Der Bairische Blues fährt ins Blaue - und ist dann mal weg

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Cáceres

Cáceres

Samstag, 19.3.2022

Morgens ist es schön, der Himmel ist blau, wir haben gut geschlafen – ein perfekter Tag kündigt sich an.

und dann Fianna
Erst Hedda

Doch bevor wir uns um uns und unsere Zukunft kümmern, dürfen die Mädels, nach ihrem Morgenspaziergang, wieder einmal eine Fährte suchen, die zweite nach Markádia, und sie machen es beeindruckend gut, dabei ist das Gelände schwer. Sie sind wieder in der Spur, haben einen Plan und richtig Spaß dabei. Nur eine Fährte haben sie nach all den Wochen gebraucht, um wieder in die Nähe ihrer früheren Leistung zu kommen.  

Nach dem Frühstück müssen wir uns mit der weiteren Reiseplanung beschäftigen. So sehr wir uns bisher haben treiben lassen, müssen wir jetzt ein wenig planen. Der Grund ist, dass wir zwei Ziele, davon einen festen Termin, in Spanien haben. Beide sind Herzensangelegenheiten, also einige Mühen wert. Geben wir diesen beiden Vorhaben vorübergehend den Arbeitstitel „2G". Wir hören schon die Schlaumeier zuhause unter vorgehaltener Hand kichern 2G, alter Hut, heute ist 5G Standard. Täuscht euch mal nicht und lasst euch überraschen! Manchmal ist weniger viel mehr.  

Unser Date mit dem ersten G ist auf den 22. und 23. März terminiert. Das ist in drei Tagen, aber alle Wetterfrösche sind sich einig, dass es regnen, regnen und regnen wird, dazu wird auch der Wind blasen, und zwar mehrere Tage. Wir telefonieren mit einem der Gs, um die Lage zu klären, und dort schließt man sich unserer Einschätzung an, den Termin zu verschieben. Wir verbleiben so, dass wir für die weitere Planung wieder telefonieren. Und wie sieht es mit dem anderen G aus? Genauso bescheiden, nur dass wir in diesem Fall keine Reservierung haben und nicht telefonieren müssen.  

Damit ist klar, dass wir eine Lösung brauchen, die möglicherweise eine ganze Woche überbrückt, weil, egal ob 1G, 2G oder 5G, die nächsten Tage wirklich saumäßig werden sollen und auch nicht zu anderen Aktivitäten einladen werden. Kurz erwägen wir, ganz in den Norden Portugals zu fahren, eventuell sogar an die Nordwestecke Spaniens (La Coruña), weil dort das Wetter stabiler zu bleiben scheint. Doch der Rückfall zu den beiden Gs, immerhin in die Nähe von Madrid, wäre dann eine zu gewaltige Kante von rund 500 km. Unter diesen Umständen macht es Sinn, sich dem Ziel anzunähern, dort abzuwettern, um dann schnell reagieren zu können, wenn sich das Wetter beruhigt hat.  

Da kommt es uns gelegen, dass wir einen freundschaftlichen Tipp bekommen haben, unbedingt Cáceres und die Extremadura zu besuchen, eventuell auch Trujillo. Cáceres liegt auf unserer Route und dort finden wir auch einen Campingplatz, der nach den Beschreibungen sogar auf jeder Parzelle ein Sanitärhäuschen zur Verfügung stellt. Wenn das kein Versprechen ist! Eine Woche Sauwetter abwettern mit Dusche und Klo auf dem Grundstück...  

Wir ent- und versorgen den Franz und machen uns um 12 Uhr auf den Weg nach Cáceres. Um 13 Uhr fahren wir über die Grenze nach Spanien, was nach der nun wieder geltenden MEZ 14 Uhr ist. Da fahren ständig Menschen über solche Grenzen, man denke beispielsweise an die LKW-Fahrer, und in Brüssel diskutieren sie seit Jahren darüber, die Sommerzeit abzuschaffen, weil der menschliche Organismus damit auf Dauer nicht umgehen könne. Schon wenn man von Görlitz nach Aachen fährt, muss man mit einer Zeitverschiebung von einer halben Stunde klarkommen. Wir verspüren jedenfalls keine Anzeichen psychomentaler Beeinträchtigungen, außer dass wir die Zeitverschiebung nicht eingeplant hatten und besser eine Stunde früher losgefahren wären.  

Um 14:45 Uhr tanken wir den Franz voll, allerdings heute mit Gasoleo A, dem Superdiesel, weil die LKW-Fahrer wegen der hohen Spritpreise streiken und der Normaldiesel nicht mehr verfügbar ist. Das bedeutet, dass wir statt 1,85 € 1,90.9 hinblättern müssen, was bei 61 Liter 117 € aus-, uns aber nicht arm macht.  

