Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

Schriftgröße: +
7 Minuten Lesezeit (1349 Worte)

Beja / Markádia

Beja

Donnerstag, 10.3.2022

Um 9 Uhr hat es 12 °C und es ist wolkenlos. 

Nur der Himmel über dem Franz bezieht sich zunehmend. Schon gestern hat der Chronist fast so häufig in die Tasche nach dem Schnupftuch gegriffen wie nach dem Glas: Ein Schnupfen näherte sich ihm unwiderstehlich und hat ihn heute Morgen erreicht. Möglicherweise sind das die Folgen des letzten, windigen Spaziergangs in Turiscampo, und der Schnupfen hat sich nur ein wenig verlaufen, bis er sein Opfer endlich hier aufspürte. 

Doch nicht genug damit. Hedda will aufstehen, um sich für den Morgenspaziergang anzumelden, da quietscht sie markig auf – und bewegt sich nur noch wie ein greises Weib. Sie, die den Blick nicht von unseren Augen lassen kann, geht gesenkten Hauptes oder hält es bestenfalls waagerecht. Irgendetwas hat sie sich verrissen, verzogen, verrenkt. Sie ist in einer Verfassung, die wir nicht von ihr kennen. Beim Morgenspaziergang hängt sie lustlos wie Fianna beim Fort-Rundgang in Sagres hinterher und verweigerte jegliche Geschäftsabwicklung, kein Pee und kein Poo.  

Wir frühstücken mit Eva und stellen ihr auch das leidende Elend im Franz vor. Eva runzelt die Stirn bedenklich, hat aber auf Anhieb keine Lösung für die verklemmte Verspannung. Wo immer man das Mädel anfasst, zerrt oder dehnt, sie pfeift und klagt nicht, kann sich aber kaum bewegen. In solchen Fällen ist das erste Mittel Rimadyl, das ihre Schmerzen betäuben soll. Alles weitere muss man abwarten.  

Um 12:15 Uhr verlassen wir Eva bei wolkigen 19 °C. Wir fahren nach Beja, wo wir uns um 13:30 Uhr auf den großen Parkplatz am Freibad stellen [N 38° 01' 19,8'' W 007° 52' 28,6'']. Das Wichtigste ist, Hedda rauszulassen und zu sehen, ob sie nun bereit und willens wäre, wenigstens ein Wässerchen zu trüben. Nein, Hedda klagt leise und lehnt es ab, sich mit ihrer Blase zu beschäftigen, solang ihr wesentlichere Teile Leid verursachen.  

Also machen wir uns unverrichteter Dinge zur Stadtbesichtigung auf. Beja ist ein netter Ort, der eine hübsche und attraktive historische Altstadt, aber sonst nichts Überwältigendes hat. Die Burg mit dem Turm (Torre de Menagem) ist optischer Mittelpunkt, zu dem alle Wege führen. Aber wir besteigen ihn nicht, erstens weil er gerade wegen Siesta geschlossen ist und zweitens, weil wir schon von unten ahnen, dass der „großartige Blick in die Weite des Alentejo", den uns ein Reiseführer verspricht, nur dann großartig ist, wenn es gelänge, den im Vordergrund liegenden, wenig großartigen Blick auf die Randbezirke Bejas zu unterdrücken.  

Besonders hübsch sind jedoch die typischen Häuser des Alentejo, deren Fenster, Türen, Haussockel und Dachfriese blau, gelb, orange oder ocker eingefasst sind, einfach ein 20 - 50 Zentimeter breiter Rahmen drumherum und das ganze Haus strahlt Freude aus. Ein Höhepunkt dieser Stilisierung stellen Kirchen dar, deren Turm komplett eingefasst ist, meist in einem knalligen Bayerischblau, als ob sie Himmelstore signalisieren wollten. Fehlt eigentlich nur noch ein wenig Blattgold und man könnte sich vorstellen, dass im nächsten Augenblick Petrus hervortritt.  

Als wir unseren Rundgang beendet haben, der natürlich nicht unbelastet vonstattengehen konnte, starten wir einen weiteren Versuch, Hedda zum Pinkeln zu überreden, was sie dann tatsächlich erledigt. Aber es geht ihr weiterhin mies. Wir geben ihr nochmal Rimadyl, weil die erste Gabe offenbar nicht angeschlagen hat, was sehr ungewöhnlich ist, weil das Medikament eigentlich immer schnell den Schmerz nimmt.  

Um 14:40 Uhr verlassen wir Beja und drehen schon drei Kilometer später auf dem LIDL-Parkplatz bei. Um 15:30 Uhr sind unsere Bestände wieder aufgefüllt, vor allem wartet hier auch seit langer Zeit wieder ein Bauern mit Orangen am Straßenrand, von dem wir uns einen dicken Sack holen. Und schon geht es weiter.  

