Freitag, 29.4.2022

Um 10 Uhr ist es sonnig und windstill, die Mädels treiben sich am Friedhof und in den Scherben einer von Mythen getränkten Geschichte herum.  

Dann haben wir Hunger und die Tafel vor dem King Arthur's Arms macht uns Appetit auf ein echtes englisches Frühstück; einmal auf unserer Reise müssen wir diese kulinarische Unmöglichkeit auf dem Tisch haben. Das Wetter lässt gar nichts anderes zu, als einen Platz im Freien einzunehmen. Dann werden uns Würste, Speck, Bohnen, schlapprige Pilze und Rösti serviert, das zweite Frühstück besteht dagegen aus Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade. Die beiden Frühstückswelten teilen wir uns partnerschaftlich, begleitet wird das Ensemble von zwei Teepötten mit Milch (Cornish Cream Tea). Unsere bevorzugte Frühstücksvariante wird das sicher nicht, aber an Tagen wie diesen, wo wir uns zwischen schaurig und gruselig bewegen, darf es auch mal englisches Frühstück sein, das beide Attribute in idealer Weise unterstreicht.  

Um 11:40 Uhr verlassen wir Tintagel bei sehr sonnigen 14 °C, die wenigen Wolken stören nicht. Eher stört, dass die Navigatorin gleich nach unserer Abfahrt den Kurs versemmelt, worauf wir Kilometer um Kilometer in hautengen Straßenschläuchen zubringen. Die schaurige Gruseligkeit findet somit eine konsequente Fortsetzung. Wenn der Chauffeur zu jenem Zeitpunkt gewusst hätte, dass es noch gruseliger kommen würde, hätte er sich über diese kleine Verfehlung nicht mokiert.

Um 14:30 Uhr durchbrechen wir die mythischen Nebel von Glastonbury und machen im Isle of Avalon Touring Park Quartier [N 51° 09' 13,6'' W 002° 43' 33,5'']. Die Sonne lacht uns auch hier bei 16 °C.  

Es ist keine Selbstverständlichkeit, hier eine Unterkunft zu finden, denn zwei der drei Campingplätze von Glastonbury sind ausgebucht, und nur einer Eingebung zufolge, die der Reiseleiterin gestern zuflüsterte, besser mal nachzufragen, ob wir willkommen sein würden, ist es zu verdanken, dass wir uns nun auf diesem wirklich attraktiven Platz ausbreiten können. Denn auch dieser Pitch wurde direkt vor ihrem Anruf nur wegen einer Absage frei, sonst hätten unser Versprechen, das wir im Woolpack Inn dem Gaa-ga-ga-gack-Moorhuhn aus Glastonbury gegeben haben, nicht einlösen können. Glastonbury ist ausgebucht! Aber wir sind trotzdem da! Damit ist die navigatorische Verfehlung von heute wettgemacht.  

Aber was ist denn hier los, dass sich alle Welt in Glastonbury trifft, aber uns nichts davon erzählt hat? Glastonbury hat es offensichtlich verstanden, aus den mythischen Nebeln rund um Arthur und Avalon Honig zu saugen und sich zu einer Event-Stadt aufzubauen. Einen ersten Eindruck davon bekommt man, wenn man meint, es genüge, bei Google nur das Stichwort Glastonbury eingeben zu können, um beispielsweise langatmige Abhandlungen über Glastonbury bei Wikipedia vorgelegt zu bekommen. Weit gefehlt: Glastonbury scheint es überhaupt nicht zu geben, nur ein Glastonbury Festival. Und um dieses dreht sich seitenlang alles: Allgemeine Infos, Ticketdienste, Line-Ups, was man eben damit in Verbindung bringt.  

In Glastonbury findet nämlich seit 1970 jährlich zur Sommersonnenwende (!) ein Musikfestival statt, dass von Folk über Rock bis Jazz und Weltmusik alles bietet. Damals versammelten sich die Hippies um einen Megalithkreis auf dem Grund des Bauern Michael Eavis und versuchten eine Fortsetzung des legendären Woodstock auf die Beine zu stellen. Dass sie ihre Sache gar nicht so schlecht gemacht haben, zeigt sich an der Teilnahme von Marc Bolan, Quintessence und Al Stewart. Die 1.500 Besucher dürften zufrieden gewesen sein.  

Schon im folgenden Jahr konnten die Verantwortlichen Hawkwind, Traffic, Melanie, David Bowie, Joan Baez, Fairport Convention und ein weiteres Mal Quintessence verpflichten – bei freiem Eintritt. Das Festival entwickelte sich von Jahr zu Jahr zu einem der weltweit größten Open-Air-Festivals und wurde zum festen Bestandteil des internationalen Tour-Kalenders. Beim letzten Festival vor dem Covid-Aus im Jahr 2019 besuchten über 200.000 Besucher das Festival.  