Die Fahrt durch die Extremadura ist nicht nur sehr schön mit viel weiß-blauem Himmel, sondern richtig entspannend, weil man sich auf der N 523 streckenweise wie in Amerika vorkommt: Endlos geht es geradeaus und minutenlang sieht man kein anderes Fahrzeug. In dieser trockenen und einsamen Gegend bestimmen vor allem Steineichenwälder das Landschaftsbild, jene dehesas, auf denen sich die Iberico-Schweine mit Eicheln fett und lecker mästen. Rinderherden weiden auf scheinbar unendlichen Flächen, solche mit Hörnern, oft in Mutterkuhhaltung und nicht selten mit den dazugehörigen Bullen. Schafe gehören sowieso immer zum Landschaftsbild und auch Wein, dort, wo die Eichen Pause haben. Je mehr wir uns Cáceres nähern, desto knorziger, steiniger, ruppiger und wilder wird die Natur, fast möchte man kalauern: Extremnatura.  

Um 15:25 Uhr fahren wir auf den Hof von Carrefour in Cáceres, es ist wolkig bei 17 °C. Der folgende Einkauf unterstreicht unseren unbedingten Willen, die nächste Woche in Regen und Wind zu überleben. Aber auch hier spürt man die Folgen des LKW-Streiks: Frische Milch gibt es nicht mehr, weil keine mehr in die Molkereien geliefert, sondern gleich von den Bauern vernichtet werden muss, Babynahrung ist komplett leergefegt und frisches Obst und Gemüse ist kaum noch der Rede wert. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Man kann durch die Welt fahren, aber man entkommt ihr nicht. Man kann einem Virus ein Schnippchen schlagen, das ist uns (vorerst) gelungen, aber einem Krieg in der Ukraine entkommt man nicht. Die Welt ist ein Dorf, mehr denn je.  

Die Cheflogistikerin besorgt sich noch gleich eine SIM-Karte von Simyo, weil die portugisischeNOS-Karte schon direkt an der Grenze ihren Dienst eingestellt hat. Für 35 GB zahlen wir 20 €.  

Um 17:10 Uhr fahren wir bei Camping Cáceres, nur wenige Meter neben dem Industriegebiet und den Supermärkten, vor [N 39° 29' 21,7'' W 006° 24' 44,5'']. Für 18 € inkl. allem bekommen wir einen Abwetterplatz mit einem eigenen Sanitärhaus und einem Zeltdach über dem Kopf. Die Zufahrten zu den Parzellen sind eng, aber problemlos, der Platz ist terrassiert, sodass die Flächen eben sind und kaum ausgeglichen werden müssen.  

Während der Chauffeur damit beschäftigt ist, seinen Franz rückwärts auf unser Grundstück zu bugsieren, wird er unversehens von der Navigatorin gestoppt und gebeten, doch lieber vorwärts einzuparken, der Engländer gegenüber habe ihr den Tipp gegeben, weil dadurch die Tür mit dem Platz für Tisch und Stühle auf der sonnenreicheren Seite wäre. Was ihn geritten hat, dem Tipp eines Engländers Folge zu leisten, weiß er im Nachhinein nicht mehr so genau, aber er kurvt wieder vor und hin und her, bis er mit der Nase nach drinnen und unter dem Zeltdach steht, das übrigens ein echtes Privileg ist und die wenigsten Parzellen überspannt. Leider überspannt das Zeltdach nicht den gesamten Franz, sondern nur dessen vordere Hälfte. So einen Einwurf nennt man wohl Klagen auf hohem Niveau.

Der erste Blick gilt dem Waschhäuschen, klar. Klo, Dusche, Waschbecken, auch richtig warmes Wasser kommt aus den Hähnen. Zum Franz sind es drei Schritte. Um den Franz herum, dorthin, wo die Tür ist, sind es rund zwanzig Schritte. Der Strom ist auf Armlänge am Waschhaus verfügbar, und vor dem Häuschen gibt es noch einen Waschtrog aus Granit. Der Wasserschlauch hängt am Waschhaus. Im Waschhaus ist ein Tisch mit zwei Stühlen gestapelt, wir müssen also nicht einmal unseren Kram ausladen. Kann man Luxus anders beschreiben als dieser Stellplatz mit eigenem Wellnessbereich?  

