Jetztwirdsernst mit dem J-Wurf

Sonntag, 28. März 2021
6. Tag nach Lando

IMG 9566 1 250Eine Woche ist seit Lando nun ins Land gegangen und erwartungsgemäß gibt es nichts Weltbewegendes zu berichten. Seit heute haben wir Sommerzeit, und freundlicherweise messen wir auch schon 17 °C. Auf den Bergen schmilzt der noch immer reichlich vorhandene Schnee, ein kleines Föhnlüftchen weht übers Mangfalltal, welches den Odeldüften auf den Feldern nicht beikommen kann. Es beginnen die Osterferien und allenthalben wachsen bunte Eier an den Sträuchern und Bäumen, die es noch nicht einmal geschafft haben, Blätter auszutreiben. In den Gärten herrscht Hochbetrieb, nur beim Blues ist zeitgemäße Flaute.

Hedda hat mit der Rückkehr ins Mangfalltal ihre kleinen Blutspenden eingestellt und ist der Männer im Tal überdrüssig. Inspiriert von Jogi Löws Murmeleinlage vor der Pressekonferenz, repetiert sie: You’re the first, the last, my everything und meint damit Lando, der ihr Erster war, hoffentlich nicht der Letzte – und wie schnell aus einem everything ein something oder anything wird, ist jedem bekannt, der den gröbsten Hormonturbulenzen entwachsen ist. Aber, reden wir nicht drum herum: Sie ist rest- oder nachverliebt und mag keine anderen Götter neben sich dulden. Die überlässt sie ihrer fidelen Mutter, die sich gerne den Hof machen lässt, auch wenn das ihrer Tochter peinlich zu sein scheint. Lass ma‘, denkt sich die Mutter, die Gören haben ja keine Ahnung vom Leben und finden alles peinlich, was die Vorbilder tun, vor allem, wenn sie etwas treiben, was dem Status des Vorbilds ihren Vorstellungen zuwiderläuft. Mütter und ihre Töchter eben…

Am Freitag durfte Hedda nach einer langen Winterpause wieder einmal ins Training mit ihrer Herzenstrainerin Steffi und sprühte Funken vor schierer Freude, endlich mal wieder zeigen zu können, was sie kann und was sie glücklich macht. In ihren Augen flackerte pure Lust und von der Spitze ihrer aufgebaumten Rute grüßte ein winziges St.-Elms-Feuerchen, so sehr stand sie unter Strom. Und so voller Energie und Freude war sie, dass auch ihre Trainerin das ganze Glück des aufblühenden Frühlings in sich spürte und strahlte wie ihre Schülerin. Bis zu dem Moment, wenn ihr der Welpenbauch im Weg steht, darf Hedda nun alle zwei Wochen mit Steffi Unterordnung machen (Schutzdienst ist ab sofort tabu) und ihr Sportlerleben genießen, bevor sie die Mutterpflichten in Anspruch nehmen.

Die ersten Welpeninteressentinnen haben gestern vorgesprochen und coronabedingt auf unserer Terrasse bei frischem Wind eineinhalb Stunden standgehalten. Das ist das Holz, aus dem ein Hovawartbesitzer geschnitzt sein sollte.

Nun gehen wir mit prächtigem Wetter in die Karwoche und haben vorerst nicht viel mehr zu tun, als Hedda im Auge zu behalten, damit wir ja keine Auffälligkeit übersehen, die Rückschlüsse auf ihren Zustand zulassen. Derzeit ist nur eine Hedda zu beobachten, nämlich jene Hedda wie sie all die Jahre leibte und lebte: ein Sack voller Flöhe und ein herzerquickendes Kranzgefäß, das unser Haus mit Frohsinn flutet.

Dienstag, 30. März 2021
8. Tag nach Lando

Gerade hedda 1M3A0582 1 250Guck mal, wer da guckthaben wir noch Heddas Frohsinn und überschäumende Lebensfreude hervorgehoben, schon zwingt sie uns zu einer Revision: Hedda schlafft ab. Hedda hat einige Triebwerke abgeschaltet. Die Chefin berichtet dies von ihren Spaziergängen mit ihr, derweil der Assi mit Fianna durchs Revier streift. Während diese vor Übermut kaum vorankommt, tänzelt, Kobolz schlägt und durch die Wiesen kugelt, vor allem, weil sie den Ausflug ohne die kleine Nervensäge besonders genießt, schlurt und drimselt die prognostizierte Mutter mit ihrer Chefin daher und dahin, als trüge sie bereits die ganze Last der Zukunft in ihrem Bauch. Es fehlte noch, dass sie sich, wie werdende Mütter das gerne tun, unentwegt den Bauch streicht. Doch da ist nichts drin zum Streicheln. Selbst wenn etwas drin sein sollte, ist genau genommen nichts drin, was streichelbar wäre. Die Früchtchen sind so winzig, dass man sie noch nicht einmal mit einer Pinzette fassen könnte.

Es ist die Herrschaft der Hormone, die Hedda bremst. Sie ist nachläufig und vielleicht noch sehnsuchtsschwer, jedenfalls so wie wir sie kennen, wenn sie die bloody days hinter sich hat. Für Außenstehende ist sie immer noch die originale Hedda, für uns kaum mehr als das halbe Exemplar.      

 

Gründonnerstag, 1. April 2021
10. Tag nach Lando

Die Kirsche in Nachbars GartenEs grünt so grün, dass Vagens Blüten blüh’n. Gestern hatten wir 22 °C, heute einen Frühlingshauch mehr, allerdings war der Himmel gestern so blau, dass man meinen konnte, die ganze himmlische Belegschaft hätte sich bei einer Curaçao-Party volllaufen lassen. Heute gibt er sich etwas zugeknöpfter, verschleierter und später im Tagesverlauf drohend blauschwarz bewölkt. Dazu öffnet er die Windlade bis zum Anschlag. Am frühen Abend löst sich dann der Himmel wie unsere Mädels nach mehreren Litern Wasser: Er strullert hingebungsvoll und pfeift dabei ein finsteres Lied. Doch schon am späten Abend protzt und prahlt er wieder mit seinen funkelnden Brillis, als ob die Drohung eines Unwetters am späten Nachmittag nur in unserer Phantasie existiert hätte.

So schön dieser Die MangfallNirgendwo ein DampferstegTag über lange Zeit ist, trägt er fast so viel Trauer wie der morgige Karfreitag, nimmt diese Trauer quasi vorweg. Der Grund ist bestürzend: Es ist 1. April und noch nicht einmal das Lokalblättchen, das sich stolz Heimatzeitung nennt, will heute seine Leser in den April schicken. Dreimal die Lokalseiten von vorn nach hinten und zurück durchgeblättert: nichts! Früher wurde man am 1. April schon mal zur Einweihung eines neuen (!) Dampferstegs an der Mangfall geladen, worauf sich drei unterschiedliche Bürger- und Lesertypen auf den Weg machten. Diejenigen, die ihr Leben und ihren Alltag ausschließlich in den sozialen Medien vollziehen und von der Mangfall nicht viel mehr wissen, als dass sie irgendwo in ihrer Nähe fließen müsste. Die zweiten sind die intellektuellen Mängelfälle, die allem Glauben schenken, was ihnen von halboffizieller Seite zugetragen wird. Und der große Rest von etwa 95% der Follower waren jene, die den Scherz durchschauten, aber einer zünftigen Brotzeit mit Freibier und Blasmusik nicht widerstehen wollten. Und so wurde der Aprilscherz zum gesellschaftlichen Highlight. Aber heute ist nichts. Rien! Wie würde der Schwabe diesen Traditionsverlust kommentieren? „‘S isch numme dees,“ würde er grummeln und damit sagen wollen, dass nichts mehr ist, wie es früher einmal war. Und genau so isch’s, weil Corona jegliche Zusammenrottung zum Justizfall macht und sich Viren dummerweise nicht von Freibier beeindrucken lassen. Aber nächstes Jahr, da sind wir uns sicher, gibt es nicht nur einen neuen Dampfersteg, sondern gleich noch einen Großflughafen dazu (Mangfall-Airport). Da werden sie staunen, die Hauptstädter!

UmDie MessstellenDie Messstellen irgendetwas Produktives zu unternehmen, unterziehen wir Hedda heute einer Vermessung, die als Basis aller folgenden Maßnahmen bis zu ihrer Niederkunft dient. Wir werden ab sofort unregelmäßig, später in immer kürzeren Intervallen, Heddas Körpermaße nehmen, um die Entwicklung in ihrem Inneren und deren Auswirkungen auf ihre Körperformen zu dokumentieren. Das soll nicht vorwiegend der Sehnsuchtsstillung unserer Follower dienen, sondern gibt uns wichtige Hinweise auf ihren Zustand. Die Messungen nehmen wir immer an drei Stellen vor: gleich hinter den Vorderbeinen (vorne), in der Rumpfmitte (Mitte) und vor den Hinterbeinen (hinten). Das erste Ergebnis heute lässt uns schon mal staunen: Die optisch eher zierliche Hedda hat zwei Zentimeter mehr Brustumfang als Fianna im einem vergleichbaren Alter vor ihrem ersten Wurf im Jahr 2015. Für alle, die es gerne ganz genau haben: 76 – 72 – 63.

 

Karfreitag, 2. April 2021
11. Tag nach Lando

Morgens scheint der Himmel noch nicht in den Kalender geblickt zu haben, so fröhlich gibt er sich bei 10 °C, aber schon wenig später zieht er sich einen dem Termin angemessenen, düster-grauen Mantel über. Uns soll es recht sein – wenn es traditionell zur Trauererzählung gehört. Solange nicht zur Mittagszeit die Vorhänge an den Tempelfenstern des Bairischen Blues reißen…

Viel interessanter ist die Frage, warum beim Blues nun bereits der zweite Wurf in Folge direkt vor einem christlichen Großereignis auf den Weg gebracht wurde. Der I-Wurf wurde am 19. Dezember eingetütet und nun der J-Wurf direkt vor Ostern. Sollte Hedda ihre Läufigkeit tatsächlich so eingerichtet haben, dass sie ihrer Mama in dieser Hinsicht zumindest ebenbürtig wäre, gelänge ihr ein echter Geniestreich, denn eine Wurfplanung vor Weihnachten ist bestenfalls eine Anfängerübung, immerhin ist dieses Fest schon seit 336 n. Ch. auf dem immer gleichen Termin am 25. Dezember belegt. Das wankelmütige Osterfest zu fixieren erfordert jedoch eine ungleich komplexere Planungsarbeit, weil es eigentlich auf dem Mondkalender basiert und nicht auf dem gregorianischen. Ostern fällt seit dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 n. Ch. immer auf das Wochenende nach dem ersten Vollmond im kalendarischen Frühling. In der Praxis bedeutet das einen frühestmöglichen Termin am 22. März und einen spätesten am 25. April. Hat Hedda demnach einen tieferen Einblick in den Mondkalender als er ihrem Chronisten je vergönnt sein wird? Was weiß sie vom kalendarischen Frühlingsbeginn am 20. März? Und noch viel geheimnisvoller: Wie schafft sie es, einen Decktermin so zu organisieren, dass der Wurftag auf das ebenfalls fluktuierende, von Ostern abhängige Pfingsten, fällt? 63 Tage wäre ihre Tragzeit, Pfingsten ist auf 50 Tage nach Ostern festgelegt; da braucht es einiges an Hirnschmalz, um das alles auf die Kette zu bringen.

Vermutlich sind diese Mutmaßungen zu menschlich verkopft. Hedda ist eine Getriebene ihrer Triebe, die sie zum Spielball ihrer Hormone machen. Gestern Nacht, zur späten Pinkelstunde, fiel sie dem hinterhältigen Angriffs des Werbebanners einer Gartenbaufirma zum Opfer. Gerade als sie diesem neuen Aufsteller in unserer Nachbarschaft auf den Grund gehen wollte, ließ Hedda in der MangfallHedda und die Wasserschlangediesen eine Windbö aufknattern Hedda mit StockHedda hat den Wasserwurm erlegtund Hedda ging wie das HB-Männchen in die Luft. Fianna hätte diese Unbotmäßigkeit mit einem soliden Strahl unter erhobenem Bein heraus gekontert. Nicht so Hedda; sie ist in der abklingenden Läufigkeit ein Spielball ihrer dünn beschichteten Seele. Heute Morgen streckt ein morscher Ast seine Spitze aus dem strudelnden Wasser der Mangfall und materialisiert sich vor ihrem Auge als Kopf einer todbringenden Wasserschlange. Doch gänzlich will sie sich nicht von ihren Hormonen unterwerfen lassen, lässt ihre Neugier zu Mut anschwellen, nähert sich dem Wasserwurm auf spitzen Zehen und identifiziert ihn schließlich als das, was er ist: ein Ast zum Fressen. Wenn wir diese Launen ihrer Seele nicht gut genug kennen würden, müssten wir uns Sorge machen. So aber bringt sie uns zum Kichern. Die einzige Frage, die sich stellt, ist die nach dem Ende dieser sonderbaren Umstände. Oder sind es gar schon andere Umstände?  

 

Ostersonntag, 4. April 2021
13. Tag nach Lando

Nach einem Hedda, das OsterlammHedda, das Osterlammgrauen KarsamstagIltschiIltschi ohne Eigenschaften, steigt der Ostersonntag strahlend aus dem Bett und wir steigen ins Auto, um einen Tagesausflug ins Unterallgäu zu unternehmen. Die Chefin begutachtet dort den vier Wochen alten P-Wurf vom Vögele Hof und kann es kaum noch erwarten, bald die eigenen Fellknirpse in den Armen zu halten. Und anschließend besuchen wir Heddas Halbbruder und Fiannasohn Iltschi in Bad Grönenbach. So ein blankblauer Ostertag mit kleinen weißen Wolkenschlösschen – Linderhof auf Himmelfahrt –, den ersten Bienen im Garten und einem Schluck Schampus mit alten Freunden unter uralten Bäumen verleiht dem Tag den österlichen Schmelz von neuem Leben nach dunklen Tagen. Mal sehen, ob das klappt mit dem neuen Leben. Wir sind gerade sehr entspannt und Hedda lässt ihren jüngeren Nachfolger gerne etwas aufdringlich sein. Bleibt ja alles in der Familie. Und vielleicht erzählt sie ihm gerade, dass er bald Onkel wird.

 

Ostermontag, 5. April 2021
14. Tag nach Lando

Oh, wie ist das schööön… so schön – wie dieser Ostertag beginnt, so strahlend und so klar. Und dann wird er immer mieser und endet in Sturm und Schnee. Ja, der April, der weiß nicht, was er will. Aber es muss ja nicht gleich in einen Wintereinbruch ausarten. Hoffentlich hat es der Osterhase noch bis nach Hause geschafft, bevor ihm Eiszapfen von den Löffeln baumeln. 

