Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Vila Nova de Milfontes

Am Strand von Milfontes

Dienstag, 8.3.2022

Der Herr hat das flehentliche Gebet des Chauffeurs überhört oder er spottet seiner; er lässt es fast die ganze Nacht teils kräftig regnen.  

Der Campingplatz läuft auf Sparflamme, haben wir gestern festgestellt, was leider bedeutet, dass Restaurant, Bar und Mini-Mercado geschlossen haben und uns kein Frühstück verkaufen. Und wir sind totally out of bread. Ein solcher Mangelzustand löst bei vielen Zeitgenossen Halluzinationen aus und lässt vor ihren Augen Fata Morganas von Schweinebraten oder Currywurst am Horizont entstehen. Und tatsächlich denkt man bei solchen Gelegenheiten schon mal darüber nach, was einem in der Fremde fehlt oder ob einem überhaupt etwas fehlt. Wir stellen fest, dass uns nichts fehlt, kein Leberkäs, kein Schweinernes, kein Fleischpflanzl (Frikadelle, Bulette), nur eine Kleinigkeit hätten wir gerne mal wieder: eine schöne, resche bayerische Brezn! Brezen haben wir zwar im Backshop von LIDL gesehen, aber die kaufen wir zuhause nicht und in der Ferne schon zweimal nicht. Aber es sollte schon eine bayerische sein, keine schwäbische, so eine, die hinten dürr ist wie ein hundertjähriger Kiefernzweig und vorn das Maul aufsperrt wie ein Kühlergrill von Mercedes (die schwäbische Beifahrerin ballt schon ein Fäustchen). Wisst ihr warum die schwäbischen Brezeln hinten so dünn und vorne so geschwollen sind? Damit man Butter sparen kann! Falls man sich nämlich eine Butterbrezel schmieren möchte, kann man die nur auf der aufgedunsenen Vorderseite aufschneiden, weil das dürre Hinterteil sofort in tausend Brösel zerfällt. Somit muss man nur vorne buttern und spart sogar beim Genießen. Schwäbisch eben. Aber so eine rundum harmonische bayerische Brezn, die wie nichts anderes den ausgeglichenen Charakter der Bayern symbolisiert, ist rundum spalt- und somit bebutterbar. Das ist Lebensart. Und so etwas fehlt schon ein bisschen (da muss auch die Schwäbin zähneknirschend zustimmen).  

Aber, Freunde und Verfolger, es ist ein Segen, wenn man Freunde hat, die mitdenken, schwäbische zwar, was ja nicht grundsätzlich abzulehnen ist, Freunde, die einem als Proviant für die große Reise eine Backmischung für schwäbische Laugenbrezeln schenken. Wir haben solche Freunde und somit eine Backmischung... Und wenn man kein Brot mehr hat und die Campingfazilitäten geschlossen sind, erinnert man sich an die schwäbische Laugenbrezelbackmischung im Lager. Die kommt heute Morgen aus dem Lager in die Küche. Eine Backmischung findet man in der Packung vor, Brezensalz, ein Fläschchen Lauge und sogar Gummihandschuhe fürs risikofreie Hantieren mit der Lauge. Acht bis zehn solcher Leckerbäckereien kann man aus der Mischung zaubern, also nimmt sich die Haushälterin nur die Hälfte der Mischung vor und macht sich an den Teig, aber nach dessen ausreichender Verknetung kommt es zur Systemfrage: Brezeln oder Laugensemmeln (die bei den Schwaben Weckle heißen)? Da wir keinen Backofen im Franz installiert haben, beantwortet sich die Frage von selbst. Backwaren werden bei uns im Omnia hergestellt, und in dem ist nicht genug Raum für Brezen, nicht mal für dürre schwäbische. Also läuft die Entscheidung zwangsläufig auf Semmeln (Weckle) hinaus. Die werden geformt und müssen nun gehen, was die Dogwalkerin nutzt, um das gleiche mit ihren Hunden zu tun. Nach der vorgeschriebenen Gehzeit von Teig und Hund werden die Weckle gelaugt, kreuzweise geschlitzt und gesalzen. Und dann kriegen sie Gas. Das Ergebnis ist zwiespältig. Einerseits schmecken sie wirklich gut, aber mangels Laugenbackwerkserfahrung im Omnia sind sie zu kurz gegangen und zu kurz gebacken. Deswegen sind sie ein bisschen blass und inwendig verhockt. Aber sie schmecken, und wir haben was für den Morgenappetit.  

