Jetztwirdsernst mit dem J-Wurf

Pfingstsonntag, 23. Mai 2021
Geburt

Es wird Zeit, den Kreissaal auf Empfang zu gestalten. Jetzt wird das Bettmaterial bereitgestellt und die Schnullerbox für die kleinen Herr- und Damschaften frisch eingedeckt. Die Wachsmalstifte (lebensmittelecht) für die Farbmarkierungen der Zwerge werden mit einem Feuerzeug auf der Kiste platziert. Ein Stück Faden wird als Schlaufe ausgelegt, falls wir einen Nabel schnell abbinden müssen. Ein Wärmflasche hängt auch an der Kiste, falls es nötig würde, die kleinen Frostbeulen etwas länger ohne Mamas Körperwärme auf Temperatur zu halten. Die Notfallnummer unseres Tierarztes hängt am Kühlschrank.

Hedda hält vor allem voHedda macht sich ihr Bett zurchtHedda macht sich ihr Bett zurechtm Bettzeug nicht viel. In den aufwallenden Schmerzen und ihrer Hilflosigkeit ihnen gegenüber zerwirkt und zerreißt sie die Laken und Bezüge mit einer Urgewalt, dass wir nicht glauben können, welche Elementargewalt in so einem Persönchen steckt. Selbst älteres Bettzeug hält noch einiges aus, aber sie zerreißt es, als wäre es aus Seidenpapier. Am Ende wird so ein Trauerlaken nur noch von seinen Löchern zusammengehalten.

Das bewährte Kreißsaal-Team findet sich nun auch ein und staunt nicht schlecht ob der Urgewalten, die es vorgeführt bekommt, eine Show, die ihnen Heddas Vorgängerinnen vorenthalten haben; die haben zwar die Kiste umgestaltet und ein wenig an der Auslegeware herumgezupft, aber sowas…

Das Kreißsaal-Team besteht aus Annemarie aus Hohenpeißenberg, die ihre neuen Bergfexen erst vor wenigen Tagen in die Welt hinausgeschickt hat. Alexandra ist wieder dabei, die Herzdame unseres Hias und natürlich Anna-Maria, die Jüngste, die wegen der Feiertage und Ferien berechtigte Hoffnung hat, mal einen ganzen Wurf bis zum Ende begleiten zu können. Mal sehen, was Hedda mit ihr vorhat und wie lange sie durchhält.

Bald fragen wir uns eher, wie lange Au weh!Au weh!Hedda das durchhält, was gerade mit ihr geschieht. Unsere Aufzeichnungen lesen sich so: 1. Presswehe 15:45, 16:05 3x, 16:20 10x, 16:32 10x, 16:40 8x, 16:45 8x, 16:50 11x, 17:03 11x, 17:13 14x, 17:23 8x, 17:32 5x, 17:42 22x, 17:46 5x, 17:49 17x, 17:55 14x, 18:08 13x, 18:13 11x, 18:19 9x, 18:24 19x, 18:32 21x 18:36 24x, 18:41 12x, 18:49 14x, 18:54 13x, 19:00 24x, 19:05 15x, 19:10 10x und 19:15 10x. Um 19:29 Uhr legt uns Hedda dann mit einem kräftigen Schmerzensschrei den ersten Zwerg ins Nest. Es ist ein Bub, 540 g schwer, dem man die Strapazen, die ja auch die seinen sind, nicht anmerkt. Er ist sofort unterwegs, krakeelt herum, versucht unentwegt die Flanken seiner Mutter zu besteigen, was ihn zum späteren Alpinisten prädestiniert.  

Ein bisschen braucht Hedda, bis sie abrufen kann, was ihr die Natur mitgegeben hat, aber sie ist schnell im Bilde, nabelt den Jüngling ab, frottiert ihn und kugelt ihn herum, dass ihm ganz schwindelig wird. Jetzt ist sie Mama und scheint sich dessen auch schon bewusst zu sein.

