Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

Schriftgröße: +
10 Minuten Lesezeit (2000 Worte)

Sagres – Cabo São Vicente – Milfontes

Cabo São Vicente
Letzter Morgen im Touriscampo

Montag, 7.3.2022

Um 8 Uhr ist der Himmel wolkenlos und es hat 9 °C. Bis zu unserer Abfahrt kurz vor 11 Uhr bekommen wir 15 °C und Wind ohne Wolken.  

Kurz nach 11 Uhr hat der Franz schon wieder Pause. Wo? Bei Intermarché in Budens. Der Chronist denkt bereits über einen zweiten Blog nach, der nur unsere Einkaufsstopps dokumentiert. Das wäre sicher keine schlechte Idee. Es gäbe einiges zu protokollieren, beispielsweise wie geräumig oder eng der Markt ist, Angebotsbreite und -tiefe (Campari-Verfügbarkeit!), Parksituation, die für Wohnmobile wesentlich ist, vor allem hier im Süden, wo sehr viele Märkte nur zeltüberdachte Parkplätze wegen der Hitze anbieten, unter die man nicht passt und irgendwo draußen einen Hocker finden muss. Toiletten könnten auch ein Kriterium sein. Es gäbe genug Ansatzpunkte, die einer protokollarischen Betrachtung wert wären. Die Reiseleiterin nimmt das Vorhaben jedoch nicht weiter zur Kenntnis und signalisiert keine Bereitschaft zur Mitarbeit.  

Kurz vor 12 Uhr haben wir unsere Bedürfnisse befriedigt, fahren weiter und stehen schon 20 Minuten später wieder, diesmal auf dem Stellplatz unterhalb des Forts von Sagres [N 37° 00' 16,3'' W 008° 56' 42,5'']. Es ist wolkenlos bei 15 °C.  

Sagres ist eine kleine Gemeinde fast am äußersten Südwestzipfel des europäischen Festlands mit geschätzt 2.000 Einwohnern. Falls man kein Surfer ist, gibt es nur einen Grund hierher zu kommen: das Fort Fortaleza de Sagres. Es liegt etwas außerhalb von Sagres auf einer Landzunge von etwa 1.000 x 300 m. Wir machen uns mit den Niederwüchsigen auf den Weg, um die Besichtigung des Forts geschickt mit deren Spaziergang zu verbinden. 3 € zahlen wir pro Person für den Zutritt zum Gelände und stehen unmittelbar vor der wichtigsten und nebulösesten Sehenswürdigkeit des Forts, der Windrose. 1928 wurde ein Steinkreis freigelegt, dessen genaues Alter und Zweck unklar ist. Der Kreis ist 43 Meter im Durchmesser und in 42 Felder unterteilt. Das hat seither einige Verwirrung gestiftet, weil Windrosen nicht in 42 Felder, sondern 32 unterteilt sind. Deshalb vermuten manche, dass es sich auch um eine Sonnenuhr handeln könne. Einig ist man sich nur darin, dass der Kreis aus der Zeit Heinrichs des Seefahrers (1394 – 1460) stammt. Und das ist schon Grund genug, ihm staunend zu huldigen.  

Darüber hinaus bietet das Gelände: trutziges Mauerwerk, eine hübsche Kapelle und viel Meer rundum. Fianna zeigt wenig Interesse am Steinkreis, Hedda pflichtet ihr bei. Das Ablaufen des Mauerwerks rund um das Festungsgelände absolviert Hedda mit der ihr eigenen unkaputtbaren Wurstigkeit, Fianna hängt dagegen von Meter zu Meter zunehmend wie ein Bremsfallschirm an der langen Leine (die hier verpflichtend ist), wird von Schritt zu Schritt schwerer, missgelaunter und signalisiert einen kurz bevorstehenden Shutdown aller ihrer lebenserhaltenden Systeme. An der Hand ihres Verständnisbeauftragten und den Leckerli in seinen Fingern lockert sich ihr Gang etwas, bleibt jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. An normalen Tagen würden wir das ihrer Unlust an sonnigen Leinenspaziergängen zuschreiben, aber nach ihrem zweimaligen Erbrechen gestern Nacht, können wir das nicht entspannt sehen, im Gegenteil. Sie bleibt unter Beobachtung.  

