Donnerstag, 21.4.2022

Es ist sonnig morgens, nur ein wenig verschleiert zeigt sich der Himmel. Um 10 Uhr messen wir 14 °C.  

Wir machen uns und den Franz fertig und bezahlen für die zwei Tage 71 £ (nein, das Vereinigte Königreich ist kein geeignetes Revier für Billigurlaub). Erfolglos schleicht die Reiseleiterin noch einige Male um den Sanitärblock herum, um die Frau zu treffen, die ihr den Como-Tipp gegeben hat. Nichts zu machen, sie lässt sich nicht sehen.  

Kurz nach 11 Uhr verlassen wir den New Forest Nationalpark bei sehr heiteren 18 °C heiter. Schon nach 33 Kilometern, um 12 Uhr, kommen wir in Salisbury an (das übrigens nicht mit dem von Peter Gabriel besungenen Solsbury Hill gemein hat, der liegt bei Bath in Somerset). Weil unsere Chipsies wieder einmal ihren Kreiselkompass auf Umlauf gestellt haben, kreiseln wir, sehr zum Unmut des Chauffeurs, durch einige Engstellen der Stadt, auf die er gut und gerne verzichten könnte. Schließlich finden wir doch noch die Einfahrt zum Central Car Park von Salisbury [N 51° 04' 20,8'' W 001° 47' 56,2'']. Weil es hier keine Busparkplätze gibt und unser Franz zwei Plätze beansprucht, zahlen wir zweimal 2,50 £ Gebühr. Die Sonne lacht uns weiterhin bei 16 °C an.  

Wir bummeln durch die Stadt zur Kathedrale, wobei wir bedauernd feststellen müssen, dass auch diese altehrwürdige Stadt nicht vor dem gnadenlosen Zugriff des Tourismus verschont geblieben ist. Aber einen gewissen Charme kann sie dennoch nicht ganz verbergen. Die Straßen im Zentrum führen offenbar alle auf die Kathedrale zu, weswegen man sich kaum verlaufen kann, wenn man diese zum Ziel hat.  

Und dann stehen wir vor dieser monumentalen Kathedrale aus der ersten Hälfte des 13. Jh., von der nicht wenige behaupten, sie sei die schönste Englands. Vor der den Betrachter nahezu überwältigend gestalteten Westfassade stellt sich uns nun die immer wieder aktuelle Frage: Wollen wir für den Besuch eines Gotteshauses bezahlen? In diesem Fall fällt die Entscheidung schon nach wenigen Sekunden: Aber natürlich, zumal sich der Preis von 10 £, verglichen mit den Preisen, die uns andernorts abverlangt wurden, geradezu bescheiden ausnimmt. Zudem gilt das Ticket ein Jahr (wer also bis 21.4.2023 die Kathedrale besuchen möchte, kann sich bei uns die Tickets abholen). Wie in Arundel Castle sind auch in der Kathedrale überall auskunftsfreudige Stewards und Stewardessen postiert, die sich viel Zeit nehmen, uns alle Fragen zu ihrer Kathedrale mit Stolz und spürbarer Liebe, aber auch mit Ehrfurcht zu beantworten. Dafür plündern wir unsere Reisekasse gerne um diese bescheidenen, aber, wie wir sofort bestätigt bekommen, bestens angelegten 10 £.  

Im Gegensatz zu vielen anderen gotischen Kathedralen wirkt die Marienkathedrale von Salisbury nicht finster, sondern fast lebensfroh. Sie nimmt uns mit ihrer ungewohnten Leichtigkeit vom ersten Augenblick an gefangen. Wenn man sich einmal auf sie eingelassen hat, muss man sich in ihr verlieren und kann sie kaum wieder verlassen.  

Dabei ist der beeindruckende Kirchturm noch die unspektakulärste Attraktion, und das will schon etwas bedeuten. Mit 123 Metern ist er der höchste Kirchturm Englands. Allerdings wurde er erst 1315 nachträglich auf das Kirchenschiff gesetzt und dabei versäumt, die tragenden Pfeiler des Schiffs zu verstärken. Seither musste der Turm mehrmals durch zusätzliche Stützen gesichert werden.  

