Sonntag, 20.3.2022

Es ist Frühlingsanfang. Zuhause begrüßen sie den Frühling mit seinem blauen Band und im Land, wo die Orangen blühen, droht Mistwetter. Doch heute erwarten wir noch einen schönen Tag, jedenfalls zeigt sich um 10 Uhr die Sonne zwischen den Wolken, was uns mit Hoffnung erfüllt.  

Deswegen müssen sich die Mädels heute mit einem kurzen Spaziergang begnügen und wir uns mit einem Müesli-Frühstück, damit wir aus dem Haus kommen. Cáceres steht auf dem Programm.  

Samstags und sonntags fährt der Bus in die Innenstadt direkt vor der Haustür des Campingplatzes ab, an den anderen Tagen muss man über den Steg die Straße überqueren und auf der anderen Seite einsteigen. Zehn Minuten nach Elf stehen wir an der Haltestelle und warten. Währenddessen rollt ein Auto nach dem anderen heran, die Insassen alle in grünen Trikots: Fußballfans. Heute ist Samstag und damit Spieltag. Aber warum kommen die alle schon um 11 Uhr? Vermutlich wegen der Parkplätze, die hier nicht sehr üppig sind. Wie wir stehen und warten, kommt eine Spanierin auf uns zu, die vermutlich ihren Sohn hier abgeliefert hat, und versucht uns in fließendem Spanisch beizubringen, dass wir für den Bus auf die andere Straßenseite müssten. Wir halten dagegen und bestehen in fast fließendem Englisch darauf, dass wir der Rezeption glauben, die uns glaubhaft erklärte, dass der Bus sonntags auf dieser Seite Halt macht. Es geht ein bisschen hin und her, dann geht sie davon, offenbar überzeugt, dass wir hoffnungslose Fälle sind. Aber kaum drei Minuten später kommt sie wieder herbei, das Handy vor sich hertragend, strahlt übers ganze Gesicht und belegt uns anhand ihrer App, dass wir völlig richtig hier stehen und der Bus sonntags tatsächlich an dieser Stelle abfährt. Das hat ihr keine Ruhe gelassen und jetzt sind wir alle beruhigt. Es sind solche Begegnungen, die das Reisen so wertvoll machen.  

Um 11:25 Uhr fährt die Linie 5 vor, und dann geht es für 1,10 € pro Person mit spanischem Temperament in Richtung Innenstadt. Wer sich bei diesem Fahrer in den Kurven nicht festhält, sitzt auf dem Hosenboden, und zwar auf dem Busboden. 15 Minuten später steigen wir an der Haltestelle ‚General Primo de Rivera' wieder aus und sind mitten in Cáceres.  

Erste Hinweise auf eine Ansiedlung gehen aufs Jahr 79 v. Chr. zurück. Keltische Funde weisen ins Jahr 35 v. Chr. Die im folgenden wachsende Stadt wurde im 6. Jh., auch das kennen wir schon, zum großen Teil von den Westgoten zerstört und dann von den Mauren wieder aufgebaut. In der Folge ereignen sich die üblichen Eroberungen und Rückeroberungen unterschiedlichster Machthaber, währenddessen es jedoch eine Elite durch alle Zeitläufte hindurch verstand, sich mit diesen zu arrangieren. Das ist insofern von Bedeutung, als die reichen Familien ihre Macht und ihren Reichtum, wie auch andernorts, mit Geschlechtertürmen zur Schau stellten. Damit war es vorbei, als Isabella I. v. Kastilien den Thronstreit mit Johanna v. Kastilien für sich entschieden hatte und anordnete, die Türme aller Familien, die sie nicht unterstützt hatten, abzureißen. Nur zwei Türme blieben bei diesem Kahlschlag unversehrt. Diese Aktion trug Cáceres den Beinamen ‚Enthauptete Stadt' ein und prägt bis heute das Stadtbild.  