Genau eine halbe Stunde später kann sie mit einem Mädchen aufwarten, wie der kleine Rüde schwarzmarken und gleich noch ein bisschen gewichtiger: 570 g. Dieser kleinen Dame widmet sie auch nochmal einen Schmerzensschrei, was bei so fülligen Gewichten gleich zur Premiere nicht verwundert. Fürs erste hätten es geringere Gewichte auch getan. Dennoch ist Hedda die erste unserer Hündinnen, die bei ihren ersten Welpen so weinerlich ist. Vielleicht liegt das ja in den Genen, denn auch ihre Schwester hat bei ihrem erstgeborenen Bergfex so geschrien, dass die Anwesenden die Sorge hatten, sie würde die kleine Maus mit ihren 640 g gleich fressen. Aber nichts dergleichen geschah: Halina krümmte ihrer Tochter kein Härchen und wurde eine rührende und aufopferungsvolle Mutter. Das wird Hedda auch, da sind wir uns ganz sicher.  

Nun schlägt die Uhr gleich 20 Uhr und wir stellen uns auf einen fixen Nachschub ein, schließlich war der Beginn, abgesehen von dem langen Anlauf, sehr hoffnungsfroh. Doch dann machen wir einen Fehler, weil man gar nicht so viel Wissen und Erfahrung haben kann, dass man sich nicht dennoch wie ein Tölpel anstellt. Noch bevor Hedda uns ihren ersten Welpen bescherte, wollte der Assi mit Fianna einen Abendspaziergang machen, doch dann grätschte Hedda dazwischen und wir baten Iris, Anna-Marias Mama, Fianna für uns auszuführen. Die tut so etwas gerne und Fianna lässt sich von ihr auch sehr gerne verführen. Nach dem Spaziergang verbrachte sie den frühen Abend noch bei Iris und Jens, zusammen mit ihrer Herzensfreundin Krümel, in deren Garten, wurde gehegt und gepflegt und genährt. Bis wir dann beschlossen, Fianna zurückzuholen. Zwar haben wir sie nicht in die Küche zu Hedda mit den Welpen gelassen, sondern auch gleich in den ersten Stock abgeschoben, damit sie sich nicht wichtigmacht, aber nun war sie da – und Hedda war aus der Spur und aus dem Konzept.

Die Übermama im Stockwerk über ihr! Hedda beantragt ein Abwarten ...Abwarten ...Welpen-Memorandum. Wir sitzen herum und werden immer stiller, immer in uns gekehrter. Es wird 21 Uhr und die Hex gibt noch nichts her. Um 22 Uhr ist die Stille im Kreißsaal zu greifen. Hedda wird von einer Vielzahl von Presswehen gequält, aber sie liefert nicht. Wenn es dann auf 23 Uhr zugeht, stellen sich die Fragen von selbst: ein Toter? Irgendetwas verstopft und übereinander geschoben? Auch das haben wir anderswo schon erlebt, da geht nichts mehr ohne Kaiserschnitt. Was ist los? Wann muss man den Tierarzt anrufen? Wie lange kann man abwarten? Heddas immer noch klarer Blick und offenbar guter Gesamtzustand lassen uns die Ruhe bewahren. Immer wieder steht sie auf und stellt die ... und Hühnchen mampfen... und Hühnchen mampfenRute aus, um ihren Bauchinhalt loszuwerden, aber es kommt nichts. In den Garten muss sie, wir mit der Hirnbirn hinterher. Sie erbricht sich.  Dann, um 23:30 Uhr, nach insgesamt mehr als 320 Presswehen, bringt sie einen Knaben auf die Welt; die letzten beiden Schübe mit 35 und 25 Wehen haben ihn ausgetrieben. Mehr als dreieinhalb Stunden hat der etwas zartere Knirps, ein Rüde, mit seinen 450 g gebraucht, um von Hedda in die Arme geschlossen zu werden. Er ist etwas erschöpft, aber alle unsere Befürchtungen erweisen sich als unangebracht: er lebt, ist gesund und schnell an den wichtigen Dingen des Lebens interessiert.

Wenn ein Welpe so lange braucht, kann es sein, dass er hinter sich einen regelrechten Stau verursacht haben könnte. Alle wollen raus, aber dieser Welpe verrammelt den Ausgang. Das kann fatale Folgen haben, kann aber auch bedeuten, dass der oder die nächsten förmlich herausplumpsen. Doch auch in dieser Hinsicht ist Hedda geregelter als die Verkehrspolitiker hierzulande. Sie hat ihren Verkehrsfluss im Griff.