Ein richtiger Hingucker ist die älteste, noch funktionierende Kirchturmuhr Großbritanniens, wahrscheinlich der ganzen Welt. 1386 wurde sie in den freistehenden Glockenturm installiert. Die Uhr hat kein Ziffernblatt, zeigt dafür jede volle Stunde mit einem Glockenschlag an. Bis 1792, als der Glockenturm eingerissen wurde, erfüllte sie ihren Dienst. Dann fand sie einen neuen Arbeitsplatz im verbliebenen Kirchturm, wo sie bis 1884 in Betrieb war. Dann wurde sie, wie man meinte, nicht mehr gebraucht, abmontiert und vergessen. Erst 1929 fand man sie zufällig wieder auf einem der Dachböden der Kathedrale, reparierte, restaurierte und installierte sie in der Kathedrale. Seit 1956 darf sie wieder ticken und ein Blickfang sein.  

Vielleicht einige interessante Zahlen zur Kathedrale, weil man ihr in einem so kurzen Abriss sowieso nicht gerecht werden kann: Das Langhaus der Kathedrale ist genauso breit wie hoch. In der Kathedrale ist mehr Purbeck-Marmor verbaut als in irgendeiner anderen Kathedrale weltweit (Purbeck-Marmor ist kein eigentlicher Marmor, sondern ein Sedimentgestein, das besonders gut poliert werden kann und deshalb sehr häufig im Kirchenbau zum Einsatz kam). Die Zahl der Säulenschäfte beläuft sich auf 8760, für jede Stunde des Jahre eine. Auch die Zahl der Fenster hat symbolischen Wert: 365, für jeden Tag des Jahres eines.  

Zu all dem kommen die vielen berühmten, gelegentlich auch berüchtigten Protagonisten der englischen Geschichte, die hier in ihren Sarkophagen die letzte Ruhe gefunden haben.  

Eine Augenweide ist auch das 2008 von William Pye geschaffene Taufbecken mit stetig fließendem Wasser. Es steht mitten in der Kathedrale und fügt sich trotz seiner modernen Form nahtlos ins Gesamtbild des Kirchenschiffs. In die Schlagzeilen geriet dieses Taufbecken weltweit im Dezember 2021, als für die Probe zu einem Krippenspiel drei Kamele und ein Esel in die Kirche gebracht wurden (Tiere dürfen mit in die Kathedrale genommen werden), worauf die Kamele das halbe Taufbecken leertranken. Die Stewardess, mit der wir über dieses Ereignis plauderten, lacht sich heute noch schief und bucklig über diesen Auftritt.  

Einen weit mehr als feuilletonistischen Wert, wie es die Kamele haben, hat der vermutlich wertvollste Schatz der Kathedrale: Eines der vier verbliebenen Exemplare der Magna Carta, und dazu noch das besterhaltene.  

Wir haben die Magna Carta schon im Zusammenhang mit den Earls of Arundel erwähnt, die dabei eine wesentliche Rolle spielten. Wir können und wollen an dieser Stelle nicht die gesamten Hintergründe ausbreiten, die zur Magna Carta (Der Große Freibrief) führten, sondern nur einige Stichworte dazu geben. Die Magna Carta ist es jedoch wert, sich mit ihr etwas näher zu beschäftigen.  

Die Zeiten nach Wilhelm, dem Eroberer waren, wie üblich, sehr turbulent und von einer Vielzahl von Machtkämpfen geprägt. Unter der Herrschaft seines Nachfolgers, Stephan von Blois, brach dann allerdings weitgehende Anarchie aus. Weil er im englischen Bürgerkrieg (1134 bis 1154) fast ausschließlich damit beschäftigt war, um den englischen Thron zu kämpfen, begannen die Adeligen, eigene Armeen aufzustellen und Burgen zu bauen, wodurch sie die königliche Macht untergruben und die Herrschaft über ihre eigenen Besitzungen festigten.  

Als Heinrich II. 1154 den englischen Thron bestieg, änderte sich dies. Er beschnitt die Macht der Barone, ließ die unerlaubt gebauten Burgen belagern und gleichzeitig eigene Festungen bauen. Ende des 12. Jahrhunderts gehörte daraufhin die Hälfte aller Burgen der Krone. Mit einem effizienten Beamtenapparat schuf Heinrich die Voraussetzung, die Barone zu kontrollieren und ihnen große finanzielle Lasten aufzubürden. Die Privilegien der Barone schwanden. Das Verhältnis zwischen König und Baronen veränderte sich zu einem Vasallenverhältnis. Die alten königlichen Rechte auf finanzielle Hilfen, veränderten sich dahingehend, dass die Barone entweder Geld oder Soldaten für Armeen zur Verfügung stellen mussten, die über lange Zeiträume hinweg auf dem Kontinent eingesetzt werden konnten. Dies war von großer Bedeutung, denn sowohl Heinrich wie sein Nachfolger Richard Löwenherz hielten sich die meiste Zeit in Frankreich auf und nutzten England zur Finanzierung ihrer Kriege auf dem Festland.  