Doch nicht alle scheinen damit zufrieden zu sein, denn in einem der vielen Camper-Foren finden wir den Eintrag einer Gästin vom Februar, die das Angebot lobt, aber feststellt, „dass die Dusche nicht beheizt ist, was in dieser Jahreszeit eine ziemliche Mutprobe ist". Zitat Ende.  

Wer jedoch eine rundum attraktive Umgebung erwartet, ist hier falsch. Westlich läuft die mehrspurige N 630 vorbei, die man allerdings wenig hört. Jenseits der Straße erstreckt sich ein großes Industriegebiet. Im Süden, gleich vor dem Eingang zum Campingplatz erhebt sich das Fußballstadion des Club Polideportivo Cacereño. Im Norden ist viel Grün, das jedoch zu einem großen Teil durch Mauern und Zäune abgeriegelt und nicht zugänglich ist, trotzdem aber genug Möglichkeit bietet, sich und die Hunde zu bewegen.  

Den größten Anteil Besucher auf dem Platz stellen die Briten, noch vor den allgegenwärtigen Holländern. Was die Holländer angeht, diagnostiziert der Chronist eine zutiefst gespaltene Gesellschaft: Die einen schaffen die Kohle heran, die anderen, die Rentner, verprassen ihre angeschaffte Kohle im Ausland, jedenfalls ist es unwahrscheinlich, von ihnen noch eine nennenswerte Zahl in den Stammlanden anzutreffen. Die Niederlande haben nur 17,5 Mio Einwohner, mindesten zwei Millionen davon sind wir in diesen drei Monaten begegnet. Aber auch Franzosen sind hier deutlich mehr anzutreffen als gewöhnlich.  

Und dann eben die Briten. Sie dürften auf diesem Campingplatz nach erster Einschätzung über die Hälfte der Gäste ausmachen. Und weil die meisten Briten gerne ein Schwätzchen halten, kommt man mit ihnen schnell ins Gespräch. Schon während der Chauffeur noch die letzten Anlegehandgriffe verrichtet, plaudert die Reiseleiterin mit einem Engländer gegenüber und dem zur Linken. Schnell kristallisiert sich bei diesen Gesprächen heraus: Brexiteers sind kaum darunter, im Gegenteil: Viele haben einen unheiligen Zorn auf ihre Herrschaften und Landsleute zuhause. Zumal ihnen der Brexit nicht nur das Reisevergnügen stark schmälert, sondern sie auch noch die Reisekasse.

Bürger des Vereinigen Königreichs dürfen sich seit ihrem Austritt nicht mehr länger als 90 Tage in der EU aufhalten. Wer dennoch länger reisen möchte, muss sich etwas einfallen lassen und Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Viele tricksen diese Bestimmung aus, indem sie die EU mit der Fähre von Santander oder Bilbao nach Portsmouth oder Plymouth kurz verlassen. Das kommt mit Wohnmobil (je nach Größe) auf etwa 600 € einfach und dauert rund 26 Stunden. Mit Hund(en) und saisonal bedingt kann es deutlich teurer werden. Und dann fährt man wieder zurück. Das ist ein wesentlicher Grund, warum sich viele Briten gerade in dieser Gegend aufhalten; sie sind auf dem Weg zur Fähre oder schon wieder zurück. And they are not amused! Aber freundlich und britisch humorig, kaum unterzukriegen und kauzig sind und bleiben sie. Und wenn sie sich einmal den Frust von der Seele reden, dann ist es mit der britischen Höflichkeit rasch vorbei: Die können auch Klartext! Nur einen haben wir erlebt, der nicht in dieses Bild passt, dafür umso mehr in unser Bild von den tappigen Engländern, die ihren Pinocchios auf den Leim gegangen sind. Im Gespräch mit einem Holländer kam man zwangsläufig schon nach wenigen Sätzen bei der 90-Tage-Regel. Schulterzuckend und unschuldig fasste der Engländer die Misere in einem herzigen Satz zusammen: „Nobody knew about that when we voted." Wer nicht denken will, muss zahlen, so funktioniert die Welt.  

Nach unserer Ankunft geht die Dogwalkerin ziemlich lange mit ihren Vierläufigen hinaus ins Grün und wirft von dort einen Blick hinüber auf Cáceres, das wir uns morgen ansehen wollen.  

Gegen 19 Uhr bemühen wir das Restaurant des Campingplatzes, das mit seinem Charme der Siebziger-Jahre eher an eine Kantine erinnert als an ein Restaurant. Das Essen ist in Ordnung, erfüllt seinen Zweck, ist es aber auch nicht wert, näher ausgebreitet zu werden. Für Vorspeisen (reichlich) und Hauptspeisen (auch reichlich), Wein und Kaffee zahlen wir 35 €. Wir haben schon deutlich schlechter gegessen und mehr bezahlt.  