 

Pfingstmontag, 24. Mai 2021

Etwas über eine Stunde und 80 Wehen nimmt Hedda sich Zeit, bis sie nach einer wahren Wehenorgie von 56 Stück am Pfingstmontag um 0:36 Uhr einen weiteren Knaben zur Welt bringt, wieder stramme 530 g schwer und wie alle bisherigen und alle weiteren schwarzmarken. Dieser Knirps betritt die Welt mit dem Po zuerst. Aber auch das ist kein Problem, ihm und Hedda geht es gut.

Und dann überschlagen sich die Ereignisse so sehr, dass wir mit DurchhaltenDurchhaltender Logistik und Dokumentation kaum noch hinterherkommen: 0:45 Uhr ein Mädchen (490 g) und 0:50 Uhr wieder ein Rüde mit 500 g, auch er rückwärts voran.

Und schon um 1:20 Uhr betritt ein für Hedda bisherige Verhältnisse geradezu zartes Geschöpf die Bühne der Welt: ein Mädchen mit 410 g.

Nun scheint Hedda doch eine Verschnaufpause zu brauchen: Immer wieder fallen ihr die Augen zu und, sofern sie sitzt, der Kopf auf die Brust. Diese sieben haben sie erst einmal geschafft. Um 2:25 Uhr will sie unbedingt in den Garten, und kaum ist sie durch die Terrassentür, wirft sie uns in einer mächtigen Blut- und Fruchtwasserlache ein Mädchen vor die Füße. Die Freude ist groß, größer als die Sauerei, die sie verursacht. Das Mädchen ist gesund und wiegt 510 g. Jetzt ist aber Müttergenesungswerk für Hedda angesagt, aber fertig ist sie noch nicht, mindestens einen Welpen können wir noch spüren. Der kommt dann nach einer weiteren, nicht enden wollenden Serie von Presswehen am frühen Morgen, um 5:40 Uhr zur Welt. Es ist ein Mädchen mit noch einmal 560 g.

Neun Kinder hat uns Hedda in dieser Nacht geboren, und eigentlich müsste es uns vor Glück fast zerreißen. Doch in den Freudentrunk mischt sich ein kräftiger Schluck Schwermut. Die zweite Hündin ist apathisch, sehr kühl und ohne Muskeltonus, wenn man sie anfasst. Wenn wir sie an eine Zitze legen, macht sie nicht zu, sondern dämmert weg. Sie liegt meist abseits. Wir haben sowohl im A-Wurf wie im D-Wurf je StarthilfeStarthilfeeinen kleinen Rüden am zweiten Tag verloren, der die gleichen Symptome zeigte. Wir stellen uns auf einen sehr schnellen Abschied ein. Man muss das akzeptieren, aber angegriffen darf man sein. Doch bevor wir sie gehen lassen, wollen wir es doch noch versuchen. Ein bisschen Welpenmilch aus dem Fläschchen kann helfen. Und tatsächlich schluckt sie ein wenig. Immerhin. Aber ausreichen tut das nicht, um das Kind flott zu kriegen. Was uns allerdings auffällt und richtig stutzig macht: Sie saugt sich zwar an Heddas Zitzen nicht fest, aber wenn man ihr einen Finger ins Mäulchen steckt, macht sie zu uns saugt. Das haben die beiden Rüden aus den frühen Würfen nicht gemacht. Was ist da los? Wir entscheiden, ihr noch bis morgen eine Chance zu geben und ihr dabei zu helfen. Wenn sie es dann nicht von alleine schafft, müssen wir leider Adieu sagen; einen künstlich hochgepäppelten Welpen, wenn das bei ihr überhaupt möglich ist, kann man niemandem mit gutem Gewissen übergeben. Dann muss es die Natur regeln. Oder eben der Tierarzt.

Den Geburtseintrag dieser schwächlichen kleinen Dame kennzeichnen wir auf unserer Homepage mit „verst.“, damit im Land keine falsche Zahl über die zu vergebenden Welpen herumgeistern. Vielleicht führt dabei ja auch die Hoffnung Regie, dass Totgesagte länger leben.

Jetzt ist es geschafft. Hedda liegt gelassen zwischen ihren Kindern und hat die Mutterrolle bereits angenommen. Nun lassen wir auch Fianna erstmals dazu. Das läuft unaufgeregt ab, Hedda bleibt gelassen und Fianna gibt nicht die besserwisserische Übermutter. Dennoch haben wir ein immer waches Auge auf die beiden.