Nach dem Verlust weiter Teile seiner Besitzungen in Frankreich, verbrachte König Johann (Ohneland) wesentlich mehr Zeit mit Regierungsgeschäften in England, als sein Bruder Richard Löwenherz oder sein Vater Heinrich II. vor ihm. Während deren Abwesenheiten hatten sich die Barone eine weitgehende Autonomie geschaffen, die nun wieder beschnitten wurden. Das konnte den Baronen nicht gefallen, zumal Johanns Herrschaft zunehmend tyrannische Züge aufwies. Seine erfolglosen Versuche, die Besitzungen in Frankreich zurückzugewinnen, verschlangen sehr viel Geld. Deshalb erhob Johann von seinen Baronen innerhalb von 15 Jahren zwölfmal ein Schildgeld, also eine Art Wehrsteuer, mit der sich die Barone von der Dienstpflicht von Feldzügen freikaufen. Das Geld wurde in die Finanzierung von Soldtruppen investiert. Diese enormen Forderungen überstiegen die Schildgeldforderungen seiner Vorgänger um ein Vielfaches. Dazu kamen weitere finanzielle Belastungen, sodass die Barone fürchteten, vom König ruiniert zu werden, was in einigen Fällen auch zutraf.  

Die Situation spitzte sich zu, als Johann einen weiteren Feldzug gegen Frankreich wegen Geldmangels absagen musste. Viele der Ritter und Barone waren erbost, weil sie die Kosten für einen Feldzug nach Frankreich tragen sollten, der nach ihrer Auffassung ihre Lehenspflicht überstieg, da er außerhalb des Reiches führte.  

Im Februar 1214 brach Johann erneut zu einem Feldzug nach Frankreich auf, der mit einer vernichtenden Niederlage endete. Als er im Oktober 1214 nach England zurückkehrte, wollte er sofort die ausstehenden Schildgelder seiner Barone eintreiben. Die Barone verweigerten ihm jedoch die Zahlung. Im November traf sich eine Gruppe der unzufriedenen Barone und schwor sich, dass sie sich nicht länger an ihren Lehenseid gebunden fühlen würden, wenn Johann ihnen weiterhin ihre alten Rechte verweigern würde. Notfalls wollten sie in einem Krieg gegen den König um ihre Rechte kämpfen.  

Am 6. Januar 1215 traten die bewaffneten Barone in London vor den König und verlangten die Einhaltung der Gesetze. Nachdem Johann nicht bereit war Zugeständnisse zu machen, es ihm aber auch nicht gelungen war, die gemäßigten Barone auf seine Seite zu ziehen, begannen diese mit der Belagerung der königlichen Burg von Northampton. Ihre Forderungen an den König schrieben sie in einer 48 Artikel umfassenden Auflistung nieder.  

Die Situation verschlechterte sich für den König, als sich auch die City of London den Rebellen anschloss. Nun willigte er ein und vereinbarte mit ihnen ein Treffen am 15. Juni. Johann erschien mit wenigen Beratern und Freunden, während die Rebellen mit ihrer Armee erschienen. Nach zähen Verhandlungen stimmte Johann vermutlich schon am ersten Tag den wesentlichen Forderungen der Rebellen zu. Bis zum 19. Juni kam es dennoch zu weiteren Verhandlungen um einzelne Punkte. Schließlich erkannte der König die Forderungen der Rebellen, die auf den 15. Juni datiert waren, mit seinem Siegel an. Die Magna Carta war in der Welt.  