Auch Fianna ist wieder die Alte, jederzeit zur Stelle, aufmerksam die Tafelrunde beobachtend, selbst vor schwäbischem Backwerk nicht zurückschreckend, ist sie allgegenwärtig wie ein Butler, nur dass sie uns nicht bedienen will, sondern selbst bedient werden möchte. Wir sind erleichtert und wetten, dass sie beim anstehenden Strandspaziergang kein Bremsfallschirm mehr sein, sondern locker wie Muhammad Ali vor uns hertänzeln und schweben wird.  

Nachdem unser schwäbisches Wecklefrühstück zwangsläufig erst gegen Mittag beendet ist, starten wir auch erst um halb eins zum Strand. Von dem Hinterausgang, wo wir stehen, sind es etwa 600 Meter über eine breite Schotterstraße zu einem Strand, der uns schon im Anlauf überwältigt. Endlich wieder ein Strand, der seinen Namen verdient, nicht nur weil er breit ist und viel weißen Sand bietet, sondern weil er Wellen hat, richtige Wellen, nicht so ein Geplätscher und Geplimper, wie wir es die vergangenen Tage erleben mussten. Statt ‚Rule, Britannia, rule' gilt hier ‚Roll, Atlantik, roll'. Mannshohe Wellen donnern an den Strand von Milfontes, unentwegt, nimmermüde und tosend. Schon der erste Blick über die Klippen hinab ist eine Offenbarung. Minutenlang stehen wir und blicken von links nach rechts und zurück von Nord nach Süd.  

Ein silberner Gischtschleier liegt im Süden über dem Land, dort, wo man gegen die Sonne blickt. Und der Blick nach Norden, der Chronist, stutzt, legt die Hand schirmend über die Augen: Dort ist Lissabon, man kann von hier bis Lissabon blicken. Schemenhaft nur liegt die weiße Stadt dort drüben, aber die Frachter und Tanker im Dunst, lassen keinen anderen Schluss zu.  

Findet Hedda

Wir stehen noch immer überwältigt oben auf der Düne, am Einstieg in die riesige Treppe, die hinunterführt – da ist Hedda schon ganz unten am Strand. Winzig und schmächtig blickt sie zu uns hoch, um uns endlich nach unten zu locken: Was vertrödelt ihr da oben kostbare Zeit? Fianna ist uns nur einen Treppenabsatz vorangegangen; sie hat keine Eile, weiß, dass sie noch nie zu kurz gekommen ist.  

Ein weiterer Blick über den Strand, noch bevor wir hinuntersteigen, macht den Chronisten fassungslos: Wo sind denn nun die Surfer? Kein einziger, soweit das Auge reicht. Zugegeben, an diesem Teil des Strands ragen mächtige Felsen aus der Gischt, Basaltbrocken, wie man sie auch aus der Bretagne kennt, Zeugen der Entstehungsgeschichte, aber weiter im Norden ist der Strand felsenfrei. Warum surft hier niemand? Warum liegen die alle in Luz und Sagres in der Badewanne und sonnen sich im Neopren? Wir sehen ja ein, dass nicht jeder Freizeitsurfer ein Björn Dunkerbeck ist, schon klar, aber gibt es denn weit und breit keinen Brettlakrobaten, der es mit diesen Wellen aufnehmen will?  