Annemarie, die auch Zuchtwartin ist, nimmt die Erstabnahme der Welpen vor und dann sitzen wir bei einem Gläschen Schampus zusammen und tüfteln die zukünftigen Namen der neuen Erdenbürger aus. Wie immer hat der Assi von langer Hand eine Namensliste zusammengestellt, angereichert durch eine Reihe von Fremdeinreichungen, und die liegt nun vor der namensgebenden Versammlung, bestehend aus der Chefin, dem Assi und den drei Kreißsaal-Assistentinnen. Dafür, dass heute Nacht niemand nennenswert ein Auge zugemacht hatte, sind nun alle, auch Anna-Maria, die tatsächlich bis jetzt und ohne Schwäche durchgehalten hat, hellwach und nomenklatorisch auf hohem Niveau. Also lassen wir die Katze aus dem Sack und lüften das Ergebnis des morgendlichen Brainstormings.

Der Erstgeborene soll in Zukunft den Namen Jackl tragen. Damit ist uns ein kleiner Geniestreich gelungen, weil er mit diesem Namen nicht nur die Fahne der bayerische Namenstradition hochhält, sondern außerhalb Bayerns auch als Jockel durchginge und sogar den Schweizern als Joggeli geschmeidig über die Lippen geht.

Das erste Mädchen heißt Jazz. Sie hat sich diese Nacht schon mit harmonischen, aber auch sehr dissonanten Klangbögen hervorgetan – und weil der Jazz ohne Blues nicht denkbar ist.

Der zweite Rüde bedient noch einmal das bayerische Lokalkolorit, indem er als Jodel durchs Leben gehen wird. Aber auch in vielen Kulturen wird gejodelt, sodass er die Multikulti-Flagge des Blues tragen wird. Ausdrücklich möchten wir daraufhin weisen, dass der Kleine kein später Verwandter des Nazi-Oberst Alfred Jodl ist, der in Nürnberg zurecht zum Tode verurteilt wird. Unser Jodel hat ein distanzierendes „e“ im Namen, um nicht in falsche Gesellschaft zu geraten.

Der dritte Knabe geht mit großer Mehrheit aus der Namensrunde als Janitschek hervor. Er vertritt beim J-Wurf das böhmisch-mährische Erbe seines Opas Ery. Ehre, wem Ery gebühret.

Das zweite Mädchen bleibt vorerst und bis zur Klärung ihrer Lebensspanne ohne Namen.

Der nächste Rüde geht als Joschi aus der Konferenz hervor. Der kann dann auch zum Jos werden oder zum Joshi oder zum Josh. Damit stehen ihm alle Türen offen.

Die zarte Kleine mit 410 Gramm darf sich fortan Jule nennen und braucht sich dafür nicht zu rechtfertigen.

Als nächstes bekommt die vorletzte Dame ihren Namen: Jasna. Der Name kommt aus dem südslawischen Sprachraum und bedeutet so viel wie klar oder scharf. Ihr polternder Auftritt auf unserer Terrasse ist an Klarheit kaum zu überbieten. Nicht zum Zuge kommt der Vorschlag des Assi, die Freiluftfetischistin Jardini zu nennen, was vom französischen jardin abgeleitet wäre. Was soll man machen, wenn die Kinder heute wieder Latein lernen, anstatt sich mit einer richtigen Sprache auseinanderzusetzen? Jardin? Nie gehört. Wundert sich noch jemand über den europäischen Schlamassel? Dennoch, Jasna, schließt dich der Assi herzlich in die Arme, du kannst ja nichts dafür.

Das letzte Mädchen erhält den Namen Judica, einfach weil er schön ist.  

Manchmal sagen die untergegangenen Vorschläge mehr als die in den offiziellen Kanon erhobenen, wie die unveröffentlichten Evangelien mehr hergeben als die fürs Neue Testament als geeignet befundenen. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive und der Kraftverhältnisse. Also: Durchgefallen sind Jedermann, Jennerwein, Jetztodernie, Jamei (Betonung auf der 2. Silbe), Judihui, Jenseits (man stelle sich vor: Jenseits vom Bairischen Blues!!), Jacuzzi, Jeckyll, Jackpot, Jetlag und viele andere unvergleichlich schöne Namen. Ab sofort Schall und Rauch.      