Wer möchte, sollte sich die Artikel der Magna Carta ansehen, viele davon sind für uns aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar oder bedeutungslos. Aber sie beschränkte erstmals die Rechte eines allmächtigen Potentaten und legte das erste Samenkorn einer Konstitutionellen Monarchie. Noch immer ist die Magna Carta Grundlage des Rule of law, des Rechts und der Bildung des Parlaments in Großbritannien. Allerdings sind die meisten ursprünglichen Artikel durch sogenannte Statute Law Revision Acts (Gesetze zur Revision des gesetzten Rechts) im Laufe der Zeit abgeschafft und durch neue Gesetze ersetzt worden, so dass die Magna Carta größtenteils nur noch historische und symbolische Bedeutung hat. Vier Artikel sind jedoch weiterhin Teil des Rechts in England und Wales.  

Die Magna Carta, die weithin als eines der wichtigsten rechtlichen Dokumente bei der Entwicklung der modernen Demokratie angesehen wird, war ein entscheidender Wendepunkt in der Bemühung, Freiheit zu etablieren. Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen von 1948 wird in Anlehnung an dieses Dokument auch als Magna Carta für die ganze Menschheit bezeichnet. Auch Artikel 6 der „Europäischen Menschenrechtskonvention" lässt sich auf die Magna Carta zurückführen.  

Wir stehen zutiefst beeindruckt vor dem sehr gut erhaltenen, 800 Jahre alten Blatt Papier. Seine winzige, in Latein verfasste Schrift können wir nicht entziffern. Vermutlich ist sie so klein gehalten, damit sie nur das scharfe Auge des Gesetzes lesen kann. Lange unterhalten wir uns mit einer der Stewardessen über dieses Dokument, dabei weist sie uns auf den Artikel 8 hin, den man getrost als ersten Ansatz zu Frauenrechten interpretieren kann: „Keine Witwe soll zur Heirat gezwungen werden, solange sie ohne Ehemann leben will...". Als wir uns gerade verabschieden wollen, hält sie uns noch kurz zurück und sagt: „Letztlich ist nicht wichtig, was in der Magna Carta steht. Wichtig ist vor allem, dass sie geschrieben wurde."  

Wir müssen gestehen, dass uns bisher noch keine Kathedrale innerlich so berührt hat wie diese. Unter diesem Eindruck schlendern wir wieder zum Franz zurück. Vielleicht ist es die besonders feinsinnige Ästhetik dieser Kathedrale und ihr nachhaltiges Schwingen, das uns für die allgegenwärtigen Grobheiten überempfindlich gemacht hat, jedenfalls haben wir den Eindruck, noch nie so viele unappetitliche, fette Menschen angetroffen zu haben wie auf diesen wenigen Minuten auf unserem Weg zurück. Um nicht missverstanden zu werden: Wir reden nicht über wohlbeleibte oder vielleicht dicke Menschen, nein wir reden von solchen, deren Wänste bis fast zu den Knien hinabschwabbeln, dabei meist noch mehr als unzureichend verhüllt zur Schau gestellt werden. Vor allem die vielen wirklich fetten Frauen machen uns fassungslos, deren Massen unter viel zu kurzen Spitzenkleidchen hervorquellen. Falls jemand nun den Verdacht hegt, der Chronist sei ein unverbesserlicher Macho und Frauenfeind, dem halten wir entgegen, dass sich auch die Begleiterin öfter angewidert abwenden muss. Auch betonen wir, dass es eine beträchtlich Zahl von Männern zu ertragen gibt, die sich nicht von den Frauen unterscheiden. Ob eine Frau eine nabelfreies Trägershirt oder ein Mann ein nabelfreies Unterhemd über seinem Wanst trägt, macht keinen Unterschied. Aber der Chronist betätigt gerne, dass er ein hoffnungsloser Hetero ist, weshalb eine solche weibliche Formenlosigkeit schwerwiegenderen Schaden bei ihm anrichtet als der unverhüllte Fettranzen eines Mannes. Den kann er ignorieren. Selten wird einem der Antagonismus der Welt so plakativ vor Augen geführt wie hier und heute: Einerseits die grazile, luftige und erhabene Gotik des Gotteshauses, anschließend der ordinäre Barock der Fettwülste, wobei sich die Damen der Rubenswelt gegen diese Exemplare in Salisbury geradezu gotisch ausnehmen.  

Um 14:15 Uhr verlassen wir Salisbury mit der Empfehlung an jedermann: unbedingt besuchen! Es ist wolkig bei 19 °C. Schon nach 15 Kilometern stehen wir um 14:30 Uhr am nächsten Parkplatz: Stonehenge! [N 51° 11' 08,7'' W 001° 51' 37,5''].  