Als der Chronist nachts mit den Mädels auf Pipi-Trip ist, ist es in der näheren Umgebung ziemlich laut, eindeutig Feierlärm. Auch auf der großen Terrasse des Restaurants, die wegen der Temperaturen jetzt nicht geöffnet ist, spielen noch Kinder. Da erinnert sich der Nachtwanderer an eine Information auf dem Begrüßungszettel, dass heute Vatertag ist und man mit überfüllten Lokalen und etwas Lärm rechnen müsse. Vatertag heute? Vatertag ist doch an Christi Himmelfahrt. Nachschlagen und dazulernen. Vatertag wird in den meisten Ländern zu unterschiedlichen Terminen gefeiert, im Mai, an verschiedenen Wochenenden im Juni, sogar im November. Und in manchen Ländern, wie etwas Spanien, Portugal, Italien oder Kroatien eben heute, am Josefstag. Das lässt den Chronisten nun überhaupt nicht mehr ruhen und beschäftigt ihn bis in den Schlaf hinein.  

Des Chronisten Meinung zum Vatertag ist klar und unmissverständlich: abschaffen. Der Muttertag ist ein Fest, an dem die Familie die Lebensleistung einer Mutter würdigt. Der Vatertag ist das Gegenteil: Der Vater entfernt sich von der Familie, feiert sich selbst und besäuft sich, weshalb der Tag oft auch als Männer- oder Herrentag geführt wird. Einen sogenannten Feiertag muss man dafür nicht ausrufen. So viel zur Meinung des Chronisten, die niemand teilen muss.  

Warum aber der Vatertag ausgerechnet auf den Namenstag des Josef gelegt wird, um diesen zu ehren, entzieht sich seinem Verständnis. War denn dieser Zimmermann überhaupt ein Vater? Erzeuger des heiligen Kindes war jedenfalls nicht, wie wir gelernt haben. Über die Umstände kann man streiten oder lächeln, verstanden haben wir sie noch immer nicht, aber dass er, Josef, nicht mit von der Partie war, kann kaum angezweifelt werden. Man kann natürlich Vater sein, ohne dass man Erzeuger ist, das schon, also so einer, der die Kinder umsorgt und sie versorgt, der mit seinen Kindern Eisenbahn spielt, zum Fischen geht, am Lagerfeuer sitzt, Würstchen grillt und Stockbrot anbrennen lässt und dabei spannende Geschichten erzählt, ein richtiger Vater eben, wie man ihn gerne hätte. Aber war dieser Josef das? Wir wissen es nicht, weil er nur ein einziges Mal auf der Bühne erscheint, an der Krippe stehend mit einer Laterne in der Hand. Das war's, auch weil die Biographie des Kindes lückenhafter ist als ein Schweizer Käse. Noch während der Zimmermann die Laterne hochhält, tauchen drei wichtige Herren auf, überhäufen die Familie mit dem Wertvollsten und Edelsten, was die damalige Welt zu bieten hatte – und der Vorhang fällt genau in diesem Augenblick. Cliffhanger würde man dazu heute sagen. Der Vorhang geht nach etwa zwölf Jahren wieder kurz auf, wenn das Kind als naseweise Rotznase den Schriftgelehrten im Tempel erklärt, wie sie die Schriften zu lesen und zu interpretieren haben. Vorhang zu, kein Josef weit und breit. Nach weiteren knapp 20 Jahren kommt es dann zum Showdown mit dem bekannten blutigen Ende. Josef? Kein Josef. Die Mutter Maria soll bei der Hinrichtung zugegen gewesen sein. Aber wo war Josef? War er schon tot? Möglich, die Lebensdauer betrug in jener Zeit durchschnittlich kaum mehr als 40 Jahre. Oder hat ihn die als Gottesmutter eitel gewordene Maria davongejagt? Oder hat gar er die Mutter mit ihrem Kuckuckskind rausgeschmissen? Wir wissen es nicht, weil er nur einmal als Laternenträger auftaucht, als Statist wie Ochs und Esel, und nie wieder Erwähnung findet. Und dieser Josef wird nicht nur zum Heiligen Josef, sondern auch noch mit einem Feiertag für alle Väter geehrt...  

Die Gnade des Schlafs erlöst den Chronisten von seinen exegetischen Qualen, lässt ihn aber nicht ruhen, obwohl der Vatertagsfeierlärm längst verklungen ist. Vielleicht kann ihn jemand aus der Verfolgerschaft von seinen Fragen befreien.  



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Évora – Vila Viҫosa – Borba – Évora Monte