Nun, gegen 7:30 Uhr, ist verrichtet, was zu diesem Zeitpunkt zu verrichten war; die Versammlung geht auseinander. Der Assi schnappt sich Fianna für eine Morgenrunde und einen Abstecher zum besten aller Konditoren weit über die Grenzen des Mangfalltals hinaus, um sich eine fette Schwarzwälder Kirschtorte für den Nachmittag zu organisieren. Als er wieder zurück ist, wird er von der Chefin empfangen, die das jämmerliche Leidensmädchen an ihrer Brust trägt, um es zu wärmen. Er bekommt den Auftrag, zur nächsten Tankstelle zu fahren, um Traubenzucker zu besorgen. Aus Erfahrung fragt er erst nicht lange, sondern fährt wieder los. Bei der zweiten Tanke wird er fündig, bekommt aber nicht das bekannte Päckchen Dextroenergen, sondern nur eines mit Traubenzucker-Bonbons mit Pfirsichgeschmack. Egal, wird schon passen.

Zuhause bekommt er dann die überfällige Aufklärung. Die Chefin hat ihr Netzwerk befragt, ob jemand wisse, was man eventuell mit so einem schlappen Bündel machen kann. Und wird fündig. Es kommt vor, dass Welpen unterzuckert sind, hört sie, warum ist nicht klar, aber Traubenzucker soll helfen. Und noch etwas erfährt sie, etwas, das sie auch schon einmal gelesen, aber wieder vergessen hat: Unterkühlte Tiere, nicht nur Hundewelpen, müssen erst gewärmt werden, bevor sie Nahrung aufnehmen können. Deshalb also der Traubenzucker und das Mädel unter der Chefinnenjacke.

Wir schreiten also zum letzten Rettungsversuch. Ein wenig Traubenzucker wird in Wasser aufgelöst, erwärmt und in einem Fläschchen angeboten. Und die Kleine scheint nicht abgeneigt zu sein. Viel ist es logischerweise nicht, was sie aufnehmen kann, aber viel hilft ja auch nicht immer viel, wie man weiß.

Nun wird das Kind dem Assi übergeben, der es unter seine Jacke steckt und sich mit ihr ein wenig auf dem Sofa ausstreckt, um etwas Nachtruhe nachzuholen. Etwa eineinhalb Stunden liegt der Zweierpack von Rekonvaleszenten, und es scheint der Kränkelnden gutzutun. Sie schiebt schon mal den Kopf aus der Jacke, sie fühlt sich griffiger an, sie keckert und nörgelt ein wenig, stemmt ihre gar nicht mehr so schlaffen Beinchen gegen die Brust und wird lebendig unter der Jacke. Hoffnung! Gegen 10 Uhr bereitet die Chefin ein kleines Fläschchen Welpenmilch mit Traubenzucker, steckt es der Kleinen in den Schnabel und die saugt sich fest und schluckt wie ein Quartalssäufer. Wenn das keine Zeichen ist! So trinkt niemand der zum Sterben aufgelegt ist. Jetzt heißt es: Ab zur Mama. Denn wer oben zuführt, muss auch unten abführen, und das können die Zwerge noch nicht allein. Dazu brauchen sie Mutters warme und feuchte Zunge, die ihnen das Bäuchlein und den Popo massiert. Ob die Maßnahme Erfolg hat, können wir natürlich nicht sehen, weil Hedda den Abfall aufnimmt. Jetzt wird man aber sehen, ob das alles nur eine Täuschung oder ein schwaches Aufflackern war oder ob die Zwergin über den Berg kommt. Sie muss allein klarkommen an Mutters Bar und sich gegen ihre Geschwister durchsetzen. Als wir sie das nächste Mal beobachten, liegt sie nicht mehr abseits, sondern zwischen ihren Geschwistern. Hedda widmet sich ihr genauso wie allen anderen, was nicht der Fall wäre, wenn sie auf dem Absprung wäre; Hundemütter sortieren ihre Schwächlinge aus und schieben sie weg. Später legen wir sie allein an und sie macht sich aktiv auf die Suche nach einer ergiebigen Zitze. Welch ein Fortschritt! Nachmittags liegt sie im Stern angeordnet mit vier ihrer Geschwistern auf einem Haufen und abends gehört sie zu den lautesten Krakeelern, wenn es um die Beschwerden gegenüber ihrer Mutter geht, etwa, wenn sie unvorteilhaft liegt oder wenn man hinter Mutters Rücken liegt und so keinen Zugang zur Speisekammer hat. Jetzt sind wir sicher: Sie schafft es.