Früher konnte man diesen berühmtesten aller Megalith-Steinkreise noch nahezu ungehindert besuchen, aber die Horden von Spiritisten, Esoteriker, Druiden- und Hexenanhänger, die dort ihre Rituale zelebrierten, haben dazu geführt, dass nun kein direkter Zugang mehr möglich ist. Es ist ein riesiger Parkplatz vorgeschaltet, dazu ein Bus- und Camperparkplatz, alles bestens organisiert. Wer möchte, kann dann die knapp drei Kilometer zur Anlage zu Fuß gehen oder einen kostenlosen Bus nehmen, der alle fünf Minuten fährt.  

Es ist nicht viel los, der Bus- und Womo-Parkplatz ist fast leer, aber als wir losgehen, treffen wir die ersten Holländer überhaupt in England, neben deren Camper wir unseren Franz abstellten. Die sind einigermaßen aufgebracht über die unverschämten Preise und dass man fast dazu genötigt würde, dem Heritage Fond beizutreten. Wir lassen uns davon nicht beirren, denn über Preise machen wir uns in England schon längst keine Gedanken mehr. Wir gehen zum Info-Center und sehen nach, was auf uns zukommt. 24 £ pro Nase kosten die alten Steine, kein Seniorenrabatt. Allerdings wird uns sehr schlüssig, aber freundlich eine die Mitgliedschaft bei Englisch Heritage ans Herz gelegt.  

English Heritage ist (inzwischen) eine eingetragene Wohltätigkeitsorganisation (registered charity), welche die in Staatsbesitz befindlichen Denkmäler und archäologischen Stätten Englands verwaltet. Die Organisation verwaltet über 400 historisch wertvolle Objekte, auch in Schottland, Wales und Irland. English Heritage darf nicht mit dem National Trust verwechselt werden, der vorwiegend im Bereich der Denkmalpflege und des Naturschutzes tätig ist. Die Mitgliedschaft gilt ein Jahr und berechtigt zu freiem oder halbiertem Eintritt, sowie kostenlosem Parken auf den Heritage-Parkplätzen. Wir erkundigen uns und lassen uns beraten und finden, das könnte sich lohnen. Für uns beide (Erwachsene und Senior) zahlen wir 88 £ und sind uns sicher, dass wir diese Investition schnell wieder eingespielt haben werden. Heute wären schon 48 £ fällig gewesen.

Während unsere Mitgliedschaft im Besucherzentrum in die Tat umgesetzt wird, Namen, Adresse und all die Dinge auf die Reihe gebracht werden, die in solchen Angelegenheiten von Bedeutung sind, plaudern wir ein wenig mit einer langen, blonden Angestellten, die sich als Hamburgerin outet, schon lange hier lebtbund nun in Stonehenge angelernt wird, immer schön angeleitet von einer kürzeren, etwas pummeligeren Engländerin, die uns während dieser Plauderei den dringenden Tipp gibt, unbedingt Como zu besuchen. COMO?! Sagten Sie Como? „Yes, Como", nun allerdings in einer etwas gepflegteren Aussprache, was den Schluss nahelegte, dass sich in der Mitte dieses Como ein „r" aufhalten könnte, also etwa Co(r)mo. Und nun fällt es uns beiden wie zerbröselnde Hinkelsteine von den Ohren: Das soll Cornwall heißen! Man, wie blöd muss man sein! Aber natürlich wollen wir dort hin, versichern wir den beiden, ist längst ausgemachte Sache. Und dann erzählen wir ihnen unsere komische Como-Story, worauf wir uns alle vier vor Lachen beinahe in den Armen liegen.

Nun ist auch dieses Geheimnis gelüftet und wir gehen mit unserem provisorischen Mitgliedsausweis (der offizielle wird uns zugeschickt) davon, geradewegs zum Bus, denn es ist bereits 15 Uhr und die Steine machen um 17 Uhr Feierabend. Es macht also keinen Sinn, unnötige Zeit mit dem Anmarsch zu verplempern, was dem Chronisten-Knie sehr entgegenkommt.  

Mit dem Bus fahren wir nun zu den Steinen, was gerade mal drei Minuten beansprucht, und dann stehen wir vor einem der größten Rätsel der Geschichte. 5000 Jahre sind sie etwa alt und immer weiß man noch nicht so genau, zu welchem Zweck sie so aufgestellt wurden und vor allem, wie unsere Vorfahren diese tonnenschweren Klötze überhaupt bewegen und dann auch noch so ausrichten konnten. Vermutungen gibt es bekanntlich genug, nur wissen tut niemand nichts.  