Eine so lange und bewegte Geschichte hinterlässt ihre Spuren, im Fall von Cáceres sehr beeindruckende Spuren: Kathedralen, Wehrmauern, Klöster, Villen und Adelshäuser. Enge und sich zwischen bedrohlich aufragenden Mauern hindurchzwängende Gassen und Passagen. Zurecht wurde die Altstadt 1986 zum UNESCO-Welterbe erklärt. Treppauf und treppab erarbeiten wir uns die historische Stadt, lassen uns auf irgendeinem dieser zahllosen Plätze von den Klängen eines hervorragenden Gitarristen in die Zeiten der Burgfräuleins und Intrigen davontragen und beenden unseren Rundgang erst, als unsere Blasen eine Toilette verlangen, die es aber nirgendwo gibt, weil die Wirte etwas dagegen haben: Wer pinkeln muss soll bei ihnen einkehren. Das machen wir dann auch.  

Um 13 Uhr kehren wir in der Gastrobar La Estancia ein, mit Blick über die Plaza Mayor; prominenter kann man sich in Cáceres vermutlich kaum niederlassen. Dass wir die richtige Wahl getroffen haben, belegt uns schon die erste Begegnung mit der Bedienung: So eine offene und grundsympathische junge Frau, edelpräsent ohne Schmäh, pfiffig und taff, mit einem unverstellt bübischen Charme, dass man eigentlich gar nichts verzehren muss, um dieses Lokal zu empfehlen, erlebt man selten. Doch was auf den Tisch kommt, ist auch auf bestechendem Niveau, was man von solchen Lagen nicht immer behaupten kann: Ein Teller Schafskäse mit Herz, ein Teller Jamon Iberico mit Schmelz und ein Teller babyzarter Iberico-Medallions mit Schmelzkäse und Kartoffelchips. Mit einem Männerbier (0,4 l), wie es die Bedienung mit drolliger Bizeps-Geste bezeichnet, einem Glas Weißwein und einem Espresso beläuft sich die Rechnung auf 31,50 €, was nicht billig ist, aber nicht nur für die Lage, sondern auch bezüglich der Qualität preiswert. Wir können die Bar nur empfehlen.  

Um 14:05Uhr fahren wir wieder zurück und werden um 14:20 Uhr an den Toren des Campingplatzes entlassen.  

Es folgt der Gassigang der Mädels und der Kaffeeklatsch. Aber die Reiseleiterin ist unzufrieden. Sie sitzt in der Wetterjacke und mit über den Kopf gezogener Kapuze am Wegrand und schmollt. Dieser Mensch, der mit nahezu allen Lebenssituationen umgehen kann, weil sie sie nimmt, wie sie eben sind, wird depressiv, wenn ihr Licht fehlt. Und unter dem Zeltdach herrschen gelbgraue Lichtverhältnisse wie im Saharastaub. Das nimmt ihr die Lebensfreude. Im Franz, der mit der Nase voran unter der Plane steckt, ist es fahl-schummrig, eine Beleuchtung, die dem Chronisten schmeichelt und ihn inspiriert. Für die Reiseleiterin ist der folgende Abend eine Qual, denn gegen 16:30 Uhr setzt der erwartete Regen ein und der Freisitz am Weg ist keine Alternative mehr. Wenn es wenigstens eine Blaue Stunde wäre, aber eine aschgelbe...  

Wir machen uns wieder einmal kalte Nudeln und lauschen wortlos dem Plätschern auf Franzens Heck. Die Mädels sind nach ihrem Nachtgang pitschenass und Fianna muss den Rest des Abends wieder einmal im Frotteemantel verbringen. Damit sind schon zwei der vier im Depri-Modus, den die Reiseleiterin damit beendet, dass sie im Bett verschwindet und sich die Decke über den Kopf zieht.  

Wenn das so weitergeht, und das Wetter wird so weitergehen, wird auch der Chronist depressiv und die Weiterreise wäre akut gefährdet. Es muss etwas geschehen.