WasHedda Heddas Zustand betrifft, erreichen uns allerdings Signale, die Hoffnung machen, dass sie guter Hoffnung ist. Das eine ist ein in der Nachläufigkeit eher bekanntes: Ihr Gehorsam geht parallel zum Hormonspiegel bergab. Ein Sitz-Kommando kommt bei ihr als Schau-dich-mal-um-Kommando an. Und sollte sie nach längerem Umsehen doch noch ihren Po zu Boden bringen – Fianna hat mittlerweile schon Wurzeln getrieben –, hält sie es kaum fünf Sekunden aus, bis sie sich schon wieder auf den Weg machen möchte. Welcher kleine Terrorteufel hat bloß die Hormone erfunden? Wie gesagt, das ist noch kein eindeutiger Hinweis auf eine Schwangerschaft, eher darauf, dass sie hormonell in anderen Umständen ist.

Anders sieht es mit der Schmierblutung aus, welche die Chefin heute bei ihr erkundet. Schon bei Fianna und deren Mutter Franzi hat uns dieses Zeichen in eine kleine Verzweiflung gestürzt, weil Schmierblutungen bei Anouk nicht auf dem Programm gestanden hatten, jedenfalls keine, die uns aufgefallen wären. Erst bei Franzi mussten wir uns damit auseinandersetzen, denn Blutungen sind in dieser Phase nichts, was man sich wünschen würde. Und der gleiche Minischock befiel uns bei Fianna, weil wir Franzis Schmiererei schon wieder vergessen hatten; gut, dass man fleißig Chronik schreibt und seiner kortikalen Datenbank ausreichend Material übergibt. Bei beiden waren die Blutungen ein deutlicher Hinweis auf die Nidation, also jenem Vorgang während der Trächtigkeit, wenn tausende von Zellhäufchen sich einen Hocker suchen, um Hund werden zu können. Noch ist im Bauch der Hündin, also in ihren Gebärmutterhörnern, nur universelles Chaos, alles schwurbelt und schwimmt durcheinander wie ein Tümpel voller Kaulquappen. Da die Hündin aber nicht tausende von Welpen entwickeln kann, kommt der Tag der Entscheidung, wer sich einen Platz an der Docking Station erobert und wer für immer aus der Welt verschwindet. Es ist nur eine kleine Elite, die es schaffen wird. Für diese Durchsetzungsfähigen, Vorlauten, Ellbogenrempler und Trickser geht es von nun an, an Mutters Versorgungsleitungen gekoppelt, voran. Meist reagieren Hündinnen auf diesen Prozess mit Übelkeit und gelegentlich mit Erbrechen. Bei Fianna registrierten wir kaum Anzeichen von Übelkeit, dafür aber diese Schmierblutung. Und nun auch Hedda?

Abends ist der Assi überzeugt, dass sie tragen muss, weil sich ihre Begeisterung für den nächtlichen Pinkelausgang in sehr engen Grenzen hält. Sonst fliegen die Ohren mit dem ganzen Hund um die Wette um die Ecke, und heute: Schlafwagenmentalität. Wenn’s denn sein muss…

Ja, muss sein.     

 

Dienstag, 6. April 2021
15. Tag nach Lando

Die Chefin kommt beim Morgenspaziergang ebenfalls zu dem Schluss, dass Hedda Früchtchen trägt. Als sie kurz vor Beendigung der Morgenrunde, am Ende der Wiese, die Rückgabe des Balls einfordert, spuckt Hedda ihn ihr vor die Füße und stapft davon. Das ist nun wieder eine so unmittelbare Annahme des Kommandos, dass es noch befremdlicher ist als ein verweigertes Sitz-Kommando. Hedda will nie keinen Ball nicht herausrücken! Sie tut es, weil sie gehorcht, aber nicht, weil ihr der Ball schnuppe ist. Im Gegenteil: Sie versucht, uns mit allen Mitteln ihres Jungfrauencharmes davon zu überzeugen, das Kommando ungeschehen zu machen und den Ball wieder herauszurücken. Und heute ist ihr der Ball schnurzegal. Sie trottet davon, hat keinen Blick mehr für ihn. Das auf sie wartende Frühstück ist ihr offenbar eine ganze Liga wichtiger als der Ball. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Da muss was im Busch sein.

Auf dem Busch Kirschbaum im SchneeFrostkirscheist heute jedenfalls Forsythie on the rocksForsythie on the rocksSchnee, so viel ist sicher. Ziemlich viel Schnee, bei -3 °C. Aber wie heißt es so schön: „…kommt irgendwo ein Lichtlein her“. Das kommt mit den tröstenden Worten von Eingeweihten daher, die daran erinnern, dass vor zwei Jahren das Land am 5. Mai unter Schnee lag. Also bitte: Am 5. Mai! Wie kann man sich unter diesen Umständen über den 5. oder 6. April beschweren? Klingt logisch, macht es aber nicht behaglicher. Das erinnert an den Schüler, der eine Fünf nach Hause bringt und darauf verweist, dass eine(r) sogar eine Sechs bekommen hat.

 

Mittwoch, 7. April 2021
16. Tag nach Lando

Es schneit noch immer. WintereinbruchWintereinbruchEs ist grau draußen, sehr windig und einfach nur garstig. Zwischendurch bestrahlt uns die Sonne, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte, dann haut es uns wieder mit Schnee zu, dass man kaum ein paar Meter Sicht hat. Dazu pfeift der Wind um die Ecken und schmeißt schon mal einen unvorsichtigen Baum um. Für Menschen, zumal für solche, die längst das Frühlingsprogramm aktiviert haben, ein absolutes Unding und mehr als schwer erträglich. Nur die Hunde feiern das Wetter wie einen besten Freund. Sie sind beim Spaziergang in Minutenschnelle eingepackt wie ein Fisch im Salzteig, treiben Späße mit den Böen, tanzen wie die Derwische und katapultieren sich in die Luft wie Lämmer. Wie raunte einst Reinhard Mey: „Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund“. Es muss ein ähnlicher Tag wie heute gewesen sein, der ihm diesen Stoßseufzer entlockte. Wenn man heute – aber nur heute – einmal genetisch auf den Hund kommen könnte… Aber es geschieht nichts in dieser Hinsicht, im Gegenteil: Graupelschauer wie Nadelstiche auf der Haut und eine dick verkleisterte Brille. Und das soll die Krone der Schöpfung sein.

Irgendwann finden wir Erbrochenes in Fiannas Bett im Schlafzimmer, nicht viel, aber unübersehbar. Dennoch ist das Ereignis unbeobachtet an uns vorübergegangen. Dabei wäre es von größter Bedeutung zu wissen, welche der beiden Damen sich ihres Mageninhalts entleerte. Es kann selbstverständlich Fianna gewesen sein, die sich auf die reiferen Tage mit Knochen etwas schwerer tut, und heute gab es ein bisschen Rehknochen zum Knabbern, weil wir gestern von den Resten eines Rehrückens einen Wildfond gebraut haben. Gut möglich. Allerdings kann es auch Hedda gewesen sein, und zwar sogar aus zwei Gründen. Der eine ist, dass sie Knochen ebenso schlingt wie alles andere, wodurch ihr dann schon mal ein resistenter Rest den Magen aufstülpt. Vielleicht war es das; Knöchelchen waren jedenfalls dabei. Aber es könnte natürlich auch Heddas Unpässlichkeit während der Nidation gewesen sein. Und das hätten wir schon gerne etwas genauer gewusst. Denn außer der bereits dokumentierten Reserviertheit, gibt es bisher keine juristisch verwertbaren Hinweise auf ihren Zustand.  

 

Donnerstag, 8. April 2021
17. Tag nach Lando

Heute, so haben uns die Wetterfrösche versprochen, wird alles besser, gelegentlich noch ein zartes Schneegestöberchen, doch generell soll ab heute wieder stramm bergauf gehen. Der Vormittag ist ein unaufhörliches Schneegestöber, der Garten ist dick verpackt und die Vöglein hocken auf den Zweiglein mit Transparenten, auf denen geschrieben steht: Helft den Armen Vögeln!, ein Satz übrigens, der in der immer mehr um sich greifenden Kleinschrift durchaus missverstanden werden kann. Also helfen wir den armen Vögeln, wie wir es schon den ganzen Winter über tun, und warten ab, wer sich heute durchsetzt, der Deutsche Wetterdienst oder der himmlische Wetterbalg. Immerhin lässt der Bauernkalender gewisse Schlüsse auf das Wetterjahr zu, der notiert nämlich für den 8. April: Wenn es viel regnet um den Amantiustag, ein dürrer Sommer folgen mag. Klar, Schnee ist kein Regen, aber er ist gefrorener Regen und somit Bote für einen weiteren landwirtschaftlichen Klagesommer im Jammertal der Mangfall. Unter diesen Umständen müssten wir die prognostizierten kleinen Jennys und Jonnys doch glatt mit Sonnencreme salben.

Im Laufe des Tages wird es tatsächlich richtig apart draußen und wir sind guter Dinge für die nächsten Tage. Jetzt müsste nur noch Hedda für einen Lichtblick sorgen …

 

Freitag, 9. April 2021
18. Tag nach Lando

Hurra, hurra, der Lenz ist da! Morgenstimmung im MangfalltalDurchs Mangfalltal weht das blaue Band des Frühlings, aber sonst tut sich nichts, was weitere Einträge rechtfertigen würde.

Oder doch: Hedda darf heute wieder mit ihrer Herzensausbilderin Steffi trainieren und tut das mit solcher Inbrunst und Begeisterung, dass von einer Art tektonischer Hormonverschiebung nichts, aber überhaupt nichts zu sehen ist. Hedda tänzelt wie ein Lipizzaner, sitzt wie vom Blitz getroffen, macht Platz, als ob ihr die Beine weggegrätscht würden und apportiert in einem Tempo, dass sich sogar die verwöhnte Steffi die Augen reibt und ‚lecko‘ murmelt. Da strahlt natürlich die Hundeführerin, und der Chronist sammelt sein Schwangerschaftsindiz Lust- und Trieblosigkeit wieder ein. Da heißt es kühlen Kopf zu bewahren und eine ruhige Feder zu führen; irgendwann muss sie Farbe bekennen…  

 

Sonntag, 11. April 2021
20. Tag nach Lando

Der Himmel begrüßt uns morgens in bester Laune und mit 5 °C.

Fianna im WelpenglückFianna im WelpenglückWir fahren in den Pfaffenwinkel nach Hohenpeißenberg zu den kleinen Bergfexen, die Heddas Schwester Halina vor vier Wochen ins Kistchen geworfen hat. Ein putzmunterer Neffe und fünf fidele Nichten, bzw. Enkelkinder begrüßen uns bei strahlendem Sonnenschein und lösen bei uns sofort den Babyreflex aus, am meisten jedoch dreht Fianna vor unbändiger Freude über ihre Enkel am Rad. Mit Sternchen um die Augen steht sie vor dem Welpenauslauf und denkt gar nicht daran, ihre Tochter Halina zu fragen, ob sie einen etwas intimeren Blick auf die Zwerge werfen darf; mit einem coolen Satz schwingt sie sich über das Gitter und ist mitten Hedda mit WelpeKleintierhaltungunter ihnen. Halina lässt sie anstandslos gewähren, eine Situation, die unter Umständen auch blutig enden könnte. Aber wir hatten keine Bedenken, dass es zwischen der Übermutter und Überoma und ihrer stolzen Tochter zu Reibereien kommen könnte. Zwischen die beiden passt kein Blatt. Auch Hedda wird von Halina freudig und stürmisch begrüßt und stolz zur Besichtigung eingeladen – was die entschieden ablehnt: Schon wieder Kleinzeug! Hedda hält sich fern und riskiert nur scheele Blicke. Nur für einen kurzen Augenblick nimmt sie am Gitter Nasenkontakt auf, dann hat sie alles gesehen und gerochen und hofft auf eine baldige Abreise. Wenn wir nicht wüssten, dass Halina bei unserem letzten Wurf ebenso angewidert Abstand von den I‘s gehalten hat und jetzt eine rührende Mutter ist, müssten wir unsIm PfaffenwinkelIm Pfaffenwinkel  um Heddas Muttereignung Sorgen machen. Wir sind sicher, die Hormone werden es richten; sie sind eben nicht nur Teufelszeug. Allerdings gibt uns Halina wichtige Hinweise auf Heddas Zustand: Sie steckt sofort bei unserer Ankunft ihre Nase unter Heddas Rute, nimmt eine volle Brise und tänzelt davon. Offenbar weiß sie von diesem Moment an mehr als wir.

Der Rest des Tages ist nichts als Sonnenschein (plus ein paar Wolken) und familiärer Himmelsfrieden: Wir sitzen im Garten bei den Welpen, Halina geht ihren Mutterpflichten nach, Fianna gibt die Supernanny, die überall ihre Nase und ihren Senf dazugeben muss und Hedda widmet sich beredter Nichtbeachtung. Warte nur! Balde säugest du auch…       

 

Montag, 12. April 2021
21. Tag nach Lando

Der pralle Himmel gestern über dem Pfaffenwinkel, der die Auswärtigen in schieres Entzücken versetzt, aber den Heimischen eine düstere Zukunft vorhersagt, hat wieder einmal Wort gehalten: gleißender Himmel, fahrige Wolken und zum Greifen nahe, scherenschnittartig hingeworfene Berge verheißen nie etwas Gutes. Heute Morgen schüttet es wie aus Eimern. Im Laufe des Tages wechseln sich dann Schnee- und Graupelschauer ab. Die Temperaturen sinken wieder auf 1 °C. Unter diesen Umständen fassen wir einen Redaktionsbeschluss, ab sofort keine demotivierenden, frühlingsfeindlichen Sauwetterbilder mehr mitzuliefern. Es ist Frühling, basta! Wir haben keine Lust, diesen sogenannten Lenz auch noch in unserer Chronik mit Bildmaterial zu adeln.

 

Dienstag, 13. April 2021
22. Tag nach Lando

Nichts Winter im AprilTiefster Winter im Aprilist so vergänglichWintereinbruch im April wie der gute Vorsatz von gestern oder, wie es einst Adenauer ausdrückte: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Heute Morgen liegt der Schnee Zentimeter hoch auf dem Land und den Bäumen; es ist tiefster Winter bei 0 °C. Es ist schauerlich, aber optisch zu schön, um nicht doch noch ein Bild zu riskieren. Wir wollen mit diesem Bild die Schwachbesaiteten in die Verzweiflung treiben und den Hartgesottenen liefern wir das Bildmaterial zur geistreichsten aller tiefgeschürften Fragen: Soll so etwa die Erderwärmung aussehen? Immerhin kann man sich, wenn man den Infragestellern angehört, mit ihr zumindest die Herzen wärmen. Uns andere wärmt nur die Hoffnung.

Die ausführliche Beschäftigung mit den Wetterkapriolen des Aprils ist darin begründet, dass die Hinwendung zum Auslöser und Anlass dieser Chronik weiterhin kein ausreichendes Material liefert, das besprochen werden könnte; Hedda spielt auf ihren Spaziergängen leidenschaftlich mit ihrem Ball und gibt sich im übrigen betont untertourig. Wir warten demnach auf Launen ihrer Befindlichkeit, so, wie wir auf den Lenz warten.  