Um 13:50 Uhr haben sie und wir es hinter uns und fahren weiter. Auch ohne Fiannas schlechter Laune verspüren wir keinen Drang, uns Sagres selbst anzusehen, das, wie angedeutet, eine Surfer-Hochburg ist und sonst nicht viel bietet, was uns zu einem längeren Verweilen einladen könnte. Denn was macht ein Surfer? Er surft. Und was macht ein Surfer, wenn er nicht surft? Er säuft, nun gut..., jedenfalls braucht er einschlägige Niederlassungen, um sich unter Zuführung geistiger Getränke mit seines-/ihresgleichen über ihre Leidenschaft auszutauschen. Kurz: Es gibt hier reichlich Kneipen und Bars, die sicher auch einigen Charme verströmen, aber danach steht uns der Sinn heute Mittag nicht. Wir wissen nicht, ob sich die Mehrzahl der Surfer derzeit in den Lokalen aufhält, beim Surfen findet man kaum welche. Und die wenigen, die aktiv sind, liegen drunten, in einer Bucht, wie jene Sportler bei Lagos, träge auf ihren Brettern und hoffen, dass Poseidon einmal durchatmet.  

Aber was heißt: Wir fahren weiter? Wir kurven eben mal um die Ecke zum Cabo São Vicente, wo wir um 14:05 Uhr ankommen. Hier stehen wir nun tatsächlich am äußersten Südwestzipfel des europäischen Festlands [N 37° 01' 26,2'' W 008° 59' 39,2'']. Draußen auf der Klippe thront ein ansehnlicher Leuchtturm, zu dessen Gelände man keinen Zutritt hat und unter uns schwappt erwartungsgemäß der weite Atlantik, soweit das Auge reicht. Man könnte jetzt die Augen schließen und Seefahrerromantik an sich vorüberziehen lassen, an Ihrer Majestät geadelten Seeräuber Sir Francis Drake denken, der die Kassen seiner klammen Queen auf seine Weise füllte und dafür gleich hier um die Ecke einmal alles kurz und klein schlug, man könnte auch an martialische Walfangszenarien denken oder lustige Delphinspiele, nur: Das Meer liegt so lustlos herum, dass einem solche Gedanken nicht kommen, sondern jegliche maritime Phantasie auf der Strecke bleibt.  

So gesehen könnten wir schon nach fünf Minuten wieder weg sein, aber zwischen dem Leuchtturm und dem Franz steht ein Imbisswagen, der Fish & Chips anbietet. Es fällt uns schwer, dazu nein zu sagen. Also holen wir uns zwei Portionen in den Franz und verspeisen sie mit der angemessenen Andacht; für jede Portion bezahlen wir 8 €. Und während der Chronist seinen Fisch zergabelt, überkommt ihn plötzlich das Gefühl, sich kürzlich einer Nachlässigkeit schuldig gemacht zu haben, indem er unseren geneigten Verfolgern den Preis der denkwürdigen Portion Fish & Chips in Gibraltar unterschlug. Das soll hier und jetzt unverzüglich nachgeholt werden: 16 £ für eine Portion. Damit wäre auch das geklärt.  

Um 14:45 Uhr geht es dann tatsächlich weiter. Wir rollen im Hinterland der Küste entlang nach Norden. Es ist eine Fahrt in eine etwas andere Welt als die der Algarve, es ist die sprödere Welt des Alentejo. Linkerhand erheben sich unvermittelt mächtige Sanddünen, wie wir sie zuletzt in Dänemark erlebten, und zu ihren Füßen grasen Kuhherden mit Glocken, die in uns heimatliche Gefühle auslösen. Es ist ein karger Landstrich, liefert aber dem Reisenden wieder Störche; überall auf den Telegrafen- und Strommasten sind sie jetzt wieder anzutreffen, teilweise mehrstöckig übereinander logierend, und viele bereits mit dem Brutgeschäft ausgelastet.  

Das Wort Alentejo steht für „jenseits des Tejo" und steht für einen Landstrich, der rund 33 % Portugals bedeckt, aber mit nur etwa 7,6 % der Einwohner die am dünnsten besiedelte Region ist. „Jenseits des Tejo" lässt ahnen, was die bessere Gesellschaft diesseits des Tejo, also die in Lissabon oder Porto von den Trans-Tejanern hielten: nicht viel. Das Land war und ist karg und macht es den Bewohnern nicht leicht. Und Wasserknappheit hat den Alentejo allezeit geplagt. Der Alentejo war immer das Armenhaus Europas, nicht nur Portugals, weshalb schon früh viele Menschen ihr Glück anderswo suchten. Die portugiesischen Gastarbeiter in Deutschland kamen überwiegend aus dem Alentejo. Sie wurden durch billige Arbeitskräfte aus Asien ersetzt, und asiatische Arbeiter sind noch heute überall anzutreffen, wo man für harte Arbeit kargen Lohn bekommt. Diese Arbeitsbedingungen im Alentejo waren geradezu „legendär" und „die Bauern des Alentejo" mussten lange Zeit als Synonym für bittere und hoffnungslose Armut herhalten.  

