaҫão de Pêra

Armaҫão de Pêra

Faschingssonntag 27.2.2022 

Freundin Eva musste ihren Besuch für heute stornieren; manchmal kommt es eben anders als man denkt. Wir sagen ihr dafür unseren Besuch in den nächsten Tagen zu. Nun bleibt als nur noch das Wiedersehen mit dem Camping-Shoppern, der aber nicht unbedingt unseren Aufenthalt notwendig gemacht hätte. ‚S isch, wie's isch...  

Doch nun genug der trüben Gedanken! Leute, strahlt und jubelt mit uns: Unsere, liebenswerte, liebesbedürftige, durchgeknallte, windflinke und einfach unvergleichliche Hedda feiert heute ihren 5. Geburtstag!  

Dieser Hund, der immer und überall im Weg liegt, den man treten kann, wohin man will und der sich dennoch keinen Millimeter bewegt, dieser Hund, der es allen Abwehrversuchen zum Trotz durchgesetzt hat, im Womo in Frauchens Bett zu schlummern und ihr die Füße zu wärmen, weswegen sie nur noch mit angewinkelten Beinen schläft und über einen bevorstehenden Kniescheibenvorfall und akuten Schlafmangel klagt, dieser Hund, der nur gute Laune hat, der ein nicht endender Sonnenschein ist und uns und einigen Leuten acht zauberhafte Sonnenstrahlen schenkte, dieser lustige Zwerg soll schon fünf Jahre alt sein? Wir reiben uns die Augen und wischen uns die Tränen, aber so rast sie dahin, die Zeit, die gnadenlose.  

Fürs erste muss es eine kleine Kuschelrunde morgens tun, den sie mit tausend Zungenküsschen erwidert, die kleine Schlange. Dann darf sie mit ihrer Mama und der von ihr Kniemalträtierten bei 13 °C ihren geburtstäglichen Morgenspaziergang erledigen, bei dem die Dogwalkerin einen weit schöneren Weg zum Strand als den durch den Ort findet.  

Während dieser pfadfinderischen Sonderleistung kümmert sich der Chronist ums Frühstück, dabei in erster Linie ums Backwerk, das man im Restaurant bekommt. Eine kleine Menschenschlange erwartet ihn vor dessen Eingang, warum wird schnell deutlich. Der Ablauf des Brötchenkaufs lässt nichts anderes zu und läuft an allen Tagen nach dem gleichen Schema ab.  

Ein Mensch betritt das Restaurant und wartet an der Theke auf Beachtung. Nach zwei bis fünf Minuten tritt aus irgendwelchen Hinterzimmern ein liebenswerter, schmächtiger Portugiese hervor und fragt nach dem Begehr, was beispielsweise zwei Semmeln und drei Croissants sein könnte. Daraufhin bittet der Bäckermeister um etwa zehn Minuten Geduld und begibt sich zu seinem Backautomaten und bestückt ihn mit zwei Semmeln und drei Croissants. Nun tritt der nächste Kunde vor, der nette Portugiese fragt nach dem Begehr, bekommt eine Antwort, bittet um ungefähr zehn Minuten Geduld, schiebt die gewünschte Anzahl von Gebäckstücken in den Automaten und so weiter... So wächst die Schlange unvermindert in die Länge, bis kein Kunde mehr wartet oder tot vor dem Restaurant liegt. Das Problem dieses Restaurants scheint nicht nur die zu geringe Zahl von Speisekarten zu sein, sondern ein totaler Organisations-Blackout. Ob der freundliche und schmächtige portugiesische Backautomatenbestücker es nicht besser weiß oder nicht anders darf, um nicht im Falle geringer Nachfrage Backwerk übrig zu haben, wollen wir nicht ergründen.  

Doch worüber beklagen wir uns denn? Singen wir nicht andauernd das Hohe Lied auf die Entschleunigung? Was kann einen Morgen an der Algarve mehr entschleunigen, als sich 20 Minuten auf sein Frühstücksbackwerk freuen zu dürfen? Wir bekommen was wir wünschen, tragen es nach Hause und frühstücken, ohne vorher ein Hungerödem entwickelt zu haben.  