 

Mittwoch, 14. April 2021
23. Tag nach Lando

Die Tage der Düsternis sind fürs erste vorbei. Der Tag beginnt mit blauen Himmelsflecken, aber frisch, und macht uns Hoffnung auf ein Ende der grauen Zeit. Als wir jedoch die Fenster und Türen aufreißen, um nach draußen zu lauschen, ist es befremdlich stumm um uns herum; außer den quietschenden Staren, den kreischenden Amseln und quasselnden Spatzen stimmt kein Vögelein ein, und das, obwohl uns der Bauernkalender für heute verspricht: Tiburtius kommt mit Sang und Schall, er bringt den Kuckuck und die Nachtigall. Von wegen! Das mit der Nachtigall haben wir ihm hier im Mangfalltal eh nicht abgenommen, aber unser Stammkuckuck ist auch nicht mit von der Partie. Das macht uns trotz des versprechenden Wetters ziemlich traurig, denn am 9. April unkte der Bauern-Nostradamus: Wenn der Kuckuck am 9. April nicht gesungen hat, ist er erfroren. Das wollen wir nicht hoffen und nehmen uns vor, jetzt jeden Tag genau hinzuhören. Zum Kuckuck, nochmal!

Heute AnoukAnoukist aus anderer Sicht ein trauriger Freudentag: Heute würde unsere geliebte und unvergessene Anouk ihren 20. Geburtstag feiern. Da Anouk kein Dackel war, der schon mal ein solch gesegnetes Alter erreichen kann, sondern eine edle Hovawartdame, wurde sie „nur“ 14 Jahre alt und hat einen unverrückbaren Platz in unseren Herzen. Heute denken wir gerne an sie, vermissen sie trotz Fianna und Hedda, weil Tote oft lebendiger sind als die Lebenden, denen wir einst ebenso herzerweicht nachweinen werden wie heute unserer unvergleichlichen Anouk. Sie fehlt uns immer noch und würde, zusammen mit Franzi, ein tolles Quartett mit den beiden abgeben.    

Über Heddas Zustand gibt es auch weiterhin keine erweiterten und erheiternden Erkenntnisse. Sie lässt nichts heraus und spannt uns auf die Folter.

 

Freitag, 16. April 2021
25. Tag nach Lando

Wer sucht, der findet. Wir suchen inständig nach verwertbaren Hinweisen auf Heddas Zustand, aber sie unterstützt uns dabei nicht. Auch bei ihrer Mutter und Großmutter ließen sich die ersten Anzeichen einer Schwangerschaft erst sehr kurz vor dem Ultraschall erahnen. Aber heute meinen wir einen Fingerzeig auszumachen, einen anrüchigen zwar, aber einen, den man nicht vernachlässigen sollte. Heddas morgendliche Darmreinigung erfolgt meist in zwei kurz hintereinander gelieferten Portionen, kraftvoll und angemessen fest. Doch seit etwa drei Tagen liefert sie die zweite Depesche aus Darmstadt in breiiger Konsistenz; das gibt zu denken. Ihre Tagesmenüs unterscheiden sich nicht von allem, was sie üblicherweise serviert bekommt, überproportionale Zufuhr von Gülle ist derzeit auch nicht gegeben und auch sonst können wir, selbst bei intensiver Rekonstruktion der jüngsten Vergangenheit, keine anderen Umstände erkennen, die für diesen Output verantwortlich zeichnen könnten – außer eben andere Umstände.

Auch nach neun Würfen kann man sich an diese Hängepartie nicht gewöhnen. Da nützt es auch nichts, wenn man sich die erfolgreichen Hängepartien der beiden Hochzeiter immer wieder hoffnungsvoll vorbetet. Wir wollen nicht glauben, das kann ja jeder, wir wollen endlich wissen. Oder wenigstens begründete Hoffnung haben. Inzwischen haben wir, trotz der Andeutungen aus Darmstadt, ernste Zweifel, dass Hedda trägt.

Und derweil uns Hedda so verantwortungslos im Ungefähren hängen lässt, hängen täglich die Interessenten in den Leitungen, um ihren Wunsch nach etwas Kuscheligem kundzutun. Deren Zahl wächst täglich in die Höhe wie einst der Turm zu Babel – und wie dieser wird er in Kürze in sich zusammenstürzen, egal ob Hedda Kinder trägt oder nicht.

 

Samstag, 17. April 2021
26. Tag nach Lando

Seit heute Abend glauben wir, endlich nicht mehr glauben zu müssen, sondern wissen zu dürfen!

Am frühen Abend verteilt die Chefin ein letztes Stück Mozzarella zwischen sich und den beiden Vierläufigen, eine wirklich heißbegehrte Leckerei. Doch nach einem ersten, winzigen Stück, rümpft Hedda die Nase und lehnt dankend ab. Da schrillt ein bisschen Glücksalarm. Dass es sich bei dieser Verweigerung nicht um ein Versehen handelt, belegt Hedda bei der Abendmahlzeit: Sie lässt ein Drittel ihrer Portion stehen: Das ist unter regulären Bedingungen so wahrscheinlich wie Faschingsdienstag an Karfreitag. Eine solche Appetitlosigkeit, die anderen Sorgenfalten auf die Stirn legen würde, löst bei uns Glücksgefühle aus. Aber nicht nur bei uns, sondern auch bei Fianna. Sie mag es erst nicht glauben, dass ihre Nachbarschüssel nicht blankgeputzt ist, meldet dann aber zügig Ansprüche an. Fianna würde niemals ohne explizite Erlaubnis die Schüssel ihrer Tochter plündern, also legt sie den Kopf etwas schief über die Schüssel, erfasst mit dem linken Auge deren Inhalt und schielt mit dem rechten in Richtung des Futtermeisters, bis er ihr mit einer Handbewegung den Zugriff genehmigt. Ja, eigentlich könnte sie getrost ein Kilo weniger auf den Rippen haben, und dazu ist diese Sonderration nicht hilfreich, aber andererseits kann man diesen üppigen Rest nicht einfach entsorgen… geht doch nicht! Anschließend reinigt Fianna die Futterschüssel derart akribisch, dass dieser nun mindestens 1 µm abgeht. Hedda steht eineinhalb Meter daneben und vermittelt den Eindruck, dass es ihr jetzt gleich den Magen aufstülpt. Es scheint also zuzutreffen, dass die entscheidenden Hinweise erst kurz vor dem Ultraschall zu erwarten sind. Analog zu Heddas Futterverweigerung hört man aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen aus Landos Heimat, dass der parallel dazu einen Heißhunger entwickelt, mit dem er Hedda und all ihre Welpen fettfüttern könnte. Es scheint die beiden doch ein güldenes Band zu vereinen.  

 

Sonntag, 18. April 2021
27. Tag nach Lando

HeddaBei einem langen Morgenspaziergang im Morgenniesel ist Hedda lebendig und fröhlich wie gewohnt, stürzt sich anschließend auch freudig auf ihre Portion Trockenfutter, aber das Schälchen mit dem Rest Bärlauchfrischkäse verweigert sie wieder. Das macht sich Fianna untertan. Zudem hängt Fianna ihrer Tochter bei jeder Gelegenheit unterm Rock; richtig betörend muss die Kleine duften. Wir werfen alle Zweifel über Bord...

 

 

Montag, 19. April 2021
28. Tag nach Lando

Wir haben uns erlaubt, die 4. Woche von Heddas Schwangerschaft ein wenig zu verlängern, weil heute Wegweisendes auf dem Programm steht: Ultraschall. Da viele Menschen auf dieses Ergebnis warten, müssen wir es selbstverständlich unverzüglich verkünden. Unter diesen Umständen macht es wenig Sinn, die Geschichte eine Woche später an dieser Stelle zu erzählen. Nichts ist bekanntlich so abgestanden wie Kaffee von gestern.

HeuteHedda beim Ultraschall alsoHeddas UltraschallJabberwocky oder Juicylucy Ultraschall in unserer Stammpraxis in Stephanskirchen, 9 Uhr. Unsere, nach dem Chef, geschätzteste Schallkopfführerin wartet bereits auf uns, Hedda wird auf die Liege gehievt und auf den Rücken gedreht, was sie halbherzig zu verhindern sucht, dann: Licht aus! Schallkopf an! Und schon ploppt es uns aus Heddas Puppenstube entgegen, lauter kleine Früchtchen. Auf uns macht das den Eindruck, als ob sie alle förmlich auf diesen Augenblick gewartet hätten, sich in den Vordergrund södern wollten, sich wichtigmachen und „Hallo, hier bin ich“ rufen würden. Sieben kleine Jays haben wir identifiziert, vielleiht auch acht, so genau weiß man das nie, der eine oder die andere mag sogar die Gelegenheit hinter einer Darmschlinge vertrödelt haben, jedenfalls steht unzweifelhaft fest: Hedda trägt und ist auf direktem Weg in die Schnullerbox.

Im Mangfalltal hängt der Himmel voller Wolken und beim Blues voller Geigen (dem Chronisten fällt an dieser Stelle und in Erwartung dessen, was auf ihn zukommt, spontan das Kosewort Arschgeigen ein). Hedda genießt inzwischen sogar die Prozedur und lässt es sich maunzend und gurrend gefallen, als ihr der Bauch von der Gleitschmiere frei gerubbelt wird. Ab jetzt werden wir sie hüten wie unsere Augäpfel, ihr das Bäuchlein geschmeidig salben und ihr so auf die Nerven gehen, wie es werdende Großmütter bei ihren Töchtern vor lauter Enkeleuphorie seit Generationen praktizieren: Geht es dir gut? Tut was weh? Willst du einen Keks? Oder lieber eine Gurke?

Wer auf Hedda, die kleinen Jollyjoker und den stolzen Papa Lando anstoßen möchte, kann das jetzt mit uns tun.

 

Mittwoch, 21. April 2021
30. Tag nach Lando

Gestern haben wir uns ein wenig Ruhe nach dem Freudensturm gegönnt und die Visiere auf Zukunft justiert und geputzt. Wir wissen aus Erfahrung, dass der Geburtstermin nur einen Flügelschlag entfernt ist. Es gilt also, sich zu sortieren.

HedaDer gestrige Dienstag erwachte mit Regen, steigerte sich mittags auf Graupelschauer und ging mit freundlichem, fast nacktem Himmel ins Bett. Und genauso ist er diesem heute entstiegen: blank. Der Frühling wagt sich heraus, aber ob er schon genug Mumm hat, sich festzusetzen, sich also quasi festlaschetieren kann wie der Korken-Armin aus Aachen, bleibt sehr fraglich.

Heddas Futteraversion ist verschwunden und wurde von einem Hungerkontinuum abgelöst. Optische Veränderungen sind nicht erkennbar und noch nicht zu erwarten. Vor dem Ultraschall haben wir Hedda gewogen und sie hält ihr dauerhaftes Kampfgewicht von 29,3 Kg eisern. Die am 1. April in Aussicht gestellten Maßnahmen an Heddas Körpermaßen machen auch noch keinen Sinn, weil sie sich weiterhin in den ihr eigenen Maßen bewegt. Mehr ist auch derzeit nicht zu erwarten, weil die Zwerge noch etwa die Größe eines halben Daumennagels haben und damit nicht auftragen können. Später, noch längst bevor die Knirpse Ausmaße annehmen, die Heddas Körperformen auseinandertreiben, ist es zuerst das Fruchtwasser, das ihre Stromlinienform auf Tropfenform umdefiniert. Doch das hat noch ein bisschen Zeit.  

 

Freitag, 23. April 2021
32. Tag nach Lando

Jetzt ist er wirklich da, der ersehnte Lenz; 16 laue Grade hat er im Gepäck und dabei die Wolken vergessen. Das freut den entwurzelten Neuzeitmenschen, der von nichts keine Ahnung nicht hat, die Alterfahrenen aber schrecken zusammen. Heute ist nämlich der Tag, an dem man dem Hl. Georg gedenkt und der sollte eher kalt und schaurig sein, wenn man als Landmann auf ein gedeihliches Jahr hoffen möchte. Kommt der Georg auf einem Schimmel, kommt ein gutes Frühjahr vom Himmel. Der Schimmel soll die letzten Schneeflocken symbolisieren, und die wiederum seien die Vorboten für ein gutes Frühjahr, ja sogar ein gutes Jahr. Dementsprechend schlecht ist das heutige Wetter beleumundet: Ist’s an Georgi warm und schön, wird man noch raue Wetter seh’n oder Ist’s an Georgi hell und warm, gibt’s noch ein Wetter, dass Gott erbarm.

WirFußlaufen lassen uns den Tag nichtHedda hat Spaß vermiesen und gönnen unserem jungen Mutterschiff eine kreuzfidele Trainingseinheit (ohne Sprungeinheiten, die sind wegen der Verletzungsgefahr gestrichen) mit ihrer Herzenstrainerin Steffi, die sich wieder einmal nicht genug über ihre Schülerin freuen kann. Aber sie stellt fest, dass man Hedda jetzt schon ein bisschen ansähe, dass sie in gesegneten Umständen sei. Das ist uns völlig entgangen, deshalb nehmen wir abends eine weitere Messung vor und staunen nicht schlecht: Das Kind hat abgenommen, ist abHedda apportierter dicker geworden!!?? Wie geht denn das? Abnehmen ist durchaus nicht ungewöhnlich, aber die Körpermaße sind so eindeutig umfänglicher, dass ein Messfehler, der immer drin ist, kaum zu unterstellen ist. Hedda wiegt heute 28,8 kg (am 1. April hatte sie ihr Standardgewicht von 29,3, das sie auch beim Ultraschall hatte). Aber der Umfang gibt diese Abnahme nicht her:

 

 

  Hedda Fianna bei ihrem 1. Wurf
  Gewicht Vorne Mitte Hinten Gewicht Vorne Mitte Hinten
Tag 10 29,3 76 72 63        
Tag 32 28,8 77 76 66 30,0 73 72 62

 

Interessant ist der Vergleich mit Fianna am gleichen Trächtigkeitstag ihres ersten Wurfs; da hat Hedda heute deutlich mehr zu bieten. Das könnte zu denken geben, falls diese Körpermaße ein Hinweis auf die Welpenzahl sein sollten: Fianna bracht in ihrem G-Wurf elf Kinder zur Welt!