Wir stapfen den Strand entlang nach Norden, nur wenige Menschen begegnen uns. Fianna und Hedda sind im Paradies, Fianna schon gleich, nachdem sie am Fuß der Treppe angekommen ist, weil sie als erste von uns allen die tote Möwe im Sand entdeckte und sich in ihr wälzt wie die Sau im Sumpf. Auf unseren Doppelschrei lässt sie sich zwar sofort abrufen, aber diesen Triumph nimmt ihr keiner mehr. Sie schwebt, die Ohren fliegen, die Augen stahlen Schalk. Hedda ist das schnurz, sie hat nur ihren Ball im Sinn, der idealerweise häufiger fliegen sollte als ein Perpendikel in einer Minute schwingen kann. Was haben die beiden Spaß! Und auch wir sind wieder dort, wo uns der Große Seebär offenbar verortet hat: am tosenden Meer, am Strand, zwischen Felsen und Klippen. Wir steigen über Granitbrocken und Schieferspitzen, über Basaltkegel und Sandwehen. Wir lassen uns die Beine bis zu den Waden einsalzen und die Haare vom Wind zu Dreadlocks dröseln. Auf einen solchen Tag haben wir lange hingelebt und sind lange dafür gefahren.  

Auf dem Rückweg findet die hauseigene Lichtbildnerin, dass hier eine nicht zu übertreffende Gelegenheit wäre, einmal ein Bild von uns allen mit Selbstauslöser zu machen. Die Idee ist brillant. Aber sie hat mindestens zwei Haken: Die Lichtbildnerin hat so etwas noch nie gemacht und wir haben kein Stativ dabei. Ach was: Komplexe Aufgaben erfordern eine Problemlöserin ohne Komplexe. Und so schreitet sie zur Umsetzung ihres Vorhabens.  

Erster Schritt: Suche eines geeigneten Felsens, auf dem man die Kamera absturz- und verwackelsicher positionieren kann. Als der etwa kniehohe Basaltbrocken gefunden ist, beginnt das Ausbalancieren der Kamera auf diesem und gleichzeitig die richtige Positionierung der Testgruppe „Mann mit zwei Hunden". Die ideale Entfernung muss gefunden werden, was nicht ganz trivial ist, weil die Fotografin noch immer die lange 70-200er-Linse aufgesetzt hat und keinesfalls vor dem Problem in die Knie gehen will, bestenfalls vor dem Basaltbrocken mit der Kamera.  

Während dieser equilibristischen Feinjustierung am Fels, stellt sich das Chronistenmotiv in der gewünschten Entfernung in Position und ruft seine Co-Motive. Das kleinere von beiden folgt seinem Ruf unverzüglich und setzt sich auf seine Bitte wie ein Gardesoldat an seine rechte Seite und strahlt ihn an. Das zweite Co-Motiv, nach Möwe duftend, folgt seinem Ruf schwergliedrig, mit Tendenz nach Rückversicherung bei der Fotografin. Erst nach mehrmaliger Versicherung, dass das Ansinnen auch in ihrem Sinne sei, trottet die schwarze Senhora zum Motivplatz – und blickt ihrem Herren, mit dem Rücken zur Kamera, in die Augen. Die Korrektur dieser Familienaufstellung zieht sich so lange, bis sich die zunehmend begeisterungsfreie Senhora gänzlich undamenhaft in den Sand fläzt und vermutlich das gleiche denkt, was sich auch ihr Herr denkt.  

Aber um die Relevanz der richtigen Entfernung einzuschätzen, tut es fürs erste auch diese Motivzusammenstellung. Die Fotografin justiert derweil unermüdlich die lange Linse auf dem Basaltbrocken, die aber kein Stillhalteabkommen akzeptieren will. Der Versuch, der Fotografin ein kürzeres Objektiv schmackhaft zu machen, scheitert erwartungsgemäß. Doch wider allen Erwartens ruht die Kamera dann doch auf dem Fels und in sich, als hätte sie sich festgesaugt. Jetzt kommt es darauf an. Üblicherweise wählt man eine Auslösezeit von zehn Sekunden, die Zeit also, die die Fotografin hat, um vom Drücken des Auslösers zum Motivplatz zu eilen, Haltung einzunehmen und ein strahlendes Lachen aufzusetzen. Die zu überbrückende Wegstrecke ist proportional zur Brennweite, was heißen soll, dass die Fotografin nun einen deutlich kürzeren Weg zurücklegen könnte, wenn sie eine kürzere Brennweite gewählt hätte. Hat sie aber nicht. Aber laufen muss ja sie.  