Um 16:15 Uhr melden wir uns am Camping Markádia an [N 38° 11' 01,9'' W 008° 06' 13,5'']. Unser Tagesetmal betrug heute 123 km. Bei Markádia handelt es sich um einen sehr großen Natur-Campingplatz, der sich um die Buchten des Odivelas-Stausees schmiegt. Hier ist nichts parzelliert, man sucht sich eine freie Fläche zwischen oder unter den Eichen oder, wenn möglich, direkt über dem Ufer des Sees. Dabei, so wünschen es sich jedenfalls die Betreiber, sollte unbedingt ein Mindestabstand von zehn Metern zwischen den Besuchern eingehalten werden, auch sollte man lästigen Lärm vermeiden und besser der Stimme der Natur lauschen. Das kommt uns sehr entgegen, weil wir in der jüngsten Vergangenheit überwiegend den Klängen holländischer Nachbarn lauschen mussten, da kann ein bisschen Natur nur guttun. Kurz: Markádia ist ein ökologisch und naturverbunden ausgelegter Campingplatz. Bei unserer Ankunft liefert uns die Natur 19 °C und einen weiß-blauen Himmel. 

Wir sind zufrieden mit der Natur, wenn da nicht Heddas aus den Fugen geratene Natur und der ausgewachsene Schnupfen des Chauffeurs wären.  

Auch die Reiseleiterin ist mit den Umständen hier sehr einverstanden, nur nicht mit der Position, die der Chauffeur, immer die zehn Meter Abstand nach allen Seiten im Sinn, gewählt hat. Wo man hinblickt, nichts als Natur, Bäume und rundum Wasser. Doch: Das Wasser müsste näher sein, man sollte mit dem Einzug sofort einen Umzug ins Auge fassen, regt die Reiseleiterin an. Schließlich bleiben wir trotzdem, wo wir sind, nicht aus Überzeugung, sondern weil die Unbeglückte bei infrage kommenden Flächen die zehn-Meter-Regel als nicht umsetzbar erkennt, und der einzige Fleck, der damit korrespondiert, von der nächsten Stromquelle nicht einmal mit unserem 50-Meter-Kabel erreichbar wäre. Wir richten uns ein und der Chauffeur weiß, dass das Thema nicht durch ist, man kennt sich lange genug, und er bereitet den Franz schon mal darauf vor, dass er es sich nicht allzu bequem machen sollte.  

Es könnte, unter den geschilderten Umständen, wirklich ein entspannter Tag in der herrlichen Natur des Alentejo sein, wenn es nicht Hedda anhaltend schlecht ginge und sie sich kaum bewegen mag, und wenn sie es dennoch tut, klagen würde. Wir geben ihr noch einmal Rimadyl und später, weil das einfach nicht wirken will, Novalgin.  

Abends stehen wieder einmal Spaghetti Vongole auf dem Speiseplan, weil es schnell geht, schmeckt und wir unter den gegebenen Schnupfen- und Leidensbedingungen keine Begeisterung für Kochakrobatik aufbringen können.  

Bevor der Chronist Hedda nachts zum Nachtgang überreden kann, greift er sie noch einmal von vorn bis hinten ab, zieht hier, dehnt da und dreht dort ein bisschen. Wenn man ihren Hals etwas überstreckt, pfeift sie, es scheint tatsächlich die HWS zu sein. Aber sie muss raus, das hilft nichts; sie hat auch den ganzen Tag ihr großes Geschäft verdrückt; das kann sie, das macht uns keine Sorgen, aber pinkeln sollte sie schon noch. Dann auf der kleinen Pinkelrunde vermittelt Hedda den Eindruck, dass sie unter idealen Bedingungen eventuell doch noch ein kleines Häufchen produzieren könnte. Aber sie vermittelt diesen Eindruck eben nur, mehr Druck kommt nicht zustande. Als die beiden wieder im Auto sind, lässt den Chronisten diese Möglichkeit einer nächtlichen Geschäftsabwicklung nicht mehr los und er überredet Hedda, nochmal mit ihm auszugehen. Als sie jetzt aus dem Auto springt, schreit sie auf – das kann nur die Halswirbelsäule sein. An Schultern oder Beinen fehlt ihr definitiv nichts. Aber nach diesem Aufschrei ist auch die Hoffnung auf ein kleines Entgegenkommen dahin.  

Nun sind wir an einem so schönen Platz mit viel Natur und Frieden und dann ist es doch nur ein richtiger Scheißtag (obwohl es nicht zuletzt gerade daran mangelt): Hedda leidet und der Chronist leidet an Hedda und seinem Schnupfen. O Herr, lass morgen werden oder besser gleich übermorgen ...  


Markádia
Colos / Aldeia das Amoreiras