Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Carrasqueira / Comporta

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Dienstag, 15.3.2022

Der Schnupfen des Chronisten hat sich ausgetobt und völlig ausgebrannt ergeben, und Hedda ist auch wieder fit, also gibt es keinen Grund mehr, die Abreise aus Markádia weiter zu verschieben. Einerseits verlassen wir diesen Campingplatz gerne, weil wir noch mehr sehen wollen, aber wir verlassen ihn auch mit einem weinenden Auge: Es ist schön hier. Jedenfalls unter den aktuellen Bedingungen.  

Weniger schön ist das, was sich gerade am Himmel über Spanien und halb Europa abspielt. Ein mächtiges Tief über Spaniens Süden saugt die Luft über dem Meer nach Norden und die ist voller Saharastaub; orangerote Luft, currygelbe Autos, safrangelbe Wäsche von Cádiz bis Castrop-Rauxel. Wir haben Glück, weil uns nur die Ausläufer dieses seltenen Wetterphänomens berühren, aber anderswo ist die Luft satt mit rotem Sand geschwängert, im Südosten Spaniens muss man sogar von einem Wipe-out sprechen. Die größten Gewinner dieses Saharastaubangriffs werden in den nächsten Tagen die Autowaschanlagen sein. Sogar bei uns im Westen Portugals sieht man schon die Folgen, wenn auch in bescheidenem Ausmaß.  

Wir machen uns und unseren Franz fertig und begleichen unsere Rechnung über fünf Tage: 104 €.  

Um 13 Uhr verlassen wir Markádia bei einem bedeckten Himmel und 17 °C. Zwanzig Minuten später kehren wir bei Intermarché in Ferreira do Alentejo ein und füllen unsere Lager, die in Markádia kräftig zusammengeschrumpft sind. Um 14:15 Uhr sind wir damit fertig, der Franz geht wieder einmal in die Knie, aber er muss weiter. Immer weiter...  

Die Reiseleiterin hat ein Ziel im Auge, von dem sie hofft, dass es ihre Fotoleidenschaft bedient: Carrasqueira. Um 15:35 Uhr kommen wir dort an und stellen uns irgendwo an die Straße, wo eben gerade frei ist [N 38° 24'37,0'' W 008° 45'12,7''], einen offiziellen Stell- oder Parkplatz gibt es hier nicht.  

Carrasqueira liegt in der Bucht von Setúbal im Mündungsgebiet des Rio Sado, mitten in der
Marsch. Hier wurde lange Weinbau und Landwirtschaft betrieben, und die Bewohner nannten das Land Carrasqueira: ‚Land ohne Grund'. Die Leute hier sagen, es gehöre weder zum Meer noch zum Land. Die Gutsherrn der Salazar-Regierung gestatten einigen ihrer Knechte und Mägde, auf dem ‚Land ohne Grund' Hütten zu errichten, aber ohne festes Baumaterial wie Ziegel oder Naturstein. So entstand eine einzigartige Hüttenkolonie aus Schilfrohr mit Reetdächern.  

Nach der Nelkenrevolution 1974 und den damit verbundenen Unruhen, fanden die Landarbeiter kaum noch Arbeit. Die Arbeiter suchten sich einen neuen Broterwerb und sattelten auf Fischfang um. Dafür mussten sie allerdings eine schlammige Hürde nehmen: Die Tide, die sich in diesem Delta des Rio Sado deutlich zeigt. Bei Ebbe bedeckt der Flussschlamm hunderte Meter weit die Bucht. Wie soll unter diesen Bedingungen ein Fischerboot ins Meer gelangen?  

Die Fischer entwickelten dafür nicht nur ein Boot, fast ohne Tiefgang, sondern auch noch den dazu passenden Hafen. Vermutlich von asiatischen Hafenanlagen in Flussmündungsgebieten inspiriert, entstand ein in Europa einzigartiger Fischerhafen auf Stelzen. Sie trieben Strandgut, Bauholz, dünne Baumstämme und dickes Schilfrohr in den Schlamm. Auf diese Weise entstand, Ast neben Ast, verbunden und gehalten von Schnüren und Drähten, das Grundgerüst. Als Steg dienten den Fischern Latten, Äste und Bretter. So entstand das Cais Palafítico da Carrasqueria, um die schlammige Hürde des Deltas zu überwinden.  

Begonnen wurde die Arbeit in den Sechzigerjahren, fertig wird sie vermutlich nie. Mehrere hundert Meter in den Schlick hinein läuft der Hauptsteg, von dem aus sich ein Labyrinth von Bauwerken und Seitenstegen erstreckt, das es den Fischern nun seit rund 60 Jahren ermöglicht, auch bei Ebbe ihrer Arbeit nachzugehen. Und es wird weiter daran gearbeitet und erweitert. Die Docks von Carrasqueira sind kein Museum, sie sind und bleiben Lebensmittelpunkt vieler Fischer.  