Nach dem Frühstück mit durchaus schmackhaftem Backwerk geschieht lange nichts mehr. Erst um 12:45 Uhr schnallen wir uns die Wanderstiefel unter und machen uns auf den Weg zu Heddas Geburtstagsspaziergang. Wer die Reiseleiterin kennt, weiß dass sie mit solchen Geschenken nicht sparsam, eher verschwenderisch umgeht. Der Himmel umschmeichelt unser Geburtstagskind mit 18 °C und einem weiß-blauen Himmel, wie es sich gehört.  

Wenn man am Ausgang des Campingplatzes rechts geht und die schmale Straße nach Nordwest, findet man schnell den Zugang zu den weiten Sand- und Salzbrachen zwischen hier und den Stranddünen. Diese Strecke ist knappe zwei Kilometer, hat es aber in sich. Erstens gibt es hier nur wenige Wanderer, weshalb die Mädels sausen können, wie es ihnen beliebt. Zweitens führt uns der Weg, jedenfalls heute und im Frühling, durch scheinbar endlose Wälder von satt blühendem Besenginster. Der schwere Duft von Milliarden kleiner weißen Blüten macht uns richtig besoffen. Und wenn man den Ginster hinter sich lässt und die Düne hinaufsteigt, macht einen das Currykraut high.  

Und dann blicken wir hinunter auf den endlosen Strand, das weite Meer und atmen dessen Salz in unsere Lungen. Die Mädels baggern und spielen sich durch den feinen Sand auf unserem Weg nach Südwesten und können kaum ein Ende finden, nur Fianna erinnert uns dann schon irgendwann, dass jetzt genug Ball war und eventuell mal eine kleine Brotzeitpause einzulegen wäre. Die beiden sehen aus, dass man nur froh sein kann, noch einen längeren Heimweg vor sich zu haben.  

Nach fast vier Kilometern steigen wir wieder über die Dünen ins Hinterland und stoßen auf die Salzseen (Lagoas dos Salgados), in denen sich, wie in den südfranzösischen Etangs, Flamingos, Reiher und Kormorane tummeln. Ausgewiesene Freisteher können sich im Schulterschluss mit diesem Vogelparadies mitten in der prächtigsten Küstenlandschaft auf dem Parking Praia Grande Nascente oder etwas westlicher auf dem Campo da Liberdade einnisten. Einige Wohnmobile stehen hier zwischen den Ginstersträuchern halb vergraben, aber ob, wie lange und zu welcher Jahreszeit man hier stehen darf, haben wir nicht recherchiert. Das soll mal jeder selbst erledigen. Allerdings: Wenn wir diese Plätzchen vorher gekannt hätten, wären wir wahrscheinlich auch hier gestrandet.  

Einige Zeit halten wir uns bei den Flamingos auf, die aber für einen wirklich guten Schuss (Kamera!, ihr mordlüsternen Jäger) doch etwas weit weg sind. Dann geht es wieder zurück, wieder scheinbar endlos durch Salzmacchia und blühenden Besenginster. Nach über acht Kilometern sind wir um 15:30 Uhr zurück beim Franz. Fianna bekommt von ihrer Reisebegleiterin ein dickes Lob für ihre heldenhafte Ausdauer, was für eine Siebzigjährige tatsächlich eine nennenswerte Leistung ist. Dem siebzigjährigen Chauffeur und chronisch Kniebeschwerten wird ein solches Lob jedoch nicht zuteil. Sein Knie singt leise Lieder und er murmelt gottergeben das letzte Wort des Großen Häuptlings: Bury my heart at wounded knee. Ein Indianer kennt keinen Schmerz und stirbt still und einsam. 

Es dürfte niemanden überraschen, dass nun das große Nichtstun über den Bairischen Blues auf Reisen hereinbricht. Nur Hedda bekommt am frühen Abend ihren ziemlich mächtig ausgefallenen Geburtstagskuchen, den sie traditionell mit Fianna teilen muss, die mit diesem Tag ja auch irgendetwas zu tun hat, obwohl sie sich vermutlich kaum noch an das Wohl und Wehe dieses Tages vor fünf Jahren erinnert.  

Für uns gibt es Spaghetti Vongole. Die Vorbestellung der Cataplana bei Oli und Marie haben wir schlicht vergessen. Das holen wir morgen nach.  

Armaҫão de Pêra
Loulé / Armaҫão de Pêra