Sonntag, 22.5.2022

Heute gestaltet sich der Anlauf noch etwas länger als gestern. Zuerst bekommen die Hunde, trotz der langen Wanderung gestern, einen längeren Auslauf als üblich, weil sie heute zur Stallwache bestellt werden. Auch das Frühstück zieht sich, und erst, als auch dieses bewegungssicher verdaut ist, besteigen wir die Räder, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Umgebung zu erkunden.  

Um 15:00 Uhr beginnen wir unsere Tagesreise dort, wo sie gestern am Seeufer endete: am Muckross House.  

Muckross House wurde zwischen 1839 bis 1843 von Henry Arthur Herbert und seiner Gattin Mary Balfour Herbert, die vermutlich bedeutendste Landschaftsmalerin ihrer Zeit, als schlossartiges Herrenhaus errichtet. Die Familie Herbert lebte seit 1730 auf Muckross, und Muckross House war bereits das vierte Herrenhaus, das die Herberts auf ihrem Anwesen errichten ließen. Vom Verdienst der Landschaftsmalerei ließ sich dieser Luxus kaum bestreiten; die Einkünfte kamen von Landwirtschaft, Landverpachtungen und vor allem aus Kupferminen.  

Den Höhepunkt und auch das langfristige Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens erreichten die Herberts, als sich 1861 Queen Victoria für wenige Tage zu Besuch anmeldete. Für dieses Großereignis gaben die Herberts enorme Geldsummen aus, um Haus und Garten weiter auszubauen und für die Queen herauszuputzen. Die Folge war eine hohe Verschuldung und der wirtschaftliche Niedergang. 1897 mussten die Herberts Muckross House an ihren Gläubiger, die Standard Life Versicherung, abtreten.

1899 erstand Lord Ardilaun, ein Mitglied der Guinness-Brauerfamilie das Anwesen, der jedoch dort nicht wohnte, sondern den Besitz an Jagdgesellschaften vermietete. 1911 kaufte der US-Amerikaner William Bowers Bourn II Muckross House als Hochzeitsgeschenk für seine Tochter Maud. Sie war es, die sich, zusammen mit ihrem englischen Ehemann, um die Gestaltung und den Ausbau der heute noch beeindruckenden Gartenanlagen verdient machte. Als Maud 1929 unerwartet starb, wollte der Witwer und seine Familie die enormen Kosten des Besitzes nicht mehr stemmen und schenkte das Haus und den gesamten Grundbesitz von etwa 4000 ha dem irischen Staat.  

Irland verpflichtete sich im Gegenzug, das Anwesen als Bourn Vincent Memorial Park weiterzuführen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So wurden Muckross House und die zugehörigen Ländereien zum ersten Nationalpark Irlands, der durch weitere Landzukäufe auf inzwischen etwa 10.000 Hektar erweitert werden konnte.  

Das Ticket für den Besuch von Haus und Garten kostet für Erwachsene 7 €, für Senioren 6 €. Wir können wieder einmal die Geldbörse geschlossen halten, weil Muckross die English Heritage-Mitgliedschaft akzeptiert. Dies gilt jedoch nur für den Besuch des Hauses, nicht der Farm-Anlagen. Der Streifzug durch das Schloss gibt einen sehr aufschlussreichen Einblick ins Leben der Reichen und Superreichen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Vor allem aber lässt er keinen Zweifel aufkommen, dass sie offenbar deutlich stilsicherer waren als ihre Zeitgenossen, die Schloss Kilkenny zum Teil stilistisch vergewaltigten. Wir bereuen den Besuch des Herrenhauses nicht und können ihn nur jedem ans Herz legen.

Den Besuch der Traditional-Farm-Anlagen schenken wir uns, weil wir für Bauerngärten und -wirtschaft keine sieben beziehungsweise sechs Euro bezahlen wollen. Die Gartenanlagen rund um das Haus mit den naseweisen Dohlen, die uns schon am Fahrradparkplatz auflauern, um etwas abzustauben, sind für sich allein sehenswert genug.  