Eigentlich war der Chronist nicht wirklich erpicht darauf, dieses Welträtsel besuchen zu sollen, weil man es eben schon tausendmal gesehen und so ziemlich alles, was darüber bekannt ist, auch weiß. Aber nun ist er hier, weil die Reiseleiterin darauf bestand: Wenn man in dieser Gegend ist, muss Stonehenge sein! Der erste Eindruck: Das hätten wir uns größer vorgestellt. Der Steinkreis beträgt nur rund 30 Meter im Durchmesser.  

Wir umschreiten ihn einmal gegen den Uhrzeigersinn, langsam, immer wieder einen Blick auf die Info-Tafeln richtend und prüfend, wie die Sonnwendsonne durch welche Steine blinkern soll. Zum Ende unseres Besuchs lassen wir uns das noch genauer mit einem Panorama-Filmchen im Info-Center veranschaulichen.

Es sind nicht viele Menschen hier, was uns den Rundgang entspannt angehen lässt. Von einer überaus liebenswerten jungen Besucherin, die offenbar Freude daran hat, anderen Menschen eine Freude zu machen, reihum geht und Handy-Fotos schießt, lassen auch wir uns vor den Hinkelsteinen ablichten.  

Als wir uns an der Südseite des Weltwunders herumdrücken, beschleicht uns eine leise Ahnung, warum sich relativ wenige Besucher mit uns hier aufhalten: Alle anderen sehen es sich anscheinend lieber von der Straße aus an. Wenige Meter neben dem Steinkreis verläuft die A 303 von Amesbury nach Exeter. Und dort herrscht stehender Verkehr, der nicht auf einen gewöhnliche Nachmittagsstau zurückzuführen ist: Das sind alles Stonehenge-Gaffer, denn kaum sind sie außer Blickweite, fließt der Verkehr wieder. Diese Leute sparen sich den Beitrag für English Heritage, überfrachten dafür lieber die English Verkehritage.  

Aber es gibt noch eine andere Sorte von Zaungästen, liebenswerte und sehr unterhaltsame: Dohlen. Dohlen findet man in England überall, wo es altes Gemäuer gibt, was kein Wunder, schon gar kein Weltwunder ist, weil Dohlen Höhlenbrüter sind und nichts mehr schätzen als altes, löchriges Mauerwerk, in das man sich drücken kann. Wenn ein solches Gemäuer auch noch von Menschen besucht wird, von denen man eventuell eine kleine Gabe erwarten kann, erfreut sich dieses besonderer Beliebtheit. Und in dieser Hinsicht, liegt Stonehenge ganz vorn. Rings um den Steinkreis hocken die lustigen Gesellen auf dem Zaun, der das Gelände abgrenzt, und versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, wobei sie keine Mühen scheuen und ein allerliebstes Kasperletheater um die besten Plätze aufführen. Weil es offenbar Menschen gibt, die extra hierherkommen, um die Vögel zu füttern, werden ihre Bemühungen auch regelmäßig belohnt. Und uns liefern sie ein herzerfrischendes Schauspiel. 

Als wir einmal herum sind, sind wir uns zwar einig, dass sich der Besuch zumindest für den Reisealmanach gelohnt hat, wir aber genauso schlau sind wie zuvor. Wieso sollte es uns besser ergehen als tausend Archäologen. Aber wir müssen uns nicht vorwerfen lassen, in England gewesen und Stonehenge verschmäht zu haben.  

Wir nehmen den Bus zurück und fahren um 16:15 Uhr weiter. 

Um 16:45 Uhr parken wir in Steeple Langford auf dem Hof des Rainbow-on-the-Lake-Pub [N 51° 08' 06,3'' W 001° 56' 25,6'']. Hier stehen wir völlig allein. Um 18 Uhr sitzen wir im Wintergarten des Pubs über einem kleinen See und schaufeln Fish & Chips in uns hinein, die wir mit zwei Pints leichtgängig machen. Um 19:30 Uhr sind wir wieder bei den Mädels, genießen die wolkenlosen 15 °C und nach den schwergängigen letzten Tagen ein flitzschnelles Internet – im Hinterhof vom Niemandsland.