Was sie in diese Krise stürzte, wissen wir allerdings noch immer nicht und werden es auch nie wissen. Direkt nach ihrer Geburt ist sie uns nicht als schwächlich aufgefallen; das kam erst später. Vielleicht hat ihr ein Trauma bei der Geburt so sehr zu schaffen gemacht? Wir haben keine Ahnung. Aber wir sind zuversichtlich und glücklich. Dem Eintrag auf der Homepage wird das „verst.“ wieder entzogen. Vor allem sind wir dankbar und froh, dass wir nach den vielen Jahren in der Zucht und mit Hundeleuten genügend Menschen kennen, die man fragen kann und die eine Antwort geben können. Es ist uns ein Herzensanliegen, Angelika Jell zu danken, die uns den Tipp mit dem Traubenzucker gegeben hat. Ohne sie wären wir jetzt nicht nur ein Kindergarten, sondern auch ein Trauerhaus. Danke, Geli! Aber, so kommt uns plötzlich ein Gedanke, vielleicht ist Geli nur Werkzeug überirdischer Mächte? Sollte etwa der Heilige Geist an Pfingstmontag ausgerechnet über den gottlosen Blues gekommen sein und hätte sich dabei Gelis bedient? Sollten wir etwa Begünstigte eines Pfingstwunders geworden sein? Wir hätten nichts dagegen.  

Und jetzt trauen wir uns auch, über einen Namen für die Überlebenskünstlerin nachzudenken. Nichts läge näher, als sie Jella oder Jelly zu taufen. Aber nein, sie hat bei aller berechtigten Dankbarkeit mehr verdient, als ein Namensabklatsch zu werden. So ein kleines Überlebenskraftwerk, jemand der sich so ins Leben zurück zaubert, kann nur Jeannie heißen, die Zauberin, die Zauberhafte und Verzauberte. Willkommen beim Blues, liebe Jeannie.          

Neben der Lebensrettung für Jeannie beginnt der Wurf-Alltag, vor allem gilt es, sich um die Mutter zu kümmern, die mindestens so viel Fürsorge verdient wie ihre Kinder. Hedda geht es gut. Sie findet sich prächtig in die Mutterrolle, wenn sie es auch noch nicht draufhat, sich so auf der Seite auszustrecken, dass ihre Kinder freien Zugang zur Bar haben. Der Protest, siehe oben, ist dementsprechend herzzerreißend. Besonders wichtig und wegweisend ist, dass sie ihr Verhältnis zu Fianna klärt, und das tut sie auf beeindruckende Weise. Wenn sich Fianna zu sehr in den Vordergrund drängt, macht ihr Hedda klar, dass sie das lassen soll. Da gibt es keinen Zoff, sie stellt ihren Körper rein, schiebt ihre Mutter etwas zur Seite, lässt keine Zweifel zu. Und Fianna ist so großartig, wie wir sie all die Jahre kennen: Sie hält nicht dagegen, sie macht sich nicht wichtig, sie akzeptiert, dass jetzt der Nachwuchs das Sagen hat und sie, wenn es recht ist, auch mal Oma spielen darf. Aber jetzt sicher noch nicht. Es herrscht Harmonie beim Blues, alles ist entspannt.

Hedda liegt bei ihren Welpen und himmelt sie verliebt, Hedda mit ihrer kleinen ScharHedda mit ihrer kleinen Scharmanchmal verdutzt, immer aber staunend an. Für sie hat das jedenfalls nichts mit einem Pfingstwunder zu tun, eher mit einem ganz normalen Wunder. Wenn sie nicht stutzt und staunt und himmelt, tut sie, was eine Mutter tun muss, aber auch, was eine Mutter besser lassen sollte: Sie dekoriert unentwegt die Kinderstube um, was bei der Belegschaft zu andauerndem Unmut führt. Gelegentlich zerrt das Zorngeschrei schon an den Nerven des Personals. Kann diese Mutter nicht einfach nur ein Bett ein Bett sein lassen? Wenn doch alle (außer ihr) damit glücklich und zufrieden sind?