Nun gilt es, auch die fläzende Alterspräsidentin in eine vertretbare Sitzposition mit Blick zur Kamera zu bewegen, was sogar gelingt, weil sie inzwischen ausgeruht ist und beginnt, an den Vorgängen um sie herum Interesse zu zeigen. Die Fotografin fragt: alles ok? Auf das bestätigende Nicken drückt sie den Auslöser und stürmt zum Motivplatz. Währenddessen blinkt die Kamera Rotlicht: blink-blink-blink und die letzten drei Sekunden blinkt sie dann: blinkblinkblink, was Hedda in Verzweiflung stürzt, weil die Maschine schon oft auf sie gerichtet war, aber noch nie roten Alarm blinkte. Um die Maschine vor der Selbstzerstörung zu retten, stürzt das tapfere Mädel zur Kamera, die Fotografin hinterher, ebenfalls, um sie vor dem Absturz zu retten, was ebenfalls gelingt und zu einer Neuaufstellung führt. Der geschnappte Schuss zeigt eine fette und unscharfe Hundenase.  

Nächster Versuch. Die Kamera liegt weiterhin fest auf ihrem Fels, die Gruppe steht, die Fotografin rast herbei, während die Kamera blink-blink-blink morst. Sie stürzt sich auf ihre Position, die Kamera macht blinkblinkblink, diesmal ist die Fotografinnenhand am Halsband der Kameralebensretterin, die schon wieder zuckt – und dann macht es (unhörbar) klick. Ein erster Qualitätscheck der Aufnahme offenbart: Gar nicht so schlecht! Geraderichten erledigt Photoshop. Der Nachhauseweg sieht eine strahlende Fotografin und drei korrekt belichtete Follower.  

Um 14:30 Uhr sind wir wieder auf dem Campground und erholen uns von den Gezeiten und der Selbsauslösungssession bei Kaffee und Kuchen. Es hat 16°C, ist wolkenlos, aber selbst unter unseren Kiefern etwas windig.  

Zum Sonnenuntergang marschiert die Sonnenanbeterin wieder die 600 Meter hinunter zu den Dünen, während der Chronist Thunfischsteaks für den Grill vorbereitet und Kartöffelchen röstelt. Der Sonnenuntergang ist ein unerwarteter Erfolg, weil sich die Sonne kurz vor dem Ertrinken nochmal schnell zwischen den Wolken zeigt, aber der Thunfisch misslingt heute. Es ist vielleicht ähnlich wie mit den schwäbischen Weckle heute Morgen: zu wenig Hitze, dann hilft auch längeres Brutzeln nichts. Die Weckle waren, mit Abstrichen an die übliche Qualitätsanforderung, gut genießbar, der Thunfisch, jedenfalls in der Version des Grillmeisters, nicht.  

Dieser Misserfolg entmutigt uns nicht, im Gegenteil, die Wecklemeisterin beschließt, noch heute Abend die zweite Charge schwäbischer Laugenweckle auf den Weg zu bringen, um ihnen genügend Zeit zum Gehen zu geben. Nachts knetet sie noch und lässt sie dann die ganze Nacht gehen. Hoffentlich laufen sie uns nicht weg...  

Ab 22:30 Uhr regnet es wieder. Es hat 12 °C, aber das ist es nicht, was dem Chauffeur den Schlaf raubt. Muss er morgen erstmals seine Profisandbleche zum Einsatz bringen?  

Zum Schluss des Tages noch ein Tipp für alle, die sich für diesen Strand interessieren (und das sollten möglichst viele tun): Am Ende der Schotterstraße ist ein großer Sandparkplatz, auf dem Wohnmobile stehen. Wer also auf den Campingplatz verzichten möchte, sollte es hier versuchen. Wir haben nachgesehen und kein Campingverbot gesichtet, also wird man da wohl stehen dürfen, jedenfalls für die üblichen 48 Stunden. Wie das während der Saison geregelt ist, muss jeder selbst recherchieren.

Colos / Aldeia das Amoreiras
Sagres – Cabo São Vicente – Milfontes