14.-17. 10. 2021 – Eine runde Sache in den Dolomiten

IMG 3447 1 250Wir schreiben Donnerstag, den 14. Oktober 2021, morgens 7:30 Uhr. Die Welt ist noch in Ordnung und der Verfasser dieser Zeilen schickt sich an, das Frühstück zu bereiten. Da tritt das, was Ephraim Kishon gerne als die beste aller Ehefrauen bezeichnete, zu ihm und bedeutet ihm, seine Bemühungen einzustellen, seine Siebensachen zu packen, man habe vor, eine kleine Wochenendausfahrt zu unternehmen.
Man?
Er nicht, jedenfalls wäre ihm das neu. Franz II, das treue und alles erduldende Womo, stünde fahrbereit und fertig ausgerüstet vor der Tür.

 

Da hat er etwas mit dem Verfasser gemeinsam. Der steht zwar nicht vor der Tür, aber vor einem sehr runden Geburtstag. Um diesen angemessen und würdevoll zu begehen, hat die beste aller Ehefrauen klammheimlich den Franz eingerichtet und ausgestattet, organisiert, telefoniert, intrigiert, sich sogar am Freitag vom Schuldienst befreien lassen, was nicht weniger bedeutet, als dass die halbe Welt weiß, was er noch nicht wissen darf. Der Stolz schließt eine Nachfrage nach dem Ziel aus, zumal die Erfahrung keine Hoffnung auf Erfolg dieser Nachfrage erwarten lässt.

Um 10 Uhr ist der Reisevorbereitung Genüge getan und der Franz legt ab. Mit 7 °C ist es doch schon relativ frisch für Mitte Oktober. Der Fast-Jubilar fährt, die Ehefrau navigiert, alles wie immer. Erste Ansteuerung: A 8 in Richtung Süden. Dann geht es auf die A 93 in Richtung Kufstein, dort lautet die nächste Wegmarke Kitzbühel. Wir halten nicht an, was bedeutet, dass das Jubiläum sicher nicht beim Stanglwirt in Going begangen wird, was dem Jubilar einen Erleichterungsseufzer entlockt. Im schlimmsten Fall wäre er dort dem Beckenbauer Franz begegnet, und dann hätte es sich kaum vermeiden lassen, ihn nach den verschwundenen Sommermärchen-Millionen zu befragen. Über den Pass Thurn geht es hinunter nach Mittersill. Diese Strecke kommt ihm sehr bekannt vor, von damals, als wir am Fuße des Plöckenpasses unser Lager bezogen oder ein Jahr später, als wir zum Tagliamento fuhren. Mal sehen, aber beide Destinationen wären allzu spartanisch für eine Großereignis. Nur eins scheint vorhersehbar: Wer Pass Thurn sagt, sagt meistens auch Felbertauern. Und so kommt es. Im Felbertauerntunnel quetschen wir uns zwischen Großvenediger und Großglockner durch den Alpenhauptkamm und erreichen Matrei. Weiter geht es auf der 108 in Richtung Lienz, wo dem Chauffeur einfällt, dass er der Aufforderung, eine Badehose mitzunehmen, nicht nachgekommen war, weshalb in Lienz ein Einkaufsstopp bei Intershop fällig wird. Man hat es nicht leicht, wenn man Mitte Oktober im Hochgebirge eine Badehose erstehen will. Die Auswahl erstreckt sich kaum über einen halben Meter. Aber das reicht; für nahezu perfekt geformte Körper gibt es immer etwas Passendes.

IMG 3423 1 250Camping SextenWeiter. IMG 3466 1 250Idyllischer kann ein Campingplatz fast nicht liegenAnstatt nun nach Osten und in Richtung Plöckenpass zu fahren, wenden wir uns nach Lienz auf der 100 nach Westen in Richtung Sillian. Das ist etwas Neues. Langsam steigt des Fahrers Neugierpegel. In Innichen drehen wir die Franzennase auf der SS 52 nach Südosten und auf den Naturpark Drei Zinnen zu. Wir passieren Sexten und Moos, und dann kommt die Anweisung, die Einfahrt links, in den Caravan Park Sexten zu nehmen! Stopp. Maschine aus [N 46° 40‘ 05,9‘‘ E 012° 24‘ 01,2‘‘].