 

Sonntag, 25. April 2021
34. Tag nach Lando

Hedda scheint sich langsam ihres Hedda im FrühlingsglückHedda im FrühlingsglückZustands bewusst zu werden, ohne allerdings zu wissen, worum es geht. Aber das stets ungestillte Hungergefühl dürfte sogar ihr befremdlich vorkommen. Schön langsam haben sogar wir den Eindruck, dass sich Heddas Körperformen in die zu erwartende Richtung entwickeln; man muss schon genau hinsehen, aber, ja, sie ist ein wenig pummeliger. Das Maßband lügt also doch nicht. Und auch ihr flitzeflinker Gang gerät ihr nicht mehr so selbstverständlich elastisch. Vor allem im Schritttempo, das bei ihr genetisch kaum ausgeprägt ist, weil sie eigentlich immer mindestens eine Tempokategorie darüber unterwegs ist, macht ihr zu schaffen und gibt uns entscheidende Hinweise. Wir bezeichnen diesen etwas aufgesetzten Bewegungsablauf als „nutteln“, weil sie ihre Hüften so übertrieben staksig in Schwingung bringt wie die Damen des Gewerbes, denen es ebenfalls schwerfällt, zwei Dinge zu harmonisieren, die nicht zusammengehören: aufreizend langsam schreiten und den Po dabei in ebenmäßige Schwingung zu halten. Das wirkt dann gelegentlich eher hüftsteif als schwebend.

Und dann ist es in stillen Augenblicken ihr unsteter Blick, Heddaein bisschen traurig, ein bisschen verstört, der keine Zweifel daran lässt, dass sie in sich hineinhört und keine Antworten auf ihre Fragen findet. Zwar ist es noch zu früh von solchen Umtrieben auszugehen, die den bösen Wolf zu der Aussage verleitete: „Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum? Ich meinte es wären sechs Geißlein, so sinds lauter Wackerstein.“ Rumpeln und pumpeln wird da noch nichts, aber Zustände wird sie erspüren, die ihr bisher noch nicht untergekommen sind. Da wirft man schon mal einen hilfeheischenden Blick in die Runde, um Antworten zu erhalten. Wir nehmen sie dann eben in den Arm und kraulen ihr die Ohren; wie sollen wir ihr denn erklären, dass sie schwanger ist. Das müsste schon ihre Mutter übernehmen. Aber vielleicht hat sie das schon erledigt und Hedda ist gerade deshalb so entkalibriert. Wird schon, kleiner Flitzefratz, das haben andere auch schon hingekriegt.   

 

Montag, 26. April 2021
35. Tag nach Lando

Es bricht die Küsschen, KüsschenZeit an, in welcher die Sanftmut der Gier zu weichen hat. Das soll heißen, dass man inzwischen gut daran tut, die Finger bei Leckerligaben rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Hedda, die sonst mit sanften Lippen Leckerli aus den Fingern küsst, greift jetzt zu, als wäre es ihre Henkersmahlzeit. Es lässt sich nicht übersehen, dass die Prinzessin offenbar ständig unterzuckert ist.   

Dienstag, 27. April 2021
36. Tag nach Lando

Was für ein Frühling soll das denn sein, der am Morgen des 27. April mit -1 °C aus den Federn kommt? Den rettet doch auch kein blitzblauer Himmel nicht mehr. Dazu ist heute auch noch Vollmond und der Bauernregler schreibt: Hat Sankt Peter (Petrus Canisius) das Wetter schön, kannst du Kohl und Erbsen säen. Welchen Stellenwert man diesen Weissagungen beimessen sollte, erschließt sich, wenn man einen Blick auf morgen wirft, denn für den 28. April heißt es: Ist es noch kalt auf St. Vital, friert es uns noch fünfzehnmal. Die Wahrscheinlichkeit, dass es auch morgen noch frisch ist, ist hoch, und was mach ich dann mit den gesäten Erbsen, wenn es noch fünfzehnmal friert? Und dann stehen uns demnächst auch noch die Eisheiligen ins Haus! Hoffentlich erfrieren uns die Jabberwockys nicht in Heddas Bäuchlein. Möglicherweise futtert sie deshalb so nachdrücklich, um den Ofen auf Temperatur zu halten.

Apropos Bäuchlein: Um die Mittagszeit herum wird der Chronist und Brutassistent von der Cheffortpflanzerin zur angehenden Mutter gerufen und aufgefordert, deren Bauch zu begrapschen. Die lümmelt im Schlampersitz in der Küche herum und gewährt freien Zugriff zu ihrem Bäuchlein. Und in der Tat: Man spürt jetzt tatsächlich ein kleines Kügelchen. Dort, wo sich sonst stramme Muskelpakete aneinanderreihen, schmiegt sich eine sanfte Rundung in die Hand des Assis. Allmächt, das geht ja ziemlich ab. Hat die irgendwo eine Pumpe eingebaut? Sich so aufzuplustern ist doch sonst ihre Sache nicht. Menno…

Nachmittags hat Fianna mit Frauchen einen Tierarzttermin: Der Jahrescheck, den wir mit all unseren Hunden über acht Jahren machen. Ergebnis: Fianna ist topfit, Blut ohne Beanstandung, Ultraschall ohne Befund. Dazu ein Herz, das wie eine römische Galeere in langen Hüben pullt; „Hochleistungsherz“ begeistert sich die Tierärztin. Jubel! Und dann bringt uns Fiannas Lieblingsschallerin auf eine bestechende Idee, als sie so nebenbei erwähnt, dass viele Tierärzte und Tierkliniken richtig viel Geld ausgeben würden, wenn sie für ihre Ultraschall-Seminare so entspannte und gelassene Modelle wie Fianna hätten. Da sollte man doch direkt darüber nachdenken. Tatsächlich bringt Fianna auf der Schallliege nichts aus der Ruhe. Also … Kinder soll (und darf) sie nicht mehr bekommen, schließlich hat sie mit 30 Kindern ihren 5-Jahres-Plan übererfüllt, aber ein bisschen könnte sie doch noch zum Familieneinkommen beitragen. Oder? Und kann man sein Geld leichter verdienen als sich auf dem Rücken liegend, komplett gechillt den Bauch durchschallen zu lassen? Als kleine Zugabe dann noch eine Extraportion Leckerli und tausend Streichelhände. Darüber müssen wir mit ihr reden.

 

Mittwoch, 28. April 2021
37. Tag nach Lando

Wir haben es befürchtet, und nun ist es passiert: 2 °C morgens um 6 Uhr. Das ist zwar kein Frost, aber saukalt ist es für den 28. April allemal. Und nun müssen wir also noch fünfzehnmal frieren. Und was machen nun unter diesen Bedingungen die Störche und die Schwalben, die sich auf den Frühling verlassen haben, angereist und nun schnöde verlassen sind. Schlauer ist in dieser Hinsicht offenbar der Kuckuck, der immer noch nicht da ist, aber vielleicht gar nicht, wie prophezeit, erfroren ist, sondern sich nur ein wenig zurückgehalten hat.

Hedda hat offenbar andere Sorgen. Sie scheint davon auszugehen, von unseren Futtergaben ihre Kinder nicht ausreichend satt zu bekommen. Sie stürzt sich während ihrer Spaziergänge auf den ausgebreiteten Mist und ist kaum davon abzubringen, ihn in sich hineinzuschlingen. Heikel war sie ja noch nie, aber Kuhmist stand bislang nicht auf ihrem Speiseplan. Wenn man allerdings ihr Körperwachstum in die Betrachtungen einbezieht, sollte uns nichts wundern: Man kann ihr fast beim Dickerwerden zuschauen. Das ist schon sehr befremdlich, wenn man sie als rankes-schlankes Model kennt und nun sieht, wie sie allmählich eine Tropfenform annimmt.

Nachmittags Iltschi und HeddaIltschi und Heddamachen wir wieder einmal einen Besuch bei ihrem Halbbruder Iltschi in Bad Grönenbach, weil beim Vögele Hof, gleich um die Ecke, die Wurfabnahme ansteht, und es Iltschi uns übelnehmen würde, wenn wir die paar Kilometer nicht schaffen würden, ihm eine Freude zu machen. Die Freude ist natürlich riesig und Iltschi tut, was er immer tut, wenn seine nächste Verwandtschaft zu Besuch kommt: Er zeigt ihr zum x-ten Mal seinen Garten, stolzt und gockelt herum, muss sich aber heute mit einer deutlich verhalteneren Halbschwester abfinden, was ihn mächtig ins Grübeln bringt. Lieber Iltschi, du kannst dich auf neue Gesellschaft freuen, weil du bald – ja was ist man denn für ein Onkel bei den Kindern seiner Halbschwester? – sagen wir mal: Halbonkel wirst. Ein halbstarker Halbonkel! Das wird was werden…   

 

Donnerstag, 29. April 2021
38. Tag nach Lando

Der erste, wenn auch frische, Frühlingsschub ist heute vorbei; das Wetter macht auf trüb und droht mit Regen. Darüber freut sich der Landmann, und nicht nur der, denn Wasser kam schon länger nicht mehr vom Himmel. Aber dafür wird es jetzt auch etwas wärmer, zumindest morgens, tagsüber geht es dagegen bergab mit den Temperaturen.

Für eine Schwangere ist das sicher kein Nachteil. Heute erleben wir einen kleinen Moment der Verwirrung. Weil die Chefbrutbeauftragte niemals ihre Hände von ihren Hunden lassen kann und alles ständig kontrollieren muss, stellt sie bei Hedda einen klaren, aber schmierigen Ausfluss fest. Mist! Gehört sich das so? Haben das ihre drei Vorgängerinnen auch gehabt? Haben wir bei neun Würfe etwas übersehen? Haben wir das nur vergessen und/oder haben wir etwa nichts dokumentiert? Fragen über Fragen angesichts eines schmierigen Ausflusses. Bevor wir jetzt alle unsere Aufzeichnungen durchwälzen, befragen wir lieber die einschlägige Literatur. Und dort findet sich unter anderem der erlösende Hinweis: Um den 30. bis 35. Tag der Trächtigkeit hat die Hündin durchsichtigen bis weißlichen Ausfluss. Dieser unterscheidet eine Trächtigkeit von einer Scheinschwangerschaft. Zitat Ende. Na also. Erlösung und Erleichterung. Dass Hedda ein paar Tage hinterher ist, liegt vermutlich daran, dass sie vor lauter Gewichtsaufbau den Ausfluss zur rechten Zeit vergessen hat.  

Für alle jene, die sich Hoffnung auf ein Heddakind machen, haben wir noch ein bisschen Material für das geistige Auge, auch als die Innere Vision bekannt: Um diese Zeit messen die Heddalinas und -linos etwa 45 mm und wiegen sechs Gramm. Hedda muss demnach noch kräftig anbauen, damit die Zwerge ein mutmaßlich mittleres Geburtsgewicht von 450 Gramm erreichen. Hedda und ihre zehn Geschwister brachten es immerhin auf knappe 460 Gramm im Durchschnitt. Noch ein interessanter Fakt: Erst in diesen Tagen legt Hedda bei ihren Kindern die Fellfarbe fest! Wir haben deshalb extra noch einmal eine nachdrückliche Blond-Bestellung platziert. Aber die macht ja eh, was sie will…

 

Freitag, 30. April 2021
39. Tag nach Lando

Er ist nicht erfroren! Er ist da! Heute Morgen hat er gekuckuckt im Wald und allen mitgeteilt, dass nun der älteste Hausbesetzer und Nestbeschmutzer aller Zeiten wieder sein Unwesen treibt im Mangfalltal. Allerding könnte er in diesem Jahr Probleme bekommen, seine Kuckuckseier den Pflegeeltern unterzujubeln, weil die meisten schon eifrig brüten und unter diesen Umständen meist sehr ungnädig mit Fauleiern umgehen, selbst wenn sie noch so clever camoufliert dazwischengegaunert werden. Kann sein, dass er in Kürze wieder unverrichteter Dinge nach Westafrika zieht. Er hat sich wohl vom kältesten April seit 40 Jahren von einer zeitigen Rückkehr abhalten lassen. Das könnte sich rächen.

Hedda hat Durst, wirklich viel Durst. Das ist schon auffällig, weil sie immer schon unser bester Schluckuck war. Während Fianna es nimmt, wie es kommt, steht Hedda zuverlässig nach jeder Mahlzeit wie ein Mahnmal vor ihrer Schüssel und klagt frisches Wasser ein. Darauf ist Verlass. Und wenn Hedda irgendwo unsortiert und zweckfrei im Haus herumsteht, kann man davon ausgehen, dass die Wasserschüssel leer ist (ja, wir haben mehrere, aber nur eine erfährt ihre Gnade). Nun schlürft sie also noch größere Mengen in sich hinein. Wir blättern deshalb in unserem Kinderalmanach und lesen, dass „Fianna wie eine Kuh“ gesoffen hat und Oma Franzi gar „wie ein Kamel“. Wir dokumentieren also für die Nachwelt: Hedda säuft wie ein Kuhmel. Logo, ein Schneller Brüter braucht eine Menge Kühlwasser, damit es nicht zur Kernschmelze kommt – obwohl: Die eigentliche Kernschmelze liegt ja schon über fünf Wochen zurück. Aber wenn Hedda die Zwerge in etwa 25 Tagen von sechs Gramm auf 450 Gramm hochpäppeln soll, muss sie schon mächtig feuern, damit aus den (schwäbischen) Weckle ordentliche Wackersteine werden. Wir unterstützen diesen Vorgang, indem wir Hedda ab heute dreimal füttern; sie hat ja nicht nur Durst, sondern einen Appetit wie Heinrich VIII. So verteilt sich die Futtermenge besser und belastet sie nicht so sehr. Auch der Output verteilt sich besser über den Tag; inzwischen hat sie morgens schon gelegentlich in größerer Not unseren Garten als Notausgang benutzt, für sie, die einhalten kann bis zur Mumifizierung, wirklich ein deutlicher Hinweis auf eine dringliche Anpassung der Routinen.

 

Samstag, 1. Mai 2021
40. Tag nach Lando

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Doch vor den Bäumen schlägt, nein: keilt das Wetter aus. Gestern Nachmittag ein handfestes Gewitter mit einem Regensturm, dass man den Eindruck haben musste, der ganze Himmel käme herunter. Und auch nachts regnete es noch weiter, wenn auch sehr moderat. Das wird wiederum den Landmann freuen: Regen in der Walpurgisnacht, hat stets ein gutes Jahr gebracht, konstatiert der Bauernkalender. Die Hexen tanzen auf dem Blocksberg und im Mangfalltal schuhplattelt der Bauer in den Pfützen wie der Bi-Ba-Butzemann vor lauter Freude.

Zurück zum LunderlandUrgrund dieser Chronik: unsere Hedda mit ihren Leibwürmern. Ab heute geben wir ihr regelmäßig etwas Bierhefe, Eierschalen und Seealgenmehl ins Futter, Bierhefe und Eierschalen täglich, Seealgen einmal die Woche. Dahinter verbirgt sich neben vielem anderem Vitamin-B-Komplexe, Kalzium und Jod, eben alles, was das Immunsystem und die Entwicklung der Welpen ein klein wenig mehr unterstützen kann. Muss man nicht machen, hat sich aber bisher bewährt.

Und dann nehmen wir wieder einmal eine Messung vor, analog zu Fiannas Messtagen, um besser vergleichen zu können. Und siehe da: Hedda ist zwar etwas leichter, aber ein bisschen pummeliger.