Dieses Jahr kann es endlich wieder losgehen, und zwar vom 22. – 26. Juni. Dass das Festival, anders als vieles andere, offensichtlich keinen Corona-Schaden erlitten hat, zeigt das prominente Line-Up mit Paul McCartney, Billie Eilish, Diana Ross, Noel Gallagher, Herbie Hanckock, Robert Plant, Tanita Tikaram, Crowded House, Rufus Wainwright oder Kendrick Lamar, und das sind nur jene, die auch beim ältlichen Chronisten einen gewissen Zungenschnalz auslösen. Dazu gesellt sich noch einmal die doppelte Zahl von Künstlern, die bei ihm nur Fragezeichen auslösen, was allerdings keine Aussagen über deren künstlerischen Wert, höchstens eine über die musikalische Verrostung des Autors trifft.  

Wie sehr sich die Stadt in der Musikszene einen Namen gemacht hat, lässt sich auch an ganz anderer Stelle nachvollziehen. Hat schon mal eine(r) unserer Verfolger(innen) die Night of the Proms besucht? Diese endet mit der Nationalhymne und „Auld Lang Syne". Direkt davor wird die Hymne „Jerusalem" gespielt. Sie beruht auf der Vertonung des "Jerusalem"-Gedichts von William Blake  durch Hubert Parry, in dem Glastonbury indirekt Erwähnung findet. Glastonbury hat offenbar seine Finger überall drin.  

Das Festival Ende Juni kann jedoch nicht bereits heute schon die Campingplätze Glastonburys verstopfen. Der Grund ist in einer Reihe von Veranstaltungen und Events zu suchen, die auch an diesem Wochenende stattfinden – Glastonbury scheint, wie New York, nie zu ruhen. Ein Blick auf den Kalender gibt Aufschluss: Morgen ist der 30. April und übermorgen der 1. Mai. Und dazwischen liegt die Walpurgisnacht. Und wenn es irgendwo auf der Welt ganzjährig hexisch, druidisch, faunisch, schwurbelig, esoterisch und spiritistisch zugeht, dann in Glastonbury.  

Glastonbury ist eine Kleinstadt mit knapp 9.000 Einwohnern. Was jedoch die Ewig-Suchenden und Nie-Fündig-Werdenden, die Althippies und Neugrufties, die Vernebelten und Verzopften, die Verhuschten und Vergeistigten, die Namenstänzer und Klangschalenklingler hierher verschlägt, beruht nicht nur auf der unerfüllten Sehnsucht nach Woodstock und dessen kommerziell ausgeschlachteter Unsterblichkeit, sondern auf einem genial mit König Arthur und Avalon zusammengeschwurbelten Mythenmix: Arthur und Tour-Art, Avalon und Donovan, Gral und Gras.  

Morgen werden wir uns diese Stadt näher ansehen und bekommen schon auf dem Campingplatz eine leise Vorahnung, woraus der touristische Reiz Glastonburys besteht. Noch ist der Platz bestenfalls zur Hälfte besetzt, die andere Hälfte wird sich morgen füllen, aber schon heute schweben Menschen mit gebatikten Pluderhosen und Wallekleider an uns vorüber, es trommelt und pfeift aus allen Himmelsrichtungen und die Luft ist schwer von Weihrauch, Sandelholz und Patschuli. Unter den Nebeln von Avalon hatten wir uns etwas ganz anderes vorgestellt.  

Wir werden der Sache noch auf den Grund gehen. Für heute freuen wir uns über diesen schönen Platz mit Kies-Pitches, dazwischen Rasenflächen, um sich darauf zu ergehen. Die Sanitäranlagen sind neu und blitzsauber, und zur Rezeption gehört ein kleiner Laden für alles Nötige. Mit 35,50 £ (alles inklusive) gehört der Avalon Touring Park allerdings nicht zu den Sonderangeboten. Aber vielleicht ist ja auch ein wenig Erleuchtung im Preis inbegriffen.  

Wir kommen auch hier nicht mit Luft, Liebe und Manna über die Runden, sondern machen uns abends köstliche Spaghetti mit Lachs-Sahne-Soße, die, wie die Reiseleiterin schmachtend erwähnt, dem Koch noch nie so endzeitlich gut gelungen seien. Ist ja vielleicht doch etwas dran an den besonderen vibrations und der Erleuchtung...