 M3A2473 1 250Gemeinsam mit den Krümels unterwegs„Das hier, mein Schatz, ist jetzt Glamping“, strahlt es vom Navigatorinnenplatz. Glamping am Fuß der Drei Zinnen. Glamping, so viel sei für Uneingeweihte erläutert, bedeutet Glamour Camping. Falls man bereit ist, Camping als jenen Zustand zu empfinden, die eigene Verwahrlosung als Erholung zu begreifen, dann ist Glamping eine Art Luxuslungern. Nach den Anmeldeformalien werden wir von einem Golf Cart zu unserem Lagerplatz geleitet. Hier bekommt man nicht einfach einen Plan in die Hand gedrückt, auf dem der Stellplatz eingezeichnet ist, um ihn sich dann selbst zu suchen, nein, hier wird man geleitet. Und als wir unsere Lagerstätte für dieses Wochenende in Besitz nehmen, bahnt sich die zweite Überraschung des Tages an, indem der Begleitschutz die Reiseleiterin fragt, wann „die anderen kommen“ und ob sie „den Platz nebenan nehmen“ würden. Die anderen? Fragende Blicke des Chauffeurs und ein verzweifeltes Augenrollen bei der Navigatorin: doofer Tölpel! Er hatte sie verraten. Kopfkino beim Jubilar. Viele kommen nicht in Frage, die sie hierher begleiten könnten, die einen haben keine Zeit, die anderen hängen irgendwo bei Meran auf einem Campingplatz herum, bleiben eigentlich nur noch die Krümels mit ihrem „Haggis“, Nachbarn und Freunde, die mit uns eine kleine Strecke Schottlands geteilt haben. Volltreffer!

IMG 3453 1 250Eine kleine Runde um den CampingplatzDoch, IMG 3462 1 250Nicht nur für Hedda und Fianna ein Paradiesbevor die eintreffen, machen wir uns erst einmal schlau über dieses glamouröse Resort und sehen uns um. Auf unserem Stellplatz steht eine Hundehütte, die ist offenbar noch von den Vorgängern übrig, kann aber jederzeit bei Bedarf geordert werden. Wir brauchen sie nicht, einerseits, weil sie für zwei zu klein ist, andererseits haben unsere Damen eine viel komfortablere Behausung. Stromanschluss ist erwartbar, Wasser nicht unbedingt, aber vorhanden, wie man es bei einem Luxusresort vermutet. Eine eigene Abwasserentsorgung lässt allerdings aufhorchen. Unser Stellplatz ist ein sogenannter Komfortplatz, bis 150 m2 groß und kostet pro Nacht, je nach Saison, zwischen 35 und 59 €. Da zahlt man häufig für weniger mehr. Unser Platz ist allerdings die unterste Kategorie. Weitere Kategorien sind Premium, De Luxe und L 600, alle mit steigendem Platz- und Ausstattungsangebot, letzter mit 600 m2 und 175 € pro Nacht. Dazu gehört dann allerdings ein eigenes Badehaus inklusive Sauna und Whirlpool, Relax-Terrasse, Spielplatz, Garten und Kräutergärtchen, Sitzplatz und Grillstelle. Wer ohne Wohnmobil oder Caravan anreisen will, findet hier edel ausgestattete Lodges und Baumhäuser. Und ein Hotel gehört ebenfalls zur Anlage, wie ein Schwimmbad, Sauna, SPA, Kletterhalle und Fitness. Ein echtes Highlight ist der dazugehörige Laden, in dem es wirklich alles gibt, und zwar auf hohem Niveau: Südtiroler Spezialitäten, Leckereien aller Art, Weine, die den Gaumen erfreuen und sogar allerlei Klamotten für den Camper und Bergwanderer. Hier hätte man auch eine Badehose für den Chauffeur gehabt. Falls also jemand plant, dieses Etablissement anzusteuern, kann er gut und gerne alles, was Verpflegung angeht, zuhause lassen; es gibt alles. Dass es auch ein hochwertiges Restaurant auf Gäste wartet und eine urige Hütte auch noch, verwundert nicht. Es ist also angerichtet für ein entspanntes Wochenende in den Dolomiten.  

