Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Markádia

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Samstag, 12.3.2022 

Der Morgen lässt sich vielversprechend an. Der Schrotti schläft noch und hat offenbar den Stecker gezogen. Und da um uns herum viele Dauercamper ihre eingebauten Zelte noch nicht in Betrieb genommen haben, ist es angenehm ruhig.

Der Chauffeur leidet zwar immer noch, dafür ist Hedda schon fast wieder die alte, noch nicht ganz, manchmal pfeift sie noch ein bisschen, aber Evas Kliniken müssen wir vermutlich nicht mehr in Anspruch nehmen. Auch beim Morgenspaziergang ist sie unauffällig, also traditionell umtriebig.  

Während die drei sich die Gegend erwandern, schnippelt der Chronist Obst für den Obstsalat, wie er es fast jeden Morgen macht. Dann kehrt die Dogwalkerin zurück:  

„Schaaaatz"...
Kann jeder den Melodiebogen des gaaaaanz langen As nachempfinden, den freudig hoch angestimmten, durch ein sonores Tal geführten und wieder auf fröhlich-sphärische Klangebenen hochgezogenen? „Schaaaatz, jetzt hab ich meinen Traumplatz gefunden." Die Vermutung des Chronisten, dass die langen Spaziergang nicht der Bewegung der Hunde, sondern der Bewegung unseres Franz dienen, bestätigt sich.
Der Chronist widmet sich weiterhin seinem Obst, fragt aber pflichtschuldig: „Was heißt das?"
„Das heißt, dass wir den Strom abhängen und dorthin fahren."
„Das Frühstück steht doch schon fast auf dem Tisch."
„Dann räumen wir es eben weg und bauen es neu auf."
„Soll das bedeuten: Jetzt sofort?"
„Natürlich jetzt sofort, bevor jemand anderes den Platz entdeckt, direkt am Wasser. Ein Traum!"

Es geht den erwarteten Gang. Der Chronist räumt das Frühstück wieder weg, die vor Glück strahlende Traumfrau hält bereits das Stromkabel in der Hand. Das Wohnzimmer muss wieder zur Fahrerkabine umgebaut werden, und der Franz verlässt seinen Platz neben dem Schrotti, was ein gutes Argument für den Umzug ist; das muss der Chauffeur zugeben. Armschwingend und swingend wie eine Fremdenführerin tanzt sie vor dem Franz her und weist ihm den rechten Weg. Kaum hundert Meter weiter wird er auf einen Platz direkt über dem See dirigiert, darunter nur noch Ufer und darüber fast nichts, zwei Womos, alle mindestens 50 Meter weg. So sieht also ein Traumplatz aus. Ganz abstreiten kann das der Chronist nicht. Der Franz bekommt wieder Strom und das neue Nest ist bezogen.  

Das Frühstück wird fertig bereitet und kommt auf den Tisch, und selten hat der Chronist sein Gegenüber mit so viel Glück im Angesicht speisen gesehen.  

Wer schon einmal einen jener herzzerreißenden Filme über den Nestbau von Vögeln gesehen hat, kennt das Programm, das sich dahinter verbirgt. Nehmen wir als Beispiel den Webervogel, der diese riesigen, sackförmigen Nester baut. Wenn man verfolgt, wie das kleine Kerlchen wochenlang sammelt, fädelt, flicht, verzurrt und webt, sich abschuftet für sein künftiges Glück, nebenbei noch Balzzeit erübrigen muss, um seine Angebetete von seinen Qualitäten zu überzeugen, sie schließlich zur Objektbesichtigung einlädt und dann sehen muss, wie die Braut einen Blick in den Flur wirft, das Ambiente nicht für würdig befindet, an einem Faden zieht und die ganze Villa in sich zusammenstürzt, dann bricht einem das Herz. Aber man weiß auch um die Unbestechlichkeit des Weibes, wenn es um ihr Nest geht. Die kleine Weberin könnte auch sagen: Schatz, das Häuschen ist noch nicht ganz perfekt, es birgt noch die Gefahr, dass uns die Eierchen davonrollen, aber wir kriegen das schon hin. Und dann könnte sie mit ihm zusammen die Mängel fixen, hier eine Strebe einziehen, dort ein kleines Bälkchen verrücken, einfach ein gemeinsames Häuschen bauen – tut sie aber nicht. Sie zieht am Glockenstrang, worauf der ganze Kirchturm einstürzt.  

So weit ist die Reiseleiterin heute nicht gegangen, sie hat kein Haus zum Einsturz gebracht, noch nicht einmal den Chronisten in Verzweiflung gestürzt, aber sie hat demonstriert, was sie meint, wenn sie auf Seeblick besteht. Also Männer, findet euch damit ab: Wenn eure Frau sagt, sie möchte aufs Wasser sehen, dann meint sie, sie möchte im Wasser stehen. Und sie wird nicht rasten und nicht ruhen.  

Nur: Der schönste Stellplatz, fast mit den Beinen im Wasser, ist nur so schön wie das Drumherum. Wenn über dem See eine graue, trübe Suppe wabert, unterscheidet sich der eine Stellplatz kaum vom anderen. Bald beginnt es zu tröpfeln und das Thermometer bringt höchstens noch 15 °C auf die Skala. Der See zeigt sich nicht sehr zugänglich. So gesehen hätten wir auch bleiben können, wo wir waren. Aber Mistwetter am Wasser ist besser als Mistwetter nahe dem Wasser.  

Gegen 16 Uhr beginnt dann der Regen endgültig und er lässt nicht mehr locker. Um 18 Uhr, irgendwann muss es ja sein, müssen die Mädels zum Lüften raus, was dann tatsächlich der erste richtige Regenspaziergang unserer Fahrt wird. Tropfnass kommen sie zurück und verbringen den Rest des Abends im Frotteemantel, was Fianna in eine kleine Lebenskrise stürzt: Frotteemantel!

Wir brutzeln uns wieder einmal Gambas Pil-Pil, die beim Chronisten auch gerne als Pille-Palle ins Notizbuch kommen, aber dennoch immer wieder ein Gaumenschmeichler sind.  

Bis 22 Uhr regnet es wie aus Eimern, dann lässt er nach.  

Markádia
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