Montag, 9. / Dienstag, 10.5.2022

Wir erwachen bei echtem Irenwetter: massig bewölkt, Regen, Wind bei 13 °C. Dass bei solchem Wetter Franzens Auslegeware nur zum Teil trocknete, überrascht nicht. Der feuchte Teil ruht weiter im Tamilenfach auf den Campingmöbeln. That's life.  

Um 12:10 Uhr verlassen wir Kilkenny nicht ohne eine guinnessfarbige Träne im Knopfloch.  

Heute haben wir das gleiche Ziel auf dem Zettel wie unsere Düsseldorfer und die 15 anderen SeaBridge-Reisenden, was nicht erstaunlich ist, denn dieses Ziel ist wahrscheinlich auf jedem Irland-Trip so unumgänglich wie Schloss Neuschwanstein oder die Fontana di Trevi: Rock of Cashel.  

Der Rock of Cashel ist ein touristischer Brennpunkt, nur die dazugehörige Infrastruktur wird dem nicht gerecht. Der Parkplatz unter dem 65 m hohen Hügel, auf dem das alte Gemäuer thront, ist gemessen an dem Besucheraufkommen, mit Verlaub gesagt, peinlich klein.  

Als wir dort um 13:40 Uhr ankommen [N 52° 31' 10,7'' W 007° 53' 19,0''] ist er voll. Wir vermuten, dass dieser Parknotstand auch der Grund dafür ist, dass man die ersten 20 Minuten kostenfrei auf den Parkplatz darf; das gibt nicht nur uns die Gelegenheit, dreimal im Kreis zu fahren und festzustellen, dass kein Hocker frei ist, ohne dafür auch noch bezahlen zu müssen. Von der Reisegruppe sehen wir sieben auf dem Parkplatz, die anderen neun stehen, wie wir erfahren, irgendwo auf den Straßen von Cashel. Da fragen wir uns schon wieder, warum man viel Geld bezahlt und dann nicht einmal einen Parkplatz bekommt, ohne eineinhalb Kilometer laufen zu müssen. Wir wissen, dass die Reiseleitung ihren Schäfchen empfohlen hat, früh anzureisen, weil die Parksituation schwierig sei. Jetzt ist es aber fast 14 Uhr. Wann sind die losgefahren und wie lange stehen und warten die denn schon hier, ihre Führung beginnt nämlich erst jetzt.  

Wir fahren wieder raus und haben das Glück, gleich nach ein paar Metern, an der Straße einen freien Platz zu finden, in den wir uns sofort hineinschmiegen. Geht doch! Aber wenn es nicht gegangen wäre, wären wir weitergefahren und hätten uns dann entschieden, ob wir morgen oder übermorgen einen neuen Versuch wagen wollen oder das Highlight schnöde verlöschen lassen; wir müssen nicht, wir dürfen wenn und wann wir wollen. Auch diese Möglichkeit haben die geführten Reisenden nicht: hier ist heute Rhodos, und wenn sie nicht springen (können), dann ist der Cashel out und over.  

So aber steigen wir bei 12 °C und Nieselregen den kleinen Berg hinauf. Wir zahlen weder 8 € noch 6 €, sondern nichts, weil auch der Rock of Cashel vom Irish Heritage verwaltet wird. Wir verzichten aber auf den Besuch der Kapelle, der den nicht zu bezahlenden Eintritt auf 11 € und 9 € angehoben hätte, weil wir wegen der jetzt im Pulk anschwellenden deutschen Gruppe von mindestens 30 Personen Platzangst in der Kapelle bekämen.  

Die Ruine ist auch ohne die Kapelle beeindruckend genug. Der Berg gilt als eines der Wahrzeichen Irlands und, wie könnte es anders sein, auch als Sitz von Feen und Geistern.  

Die erhöhte Lage gefiel im 4. Jh. offenbar dem Clan der Eoghanachta, die später zu den MacCarthys wurden. Von da an war die Burg Sitz der Könige von Munster. Im 5. Jh. machte dann der Hl. Patrick die Burg zu seinem Bischofssitz, so jedenfalls will es die Legende. Anschließende wechselten die Besitzer, meist weil die Vorgänger in irgendeiner Schlacht oder einem Scharmützel ums Leben kamen. Von Rom und von den Anglikanern wurden wechselnde Bischöfe eingesetzt, unter denen sich besonders Miler Magrath hervortat, ein Bischof der elisabethanischen Zeit, der zum Zwecke des Pfründeerwerbs und der Ämterschacherei ziemlich skrupellos zwischen Katholizismus und Anglizismus lavierte und deshalb als Schuft von Cashel bekannt wurde (Scoundrel of Cashel). Ende Mai 1567 unterwarf er sich der kirchlichen und weltlichen Herrschaft Elizabeths, intrigierte aber munter weiter und versuchte Gegenspieler der Ungnade Roms oder Londons auszusetzen. Als seine Ränkespiele aufflogen, verließ er Irland in Richtung London und erhielt dort trotz oder gerade wegen seiner Intrigenfähigkeit 1571 die königliche Ernennung zum Erzbischof von Cashel und Emly in Munster, blieb aber nach päpstlichem Recht auch weiterhin Bischof von Down und Connor.  