Heute steht nichts mehr auf der Agenda. Als die Krümels ankommen und unter großem Jubel begrüßt werden, so wie die kleine Krümel von unseren Damen überschwänglich in die Arme genommen wird, ist eigentlich das Tagwerk zum größten Teil erledigt. Den Abend verbringen wir in Haggis‘ Bauch mit den Krümels bei einem Grillmenü und grooven uns fürs Wochenende ein.    

IMG 3526 1 250So schlimm kann es ja noch nicht sein: der "alte Sack" kommt noch hoch auf den BergDer IMG 3480 1 250Was für ein Traumblick!Freitagmorgen beginnt mit wolkenlosen 0 °C und einer Umärmelung mit dem Erweckungssatz des Jahrhunderts: „Guten Morgen, ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit so einem alten Sack verheiratet wäre.“ Ja, so kann man sich täuschen. Aber so sollte ein Geburtstag beginnen: voller Herzenswärme und Seelentiefe. Er setzt sich mit einem angemessenen Frühstück fort. Und süßer klingen in den Dolomiten nicht einmal an Weihnachten die Glocken wie heute die Gläser. Ab Mittag steht eine Wanderung von rund sieben Kilometern auf dem Programm, eine bescheidene nur, aber eine, wie man sie in dieser Gegend erwarten muss: Immer nur bergauf oder bergab, eben und gemächlich geht hier nicht viel. Danach gibt es Kaffee mit super schmackigem Kuchen aus dem Shop. Abends lässt sich die Franzenbesatzung im Restaurant zu einem 7-gängigen und sehr erinnerungswürdigen Chef-Menü nieder, während sich die Krümels in der Hütte verköstigen lassen. Man muss, auch wenn es schwerfällt, mal voneinander lassen können. Nach den sieben Gängen sind wir so platt, dass wir kaum noch gängig genug sind, unseren Franz anzusteuern, nein, nicht wegen der Promille, sondern wegen der Fülle.

IMG 3508 1 250Hedda und Fianna als BerggemsenDer IMG 3517 1 250Alle genießen die WanderungSamstag unterscheidet sich dann nur vom Fehlen des Gläserklangs zum Frühstück und der Länge der Wanderung, die sich heute über zwölf Kilometer zieht. Und abends sitzen wir mit den Krümels im Restaurant zum Festmahl zusammen, der Füllungspegel ist anschließend vergleichbar.

Am Sonntag packen wir nach dem Frühstück zusammen und reisen gegen 11 Uhr wieder in die Heimat ab. Fine.

Was bleibt also von diesem denkwürdigen Wochenende? Erstens wäre der Kauf einer Badehose verzichtbar gewesen, weil wir irgendwie keine Gelegenheit fanden, die entsprechenden Einrichtungen aufzusuchen. Der Jubilar hat sich demnach selbst mit einer weiteren Badehose beschenkt. Zweitens haben wir uns im Caravan Park Sexten sehr wohlgefühlt und schließen weitere Aufenthalte nicht aus. Drittens kommen wir uns mit unseren Franzen und Haggis hier wie Armenhäusler vor: Noch nie haben wir so viele Luxuskarossen und Liner auf einem Haufen gesehen wie in diesem Caravan Park. Ein Morelo Palace Liner gehört da gerade mal zur gehobenen Mittelklasse. Dafür haben wir mit unseren Kleinwagen den Vorteil, ohne Hilfe und auf einen Schlag die Kurve zur Ein- und Ausfahrt zu kriegen und nicht dreimal ansetzen zu müssen, nur um uns dabei, trotz Lotsen, unter den neidisch-spöttischen Blicken der Anliegerschaft die halbe Heckpartie abzureißen.

Schade ist, dass die Drei Zinnen von hier aus nicht zu sehen sind, was andernfalls den Preis vermutlich steil nach oben treiben würde. Aber man kann sie recht flott von hier aus erreichen, was wir uns fürs nächste Mal vornehmen. Sieht aus, als ob wir schon ein klein wenig süchtig wurden. Oder?

 

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