Als wir von unserem Parkplatz zu den Cais hinüber gewandert sind, die Hunde sind auch mit von der Partie, erinnert uns die wirre Ansammlung von Brettern, Latten und Pfählen an thailändische Fischerdörfer und Bootsanleger. Reiher beäugen uns, zeigen aber keinerlei Scheu, noch nicht einmal vor den Mädels, die naseweis von jedem auch noch so wackligen Steg in den Morast äugen. Wenn sie dort hineinspringen... Aber sie springen nicht, obwohl Hedda sichtbar Lust hätte, einmal auszuprobieren, wie sich das anfühlt. Möglicherweise hofft sie sogar, dass so eine Fangopackung ihrer Halswirbelsäule guttun könnte.  

Diese Steganlage ist immer und für jedermann ein spektakulärer Anblick, aber heute mit dem leicht curryfarbenen Saharahimmel ist er eine Sensation. Die Sepia-Bilder, die hier völlig ohne Photoshop entstehen, wirken wie aus der Zeit gefallen und verschaffen dieser bizarren Hafenanlage ein für alle Zeit einzigartiges und stilsicheres Finish.  

Brauner Sichler
Wellenastrilde

Es wäre falsch zu behaupten, der Himmel sei bei 18 °C bedeckt: Er ist sandgesättigt. Ein dünner Firnis liegt zwischen ihm und uns und lässt uns Setúbal jenseits der Bucht nur schemenhaft erahnen. Für einen solchen Tag kann man sich nur beglückwünschen. Sich das Ziel und Motiv auszusuchen, ist eine Sache, es an einem so außergewöhnlichen Tag zu besuchen, ist ein Geschenk des Himmels.  

Um 17:00 Uhr fahren wir weiter und sind zehn Minuten später auf dem Gemeindestellplatz von Comporta [N 38° 22' 41,4'' W 008° 47' 10,0''], unserem heutigen Tagesziel. Der Stellplatz ist groß, kostenlos, heute wenig besucht, mit festem Sandboden und liegt mitten im Ort.  

Comporta liegt am Beginn der Halbinsel Trója, die wie ein dürrer Hexenfinger 15 km weit ins Mündungsgebiets des Sado, fast bis hinüber nach Setúbal ragt. Die Geschichte des Ortes geht bis in die Römerzeit zurück. Heute hat Comporta rund 1300 Einwohner, was sich jedoch bald ändern dürfte. Seinen bisherigen Wohlstand erlangte der Ort durch Reisanbau und Salinen zu Gewinnung von Meersalz. Der 15 km lange Atlantikstrand zieht jedoch jährlich mehr Besucher an, Hotelketten haben sich eingenistet, Feriendörfer sind geplant und Golfplätze entstehen. Diese Projekte werden einige Leute sehr reich machen, aber sie werden auch den Grundwasserspiegel dramatisch senken und die bisher intakte Dünenlandschaft und den sie schützenden Pinienwald nachhaltig beschädigen oder gar zerstören. Die prächtigen Villen ringsum sind heute schon beredte Zeugen dieser Entwicklung.

Um 19:30 Uhr gehen wir essen. Für den kleinen Ort gibt es ungewöhnlich viele Restaurants und Bars; der Tourismus schafft sich seine Infrastruktur. Karaokebars und Nachtclubs haben wir allerdings noch nicht entdeckt. Viele dieser Restaurants werden sehr gut bewertet, wir entscheiden uns fürs Restaurant São João, weil es gleich um die Ecke liegt. Als Vorspeisen wählen wir beide Fischsuppe mit Nudeln, die ausgezeichnet und auf den Punkt gewürzt ist. Weil bei den Hauptspeisen wegen der Vorsaison auch noch nicht alles verfügbar ist, was auf der Karte steht, nehmen wir auch wieder beide ein Risotto mit Pulpo und Scampi, welcher der Vorspeise alle Ehre macht, uns aber mengenmäßig überfordert. Zwei Desserts passen dennoch in die Bäuche, eine Flasche Weißer aus der Region, dazu Wasser und ein Kaffee summieren sich am Ende auf 85 €. Das ist teuer, aber es war auch gut. Offensichtlich hat man sich in der Gegend schon dem touristischen Preisniveau angenähert; was nicht unlogisch ist, denn im São João haben sich heute Abend neben uns nur Touristen aufgehalten.  

Um 21:15 Uhr sind wir nach einem kleinen Spaziergang durch den Ort wieder zurück. Um 23 Uhr machen wir bei immer noch 17 °C das Licht aus. Der Himmel überm Schafzimmer ist bewölkt und curryfarben.  

Setúbal / Évora
Markádia