Nach der „Nelkenrevolution" am 25. April 1974, die das faschistische Salazar-Regime nahezu unblutig abräumte, änderte sich daran auch nichts, außer dass viele links orientierte Europäer glaubten, sie könnten einen sinnvollen Beitrag zur Beseitigung der Not leisten, indem sie in den Bauern im Alentejo unentgeltlich zur Hand gingen; Urlaubseinsatz im Alentejo war en vogue. Solidarität mit den Brüdern und Genossen im Alentejo war ein Gebot der Stunde.  

Der Chronist war nie zum solidarischen Arbeitsdienst im Alentejo, aber es erinnert sich an ein Ereignis, das ihn bis zum heutigen Tag prägt. Kurz nach seiner Ausbürgerung aus der DDR gab Wolf Biermann, nicht nur DDR-Kritiker aus Überzeugung, sondern auch Sozialist von ganzem Herzen, ein Konzert in München. Der Chronist war dabei. Wolf Biermann fühlte sich nur mit seiner Gitarre auf dem Spielfeld der Rudi-Sedlmayr-Halle unwohl und rief seine Zuhörer von den Rängen zu sich in die Arena, und die ganze Halle scharte sich um ihn, nein, nicht wie um einen Guru, sondern wie um einen, dem man nahe sein wollte, um ihn verstehen zu können. Und dann, nachdem er ein paar launige Worte gesprochen und ein wenig auf seinen Saiten herumgeklimpert hatte, blickte er in die Runde und raunte: „Genossen", es war noch die Zeit, in der man das generische Maskulinum benutzen durfte, ohne sofort aus der Halle gejagt zu werden, „Genossen", raunte er, „es bringt uns nicht voran, wenn ihr die Bauern im Alentejo liebt und eure Männer und Frauen vernachlässigt!" Das saß. Diesen Satz hat der Chronist nie vergessen, und wenn er sich an das betretene Schweigen erinnert, dann dürfte er vielen anderen gleichermaßen unter die Haut gefahren sein.  

Wir rollen den Alentejo von Süden nach Norden auf und finden die Aussage, dass er ein sehr dünn besiedelter Landstrich sei, betätigt. Kürzlich erwähnten wir noch, dass Portugal ein schön besiedeltes, aber auch sehr zersiedeltes Land sei, auf dem kaum ein Flecken nicht zugebaut ist. Das gilt für die Algarve, für den Alentejo gilt das nicht.  

Kurz vor 17 Uhr erreichen wir unser heutiges Ziel: Camping Orbitur Sitava in Vila Nova de Milfontes [N 37° 46' 48,0'' W 008° 47' 00,9'']. Es hat 14 °C und es ist bewölkt. 145 km sind wir gefahren. Als wir an der Rezeption stehen, haben wir eine Art Deja-vu-Erlebnis: So einen Campingplatz haben wir zuletzt vor vielen Jahren in Polen erlebt. Die Pinien, Eichen und Eukalypten sind hier völlig von Kiefern verdrängt, der Boden ist sandig und lässt bei Regen nichts Gutes ahnen. Von der Rezeption bis zum eigentlichen Campingplatz geht es fast einen Kilometer durch diesen Kiefernwald, bis wir ganz am anderen Ende, dort wo der Hinterausgang zum Strand ist, eine Parzelle belegen. Beim Manöver auf den Ausgleichsblock gräbt sich Franzens' linkes Vorderbein schon mal ein bisschen in den Sandboden und löst beim Chauffeur einen kleinen Alarm aus: Herr, lass es nicht regnen. Strom bekommt man nur, indem man per Telefon an der Rezeption seine Platznummer übermittelt, worauf ein Helferlein den Kilometer angefahren kommt, den Stromkasten öffnet und wieder davonrollt.  

Ein Blick in die Runde macht klar: Wir sind fast allein auf diesem riesigen Platz: ein Pole, ein Holländer, zwei Portugiesen, ein Pforzheimer und wir. Außerdem gibt es noch einige eingewachsene Zeltler, die schon rundum Grünspan angesetzt haben, aber auch davon nicht viele, dazu wenige besetzte Mobile Homes, sonst nichts, und das alles auf einem riesigen Areal. Dass es zu anderen Zeiten anders zugeht, lassen die großen Sanitäranlagen ahnen, die übrigens einen in Portugal unüblichen Charme versprühen: Es gibt mehr Hockklos als Standard-Kloschüsseln – Orbitur ist eben eine französische Kette; ein bisschen Kulturexport muss da schon sein. Orbitur Sitava läuft auf Sparflamme, uns soll es recht sein.  

Wir lassen uns auf Kaffee und Kuchen nieder, die Mädels bekommen heute Huhn und Hühnerklein mit Reis und Karotten, auch, damit sich Fiannas Magen wieder einrenkt. Die beiden hauen das Zeug rein, als ob es kein Morgen gäbe, auch Fianna zeigt besten Appetit und keinerlei Widerwillen; mal sehen, ob alles drinbleibt.  


Vila Nova de Milfontes
Espiche (Lagos)