Wir radeln weiter zu den Tork-Wasserfällen. Nach etwa zweieinhalb Kilometern und knapp zehn Minuten sind wir dort – allerdings nicht allein. Die Wasserfälle sind einer der unvermeidbaren Buslandeplätze des Nationalparks, und dementsprechend lebhaft geht es zu. Den Chronisten beeindruckt vor allem, dass sich offenbar alle Fuß- und Kniekranken, solche wie er selbst, hier versammeln und sich ächzend zum Wasserfall hinaufschleppen, obwohl nirgendwo zu lesen ist, dass hier eine Heilung à la Lourdes zu erwarten sei. Der Wasserfall selbst ist durchaus einen Abstecher wert, allerdings muss man ihn sich mit hundert selbstverliebten Handy-Porträtisten teilen, die alle nicht den Wasserfall bestaunen, sondern ihm den Rücken zukehren, um ihn quasi erst in der Zweitverwertung zuhause in Augenschein zu nehmen, wo er allerdings nicht im Vordergrund steht, sondern nur als Staffage für die schönen Körper und strahlenden Gebisse aus aller Welt herhalten muss.  

Weiter geht es zur Muckross Abbey, auch nur etwa drei Kilometer und zehn Minuten Fahrzeit vom Wasserfall entfernt.  

Die Abtei wurde 1340 von Franziskanern gegründet, bald wieder aufgegeben und dann in der zweiten Hälfte des 15. Jh. wiederhergestellt. Was heute von der einstigen Abtei noch übrig ist, stammt aus dieser Zeit. Etwas Besonderes ist der Vierungsturm aus dem letzten Bauabschnitt, der die gesamte Breite des Kirchenschiffs einnimmt. Und noch etwas sieht man nicht alle Tage: Eine mächtige und uralte Eibe, die mitten im Kreuzgang steht und alles überragt.  

Wir streifen umher und drücken uns durchs alte Gemäuer, aber so richtig tief ergreift uns der ehrfürchtige Schauer nicht. Der Friedhof mit seinen alten Gräbern und Inschriften gibt mehr her, weil die Inschriften mehr aus alten Zeiten ausplaudern als zerfallenes Mauerwerk.  

Schließlich bleiben unsere Augen an einigen kleinen Gesellen hängen, die geschäftig um uns herumwuseln: Gebirgsstelzen, die im alten Mauerwerk siedeln; Bachstelzen kennen wir alle, aber Gebirgsstelzen bekommt man bei uns eher selten zu Gesicht.  

Unsere Rundfahrt zu einigen der bekanntesten Sehenswürdigkeiten des Killarney Nationalparks wird von typisch irischem Wetter begleitet: immer etwas Sonne, viele Wolken, zum Glück erträglicher Wind und natürlich auch ein wenig Regen. Um 17:35 Uhr haben wir unsere Runde abgeschlossen und sind wieder zurück.  

Gegen 19 Uhr gehen wir in die Ivy-Bar des Hotels Victoria gleich nebenan. Vornweg ordern wir zwei Skellig-Gins, die in ihrer Belanglosigkeit schwer zu übertreffen sind. Als Vorspeise muss es wieder ein Seafood Chowder für beide sein, der unseren bisherigen Eindruck bestätigt: jeder anders, aber alle lecker. Die Reiseleiterin wählt ein Sirloin Sandwich, das herrlich medium und schmackhaft auf den Tisch kommt, der Chronist entscheidet sich für Hühnchen-Curry Thai-Style, das sich ebenfalls nicht verstecken muss, und dennoch einen Schönheitsfehler hat: Bei einem Curry sollte das Fleisch so klein sein, dass man es mit Gabel oder Löffel essen kann. In der Ivy-Bar muss man zwingend mit einem Messer im Curry hantieren, was dem kulinarischen Erlebnis, das es sein könnte, erheblichen Abbruch tut. Ein Red Ale und ein Guinness begleiten das Mahl, das mit 61 € nicht zu teuer ausfällt.  

Um 21:30 Uhr sind wir wieder zurück und die Linsenjägerin geht noch ein letztes Mal auf Hirsch-Safari. Es ist bewölkt bei 12 °C.  

Morgen verlassen wir Killarney wieder, dem wir selbst keinen Besuch abgestattet haben, und resümieren, dass wir hier ein ganz anderes Publikum erleben als bisher. Einerseits sind wir am Stadtrand von lauter Hotels mit Pauschaltouristen umgeben, andererseits lockt die ideale Lage zum Ring of Kerry und der Dingle-Halbinsel das entsprechende Publikum an. Es ist sehr international und gibt manchmal zu erkennen, dass es stolz darauf ist, sich einmal eine solche Reise leisten zu können. Das sind nicht immer die angenehmsten Zeitgenossen. Auf die Dauer wäre Killarney deswegen nichts für uns, aber auf unserem Campingplatz war davon nichts zu spüren. 

Als wir heute die Augen schließen, haben wir mit dem Ring of Kerry Frieden geschlossen und mit dem Killarney Nationalpark eine neue Leidenschaft entdeckt.