  Hedda Fianna bei ihrem 1. Wurf
  Gewicht Vorne Mitte Hinten Gewicht Vorne Mitte Hinten
Tag 10 29,3 76 72 63        
Tag 32 28,8 77 76 66 30,0 73 72 62
Tag 40 32,2 77 78 69 33,0 75 78 67

Heddas sichtbar wachsende Umfänglichkeit erinnert uns an ihre Oma Franzi, die sich auch sehr frühzeitig Ausmaße zulegte, die in uns ernste Zweifel weckten, ob sie den Wurftermin erreichen könnte oder doch viel zu früh die Produktion anstoßen müsste, was dann zu einer Wurfkiste voller Todgeburten geführt hätte. Aber nein: Franzi hielt tapfer durch und bescherte uns drei prächtige Würfe mit vielen zauberhaften Kindern. Wir glauben fest daran, dass Hedda das Erbe ihrer Oma wertschätzt und pflegt.

 

Montag, 3. Mai 2021
42. Tag nach Lando

Auf einem denkunwürdigen Hedda BlumenkindHedda BlumenkindSonntag folgt ein ebensolcher Montag. Der einzige Unterschied ist der, dass sich das Wetter wieder in Richtung Blau und freundlich aufmacht, was allerdings nicht lange halten soll. Heute ist Kreuzauffindungstag sowie St. Jakobus und St. Philippus. Für heute gilt: Wie’s Wetter am Kreuzauffindungstag, bis Himmelfahrt es bleiben mag. Das hört sich doch gut an, weil es heute wirklich schön ist, wenn auch die echte Frühlingswärme fehlt. Allerdings haben die Bauern am heutigen Tag nicht viel Freude: Zu Philipp und Jakobi Regen, bedeutet viel Erntesegen. Nun ja, Mit Regen können wir heute wirklich nicht dienen. Ist halt doch ein recht wankelmütiger Balg, der Bauernprophet.

Bezüglich Hedda bleibt nur festzuhalten, dass sie zunimmt, stetig und unübersehbar. Und behäbig wird sie auch. Klar, draußen gibt sie immer noch Gas, aber im Haus spielt sie zunehmend Häschen in der Grube. Das geht ihrer Mutter inzwischen kräftig auf den Senkel: Sie greift sich einen Ball und spielt ihre Tochter im Garten an wie ein Derwisch, immer im Kreis um sie herum, tanzend und Kapriolen schlagend, aber das lastenschwere Töchterlein ignoriert ihre Avancen stur. Verkehrte Welt! Sonst ist es andersrum, mit der Ausnahme, dass Fianna irgendwann auf die Spielaufforderung reagiert. Hedda trottet aber davon und lässt eine konsternierte Mutter im Garten zurück.  

 

Dienstag, 4. Mai 2021
43. Tag nach Lando

Morgens um 7 Uhr 1 °C! Und so was soll ein Frühling sein? Die vereisten Autoscheiben lassen keinen Zweifel daran, dass nachts sogar Minusgrade herrschten. Aber der Wettermiesmacher hat es schon richtig drauf, raunt er doch fast gehässig: Der Florian, der Florian, noch einen Schneehut tragen kann. Beinahe hätte er recht behalten. Viel hat nicht gefehlt.

 

Donnerstag, 6. Mai 2021
45. Tag nach Lando

Was soll man erzählen?Shrek Die Bundesregierung wird seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts so grasgrün, dass sich sogar Shrek erschreckt und auch bei Söder grünt’s so grün, dass selbst Bayerns Grüne erglüh’n. Der Frühling wird derweil noch nicht einmal mehr im Hindukusch verteidigt, obwohl er der Einzige ist, der ganz unzweifelhaft grün ist. Das wiederum bezweifelt der Bauernprophet, der für den morgigen 7. Mai prophezeit: Wenn sich naht Sankt Stanislaus, schlagen alle Bäume aus. Das kann nur aus hindukuckucksheimer Sicht so gesehen werden, denn bei uns hier grünt’s schon lang so grün (siehe oben).

Beim Bairischen Blues tut sich zurzeit wenig Erwähnenswertes. Hedda muss einen Sauerteig im Leib haben, jedenfalls lassen ihre strammen Rundungen allmählich diesen Schluss zu. Am Montag haben wir noch festgestellt, dass sie im Haus Häschen in der Grube spielt, aber bei ihren Spaziergängen weiterhin Gas gibt. Das hat sie jetzt auch angepasst: Sie ist unsere erste Hedda Hedda, scheinschlanklauffaule Hündin. Und sie ist dabei die unschlagbarste Fußgängerin aller Zeiten. Beides rührt daher, dass sie jede Gelegenheit nutzt, um uns für die nächste Abkürzung nach Hause zu überreden. Ihre drei Vorgängerinnen haben das erst praktiziert, als sie schon ein Nest voller Zwerge hatten und ihren Mutterpflichten nachkommen wollten. Wir unterstellen, dass Hedda weder vorauseilende Mutterpflichten noch körperliche Beschwernisse ins Feld führt, sondern schlicht das Wissen, dass zuhause die nächste volle Futterschüssel auf sie wartet. Solange sie diese nicht leeren kann und Gassi gehen muss, behilft sie sich mit geradezu beispielslos makellosen Fuß-Einheiten, um sich wenigstens eine Belohnung zu verdienen. Wenn es sein muss und wir ihr keine Ablenkung anbieten, paradiert sie ohne Unterlass in perfekter Haltung und Position neben uns her. Zirkushund! Jedenfalls sehen das die zahlreichen Spaziergänger so, die entweder uns oder Hedda oder uns beiden unterstellen, nicht alle Klammern im Sack zu haben. Hedda ist das egal, sie versucht diese Übung sogar bei Freunden und Bekannten, die uns und sie ein Stück begleiten. Im Zustand fortgeschrittener Schwangerschaft, würde sich Hedda mit jedem dahergelaufenen Passanten sogar in einer Prüfung eine 1* im Fußlaufen verdienen.

Obwohl dieser „Will-to-please“ (in Heddas Sprache übersetzt: Willst du bitte!) oberflächlich beste Voraussetzungen für eine gediegene Trainingseinheit sein müssten, sagen wir die letzte Trainingseinheit mit Steffi vor Heddas Niederkunft ab. Unterordnung besteht nicht nur aus Fußlaufen; das Sitz ist behäbig und allzu leger hingeworfen, das Platz, unter Schonung des Leibesinhalts, behutsam, Apportierübungen zeigt sie mit halbiertem Tempo und gesprungen wird sowieso nicht mehr. Warum also zweimal 100 Kilometer auf der Autobahn verbringen, um das gleiche zu üben, was wir auch vor der Haustüre haben können. Hedda ist zwar noch in der Fuß-Form ihres Lebens, aber ohne Sprutz und Feuer und ohne innere Motivation. Ihre innere Motivation wird aktuell hauptsächlich vom Hunger befeuert. Insofern würde eine Apportierübung mit einem Ring Fleischwurst ihren Eifer zwar anheizen, ob sie ihn aber ordnungsgemäß zurückbringen und im Vorsitz präsentieren würde?

Bleiben wir lieber bei den HeddaHedda mit BabybauchFakten. Hedda hat also schon einen wegweisenden Leibesumfang, so, dass sich jetzt sogar bei ihr die Seitenspoiler an den Flanken aufrollen, jene Haartolle, die bei den meisten Hündinnen schon vor dem Ultraschall Auskunft über deren Zustand gibt. Hedda hat sich mit dieser Tolle richtig Zeit gelassen, jetzt aber rollt der Bauch die Flankenhaare unwiderstehlich nach oben. Was sagt uns das? Nun ja: Nicht viel, außer dass die Welpen, vor allem aber das Fruchtwasser, sich schön langsam den nötigen Raum verschaffen. Wenn man Hedda optisch umreißt, könnte einem der Schreck in die Glieder fahren beim Gedanken, dass von jetzt bis zur Geburt noch drei Viertel des Gesamtwachstums vonstattengeht; ein Viertel in 45 Tagen, drei Viertel in 18 Tagen! Wenn sie ihre Körpermaße analog dazu anpasst, sieht sie bald aus wie ein gestrandeter Wal. Nein, so weit wird es nicht kommen. Bei den Kleinen bildet sich in diesen Tagen das Pigment aus (als ob das wichtiger wäre als eine Lunge oder eine Leber!), außerdem festigt sich das schwurbelige Skelett und verknorpelt. Und angeblich hecheln sie bereits. Wir haben noch nichts gehört, was vermutlich am Fruchtwasser liegt. Aber hat denn schon mal jemand versucht, unter Wasser zu hecheln? Wie? Ach so: Der lebt nicht mehr… Welpen kriegen das offenbar hin. Das könnt einen doch auf die Idee bringen, dass Heddas Leibesumfang gar nichts mit Welpen und Fruchtwasser und Nachgeburten zu tun hat, sondern von Luftblasen herrührt, quasi Hechelflatulenzen sind.

 

Freitag, 7. Mai 2021
46. Tag nach Lando

Zu diesem Freitag fallen uns nur zwei Anmerkungen ein: Ein Wetter, das jegliche Schamgrenze unterschreitet (Dauerregen und sogar Schnee) und eine grobmotorische Hedda. Zum ersten machen wir keine weiteren Ausführungen und zu Hedda wurde bereits erwähnt, dass ihr Maß und Mitte im Miteinander etwas außer Kontrolle gerät. So passiert es ihr heute, dass sie beim Ballzerren ihrem Herrn und Futtermeister den kleinen Finger der rechten Hand zerknirscht, weil ihr offenbar die Distanzen in Abhängigkeit von der Zugriffsgeschwindigkeit misslingen – knirsch, oder wie der Volksmund sagt: Wo gehundelt wird, fallen Finger.  

 

Samstag, 8. Mai 2021
47. Tag nach Lando

Die vergangenen Wochen haben sich zu einer Iltschi-Zeit entwickelt: Fast jede Woche gab es einen anderen Grund, Fiannas Sohn und Heddas Halbbruder Iltschi aus dem Unterallgäu zu treffen, beim Training, bei sich zu Hause und heute bei uns. Hedda Ein Spaziergang der Superlative Iltschi ist also mit seiner Familie zu Besuch. Dazu gesellt sich noch Besuch aus dem fernen Wien, und so ist dieser Samstag ein Festtag für alle. Vor allem aber ist es ein Hedda-Festtag, die dermaßen mit ihrem pummeligen Charme um sich wirft, dass sie buchstäblich mit Liebe überschüttet wird, und das bedeutet selbstverständlich: Leckerli. Der Bairische Blues ist heute eine Art Außenstelle des Fressnapfs.  

Der Frühling nimmt auch Fahrt auf und verwöhnt uns bereits mit 16 °C am Nachmittag, was nach dem gestrigen Weltuntergang ein echtes Versöhnungsangebot ist. Sechs Menschen und drei Hunde flanieren im Mangfalltal, Hedda schaukelt ihr Bäuchlein und lässt keine Gelegenheit verstreichen, ihre Zuneigung für wirklich jeden der sechs Zweibeiner zu demonstrieren: Es ist ein Festtag.

Der Festtag erfährt noch einen kleinen Zusatzreiz, indem sich Fianna entschließt, jetzt endlich doch läufig sein zu wollen. Iltschi kommt damit klar, weil er für seine Mutter doch noch eine Nummer zu klein ist und er deshalb gar nicht erst versucht, daraus Kapital zu schlagen. Einmal nur wollte er ihr unter den Rock schnüffeln, dann gab es eine kleine Rüge und der Kas war g’spitz, wie man hierzulande zu sagen pflegt. Aber haben wir es verdient, zu einer baldigen Mutter jetzt auch noch eine hormondamische Großmutter im Haus haben zu müssen?        

Wir sollten uns besser mit Heddas Leibesfakten beschäftigen. In dieser Hinsicht überrascht sie uns heute ein wenig, vor allem wieder im Vergleich zu Fianna. Was das Gewicht angeht, verliert sie ihr gegenüber zwei Kilo und bei den Maßen stellt sich uns die Frage, ob Hedda etwa ihre Kinder nicht im Bauch sondern in der Brust trägt: Nur der Brustumfang ist größer als Fiannas, am Bauch hängt sie hinterher. Seltsame Schwangerschaftsbräuche haben die jungen Frauen heutzutage…

  Hedda Fianna bei ihrem 1. Wurf
  Gewicht Vorne Mitte Hinten Gewicht Vorne Mitte Hinten
Tag 10 29,3 76 72 63        
Tag 32 28,8 77 76 66 30,0 73 72 62
Tag 40 32,2 77 78 69 33,0 75 78 67
Tag 47 33,2 80 82 72 35,3 78 84 74

Die Quittung für den üppigen Festtag serviert uns Hedda nachts, hält es aber geheim, bis uns morgens ein strenger Duft Gewissheit verschafft: Hedda hat den Overload an Leckereien in der Küche entsorgt. Es gibt Hunde, die wecken ihre Herrschaft und klagen einen nächtlichen Notausgang im Garten ein. Nicht so Hedda! Die quasselt zwar den lieben, langen Tag, teilt jede ihrer Befindlichkeiten mit uns, aber wenn es um Substantielles geht, behält sie es für sich und liefert verschwiegen ab. Wir sind ja selber schuld, das war einfach zu viel heute, aber sie könnte doch reden mit uns. Oder?

 

Sonntag (Muttertag), 9. Mai 2021
48. Tag nach Lando

Heddas überlasteter Darm ist jetzt richtig beleidigt: Durchfall! Vormittags, als wir an den Schreibtischen saßen und die Tür zum Garten verschlossen war, beschert sie uns wieder in der Küche. Wir reagieren sofort mitBaumblüteFrühling im Mangfalltal gekochtem Hühnchen und Reis, Ulmenrinde und Moro-Suppe (Karottensuppe, die mindestens eine Stunde gekocht wird und dadurch Zuckerverbindungen freisetzt, die die Magen- und Darmschleimhaut schonend verkleiden). Sie kämpft ordentlich mit dieser Unpässlichkeit.

Dafür lebt sich der Frühling nun voll aus: Am Freitag noch 7 °C nachmittags, gestern 16 und heute bereits 25. So kann Hedda wenigstens den ganzen Tag im Garten verbringen, was uns und ihr sehr entgegenkommt.

Der Blues-Assi beschließt, diese Nacht im Wohnzimmer zu schlafen, um Hedda bei Bedarf in den Garten zu lassen. So wird aus dem Muttertag notgedrungen eine Art Vatertag.

 

P.S.: Damit besorgte Leser nicht bis nächste Woche warten müssen, um zu erfahren, wie es mit Heddas Befindlichkeit weitergegangen ist, hier die erlösende Notiz: Nachts muss der Assi dreimal aufstehen, aber es kommt fast nichts mehr; Hedda ist faktisch leer. Vormittags beginnen wir wieder behutsam mit mehreren kleinen Portionen Hühnchen und Reis, die sie alle bei sich behält und bis Nachmittag ist sie dann komplett dicht und stabil.  

