Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Markádia

Markádia

Freitag, 11.3.2022 

Die ganze Nacht prasselt teils kräftiger Regen auf uns nieder; die Natur braucht es, wir nicht. Um 9 Uhr messen wir 13 °C.

Im Gegensatz zum völlig verquollenen Chronisten ist Hedda heute etwas entspannter. Beim Morgenspaziergang, den sie erkennbar flüssiger als gestern absolviert, beschäftigt sie sich schon wieder recht intensiv mit Kaninchen, allerdings nur kurz. Offenbar ist ihr die Konzentration auf schnell bewegte Objekte noch zu anstrengend. Doch es scheint aufwärtszugehen. Das Frühstück verspeist sie mit dem ihr typischen Appetit, an dem es ihr übrigens gestern auch nicht fehlte. Wir schließen daraus, dass es erst ernst wird, wenn Hedda an der Futterschüssel die Nase rümpft. Wir haben berechtigte Hoffnung.  

Noch mehr Entspannung als Heddas Rekonvaleszenz bringt ein Anruf von Eva, die gestern lange recherchierte, und uns einige gute Tierkliniken nannte, die an unserer Route liegen, falls Hedda nicht selber wieder auf die Beine kommt. Das tut gut, damit fühlt man sich beruhigter. Danke, Eva.  

Unser eigenes Frühstück findet erst am späten Vormittag statt, weil uns heute nichts zu irgendetwas drängt. Anschließend betrachten wir die Welt um uns herum aus dem Franz heraus, weil es zwar nicht mehr regnet, aber die Wetterumstände uns trotzdem nicht zu Außenaktivitäten einladen.  

Erst nachmittags machen wir einen Spaziergang und bestellen gleich mal für morgen Frühstück im Laden.  

Das ist eine gute Gelegenheit, unsere Verfolger mit auf unsere Runde zu nehmen und einen Blick auf den Campingplatz und seine Umgebung zu werfen. Der kleine Laden ist gut sortiert und hat, was man im Allgemeinen so braucht. Jetzt, in der Nebensaison, hat er nur vormittags und nachmittags eine Stunde geöffnet. Das nebenan liegende Restaurant ist noch geschlossen. Die Sanitäranlagen sind derzeit auch noch zum Teil geschlossen, die verfügbaren sind zwar in die Jahre gekommen, aber sauber und sehr geräumig; in den Klokabinen kann man, neben sich selbst, locker noch einen Zwillingskinderwagen und drei Einkaufskörbe absetzen. Gemessen am Anspruch der Betriebsleitung, die Natur zu schonen und, gerade in dieser Gegend, Wasser zu sparen, ist eine Zwei-Griff-Mischbatterie in der Dusche allerdings kontraproduktiv, weil vermutlich kaum jemand, nachdem das Wasser auf die gewünschte Temperatur eingestellt ist, beim Einseifen das Wasser abstellt, um es dann anschließend wieder neu einstellen zu müssen. Eine Einhand-Mischbatterie wäre in dieser Hinsicht sicher die klügere Lösung. Allerdings sieht man, dass hier viel renoviert wird, vielleicht steht das ja schon auf der To-Do-Liste. In anderer Hinsicht ist man in Markádia jedoch der Campingwelt voraus: Dieser Platz ist der erste, den wir erleben, auf dem die Spülbecken einen Abflussstöpsel haben! Gratulation, denn auch damit lässt sich viel Wasser sparen.  

Voll belegt bietet Markádia Platz für 450 Besucher, angeblich auch unter Berücksichtigung der 10-Meter-Regel. Ob die dann auch von allen eingehalten wird, darf bezweifelt werden.  

Die Talsperre, die dem Stausee zugrunde liegt, staut den Odivelas, einen rechten Nebenfluss des Rio Sado, zu einem See, der der Bewässerung des gesamten Landstrichs dient. Der See erstreckt sich über eine Fläche von knapp 10 km² und erreicht eine Normalhöhe von etwas über 100 m. Um den See herum gibt es demnach reichlich Platz zum Wandern, auf dem See kann man segeln oder Kanufahren, und schwimmen ist selbstverständlich auch erlaubt. Der Campingplatz liegt auf einer Landzunge an der Südseite des Sees.  

Rund um den Campingplatz steht Gelände genug zur Verfügung, zum Radfahren, Wandern und für Hundespaziergänge. Allerdings fühlen sich hier auch eine Million Kaninchen wohl, was nicht der Entspannung der Hundespaziergänger dienlich ist, auch die Hunde sind laufend unter Strom.  

Wir verlassen den Campingplatz an der Rezeption und spazieren weiter immer linksherum, den Wegweisern folgend. Zum Camp gehören auch schöne, teils sehr geräumige Bungalows; eine Empfehlung für alle, die sich eventuell für die Gegend interessieren; in diesen Ferienhäusern ist man gut aufgehoben. Wir folgen den Wegweisern durch die Kork- und Steineichen und entlang den Pferdekoppeln. Esel gibt es hier, Schafe und für Hungrige ein weiteres Restaurant oberhalb des Sees. Neben dem Restaurant wartet ein Pool vergeblich auf Badegäste; er ist noch nicht in Betrieb.  

Das Restaurant ist jetzt nur bis 18 Uhr geöffnet, ob das in der Saison anders ist, wissen wir nicht. Von hier gelangt man über den Strand in gut fünf Minuten wieder auf den Campingplatz.  

Während wir uns mit den Mädels umsehen, wird es zunehmend schöner, und abends reicht es sogar für einen Sonnenuntergang am See für unsere Sonnenanbeterin.  

Was der heute insgesamt entspannten Stimmung im Franz entgegenwirkt – Hedda bewegt sich immer lockerer und hat nur noch ganz selten mal bei einer Bewegung ein wenig gepfiffen – ist ein neuer Nachbar. Wir haben ehrlich noch nie einen solchermaßen fragilen Eigenbau gesehen, wie diesen Schrotteimer. Zusammengenietet und geschraubt aus allen gerade verfügbaren Materialien, weder bearbeitet, verspachtelt, geschliffen noch mit Farbe verschönert, könnte er auch gut auf einem Schrottplatz in Nairobi Karriere machen. Sein Besitzer ist ein ergrauter Spät-Hippie mit einem jener ausgefransten graugelben Zöpfchen am Hinterhaupt, dessen Hauptaufgabe zu sein scheint, die Glatze zusammenzuhalten. Und er reist allein, was nicht verboten, aber ausgesprochen selten ist. Die 10-Meter-Regel hält er nicht ein, weil das Stromkabel, das an einer haarfeinen Litze aus dem Blechkonstrukt baumelt, kaum länger als fünf Meter lang ist. Er muss also kuscheln.  

Gegen die Schrottoptik ziehen wir die Jalousien zu und machen Brotzeit mit Wurst, Käse und Oliven. Dann verzieht sich der Chronist ins Bett, weil er seinem Schnupfen Tribut zollen muss. Nur schlafen kann er nicht, denn der Nachbar feiert Party mit sich selbst. Irgendwelche unendlichen Drum-Sequenzen wummern in Endlosschleifen aus dem rollenden Blechkanister zu uns herüber.  

Das Sein kann eine Qual sein. An manchen Tagen jedenfalls. Vor allem, wenn nebenan einer übers Kuckucksnest fliegt.  

Markádia
Beja / Markádia