Aber Hedda ist auch gewohnt pragmatisch: Sie will spazieren gehen, es drängt sie raus, allerdings nur kurz, einmal rund um die Wiese und dann im versammelten Trab zurück zu ihren Kindern. Stubenhockerin ist sie keine.

Für ihr Wohlergehen bekommt sie Hühnchen und Trockenfutter, das sie nun wieder mit großem Appetit verspeist. Welpenmilch gibt es erst, wenn die Gefahr eines veritablen Durchfalls gebannt ist. Der Verzehr von neun Plazenten stellt eine solch enorme Eiweißmenge dar, dass ein starker Durchfall fast normal ist. Nicht normal und sehr unerwünscht wäre ein sogenannter Hydrantenstuhl, bei dem es wie Wasser aus der Hündin schießt. Um den zu vermeiden, bekommt sie Podophyllum, ein homöopathisches Mittel, das sich nicht nur bei uns in dieser Hinsicht bisher bestens bewährt hat. Nachmittags hat Hedda zwar fast schwarzen, aber immer noch geformten bis breiigen Stuhl. Das sieht schon mal sehr gut aus. Außerdem geben wir ihr Metrovetsan, das wir immer zum Abklingen der Läufigkeit geben und dafür bekannt ist, Gebärmutterentzündungen wirksam zu verhindern. Zudem geben wir ihr Arnika, vor allem, um die vielen kleinen Verletzungen in den Geburtswegen zu heilen, die ebenfalls zu schweren Infektionen führen können.

Offensichtlich geht die Rechnung bislang auf, denn um 15 Uhr messen wir bei Hedda 38,3 °C, und das ist nach einer langen und sehr anstrengenden Geburt ein Traum. Die Kinder wiegen wir auch nachmittags nochmal und stellen fest, was man zu diesem Zeitpunkt immer feststellt: Die einen gehen rauf, die anderen runter. Die einen haben die Geburt schon vergessen, die anderen kämpfen noch ein bisschen mit ihren Folgen. Das ist alles völlig normal.

Um 20:30 Uhr hat Hedda immer noch 38,3 °C und Jeannie macht ihre Ansprüche an Mutters Milchbar geltend. Die Chefin bezieht ihr Bett bei den Welpen und der Assi zieht mit Fianna ins Familiengemach, was diese nur widerwillig akzeptieren will, weil sie doch auf ihre Tochter und die Enkel aufpassen muss. Sie ist und bleibt eine Glucke. Aber sie weiß auch, wann sie besser einen Schritt zurücktreten sollte. Das macht sie aus, und das macht sie für uns und den ganzen Blues so wertvoll.

Ein Blick in den Kalender lehrt uns noch, dass unsere Im Aussiedlerkörbchen beim BettenwechselIm Aussiedlerkörbchen beim BettenwechselKinder am gleichen Tag wie viele ernstzunehmende Prominente Geburtstag haben. Die am Sonntag Geborenen dürfen stolz sein, sich ihren Geburtstag mit Otto Lilienthal, dem Luftfahrt-Pionier, Carl von Linné, dem Erfinder der modernen Taxonomie, vor allem aber, und darauf ist der Assi besonders stolz, mit Dieter Hildebrandt teilen. Das, so findet jedenfalls der Assi, ist ein besonderes Geschenk. Noch herrschaftlicherer Mitgeborener dürfen sich die Montaggeborenen erfreuen: Queen Victoria wurde am 24. Mai geboren und Bob Dylan, der heute seinen 80. Geburtstag feiert. Und wie so häufig finden wir bei ihm die richtigen Worte. Wir wünschen euch ein langes und glückliches Leben, was am Ende stehen wird, weiß nur der Wind. The answer my friend is blowing in the wind.   

Einen freundlichen und dankbaren Gruß schicken wir noch zu Papa Lando, der auf seine Kinder stolz sein kann, und schließen damit den zweiten Teil der Trilogie um den J-Wurf.

Ab morgen geht’s rund beim Bairischen Blues.