 

Montag, 10. Mai 2021
49. Tag nach Lando

Hedda regeneriert ihren Darm wieder. Wie schon im Abspann der 7. Woche kurz notiert, überwindet sie ihren Durchfall und wird im Laufe des Tages stabil.

Langsam kommt die Zielkurve vor der Zielgeraden in Sicht. Die Jacobiten, Johnson & Johnson, Jawaharlal, Jalousie und Jingiskhan werden jetzt mächtig Dampf machen, um fit zu sein, wenn in zwei Wochen die Auslieferung anläuft. Für uns bedeutet das, dass wir Hedda nun nicht mehr aus den Augen lassen, dass wir mit den Vorbereitungen für den großen Tag beginnen und alles besorgen, was noch besorgt werden muss. Die Wurfkiste wird bald aufgestellt werden, was in Fianna selige Erinnerungen wecken dürfte. Und wir werden spätestens nächste Woche dazu übergehen, diese Chronik nicht mehr als Wochenblatt herauszugeben, sondern tagesaktuell. Wir werden in immer kürzeren Abständen Heddas Temperatur messen und sie vorbereiten, etwa indem wir ihr kurz vor der Geburt Frubiase Calcium geben werden, um den massiven Kalziumverlust während der Geburt schon vorab ein wenig abzufedern. Das alles, wenn es so weit ist. Aber ab jetzt steigt die Spannung.   

 

Dienstag, 11. Mai 2021
50. Tag nach Lando

Dieser Dienstag ist in dreifacher Hinsicht erwähnenswert, von der nur eine von aktueller Bedeutung ist: Heddas Darm ist wieder in alter Form und auch sie kehrt unübersehbar zu ihrer alten – schwangeren – Lebensweise zurück. Ihre Augen blitzen wieder und ihr Sinn strebt ausschließlich nach Futter. Das zweite Kennzeichen des Tages ist seine Geschäftigkeit, weil er sich anbietet, einige anstehende Dinge in Angriff zu nehmen. So kommt unser Franz II endlich zum Womo-Doktor, der ihm einige kleinere Wehwehchen austreiben soll, beispielsweise ihm einen neuen Abwasserschlauch zu gönnen, der schon seit weit über einem Jahr nur noch von einem Panzertape gehalten wurde. Und: Der Franz bekommt eine Luftfederung! Quasi die Erfüllung eines Herzenswunsches des Chauffeurs, der sich nicht vorstellen mag, nächstes Jahr ein halbes Jahr lang auf einer Art Trabi-Federung durch ganz Europa zu touren. Wir werden fliegen und sitzen wie Lizzy II auf ihrem Thron. Und drittens sollten wir nicht übersehen, dass seit heute die Eisheiligen für einige Tage das Wetterregiment übernehmen. Heute ist es Mamertus, dem man zuschreibt: Der heilige Mamerz, der hat von Eis ein Herz. Darüber hinaus scheint er eher ein Mann ohne nennenswerte Eigenschaften zu sein. Selbst das frostige Herz kehrt er heute nicht heraus; 18 °C nachmittags ist zwar gegenüber der jüngsten Vergangenheit ein deutlicher Rückschritt, hat jedoch nichts Eisheiliges. Doch abends wird es dann doch recht bewölkt und windig. Da scheint sich der Pankraz bereits anzumelden.  

 

Mittwoch, 12. Mai 2021
51. Tag nach Lando

Ist Sankt Pankratius schön, wird guten Wein man sehn. Liebe Winzer, beantragt schon mal im Landwirtschafts-, Wirtschafts- und Finanzministerium ein satte Pankraz-Ausgleichshilfe! Anders ausgedrückt könne es heißen: Steht der Pankraz in der Pfütze, kommt der Wein nicht aus der Grütze! Doch auch für uns Nicht-Winzer hat Pankratius für dieses Jahr keinen Trost im Gepäck: Wenn es am Pankratiustag schön ist, so ist das ein gutes Zeichen zu einem schönen und reichen Herbst. Übersetzt heißt das wohl: Wenn es am Pankratiustag so scheußlich ist wie heute, fällt der Herbst ins Wasser und aus.

Es ist wirklich ekelhaft heute, das Wetter. Es regnet ohne Unterlass und es ist wieder richtig kalt. Um diese Unbill auch voll auszukosten, macht sich der Assi des Blues schon morgens um 5 Uhr auf den Weg ins noch verregnetere Allgäu, um Frischfleisch zu besorgen, Fleischverarbeitungfür die Großen, aber auch für den baldigen Nachwuchs. 330 Kilo schleppt er dann durch die Sintflut wieder nach Hause, kämpft sich durch den Regen-, Vormittags- und vor allem Vorfeiertagsstau am Ende der A 96, kurvt durch Münchens Hinterhöfe, um wenigstens einigermaßen voranzukommen und ist um 10 Uhr wieder bei seinen Lieben. Und dann werden 330 Kilo Kopffleisch mit und ohne Pansen bis sieben Uhr abends portioniert und vakuumiert, was nur durch die Unterstützung der erfahrenen und emsigen mehrmaligen Kreißsaalassistentin Alexandra möglich ist. Jetzt haben wir wieder eine volle Gefriertruhe und einige Blues-Freunde ebenso. Anschließend sitzen wir mit Alexandra und ihrer Familie bei einer Pizza zusammen und lassen den Tag todmüde ausklingen.

Was für die Menschen eine jährliche Herausforderung ist, fordert auch Fianna und Hedda maximal, können sie doch keine Auge zutun, sondern müssen den ganzen lieben, langen Tag Fleischbottiche bewachen, um sofort zur Stelle zu sein, wenn etwas über Bord geht. Das geht psychisch mächtig an die Substanz, schmeichelt aber dem Körper dafür umso mehr. Routiniert verhält sich Fianna, die sich einfach vor den Stuhl legt, auf dem ein Fleischbottich steht, lang ausgestreckt und den Blick fest auf den Boden darunter gerichtet: Alles Gute kommt bekanntlich von oben – und landet unten. Und das entgeht ihr nicht. Keine Sekunde verschwendet sie an Betrachtungen ihrer Umgebung, sie hat nur einen Quadratmeter Küchenboden im Visier, und tatsächlich schnappt sie sich jedes auch noch so winzige Fleischbröckchen, das beim Portionierungsvorgang zu Boden fällt. So fix kann Hedda ihre Kinderplauze gar nicht bewegen, dass sie dabei schneller wäre. Sie bekommt dafür gelegentlich aus der Hand; sie ist diejenige, die braucht. Fianna bestimmt nicht!

 

Donnerstag, 13. Mai 2021
52. Tag nach Lando

Christi Himmelfahrt. Vatertag.

Ob der Herr an einem solch grauen und verregneten Tag gerne in den Himmel gefahren wäre, ob er von der Flugsicherung überhaupt eine Starterlaubnis bekommen hätte, ist zu bezweifeln. Leichtbekleidet durch kilometerdicke Wolkenberge zu tauchen, ist selbst für einen Unsterblichen und gerade vom Tode Genesenen keine leichte Sache. Wahrscheinlich hätte er in Richtung seines Übervaters geblinzelt und telegrafiert: Schikane? – stop – Hab noch Kreuzschmerzen! – stop – Restwunden noch wasserscheu – stop – Verschiebe Abflug – stop – Bitte Manna bis auf Weiteres warmhalten – stop.

Jedenfalls fällt der Vatertag ins Wasser, die Bollerwägen mit Bierfässern bleiben in den Kellern, und die verhinderten Ausflugsväter versauen ihren Gattinnen den Tag, den die sich anders vorgestellt und geplant hatten. Stattdessen ein weiterer Familientag. Nach sechs Wochen Lockdown zu allem Überfluss nochmal Familien-Lockin. Scheibenkleister.

Schuld daran ist der Eisheilige Servatius, der Höhepunkt und das Hochfest der fünf frostigen Spielverderber. Aber jetzt geht es aufwärts mit dem Frühling, jetzt hat es ausgefrostet: Servaz muss vorüber sein, will man vor Nachtfrost sicher sein. Das hat schon mancher frühlingsgetriebene Hobbygärtner leidvoll erfahren müssen, der nach den ersten Sonnenstrahlen des Jahres seinen Balkon bestückte und Tomaten pflanzte. Am Ende stand Trübsal mit hängenden Köpfen. Das wäre heute nicht zu befürchten, denn Servaz gab sich nachts sehr gemäßigt und stieg mit 8 °C aus dem Bett. Da kann von Nachtfrost keine Rede nicht sein. Aber grau ist der Servaz, grau und nass, eklig, gerade recht, um den Kachelofen noch einmal in Betrieb zu nehmen.

Apropos HeddaKachelofen. Wir sollten uns Heddas Brutofen zuwenden, der eifrig wächst und den gestrigen Fleischabholern, die sie länger nicht gesehen haben, ein erstauntes Uff entlockte. „Tönnchen“ wurde sie liebevoll genannt, Auch „Pummelchen“ und „Hängebäuchlein“. Letzteres ist insofern liebenswert, weil es nicht zu einem „Hängebauchschweinchen“ geworden ist, was, bei aller Sympathie für diese Tierchen, doch unangemessen gewesen wäre und eine Rüge verdient hätte, aber der Begriff ist auch inhaltlich verwerflich, weil Hedda keinen Hängebauch hat, sondern einen heranreifenden Babyballon. Den Hängebauch bekommt sie erst kurz vor der Geburt in der Senkungsphase, wenn die Babys nach unten sacken, um aufs Förderband rutschen zu können. 

Wir nehmen also heute wieder einmal Maß, und das sieht dann so aus:

  Hedda Fianna bei ihrem 1. Wurf
  Gewicht Vorne Mitte Hinten Gewicht Vorne Mitte Hinten
Tag 10 29,3 76 72 63        
Tag 32 28,8 77 76 66 30,0 73 72 62
Tag 40 32,2 77 78 69 33,0 75 78 67
Tag 47 33,2 80 82 72 35,3 78 84 74
Tag 52 34,5 79 86 74 37,0 78 87 77

Was sagt uns das? Ausgehend vom Startgewicht am 32. Tag, bewegt sich Hedda ungefähr parallel zu Fianna. Was die Körpermaße betrifft, scheint Hedda unsere Frage, ob sie etwa die Kinder im Brustkorb trage, ernstgenommen zu haben und schiebt sie jetzt nach unten, wo sie auch hingehören.

 

Freitag, 14. Mai 2021
53. Tag nach Lando

Wer seine Schafe schert vor Bonifaz, dem ist die Wolle lieber als das Schaf. Der vorletzte Eisheilige macht es gnädig: etwas Regen, viel Wolken, auch Sonne und tagsüber bis zu 15 °C. Da kann man nicht meckern. Es dürften also auch die Schafe auf unserer Hunderunde heute nicht erfroren sein.

Hedda wird jetzt ganz schön behäbig, möchte uns beim Spaziergang liebend gerne davon überzeugen, dass ein getätigtes Häufchen Anlass genug sein müsste, den Heimweg anzutreten. Aber so geht das natürlich nicht. Eine tragende Hündin muss nicht mehr stundenlang über Stock und Stein die Seitenmoränen des Mangfalltals bewältigen, aber fit muss sie schon bleiben. Die Geburt wird ihr eine Menge abverlangen, und je fitter, desto geschmeidiger.

Es ist unübersehbar, dass Hedda mit ihremHedda Zustand nicht im Reinen ist. Wie sollte sie auch? Schwer und sackartig hängt ihr der Bauch plötzlich durch, wo früher nur Muskeln waren, die Beine werden schwer, die Atmung kurz, der Darm drückt allenthalben, weil die Plagen den ganzen Bauchraum für sich beanspruchen, die Blase meldet sich öfter als gewohnt. Da soll man nicht verunsichert sein? Ihre Mutter könnte ihr da einige Tipps geben, vielleicht tut sie das sogar, was aber offenbar nicht zu Heddas Entspannung beiträgt. Dafür hängt ihr Fianna ständig unterm Rock. Vielleicht sollten wir sie fragen, wann es losgeht; wir sind sicher, sie weiß punktgenau über Heddas Zeitplan Bescheid. Jedenfalls, und das können sogar wir sehen und brauchen Fianna dazu nicht, sind ihre Zitzen inzwischen völlig haarfrei, damit die Zwerge auch ungehinderten Zugang haben, und die Milchleiste füllt sich auch schon.    

Mittags bekommt Hedda ab jetzt körnigen Hüttenkäse (laktosefrei) mit etwas gekochtem Hühnchen und einem Eigelb, leichtverwertbare Eiweiße eben, damit die Zwerge bayerisch kerndlg‘futtert auf die Welt kommen und Irxen (Muskeln!) entwickeln. Fianna bekommt dabei eine neidisch-lange Nase und kriegt zum Trost einen kleinen Rest Hüttenkäse zum Auslecken.

Die Chefin geht heute in die Luft, nein, nicht wie das HB-Männchen (wenn das überhaupt noch jemand kennt), sondern ganz real mit der Lufthansa. Hamburg ist ihr Destination, danach geht es weiter nach Neumünster in Schleswig-Holstein. Dorthin hat der RZV seine längst überfällige Züchterschulung verlegt, weg von Frankfurt, hin ins fast coronafreie Land zwischen den Meeren. Und dort soll die Chefin an diesem Wochenende, wie seit Jahr und Tag, die angehenden Züchtern und Deckrüdenbesitzer in die Geheimnisse der Genetik einführen. Möge die Übung gelingen! Der Assi sammelt derweil zuhause Kilometer für seinen Fitness-Plan, was – siehe oben – nur wenig Begeisterung bei Hedda finden dürfte.

 

Samstag, 15. Mai 2021
54. Tag nach Lando

Die kalte Sophie bringt zum Schluss ganz gern noch einen Regenguss. Davon kann heute keine Rede sein; morgens regnet es ein wenig, aber tagsüber lugt der Frühling schon wieder um die Ecke und erfreut den Spaziergänger nachmittags mit 18 °C. Die Eisheiligen sind ab heute Geschichte und waren in diesem Jahr sehr heilig, aber ganz und gar nicht eisig. Und so erwarten wir nun einen landesweiten Jubelchor, denn: Gehen die Eisheiligen ohne Frost vorbei, schreien die Bauern und Winzer Juchei. Jetzt alle: JUCHEI!

Und Geschorene Schafewie dann der Assi die vom Frauchen im Stich gelassenen Damen durchs Mangfalltal begleitet, will er seinen Augen nicht trauen, sieht er doch bereits die ersten geschorenen Schafe. Entweder deren Hirte konnte es nicht erwarten und setzte sie der frostigen Rache des Bonifaz aus oder er hat gleich heute Morgen, als der Bonifaz wieder für ein Jahr im Kalender verschwunden war, die Schere herausgekramt und sich über die armen Luder hergemacht.