Mit Magraths Abzug ging die wechselvolle Geschichte Cashels aber nicht zu Ende, das kam erst, als die anglikanische Kirche die Anlage im 18. Jh. aufgab. In der Folge verfiel die Anlage.  

Aber auch uns erzählt sie noch viel von jenen Zeiten; in dem alten Gemäuer riecht es noch immer irgendwie nach Weihrauch, Blut und Intrige. Wir sehen uns noch ein Video über die Geschichte von Cashel an und finden, dass wir damit bestens informiert sind, auch wenn die Bosheiten der Jahrhunderte nicht thematisiert werden; dafür bräuchte man vermutlich einen ganzen Tag.  

Um 14:35 Uhr fahren wir weiter und stellen dabei fest, dass wir auch für unseren Straßenparkplatz hätten bezahlen müssen: 0,70 € für die Stunde. Haben wir nicht gesehen und uns offenbar auch niemand. Also tschüss.  

Um 15 Uhr sind wir bei TESCO in Tipperary zum Einkaufen. Als dieser heilige Akt erledigt ist, hängt beim Einladen der Ware eine Kiste unseres Regallagers fest. Sie lässt sich in ihrem Gestell nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts bewegen. Wir schieben die Schuld dem Schuft von Cashel in die Schuhe, bei dem kommt es nicht mehr drauf an. Doch als wir endlich zum Malheur vordringen, müssen wir Abbitte leisten: Es war wohl er der Rumms von Vorhin, als der Franz über eine nicht angekündigte und nicht farblich gekennzeichnete und damit absolut nicht erkennbare Bodenwelle flog. Bei der Gelegenheit hat es wohl den Boden der Flaschenkiste zerteppert und die Reste haben sich so verkeilt, dass nichts mehr vor und zurück geht. Immerhin: Die Flaschen, alle wohlverpackt, haben den Flug heil überstanden. Die Kiste „operieren" wir aus dem Gestell, puzzeln die noch verfügbaren Bodenreste zusammen, legen noch ein etwas festeres Plastikteil drüber, das der Chauffeur vor Wochen auf einem Campingplatz gefunden und eingepackt hat, und das nun gute Dienste leistet. Das Ganze wird mit Powertape fest verklebt und wieder zurückgeschoben. Sitzt, passt und hat Luft, uns aber fast eine Stunde gekostet.  

Um 16:15 Uhr sind wir wieder reisefertig und um 16:35 Uhr fahren wir in den Camping Park Glen of Aherlow [N 52° 25' 12,3'' W 008° 11' 16,6'']. 30 € kostet hier die Nacht, aber es sieht alles sehr gepflegt und einladend aus, auch wenn es bedeckt, regnerisch und windig bei 13 °C ist.  

Wir strecken uns erst einmal aus. Um 18:15 Uhr geht die Dogwalkerin mit den Hunden raus, fast zwei Stunden genießt sie die Natur. Wenn sie nur ein wenig weniger genießerischer gewesen wäre, wären die drei nicht pudelnass nach Hause gekommen, denn die letzten fünf Minuten mussten sie sich durch einen prächtigen Platzregen kämpfen. Der Chronist hält für sie Mitleid und Frotteemäntelchen bereit.  

Am Dienstag beherrscht der Wind die Wetterlage und die Sonne muss damit leben, dass ihr im Minutentakt die Vorhänge auf- und zugezogen werden. Mehr als 13 °C kommen dabei nicht zusammen.  

Nach dem Frühstück ziehen wir einige Plätze weiter, weil an unserem gestrigen Platz absolut kein Internet verfügbar war. Auf dem neuen Stellplatz, das hat die Datenmanagerin getestet, kommt etwas an, wenn auch nicht so viel, wie sie sich wünschen würde. Die Wunschlücke erfüllt die Tatsache, dass der neue Platz mehr Sonne hat. Damit ist der Tag fast gerettet.  

Der Begriff Glen kann „Schlucht" bedeuten, meist steht er jedoch für „Tal". So ein Tal ist das Glen of Aherlow im County Tipperary. Grün und lieblich steigen die Hänge vom Ufer des Aherlow auf und laden die Besucher zum Wandern ein. Sofern sie keine Besucher mit Hund sind! Dann wird es kompliziert. Egal, wohin sich die Dogwalkerin wendet, immer ist der Zugang für Hunde verboten, bestenfalls mit Leine. Zu dem kleinen See, der unweit vom Campingplatz auf vierbeinige Besucher wartet, darf man noch nicht einmal mit angeleinten Hunden. So wird man unversehens vom Dogwalker zum Roadrunner: die Straße wird zur Bestimmung. Es zeigt sich wieder einmal, dass dieses herrliche und so unendlich freundliche, vor allem auch hundefreundliche Land, seinen Liebhabern oftmals das Leben sehr schwer macht.  

Aber aus der Ferne erstrahlt es, zumindest im Sonnenlicht, wie eine Verheißung: moosgrüne Hügel, tintige Wälder und muranoblaue Seen. Ist ja auch viel beeindruckender aus der Ferne, nah dran sieht doch alles auf der Welt irgendwie gleich aus, oder…  

Wir tun heute nicht viel bis nichts, tragen ein bisschen an der Doku nach und machen uns abends Gnocchi mit Tomatensoße.  

Morgen steht uns Großes bevor, was den kleinen Hundeärger zur Petitesse werden lässt.