Wir sind für solche kleinen Randnotizen sehr dankbar, weil es von Hedda kaum Neues zu vermelden gibt. Dass sie zusehends dicker wird, sollte niemand überraschen, der in einer Woche Welpen erwartet. Die entscheidende Nachricht ist, dass es ihr ausgesprochen gut geht, obwohl sie natürlich weiterhin darüber grübelt, was mit ihr gerade geschieht.

Noch eine unvermeidliche Meldung muss an dieser Stelle abgesetzt werden: Unser Kaffeeautomat ist generalüberholt! Ja, fragt sich nun der eine und die andere, was soll denn daran so wichtig sein? Dieser Kaffeeautomat ist ein fast so wichtiger Begleiter unserer Würfe wie die Schnullerbox oder die Babywaage! Zum D-Wurf wurde sie Familienmitglied und wird folgerichtig demnächst 13 Jahre alt. Tausende Häfelchen und Schälchen Kaffee hat sie uns seither gebrüht und die Kuschelbesucher während ihrer stundenlangen Welpenandachten beglückt und durchhalten lassen. Doch jetzt hätte sie beinahe selbst nicht mehr durchgehalten und ließ sich ein wenig hängen, was keinem Kaffeeliebhaber entgehen konnte. Und so hat sie die weite Reise nach Singen angetreten und kam schon nach wenigen Tagen rundum restauriert wieder zurück. Viel Altes trägt sie nicht mehr in sich, fast so taufrisch wie die erwarteten Kinder ist sie jetzt wieder. Es ist als angerichtet. Jetzt muss nur Hedda noch liefern.

 

Montag, 17. Mai 2021
56. Tag nach Lando

Die Chefin ist gestern Abend wieder glücklich und sehr mit sich und allen anderen zufrieden aus dem Hohen Norden ins Mangfalltal zurückgekehrt. Fianna und Hedda hätten sie fast nicht zur Tür hineingelassen, so ausgelassen war ihre Begrüßung. Jetzt ist das Glück des Bairischen Blues wieder komplett, und wir können die letzte Etappe von Heddas Mutterwerdung angehen.

Wir schrauben ab heute wieder ein wenig an Heddas Ernährung. Bisher gab es morgens Puppy-Trockenfutter und das nicht zu wenig. Mittags stand körniger Hüttenkäse mit Eigelb und etwas gekochte Hühnchen auf dem Speiseplan uns abends Kopffleisch, roh, mit Flocken.

Mittags steigen wir nun auf Welpenmilch um, das heißt, selbstgemixte Welpenmilch, wie sie die LMU in München seit vielen Jahren allen ihr anvertrauten Welpen mit großem Erfolg anbietet. Auch wir füttern unsere Welpen seit Jahren mit dieser Welpenmilch. Wer sich also in Zukunft die sündteure, meist nur in großen Gebinden oder nicht verfügbare Industriemilch ersparen will, sollte sich das Rezept aufschreiben: 125 g Magerquark (wir nehmen den laktosefreien Hüttenkäse), 150 ml Ziegenmilch (gibt es haltbar in jedem Supermarkt), 3 Eigelb und 3 EL Distelöl. Fertig! Alle unsere Welpen haben diese Milch bestens vertragen und sind dabei prächtig gediehen. Und die Mütter haben auch nie Nein gesagt.

Diese Milch bekommt Hedda heute, dazu eine zerquetschte Banane und ein Löffelchen Honig. Da tropft das Mäulchen! Wenn man sie fragen würde, ob diese Leckerei alle Mutterqualen aufwiegt, würde sie vermutlich alle Unpässlichkeit ins Land des Vergessens schieben und einen Nachschlag bestellen.

 

Dienstag, 18. Mai 2021
57. Tag nach Lando

Heute Morgen schreiten wir zur letzten Maßnahme, weil jede weitere die Gefahr eines Bandscheibeninfarkts beim Heddaträger birgt, schließlich fahren wir das Mutterschiff nicht wöchentlich zum Fressnapf, um es dort zu wiegen, sondern erledigen die Maßnahme mit Bordmitteln; das bedeutet: Der Assi stellt sich mit der Tonnenlast auf die Waage, anschließend wird die Gewichtsdifferenz zur ungeschminkten Wahrheit (für beide!). Das Ergebnis dieser Wahrheit ist ansehnlich (aber die Bandscheiben sind weiterhin intakt):

  Hedda Fianna bei ihrem 1. Wurf
  Gewicht Vorne Mitte Hinten Gewicht Vorne Mitte Hinten
Tag 10 29,3 76 72 63        
Tag 32 28,8 77 76 66 30,0 73 72 62
Tag 40 32,2 77 78 69 33,0 75 78 67
Tag 47 33,2 80 82 72 35,3 78 84 74
Tag 52 34,5 79 86 74 37,0 78 87 77
Tag 57 36,0 81 89 82 38,0 78 90 82

Die Nachtruhe mit Hedda im gemeinschaftlichen Schlafzimmer erweist sich täglich mehr als erheblich gestört: Hedda hechelt und ächzt, als ob sie schon mit der Auslieferung beginnen wollte. Das hat sie offenbar von ihrer Oma Franzi, die uns ebenfalls frühzeitig in Unruhe versetzte und uns glauben machen wollte, dass sie schon kurz vor der Niederkunft stehe. Tatsache ist, dass natürlich noch nichts auf eine bevorstehende Geburt hindeutet, aber beruhigend ist auch, dass wir mit dem 57. Tag schon ziemlich auf der sicheren Seite sein müssten. Bis zum 53. oder auch 55. Tag wären wohl die meisten Welpen noch nicht lebensfähig, aber nun sind wir schon in der Finishing-Phase, wo eigentlich alles Lebensnotwendige verfügbar und einsatzbereit ist und jetzt nur noch für den großen Tag aufpoliert werden muss.

Den MorgenspaziergangMorgenspaziergang bestreiten wir heute alle zusammen, da kann selbst Hedda nicht jammern und klagen. Bei so viel Rudel, Trubel und Heiterkeit vergisst sie völlig, dass am Ende über eineinhalb Stunden zusammenkommen. Und siehe da: Die angehende Mutter ist immer noch bester Dinge und keinesfalls der Erschöpfung nahe. Unter solchen Umständen will sie sogar beweisen, dass sie immer noch, naja, nicht mehr gerade pfeilschnell, aber doch flitz hinter einem Ball her sein kann. Da müssen sich die Zwerge kräftig festhalten, damit sie sich keinen Knoten in die Nabelschnur zwirbeln. Früh übt sich, wer ein Speedo-Blueser werden möchte. Mama macht’s selbst unter erschwerten Bedingungen vor!   

Natürlich kommt Hedda dabei das Wetter Morgenspaziergangentgegen: 9 °C, windig, fast schon stürmisch, jedenfalls nichts, was ihren Kreislauf belastet. Denen aber, die immer noch an den Sommer glauben, müssen wir zurufen: Wacht auf, ihr Murmeltiere. Ihr habt ihn verschlafen, den Sommer, es wird schon wieder Herbst. Jawoll, und der ersehnte Urlaub ist auch perdu und mit dem Herbst kommt Corona wieder und mit ihr traute Einsamkeit, Filzpantoffel, Kaminfeuer … Ist doch auch schön. Oder? Jedenfalls besser als dauerhafte 35 °C und dauerjammernde Bauern.

Aufgewacht sind aber offensichtlich Heddas blinde Passagiere, denn heute setzen sie sich erstmals unüberspürbar in Szene, puffen gegen den Bauch ihrer Mutter, dröseln eventuell die bei der Morgen-Rallye verzwirbelten Nabelschnüre auf, drücken wegen der unsanften Morgenbollerei Empörung aus und ziehen sich sofort wieder zurück, wenn man ihnen auf den Popo (oder ist es doch die Nasenspitze?) stupst. Hurra, sie leben. Aber würden sie nicht leben, wäre Hedda auch nicht so pummelig geworden.    

Stopp! Bevor es eventuell zu spät ist, müssen wir noch unbedingt einen Hinweis loswerden, der nichts mit Sommer, Herbst und Winter oder verzwirbelten Nabelschnüren zu tun hat. Wir erwarten, passend zu Heddas heutigem Speed-Programm, um Pfingsten herum die Umstellung auf Breitband-Glasfaser-Highspeed und hoffen dass das ohne Umstände über die Bühne geht. Da man aber bei der Telecom nie weiß, wie lange bei ihnen Highspeed dauert oder was und wieviel am Ende herauskommt, könnte es auch passieren, dass der Dokumentationskanal des Bairischen Blues plötzlich verstummt. Wir wollen es nicht hoffen, aber da sich die Dinge immer in die Richtung entwickeln, in der man sie gerade nicht braucht (Stichwort: Shit happens!), wollen wir schon mal vorwarnen. Wenn der Blues schweigt, ist die Telecom schuld.

Doch ob’s stürmt oder schneit, ob die Telecom performt oder nicht: mit dem heutigen Tag beginnt die heiße Phase der Vorbereitungen. Das Dachlager über unserem Hauseingang, in dem aller Welpenkrempel gestapelt ist, wird geleert. Komplett! Und binnen einer halben Stunde sieht der Garten aus wie am Sperrmülltag. Es ist immer wieder faszinierend, was sich in neun Würfen alles ansammelt. Nun ist alles herausgeräumt, die Schnullerkiste, tausend Laken und Decken, Spielplatzutensilien und Stofftiere für zwei Kindergärten. Du liebe Güte! Die ganze Aktion hat allerdings einen – wörtlich – unangenehmen Beigeschmack: Wir haben nach zehn Jahren erstmals Mäuse in unserem Welpenlager. Das hat leider nicht jeder Stoffkamerad überlebt, aber es ist noch genug über, um drei Würfe parallel zu beglücken. Nur im Mangfalltal könnte der Verdacht aufkommen, es wäre, passend zum Wetter, der Winter und mit ihm der Fasching zurückgekehrt. Unversehens werden nämlich die zerfetzten Spielzeugsäcke von einer Bö erfasst und ergießen einen Schwarm von Schaumstoffkonfetti übers Land. Immerhin etwas Gutes hat das alles, nämlich die Erkenntnis, dass unsere Dachbodenkonstruktion so seriös ist, dass die Mäuse zehn Jahre brauchten, um sie zu knacken. Sonst sind die schneller. Aber jetzt werden sie sich leider nicht mehr lange an ihrem Erfolg weiden können, und es wird gewaschen, was die Maschine verkraftet.

 

Mittwoch, 19. Mai 2021
58. Tag nach Lando

Soll man wirklich immer wieder über das Wetter sprechen, Was rumpelt und pumpelt in meinem BauchWas rumpelt und pumpelt in meinem Bauch?das mit keiner Rede der Welt geändert werden kann? Man muss. Es ist heute so abgründig be…scheiden, dass man sich einen Knoten in die wunde Seele knüpfen würde, schrie man es nicht heraus, was einem auf derselben liegt: Dauerregen mit heftigen Graupelschauern und ekligem Wind bei gerade mal 8 °C mittags. Wir wissen, dass das Hedda sehr entgegenkommt, aber auch in diesen Tagen besteht nicht das ganze Leben aus Hedda. Auch wir haben eines, selbst wenn sie vielleicht zehn in die Diskussion bringen kann, oder neun oder elf…  

Der Nachmittagsspaziergang, knapp 45 Minuten, lässt auf ca. 15 Leben schließen. Anfangs ist sie noch munter dabei, obwohl sie ihren Ball nicht fordert, den sie aber spontan jagt, wenn er mal ein bisschen fliegt. Aber zum Schluss scheint ihr der Diesel auszugehen; sie hängt immer pomadiger nach und braucht ein bisschen Aufmunterung, um in Trab zu kommen. Es wird halt schon alles sehr schwer jetzt.

Den Ball werfen wir ihr inzwischen sowieso nur noch mundgerecht, weil nun das Hormon Relaxin seinen Auftritt hat, um den gesamten Halteapparat zu lockern, damit sich das Becken für die Geburt überhaupt öffnen kann; straffe Bänder, wie sie eine trainierte Hündin naturgemäß hat, würden dies verhindern. Und das birgt logischerweise die Gefahr, dass sich Hedda wehtut, wenn sie zu viel herumhüpft und unkontrolliert aufkommt. Also ist jetzt äußerste Vorsicht angesagt.

Abends geht es dann definitiv auf die Ziellinie zu: Hedda lässt einiges von ihrem Abendessen stehen. Wenn es etwas gibt, was es nie gibt, ist es Futterüberdruss bei Hedda. Fianna stellt umgehend klar, dass sie noch Kapazitäten frei hätte, worauf ihr der Schnabel aber sauber bleibt. So weit kommt es noch, dass die Dame sich als Resteschwein zur Verfügung stell, während wir sie auf Schmalkost halten.

Heddas Futterabstinenz lässt uns umgehend die erste Temperaturmessung vornehmen, rektal mit anschließendem Leberwurstbrot oral. 37,7 °C ist absolut im Normbereich, es besteht demnach kein Grund zur Hektik. Aber es besteht Grund dazu, ab morgen vier- oder sogar fünfmal zu füttern, weil die kleinen Plagen bereits den ganzen Platz im Bauchraum ihrer Mutter für sich beanspruchen; da bleibt für größere Mahlzeiten kein Raum mehr. Das trifft sich insofern ganz gut, weil die Hündin in der Natur jetzt auch auf einen Fastenmodus schalten und von ihren Reserven leben würde.

Unter diesen Verdammte Kiste!Verdammte Kiste!UmständenBoxen-JobBoxen-Job ist es dann auch nicht mehr zu früh, die gestern aus dem Dach befreite Welpenkiste aufzustellen. Ein weiterer sinnstiftender Grund liegt darin, dass Hedda jetzt tatsächlich schon diesen einzigartigen und Gefühle freisetzenden Welpenduft verströmt, jene subtile Mischung aus Fruchtwasser und Milch, die man nie überriecht, wenn sie in der Luft liegt. Jetzt ist also wieder einmal basteln angesagt, weil man beim Blues zuverlässig versäumt, die Zusammengehörigkeit der Kistenteile zu markieren, und folgerichtig Puzzle-Mania ähnlich markant in der Luft liegt wie Heddas Welpen-Odeur.
Mist, wo haben wir denn dieses Teil gehabt?
Nirgends, weil wir das nie gebraucht haben.
Probeliegen in der SchnullerboxProbeliegen in der SchnullerboxDann sollte man es jetzt vFehlbelegung?Fehlbelegung?ielleicht mal entsorgen?
Ja, sollte man!

Deja-vu beim K-Wurf. Die abendliche Bastelkonferenz gehört offenbar genauso zum Welpenprogramm des bairischen Blues wie das Leberwurstbrot nach der Fiebermessung. Egal, nach einigem Hin und Her zwischen Küche und Keller, ein paar mehr Flüchen und zwei verbogenen Schrauben steht die Schnullerbox und Hedda darf schon mal probeliegen. Fianna gesellt sich freiwillig dazu denn völlig fremd dürfe ihr das Möbel nicht vorkommen.  

 

Donnerstag, 20. Mai 2021
59. Tag nach Lando

Wir messen Heddas Temperatur morgens mit 37,4 °C. Alles im grünen Bereich.

Für die nicht so erfahrenen Begleiter des Bairischen Blues erklären wir gerne noch einmal den Sinn dieser nun regelmäßig stattfindenden Prozedur. Neben anderen Hinweisen auf die bevorstehende Geburt, wie etwa Futterverweigerung, Löcher buddeln im Garten, ein durchhängender Bauch und eine ebensolche Rückenlinie, dazu eventuell Übelkeit und eine allgemeine Unruhe der Hündin, ist die Entwicklung der Körpertemperatur das zuverlässigste Signal, dass es bald losgeht. Hunde haben eine etwas höhere Körpertemperatur als Menschen, doch vor der Geburt sinkt die Temperatur auf Werte von 36°, gelegentlich sogar weniger. Nach dieser Absenkung steigt die Temperatur schnell wieder an. Zwischen sechs und 24 Stunden nach diesem Wiederanstieg beginnt die Geburt. Das ist immer noch eine ziemlich nebulöse Zeitspanne, aber wenn es so weit ist, hat man wenigstens eine ungefähre Vorstellung, wie es weitergeht. Aber jede Hündin hat da ihre eigenen Geheimnisse, mit denen sie uns immer wieder überraschen konnten. Dennoch: Wenn die Temperatur sinkt und dann wieder steigt, wird der Countdown runtergezählt. Und ehrlich: Wir erzählen die ganze Geschichte doch nur, dass ihr alle mitzählt und mitfiebert und Phantomwehen bekommt; geteiltes Leid ist in diesem Fall zwar kein halbes, aber immerhin ein solidarisches.    

Bevor Hedda an ihrer Temperatur schraubt, arbeitet sie lieber an ihrer Metamorphose zur Zecke: viel Bauch und kein Kopf. Und wie eine Zecke scheint sie ihr Jagdfieber wiederbelebt zu haben. Hedda ist in Sachen Jagd absolut zuverlässig, was heißen soll, dass sie entweder von sich aus darauf verzichtet oder schnell und sicher abrufbar ist. So eine Modell hatten wir noch nie. Allerdings scheint dieses Jagdresistenz-Modul im Brutprozess abgeschaltet zu sein. Seit einigen Tagen scannt sie den Horizont wie Winnetou auf der Pirsch. Nichts soll ihr entgehen – und vor allem uns darf nichts entgehen. Es ist zwar wahrscheinlich, dass ihre Bemühungen, den Babyballon auf Jagdtouren zu bekomme,n ein kollektives Lachen im Mangfalltal ernten würden, aber dazu soll es wirklich nicht kommen. Erstens wollen wir nicht, dass sich unsere Hedda zum Gespött macht und zweitens haben wir keine Lust, nach den Kindern wieder mit jagdlichen Erziehungsmaßnahmen beginnen zu müssen. Wir behalten sie und den Horizont im Blick und versuchen ihr nebenbei zu erklären, dass sie zur Versorgung ihrer Kinder nicht aushäusig speisen muss.

Noch kurioser sind die Begegnungen mit anderen Hunden, ZwockelZwockelvor allem natürlich Rüden. Die armen Kerle wissen gar nicht mehr, wie sie unserem Zweigestirn begegnen sollen. Fianna pflegt gerade ihre Standhitze, verschickt ohne Unterlass Einladungen und legt die Rute schon auf hundert Meter Distanz zur Seite. Sollte so ein armer Kerl und Tölpel darauf hereinfallen und freudig angetänzelt kommen, bekommt er von Hedda einen veritablen Einlauf, weil die nun wirklich alles braucht, nur keine anderen Artgenossen, Rüden kommen dabei ganz zuletzt. Sie will ihr Revier von Kerlen und Fressfeinden freihalten, aber ihre Mutter arbeitet lustvoll gegen ihre Interessen an. Der erfahrene Hovi-Mix Ben ist zwar kastriert, fackelt aber beim Nachtspaziergang nicht lange und besteigt Fianna ohne Vorspiel, was die mit einer rasant ausgebaumten Rute quittiert. Und der liebenswürdige Zwockel, einer von Fiannas ganz besonderen Favoriten (sie hat allerdings einige), verzehrt sich inzwischen schon vor Liebeskummer und schickt ihr Liebesschwüre per WhatsApp. Das alles, vor allem aber das abgefahrene Mutter-Tochter-Verhältnis, wäre vielleicht mal ein Thema für eine Doku-Soap bei RTL II.

Abends nehmen wir wieder einmal Maß, wie verkündet, ohne Gewichtskontrolle, und messen Heddas Temperatur mit stabilen 37,4 °C. Ihre Hühnchenschüssel leert sie auch mit Appetit. Der Puls bleibt somit auch heute Abend im Normbereich.

  Hedda Fianna bei ihrem 1. Wurf
  Gewicht Vorne Mitte Hinten Gewicht Vorne Mitte Hinten
Tag 10 29,3 76 72 63        
Tag 32 28,8 77 76 66 30,0 73 72 62
Tag 40 32,2 77 78 69 33,0 75 78 67
Tag 47 33,2 80 82 72 35,3 78 84 74
Tag 52 34,5 79 86 74 37,0 78 87 77
Tag 57 36,0 81 89 82 38,0 78 90 82
Tag 59 82 95 82 79 95 83

Hedda hat jetzt eindeutig mit ihrer Mutter gleichgezogen. Müssen wir jetzt auch mit elf rechnen???

 

Freitag, 21. Mai 2021
60. Tag nach Lando

Fußballfans, die nichts vom richtigen Fußball verstehen oder sich umständehalber mit bescheidenen Erfolgen zufriedengeben, könnte der heutige 60. Tag zu einem reflexhaften Schlachtruf verleiten: 57 – 58 – 59 – SECHZIG! Beim Blues ticken die Uhren anders und erfolgsorientiert: 60 – 61 – 62 – 63 – ???

Aber bleiben wir bei den Fakten.

Heute Morgen messen wir bei Hedda stabile 37,7 °C. Der Himmel ist blau und grau. In München haben nach einem Kabelbrand 20.000 Haushalte keinen Strom, dafür stapelt er sich beim Blues auf dem Dach. So gerecht kann die Welt sein 😉. Und vor allem zeigt sie uns immer wieder, dass man mit allem rechnen muss. Wir sind gerüstet.

Abends legen wir bei Hedda mal aus Neugier schnell das Maßband um ihren Bauchäquator (vorn und hinten interessiert uns momentan nicht ganz so sehr) und stellen mit einigem Staunen fest, dass sie an einem einzigen Tag schon wieder zwei Zentimeter zugelegt hat: 97 cm! Das erinnert uns sehr an ihre Oma Franzi, die im Endspurt auch aufging wie ein Hefeteig und vor der Geburt 101 cm zu vermelden hatte. Aber, und das sollte allen zu denken geben, die standhaft von 13 Jabberwockys träumen, Franzi hatte immer maßvolle Würfe, nicht zweimal elf wie Fianna. Wir lassen uns überraschen. Zum Schluss kommt auch noch das Thermometer zum Einsatz und liefert 36,9 °C. Doch gemach, bevor jetzt wegen der 36 vor dem Komma gleich alle Alarmglocken schrillen: Solche kurzzeitigen Absenkungen haben uns alle unsere Hündinnen mal zur Blutdruckstimulierung geschenkt, und danach ging es wieder gemäßigt weiter. Solange Hedda mit großem Appetit ihr Hühnchen mit Kartoffelflocken verspeist und auch noch den Belohnungs-Zwieback mit Leberwurst für die stoische Gelassenheit bei der Rektalprozedur hinterher, swingt der Blutdruck easy and low.

 

Samstag, 22. Mai 2021
61. Tag nach Lando

Vielleicht doch nicht ganz so easy & low…

Um 3:30 Uhr erbricht Hedda Schleim und ein bisschen Essensreste. Außerdem muss sie dringend in den Garten: Darmdrainage. Die Chefin nimmt die Störung der Nachtruhe zum Anlass, diese gleich gänzlich zu beenden und sich an ihre Programmierarbeiten zu machen. Das verschafft dem Assi mit Fianna einen sehr ausgeschlafenen Morgen: Die Unruhestifter draußen, die Low-Swinger vereint im Reich der Träume. So kann es entspannt in den Endspurt gehen.

Das hat dann schnell eine Ende, als wir um 6:15 Uhr bei Hedda 36,6 °C messen und von einer launigen Temperaturschnurre kaum noch die Rede sein kann. Den Zwieback mit Leberwurst nimmt Hedda dennoch aus vollem Herzen.

Nach dem Spaziergang nehmen wir zur Versicherung eine weitere Temperaturmessung vor und finden die morgendliche nahezu bestätigt: 36,8 °C. Der Zwieback mundet immer noch, aber die Zubereitung ihres Frühstücks beäugt Hedda argwöhnisch und aus ungewohnter Distanz. Wir versuchen erst gar nicht, ihr Trockenfutter anzubieten, sondern entscheiden uns aus Erfahrung für die Welpenmilch, lassen aber die Banane gleich weg. Das schlabbert sie zur Hälfte weg, zeigt aber wenig von dem Enthusiasmus, den wir von ihr gewohnt sind.

Das spätere Abräumen unseres Frühstückstisches begleitet sie dann aus der Distanz und lässt Fianna den Vortritt. Au weh, Zwick!

Temperaturmessung um 10:45 Uhr: 36,2 °C.

Na denn: Ihr Kinderlein kommet! Wir sind, wie gesagt, gerüstet. Im Keller stapeln sich die Laken und VetBeds, Huhn haben wir auch nochmal eingekocht, und die Babywaage steht bereit. Jetzt müssen sie nur noch kommen.

Die kleinen Lümmel machen sich jedenfalls schon sehr bemerkbar und randalieren in Heddas Bauch herum, was die mit immer fragenderen Blicken quittiert. Und weil alle guten Dinge mindestens zwei sein sollten, piepsen seit heute auch die kleinen Rotschwänzchen in unserem Balkongebälk. Das Leben trotzt dem Herbst, der eigentlich ein Frühling sein sollte.

Zwei Hedda am 22. MaiDinge fallen auf und sollten kurz erwähnt werden. Hedda ist die erste unserer Hündinnen, die so kurz vor der Geburt nicht unseren Garten umgräbt. Alle haben versucht ein Nest unter den Rhodos oder dem Kirschlorbeer zu buddeln, aber Hedda denkt nicht daran. Offenbar findet sie die Schnullerbox ihren Bedürfnissen genügend. Wenn nur alle Frauen so genügsam wären. Und zweitens bekommt sie jetzt richtige Plattfüße, was auf das Relaxin zurückzuführen ist, das jetzt volldosiert einschießt und die Geburt vorbereitet. Wenn die Bänder und Sehnen schlaff werden, werden Hasenpfötchen zu Patschelatschen. Aber auch das vergeht wieder, was zu beweisen war.

14:30 Uhr: 36,1 °C, aber das gekochte Hühnchen mundet immer noch.

Der Nachmittag verläuft ohne Auffälligkeiten, Hedda kämpft mit ihrem Zustand, ist aber sehr gelassen und ruhig; sie macht das wirklich ganz großartig.

Um 20 Uhr wird das nächste Mal die Temperatur genommen: 36,4 °C. Ob das schon der erwartete Temperaturanstieg ist, der die Geburt einläutet, oder nur eine tageszeitliche Schwankung, werden wir sehen. Bevor sich der Bauch senkt, kann es sowieso nicht losgehen. Ein Hinweis, dass wir uns noch ein wenig gedulden müssen, ist, dass Hedda auch abends ihr Hühnchen (ohne alles) zu sich nimmt, wenn sie es auch unterlässt, die Schüssel wirklich schrankfertig auszuputzen. Das übernimmt Fianna gerne für sie. Heute Abend geben wir ihr auch erstmals eine Ampulle Frubiase Calcium. Während der Geburt erleiden die Hündinnen einen massiven Kalziumverlust, der sich am Ende der Geburt in graubraunen Zähnen wie bei einem Kettenraucher manifestiert. Das kann man mit Frubiase etwas moderater gestalten.

Die Nacht verläuft ruhig und ohne Vorkommnisse.

 

Pfingstsonntag, 23. Mai 2021
62. Tag nach Lando

Es regnet, was runtergeht.

Hedda muss mal raus und beendet damit unsere Nacht zum Pfingstsonntag um kurz nach 5 Uhr.

5:30 Uhr: 36,1 °C.

Nach dem pitschepatschen Morgenspaziergang verdrückt sich Hedda direkt wieder ins Schlafzimmer und kommt auch nicht in die Küche, als Frühstück zubereitet wird. Inzwischen ist sie so dick, dass selbst ihr Frotteemäntelchen nicht mehr passt, das wir den Damen gerne für eine halbe Stunde anziehen, damit sie nach einem klatschnassen Spaziergang nicht das ganze Haus einwässern; der Verschluss der Bauchlasche ist am Anschlag und lässt sich dennoch nicht mehr schließen.

Unseren Lockrufen zum Frühstück folgt sie, wie es sich für ein braves Mädchen ziemt, aber nach einigen handverlesenen und -gereichten Hähnchenstücken lässt sie den Rest in ihrer Schüssel liegen und trottet davon. Auch den Joghurtrest am Becherdeckel, den sie sich nie entgehen lässt, verschmäht sie.

Nun fängt sie doch mit dem Nestbau an und türmt die Decken und Vetbeds in den Hundelagern zu kuscheligen Bettenburgen auf. Besser als alle Hundebetten scheint ihr jedoch das Bett des Assis zu gefallen, das sie nun in Beschlag nimmt und – unvorstellbar – sogar ihre Mutter mit einem deutlichen Brummen zu gebührendem Abstand auffordert.   

10:30 Uhr: 36,3 °C, und der Leberwurst-Zwieback geht immer noch.

Um einer Fehlbelegung unseres Schlafgemachs entgegenzuwirken, machen wir die erste Etage dicht; der Kreißsaal ist im Erdgeschoss. Punktum. Anouk hat uns vor vielen Jahren schon mal demonstriert, welches Vergnügen es offenbar machen kann, einen Welpen im Familienbett zur Welt zu bringen. Das reicht.

15 Uhr: Temperatur 36,3 °C.

Die Stimmung beim Blues So langsam geht es losSo langsam geht es losnähert sich nun der in einem U-Boot auf Schleichfahrt. Alle Sinne sind geschärft. Hedda ist unruhig und hechelt.

Inzwischen scheint sich auch das Wetter auf die Jabberwockys zu freuen und lässt mit einen weiß-blauen Himmel grüßen.

Um 15:30 Uhr nehmen wir bei Hedda die ersten Wehen wahr.